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Full text of "Heidelberger Jahrbücher der Literatur, Volume 15, Part 2"

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Heidelber.ger, 



J A HR BUCHE] 



der 



Literatur. 



V 



unter der Redaction der Professoren 



, G«li JLirclienr. Br.KE GJ^aubu. 
GebJSircbr.Dr. F.H. CSchwarz. 
Geb. Hofrath C. S. Zachariä, 
Prof««ÄP G. F. fValeh. 
Gei. Hofrath. J. fV.K ConraJi. 
Geh. Hofrath F. Tiedemann. 



Geb. Hofrath F. Creuzer. 
Hofrath fTtlh. Munchc. 
Geb.Ratb Vdiiet K.C.¥:Lßonl 
Hofrath G. H. Bau. 



F' ix 71 f z e h n 4 e r Jahrgang, 
oder neue Folge: 
Zweiter Jahrgang. 

Zweite Hälfte. 

^■~ bisDecember. 



Heidelberg, 

üäiS" Buchhandlung von August Ofswali 

4 ^s » ar 



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J*^ 4a Heidelberger 1822, 

Jahrbücher der Literatur. 



m^mmmm/9mm^^m^mmmftmm09mßt0k0i 



Unfug an heiliger. Stätte 'o3er^ Entlarvung Herrn 
Jqb.'Gottfm, ScjfEiBEis, dosigenPtof. d. 'theol. u. Dia- 
kons zu See, Eli^aieth in Breslau^ durch denRecensen» 
ten seiner Predigt;, Das heilige Opfermahl u, s, w 
in den If, theol. Annalen, Juny, 4^%4, Freisiadt, t8H% 
8. 'S. 432^ 

fffts kjiiB leidiger s<^> als dafs immer noch cLift LiebesmalJ 
Jesa voL heftiger Streitsucht AnlaTs geben soll? WoHen auch 
yrii Bullen in Ccena Domini erueuern? Soll, dart" irgend ein 
£rUaniDgfTersiich| den irgend ein H/pothesen liebender Mann 
in die nobestiinmfen, gewi^ also zur Entdeckung einet Geheim- 
nlfsiciire nich^ beslimrotcn Worte Jesu sich hineindenke kanb^ 
wie etwas, das ohne Unglauben ijjjcht beiweifclt werden kdnne, 
gdlen wollen ? flr. Prot'. Seheioe! batlc in seiner nicht ohne 
Erregung be^nderer Aufmerksamkeit gedruckten J^redigt: »Das 
h(^ligc Opferrnaid des Bundes der Liebe mit dem Herrn, was 
£r den Seioigeu bei dem Anfang sclne^ versöhnenden Leicjen 
anordnete c^ Breslau i8ai), gewifs selvr unrecht, d&s Sacrament 
Jet Brodes und Weines, das an die Stelle des Paschalammes trat, 
als ein Opfer vorzustellen Wie kann ein {>sychologischor G^ 
scliichtforscher die Entstehung des Ps^cKa aus a B. Mose sich 
zosammengefafst haben und doch noch' voraussetzen, das Pascha« 
lamm sej ein Opfer , ein Versöhn dpf er gewesen ? Wirr 
kdunte noch iirimer liicht *gar letchi deh Untierschied ims Mose 
I lernen, zwischen Schlachtungen tu FeStmahheiten , die um Ab« 
gdttero zu verhüten, in ^cte GottespaHaH, aber nicht als Opfer, 
geschehen mufsten, nnd iwbohen S#ndojpfern ? ' Dafs Luthers 
Vebersetzung Battkopftr ivicht richttg sej, iLann oder soHte rniter 
Tns, nicht iii das traditvonelhi t:dMindenen Bibelforschern, jedter 

liahl sollten die ans A=e||;^)t^n 
das Andenken an -jene Bc€r«ii« 
) wurde duith WiioderMung 
Mtgemlifs gethfttt war, vf^fewigt* 
ich. t. Joh. 5, 4* aip.a auf «as 
t Brief den Sin« mitsicK bringe 
[esiias, all er Mk taofea Im 



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626 IMug an h. Stätte, geg.Pfo£. Scbeib^l z« Breslau, 

und Nvt^Ks auch, hörtö ,aUck uicht (wie Goostische Dokelea 
meinten) auf, es ta ^jn, als er im gewaltsamen Tode sein Blut 
vei-gofs* Joh. 19^ 3^ 35w S4ur ünredik ist e$ ferhet, wenn je 
auf das Ist^ c^), etwas Wichtiges gebaut wird, da, wean Jesus 
heb)*aisierend Sprach ^ dlies zum Vorwond des Streits gewordene 
^^^rtchen^ imtn der Sprachart niclit etnmt «nsgespi^oekeu wso*. 
Sprach aber Jesus griechisch, so wäre doch vou einem so wei- 
sen Lehrer nichts gewisser, als dafs er eine* Erklärung und be- 
stimmende Erweckung der Aufmerksamkeit hinzugefugt haben 
wrirdC) wenn er in diesem Wort chen etwas gedacht hätte, das 
ohne seine ausclHickliche Offenbarung niemand recht zu wissen 
yerhi5chte. Nicht oft gienug kann die so klare, für dogmatisie- 
rehde Ekegeten so wichtige Regel wiederholt werden: Wenn 
die Gottheit oder ein weiser Lelirer will, dafs wir etwas den* 
ken und glauben sollen, das wir ohne klare ^ ausdrückliche Oi^ 
fenbarung nicht, also nicht aus uns selbst mit Sficherheit wissen 
können, so müfs ier es offenbar gemacht haben. Er konnte e« 
nicht unserm Klügeln überlassen woUen| was wif uns hinein und 
hinzu denken möchten. Wo also der weise Lehrer, was er 
sprach I nicht als etwas ^ das auf ungewöhnliche Weise verstan-« 
den werden • solle ) ausdrücklich erklärt, da ist seiner Weisheit 
nichts anderes w^irdig, als tlafs wir es nach dem populären, 
«gewöhnlichen Redegebrauch, geheimnifsfrei und fern von scho«» 
lastischer Dialektik verstehen. Sehr unrichtig und weil die ge-> 
mischte Versammlung ihm hier aufs Wort glauben sollte, desto 
irrleitender y versichert Ht. Seh. seine Gemetnde| dafs in dem 
Wort Mem Leih^ wie es Jesus gebraucht habe, ein aufgelöster 
J,eiB i^das trdi>$che, allgemeine Wesen desselben, nicht sündhaftes 
menschliches Fleisch« zu verstehen sey. Wer weifs, ob Jesus 
nicht cw/Mt sagte ) wie es die Evangehen angeben'/ d. h. wer 
weifs, dafs Jesus hier hebräisch sprach? und alsdann, dafs ek* 

SU (i Chron* «o, 1^.) und nicht ein anderes Wort sagte, 
afs man doch immer tiocK so oft sein eigenes Meinen -in die 
biblischen Worte erst hineinschiebt und abdann die Nichtbei* 
Stimmenden, wie.lrenn sie dem Bibclsinn widersprächen, sogar 
vot den Gemeinden verdächtig machen will, da jene strengere 
Beunheiler doch bur gfcgen die schnell aufgegriffenen Vermnthua^ 
gen tolcher^ die allein recht haben wollen, Warnend {>rotestierea. 
Am meisten nnd gewifs am bedenkHcbsten hatte Hr* Seh. un«» 
recht, da Er besonders die Zwinglisch -» ireformirtc Auslegung, 
der so kurzen Worte Jesu für Üngüu^tk ausdeutete, mit wels- 
chem in kirchenvereiiliguiig zu treten , eine sokhe Union wäre^ 
wie sie der Apostel Ephes. 5, 6. t Kor. 6, i4« misbillige. Er 
selhH mag ubens^ei^ se^^ dafi yqh de/n Worte Jesu diie La«> 



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üofiig an b. Statte^ geg. Prof. Schdliel zu Breslau« Q2j 

tfi«ri^lie AoslegüDg die gewisse 9e]r$ wieWohl man 4as wic!i- 
ti^e Wort Uebeneugung von so sehr disputobicn GegeusUnden, 
für welche eia voller EntsciieiHungsgrnnd nnn eInmaU da das 
Gegebene vieldeatig bleibt , an sicti unmdgUch ist, nie fiizhti^ 
gebrauctit. Wie aber konnte Er sein Ich vor der Kirchenge«' 
meinde so entscheidend hervorheben wollen, Wie seine gedruckt 
tcn Worte, mit der mdglic listen Steigerung zu unserm Erstaa- 
uen dieses aussprechen: »Vor Ihm^ dem Allmächtigen, betheure 
ich Eucli, und /cA nicht «Hein,, sondern mit treuen, Knechten 
des Herrn (! ) J^us Christus, Richter der Lebendigen und 
Todten, znr Rechten Gottes^ is^ Zeuge: Icli werde^ bis diese 
Lippen erblasseoi und diese Hände erstarren, nur den L^.ib tind% 
das Blut des flenn im lieil. Mahl der Gemeinde bekennen 
und geben.c Was soll diese Ichhcit? Was sagen am £nde diese 
pompiiaften Worte? Aach der reformierte, auch der katholische 
Lelirer kann sie wörtlich nachsprechen und dabei seine Kirchen« 
aasicht denken. Und kt es denn so gant unmöglich, dab nicht 
»ach das Ich des Herrn Seh. vielleicht, ebf seine Lippen er- 
blassen, m einer erwogeneren, richtigeren Einsicht kommen, die 
alsdann den Heiligen Namen üeberzeagunf mehr verdiente? 

Alles dieses nun und Mehreres ist Herrn Seh. in Recea^ 
aonen entgegea gehalten worden, varnehinlicH in. einer, welche die 
sehr schättbareti Neuen theol Annaleo gaben« Er hat dagegen 
oiiier dem Tit<^l: Das Abendmabl des Herrn. Bibellchre und 
histor. Cntersuchaog etc. roplicirt. Darauf antwortet ein luthe- 
rischer ProtesUnt «nter dekn hier voranstehenden Titel. Fast alle 
Bemerkungen desselben findet Rec« sehr gründlich. £bcu des- 
wegen hätte wohl der ToO| aU einigen Stellen, gemässigter seju 
JBdgen. Hr. Seh. Iiat sich gegen die Sachkenntnifs und gegen' 
die Pastoralklti^heic jo oft und so stark verfehlt, dals, wenn 
nur, wi^ er sieh selbst giebt, dargestellt werden muTs, es schon 
Bedaaern gcnu|^ erregt. Ganz iiu verzeihlich aber ist, dafs Hr. 
ScH. aus einer dem Zusammenhang Entrissenen Stelle Zwinglcs 
COpf.^ Zwtnglü Tigur. T. IL /55 BL RiUks.) den absdieuli- 
chen Vorwurf zieht, dieser ({Sberhaupt, uad gerade in diesem . 
Briefe an AtkeYus, so gewissen h'afte, so liebenswürdige) Schrift- 
forscher habe mit Bewul'st^iejn die Worte Jesu verdrehen wollen. 
Solche Polemik . — - ist nur eines fVeislingers würdig. Und selbst 
weoo WeUlinger jetzt lebte, hoftcn wir, v<örde er sie seiner 
unwürdig aohtem Der Vf.^ welcher darauf Überzeugend Zwing* 
ii's heiliges Andenken vertheidigt hat, erinnert zugleich mit Recht 
und mit verdientem Beifall an eine treffliche kleine, Schrift von 
Hrn. Dr. Gieseler zu Bonn : »i£twas über den Reichstag zu Aug^ 
btiz^ vom J. iS^o. zu Berichtigung mehrerer Entstellungen dei 
Gescbiiirhte und zur Eijciärang einiger gemtsbrauchten Stellen aus 

40» 



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QaS üeh Bcisettg« d. Uschöfl.lSitz«, v« e. k. Kanoüi$'teii«> 

Luthers Brieffü^ zuiuU^ mit Bezu|r auf die Schiift: Luthers 
batholischef Moaaiuoat 1817.« (Hamm tSat. S. 55.) wo nach 
Weisüngers BeisBiel eine aholiche VcriäumduDg gegen Luther 
gewagt war. — Nur noch eines. £inige Stellen des Verfs« geben 
der Obrigkeit Winke -gegen Hrn. Seh. Dies sollten Forscher 
nie tbun. Meinungen >verden durch Macht weder wahr noch 
widerlegt. Die Macht einmiichen hiesse den Gründen der Wahr* 
hcit mistraueo. Johannes schlifst seinen ersten Brief wie abge* 
rissen aiit^ dem Zuruf: Hütet. Euch vor den Abgöttern! Rec. 
«idchte immer hinzulugen; Hütet Euch, Ihr, die Ihr Ueberzeu- 
guugsfreiheit wollet, vor der Abgötterei^ die Furcht des Macht» 
geboti ittiA ^kuts irgend einer Meinuiur aubufordem« 

&e. G. Paulas. 



Historische Nötigen üb$r die Besetzung der H^ 
schöfl. Sitze ß vom Anfang der christL Kirche bis mtf 
unsctc Zeiten, Von e. Aathoiischen Kanonisten, mit einig, 
wichtigen Urkunden. Heidelberg b. Groos. 5S S. 8. 

£]ine sehr interessante histori^he Darstellung, wie die römische 
Curie.aick^ gegen. die gesellschaftliche Rechte und Ginooes der 
älteren Kirche, in die Macht versetzt habe, um, so oft sie mit 
den Regierungen politisch uneiqs ist, die Ernennungen 741 bischöf- 
lichen Stellen XU verweigern, wenn gleich die Kirchensprengel, 
dadurch, wie man sich ausdruckt, im verwaisten Zustande, we* 
uigstens also ohnft die kirchlich ndthigcn Obervorstande, gelas- 
sen. Werden. Schade dafs der allerdings sehr sachkundige Vf. 
nur bis .zum Oct. 1845 |[eht| und die später hinzugekommene 
Noten nicht viel ergänzendes nachtragen. S. 49 verspricht, dafs 
die Pragmatische Sa^tction, an. wdcher seit Jahten in dem di- 
plAnatischen Verein z« Trankfurt gearbeitet wurde, bald mit 
allen Ferhandluneen |;edruckt werden werde. Dies ist zur 
gründlichen Empfehlung der bessern Sache sehr zu wünschen. 
Alle Verhandlungen eines solchen Geschäfts aber * öffentlich zu 
nacheu, ist etwas in ^ Teutschland noch selten . erfolgtes. Das 
Hauptsächlichste, nämlich die. Grundtäge zu einer Fereinharung 
eher die yerUdtnisse der JkathoÜschen Kirche in (den meisten^ 
tauschen Bundesstaaten , also die Basis der pragm. Sanctton^ 
auch die darauf gegebene curiedistische Bsfosition^ der sieb 
sc^lbst gleichbleibenden Anforderungen de» heiligen Stuhles, nebst 
einigen gesandsdiaftlichen Erwiederungen auf diese, sind indessen 
bctannter geworden, unter dcyn Titel; Die Neuesten Grund^ 
tagen ^der^ teutsck * tatholiteken Kirehenreiifassung in AciensiUr 



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T}äi«Bes^txg. d« biscbSfl. Sitz^ rJ e. tL KanonisteD. #29 

Jan. umd ächten Nctizat. Stoü^r« htt Metdof. iSät. D«r 

V^okallioliscYi« und der Protestant mub sich yornehitilicli noch 

£e (^egen jene Exposi^ön g^ebeae Dedaration der hundu^ ^ 

MmalüchenRegigrunffen wüuelitOy da indefs die cunailstifehe 

E&posUifKi, «hoe Zv^ctlel lar WirkuBg auf die Romanisten, 

■idti nur in Frankreich, . soadern auch zu CsHn ediert iiod Ter- 

breitet wovde» ist» Von jeher sind die SebriftstfÜem^o Cunä 

dukiger mmd mehr onterstützt gewesen al<t die ^o imperio. An« 

^rs Mrire es Mch nnbegretflich , warum doeh gew5hnlicJi die 

Regierungen, auch wo AiUcht und Recht sich ▼ereinigen, g^g^n 

jeo« blosse Meinongsmacht imNachtheÜ stehen oder bald wieder 

IQ die oackheilige Stellung zur€ckgesfhoben werden. Dt« wich* 

tige Urkmnde, welche den Histor. Notizen angehängt ist, be* 

• ttehs ans der vorläufigen Skizze von eurudistischtr Erklärung, 

urie man wegen der bischdfi. Stellen von Ront a»s zu handeln 

und wts XU tbun man dort entschlhssen sey, namüeh sie zu 

sertgiereo, zn transferieren, zu 8upprimieren,€ vrie wenn dort zu 

Kons' ein Souverän der tcutschen Souveräne und Kirchensprengel 

' residierte. Zugleich bemed^en die Noten selbst, wie auffalleed 

es iUf dafs die Curia nch nach gar vielen Dingen erst erkun* 

digt, die eine Oberaufsicht und Oberregieruug der Kirche sta« 

tstisch • genau immerhin wissen müfste. Der Verf. selbst aber 

ignoriert eme Haupturktmd» in dieser Sache , das Breve Ptu^ 

des Vn. dd. Savona vom 30. Sepl. 1811. yfo Se. Päpstliche 

Bcäigkeit dem (nach der Excommunicatiofi von 1^09 doch 

•cbon 18s i wieder) »geliebtenc Sohn, Napoleony und dem Na* 

tionaloonciüi^^zu Paris die feierlichste Bestätigung des Conci- 

Uumsdeerte^keilt bat, dafs, wenn ein Bischof von der £mia 

in 3 Monaten die Bestätigung nicht erhalte, dtr Metr^oliian 

diese geben solle. Mit vielen andern denkwürdigen Acten und 

Notizen fök' die kirchliche Zeitgeschichte verbunden, vrodurch 

bcaondefs die Freiheiten und £e 4 Artikel der Gallikanischen 

Kirche und die Gültigkeit des letzten Pariser Nationalconcila^ 

wreit vollständiger ab bei MeUhers, Lieht erhalten, findet man 

dieses Breve aus der französischen Publicität endlich auch iu die 

tartsche Oefientlichkett' übergetragen in den »Beiträgen zur Ge-» 

schichte der katholischen Kirch^e im XIX Jahrh in Beziehung 

auf die neuesten Verhältnisse derselben gegeii die römische Curie. , 

(Heidelberg, b. Oswald i8ft8). Die an Se. Heiligkeit, den 

noch regierenden Paqpst, geschickten Bischöfe machten, was auch 

Inr Teubchland sehr zu bemerken sejn wird, bemerklich ^»Diese 

Ososel entbilt nichts^ wte dem wahren Interesse und der iVörde 

des. beil. Suibk zuwider, wäre. Durch die Ermächtigung «des 

MecirOpolbeli, die kanonische Institution zu ertheilen, wenn der 

'HfU ^AaufM dtei Monstta ton' der Efhennw^ so dieses zo 



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63^ Jöäcfaim Nettelbeek. 

t\iwi versäumt Kjity maclit man den Mettopoltten nic^t ttiiii Rjcli<- 
i^T des Pdpsles bi diesem Fall, dem der P«p^t ioimef wird 
vorbeugen kiSnneu, wird der Metropolit nar von. einem ihm 
'^ durch das GeseU zifj^tbeiltcii Heimfallrecht Gebraii^V m|tcben; . 
^ gehört nicht zur Wesenheit' die»e9 Rechts, dafs es immer nur 
vom Niedm-Q iHif den Hdhern überdrehe. Das deutsche Concor« 
dat liefert füiS Beispiel vom Gegentheil, da, in gewissen FäUen^ 
dem Papst vorbehaltene Kroenrnrngen dein Ordinarius anheim 
fallen, wenn der Papst in der bestimmten Zeit sie vorzunehmen 
versäumt hKt, Ueberdies wird, venn der Papst die vorgeschla- 
gene additionelle Clausel einmal angenommen und ihr seine Ge- - 
«ehroigung ertheilt bat, der Metropolit, so oft er das Institut 
tiottsr^t atistibt, als Von dem Papst dizu bevollmäcbttgt, linge* 
seilen werden. Diese Clausel ist -für die Ruhe der KirchirFrank- 
reichs und des Reichs wesentlich nothweodig, Weon da* Papst 
sich berechtigt glaubt, di^ Institntie;n ohne einen der iiv dem 
Conicordat xwiscbeo Leo X, and Franz L erwahnteo Itanoniscben 
Grunde zu verweigern ^ w.ena er willköhriich Verhindern kann, ^ 
dafs die von ^em Souverän ertiamiten Bischöfe die bischöfliche 
Weihe empfangen, und das bischöfliche Amt ausüben, dann wird 
das dem Souv|:rlUi durch das Concordat beigelegte Reefat, ' «a 
den Bisthömero > ZM ernennen, ein blosses ächetiire<^t; und ao 
#ft der römische Hof irgend eine wahre oder voi^bliche Ur^ 
Sache zir Beschwerden gegen uoste Regierung haben mag, 'wird 
er nicht ermapgeln, die Wirkung der kaiserl. Ernennungen 4^irch 
die Verweigerung der InstitationabuUen zu hemmen. Diese will« 
kührlichert 'Verweigerungen können aber mir ver<^biich« Folgea 
fnr ^ie Religion, Und ^Ibst für die öfieutlicMPRAe habeo« 
Frankreich hat in dieser Hinsicht traurige Erfahrungen unter den 
Päpsten Inoocenz XI«| Alexander VIII. und Innoceviz XIL gemacht, 
]9cr;Kaiser verbugt, und mit Recht, eine Sichetheitr gegen den 
Mifsbrauch| welchen die, Papste von dem ihnen durch das Con- 
cordat eingeräumten Rechte über die Ausübung des ßischöflicben 
Amtes machen könnten.« So sprach man damals ! ! 

H. E. G. PmJuA 

— I ■• ■ .. I ■ ■! . 

JoJcaiM NifTXiMMCKj Burger zu. Cdberg^ Eine Leiensheschrei' 
bungj von ihm selbst m^gezeichneU», Herausgegeben' von 
dem Verfasser der Grauen Mappe, Halle 4SH* In Con^ 
mission der Renger*scken Buchhandlung, Erstes Bändchen, 
tnif dem Bildnisse des Verfassers s Vi und s^yS S. Zweir 
tes Bändchen, %So S. '' ' 

Es giebt schriftttellerisdie Ef^e^gnisat^. üb«! wdcb« der Critik 
kaum mebr eb Recht iustebl| weil 4«i V«BbtMr «ad ^sm 



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Werk td J^es mnd , < ^' jed€t tkhfetfj« Ur^iea «her die 
Schrift sogleich ein Gericht ^er den Sohriftsteller teyn tävXst% 
md wo steht es dem Menschen lu, ein Unheil tu fätlen «her 
dco Menschen, zumal wenn dieser einen ichriftstellertschen Roho^ 
pr nicht begehrt, sondern nar| was er selbst • ist und was er 
efldiren, vor der Welt darlegt, damit ale, die seines Geschteeh« 
tes jind , vertrauend die hdhere Leitung menschtioher Schicksale 
Ter ehr cn und die thatenreichc Kraft erkennen s«>ilett, wdiche in 
dem Gemuthe jedes tüchtigen Menschen waltet 

Referent fählle dies auf das lebt^ndigste bei dem Lesen dei 
▼orli^enden Werkes, worin ein nicht gew5hnlicher Mensch 
sotB« Lebeisgeschidite mittheilt. Joachim Nettelbeck wurde den 
dolen September iy38 %n Colberg geboren, wo sein Viiter, Jo«' 
hmia Onvid Nettelbeck, Bntuer und Branteweinhrenner war. ; 
Schon ¥on setner Kindheit an schien sein künftiger Lebensberuf 
dsreh eme entschiedene Richtung seiner jtigendiichen Neigungen 
aaf die Gcschid'te eines Schiffers und Steuermannes bestimmt. ' 
Unwiaerstehlich log die Feme den Knaben an, der bereits tit 
aetnem eilften Jahr in Holland, wohin er seinem Oheime als ' 
Cnjotenjonge gefolgt war, heimlich auf ein ganz fremdes Schifl' 
esäoh, weil er glaubte, dafs dieses nach Ostindida bestimmt 
tcf» Es war aber ein ScUvenschiff und man nahm ihn nur »»ch ' 
Goinen mit, um sich seiner bei dem Schvenhandel zu bedienen. 
£r erlernte anch 'wirklich die Sprache | in welcher nun diesen 
Verkehr zu treiben pflegte, und es w»r dieses £retgnifs iür 
seine gmxe Zukunft um so folgereicher, da es auch später seinen 
Sinn auf jene Gegenden zurückwandte, und selbst spätere un* 
giockBehe Begegnisse das etnmil erwachte Verlangen nach ^en- 
theuem in ihm nicht mehr zu unterdrücken vermochten« Denn ' 
als achtzehnjähriger Jfingling, litt er an den sFlänimisch^ Bän- 
kcBc Schiffbruch f mühsam rettete er sich von Dünkirchen mit 
noch zwei jdngera Unglücksgefahrten ntfch Haise zuriicki nach- 
dem er anf der Afickretse nochmals an der Holländischen Ktlste 
SchüEbmcb . geHuen. Denselben Unfall erlitt er zum dritten 
Male im Jahre 1760 aii der Norwegischen Knste; sogar sein 
galer Ruf kam in Gefaht; dennoch ,schlofs er' seine Verbindung 
mit der Tochter eines Segdmachers in Kdntgsbin^; »Aber, sagt 
9er, ThL I.^ S. tSo, ich liefs die FlfigeL gewaltig hängen und 

vMieschrii^e meinen in die w^te Welt strebenden Sihn auf dai 
»enge Verkehr zwischen KSm'gsberg, Pillau und Elbing.« Selbst 
sein Kahn ward ihm von den Russen in Beschlag genomnlen. 

Dorch fcfihne Dntemehmungen verbesserte er seine Lage wieder 
vad in dm Jahre- 1768 war er dahin gelangt, den Bau eines 

uköBem'vMUJtgiQH^ Schiffe« toüeodet zu haben. S<^on%at er 
die eme Bntdü tut damelbe übemAiMieni d«^ aU er eines Ta- 



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63a Jpaebiip Nltleibeek.^ 

g«s nach febAai ttlnüte whfn will, briiA»t .er ein Bein. Er ihiift' ^ 
nun tiieLeiiung seines Fahrzeuges eiuem anilern überlasseo. Nor 
mühaam ^ebngt er wieder zi^ dem fiesitie desselben ^ lutd auf 
der ersten Fahrt, die er selbst damit unternimmt , wird es ihm 
▼on den. Stürmen, in ein ,Wra^k umgewandelt, ,und erst nach 
grossen Gefahren 6ndet er «wischen den Klippen Norwegens, wo * 
ihifk der offenbare Untergang zu droben schien,' seine RctluBg^v 

Aber dieser .Uulall und ein datnit verbundener unglucMtcker ^ 
Rechtstreit verschlimmerte seine Umstände so sehr, dafs er seia^ 
sc^dnes Schiff \ erkaufen mufste. Die Frucht der Arbeit seiner 
besten Jahre wa^ vcrlofeu. P^achdem er . sic;h eine Zeitlang in ' 
seiner Heimath mit Errichtung einer Nav^ations- Schule zu Bü-- 
^^^S junger Seeleute b^häftigt hatte, tri^ ihn sein Vnlenieli» 
mungjBgeist. von neuem in die Ferne. (Bis hierhin der crsie 
TheU). "^ _ _ . 

Die Fahrt, welche er nun als Obersteuermaan, im Jdire 
tyy.X auf eipem Sclavenschiflfe nach Guinea unternahm, berichtet 
der zweite Theil. Seine ganze Geschichte ist von nun an' eine 
Zusammenhiing<uide Reihe von Seefahrten und kühnen Untemek* 
mongen, bis zu dem Jahre 178a, in welchem er aberniak Sdiiff-« 
biruch litt, und. mit fier Ladung de« iSchiffseigenthiimers selbst 
einen Vorrath Waaren von 11,000 Hpllandisäien Gulden an 
Werth, den Erwerb vieler Jfihre, verlor. 

Mit . diesem Unfälle beschliest er die Geschichte seinei See- 
reisen und Aben|heu^r, /iaukbar verehrend die unsichtbare HülCe, ' 
die ihn aus ^ vielen Fährljchkeiten rettete; und Heil Jedem^ der 
sich, wie dieser/A(anji, öffentlich 4ts Zeoguiis geben Kann: »£ur 
•ein Vaterland, für seinen König und jeden Menschen gethan zu . 
baben, \^ die -Kräfte eines Einzelnen verqiochten.« . 

Wie reich aber seine erste Lebeosbalite, .vom Jahre 473t ^ 
bi^ «781 an Begegnissenv und Untemehmungen ist, so dafs skk 
das Buch fast, wia-^iu Roman Ues't, z^igt M^hon dieser kurz# 
Ueberblick. Dabei begcgpcii wir Nachritten, wdche man hier 
nicht erwarte^ z« B. von Suriiiai|A,.Thl. I.. S. 5^, toj; von deiis . 
Sclavenhandel und dem Leben auf einem 'Sclavenechiffc, Tb). IL,. 
S. 4 ctc^ 8a etc. Andre, wie kurze Episoden, eingestreute Ge» 
schichten , oder ; eiazebie Ereignisse aus dem^ Leben, des ErzäliF-^^ 
lers selbst sind höchst . anziehend durcli das. Ajisserqrdentliche,. 
welches sich in denselben darbietet, und vrir bezeichnen hier ia'^ 
dem Einzelnen nur die folgenden: aus dem ersten Tbeile die 
Geschiclite von dem betrügerischen und getäusehten» Juden, S. 
34 35} des Schiffbruches S. ii7pdie gewagte Fahrt durch, die 
Schwedi&clie Flotte S. «37; die Geschichte der mit dem Russi* 
sischen M&ciere entlaufenen Rösigsberger Kaufinannsfrau Si^i37s 
▼on der Gefahr, welche dem guten J^m» NfpUdbed*« drobf 



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Mmclnm NetteQ^edc. 633^ 

tthi Tön dem Unrprmiufceten Wie^kntvffinden der vermifslen Ko^:- ' 

bnkeiiea S. 167; die Beschreibung des Brandes in Königsberg 

S. 171; die ErAähluDg von dem furch N. geretteten brenncii-^ 

dco Schiffe und dem Processe, ^dchen er sich dadurch züiog 

S. 181 ; von dem betrenlos umhertreibendeu SchiO'e S. 2^; -— 

«odaum äa% dem zi^eiten Th eile :. die' Geschichte der Bruder'' 

Kniffd §. 94; voü.dto durch N\ Entschlossenheit gelöschten 

Braode in der Thurmspitze zu ColBerg. S. 127; die Vorfirllc 

mit dem grofseo Friedrich zu Lissabon ä. i64» die Ocschicluc 

des HoUiadisehen Capitäns Klook S. 172. 

So bietet diese Lebensbeschreibung auch dem gewohnllolierx, 
Lieser eine angenehme und lehrreiche und darum zu empfehlende 
Lectire dar. Aber auch ein grösseres Intrresse gewälirt sie 
demjenigen y d^ auf einem hohem Standpunkte steht; und zu. 
ynie verselp edenartigen Betrachtungen und Beobachttuigcn fiihlt 
nan^aieb nicht durch das Lesen derselben veranlafst! Mehr^ als 
durch irgend eine andre Darstellung^ vrird uns der Blick in das 
Treiben auf einem Schiffe und den Character tmd die Lebens- 
weise einer »o merkwürdigen Menschen • Classe, als die der 
Schiffer und Seefahrer ist, gedffiMt». -Aber auch das Menschen- 
leben entMtet sich vor un« in ^dem grossen Wechsel seiner 
Schiduale) wie dieser selbst noch auf dem Wlgen des bevegv 
liehen Elementes etwas von desseü Schwanken zu gewin neu 
scheint; hier aber auch nur das Auge des Menschen am ktihu«^ 
8leo nach ungem6ssenen Fernen schauet und sein Geist zu ge- 
^waigten Unternehmungen sich angespolmt fühlt. Und hier enthülk 
sich denn vor uns solch ein feat^, unternehmender Geist^ der, 
vnn frühe an von einer feurigen Liebe zn seinem Berufe erfüllt, 
in den Gefahren und Wagnissen desselben niclit bebt ; der, wie 
er aaf den eigenen ErWeib denkt, eben so, seiner selbst ver-^ 
fgeascnd, tu helfen, zu retten, für jeden Mitbvpder, was er ver* 
majL tree za leisten bemüht ist; und selbst der. kunst* und re* 
gmeae, aberkrlAige^ derix^ lebendig anschauliche, oft anaschwet- 
lan^ dann gedrungene Styl des Buches, erscheint nur als eine 
€%enlhü«liehe Aensserung dieses Geistes. Auch der Umstand, 
dnls wir diesen Mann in demZeitnmm vor 178s auf einem Scla- 
▼CttschifTe und in dem Sdavenh^udel selbst begriffen sehen, daif 
nicht BeCremdunff erwecken, weil damals jene Ideen, welche 
siif das Regen der jetzigen Welt einen se mächtigen Einflufs 
Inben, noch schhimin^en, und das Gefühl eines Steuermannes 
auf ^nen Sclavenschiffei- wie jeder andre Beruf, geachtet und 
beiri^en wurde. 

Bekannt werde aber £«ier Mann erst spater in jenen für 

Vaierbnd so unglücklicheu.Krjegeo durch die Hülfe, welche* 

GebotMsdt während der Belagerung durch die Frau« 



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634 Nachrichten aus Heims Leben. 

zosen leistete. »Nun, »agt der Greis mit Beriebling luerau^ Tlil. 
n., S. 279 1 bin ich denn aus dem Seemarm ein Landmann und 
«hrsamcr Kolberger Pfahlbürger geworden; »und scyea'in der 
Folge seines Lebetis Erci*^nis$e clngerreten, welche seinen Namen 
einen Augenblick aus der Dunkelheit hervor gerufen, so achtet 
er dafür ^ dafs es gerade i}^ am wenigstens zieme, Ühtr diese 
Periode und über sicl^^scftsl zu 6precheil »wo das, was ihm 
Schuldigkeit und Burgerpflicht zu thun gd>oteny leicht als Prall* 
lerei erseheineu kdunte^c ^ 

Wii*. aber mdch^ea gerade die Erzählung dieser EreignisM' 
am liebsten aus seinem eigenen MUnde vernehmen; und da die 
Aufnahme, welche diese 'erste Ffälfte seiner Lebensgesehtchte 
ftndco wird, über deren Fortsetzung entscheid eiwsoH , so wfiw 
sehen wir von Herzen, dirch diese Anzeige zu einer erfreuli* 
chen und vollkommen genügenden Atifnahme eines so «crkwür* 
dtgen und in vieler Hinsicht lehrreichen und erweckenden Buchet 
beizutraireii. 



f/achnchien üon i£rm L^en des königL Preus^hchen Geheimen^ 
RatAes und Doeiors dei* Arzneimssen$chcft ]$)rsst LvDtrtc 
Heim* Gesammdt lur Feier ' seines ßiiijzigjäkrigen Doc'^ 
ior - Jubiläums, den /5. j^ftt ¥^S9» Berlin hei A. W. 
Schade, f^I und 46B S, {^erf asser dieser Schrift ist G* 
/#^ Ke/Her, Regierung^' r Director zu Prankjurt an der 
Oder, Schwiegersohn ffiimsj. 

xUn Freund schenkte dem -ehrWdrdigen Manne, von dessen Le» 
ben die vorliegende Schrift Nathricht ertheilt^ dai in Kapfer^ 
gestochene Bild des alten Arztes Nicotaus Thlpras. Dieser deutet 
utt der Hand auf eine vor ihm' stehende Kene, welche -sinn» 
bildliche Darstellung die unten stiehenden Worte: Alus inser^ 
viendo^ consumor, erklären. Heim, schon im höheren Alter, nahm * 
grosses AergerhiTs an dieser Behauptung, und 'bemerkte, er werd« 
von sich ^selbst eher sagen: Miis inservienio crescc, flor^ 
(S. t36> . . 

^Wie in dieser Aiiecdoie sich Heim» Cliaracter trefflich aua^ 
spricht, fo könnte sie auch alal Motto. vor {^enwlrtiger* Schrift ' 
stehen, tim die 'T^ndent^^erseHMi aoaudeuten. Nicht Heim, des 
Arzt, nicht das, was er als solcher der Wissenschaft und in der 
Phrtiis war, vi4ll sie däfstdlen, vHewohl sie auch diese Pnncte 
iiidit unberGhrt lifst und lassen kann; sondern Heim, den Men- 
schen, den wackem Mann, dcr^ dein Winke einer edleui ia ihot - 



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Kac&rifcklen äi« Heims Lebeu. 635^ 

froKnenden Natur fcigend^ ÜAd tftrar Ftihmiig mit öbverbräc^»* 

W^T Treue und in unverdrossener eigner Tbätigkeit sioh liin* 

gd;>end, das ward, wls er war und isl: trefsinnigtr Denker und 

Forscher to* seiner Wiss^sdiaft^ uuermitdiicher Arbeiter at|i* 

dem F.elde, das ihm die Vorsehutig angewiesen, Wobhhäter von 

Tauseuden, treuer Freund der edelsten Freunde, würdiger Vater 

und Beglücker einer wiirdigeu Familie , und — ^ wie «um LoJm 

SD seltner Tugend — an Kraft und ld>en$froliem Sinn, last noch 

ein Jüngling, in dem Jahre, iro die vorliegende Schrift simi-' 

und geist^U den Tag feiert, an dem ihm vor fttiifAig Jahren 

der Doctor*Hut uberreicbt ward, • 

Heims Verdienste um die Wisieuschaft, seine seltne Kunst 
m Ausübung derselben, und wie auch bei ihm »die Natur mit 
dem Genius sich im Bunde« erwies, ist von Kundigen hie und 
da berührt worden, und es wird nicht an d^ fehlen, der zun» 
Frommen ^ ärztlichen Kunst einst alles diesos im ZosammenY 
han^; darsteUen wird. Hier spricht ein Nicht - Arzt, aber ein 
liann, der, tüchtig, und für den eigentlichen W^rth des Lebens 
snt offenen Sinnen begabt, jeden w^ärdtgen Lebenslauf zu schä- 
tzen weiis, der ab Eidam de$ Gefeierteu all diß Wärme und Liebe. 
in sich hegt, die einer Arbeit, wiirdie.yon ihm. entworfene, erst . 
ütf red^f es lieben , ihr Anbrechendes verleiben käno^ 

. In der That, die Sohtiderungi^ wie Heim (geb. den 33tcn 
Julius «747 f zu Solz, im Sachsen - Meiningischen Antheil dfr^ 
Gra(scliaft Henneberg.) in seinem Dorfe aufwächst, unter scbwe«» 
rer ländlicher Arbeit und ernster Zucht eines ehrwürdigen Land- 
geistlichen, seines Vaters, aber begHickt durch die Anmuth 'der 
ihn umgebenden Natur, und dttr9h die patriarchalische Einfall 
der UtDwohuer, die mit jener das Kdstücl^te, was den Menscheu 
fiar das Leben ausstalten kanj , - Unschuld und heitern Sinn , ^ia 
ikm pflegen, — wie er, zu einem weiteren, freien Leben»-Kreise,r 
tur cUe Umversitiit (Halle), entlassen^ rastlos für seine ^Wissettscbaflf 
arbeitet, immer mehr Feld für seinen künftigen Beruf gevvittnt und 
iBDBMr tiefer in dasselbe > hinetnavbeitet; dabei frank und frdh« 
lieb, wje es dem Studenten geziemt, sich zugleich jeden Abend 
ma seinem i Gott vei^nfigtc zut^kuraer -Ruhe niederlegt,«— wie 
er ein ed^ FreundscbaftstBundnife (mit Muzel, dem Sohne 
des berühmten Geheimen ^Käthes und Leib •Arztes) schliesy 4«!^ 
ihm dei| reichsten Genufs imd Gewinn für sein Leben, bringen 
Rollte, — die Schilderung, wie die beiden Freunde, veiseud in 
Deutschland, Holland, Enghhid und Frankieich, sich in ihrer 
. Wissenschitft vervoUkommueo, Anfmci ksamkeit, Gunst und Fr^und^ 
Schaft aalgezeichneter itfännes gewinnen, und. wie Heim iusbe- 
sondere jede reine LebensbHithe pflück^ die sich ibm auf seiuero- 
W^e darbietet, «- wie ^er in sein heimathliehes. Dorf Zurück« 



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636 NadWicbten ans Hemu LefeeD»; 

gekehrte, Weitgerl^isle , mit, dem Vater und iea wädi^ Brfi« 
dorn' vereint 9 des einfachco Landlebens , dem sein Herz nicht 
entfremdet ward, wiederum froh wi^ und mit seinem »Kappe* 
Hons-Matbes, dem alten Freunde, der ihm- einst* im Fischen 
und Vogelstellfln ;viel Dienste geleistet, € mit Michel und dem 
allen Schäfer Yierling das alte veitrauliche Leben erneut, und' 
von dem letueren sich s^ine Bemerkungen über die Kukukseicr 
vortragen lafst (nun wurde der Mann wohl innc^ wie ihm das 
rege Knabenieben mit und in der, Natur gel5rdert), — wie er 
dann durch den Vater ^des geliebten Freundes als Arzt nach 
Spandau gesandt , wird, und nun,, in grosser Thätigkcit, dasprac* 
tisch zum Vorschein kommt, was der JängKng sich an Kennt» 
nissen und Kunst erwaorbeoi dann ein grösserer Wirkungskreis 
in Berlin gewonnen und mit ausserordentlicher Thatigkeit und* 
Kraft ausgdFüUt wird,—* endlich, wie der Mann, der Häusvater 
und der Greu, thätig, glücUicb, wohlhabend, gclietiC und ge« 
ehrt, immer gleich heiter fortlebt, -t- alle diese Schilderangea 
sind von der Art, dafs sie auch in einem halberst#rbeaen Ge» 
niitbe Woli%efallen am Lehtm wiedererwecken und das Gefühl 
von dem Werthe desselben erzeugen und beleben konnten. 

Ai^ch an der ernsten, der traurigen Seite fehlt es diesem 
X^eben nicht Im Jahre v>or der Jubdleier sieht der Va^ zwei 

g Siebte verheirathete liSchtei^vor sich hinscheidea (die eine w^ 
attin des Biographen). Aber ai|ph hier bewähirt sich der Cha-^ 
racter dessen, der durch Unschuld des Hcirzcns sich den innen» 
Frieden bewahrt hat und das Zeugniis in seiner Brust fühlt, dafis 
er nicht vergebens g^ebt. »Wenn der Vateir, heifst es S. i6j^ 
2u der dem Tode nahen.. Toditer trat, seine KAiee wankten, die 
ThrSnen Ihm aus den Augen quollen, da begrufste sie ihn ruhi* 
. geQ, freondlicheo Blicks, uud ukhi drei Momente vergingen, sa 
war er heiter und glücklich mit ihr. So safs er an ihrem Ster^ 
bebeUe, drei Tage vor ihrem Tode. An der frischen Gesund«» 
hcit des Vaters sich freueiftd, sagte die Tochter, ab sie ihn ei» 
Kleidungsstück von etwas akerihnmlidier Form anlegen sah ^ Der 
Tater kommt mir vor. wie ein juag^ Mensch, der sich ip einea 
sdten ausputzen wilLc -<^ Und auf diesb Weise diens auch da» 
Trübe in dem sonst se heilem Leben, durch die* geschickte 
Darstellung des Verfs., dazu, deu^ wackem Mann vou setner He- 
bensvrdrd^isten Seite, in seiner EigeuthnmKehkeit zu aeigen. 

Aucb an fruchtbar^ Winken, wie das übrige Leben de» 
Maunes^ auf seine .Wissenschaft und Kunst eingewirkt, fehlt e& 
dem Buche nicht. Seha interessant ist Rec. gewesen^ was über 
Heims- bewundemngswtirdigeo Scharfblick in fieurtheilung der 
Krankheiten gesagt^ und diese Gabe au& seinem frühem vertrautea 
Umgange mit det -Natur bergdeilct wvd. Wie soUte der die 



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r/Telih vher die Zamboniscli« Säule.' 63; 

feisstea ModÜcatioocn eiues Ldipeilidicn Znstandes in cht erken*' 
'nem^ der als Kilhbcjedeu Vo^el an seiDem Fluge, au dem Gaoge. 
aD der Soor im Sande oder im Schnee^ an wenigen Federn, am 
leisesten Laute, und eben so genau selbst Insecten zu uiitersclu*!- 
^CD wubte? dessen 'Auge sich in uncndlicYier Zergliederung^ dA 
Tarlesteu'^Moose übte? der den Geruch tausendfaltig verschiede'» 
Her Pflanzen erkannte? (S «47, B). Die unversiegbare Lie'be 
SU der Natur, wovon so sdi^nc Beweist iu dem ßucjie nieder-* 
gelegt sind; ward, wie der Verf. benHerkr, ^ewifs- von ihr solbst 
belohnt, durch hdberes^ oft bewuistloses Sciiauen ihrer Geheim^ 
«lisse (S. «62)- 

Das Ereigniis, welches die Torltegcndc Schrift veranlafste, 
ist schon angedeutet worden. . Dafs es ein trefflicher Gedanke 
war, durch sie die Feier cn erhdhen, und den Feiernden zu- 
zurufen : Seheif rias isl er, dessen ihr euch freuet ! '— dns wird 
jeder, dogestehen, der sie liest. Die Freude nur ist ächter Art, 
die in das Gebiet des Gcifiiigen sich erhebt, utid auch der J\i* 
bei wird erst wahrer Genufs, wenn er von dieser Region g<.*- 
tragen und gehoben wird. Vollkoinmen hat der würdige Verf. 
seioea' Zweck in dienern Sirine erreicht Er hat das 'Leben sei« 
Des Sehwiegervafers in seinem WerAe erkannt, und fdr die Fa- 
milie ein Denkmal gestiftet, au' dem Kinder und Enkel sich (;r- 
bauen werden; er hat frincm weiteren Kreise das Leben eines 
Mhmies geschildert, das, im besten Sinne des Wortes, picht tiu*» 
ders als sittlich erhebend wirken kann; er hat s<'inen Gegen~ 
stand mit dem freien Blicke iiber alles Schöne und Gute in der 
Kaiur und Mensdienwelt, deu wi^ schon aus seinen Briefen auf 
einer^Rebe durch die Schweitz und 'talien kenneu, aüfgefafst 
und seine Arbeit mit der uns jenem Buche bekdnnten Gedic* 
genheit und Lebendigkeit des 'Sl^ls gefertigt. 

Jeder, der die angezeigte Schrift liest, wird in die frommen 
Wunsche für ein langes Leben des Jubelgreises, womit der 
Schwiegersohn seine biographie schliest, einstimid^n^ und jenen 
auch d^balb glücklich preisen. Weil ihn eine Familie umgiebt, 
fue, wie vorliegendes Buch bezeugt, seinen Wofi^h Und seiire 
liebe in treiicm| warman Hcraea hegt and mit gleicher Liebe 
crwiederl. , 

A. f. a 



FermcAe und ßioiachiungtn sur' fäUwren KihMt^ der Zorn* 
honischen trocfaien Säule, Eine öffendithe F'otlesttng als 
Vofl&ufmin nnner gräsieren Aiheit , zur Feiet des öisttn 
Siifiungsfestei der hön^ Meuer. Mmdemie der ßf^'issenschtfUr! 



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&j^ * V. Velio über ü^ Zaintooische^ SShW^ 

zn Manchen in der öffintlithen Sitzung am stS^ten Mär% 
iS^o gehalten von J C. 'von KjBr/i» «. s. w, mit einer ' 
lithog. Zeic/mung ,68 und Vitl S. Tabellen. 4to* 

Difi Anzeige dieser kleiiicn, aber seht gebttUreicheil Sclirift hok 
Ref. deswegen auch spSt nach, um den Vorwurf einer Nichtbe- 
achtung derselben zu vermeide», tmd um die)eni<;ea auf dieselbe 
aufmerksam zu machen, weiche sich mit fihnUcben interessantes 
und wichtigen Untersuchuagen beschäßig^u. Im Ganzen be^ 
zweckte der ruhmlichst bekannte yerf«^ wks Gesetz des Verhalt«- 
nisses der electrischen Abstossuäg zur Entfernung aufzufindei^ 
weldies bekanntlich nach gleich genauen Versuchen als ein ein- 
£iches und ein «{uadratisohos angegeben if ird« Die hier mitger 
theilten zßhireichoa und genauen Beobachtungen vermittelst so^ 
wohl horizontal als . vertical häugeikler Pendel gebeA weder daf 
eine noch 4as andere, sondern fuhren auf eine Gleichung vom 
füuftea Grade, nähern sich, jedoch mehr demi Gesetze des qua- 
dratischen als des einfachen Verhältnisses der Abslande. So^we-^ 
nig Ref. gegen Versuche und Rechnung riicksichth'ch ihrer Ge-r 
nauigkeit ctwaa einzuweni^eu liat, so kann er doch %icht umhin, 
gegen die Art derselben einige Bedenklichkeiten zu hegen. Dio 
Geschwindigkeit der Bewegung des Pendels ist nämlich' in der 
Hauptsache eine Function der abstossenden Kraft, allein es ist 
fraglich, ob nicht auch auf die Elasticitat der ansclilagenden und 
dadurch zurGckgestossenen Kugeln, desgleichen auch darauf Rück^ 
sieht zu nehmen sey, dafs das Anschlagen nicht jederzeit genaa 
^m Schwerpuncte des Pendels geschieht, und hierdurch eine 
störende Bebung desselben verursacht wird; welclie beide Um-» 
stände fiir so feine Versuche gewifs nicht ohne Einflufs suid^ 
zugleich aber auf zwei ^hwer zu findende /Bedingungs^Ieichun- 
gen. fuhren« Ob es dem Verf. bei seiner bekannten Fertigkeit 
im Experimeutircn und Gei^andtheit im Calcül gch'ngen wird, 
diesCi und'>idJeicht noch andere Hindernisse völlig scharfer Hey 
sultate zu vermeiden,' um die schwierige Frage durchaus genü- 
gend zu beanj^oiten, muls die Zukunft entscheiden. ^ 
Ausser den j^er angezeigten Versuchen und deren Berech- 
nung, welche eigentlich die Hauptsache ausmachen, giebt dit> 
kleine Schrift tM^ch als Einleitung eine vollständige Uebers'icht 
der verschiedenen Versuche, sogenannte, trockne Säulen zu bauen, 
tnit einer Angabc der Quellen, wo die Construction derselben 
beschrieben ist, und eine vorläufige kurze Notiz über eine neue 
Art dierietben aus Papier und Holz* Ref. bat schon laägo die 
grosse eL Kraft d^ erwärmten Papiers beathtet, fürchtet aber 
bei einer wirklichen Ausführoag viel von dessen hygroskopischer 
Eigenschaft. Weiter findet man bier efbe sdiälzbare Revision 



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Annales de Legisl. et de^uiispr; 63^* 

JjTiilM^rer Vciisuclic iiiul eine Erweittrung düiclt ci'^mjs «Icswegcn 
aJigestelite, um die vcrscliiedenen bediin^eodenpaiyaudc» welche 
üeo Gang d^ trockneu Säulen bestimincii , genauer zu erforr . 
•eben, nanietitJicIi IsoUrung, Wärme, Feuchtgjwcit, uud raitger 
tbeitte £1. Hinstcbüicl? der letzteren ist <lc!^ Verf. geneigt, ge- 
gen die mit Reiclit sehr ge$chätzten Beobachiingcn des Herrn 
SchCMer, der siUnpspliärUcheu El. einen Einfufs auf den Gang 
der Sauleu zuuucbrcibeu, womit die Fo|gerui| vielleicht im Zu- 
sainnneobange steht, dafs nach mehrere MoiiatB hindurch fort •ge- 
setzten Beobach^gcu die maxima det^ Kraft 4^r Säulen vun 
Morgens .6 Uhr ,4» alle drei Stunden regelmäsiig wiederkehren. 
Zugleich wird auch aus achtmonatlichen vom lion^t August 19 
bis März 10 jede Stunde von 6 U». Morgens l|s lo U. Abends 
ange^telheu Barometer-Beobachtungen i^nt regeltuissij^c Ebbe uru^ 
Fltxttf der Atmosphäre für die. Breite von ]\iiricheu geniigeml 
iMchgewiesriij eine, Norzüglich. in Kucksicht def darauf verwaudr 
teo ^lulie dankbar anxuei kennende Arbeit. 



jinnales dt Legislation et de Jurisprudehct. (ötneve ehez Man" 
get et Cherbuliez. T. /. /^2o S, 4^4^. T. IL t8i4 
S* 4 r^ 44 J* S90. Für Deutschland in Cotnmis^n bei 
Luufp in» Tübingen; Abonnement ^6 frei für 6 Lief, od. 
3 Bde. . > . i 

xis ist bekannt, dafs Genf schon firfiher ein Jllttelpunkt der« 
neuem Kilduno wai-. Zwischen DetttscMaad)' Frankreich And 
Italien liegend, mit Engtand seit lanf(er Zelt #yi:»er verbunden, 
scheint es vorziiglicli' geeignet , den Austauscli (]kr Gelehrsamkeit . 
'all^ dieser Länder zyl unteriiaiien- Und so ersdieinen denn die 
torliegenden Annalen, deren Herausgeber, clie ^errn Aossi ttnd 
Mejmierß die Absicht haben, von den Fortschrtten 4er Gesetz- . 
gebung und Rechtswissensehah in dem civilisijten Europa Re* 
cbenschait zu geben, und besonders Nicht ^Teutspho mit den Be- 
strebungen Teutsehcr Kechtsgelehrteo bekannt zi niachen^ alie^', 
diogs am. rechten Orte. 

Herr Rassij ein M'ann von eminentem Talent^ iind voll weit' 
amfassendei* H<nintnif| der teut$chen und aaslandlschen Literatur« 
der, wie wir hdren^ von Bblogna ab Professor der phii^^ophi* 
sehen Recbtslebre ( Rei'ue encj'clöp, 4 Sit 4 T* U, p. p>J nacli 
Genf versetzt ist, e^dfib^t den ersten Band dies(^r Antialen mit 
doem Aufsatze de Ntade du droit dahs ses rt^potts at^c la 
civilisaiion et de Vitat aciuel de la scienee (^.£i^/» I* p^ y-* ^^' 
IL V. 35y^^^4^S)^^^ Det Gegenstand dieses Aufsatzes ist grofs^ 



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t}4o Auiiilei Üe LegisL et de Jui-ispr« 

%nd die Bcdrbeittng dieses Oef^^enstandes ist hdchst a(nziehend.-^ 
Die Ansichten voer Recht, Gesetzgeboiig ttm) Ilechts9tadiu^y' 

« weldie hier nicdrgelegt sind, verdienen gemeinsöm« Ueberzeu^. 
gang aller gebilieten Rechtsgelchrten ^zu werden. Vielleicht 

. wurde nie die Jirisprudenz so li.och wissenschaftlidii and dock' 
zugleich so practitch aufgegriffen, vielleicht .wurden dieMeinun*- 
gen und Systeme der denkendsten Kdpfe nie tö gründlich ge- ' 
prüft, vielleicht se die Einseitigkeit so richtig bekämpft, als es 
in diesem trefflidien, Unserer ganzen Auftnerksamkeit wfirdigcii, 
Aufsatze geschehen ist.-^ Um zu zeigen, in welchem Geiste die 
Annulen vek'fafst sibd , wollen wir uns ganz vorzuglich bei die^ 
sem Aufsätze atfhahen. 

Et zerfülltin zwei TheOe. Der erste Theil (S. 1 — 69) 
^endiält eine historische "Darstellang des gegenwärtigen Zustaudes 
der Kcchtswisseischaft in den vorzüglichsten Ländern Europa's, 
unter denen ausiehr erklärlichen Gründen b^nders bei Deutsch* 
land verweilt vtrd. Der zweite Theil (S* 357 — 4^8) zeigt, 
nach allgemeinen Betrachtungen über die politischen Verhältnisse 
und d^; Standpmkt der 'europaischen Bildung unseres Jahrhun- 
derts, wie da# '.lecbtsstudium geleitet werden müsse, um den 
Bedürfnissen umrer Zeit zu eutsfirechen, ein wahrhaft uationales 
Recht herbei zu fuhren , und die dffentliche Ruhe sowohl , als 

^ das Glück der bürgerlichen und häuslichen Lebensverhältnisse 
auf eine dauerale Weise zu begründen. Folgen wir frei dem 
Gange des Verhssers ^ 

^ >Die Rcchvwissenschaft nahm nicht Theil an der schnellen 
• Efitwickeluug^ du* übHgen Wissenschaften im vorigen Jahrhun- 
dert; die Wortf Rechtsphilosophie, JVissenschaft der Gtsetzge^ 
hung wujrden d^t spat uusgcsproch^ ; sie enthielten zugleich 
das Vcrdammunfsur^eil des unerleuchteten «Treibens de% hand^ 
werksniassigen frac^kers ^d des pedantbchen Büchetgclehrteu; 
trafen .aber teidv ailch di^ aufgeklärteren Freunde des R^kniscbeü 
Rechtes, dessei Studium in der Bilduogsgeschicht6 voil Europa 
Von so grosser Wichtigkeit ist — Diese letzteren trugen aller- 
dings zur Voilereitung einer wahren nationalen Rechtswissen^ 
. scImA zuerst eiwas bei. • Aber ein höheres philosophisches *Sti^ 
dium der juristischen und politischen Wissenschaften mnfste ei»- 
Wacheif^ im. Tirigeü Jahrhundert war Montesquieu der Vorgän- 
ger von llifioiNKn, wie Heeren, Nietuhr y Soi^ign/^ Mqrer (iA 
Amsterdam)^ WMeun u a« m. -^ * 

0ßr Mtsibiu/t/etgi.) 



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- "^^^ Hfeidelberger ^^^2, 

Jahrbücher der Literatur. 



Amnaks de Legislation et de Jurisprudenz, 
CB escb lufs.) 

Airf anderem Wege hatten zwar sclion andere das höchste def 
"KechtswissenscKaft zu erreichen geglaid>t| nämlich die Stifter und 
Verbreiter der Schule des Naturrechts f ane ^coie qui joiät d'une 
groatde rtputaiion d^innocence€ S% tf). Diese Schule fand schnellen 
Ebgang in allen Landern Europa's. — Nicht weit von ihr entfernt 
ii?ar eine andere Secte, die der Neuerer, welche nach glänzen- 
den, -nelversprecheiiden Theorien die Welt umzuformen dachten, 
und alles Alte mit Verachtung verwarfen, nur in so fern zu hi* 
storischet Gelehrsamkeit greifend, als sie aus ihr ihren Meinun- 
gen Ansehen und Gewicht zu geben hofilen. Der kühnste und 
gefährlichste unter diesen war Roussemu' Endlich kamen erst 
die, welche, tiefer die Wahrheit suchend, die menschliche Natur 
an und für sich zu ergründen, den Menschen aber zugleich in 
der WiikUchkett und der Geschichte kennen zu lernen sich be- 
»oheten, und so, Philosophie und Erfahrung verbindend, einen 
sidhem W^ zur Herbcüuhrüng eines besseren Zuständes der 
Dinge zeigten.« [H. R. nennt unter ihnen den Englischen 
Iie<£tsgeidbrten Bentham^ der zum Theil gar nicht bekannt, zum 
Tlieil sogleich verschrieen worden ist, als Dumont aus den hin- 
tetlasseiien Papieren desselben seine ganz eignen Ideen franzd« 
Mdh bdiannt zu machen anfing]. »Nach den Grundansichten 
&eKr Manner wechseln Recht und Staatsformen mit der Bildung 
der VSker; nnd wo jetzt repräsentative Verfassungen Bedürf- 
jiiß snd, kann ehemals das Feudalsystem nothwendig gewesen 
wejBm Em mannbares Volk ist anders, als das in der Wieg^ 
VOL re g i erende — \ »Uebrigens theilen sich diese Gelehrten wieder 
in Terschiedene Schulen.c — »Das Erwachen des philosophischen 
FondieBS hatte der historischen Gelehrsamkeit Gefahr gedroht; 
freiEcb war die Letztere grdfstentheils lächerlich geworden, 
wenn sie alte Fabeln fiir geschichtliche Wahrheiten gab; wenn 
üe trockenes Aufzählen unverstandener Thatsachen ausreichend 
Udt; oder i^enn der Büchergelehrte, welcher nie Welt und 
en kennen gelernt hatte, die Schriften der Allen gram- 
xergliedcrte, ohne den grofsartigen politischen Geist dcr- 

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64a Annales de L^gisl. et de Jurlspr« 

selben zu alinen.c — »Die neuesten Geschicbts- und Altertbiuns« 
forscher Deutschlands retteten jenen Zweig des gelehrten Wis- 
sens, gaben ihm eine neue höhere Richtung, indem sie ihn mit 
dem Studium der Philosophie und der Politik enger verbaudeo.c 
[Der Verf. glaubt in keinem Lande dürften z.B. die Forschun- 
gen von Niebuhr, Savigny , JVachsmuth u. a. über Kom. Ge- 
schichte unbekannt sejn. S. t4 — i8]. 

Hierauf verfolgt er den Gang der Rechtswissenschaft Deutseh» 
lands genauer. Die franzosische Schule des sechszchnten Jahr* 
bundcrts, sagt er, hat un vertilgbar auf Deutschland eingewirkt (??)• 
Im siebenzehnten Jahrhundert lebten hier Bearbeiter der Rcchts- 
]^hilosophie , deren Lehre auch jetzt noch in vielen Ländern 
(z. ß. in Frankreich) Hauptquelle dieses Zweiges der Rechts- 
wissenschaft ist. Die neueste Zeit veränderte mit der steigenden 
Bildung der Deutschen die Gestalt der Letzteren gar sehr. — 
Hauptursachen dieser .ivichtigen Veränderung waren unter andern 
auch die Philosophie Kants und die französische Revolution. Iq 
«nsern Tagen bildeten sich endlich zwei Schulen unter den 
Recfatsgelehrten : die sogenannte historische, und die, welche von 
dieser die nichthistorische genannt wird (beim Verf. ecole philom 
sophique, oder unalytique). Die Grunda^isichten und Tendeni 
jener werden von Hrn.R. nach Savigny dargestellt; ihre Wich- 
tigkeit und ihr naturgemässes Auflassen des Rechts und der Ge- 
seue wird von ihm gezeigt (S. »3 ff.). — ^Aber, sagt er S. 27, 
man vergleiche diese Schule ja nicht mit den historischen Ge- 
lehrten der früheren Zeit; >les recherches historiques sont pour 
eile le mojen plutot que le butc; sie verdient eigentlich und 
ganz besonders den Namen der philosophischen Schule, wenn 
sie ihren hohen Beruf bis zum Ziele verfolgt. Denn nicht in 
der blossen inhaltslosen Speculation besteht die Philosophie; son- 
dern im höheren Auffassen der menschlichen Dinge überhaupt, 
dessen, was ist, was gewesen ist, und was sich aus der Gegen- 
wart entwickeln kann; also in der Betrachtung der Natur und 
der Geschichte. Ein richtiges Würdigen der Vergangenheit ist 
philosophischer, als das Aufstellen $. g. absoluter Systeme des 
Naturrechts. Wei den abstracten Menschen betrachtet, sieht nur 
den von Utopien und finde die Wirklichkeit unerklärlich. Wer 
sieh hingegen blos mit dem beschäftiget, was in der Gegenwart 
besteht, geht mechanisch zu Werke. Das Auffiissen des Men- 
schen in der Natur und der Geschichte fuhrt zu fruchtbaren Re- 
sultaten, und einer erleuchteten Wissenschaft. Dies verkenne 
aber auch die historische Schule nicht; will sie nämlich nur den 
Ursprung von dem suchen ^ was ist, ohne weiter zu fragen: ob 
es gut und heilsam ^^j\ ob es für die Folge xa bestehen ver* 



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Aanales de LegisL et de Jurispr. 64S 

f/iFrae, o^er geändert werden müsse; so giebl sie Pathologie 
oiioe Therapie; allein diese Wahrheiten werden ihr nie cut- 
gehen.c .... 

Nun hält der Verf. (S. 37) die Ansichten der hy torisehen 
und arndjriischen Schule einander entgegen. Auch letztere^ ein 
Zweig der philosophischen Schule | hält Geschichte und Erfah- 
rung für reiche Renntnifsquellen ; allein nur vom zweiten Range^ 
während sie Ton einer den Grund^tzen eifi^r gesunden Philo- 
sophie entsprechenden Gesetzgebung alles Heil erwartet; als ihr 
angehörend wird vorzüglich l'htbaui genannt | aber auch Benttuun 
ihr beigezählt, dessen Tendenz sowohl der Lehre des s. g« 
Naturrecbcsy als dem Streben der historischen Schule entgegen 
ist« — Sehr glucklich scheint uns die Durchführung der entge- 
gengesetzten Anwehten der beiden Pärtheien S. 38 — 60^ -^ 
Kecht und Gesetze sollen jedesmal dem Bedürfnisse der Gegen« 
wart entsprechen; die Gesetzgebung inufs dies bewirken. In 
jeder Zeit sind die Volker fähige ihre Bedürfnisse kennen zu 
lernen, so wie die Mittel zu deren Befriedigung. Die menschr 
liehe Natur ist txx allen Zeiten dieselbe. Darum greife der Staat 
c/o und vervollkommne^ wo es nÖthig ist, Recht und Gesetzgo- 
htingi So die Freunde der analjstischen Schule. — Nach der an-* 
dcrn ist die Gegenwart nur die Wirkung der Vergangenheit, 
der EinBufs dieser auf jene unzerstörbar; alternde Rechts «^ und 
Staatsformen werden von selbst und nach und nach verschwin-* 
den^ und neuere, wie sie reif iind^ sich begründen^ und still-« 
schweigend in der Meinung ded Vdlkes Sich befestigt. Das 
gemeinsame Gefühl^ und die Sitt^ ist di^ Mutter alles bestehen- 
den Rechtes j sie wird es atisbilden uiid zur höclisten Vollent 
düng durch die Wissenschaft vofberdten. Das Ein- oder Viel- 
mehr Vorgreifen des Gesetzgebers wird den naturgemässen Gang 
der £ntwiclA;luiig nicht ändern« Was vorgeschrieben und bc- 
foUeo wird, ist Zwang, das Element des Rechtet ist die Frei- 
tet. Dies beweist die Geschichte. — Was ist nun des Verfas- 
sers Meinung? Er stellt sich zuletzt (S. 61) selbst folgende 
Fragen: Soli Erfindung (d. h; Einführung neuer Grundsätze) 
im düSmtlichen und Pri^atrechte erlaubt sejn, oder nicht? Ist 
sie es, in welchen Fällen darf sie eintraten? Welche der bei- 
den Schulen wird uns richtiger anleiten^ kennen zu lernen: 
-wano durch Gesetze in daS bestehende Recht soll eingegriffen 
werdai? Die Antwort giebt ivai der VerfasAr hier nicht; er 
rerwetset in Rücksicht derselben nur auf ein Italienisches Werk 
(Esame e paragoti^ dl parecchi Codici civili presentautente os- 
tervaci In £uropa)^ weldieS er jetzt faerausgiebL Indessen be- 
merkt er, dafs die historiische Schule zu strenge die nichthisto- 
fiiche sieb entgegensetze; dafs bei einer sehr leichten Aunäh^ 



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G44 Annales de L^gisl. et de Jurispr« 

rung und AusgleicliuDg beider jene Fragen sich wohl auf do 
schönste lösen möchten. S. 61, 62. 

Ucber Frankreich, dessen Codes ein neues Zeitalter tob 
Glossatoren und Scribentes l^erbeigeföhrt haben, und wo die 
Wissenschaft des Priratrechtes sehr darnieder liege, bricht der 
Verf. den Staab, so wie über Italien, wo mit Vernichtung des 
Nationalgelstes auch alle nationale Rechtswissenschaft untergegan- 
gen sey. »Ueber ein anderes Land, das er nicht nennen will, (wir 
kennen gerade noch so eins), wo aber, wenn man das scholasti-t 
sehe Unwesen verbannete, manches Gute geschehen könnte, will 
er nicht sprechen. England gab uns einige grosse Denker ub- 
ter seinen Rechlsgclehrtcn, allein sein Privatrecbt ist noch" in der 
Kindheit« € 

»Im wirklichen Leben und in der Praxis finden sich die 
2wei Partheien wieder, die gegenwärtig in ganz Europa mit 
einander kämpfen; nämlich die, wovon eine blos am Alten, als 
dem einzig vortrefflichen, festhält, alle Neuerung als verderblich 
verwünschend; während die andere mächtigere das Alte als ab- 
gestorben verdammt, und im Neuen Zeito^emässcn das Herrlichste 
und Höchste erwartet. <; Es ist wahr, die alten Formen Euro- 
pa's Sturzen ein, man drangt in allen Ländern von Rufsland bis 
nach Südamerika zu Neuem; e?ne neue Reformation ist da, die 
übrig gebliebenen Reste des Mittelalters im Recht und in der 
Gesetzgebung werden untergehen. Was ist al^er das Haupt- 
mittel, dieser Umgestaltung der Dinge eine glückliche Leitung 
zu geben, und sie zu einem heilbringenden Ziele zu führen? — 
Ein Rechtsstudium gemäfs dem jetzigen Stande der Wissenschaft 
im Ge'ste der neueren Europaischen Bildung.c 

♦ Der Character der Zeit, in welcher wir leben, fahrt Hr. 
R. (S. 357) fort; ist der des Schwankens; öffentliches und 
bürgerliches Recht befinden sich im Zustande der Crise. Hier 
sind neue Staatseinrichtuogen zu befestigen, dort ältere aufzu- 
heben und mit den jetzigen Bedürfnissen in Harmonie zu brin- 
gen; Tadel und Lob treffen dieselben Neuei-ungen unsrer Ge- 
setzgeber. I)ie jetzt lebende und handelnde Generation wird 
die Ruhe nicht herstellen; dieses grosse Geschäft fallt einmal der 
jetzt noch jüngeren anheim. Viele der Zeitgenossen, genährt 
von den Grundsätzen und Meinungen des Zeitalters ihrer Jugend, 
ahnen nicht die Bedürfnisse der Gegenwart; viele andre, welche 
dieselben wohl kennen, sind furchtsam and gleichartig; die 
Stürme der neuesten Revolution haben sie zweifelnd gemacht; 
sie warten, zaudernd etwas selbst zu thun, auf bessere Zeiten« 
Andre endlich, pUts passion^s qu^Mairis, woUeq^ rasch weiter, 
ohne die Mittel zu kennen, die (allein zum Bessern führen; ,sie 
halfen die Anarchie oder den Despotismus herbeiführen^ und 



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Anaales dt Legisl. et de Jurispr. (>45 

«■nten die "Welt in Verwiming, aus der selbst die Bcsserden- 
kenden sie nicht zu reUen wagen. -^ Nur klein ist die Zahl de-* 
rer, welche Mulh uod Bildung zugleich befsitzen, die Gegenwart 
wahrhaft zu beurtbeilen wissen, und die Mittel kennen, «ine 
hesserc Zeit vorzubereiten« Sic sind aber nicht gehört. Les 
gouTeroemenSy dont ils pourraient prevenir les fausses demar- 
ches, dissiper les pre'juges, et mettre en eSidence les veritables 
ioterte, aglsscnt enrers eux comme le malade, qoi se laisse 
condaire jus qu'au bord du tombeau par le medecin de la fa^ 
male, et seuleraent a cetie derniere extremite se decide a con- 
solter ic plus habile« Le Trai sauveur est bientöt oublle, 
Thabicae de la maison j repreud bientöt ses anciens droits j son 
audaee, ses pretentions sont les ni«lmes, et il exerce de nouvean. 
tur^uD esprit fälble et credule son empirc absolute (S, 362). 

Also allein von der tüchtigen Bildung der neuen Generation 
hingt das Glück der Zukunft ab; daher die Wichtigkeit eines 
richtig geleiteten Unterrichts derselben. — Ist aber das Ausspre- 
chen dieser Wahrheit nicht gefährlich für die gute Sache? Wer- 
den nicht, wenn man sie ausspricht, die Feinde des Besaern, 
um ihren Zweck zu erreichen, steh gerade des unogek ehrten 
Mitleis bedienen, und die Entwickclung uud den Fortgang der 
Btldung aufzuhalten suchen? Je ne crois pas, sagt der Verf., 
fja'aocuD gouvcrnement fiH assez pervers pour faire cet affreux 
calcnl? Mais s*il voudroit fonder sa duree sur Tiguorance, il 
fandroit lui prouver combien ce mojen est trompeur. Es ist 
aber auch gar nichts zu fürchten, die geistige Richtung derEu- 
Topiischen Völker hat so an Stärke gewonnen, dafs es zu spät 
ist, dieselbe aufzuhalten, sie wird siegend dem grossen Ziele 
der 'politischen und moralischen Umgestaltung Europa!s entgegen 
gehen (S. 363). Nur durch physische Gewalt, d. h. durch 
Terrorismus wurde man ihr begegnen können ; allein das System 
ACT Gewalt würde mit der Vernichtung der geistigen und mo- 
ralisdicn Volkskraft den Regierungen selbst die festesten Stützen 
jiebmcB. On ne ramene pas les hommes, sagt der Verf S. 
368 f au point d'ou ils etoient partis, on en faic des bdtes fero- 
ces et encbainees au commencement , avilies et degradees, si on 
pernke dahs le sjsteme de la contrainte. Ce n^est plus a quel- 
ques idees qu*On £ait la guerrc, mais a la race huraaine et a la 
civüisation toute entiere. On nous rameneroit au tems du bas 
emptre; on auroit la triste gloire d'avoir fait plus de mal que 
Fauarchie; car des insenses qu'on peut c'sperer de guerir, en 
partie da moins, valent oncore mieux que des cadavres. Un 
semblable denouement qui nous ne paroit pas douteux dans le 
cas ou le sjsteme de la forc« phjsique auroit encore le tems 
^ s^etabliTf nierite ^tre pris en consideratiou ; il est assüreuicnt 



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646 Annales de Legisl. et de Jurispr« 

cöntraire aux intentioos m^mes de cenx qui trouvent^ qne h 
generation actuelle a besoin d'ötre arr^tee dans let iäans par 
lois trop impetueux.c ^ 

Zu der moralischen Kraft wird jeder Staat also seine Starke 
und IV^acht suchen müssen ; er findet sie im gemeinsamen Gefühle 
des Volks, so wenig man ihm auch jetzt vertrauen will; von 
jeher hat diq Geschichte die Wahrheit bewährt, dafs die mora- 
lische Starke unzerstörbar ist, — Un<l vvird sie, richtig geleitet| 
nichf alles mögliche fur Befestigung des Staates beitragen? Der 
Mensch Hebt instinktmassig die gesellige Ordnung und di^ öffentliche 
Ruhe; warum soll das Gemeingefühl ^ller, die gerade in der Festig"* 
kcit der öffendichen Ordnung ihr Gluck finden, auf Zerstörung 
ebenderselben gerichtet sejn? Man unterrichte daher die Jugend in 
den Grui^^tzcn des öffentlichen Rechts; in einer weisen Schule 
l^ebildet, wird sie einmal im Stande sejn, grössern Gefahren zu be- 
gegnen, gewaltss^me Stürme aufzuhalten. Ist es nicht weit gefahrli- 
cher, sie ihre politische Bildung aus ^en Qrochureir und Decla- 
mationep der Tagschreier schöpfen fu lassen? Wie können 
unsere Jünglinge diese prüfen, ohne feifpn Unterricht? (S.370). 
Auch sin4 nie von unsern Schulen und Academien, ^ie sehr 
man es auch hat glauben machen wollen , die Lehren ausgegan- 
gen, welche Staaten umwälzten; Bewdbe sind Frankreich, Spa- 
nien und Italien, vo es bekanntlich keine Lehrstühle des Öffent- 
lichen Rechts gab. Qu'arrivera - 1 - il , si on ne mel pas Ten- 
scignement du droit public et prive' en harmonio avec Jes cir- 
conitances actuelles? Precise'meut ce qui arriveroit, si a cause 
qu'il ^st des plantes veneneuses on eut defendu d'enseigner la 
boUnique. Les jeunes gens iroient herboriser tout seuls et ils 
fiuiroieut par s'empoisonner eux m^mes et par empoisonner les 
autres (S. SjS).— Uebrigens bedarf die Wissenschaft des öf- 
fentlichen Rechts in den meisten Ländern noch einer £ntwick- 
lung oder einer gänzlichen Umgestaltung, tun zo werden, was sie 
in der jetzigen Zeit sejn mufs. 

In Rücksicht des Privat -Rechts, zu welchem nun der Vf. 
übergeht, ist von Seiten der Regierungen den Lehrern grössere 
Freiheit gelassen, und gerne läfst man Aenderungep in den Lehr« 
Systemen zu. Das gröste Hindernifs der Verbesserung dieses 
Zweiges der Rechts -Wissenschaft ist meistens der Eigendünkel« 
der Lehrer selbst, welche jedesmal glauben, dafs die hergebrachte 
Weise die einzig inögliphe sej I >Und wirklioh welche Verschie- 
denheit in den verschiedenen Ländern! Dorchläoft man z. B« 
nur die Schulen Frankreichs, der Niederlande und Deutschlauds^ 
so findet ^an die Lehrmethoden und wisseoscbaftlichen Cultur- 
stufen aller Jahrhunderte seit den Glossatoren. Auf einer resos*- 
citiricii Unixcrsität werden die Pandekten -ta vorgetragen, wie 



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Aaüale$ de Legis!« et de Jurispn 647 

im Ticrzelnilen tmd füdfzelioten Jahjbundert. Die Rechtswissen* 
sdiaft des ftccliszehnten Jabrbanderts ist in ihrem Yaterlande im- 
mer noch yergessen, uud vergebens wollen wenige sie wieder 
lietaQ&ofen. Die Holländische Schule des siebzehnten und acht- 
tehntcn Jahrhunderts Tst noch im neunzehnten fast dieselbe. Das 
Naturrecht wird ao manchen Orten nach dem alten und ueueo 
Testamente gelehrt, ohne dafs die Lehrer wissen, dals mai^ sich 
ia dea neuesten Zeiten vielfach damit beschäftiget hat, — Der 
Verfasser, seiner Ansicht getreu, den Menschen an und für sich 
und den historischen Menschen zu betrachten, entwickelt nun 
zoerst, wie die Rechtsphilosophie zu lehren, dann wie das po- 
sitive Recht zu behandeln sey. Aller Unterricht soll dahin ge- 
lien, ein lebendiges Recht im Volke zu erzeugen, und eine le» 
beeilige Wissenschaft, dafs jenes nicht mehr bJos in Gesetzbü» 
ehern ond Büchern der Commentatoren existire, sondern in der 
gemeinsamen Uebcrzeugung aller, dafs es nicht vorgeschriebenes 
sondern frei geglaubtes und befolgtes Recht werde. Ce qm 
manqne esseotiellement c'est une jurisprudence nationale (S.38o); 
par une jurisprudence natioude nous n*entendons ici ni des conw 
piiatipns nouvelles, ni des legislations inventdes a priori; nous 
eoleodons un ^steme de droit indigene, qui soit la fidele expres« 
sion des besoins natiouaux, qui se forme peu a peu, qui vive 
dans k consciencc des citojeus, s*aide de tous leurs sentimcns, 
et ne se trouve jamois en guerre avcc eui. II ^i'est pas question 
d'abolir precipitemmeci^ des lois romaines, gauloises, ou ger- 
naines et de tout reconstruire 4 neuf. Teile partie du droit 
romain, a la quelle on sauroit rendre tou( $oq actirite' morale^ 
seroit peut^tre plus nationale aujourd'hui qu'un grand pombre 
dlnveutions modernes. Nur die richtig gleitete Wissenschaft 
kann einen bessern Zustan'l des Priv^trechts herbeiführen. Das 
Stadium der Rechtsphilosophie besteht also in der Kenntnifs der 
Gesetze der physischen und moralischen Natur des Menschen, 
seber Bedürfnisse, und der Mittel, diese ^uf eine jenen cntspre- 
eilende Weise im Sta^e zu befriedigen. Iq soferu mufs dieser 
Lehrzweig dem ganz uqähnlich sejn, welchen man bis jetzt untec 
dem vieldeutigeu Aqsdru<;k Natuirecht zq lehren pflegte (S. Sqo). 
Hier entwickelt qua der Verf. (S. 391 —407) diese Ansicht, 
«nd bekämpft sehr glückljcK die in Deut^chlat^d hergebrachten 
Naturredits^beorieeq d^r KaDtischeq Schule, Wir gruben, da man 
Buner noch festhält an der hergebrachte^ Weise, durch Sophi- 
sier^ die leer« Theorie va, retteu sucht und spgar die, welche 
sie bekämpfen, verschreit, über dieseq Funk( uns nähet erklä- 
ret^ ^za oGrftf&r 

Herr Rossi ^hh sich ;Mim Gegenstind seiner Bekarapfun» 
«nes der neuesten Werke jener Schule, q!as von Jlrn. 1* Zcillet 



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648 Annalcs de Legtsl. et de Juiispr« 

in Wien, welches nach dem, was er anfährt, selir vielen andern 
überall bekannten ähnlich sejn mufs. Zuerst führt er kurx die 
Grund- und Lehrsätze ron Ur- und abgeleiteten Rechten auf, 
und zeigt, daCs wenn man auch alles zugestehe, doch am Ende 
damit nichts gewonnen sej. Aus jener Lehre läfst sich weder 
für die Gesetzgebung noch für das wirkliche Leben etwas an- 
wenden. Alle Begriffe sind so allgemein (S^ 4o6) und unbe- 
stimmt, dafs, wollte man sie in ihrer ganzen Ausdehnung befol- 
gen, ein Umsturz fast aller . bestehenden Verhältnisse der Staaten 
und Gesetae erfolgen müste. (Dafs einige Schriftsteller so weit 
consequent waren, führt Bentham an Princ. de UgisL ed. %. 
4840 Tom, L B. /j»p. 43oJ. Und doch leben, wenn das, was 

fesagt wird, absolut und d priori vf^v ist, die, welche diese 
■ehre anerkennen, alle im sündhaften Zustande, indem sie ihren 
Ueberzeugungen entgegen handeln. Sie dienen dem falschen 
Gotte des positiven Rechts, während sie im Vernunftrechte den 
einzig wahren nur erkennen. — Glucklicher Weise sind jene 
Theorien selbst unhaltbar; der absolute Mensch, das Abstrac-* 
tum, jene blosse Vernunft ezistirt in keinem Lande; und so ist 
jene Naturgesetzgebung, der nichu in der Natur entspricht, für 
die Leute in Utopien geschrieben. Wir finden nur den hjpo- 
thetischen Menschen, d. h. den unter gewissen Verhältnissen exi-^ 
stir enden, der seinen besondern Wohnort hat, nachdem er seine 
Lebensweise einrichten mufs; seinen eigenthümlichen Character, 
der anf einer eignen Culturstufe steht. Alle diese Kleinigkeiten, 
welche das Vernunftrecht sonst wenig zu berücksichtigen pflegt, 
haben denn doch auf das gesellige Leben irgend einen Eiufluls ; 
die Philosophen selbst werden sich demselben nicht so ganz 
entziehen, und bei genauerer Untersuchung möchte mancher ab- 
soluten Wahrheit wahrer Ursprung aus einer Localität sich er* 
• klären lassen. — Der wirkliche lebende Mensch ist nun noch 
obendrein nur sehr selten ein theoretischer, gebildeter Philosoph; 
die Gesetze der menschlichen Natur aber, der moralischen wie 
der physischen, pflegen ihre Wirkung bei Bildung der Lebens« 
Verhältnisse in soweit zu äussern, als sie sich frei entwickeln 
können. Die Rechtsphilosophie wird sich also bemühen müssen, 
jene Naturgesetze kennen zu lernen, und auch die Mittel, den- 
selben unter gegebenen Verhältnissen eine so viel iJs möglich 
freie und harmonische Wirksamkeit zu verschaffen; sie wird 
lehren müssen, wie das, was einmal ist und besteht,- auf eine 
naturgemässe Weise verbessert und vervollkommnet werden 
könne (S. 4oa— 4o5), 

DaiTs die Ansichten des Herrn Rosn in diesen Punkten sehr 
oft mit denen zusammenstimmen, welche schon seit vielen Jahren^ 
von HugOj und in der neueren Zeit von mehreren sehr wür- 



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Annales de L^gisL et de Jurispr. 649 

£geii philosoplusclieii SclirÜ^telleni, namentlicli yon Schulze, 
Koppen und Bouterweck anfgestellt worden sind, Lnniclit kaum 
bemerkt zu werden« Auch der Verf. dieser Anzeige bat in 
tÜesem Sibne einen Versuch einer Begründang de% Na- 
tarreclits durch eine Vernunftidee (Bonn bei A.Mar- 
cos iSig) herauszugeben gewagt, in welchem er behauptet^ 
dafs allem Kechtlichen eine moralische Grundlage gegebca tej^ 
ein der menschlichen Natur inwohneudes besonderes Geseta^ 
welches die Ideen von Recht und Unrecht erzeugt und bei Bil- 
dung der geselligen Verhältnisse deren rechtliche Seite, also das, 
was man positives Recht nennt, bestimmt und hervorbringt, *) 

Auf eine unwiderlegliche Weise hat Hr. Rossi, wie es 
uns scheint, die hergebrachten Natnrrechts - Theorieen bestritten^ 
und gerne wurden wir was auf S. 394 — ^4o8 zusammengedrängt 
ist, hier wiederholen, wenn es die Bestimmung dieser Blatter 
erlaubte. Br nennt übrigens als seinen Aliirten auch hier wie- 
der Bentham, der jene Theorieen auch schon grundlich geprüft 
liaue (Prvicipes de Legislation Tom L S. g3 — 4o3 ff,), aber 
keinesweges ein Vertheidiger der Lehren von Hobbes und Hauer 
ist; da sein principe d'utäitS nicht ein Priocipium des Egoismus, 
imd des politischen Fatalismus, sondern der Grundsatz der Be- 
Tücksiditigung dessen^ was bei jeder Gesetzgebung jedes Mal 



*} In so fem hätte er nicht erwartet, daft man ihm yoni*erfea 
werde , es sey ihm alles Rechtliche « also auch dessen htfehite 
Idee, nu* das einmal «geltende* Er war erstaunt^ sich mit einem 
Schrifbteller in Geselisohaft zu finden, den er bisher aus man- 
nen Grnnden gar nicht genauer hat kennen lernen wollen. Denn» 
wenn die Htäürscbi Restanrationslefare so ist, wie er tie in vie- 
len Büchern dargestellt tindct; so muft er geradezu erklären, 
dafs er nichts mit derselben gemein habe* Ja ! es giebt kein 
getedf/ Rtebt als das, welclies von andern, gegen die wir es 
amäben wollen , anerkannt ist 5 allein die Idee des JUcbtUchin 
Mtihaift -braucht okht erst anerkannt zu werden, indem sie als 
aonllscbes Gesetz jedem Menschen inwohnt, und ihm die Pflicht 
der Gereehtigkcit anflegt. Auf welche Weise aber dieser Pflicht 
Genüge zu tnun sey, so da(s der andere, welcher dabei interes- 
sirt Ist» damit zofrieden seyn wird $ kann nur durch gegenseitige 
Verständigung d* n. durch Anerkennung bestimmt werden* Es 
giebt also ein Recht -— welches nns moralische Pflichten aoflegt, 
unabhängig von aller Convention und vom Staate ; a6er Rechte 
Einzeloer gegen einander, welche auf eine rechtliche Weise zu 
Tcrfolgea wären , giebt es nicht ausser durch Anerkennung und 
•im Staate. Freilich entsprechen dit in diesem fortgesetzten Re- 

ßhi nnd Grundsätze aber die Rechte nicht immer der höchsten 
ee des Rechts ; allein sie werden doch immer nnr durch Fest- 
setzung anderer Grundsätze sich ändern ; und die einseitigen 
Meinungen^ des Philosophen oder Lehrers des Naturrechu wer- 



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65o Annales de L^gisL et de Jorispr. 

dem wahren Interesse der Meos'clihat eotspricht. Wahrend alsQ 
jene Thcorieen den Menschen in abstracto betrachten, und, so 
zu sagen, chemisch zersetzen, ihm, wie Condillac seiner Statue 
Denkorgane, Ur- und andere Rechte ertheilen, betrachtet Herr 
Rossi den wirklichen Menschen, wie er im gesellschaftlichen 
Vereine sich findet. Aus diesem Vereine, und den jedesmaligen 
Bedürfnissen der Einzelnen, gehen deren wechselseitige Rechte 
hervor; sie müssen verscliieden scyn nach der Verschiedenheit 
der Verhältnisse. In diesem Sinne sagt er (S. 4o4) : 1« System« 
des obligations et des droits sociaux ne peut etre que Teusemble 
des resultats du fait de Tassociation d^elres intelHgens et sen- 
sibles. — Es wird natürlicher Weise Rechte geben, die sich in 
allen geselligen Verbindungen finden , welche sich nämlich aus 
diesen selbst, und aus den Bedürfnissen entwickeln, die allen 
Menschen gemein sind. In sofern giebt es ein ' droit social 
universell und droit social special ( S. 4o4)* Die Angabe des 
Planes, nach dem die philosophische Rechtslehre zu bearbeiten 
ist, findet sich S. 407. 4o8. — In diesem Geiste mülste denn 
auch das Recht jedes Landes behandelt und gelehrt werden. ~- 
Die Methode pflegt dogmatisch oder exegetisch zu seyn ; jene 
ist jetzt in Deutschland, diese besonders in Frankreich die herr- 
schende; nur die Verbindung beider kauu ausreichen. — Die 
höchste Aufgabe beim Studium des Rechts ist das Auflmden der 



den keine höhere Macht nn4 Wirkuni^ haben , wenn gleich die« 
selben für uamittelbare Aussprüche der Vernunft von ihnen sall- 
ten (gehalten ' werden. Das Aufdringen derselben durch Gewalt 
würde onrechtHch und tyrannisch seyn ( Siehe Bentbam Vol. !• 
S. i3t)«— > Dies als Bemerkung ge^^en die £r wagung jenes Versuches 
von Hrn. Prof- IVtnck im zweitt'n Excursus zu seiner Oratio tU 
juris naturae in studio juris civilis usu^ nunc sine ratione sfrtto» 
$• 49 Ltps* 1821. Herr Prof. *JVtnck widerlegt Meinungen des 
Verfassers welche dieser nie hatte, in der Absicht, wie es scheint, 
die Schule von Uw^^ zu bekumpfen* Nur eine Rüge In dem 
Werke (S. 66) müssen wir hier wieder rillen, Hr. Vu W. läfst 
nämlich den Verf. dieser Anzeige in der Themis (T I. S.8— 24) 
etwii sa{;en, was dort niemand, der nicht etwas Arges suchte 
finden machte. Er soll den Franzosen gesagt haben, difs alle 
Gelehrten Deutschlands über Naturrecht in den crassesten IrrthCi« 
mcrn befangen gewesen; da{s Hwi,o den rechten Weg iHltin ge- 
kannt und allen darauf verholfen habe, wie sie es jetzt allgemein 
anerkenneten Hätte Hr. Pr. W* nicht Stellen jenes Artikels 
der Themis in eine Verbindung gebracht, welche sie unter ein« 
ander nicht haben ; so würde er wohl jenen onverdienten ^us* 
itill nicht gethon haben* Doch wozu Polemik, die nnr selten der 
WissenVchaft fürderlich ist, indem sie ihre Bearbeiter entzweit, 
si»^fltt sie, was allein immer zu wünschen ist, mit einander zu 
vcreiiun. 



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Afmaks de L^gisU it de Jumpr. 65 i 

jataMAea Gnudsatze des Recbts oder der Gesetzgdbang (prm^ 
äpes do'igauuj S. 4^3* ^oi <>c keuuea zu lernen mafs das 
Reditsstudium historisch sejq. — Hierbei erklärt sich der Ver£ 
ober die Notfaweodigkeit einer gründlichen Kenutnifs des Rom. 
Rechtes in allen Staaten £uropa*s, als der besten Vorschule zur 
Zaristischen Büdung überhaupt und zum Studium des Rechts 
jedes Landes. — ^ Wir ubergehcq hier die einzelnen , obgleich 
sehr schar&innigen , Bemerkungen des Verfassers. 

Er end^ scinep Aufsatz ipit Betrachtungen nber den ^luck** 
Kclien EinfluTS) lyelchen eme richtig gfrleitete Rechtswissenschaft' 
auf den Zustand der pffentliclfen und bürgerlichen Verhältnisse 
liaben müsse, die alleiui aber nothwcudiger Weise, ein im Volke 
wahrhaft lebendes Recht würde erzeugen können« *— Avec une 
jeunesse ainsi preparee, sagt er S. 4a3 , avec une doctrine aussi 
fortefaeDt ctabüe que ne pourra-tron pas csperer pour l'heu- 
Tcux accomplissement de la fri^e qui nous a atteint, de cette 
crise qui entraineroit apres eile des maiheurs sans terme, fi 
Bous nous bornons auz palliatifs tlmldcs de Tinsoucience.*- Und 
S. 4^9 schliefst er mit folgenden Worten : Faisons des economi- 
stes poor ne pas avoi^ de^ jacpbins, formons enfin une genera- 
lion des citojens eclaires sous peinc d*avoir dans les mdmes 
hommes des sujets inquicts et plus tard des rebelles.« — * Das 
grofsartige Aufiassen der Wissenschaft ist es, was b^m Lesen 
dieses herrlich geschriebenen Aufsatzes so sehr anzieht. Mit ho- 
liem wissenschaftlichen Geiste greift der Verf. die wirklichen 
Verhältnisse auf; die Wissensi^haft hat n^ch ihm eine durchaus 
practische Richtung. In Sofern ist er für Frankreich und Deutsch- 
land gleich belehrend. Das edle Feuer, welches ihn begeistert 
nufs uns vom Süden her, aus dem wir seit langer Zeit keine 
solche Stipime vernommen haben, erfreulich und erhebend sejn; 
es wird den Funken des Eifers, der da, wo nicht alle Bemu- 
bungea n^t gehpfitem Erfolge gekrönt wurden^ zu erloschen an- 
fing, wieder erwecken und belebend erhallen. 

Die fibrigcn in den ersten beiden Bänden der Annales 
enthalteocB Artikel, welche zum Theil den Teutschen ohnehin 
Bekanntes enthalten, zum Tjieil in juristische Wissenschaften ein- 
schlagen, w^elcbe dem Verf. dieser Anzeige entfernter liegen, sol- 
len hier nur aufgefzahlt werden, — Im ersten Bande- stehen, aus« 
ser dem Aufsatze des Herrn Rossi : I. Auszüge aus Savigr^s 
Geschichte des Rom. Rechts im Mittelalter von Mtymer , der 
jetzt in Paris mit der Herausgabe einer Uebersetzung des gan- 
zen Werkes beschäftigt ist, 5, 70 ff. nnd 180 ff. (Dazu gehört 
Hoch aas dem zweiten Bande S. 99 ff.)« IL Eine Uebersetzung 
der Abhandlung von Meeren über die Entstehung, die Ausbil- 
dung und den practischen Einflufs der politischen Theorieen 



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652 ÜDnales de L^gisl. et de Jarispr«; 

im neueren Europa (histor. Werke iSai. B. I. S 365) S. t45 
— 23i TOD CA. Tremblejr. III. Ein Aaszug einer Vorlesung tou 
Luden in Jena vom J. i8i8, mit einer kurzen Einleitung über 
die Gescliiclite der Criminalgesetzgebungen der neueren Völker 
. £uropa*s, von /. Pictet S. 3 19. IV. Eine Uebersicht der Ge- 
schichte des Russischen Rechts, mitgetheilt von der gesetzgeben- 
den Commission in St. Petersburg, nebst Einleitung von Rossi*^ 
V. Ein Aufsatz über die Nothwendigkcit verschiedener Gefäng- 
nisse för verschiedene Arten von Gefangenen — von Dumont* 
S. aQd. — Der zweite .Band enthält in der 3ten und 4teu Lie- 
ferung^: L Mehrere die Rechtsphilosophie betreffende Abfiand- 
lungen; nämlich Nr. 1. Eine Vergleichung der Grundprincipien 
von Bentham und Kant S. i — 33. von Meynier, Nr. 6. Sur les 
principes dirigeans von RossL Nr* 10. Rccension von FritcU la 
science du publiciste von Cerclet» ( Alle diese Artikel stehen in 
Verbindung mit der angezeigten Abhandlung von RossL Sehr 
viel Treffliches enthält Nro. 6. über die leitenden Grundsätze 
im positiven Rechte). IL Auf Criminalrecht gehen: Nro. 3. 
Ueber das Criminalverfahren und die Geschwornengerichte in 
Beziehung auf den Canton de F'aüd. (In diesem Aufsatz, der 
sich auf die im J. «819 aufgegebene Preisfrage über die Jury 
bezieht, wird die gegenwärtige traurige Einrichtung des crim* 
Verfahrens in jenem Canton geschildert). Nro. 5. Uebersetzung 
einiger Bruchstücke aus dem Deutscheu Werke über die Ver- 
mehrung der Verbrechen auf Eigenthum in Südpreussen. (Die 
Geschichte des bekannten Crimtnalprocesses gegen die vermeint- 
lichen Thäter der Brandstiftungen wird wiedergegeben und be- 
leuchtet). Nro. ii. Bemerkungen über das neueste Werk von 
Dupin Sur quelques points importans de la Ugislation criminelle 
Paris 48%4. (Ohne Zweifel werden unsere so rühmlich thäti* 
gen deutschen Criminalisten von diesen Abhandlungen nähere 
Anzeigen geben). III. Auf den Procels bezichen sich: Nro 3. 
Sur Vexecution des jugemens prononces par les Trihunaux etran^ 
gers nebst Anhang eines neuen päpstlichen Gesetzes hierüber 
von Rßssi. Nro. 8. Anzeige von: Exposi des motifs de la loi 
de procedure civile de GenÜi^e par BeUat, von demselben. (Diese 
Abhandlung bat zwar eine locale Veranlassung, ist aber dock 
von allgemeinem Interesse). Nro. 9. De la puhlicite des Tri-* 
bunaux von Dumont, (Hinzugesetzt ist von Herrn Rossi ein 
aus dem angeführten Werke Dupins entlehnter Auszug einer 
Schrift von Pierre Ajrrault (Petrus jierodius) v, 1698 über 
diesen Gegenstand , welche die interessantesten und wahr- 
sten Bemerkungen enthält. Der Titel derselben ist : Dß 
Vordre et Instruction judiciaire, dont les ancicns Grecs et R(^ 
mains oni usS en aecusatiotis publiques, conferc a l'usage d^ 



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Aunales de Legisl. et de Juri^r. 653 

»fre France J. IV. Auf Rom. Reclit bczielien sich: Nro. 7. 
Die AnkundignDg der neuen Ausgabe des Corp, Jur. Cw. von 
Schröder^ Tafel uod Closjtus, französisch und lateinisch (zuerst 
im Archw für die civilistische Praxis bekannt gemacht). Nro. 12 
Eine Recenston von Berrjrat Saint Prix histoire du droit f omain 
Paris 4S%f S. 383 — 447 von RossL (Diese Recension ist scharf, 
enthalt beissende Satjre). *) 

Wir schliessen diese Anzeige der Jnnales mit Wiederho- 
lung der bei der Anzeige der ThSmu gemachten Aufforderung 
tn die Rechtsgelehrten Deutschlands, auch diese Zeitschrift des 
Auslandes, die, wie ihr Inhalt anziehend ist, iikt die Wissen- 
schaft von bedeutenden Folgen werden kann, — mit lebendigem 
Interesse aufzunehmen. 

X. A, Warnkönig. 



Omähologia suecica, Auetore S. NtLSSon, PKä. Doct, ik 
Acad, Lttndensi Adiuncto et Mtisei rerum natural, Praefecto 



€te. Pars posterior. Cum. IL tabidis aeneis pictis. Hav^ 
niae 48%4 , apud J, H. Schubothium. Xlrund Sij'j S, 
in S. 



D. 



eo ersten Theil dieser Ornithologie haben wir im Jahre 1818 
in diesen Jalirbüchern , Seite 616 mit dem gebührenden Lobe 
angezeigt, und die Vorzüge dieser Arbeit vor ähnlichen altem 



«) D9& man itch auch in Deutschland viel von diätem Werke 
des gelehrten Verfassen versprach, ist bekannt) d»{% mftn aber 
nicht darin findet, was man erwartet, werden die wissen, wel« 

. chen das Buch unterdessen bekannt geworden i^t. Fieilich ist 
CS der dicken bistoria juris von vnserm alten Hoßuann üQr unsre 
Zeit etwas gar zu ahnlich ) und eher ein Modell , wie eine 
Rcchtsgeschicbte nicht geschrieben werden m.üsse* Herr R, 
bfelt für nöthig» dies ausführlich zu beweisen. In wie weit 
Berryat von den einzelnen Punkten der Rechtsgeschicbte richtige 
Vorstellungen bat, wird nicht untersucht, ob er gleich nnglanb- 
Cch weit 'hinter dem gegenwartigen Standpunkt dieses Tbeilea 
der Rechtswissenschaft und der Geschichte zurück ist* Herr B* 
kätte ja nicht sagen sollen dafs er ülpitm und den nenanfgefun- 
denen Gi^us benutzt habe $ kein sachkundiger Leter wird es ibm 
glanben. Freilich bc«touert er, dafs er die Werke von Bugo^ 
Savi^^ Nithuhr u« anderen Dentschen Gelehrten wegen Unkunde 
der Deutschen Sprache nicht habe benutzen können ; desto fleis« 
aiger bat er aber aus Bach geschöpft, der dnrch ihn eigentlich 
«lerst in Frankreich möchte bekannt werden« Das Stndimn der 
Keciitqi;es6hichte beginnt tibrigena dueibstt Anok in Pult bat 



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G54 rßlsson Ornithologia suecica P* IL 

oder gleicKzeitigen entwickelt. Dasselbe i^unstige Urtheil mtis^ 
sen wir auch iiber diesen Thcil fällen, ja hinzufügen^ dafs der« 
selbe vorzüglich im zweiten Hefte (denn er ist in zwei Hefte 
zertheiit, von denen d^r erste die GraUatbres und Pinnipedes, 
der andre, welcher beträchtlich später ausgearbeitet und ge- 
druckt zu seyn scheint, die Palmipedes enthält) beträchtlich vor 
dem ersten Theile dadurch gewonnen habe, dafs der Verf. die 
Werke von Meyer^ Temminck, Meisner und Schinz benutzen 
konnte. Da wir nun das Eig^^thiimliche und Auszeichnende 
dieser Arbeit bei der Anzeigt des ersten Thetles herausgehoben 
und belegt haben, so glaubed wir hiei' uns begnügen zu kön- 
nen, wenn wir blos sagen^ ddfs die^lfr zweite Theil in demselben 
Gebte und mit demselben FleisSe behandelt sej, als der erste^ 
und J^eschränken uns auf einige tieiüerkungen über denselben. 

Bei den sogenannteif Lafidvogelii folgte der Verf., wie wir 
es auch angezeigt haben, sowohl in den Ordnungen als in den 
Gattungen fast unbedingt dem Systeme, welches Bechstein im 
4ten Bande seiner Uebersetzung der Lathanischcn Uebersicht 
aufstellte; bei den sogenannten Wasscrvögeln hat er zwar die- 
selben Ordnungen aufgenommen, jedoch diese, nicht immer ohne 
Vorgänger, weiter zerlegt, und eben so mehrere neue Gattun- 
gen aufgenommen. Sein System derselben ist dieses: Ordo» 
GralUpedei. Subordo L Cursoren (tridactjU). Sectio L Z>*- 



man das 44te Cap* von GthUn in der Uebersetzung herausgeben 
beni und sov^ar ganz neuerdingt 1822 Huj^o's Rcchtsgeschichte; 
freilich so zugerichtet^ dafs Herr Dr. Jottrdan sich genu'thigt sah, 
zu erkliiren : £r habe an der Uebersetzunu , die einen Deetw 
MeMdum seinem Kaiticns tua\ Verfasser und Herrn PonceUt zum 
Heraus^ber bat, keinen Antheih Letzterer hat im verHossenen 
Jahre zum ersten Male die Gesehichte des Rom« Rechts in Paris 
gelesen \ allein die im Jounat des Cours puhiics gedruckten Hefte 
Tassen beim Leser ein traufiges Oefiihl zurück; sie stehen ßer' 
tyäU Werk bei weitem nachy §a da(s wir annehmen müssen, 
Hr. PonceUt hübe keinen Antbeil aA diesem seltsamen ProHncte* — > 
Von einem Anhange der Recbt^gescfaicbte JS.*x, welcher eine hi^ 
stüire dr Cufos ( S« 37i «— > 611 dieses Buchs) enthält, thnt 
Herr R» keine Erwähnung» Wir finden dieses Schweifen nicht 
am rechten Orte^ indem nach su bitterem Tadel ein Werk des* 
»elben Verfassers nicht hatte übergangen werden dürfen, in 
welchem derselbe recht eigentHch auf seinem Felde ist* Man bat 
schon in den GOtt« Gel« Anz* Herrn Berryats historische Ge* 
nanikkeit bewnnoert^ nnd auch diese Biographie Cnjas verdient 
das Lob der 6en8i|igkeit im höchsten Grade* Wenn sie gleich 
nicht pragmatisch und wahrhaft historisch ist \ so liefert sie dooh 
einen sehr wichtigen Beitrag zur juristischen Ltteriirgescliicbte 
im iten Jibrhnnderts« 



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inisson Ornithologia snecica P. IL 055 

|ih> memirana ad hasin umctis. Otis^ Chatairias. Sectio FI. 
Digitis plane fissis, Calidris, Subordo IL VadtUores (tetrada-- 
itjiij. Sect. /. Tibüs et femorum parte nuda longioribus, 
Digitis vel onuiibus vd extimis daobus, sattem ad primam arti" 
cuiationemj membrana iunctis, Recutuirosira, Platedea, Eury^ 
norhynchxu, Ciconia, Grus, Ardea Tantalus, Namenius Limosa, 
Glottis, Totanus, Vdneüus, Sect. IL Tibiis et parte nuda femo^ 
Tum brevioribus; digitis ad basin plane ßssis. Morinella (Strep^ 
Sias lüig), Tringa, Scotopax, Rollos, Gallinula. Ordo, Pin-- 
natipedes. Sectio L Membrana margincdi digitorum lobata, 
Phalaropus , FuUca. Sect. IL Membrana matgi/iali digitorum 
integra. Podiceps, Ordo Palmipedes. Tribus L Pedibus tri-- 
dactflis. Alca, Uria, Tribus IL Pedibus tetradactyiis, Sect. L 
Digitis anticis membrana integra iunctis , pedibus liberis, * A. 
Rostro edentulo. Cofj-mbus, Sterna, Laras, Lestris, Procellaria. 
B. Rostro dentcUo s, lamellato, Cjrgnus, Anas, Anser, Mergus* 
Sect. IL Digitis omnibus membrana iunctis Carba, Sula, Prüfen 
wir kunlich dieses Sjstem, so ergiebt ^ich zuförderst, dafs der 
Verf. die Ordnungen so annaliin, wie sie zuerst Pennant (in 
seinen Genera of birds) aufstellte, indem er ^wischen den Sumpf- 
so^elwk und* Schwimmvögeln eine Ordnung '%with pinnated feet^ 
einschaltete, welche aus den, auch nach Hrn. N. hieher gehöri- 
gen Gattungen bestand. Er hatte hierin Latham und Temminck 
zu Nachfolgern. Gleichwohl ist die Ordnung: Pinnatipides der 
Natur giinzUch zuwider, und ihr weit getreuer stellte Linne, 
dessen Gattungen, nach unsern gegenwärtigen Ansichten, grosse- 
sientheils als Familien Zu betrachten sind. Die Phalaropen zu 
seinen Tringis, seine Fulica Chlor opus zu seinen übrigen Tringis 
und. die Podicipedes zu seinen Cofymbis , als dafs diese drei 
Gattungen in £ine Ordnung vereinigt und die Pkalaropi Ton 
den übrigen GraÜipedibus, die Podicipedes von den Paimipedibus 
getrennt werden dürften. Jene sind den Sumpfvögeln, diese den 
Schwiounvögeln im ganzen äussern und innern ßau des Körpers, 
in der ganzen Lebeosart aufs genaueste verwandt. Hr. Tem" 
mutck sagt zwar in Absicht der erstem (Man. ed. st p* 745. 
itote) 9/e ne *vois pas commcnt on a voidu associer de telles 
moeurs et des formes si disparates as^ec les Becasseaux et les 
Chevaliers M. sind denn aber die Sitten so verschieden? Schwim- 
men die Totani und Tringae^ ungeachtet ihrer minder dazu cnn- 
gericbteten Füsse, nicht eben so, wie die Pkalaropi? Und es 
mochte doch wahrlich Herrn Temminck schwer fallen, in der 
BOdung der letzteren und erstem etwas anzugeben, welches einen 
Unterschied als Ordnung begründete, wozu doch blps bclappte 
Fasse nicht hinreichen. Wollte man dergleichen als so wichtig 
inseiui. 90 durfte die Gattung Castor nicht mehr zu denNagem^ 



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656 Nilsson Oniithologia suedca P« IL 

die Dftiseus nidit mehr %n den Käfern geziMt werden^ tmi 
Hdix und Umneus mubten in verscliiedenen Ordnongen stehen. 
Weit consequenter bildete Brisson aus der ersten Sectio nnsers 
Ver£i« eine besondere Ordnung, (welcher er aber sehr richtig, 
FnUea CfUoropus Linn hinzufügte, denn diese hat allerdings mit 
schmalen Hauten eingefafste Zehen, welche der Wachtelkönig^ 
und andre Gailinulae nicht haben) und eben so aus der zwei- 
ten« Der Natur nach angemessener stellte der vortreffliche Jiajr 
die Linneischen Raili und Ftäicae zusammen, als: 9j4wes inter 
%Natatri'ces et circum aquas versantes meduie€ und in der That 
ist es nicht leicht zu entscheiden, ob diese Vögel der Natur ge- 
masser mit den Sumpfvögeln vereinigt, oder als eigen thumlicho 
Ordnung betrachtet werden. Die Ünterabth eilung der GraUi" 
pedum in dreaehige und *vierzehige hat der Verf. unstreitig voa 
Me^rn entlelmt^ aber sie ist eben so naturwidrig, als die Ord*- 
nung Pinnntipedes ; denn der sonst so streng das künstliche Sy- 
stem befolgende Brisson sähe schon ein, dafs der Sonderling' 
(Calidris), ungeachtet der ihm mangelnden Hinterzehen von dea 
übrigen Tringts nicht abgesondert werden dürfe; und die Gat- 
tungen Charadrius und f^cmellus sind sich so ähnlich, dafs sie 
wohl besser in eine einzige Gattung vereinigt, als in zwei Un- 
terordnungen zertrennt werden. Auch bei den Wasservögeln ist 
die Gattung Cdjmhus den Alcis und Üriis weit näher ver- 
wandt, als den Sternis, Laris u. s. w. Wir haben es für nütz- 
lich gehalten, diese Bemerkungen über das System nach unserer 
Einsicht hier mitzutheilen, theils weil wir überzeugt sind, dafs 
Hr. N. ohne vorhergegangene Prüfung es nicht so aufgestellt 
habe, theils. weil wir wissen, dafs mehrere angesehene und mit 
Redit geschätzte Omidiologeu sich mit dem System der Vögel 
gegenwärtig beschäftigen: 

Die Gattungen sind fast dieselben, wie die neuem Deut-* 
sehen Ornithologen sie 'annahmen, nur ist von der Gattung To^ 
tanus die Glottis getrennt, dagegen ihr der Krampfhahn zuge- 
sellt, jedoch mit der Bemerkung, dafs er zwischen den Totanis 
und Tringis in der Mitte stehe, und vielleicht am besten eine 
besondere Gattung ausmache, worin wir dem Verf» vollkommea 
beistimmen; auch geschähe dies bereits von dem nicht genug 

Sekannteu Hföhringj welcher ihn Fhäomachus, so wie Cwicr 
iachetes nannte« 



iDtr BtschlHfi f(^) 



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^=42. Heidelberger 1822, 

Jahrbiicher der Literatur. 

NiLSSON Ornithologta suecica. ^ 
{BesOfitffs.) 

Unstreitig \rerdcii es alle Naturforscher dem Verfasser danken^ 
dafs er bicr einige nähere Nachriebt von der Platalea pygmaeu, 
Lüitu giebt, deren Daseyn von einigen sogar bezweifelt wurde^ 
da sie nur Lüuie und ( vermuthlich nach demselben Exemplare) 
in der Folge Thunberg beschrieb, in dessen Sammlung sie der 
Verf. sähe, obgleich das Vaterland dieses Vogels unbekannt ist. 
Zu den Lofflern gehört er nicht, ist vielmehr den StrandlaufAn 
nahe verwandt, und bildH nach der Ansicht des Verfs. eine 
eigene Gatlnug, welche er Eurjrnprhjrnchus nennt, und so cha- 
ractensirt: '»Rostrum mediocre, subUres, apiee dilatatissimo, 
%subangulaio. N-ares •parmae lineares , jiixta basin rostri, di" * 
^stajues. Fe des breves digitis usque ad bmin ßssis,€ Die ein« 
agc Art nennt er Eurynorhjnchus grCfeus. 

I>er beträchtlichen Bereicherungen , welche die Schwedi- 
seh&i Faunen Linnö's und Rettiits's durch den Verf. erhalten 
babea, erwähnen wir nicht, weil sie jeder erwarten wird; eben 
so wenig der vielen Berichtigungen der frühern Schwedischen 
Faunen und des Linneischen Natursjstems , indem die Verschie- 
deoheiten, welche besonders bei den Sumpf- und Wasser -Vö- 
geln im FarbeokJeide nach Alter und Jahreszeit vorkommen, hier 
sorgfaltig angegeben, und diese Angaben um so schätzbarer ^ind, 
d^ sie grossesten Theib bei den Sumpfvögeln mit den Tem- 
nuack^sdbeu übereinstimmen, weiche Hr. N. damals, wie er den 
ersten Heft dieses zweiten Theiles schrieb, noch nicht kannte, 
«ad mithin die einen die andern bestätigen. Nur folgendes 
wollen wir in Kucksicht der Arten bemerken. Tringa Citidus 
kaooCe Linnd aus eigener Ansicht nicht, sondern entlehnte ihu 
Ton ßrisson, der auch treffliche Beschrcibuug und Abbildung 
Ton ibm lieferte. Beckstein hielt ihn für Totanus Hjpoleucos, 
nnA wir fugen hinzu, Temminck den Brissouscheu Cinclus für 
Tringa variabäis, und die Abbildung desselben in den PL mL 
fSr T, subarquata. Nach dem Verf. ist es eine eigentliümlichc, 
wiewobi der T. variabäis sehr ähnliche Art, welches auch seine 
ficsclireibung und Abbildung zu' beweisen scheinen. Beckstein 

* * " / Pigitizedby Google 



658 John Thomson Beobachtungen- 

und Temminck kennen wahrscheiolicli beide diese Tringa CinduJ 
ntolit, oder verkenneii sie. Noch als eine ganz neue Art ist hier 
eine Scolopax PaykuUti beschrieben und abgebildet, welche nach 
Temmmck (Matt. ed. ü f. 67g) Lathams Scolopax grisea und 
im hochzeitlichen Kleide dessen, 5« Nouebormcensü ist* Auch uns 
ist dies -wahrscheinlich, nur scheint uns dieser, uns aus Ansicht 
ganz unbe^ntCj Vogel eher eine Limosa als eine Scolopax zu 
seyn. .^ ^ 

Im Supplement zum ersten Theile sind noch hinzugekom- 
men, Merops Apiaster und SyWia rufa mit andern nicht un- 
ndthigen Bemerkungen. 

• Dies, nebst dem was wir über den ersten Theil dieses 
Werkes gesagt haben, wird hinreichen, die Freunde der Or- 
nithologie auf eine der schätzbarsten Arbeiten in ihrem Fache 
aufmerksam zu machen. 

M — OT* 



4) Beobachtungen aus den Brittischen Militärhospitatem in Bef^ 

gien,'nacfi der Schlacht "von fVateiioo^ jiebst Bemerkung 

gen über die Anyautation "von John Tiiomsoh, consuUiren^ 

dem Arzte am Edinburger New^town Dispcnsarjr , Profes^ 

sor der Chirurgie am königL CoUegio der tV^undärZtm, 

königl. Professor der Militär^ Chirurgie zu Edinburg e/«, 

. Aus dem Englischen übersetzt von H» IV, BübKj Med, et 

' Chir. Dr,, vormaligem Assistent - fVundarzte bei der Uar^^ 

seatischen Brigade, Mitgliede der mineralogischen Gesetl-^ 

Schaft zu Jena, practischem Arzte in Hamburg, Halle in der 

Rengerschen Buchhandlung tSuo* St^o. F'IIJu.hJSS, 4 ReF. 

%) Bemerkungen über einige mehlige Gegenstände aus der Feld» 

wundarzneij und über die Einrichtung und F'erwaltung der 

Lazarethe, von Joan Hbsnkn, Dezuty - Inspector der Sol-^ 

datenspitäler. Aus dem Englischen übersetzt von fViioELM 

'SpnsNGXL, Halle in der Rengerschen Buchhandlung 48lio» 

ly und 4g4 S. ü Rihlr. 

W ichtig sind die Fortschritte, welche die Mcdicin und Chirur- 
gie durch die mitgethcilten Beobachtungen der Aerzte und Wund- 
firzte bei den Armeen in den letzten kriegerischen Zeiten genaaclit 
hat, und mancher interessante Beitrag zur Beförderung der Heil- 
kunde läfst sich bei fortdauerndem Frieden und daraus hervor- 
gehender grösserer Mufse der Mtlitä'rante erwarten. Es ist Pflicht 
eines Jeden, dem das Wohl der Wissenschaft zu Herzen geh^ 
seine erworbene Kenntnisse mitzutheilen, damit sie ihrem Besitzer 



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>lohii Tbomsoit BeobachtuDg;en« 65(| 

tocU alieia nützen ^ und- die gebildete^ unterrichtete uod thatigc 
Aente, die io den letzten Kriegen hescliäftigt wa^en, aufzufor* , 
dem, ihre belangreiche Erfahrungen uo^ Beobachtungen bekannt 
zu machen*. Mit Dank nimmt die Wissenschaft auf, \va8 beide 
ferdienstTolle Männer^ Thomson und Hennen hier geliefert, und 
die Herren Sprengel und Buek haben durch die Uebersetzung 
dicker Schriften sich kein geringes Verdienst bei dem deutschci) 
Publichtii erworbetti 

Was die Schrift des Herrn Pr. Thomson belriffi, so be- 
merkt derselbe in dem ersten Abschnitt, der xAasc den allge^ 
meinen Zustand der Verwundeten handelt, dafs ausser dem Wund-» 
fieber nur zwei Rrankheitsformen in den belgischen Hospitälerii 
herrschten, nämlich |{allichte remittirende und Intermittirende 
Oit^^att^ und Hospitalbrand. Der letztere schien ihm in Bei-* 
gien endemischer Katur^ und nur unter den Umstanden in den 
Hospitälern zu hemchen, wo auch das endemische Fieber sehr 
hiühg und heftig auftrat. In den Fällen, die ihm in England 
vorkamen, schien er contagiflser Natur $ der Verf. bezweifelt, ob 
er in den belgischen Hospitälern je von einem Kranken zu dem 
andern' übergegangen %t^y er war meistens in Antwerpen ohne 
1*1 eber, ohne Zeichen einer bedeutenden ortlichen Entzundungi 
was in Brüssel nicht des Fall war. R. stimmt mit den Ansich« 
ten des Verfs. in Ansehung der endemischen Besclüififenhcit des 
Hoaplläibrandes voUkomittoti übei'ein^ und hat ihn in Holland 
häuEg obii^ Fieber und bedeutende Entzündung angetroffen, 
und deswegen auch den Rampferschleim vorzüglich wirksam gre« 
fuuden. Der zweite Abschnitt bündelt kurz von den verschre- 
deoen Arten von Wunden. Dem von Larrey empfohlepen Cau- 
terium actuale im Tetanus und Trismus schenkt er keinen Glau- 
2>eil. Die Wirkung der Luftstreifschüssc vergleicht der Ue- 
bersetzer dieser Schrift mit dem bekannten Experiment^ dafs 
wenn man mit einem Messer auf einen unter ein Tuch gehalte« 
teoen Apfel schlägt, dieser durchschnitten wird, das Tuch un- 
Tc^Jetzt bleibt ? Merkwürdig ist das Auflioren der Cirkulation 
in den grossem Arterien bei gequetschten und zerrissenen Wun* 
denj wovoii hier Erwähnung geschieht Wo der Verf. von den 
Schafswunden handelt, wünscht <;r, und das mit Recht, dafs die 
Falle' genau bestimmt würden; in welchen die Erweiterung der 
Schulswunden nöthig sej. Wo es bei Blutungen zweifelhaft ist, 
ob man die Arterie blofs legen dürfe ^ giebt der Verfasser die 
Cooipressionsniethode durch Compressen von Schwamm oder 
Scbarpie, die duu^h eine Cirkelßinde von dem Ende des Glie-- 
4es her fest angedrückt wenden, mit Recht den Vorzug vor dem 
Toorniquet, welches letztere aber, wie der Uebersetzer wohl 
Wmerkt, in der miliürbcben Praxis sobald uucU nicht entbehr'* 

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G6o John Thomson .Beobachtungen. 

lieh werden wird. Nach dem sosten Tage bat der Verf. bei 
Schufswunden vollblütiger Personen nach zu reizender Diät 
Bjutungen wahrgenommen , wo* immer Hitze , Schmerz und ^Po* 
chen in der blutenden Oberfläche vorhergingen. Bei der ün- 
tomichung der "Wunden und Stümpfe der an dieser Verblutung 
Verstorbenen konnte derselbe selbst durch Einspritzungen die 
Gewisse nicht aufikiden, aus denen kurz vor dem Tode das Blut 
so stark geflossen war. 

Der dritte Abschnitt handelt f ou den Kopfwunden, wo von 
Aen Scheel Wundfi^/ der Verletzung de^ Gehirns, der Betäubung . 
und Lahmung, der Entzündung, den Fungen/ der Depression 
der Schädelknochen gehandelt wird. Wenn die Verletznng deut* 
lieh die eine Seite <les Kopfes getroffen, so zeigte sich beständig 
die Lähmung auf der entgegengesetzten. Der Verf. unterschei- 
det zvvei Arten der secundären Entzündung ftach Schufswunden 
und andern Verletzungen des Kopfes: die eme beschrankt sich 
auf den mehr unmittelbar getroffenen Theil, die andere verbrei- 
tet sich mehr odef* weniger über das ganze Gehirn und seine 
Itfembranen Die Fungen waren in den meisten Fällen entwe* 
der von Betäubung . oder Lähmung, oder von andern Zeichen 
einer Compression des Gehirlis begleitet. Der vierte Abschnitt 
bandelt von Gesicht" und Htdswunder^ und -enthält wie .der 
finjte von den Brustwunden viele interessante Fälle. Bei Brust- 
wupden beobachtete der Verf. nie die Entflirbung der Lenden- 
gegend durch Blutinfiltration als Zeichen der Blutejrgiessung im 
Sacke der Pleura, wahrscheinlich weil die«e gering oder gar 
nicht vorjianden war. Vom Emphysem zeigten sich nur wenige 
Beispiel^ Der Verf. hält es für einen interessanten Gegenstand 
einer Preisfrage , die Fällö^ anzugeben , wo Wirken und Stö- 
ren bei Brustwunden vorthcilhaft oder schädlich sejen. 

Der Abschnitt von den Bauchwunden enthält ebenfalls wich- 
tige Fälle. Der Verf. empfiehlt vorzüglich reichliche Blutent- 
ziehungen und ein streng antiphlogistisches Verfahren l>ei allen 
Verletzungen der Baucheingeweidc. Bei ein^em jungen Manne^ 
bei dem eine Kugel durch die Hoden gegangen war, fanden 
sich Anfälle, wie hei hysterischen Personen. Der Abschnitt von 
den fViinden der Lendengegend 'und des Beckens bietet eine 
grosse Mannigfaltigkdj von Fällen dar, so wie der von den 
Kunden der untern Extremitäten. Bei Gelegenheit der Schen- 
kelwundeu empfiehlt der Vf. den englischen Aerzten zur Nach-, 
ahmung die gröfste Sorgfalt, die gebrochenen Gliedmassen zu 
behandeln. Den Nutzen des bekannten Apparates zur bestäudi- 
|[en Ausdehnung setzt ^der Verf. in Zwa'fol, doch unsrer Einsicht 
nach mit Unrecht. Den Scblufs machte eine Reihe belangreicher 
Erfahrungen über die H^unden der öbem Gliedmassen. 



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John Thomson Beobachtungen. 601 

Ajn Ende dieses Werkes sind interessante Bemerkungen 
fter die Amputation. Nach einer Einleitung über die Geschichte 
^er AflAputatioo in der Milrtärpraxis, und Darstellungen der Mei- 
BungeD von, Celsus bis Guihrie, wo auch die unserer deutschen 
Wundärzte gewürdigt werden, z.eigt der Verfasser die Vorzüge 
der augenblicklichen AmpoCation , nimmt Röcksicht auf die Am- ^ 
potatiooen bei Waterioo j deutet die Vcj letzungen an , welche 
die augenblickliche Amputation fordern, und geht dann über zur 
Geschichte der Amputation aus dem Hüftgelenke, bemerkt dio 
erste Ausföhrung in England, zeigt die Amputationen aus dem 
Hüftgelenke in Belgien au^ und kommt endlich zu dem Resultat 
für Aie Amputation ; worauf die Fälle, die dieselbe sogleich er- 
fordern; und die Fälle, die dieselbe secundär erfordern, ange- 
geben w^erden. Wenn diese Bemerkungen auch nicht ganz voll- 
ständig' sind, und Manches zu wünschen übrig bleibt, so ver- / 
dient deraohngcachtet der gelehrte Herr Verfasser auch für 
diese mäbsame Arbeit das gröfste Lob, und den Dank von 
Kennern. 

Die Schrift von John Hennen giebt uns über die ganze 
Sescbaffecheit der englischen Feldwuudarznei Aufschlufs, und 
laisC sich über manche, in dem vorher angezeigten Werke blo» 
kurz angedeutete, Gegenstände wcitläuftiger aus, sie enthält eine 
Menge interessanter Krankengeschichten, vortrefflicher Bemerkun- 
gen, Ansichten undpractischer Regeln. Wer mit der militären 
Gesundheitspolizei der deutschen Mächte vom ersten Range be- 
kannt ist, wird durch Vergleichung derselben mit der englischen 
aDerdings finden, dafs bei dieser Manches besser, auch nicht 
selten schlechter ist. Der He^ Ucbersetzer hatte sich vorge- 
BommeOy die Mängel dieser Schrift durch Bemerkungen, als An- 
hang zu derselben, offen zu legen, besonders auch aufmerksam 
zu machen anf das rohe empirische Verfahren der Engländer in 
der Therapie, ihre Opcrationsliist, und die Verachtung, womit 
M ausser den Franzosen Alles betrachten, ferner seine Erfah- 
mogen mit denen des Verfassers zu verbinden; da unterdessen 
das Buch zu dick geworden, und die Zeit zu kurz war, so 
Tersprichl derselbe seine Bemerkungen und Erfahrungen in 
einer besondern Schrift zu liefern, wodurch er sich, wenn 
asch nicht bei den Engländern und. manchen Deutschen, die 
imbedingte Anbeter des Treibens und Wesens derselben in 
der Medicin und Chirurgie sind, kein geringes Verdienst erwer- 
ben wird. Der Verfasser selbst rügt hin und wieder manche 
Fdiier. Gleich im Anfange des Werks gab derselbe uns eineu 
Begriff voo dem niedrigen Standpunkte der Feldwundarznei in 
Ei^iand noch vor wenigen Jahren; seine vorläufige Bemerkung 
gCB, und die hier angegebenen Vorbereitungen zum Feldzuge, »o 



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66a John Thqaisou Beobachtungen. 

wie den A^^sclmitl ?oif der BespLaffenheit * der Waoden im All-r 
gemeinen, ihrer ersten ' Behandluii^, der Wirkungsart der Kugeln 
wird man nicht ohne Interesse lesen. Wo dpr Yerfc von deq> 
Feld^talern handelt, macht derselbe auch ;^uf den grossen Nu- 
t^n aufmerlüsam, den die Erhöhung der Lagerstelicn nach ßruf^ 
mans in den Spitälern hatte; sobald man diese Einrichtung traf, 
bekamen alle Wunden und Geschwüre alsobald ein besseres 
Aussehen. In dem Abschnitte, der vom Verbände und der irzt-r 
liehen Bel^andlung im Allgemeinen handelt, und viel Gutes, aber 
auch Manches enthält, dem wir unbedingt uniern Beifall nicjit 
schenken können, druckt der Verf. sich selbst mit Rücksicht auf 
die oben bemerkte Operationslust also aus; Sehr leid thut es 
mir gestehen zu müssen, da'Js ich sähe, wie Wundärzte selbst 
von hohem Range untl langer Erfahrung, einem gewissen l^itzel 
%VL operiren nicht widerstehen konnten, Messdr, 2Unge oder 
Sonde bei jeder Gelegenheit ergriffen, und sogar gebrochene 
Glieder auf eine höchst unbedachtsame Weise handhabten. Es 
macht seinem Herzen Ehre, 'dafs er den Wundärzten überall ciu 
mildem und menschliches Benehmen beim Verbände empfiehlt. 
Der Nutzen der Darmauslcerungeu, den der Verf. bei Wunden 
wahrgenommen hat, gründet sich allerdings auf die gastrische 
Complication, als Eolge des Einflusses des Clima's und der Le* 
bensweise der Soldaten. Der Abschnitt von Ausziehung frem* 
der Körper enthält mehrere sehr interessante Fälle von der Wir- 
kung und dem Laufe der Kugeln. Diesem folgt ein anderer 
Abschnitt über noch weit wichtigere Folgen der Schüsse, näm- 
licl^ übe^ heftige Quetschungen und Erschütterungen, wo beson-» 
ders auch . dit* Falle hervorgehoben werden , wo Leute todt hin- 
stürzen, bei denen man nachher keine örtliche Verletzung ent- 
deckte. 

Ein starker Abschnitt ist den Knochenterletzungen gewid- 
met, wu Weidmans Abhandlung über den Knochenbrand ge- 
hörig gewürdigt wird , und vortreffliche^ Bemerkungen über das 
manchfaltige Lcideh der Knochen angetroffen werden. Dieser 
Abschnitt schliefst sich damit, dafs es dem Verf. scheine, dafs 
die Ausschneidung des Kopfes vom Scbulterknochen überhaupt 
melir tu den Studierstuben glänze, als auf dem Schlachtfelde 
anwendbar sey. Die Folgen der Gcleukverletzuug werden durch 
mehrere Fälle <dargethan. Dem Verfasser sind nur zwei Fälle 
vorgekommen, wo das Glied bei starken Verletzungen des Knie- 
gelenkes erhalten wurde, und nur bei einem stellte sich der Ge- 
brauch desselben ganz wieder her. Wo der Verfasser von Öet 
Steifheit der Glieder handelt, die nach Verletzung derselben 
folgt, wird eine einfadie Maschine beschrieben, deren man sich 
im llilsea- Spital zur AbheUuug. von Krümmungen bedient. Bei 



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iobn Thomson Beobachtungen« liO^ 

cbugen FaUen Ton GelenLstelfigkeit fand der Verf. die Muskeln 
(Dtweder zerrissen , oder gewaltsam von einander getrennt, bis- 
weilen auch so ganz aufgesaugt, dafs sie zur Bewegung des Glie- 
des YÖUig untüchtig waren. Auch knöcherne Niederschlage hat 
er au ihren Bäuchen und Sehnen I)emerkt. In ,dem Abschnitt 
von den Verletzungen der Blutgefässe bemerkt der Verf , daft 
die Zald derer, welche nach Verletzungen grosser Schlagadern 
sterben 9 die der Geretteten bei weitem übertrefie, und macht 
darauf aufmtrksam, wie die Gefässe so oit bei Schufswunden 
unverletzt bleiben j das ferner hier vorgetragene Merkwürdige 
wird ebenfalls durch lesenswerthe Kraukengi^chichtep bcstätigf. 
Bei den Verletzungen der Nerven wird auf die reissenden Schmer- 
zen und sympathischen Gefühle, die anscheinend in den Fingern 
oder Zehen abgenommener Glieder wahrgeuommep werden, vor- 
zügUch hingedeutet. 

In dem 'Abschnitt über einige Allgcm einleiden in Folge von 
SchuOswunden wird vorzüglich von dem entzündliclien Fieber 
und dem hectischen Fieber gehandelt, auch auf einige Ursachen 
zur Entwicklung ansteckender Fieber hingedeutet, und auf nütz- 
liche Vorsorge zu deren Verhütung aufmerksam gemacht; wobei 
fremdem Verdienst die gebührende Gefechtigkeit nicht versagt 
wird. Darauf geht der Verfasser zu einer der grofstcn Geis- 
sein der Feldspitäler, nämlich zu dem Uospitalbrand über, den 
er in den Lazarethen in Spanien, Portugal und den Niederlan- 
den beobachtet hat, und der hier vortreflüch gescliildcrt wird; 
die Wunden bekamen durch dessen Hinzutreten alsobald eine 
kreisrunde Form, ihre ursprüngliche Gestalt mochte gewesen 
sejn, welche sie wollte, diese Form der Geschwüre und das 
schnelle Fortschreiten des üebels werden als vorzüglich bezeich- 
nend hier angegeben. Oertliche Mittel hctrachtet aber der Vf. 
bei dieser Krapkheit zu sehr als Nebendinge j übrigens that er 
wohl, auf die allgemeine Behandlung die gröfste Aufmerksam- 
keit, zu richten. Brech- und AbführungsmiUel "werden von dem- 
selben vorzüglich empfohlen. Traten typhöse Zufälle hinzu, so 
wurde wie bei reinem Typhus verfahren. Nachtheilig fand der 
Verf. grosse Gaben der China, wenn nicht die vollen Auslee- 
rungen vorgenommen waren, und die Absonderung des Todten 
vom Lebendigen sich noch nicht eingefunden halle. Mit dem 
October stellten sich genügende Anzeigen zur Aderlafs ein, und 
nun wurde eioe Adeilafswunde nie mehr brandig, du friiher der 
ieiclitcste Rüs in Versch wärung überging. Nach dem Hospital- 
knnd trifft die Reihe den Wundbrand, oder die nicht anste- 
ckende örtliche Absterbung, wo der Verf. die Frage zu beant- 
worten sacht, wie min zu verfahren habe, wo die Absetzung 
eioes Gliedes durch dcnf.elbcu bedingt wird. Fälle werden an- 



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664 Meckel Lehrbuch d. gerichtHcfaea Medidn, 

gedeutet wo das Leben in Gefahr kommt, wenn man auf die 
AbsonderuDgsliiiie wart^, um die Operation Torzunebmen. Dann 
wird in diesem Werke vom Starrkrämpfe geliandelt. Nie war 
der Verf. so glücklich einen acuten symptomatischen Starrkrampf 
zu heilen; die Leichenöffnungen täuschten immer seine Erwar- 
tung, Ehe der Verf. lu den Verletzungen der einzelnen Theilc 
kommt, wird noch ausführlich von der Amputation gehandelt, 
und von dem Grundsatz ansgegangep, den viele Wundärzte sich 
tief einprägen sollten, dafs die Rettung eines Gliedes unendlich 
viel mehr Ehre mache, als die Verrichtung vieler, wenn auch 
glücklicher Operationen ; doch fügt derselbe die Bemerkung hinzu, 
dUfs es immer bess^ für einen Menschen ist mit drei Gliedern 
zu leben , als mit vier todt zu sejn. 

Was endlich die Verletzungen der einzelnen Theilc betriffir, 
. so vrird hier zuerst\ von den Kopfwunden, nachher von den 
Verletzungen des Auges, des Öhres, des Antlitzes, den Hal»- 
und Brustwunden, den Verletzungen des Herzens uud zgletzt 
von den Wunden des Unterleibs, Beckens u* s, w. gehandelt, 
und jeder Gegenstand durch merkwiTrdige Falle beleuchtet. Aus- 
ser den vielen Thatsacheo, die der Leser in dieser Schrift ßndcn 
wird, sind die Aufriclrtigkeit und Reinheit zu loben, mit der sie 
vorgetragen sind, sp dafs wir diese Schrift dem Wundarzte upd 
vorzüglich dem militärbchen bestens empfehlen können; wo so 
vieles Gute sich findet, wie in dieser Schrift 'wirklich zu finden 
ist, mufs man uiAnchen Fehler mit Nachsicht behandeln. 

s. 



Lehrbuch der gerichtlichen Medicin, Von ALanEcar Meckel, 
Professor der Medicin. Halle 4S%4, 54^ S. *gr. S» Si Rthlr. 

JJer Hr. Verf. des, hier anzuzeigenden,^ neuesten Lehrbuches 
der gerichtlichen Medicin hat seine frühere, die Staatsarzneikunde 
betreffenden Studien bereits in verschiedenen andern Schriften 
dem gelehrten Publicum vorgelegt. Wir besitzen von demsel- 
ben eine Diss, de causis infanticidii , welche derselbe pro fa" 
cvdtate legendi zu Halle im J. i8i5 schrieb. Später erschie- 
nen: einige Gegenstände der gerichtlichen iMedicin, Halle 1818, 
und Beiträge der gerichtlichen Psychologie Halle i8ao. Die 
Zahl dieser Schriften, die binnen wenigen Jahren einander folg- 
ten, beweist also an sich schon eine unausgesetzte und fleissige 
Beschäftigung mit der gerichtlichen Medicin. 

In der Vorrede erklärt sich der Verf. über die Beweg- 
gründe zur Ausarbeitung eines eignen Lehrbuches, wiewohl e» 



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lleekel Lebrbiidi d. gerichtlichen Medicia« i6S 

« Denen Compeiidien der gericlitliclien Medicin gar nicht felile« 
. TorksuDgen nach gedruckten Compendien zu halten 9 $ej die 
lern jetzigen Stande der Kunst und Wissenschaft am meisten 
entsprechende und den Zweck des Unterrichtes am besten för- 
dernde Methode. Aber bei einem fremden, das man zv^m Gründe 
kgc, erfordere die. Ergänzung und Verbesserung, auch woW die 
blosse UmSnderung nach eignen Ansichten, ermüdende mtindiiche 
Widerlegungen pud schriftliche Dictate. Wenn also der Lehrer 
seine Ansiditen mit denen im Lehrbuche enthaltenen nicht aus- 
lugletcben im Stande sej, aber seine Eigenthuiiilichkeit der des 
Vcrfs. nicht aufopfern wolle, so werde durch den Gebrauch 
fremder Lehrbücher nichts gewonnen. D^ Verf. kam bald da- 
bin einen freien Vortrag nach dictirten Paragraphen zu halten, 
aoJ mit dieser Methode arbeitete ter die eigne 'Sc^rift aus. 

Wir sind nicht gesonnen mit dem Verf^ darüber zu rech- 
ten und bemerket nur,, dafs abweichende Ansichten über wich- 
tige Lehren, die in andern Lehrbüchern enthalten sind, noth- 
wendig doch Gegenstand des mündlichen Vortrages werden 
misseo, wenn der Lehrer auch ein eignes Lehrbuch benutzt. 
So wenig nun ferner die Bequemlichkeit und der Nutzen eigner 
Compendien für die academischen Lehrer sich leugnen läfst, so 
ist doch auf der andern Seite einleuchtend, dafs in unserm gu- 
ten Deutschland die Sache oft zu weit getrieben wird. Fast 
jeder angehende Docent meint in unsern Tagen, seine Vortrage 
nicht mehr nach demselben Lehrbiiche halten zu können, aus 
welchem er vor wenigen Jahren, oder gar Monaten die Doctrin 
erst kennen gelernt hat, die er nun neu gestalten will. Die Lehr- 
bücher über alle Zweijge der Wissenschaften schiessen daher, in 
Deotscbland , wie Pilze über Nacht auf, und die Urheber d«r- 
lelben scheinen mit Jupenal'vi denken: 

stulta est dementia j cum tot ubique 

yatüfus -occurras, periturae parcere chartae. 

Indessen nur dae Gute halt sich, das Schlecitte geht unter, und 
da Ofhnebin der Buchhandel der einzige Zweig des Handels ist, 
Jer in Deutschland nicht ganz darnieder liegt, so bleibt den 
Scbreibem überflüssiger Compendien, wie den Bücherfabrikanten 
überhaupt, unbestreitbar' das Verdienst den Verkehr der Lum- 
pensammler, Papiermüller, Drucker, Buchhändler u. s. w. be- 
fördert zu habe». 

Dafs diese, jedem unbefangenen Beobachter unserer Lite- 
raCor 5tcb aufdringenden, Bemerkungen nicht' dutch das Lehr- 
buch, -welches Gegenstand dieser Anzeige ist, veranlafst wurden, 
▼ersicbern wir hier ausdrücklich , Wenn es dessen nach Durch- 
letuae dieser Anzeige noch bedürfen sollte. \ 

Udb«r ^w«i beabsichtigte Eigenlhümlichkciten seines Lehr- 



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06^ Mecke) Lehrbuch dt g^HchtUchen JMedidi], 

bucji^ gicbt der Verf. nocli Rechenschaft in der Vorrede. Die 
erste befrifit gedrängte Kürze in den Paragraphen und in den 
beigefügten Commentaren, welche die Noten enthalten. Die zweite 
ist die au.^^führliche und ganz ins Einzelne eingehende Anwei- 
sung zu dem Verfahren bei geticlitlichen Leichenöffnungen, welche 
der Verf. als eine Hauptlebre mit aufgenommen hat. Er tadelt 
die Verfasser der neuesten und besten Handbücher, welche diese 
Lehre zu dürftig bebandeln und auf eigene deshalb verfafstc 
Schriften hi^uweisen, und sucht durch mehrere Gründe darzu- 
thun , dafs feine ausführliche und höchst genaue Anweisung zu 
dem technischen Verfahren bei Leichenöffnungen recht eigentlich 
in die Lehrbücher der gerichtlichen Medicin gehöre^ Was dar- 
über zu jsagcn sejn möchte ,. i^ird sich weiter unten bei der 
Darlegung des Inhalts bequemer beibringen lassen. 

Die Anordnung des Inhalts ist folgende: Erstes Capitel. 
Encjrchpädie, In diesem Capitel hat der V#rf. in verschiede- 
nen Unterabtheiluugen (I — VI.) die allgemeine Uebersicht 
der Lehre, den Ursprung der gerichtlichen Medicin, die Litera- 
tur, die IJiilfswissenschaften, die Ausübung der gerichUichen 
Medicin im Staafe (Personaluntr.rsuchung und Gutachten) end- 
lich die Darstellung der gerichtlichen Medicin als Wissenschaft, 
abgehandelt. Daraus orgiebt sich also, dlifs alle die Gegenständci 
'welche andere Schriftsteller in der Einleitung und in dem sog, 
formellen Theile vortragen, in diesem Capitel zusammengestellt 
sind. Warum der Verf. die Benennung Encjclopädie gewählt 
habe, ist, auch nach der in der Kote zu ^. 44 gegebenen Erläu- 
terung, nicht klar. 

In der allgemeinen Uebersicht (§. i — 4 1 ) unterscheidet 
d^ Verf. zuerst eine heilende und eine gerichtliche Medicin, 
«teilt die medicinische Polizei als Theil der ersten auf und der 
Privatmedicin entgegen, möchte den Namen Staatsarzneikunde, 
oder Staatsar^neiwissenschaft ganz beseitigen, oder nur als Sjno- 
njme von mcdiciuischer Polizei gelten« lassein und der gericht-' 
liehen Medicin den Namen und Rang einer systematischen Wis- 
senschaft zueignen. Was darüber und zum Theil dawider zu 
sagen ist, lafst sich als hiulangiicb bekannt voraussetzen, ist aucU 
grossen Thcils in den Anmerkungen vom Verf. selbst angegeben, 
weshalb wir hier nicht dabei verweilen. Der Beweis für die 
Noth wendigkeit der Bearbeitung der gerichtlichen Medicin als 
eine eigene Wissenschaft ist in §.6.7, vielleicht für die Schwa- 
chen oder Verblendeten immer noch nicht überzeugend genug 
geführt worden. Wenn der Verf. die Nothwendigkeit des Stu- 
diums der gerichdichen Medicin fiiir Rephtsgelchrte behauptet, So 
werden ihm alle Sachverständigen darin gewifs beitreten, wenn 
er aber die Meinung ausspricht |' ^e sog. mediciiiMic iieckts^ 



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l^eckel Lehrbttoh 4* gerichtlichen M^dicio; 667 

fiahrfhcii die Wüdberg, |Js allein den Rechtsgelehrten ^ukom« 
■end, darzustellen suchte, sej nichts weitef, als eine besondere 
Searbeitung der geriphtlichen Medicin für Juristen, so können 
wir dieser Behauptung nicht bei:»timnien. £s läfst sich sehr wohl 
ein Inbegriff von rcchtlic'^cn (.ehren und Grifndsälzen aus der 
Kccbtswissenschaft ausscheiden, dessen Kenntpils dem Arzte, 
für ein nipgltchst angenoessepes Mitwirken von seiner Seite bei 
rechtlichen Untersuchungen, wo er als Sachverständiger zugezo- 
gen wird nothig und wünschensyverth ist. Dieser Inbegriff von 
xechüicben Grundsätzeq wurde eben die niedlcinische Rechts« 
gela\irth& bilden und von der gerichtlichen Medicin sehr ver- 
scLieden sejo. Dafs die erste als abgesonderte Doctrin bisher 
i^ckt bearbeitet wurde, bcyveist pichts gegen das eben Gesagte« 
lieber den Ursprung d^ gerichtlichen Medicin hat der 
Terf., mit Mende, den Beweis zu. föliren gesucht, dals die alten 
Gesetze der* germanischen Stampie gewii»se Beziehungen der Me-' 
dtcin zur Rechtspflege bereits pach>vciien. In der Literatur 
sind die wiphtigsten Werke in gedrängter Kürze zusammenge- 
stellt. Unter die iliilfswisseuschaftcn der ger. Medicin will der Vf. 
Chemie und Physik picht mitgerechnet wissen, weil nur die 
Lehre von -der Au^Diittlung einiger metallischen Gifte und von 
den mephi^ischen Luftarten aus denselben fiir den Gerichtsarzt 
BOihig sejcn. Passelbe behauptet er von den Zweigen der Rechts- 
wissenschaft, wiewohl er die Kenutnifs mancher Grundsätze des 
Stnfrechts und der gesetzliclien Verordnungen, welche es in 
ärztlicher Hinsi<:ht (d. h. doch yvohl über die Gegenstande, 
welche Untersuchungen der Gecichtsärzte zu rechtlichem Zwecke 
DÖthig machen) enthält, der gerichtlichen Medicin für uncnt- 
behrb'ch erklärL In der Note zu §. 27 wird aber gesagt, es 
beisse viel verlangt, wenn man fordere, dafs der gerichtliche 
Arzt die Grundsatze, auf denen die Zur^chnting und Zurech- 
nungsfähigkeit der Verbrecher beruhe, so wie das Schwankende 
der ueuern criipinalistischen Theorien durch {Studium d^r Lehr- 
l^uchcr des Strafrechts selbst erlernen solle. -* Wenn es aber 
gewf/s ist, dafs jeder wissenschaftlich gebildete Gcrichtsarzt, und 
yior allen der Lehrer der gerichtiiclien Medicin der Kenntnifs 
jener }lecl|tsgrundsätze nt|;ht entbehren kann, so mufs man auch 
ooUi wendig von ihm* verlangen, dafs er sich dieselbe erwerbe; 
ob dieses durch das.Studjum der Lehrbücher, pder durch münd- 
Itcbe Mittheilung von Rcch^gelehiten geschehe, ist gleichgültig. 
In der Angabe über das gerichtlich medicinische Personal hat 
der Verf. die im Preussischen bestehende Einrichtung besonders 
vor Augen gehabt« Unter den noth wendigen Eigenschaften des 
Pbjrsicus wird auch §/3o. 4) Leben in der Vernunft als ß<;- 
diog:iiog ZOT AnfeitigODg eines guten psychologisch -gerichil'^lien 



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'668 Meckel Lehrbuch d. gerichdichen Medicin. 

' * -. * 

GuUchteDS angegeben. Soll das, wie die Bemerkung andeotet, 
-weiter nichts heissen, als der Verf. des GutacTitens müsse cia 
'veroiinfliger Mann sevn, so ist die Regel überflüssig, soll es 
'aber die wissenscliuftliche, vielleicht auch sittliche Befall igung be-' 
zeichnen, so ist der gesuchte Ausdruck zu tadeln, der Zweifel 
lafst, was eigentlich gemeint sej. Von dem Apparat und den 
iiothigen Instrumenten zu Obductionen ist sehr ausführlich auf 
drei Seiten gehandelt. In §. 44 wird die Abtheilung der ge^ 
richtlichen Medicin in einen allgemeinen und einen besondem 
Theil für noth wendig erklärt. Da der Verf. den allfi^emeinen 
(formellen) Theil in seine s. g. Encyclopädie verwaimelt hat^ 
so geht er nach dem ersten Caj)itel (dem kein weitere in der 
ganzen Schrift mehr folgt) zu dem speciellen oder, materiellen 
Thcilc über specielle gerichtliche Medicin, Erster Theil Leichen^ 
Untersuchungen zur Ausmittelung der wahren und hinreichenden 
Todesursache. Erster Abschnitt. Obductions verfahren mit Rück- 
' sieht auf krankhafte Zustande. Der Vf. sucht zuerst den Grund- 
satz festzustellen, dafsdie gerichtliche Leichenöffnung jedesmal 
die wahre und hinreichende Todesursache ausmitteln müsse, und 
dafs diejenigen im Irrthume sejen, welche behaupten nicht so- 
wohl die phjsische Ursache des Todes an sidi; als vielmehr die 
Ausmittelung, in wiefern jene Folge einer Verletzung war, $ej 
der Hauptzweck der Sectiou. Es ist aber klar, dafs der Haupt- 
zweck einer gerichtlichen Leichenöffnung immer sich auf den 
rechtlichen Zweck zunächst beziehe. Zu rechtlichem Zwecke 
soll aber durch die Leichenöffnung ansgemittelt werden, ob der 
Tod im vorliegenden Falle durcK eine s. g. widernatürliche Ur- 
siache bewirkt worden sej, oder ob der Mensch des s. g. natür- 
lichen Todes sterbe. In den bei weitem meisten Fällen ist die 
zweifelhafte widernatürliche Ursache, welghe eben rechtliche Un- 
tersuchung und legale Obduction veranlafst, eine durch Gewalt- 
thätigkeit zugefügte Verletzung. Alsdann ist immer der nächste 
Zweck der Obduction die Entscheidung, ob die Verletzung den 
Tod verursachte, oder nicht? Ist die Tödtlichkeit deb Verletzung^ 
ausser Zweifel, mufste' dieselbe den Tod ihrer Natur nach über- 
all und bei allen Menschen bewirken, so ist es für den recht- 
lichen Zweck der Untersuchung eigentlich gleichgültig, ob noch 
pathologische Zustände in der^ Leiche vorhanden waren, oder 
nicht. Erklärt der Gcrichtsarzt die Verletzung für nicht tödt-« 
lieh, so mufs der nächste und stärkste Beweis aus der Beschaf- 
fenheit der Verletzung nach ihrer Art, nach dem verletzten Or- 
gan, nach den sinnjich erkennbaren Merkmalen derselben in 
Bezug auf StcUc, Grösse, Ausbreitung u. s. f. geführt werden. 
Diese geben d,ie positiven Beweise der Nichttödtlichkeit. Dar- 
legi«)g pathologischer Zustände , die man in der Leiche fand^ 



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Medtel Lelurlmchd. gerichtlichen Medicin. 66g 

liQD nar iiegatire Beweise für die Ntchttodtliclikeit der Ver« 
ktznni; Ueferii. So wiipschenswertSi und verdienst! idi es naa 
joch ist, die wahroehrabaren Veränderungen in der Leiche, welche 
auf frühere krankhafte Zustände des Entseelten hindeuten, zu 
aotersuchea und zu erheben, so bleibt doch der Hauptzweck 
bei der Obduction nach gewaltsamen Vei4etzungen Verstorbener 
die genaue Untersuchung der Verletzung. Ist diese so unbe- 
deutend und gering, dafs sie auch einero Schwachen, oder Kran- 
ken^ nicht schädlich oder tddtlich werden konnte, befunden, so 
bat die Audiodung besonderer pathologischer Zustände für den 
gerlchtlidien Zweck kein directes Interesse mehr. Nur in den 
Fällen, wo ein kraiikl*after Zustand eine Verletzung individuell- 
oder zufällig todtUch machte, oder wo die W^irkung einer Ver- 
letzung compltclrt mit einem davon unabhängigen krankhafteir 
Zustande den Tod herbeiführt, wird die Erörterung der patbo* 
logischen Znstande in der Leictie wiclitig für den rechthchtea 
Zweck sejn. Uebrigens, setzt auch die genaueste Section , mit 
Bezog auf pathologische Anatomie unternommen, doch nicht im- 
mer lo den Stand, mit Gtwijsheit die Todesursache anzugebeO| 
weoo die Verletzung für nichttödtlich erklart wurde. 

Der /Verf. hat nun sehr ausführlich in diesem Abschnitte 
dieils ^e pathologische Anatomie, theils die Anweisung zu dem 
tfcbnischen Verfahren bei der gerichtlichen LeichenÖffiiung über* 
haopt, theils bei der Oefliiung der eiiizehien Hohlen una Untere 
sucbung der einzehieu Organe, mitgetheilt. Er behauptet (S.78) 
eine vollständige Leichenöffnung sey bisher vernachlässigt wor- 
den, haodwerksmassige Anweisungen zu legalen Sectiouen haben 
geschadet und eine wissenschaftliche Anwcisubg müsse zugleich 
eine Anleiiailg zu pathologisch anatomischer Section enthalten. 
Wir köfmea dieser Ansicht nicht beipflichten. Kenntnifs des 
technischeu Verfahrens bei Leichenöfijiungen überhaupt mufs, bei 
Vorlesungen über gerichiliclie Medicin für Aerzte, vorausge- 
setzt werden ^ soll aber Anleitung dazu vorgetragen werden, «o 
nutzt dieses nur bei einem practischen Cursus legaler Leichcn- 
dtfbaugeo, der allerdings sehr lehrreich und empfehlungswerth| 
von dem Vortrage des theoretischen Theils der gerichtlichen 
Medicin abet* auch wesentlich verschieden ist, und diesem besser 
folgt. Uebrigens kann mau auch die Anforderungen an den ge- 
ricbtlicbeu Arxt und Wundarzt in Bezug auf ^anatomische Unter- 
SQcbungeo zu weit treiben. Es ist nicht zu verbngen, dafs 
dieselben bei Legabectionen so weit geführt werden, wie etwa 
ein Professor der Anatomie, oder ein geübter Prosector auf den 
anatomischen Theatern bei guter Muse und Bequemlichkeit sie 
•fahren konnea. Es wäre dieses kaum ausführbar, wenn überall, 
vie in Wien, die Legabectionen in , dem Seciisaale des Kranken- 



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6yö Mecicdl LehrbucH A. gmchdichen MedicnL 

tiauses TOii dend Letirer dci' gericlidiqned Medicin voUzogerf 
wurdimi wie viel wenig^et derin^ wo,, wie jetzt m den meisteii 
Fallen, auf dem Arot^ unter grossen Hindernissen des Ortes der 
ndthif^en Beqücmliblikeit und Beiliülfe^ die Section voof dem ge- 
ti^dhdicheii Gerichtsatzt und Wundarzt unternommen wird? 
Weiten Transport der Leichen vefwirft aber der Verf. selbst 
mit Recht. Sonach nutzt es auch zu nichts, übeHriebene und 
«mausführbare Anforderungen zu machtin. Endlich nutzen did 
feinstcil anatomisch pathologische^ Unsersuchungen dem Gerichts« 
arzte nichts^ wenn nich^t deutlich ausgebildete krankhafte Vcrän«' 
derungen und Zerstörungen' des organischen Baues, als von der. 
Verletzung unabhängige Todesursachen, sinnlich erkennbar nach-^ 
' gewiesen werdecl können. Wo diese aber vorhanden sind^ müsse 
der Gerichtsarzt höchst unwissend oder nachlässig sejn, wenn er 
sie nicht, bei der allgemeinen Untersuchung der Theilc, im 
Laufe def Legalscction entdecken sollte. So schätzbar an sich 
auch nun die Regeln $ejn nfögen , welche der Verf. über das 
technische Verfahren bei Legalsectionen überhaupt und zur £i- 
lenntnifs pathologischer Vemnderungen in der Leiche insbeson-» 
dere gegeben hat, so können wir sie doch nic^t für einen noth- 
wendigen Tbeil eines Lehrbuches der gerichtlichen Medicin er- 
klären^ . / 

Zweiter Abschnitt. Ausmittdung der Todesursache nach 
Verletzungen, L Tödtliche, nicht -tödiliche Verletzungen (§.8i 
bis 84 > enthält die Entwicklung der Begriffe und die Erörte« 
rong der rechtlicheif VerhältnissCf die eine gerichtsärztliche tJn<^ 
tersuchurig über die Tödtlichkeit nöthig machen. II Eintbeilun^ 
gen der tödtlichcu Verletzungen* (§. 85 — 96) Eine Uebcr- 
sicht der von den Schriftstellern versuchten oder eingeführten 
Eintheilungen , in welcher der Vf. gröfetentheils der von Henke 
gegebenen Darstellung gefolgt ist^ Es ist unnöthig dabei zu ver-» 
weilen; zu erinnern ist aber, das dasjenige, was der §.94 über 
des genannten Schriftstellers Ansicht und über die Fragen des 
bai«rischen Strafgesetzbuches uns sagt, schwerlich auf einer rieh-« 
tigen Auslegung beruht, was hier aber nicht weiter erörtert 
werden kann« im §. 95 stellt der Verf. folgende Eintheilung 
auf: i) Verletzungen, welche unter edlen Umständen getödtel 
haben würden $ a) solche^ welche unter offenbar vorhaudcnea 
Umständen tödteteti; 3) solche die unter nickt '^offenbar vorhan** 
denen UmsMinden tödtcteu. Im folgenden §. aber wird dieDar« 
Stellung und Entwickelung (vielmehr Beantwortung und Lösung) 
der Frage i wie eigentlich im vorkommenden Falle nach dieser 
besttmniteo Verletzung (oder verletzenden Handlung), unter den 
Torfaandenen oder dazu gekommenen Umständen^ der Tod gerade* 
dieses lodividuums nothwendi|; erfolgen mufste z für den einzigen 



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Meckel Lchrbucli dL gericlitlichea Meclicia. 67 i 

Und letzten Zweck ciiics jedeiflrztlicYied Gutachten^ i]betT5dl>^ 
lichkeit der Verletzungen erklärt, was allerdings fichtig, aber 
auch wohl von Sachverständigen schwerlich bezweifelt ist 
IlL Anatomisch - pathologische TBetf achtung der Verletzungen 
(§• 97 — '*o4) enthält Versuche einer eigefithümlichen sjsteroa« 
tischen Classification der Verletzungen und dessen, was der Arzt 
dem Richter zu erläutern habe. IV. Betrachtung der Verletzun- 
gen in Bezug auf die verletzten Organe (§. io5 — 'l38) giebt 
eine gedrängte Uebersicht der Kopf-, Hals-, Brust-, Bauch- 
nnd GUedmassen^'VerletzUngei , die gut geordnet ist und ia 
den Anmerkungen wichtige Beispiele (zum Theil noch nicht be- 
nutzte) aus altern und neuem chrnirgischen Schriften enthält^ 
V. ^Berücksichtigung der Individualität des Verletzten und der 
Um^lände^ (§* 09 — 144) D<^r Verf. sagt im letzten §* die- 
ses Abschnittes das Geschäft des Arztes ist beendet, wenn er 
gezeigt hat: 1) ob der Tod allgemein in Folge ähnlicher Ver- 
letzungen einzuttetcn pflegt; 2) ob die Individualität des Ver- 
letzten' ofid der Umstände, Avelche diese Verletzung (nothwen-t 
dig) lodtlich machten, von der Art waren, dafs ihre Nichtbe- 
achtung weder als Folge der Unwissenheit, noch der Fahrlässig- 
sigkeit angeschen werden kann; 3 ) ob Kcnntnifs dieser Um- 
stände eine nähere Bekanntschaft oder grosse Aufmerksamkeit, 
oder ärxtliches Wissen, voraussetzte; 4) ob sie auf keine Weise 
erkannt werden konnten? Dabei ist aber zu erinnern, dafs die 
Beantwortung der aten Frage besonders, die der folgenden aber 
ebenfalls mehr oder minder, dem Richter angch5rt. Das Gericht 
wird ein solches ücbergrdfcn in das Gebiet def rechtlichen 
Untersuchun:^ nicht dulden, und der Arzt soll sich ein solches 
m'cht erlauben. 

Dritter Abschnitt, j4usmittetung äer Vergiftungen* I. All- 
gemeine Bestimmungen. Der Verf. hat auch hier seine, bereits 
fruber bekannt gemachte, Definition der Vergiftungen und Gifte 
aofgenommen. Das* Verbrechen der Vergiftung besteht nach §. 445 

ner Substanz in oder an den 
?n Tod zur Folge haben kann, 
ennung der Theile die hinrei* 
äre. Gift ist eine solche Sub- 
g hinreichenden Mertge nnbe- 
eit von den Sinnen bemerkt 
aufgenommen) werden kann« 
ionco, die von dem Giftbe- 
von den vergifteten Wunden 
tergenommen werden könnten, 
• frühern Schrift (einige Gc- 
n) widerlegt zu haben, und 



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C73 Meekd Lehrbuch d gerichtlichen Medkm 

was Henke ge^ dieselben TorgetK^eDy sacht er in den Notett 
ftu entkräft<?p. ScKwerHch wnfd Hr. Prof. Meckd diese Defini« 
tionen bei fortgesetzter ruhiger PrüfuDg für richtig und geoü« 
gend halten können. Dle.Sach# is^ zu einlenchtendy um dabei 
länger zu verweilen. — Dafs die äricliche Kunst nicht im Stande 
ist, mit solcher Gewifsheit^ wie bei den Verletzungen, den ur- 
sachlichen Zusammenhang zwischen der Vergiftung und dem er^ 
folgteiif Tode nachzuweisen, im i47 §. richtig bemerkt und die 
Anwendung der Lethali tätsabtheiiungen auf die Vergiftungen 
ven^'orfen« In dem Abschnitte von den Krankheitserscheinungen 
bei Vergiftungen stellt der Verf. zwei Klassen von Giften aui^ 
scharfe und betäubende, und gicbt eine kurze Uebersicht dor 
von ihnen bewirkten Symptome, so wie unter der Ueberschrift: 
Leichenbefund: von den wichtigsten Verändertftigen in der Leiche 
Den Bemerkungen über die Aufsuchung des Giftes folgt (§160 
bis 175) eine ausfülirliche Uebersicht der Gifte nach ihren äus- 
sern Hauptmerkmalen, die man schwerlich hier suchen wurde, 
da eine genügende Kenutnifs kaum daraus entnommen werden 
konnte und von der gerichtlichen Medicin schon vorausgesetzt 
wird. §. 176 — 495 handeln von der experimentircnden Aus«- 
.mittelung der Gifte, in welcher die besten Methoden nach den 
neuesten Erfahrungen angegeben sind. Einige allgemeine Resul«> 
täte machen den Schlufs dieses Abschnittes. 

Vierter Abschnitt. Aasmittelung der übrigen auf äussere 
Veranlassung eintretenden fgewaltsmnenj Todesarjten. Es sind 
hier abgehandelt i) die Erstickungen, a) das Erfrieren, Töd- 
tung durch den Blitz, Verbrennungen und Selbstverbrenn ungeii^ 
3) der Tod durch das Verhungern» Bei der Betrachtung der 
Erstickungen ist viel Physiologisches vorgetragen, das aber gros- 
sen Theils hypothetisch seyn dürfte, da auch die neuesten Un» 
tersuchnngen den Stoffwechsel zwischen Blut und Luft in den 
Augen nicht völlig aufklären konnten. Erstickung erfolgt nach 
^. 199, wenn Mangel des belebenden Princips im Blute durch 

{lötzliche Störung oder Vernietung der Ljungenfunction, eintritt* 
^äs belebende Princip ist abcrVut der Note keinesweges Saa- 
erstoff, der überhaupt gar ni«ht in den Lunten in das Blut 
übergebe u.s.f. unter dem Leichenbefunde bei^tntickten wird 
Turpesceiu der Venen des Unterleibes mit aufgeführt und aus 
der Ueberfüilung der Venen der Gcschlechtstheile die Entstehung 
starker passiver Erectionen, so wie die Blutaderkufuugen aia 
Hodensacke und den Schaamlefzen, abgeleitet. ' 

{Der Sisab^t folgß*) 

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^= ^- Heidelberger ^^^2* 

Jahrbücher der Literatur. 



MeceMI Lehrlueh der gerichtlichen Medicirir 
{Bit ch Infi.) 

Uic lange anhalteiide rcrm«lirte Wärme vieler Leichen Erstick- 

fer erilä'rC der Verf. daraus, daft bei ungestoHem Atlimen die 

Luiigefl als Abkuhlungsorgaa wrrken. Uebrigeos finden sich, in 

diesem ganzen fleissig bearbeiteten Abschnitte manche gute Be- 

ffierlungen, Dur fordern die eingemischten Hypothesen Vorsicht 

vfid Kritik Tor der anbedingten Annahme. In einem Anhänge 

zum s. bis 4 Abschnitte ist (§. 226 — 236) «vom Selbstmorde 

ausfuhrUch die Redci mit guter Auseinandersetzung der ycrschie- 

itomigtü möglichen Fälle $ kurzer von der Priorität des Todes« 

Fünfter Abschnitt. Obduction neugeborner Früchte zur Bestimm 

mang ihres Alters, ihrer Lebens - Fähigkeit und der Todesur^ 

sacJk^ Die Bemerkung der Note zu §. 238: dafs vyeder Ge-* 

wioDsachty Bosheit, noch Leidenschaft, die gewöhnlichen Trieb-» 

federn zu Verbrechen, vielmehr Furcht vor der Schande, vor 

Hülfslosigkeit , oft auch eine durch den Geburtsort gesteigerte 

iranke Gemuthsstimmung die häufigen Ursachen der Frucht-* 

ibtrelbuog und des Kindermordes sejeuf dafs man diese daher 

mehr tk moralischnothweudige Folgen des, zwar im moralisch ea 

ioch vom S;aale geduldeten, coitus vagus ansehen mCisse, dana 

als eine freventliche Uebertretuug der Gesetze: bedarf der Be-^ 

allgemeiner Satz gelten kann. — - 
. die anatomisch technischen Vor- 
,' und die anatomisch - plijsiologi- 
Zustand der Embrjronen in den 
!>tusleben«i in welchen mit grosser 
neuesten Untersuchungen zusam-" 
245) Bei dem Anlafs der Mifsbil^ 
sfäbigkeil ist die Lehre von den 
eingeschaltet, was mindestens un« 
271 enthalten die Untersuchungen 
lungen« uud Athemprobe. Dieser 
id, wenn gleich in anderer Stel" 
3 bekannten und höchst wichtigen 
Neuern besonders ff^. /• Schmitt 

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674 Meckel Lehrbuch d. gerichtlichen Medictn» . 

und A. Henke geltend gemacht \^ben, mitgetheilt und richtig' 
gewürdigt. Eine ausföhrliche Anweisung lum technischen Ver- 
fahren bei der Lungenprobe ist eingeflochten. Die Schwimm- 
probe nennt der Verf. stets die Galen' sehe Lungenprobe, was 
ungewöhnlich und schwerlich zu rechtfertigen ist. S..36i ist eine 
Vergleichung der relativen Vorzuge und Mängel der Schwindm^ 
probe und der 'Bludungenprobe gegeben, die, bis auf einige zu 
weit gehende Spitzfindigkeiten, treffend ist. Zu einer volIstaD- 
digen Athemprobe rechnet der Verf. übrigens auch die s. g^. 
Mastdarm- und Harnbiasenprobe. Aus den vorgetragenen und 
zergliederten Einwürfen gegen die Athem * und Blutlungenprobe 
folgert der §. 270 dafs',, auch in den anscheinend günstigsten 
Fällen, i) wenn die Lungen sich aufschwimmen und möglichst 
viel Blilt enthalten, 2) wenn die Lungen völlig sinken, klein,' 
zurückgezogen und bkitleer gefunden werden, dennoch nie ein 
bestimmtes Urtheil gefällt werden darf: im ersten Falle, das Kind 
habe nach der Geburt gelebt, im zweiten es sey todt zur Welt 
gekommen. Mit' Recht wird aber getirtheilt, dafs der Athem- 
probe der bedeutende Werth bleibe, Wahrscheinlichkeit zu be- 
gründen. Von §. 273 an bis 286 enthält die Eröitcrungen über 
die gewaltsamen Todesarten neu- und ungeborner Rinder, wo- 
bei die nöthigen Erläuterungen über die Falle, in welchen ohne 
Schuld der Mutter der Tod des Kindes erfo%en konnte, bei^e« 
fügt sind. 

Der zweite Theä der speeieüen gerichtlichen Medicin be- 
greift die Untersuchungen an Lebenden zur Bestimmung ihrer 
bürgerlichen Reclite. * Der Kürze wegen können hier nur die 
Abschnitte angedeutet werden. Erster Abschnitt. , Lebenspe— > 
rioden. Sechs solcher Perioden, welche nach dem Verf. die Oe-> 
setze berücksichtigen , sind characterisirt. Zweiter Abschnitt. 
Aerztllche Ausmitcclung rechtlicher Verhältnisse, welche mit der 
ersten Lebensperiode in Beziehung stehen. Persönlichkeit der 
Doppelfriichte, Gcschlechtsbestimmung bei zwitterhafter Bildung-, 
Frühgeburten, Spätgeburten (die der Verf. bis zum 3o8 Tage 
gelten lafst) Aechtheit in Bezug auf Unterschiebung, sind hier 
nacheinander erörtert Öritter Abschnitt. Untersuchungen über 
zweifelhafte Geschlechtsverhältnisse« Zwitterbildung, Hjpospo— 
die, männliches und weibliches Unvermögen, Jungfrauschaft («m— 
ter welcher der Verf. die geistige und körperliche Beschafien* 
beit eines Mädchens versteht , wie sie bis zur Verheirathuog' 
vorhanden sejn mufs (?) damit das Ehebündnifs gesetzliche Kraft 
und Gültigkeit erhält — ??) Nothzucht, Sodomie, zweifelhafte * 
Schwangerschaft, Superfbetation u« s. f. sind hier abgehandelt» 
Vierter Abschnitt. Untersuchungen über zweifelhafte Gesund-» 
heitszustände* Zuerst sind hier die körperlichen KraidiKeUett 



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Meckel Lehrbuch d« g^crichtL'chen Medicin. GjS 

erörtert, >wic -vrohl in der Anmerkung zu §. 348 jede Krank* 
kit als xam Theil Körper* zum Theü Geistes -Kiankheit dar- 
^elU vrlrd. Am ausfiihrliclisten sind die nachgeahmten Krank* 
ieitserscKeimmgen oder erdichteten Krankheiten betrachtet, von 
TeHieimlicHten Krankheiten ist nur kurz im §. 363 die Rede. 
Den Schlufs dieses Al>schnittes ^ wie des ganzen Buches, macht 
iie ^enehiliche Psjrchofogie. Der Verfiisser hat in diese höchst 
Khwieri^e l.e\ir^, in^ der man kaum durch die Bemühungen ei- 
niger Manner die Bahn zur Festhaltung allgemein leitender 
Gruodsatze eröffnet sah^ durch die Einflechtung seiner indivtdu- 
dlen Ansichten und Meinungen, ilie aber auf falscher Deutung 
oder Anwendung der von Andern ausgesprochenen Lehrsätze 
liernhen, Unklarheit und Widcrspröcüe gebracht. Einem andern' 
Orte, eine weitere Ausführung vorbehaltend, kdnnen Tvir hier 
anr einige Andeutungen geben» Die §. 365 ausgesprochene 
Aeosseraog: die Gesetze können und dürfen nur die allgemei- 
aen anerkannten Hauptformen berücksichtigen und vom Namen 
und von der Art einer »Geisteskrankheit hängen die gesetzlichen 
Folgen ab (S. Anmerkung) steht mit der Behauptung S. 5i5: 
jeder geistig kranke Zustand ^ auch ohne Rücksicht auf seinen 
Nzmen, ändere den Einflufs der Gesetze und es komme im AU- 
gemeioen blos dlrrauf an, das wesentliche Merkmal gemüthskran- 
ker Zustande überhaupt aufzusuchen: in geradem, nicht zu lo- 
senden, Widerspruch. Verfehlt und unhaltbar ist ferner, was 
Ton der die Zurechnung aufhebenden und nicht aufhehendeu 
Uofreiheiti von den allgemeinen und individuellen Trieben gc- 
»gl ist) und die daraus abgeleiteten Folgerungen für das straf- 
rechlücbe Verfahren würden schwerlich je anerkannt werden 
kÖDDeo. Es gebricht m diesem Abschnitte an der leitenden Idee, 
die das Ganze einer solchen Lehre beherrschen muls, an logi- 
scher Folgerichtigkeit y dann aber auch an der unerlärslichen 
K^ntoifs der Philosophie des Strafrechts, welcher Mangel sich 
besonders in dem, was über die Strafe gesagt ist und in der 
nof^rlasseneo Unterscheidung des BegriflGi der Strafe in rechdi- 
eher Hinsicht und der Züchtigung als Heilmittel, offenbart. Wir 
bemerken nur noch zum Schlufs dafs dieser, wie allen übrigen 
abgehandelten Lehren, als Anhang kurze historische NoHzen über 
den Ursprang und die Ausbilduhg derselben beigegeben sind. 
Endlich berührt der Verfasser in einer Schlufsbemerkung S. 535 
sGegenstände der gerichtlichen Medicin, welche über dem Ge- 
biete der hier betrachteteten liegen, namentlich die von Seiten 
ier Gerichte verlangte Beurtheilung sowohl des Heilverfahrens 
da auch gerichdicher Gutachten des Arztes.« Beide erforderten 
Gutachten der Medicinai-Collegien oder Facdtäten, doch pflege 
>Btt blos die Beurtheilung fehlerhafter Curen als Gegenstand der 

45* 

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6y6 Destütt de Traof PoUdk übors. r. Montädti 

• 

gericbtlichen Medicia «nziiMbeii« Der Verf. meint , huq LSono 
diese Lehre als einen Ueber|[aag von der geriebtlichen Medicin 
zur Suatsarzneikunde, d. b. nacb dem Ver£ znr medieinischen 
Polizei, betracbten und will sie lieber dieser zueignen. Es ist 
aber klar, dafs io so fern geriebtliebe Untcrsucbungen über die 
angeschaldigte Scbädlicbkeit gescbebener Curcn statt finden^ es 
der gericbtlichen Medicin zukommei die Grundsätze aufzoslelleo, 
nacb welchen entschieden werden mufs. 

Werfen wir nun einen prüfenden Riickbliek auf da» 
ganze. Lehrbuch , so lalst sich dem Verfasser das ZengniCi 
nicht versagen, da(s grosser Fleifs und Eifer bei der Bearbei- 
tung, das achtbare Bestreben selbst zu denken und eigener Ue- 
berzeugun^ zu folgen, darin unverkennbar sej, und dafs manch« 
Abschnitte wohl gelungen genaiint werden können. Anderer- 
seits fehlt es an der Reife des Urtbeib, an der tiefen, klaren 
und sichern Einsicht, welche den, Gegenstand vdllig beherrscht 
und in dunkeln Gebieten den leitenden Faden sicher zu finden 
weifs, an der logischen Richtigkeit und Strenge in der Anwen-* 
düng der Grundsätze, endlich an der Herrschaft über die Spra- 
che, welche für jeden Gedanken des richtigen Ausdruckes nicht 
entbehrt. Manches wird der achtungswerthe Verf. gewifs von 
selbst, bei fortgesetztem Nachdenken und reiferem Urtbeil in 
seinen Ansichten als irrig anerkennen und aufgeben. 



Characterzeichnung der Poiiiik aller Staaten der Erde, Kritik 
scher Commentar über Montesquieu*! Geist der Gesetze j 
'vom Grafen Destütt dm Trjct: (Pair und Academiker von 
Frankreich , Mitglied der philosophischen Gesellschaft in Phi- 
ladelphia, etc.) nebst zweien Anhangsschriften: 'vom selben 
Verfasser und von Cosoorcmt. Nach der einzigen euro^ 
päisch ^ authentischen Ausgabe des Anno 4841 iu PhUa^ 
delphiä erschienenen Originals übersetzt und glossirt: vom 
Prof. Dr, C. E. Moslstjdt, in Heidelberg. Heidelberg, 
i8ao u. 21, 2 Bde. 8. (XXIX u. 344; XIU.287S.). öß. 

Ufas in beiden Hemisphären berühmte Original dieses Werkes, 
welches vom Kant der , (ranzSsischen Nation herrührt, nennt sich 
blos einen ^commentaire sur Vcsprit des lois de Montesquieu j/t: 
und bildet, durch die Veranstaltung von Thomas Jefferson^ eincnt 
geistesverwandten Freunde des V^assers, auf mehreren Hoch» 
schulen des fireiesten Repräsentativ -Staates der Welt (der nord-. 
amertkanbchen Föderation) das Compendium der Staatswissen« 
schalt. Für meine deuUchc Bearbeitung desselben glaubte ich n^ch 



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Destutt de Tracy Politik üb«rs, v. Morstadt 677 

st diesem cfinfaclten Titel, ans dreierlei HauptrüclLsicLteii, nicht 
kgnogen zu dürfen. Eiiniial nämlich ist das Meisterwerk von 
Montescpiien, unter dem grossen Publicom unserer Nation, lei- 
der noch nidit so bekannt, dafs man sich unter einem Commen^ 
tar «ber dasselbe, durchgangig, eine Abhandlung der gesanmiten 
Politik: das heist der Prineipien von aller Verfassungs- und 
Yerwallungs- Legislation: rorstellen würde (denn die Constitu- 
tioosnormcQ wcrdeo, wie eine tagliche Erfahrung lehrt, unter 
dem Begriffe »Gesetzgebung,« voif den Allerwenigsten mitge- 
dacht!) — Zweitens ist dieses Werk nichts weniger als eine 
blosse Erlaoterang von Itfontesquieu's Theoreo^cn. Es ist eine 
I>edacti'on aller Hauptpriucipien der Staatswissenschaft: nach der 
Reibefoige der 3i Bücher vom e^rit des Ipis: in der Art, dafs 
die üesultate des Weisen von la Brede oft aus ganz anderen 
Pranüssen hervorgezogen werdtn, als denen ihres commeutirten 
Finders, und da£s die angebliche Coromentation eigentlich nur in 
einem, höchst bundigen und musterhaft klaren, Extrahiren des 
Montesquieu'schen Raisonnements besteht, jllauptsächlich aber ist 
es üne gründliche Kritik von Montesquieu^ Theorie der Ge- 
setzgebung, deren Ergebnifs, zum ungleich grösseren Bruch- 
Uieüe, eine sententia reformatöria vorstellt. — Drittens endlich 
geht dieses Werk um einen gigantischen Schritt über den espfit 
des lois hinaus: indem es eine Verfassung normirt, welche Mon- 
tesquieu weder iu der Ideenwelt, noch in der Erfahrung, ge- 
kannt bat : nämlich die reine Repräsentativ - Demokratie. 

Dieser letzte Umstand allein konnte mich berechtigen, md- 
Dcr Bearbeitung dieser classischen Schrift den Haupttitel einer 
Chwacterzeichnung der Politik aller (gegenwärtigen und gewe^ 
seoeo) Siaaten aufzuprägen: ein Zusatz, weichem das Glück der 
Ratibabition des erleuchteten Verfassers, geworden ist. 

£her dürfte es vielleicht einer Rechtfertigung davon be- 
dorfen, dafs ich das Werk blos eine Characteristik , und nicht 

, genannt habe.: denn 
inn der Montesquieu'- 
on ihm darzustellende 
wirklich geschriebenen, 
nbenden, Gesetze auf- 
nicht nur die Legisla- 
UTCcht, lehrt. Aller-» 
lern Schilde, angedcu- 
bei Jedem, der durch 
dafür zu finden, dafs 

bisher noch ungedruckt 
über das agste ^uch 



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6^ Pädagogische Schriften. 

vom esprit des lois (über die Abfassung$weise der Gesetze); 
und %) eine Susserst concise und reichhaltige Abhandluog des 
Grafeu von Tracy über die Frage : WtUhes wid die Mittel ^ur 
Begründung der Moralität eines Folhes? dasselbe JProblem wel- 
ches in einer anderen Form und ausführlicher, auch der Roper- 
nikus der Staatswirthschafi (Professor Say) unter dem Titel 
Oibia, behandelt hat. 

Die sehr zahlreichen Glossen y womit ich den Text dieser, 
über meine Empfehlung erfalbenen, Schriften begleitet habe, sind 
theils kritischen, theils erläuternden, theils auch blos literarischen 
Inhaltes. Möchten sie so glucklidi ^^Jf^f ihren Zyireck nicht 
ganz zu verfehlen. 

Mor Stadt, 



Pädagogik« 

Ob das Publicum viel verliert, wenn es von den vielen 
Schriften, die unter das Fachwerk der pädagogischen mit jeder 
Messe aufgestellt werden, keine Kunde nimmt, läfst sich kaum 
fragen. Indessen dürfen unsere Blätter doch nicht Jahre lang 
davon ganz schweigen. Unter den wenigen voriger Jahre, welche 
in der Literatur irgend einen bleibenden Wertb haben, verdie- 
nen folgende in Erinnerung gebracht zu werden. Vor allen ein 
nidit unwichtiges Werk aus älterer Zeit, das der jeuigen Zeit 
bekamst gemacht wird : 

4. yiNCEWT von BEJvyjis Hosid ^ und Lehrbuch ßxr königU" 
che Prinzen und ihre Lehrer, als vollständiger Beleg tu 
drei jibhandhmgen üier Gang und Zustand der sittUchen 
luid gdehrten BUdung in Frankreich bis zum dreizehnten 
Jahrhundert wid im Laufe desselben von Friede Chph» 
Schlosser, Director der Uni^ersitäts ^ Biblioth. zu Hei- 
delierg. Erster Theil, wdchcr die Schrift des Vincent 
enthält. Frankfurt a, M. bei' Gekräder fFämanns 4%4q. 
8. (%43 S.) 

Wir übergehen nämlich den zweiten Theil, als nicht unmittel- 
bar zur Erziehung gehörig, der übrigens für die Gescichte der 
religiösen Denkart und Wiri^samkcit jener Zeit von grossem 
Werth ist, und wofür wir dem Geiste nnsers Historikers einen 
neuen Dank schuldig sind. Es gehört diese, lief in das Leben 
eingehende, geistreiche und die christliche Frömmigkeit gerecht 
anerkennende Forschung dazu, um das Mittelalter dchtig zu wür- 



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^dagogiscbe Schriften. 679 

üpxL Das bochmiitli^e AellteUucktn über jene fiusiern Jaki- 
kmderte, ist eben so tveit daron «ntferiit, als das pliantistisclie 
inprelsen mner romantischen Welc . ' • 

Wir machen diejenigen unserer Leser, weldie» das Fadi 
der Eniehnng anliegt, hier mit dem ersten Tlieile bekannt, wefr- 
cber nns einen, bisner so gut wie verborgenen Schatz dieser Li« 
leratnr mittlieilt, und zwar wie billig in einer Uebersetzung ans 
dem Lateinischen. Denn das Blich verdient allerdings anch vtoft 
gebildeten Frauen unserer Zeit gelesen zn werden; es ist keine 
Almanacbs - Leserei sondern eine^ ' Saihmlung von Gedanken 
die dem Geiste Nahrung geben, und für den* Ernst der Lebens- 
iwe&sbeit gehören« Vinetntna ^'on' Beaut^tks f^ar Dominicaner 
Mönch im Kloster Montropl, und schrieb nach dem Jahre 1360 
dieses Bach an die Königin Margaretha von Frankreich, welche 
iJin zur Mittheilung seiner Erziehungslehrcn veranlafst hatte. Wir 
sehen hierbei, dais jene Zeit nicht so arm an solchen Lehren 
war, als sie uns gewöhnlich erscheint, denn der Verf. fQhrt 
auch ans Schriftstellern seines Zeitahers vieles an. Ucberhaupt 
ist es eine reiche Sammlung von Aussprüchen, oder wie der 
Hr. Herausgeber in der Zueignung schreibt : 9Sie haben hier mit 
»dem Kern der heiligen Schrift die Gedanken der würdigen und 
«heiligen Manner, die das Christenthnm gegründet, so wie der 
»heidnischen Schriftsteller über eine Sache, die Sie selbst se 
»sergsam zu üben suchen ; und das wird Sie hoffentlich die Form 
»weniger beachten lassen.c Denn die Form ist oft eine Anein- 
anderreihung von Gemeinplätzen, die den Predigermönch ver^ 
rätb, aber auch dei) Mann von Geist und Gemuth, der in das 
Leben spricht. Das Buch ist in kurze Capitel abgetheilt. Das 
erste redet über die Erziehung der Söhne guter Famäien. Hier 
kommt zugleich der Grandgedanke von dem mensphlidien Ver- 
derben vor. Die Seele beaa^ wegen ihrer doppelten ünfShig- 
keit sowohl Unterricht zur Erleuchtung des Verstandes, als Zucht 
lur Bildung des Begehrungsveimögens. Strenge Zucht zur 
Uebong des Gehorsams- und innern Anstrengung, ist durchaus 
nöcljf^; auch für den höchsten Stand, denn je höher deif Stand 
desto mehr Sorgfalt bedarf die Erziehung. Das zweite Capitel 
und die folgenden, bis das 6te, handeln von den Hindernissen, 
Erfordernissen und Hülfsmitteln bei dem Lernen. Man findet 
hier, wie bei den Scholastikern Tugenden und Laster, alles mehr 
der Zahl nach zusammen gereiht, als nach innerem Zusammen- 
hange auTgezeigt; doch findet auch der Leser för unsere Zeit 
Tide Goldköroer, vornehmlich was frommen Sinn und Beschei- 
denheit empfiehlt. Bis zum aasten Cap. wird von dem Lehren 
und Lernen gehandelt. Wie das Rechten, wie de^ X>isputirgeist, 
wie eine geheime Widerspenstigkeit, kurz wie die unfrorome* 



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* 

Gesiiintuig das Lernen in der Wund verdirb^ und weder den 
Knaben jnoch den Jüngling, noch aucli den lyiann xur Erkenntr 
nifs der Wabrheit kommen labt: wie dagegen das innere Wesen 
der Frömmigkeit zur Weisheit fuhrt, und auch schon in dem 
Xindesakcr auf.d«^ einzigen Weg weiset,. das alles ist schon in 
alu^n Zeiten hier und . da erinnert worden, aber von unserm Yini«^ 
centius wird es' in... diesen Capiteln sehr nachdrücklich erörtert 
Er fuhrt hiergegen ^^usspruche von vielen Schriftstellern an^ 
insbesondere wie auch, an andern Orteu, von Hugo von, Set, 
Victor, Allerdings hat die L^hrkunst in unsem Zeiten sich gros- 
serer Fortschritte zu erfreuen, als dafs wir von den meisten hier 
gegebenen Regeln ^ Gebrauch macheu könnten , allein von dem 
Ächten Geiste dUes Lehrens und Lernens sind wir doch vielleicht 
weiter entfernt. Sa viel man auch davon hört und spricht, dafs 
die* Religion die Seele aller Bildung %c^^ und dieses Anerkennt* 
oifs dürfen wir zu den neuesten Fortschritten rechnen, so köu* 
nen wir von unserm eben so einsichtigen als frommen Yincen- 
tius noch Viel lernen, wie man den frommen Sinn in dem Schü- 
ler bestandig unterhält.« Auch mögen uns Sentenzen, wie z. B* 
liier eine aus dem heil. Ambrosius: »Es %t^ freundlicher Aus«- 
»tausch der Ideen unter den Freunden Gottes, und kein Zanklc 
Öfters zu Gehör gesagt worden. Die i4 folgenden Gip. be- 
treffen die Erziehung der Knaben. Man darf auch hier nicht 
eine zusammenhängende Erziehungslehre suchen, auch nicht viel 
einzelne Regeln f die nicht bekannt und in neuern Zeiten meist 
I>esser gesagt wären, aber der fromme Geist ist es auch hier, 
was unsern Pädagogen als die durchbildende Kraft empfohlen 
^ werden mufs, und worüber sie vieles durc£ diesen Lehrer aucb 
von älteren vernehmen, das Ihnen wichtige Blicke eröffnet. Das* 
«eibc gilt Von dem folgenden 35sten und 36sten Gap. über die 
Leitung und Zucht im Jünglingsalter. Dafs auf die Strenge der 
Zucht gehalten wird, erwartet man schon von dem Mönch, allein 
man hört es auch hiei; von dem guten Pädagogen, der keines- 
wegs eine finstte, sondern nur ernste und anstrengende Behand* 
lung verlangt, welche ihre Liebe auch in Freundlichkeit, be- 
weist. Und an solche Strenge der Zucht mag immer wieder 
unser Zeitalter erinnert werden , und der Gymnasiallehrer wie 
der Schulmeister. In den zwei folgenden, und in den letzten 
Cap* redet der Verf über den Ehestand und die Ehelosigkeit, 
freilich als Mönch, doch sagt er viel Gutes, das Frauen und 
Jungfrauen zur wahren Erbauung lesen mögen. Am Venigsten 
geben die Cap. 39 bis 4 t durch ihre Regeln für das Mannes*- 
alter. Desto belehrender spricht der Verf. vom 43sten Cap. 
an bis ans Ende (Cap. 5i) über Erziehung der Töchter. Er 
wcifs die Eitelkeit und Gefallsucht in allen ihren Artigkeiten %\l 



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^€l9g{^gische Scbriftedt 681 

krfeB y und die damalige Zeit siebt darin der. jetzigen so 
gleich, dafs er aucb jetzt noch trifft. Das Bemalen der Gesicli- 
Kr sdieini damals zu einer fprossen Kunst gestiegen zu .sejn, und 
Aussprüche tou lieiligen Männern, -wie einer der angeführten 
>roB Ambrosius: »Tilge Gottes Malerei nicht aus, setze nicht 
sdas Gemälde der Buhlerin an die Stelle^ denn dadurch schän- 
i4est du Gottes Werk;c liessen sich die Damen woU vorpre* 
digen, so gut sie jetzt von Aerzten sich darüber rorpredigen 
la^en, und — ' schminkten sich nach wie vor. Die Erziehung 
der Tochter zur Eingezogeuheit und Sittsamkeit ist iiilKht etwa 
im Toii£ eines damalige^ Trübsinnes , spndem aus. der wahren 
Achtung Dar die jungfräuliche Seelenscbonheit gesprochen. Wir 
wünscben, dafs Mutter und Töchter diese . Capitel aufmerksam 
ieiefl, oder vielmehr das ganze Buch. Für die Erzieher ist es 
choebin mit Redit unserer Zeit mitgetheüt. 

Wir dürfen weder undankbar gegen die alte noch gegen 
die neue Zeit sejn. Die folgenden beiden kleineren Schriften 
lassen nach der Dqrchlcsung des obigen das Vorzügliche, das 
imsere Zeit in Unterricht und Erziehung behauptet, sogleich er- 
kennen, ohne dafs wir übersehen dürfen, wie eben in einem 
Zurücklenken auf den Ernst, die Zucht, den frommen Sinn jener 
alten Zeit die Vorzüge der jetzigen zu wahrhaften Fortschritten 
weiden sollen. Beide Schriften sind von verdienstvollen Schulmän* 
Bern, die ans dem Leben und in das Leben sprechen. Zuerst 
folge die mehr populäre; 

ß. Der Schulmeister Lehrecht, wie er über sein Amt dachte und 
darin wirkte. Eine Schrift für Lehrer und Schulfreunde 
van J. F, ff^TLBSRG, Lehrer in EiberfeUL 48siQ. bei Ä 
Buschler in Elberfeld. 8. (nüo^S.) 46 ggr. 

Uafs Werth und Geist der Elementarschule besser erkannt werde 
wt der Hauptzweck dieser Schrift. In biographischer Einklei«- 
^uBg wird erzählt, wie ein treiBicher Lehrer für eine solche 

n lebt und wirkt.« Er 
;.B. »eine ächte Schul«^ 
das beste Lernen, der 
anwenden kann; des 
irbuch, und sein guter 
Das Schöne und Nütz-«' 
Hehrer, wie S. 29 ff. 
Reo. aus Erfahruqg als 
fi;dnnen sollte. Ueber* 
geschickten und eifrl<^ 
hlt, mit Recht in da* 



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. 68a £S<kigo^sche Scloyftea 

Beldurong, über Zweck imd Geist desselben nicbt vergteiseit» 
Eiufacli und fWsJich ist alles Tor^tragen, von den hdherea Grnnd-' 
flitzen der Erziehung und des erziehenden' Untei^richts an, bis 
auf die einzelnen Sdmlverrichtungen, z. B. Lesen«*, Singen-, Rech- 
aeo-Lehien. Der fromme Sinn wird als die Seele der Bildung 
anerkannt, und in sein richtiges Verkältnifs zur Verstandedieleh^ 
Tung ge^clzt^ Der Unterricht soll die Rinder ergreifen, unver- 
lilgbare Fertigkeiten zum Weiteriemen enthalten, und nicht durch 
das: unselige Vielerlei zur Flachheit fuhren, oder der Eitelkeit 
der Kind«r und Eltern frohnen. Darum sey der Lehrer selbst 
kindüdi,! unperdrossen , still, fromm und gut. Beispiel wirkt 
mehr als Gesetz. Wenig geboten und wenig verboten, aber 
streng darauf gehalten. Feste Ordnung, und wachsame Zucht. 
Auch über Meüiode legt der Verf. als wohlerfahrner und um-* 
sichtig denkender Schulnuimt dem Anfanger Lebrecht die richti* 
gen und gedeihlichen Begriffe als Vorsätze in den Mund. Ein 
Vorzug dieser Lehren ist dabei, dafs sie höchst einfach und für 
LandsdiuUehr^r anwendbar sind. Sie könnten ausführlicher sejn, 
«e konnten hin und wieder tiefer eingehen, sie könnten auch 
ein höheres Lernziel setzen, allein gerade dadurch würde das 
Bachlein an Brauchbarkeit för jene Schullehrer verlieren. Wir 
wünschen es also diesen in die Hände, und das um so mehr^ 
da es auch viel Tre£Eliches jtagt, was zum sittlichen und häusli- 
chen Wohlstand des Schullchrers auf dem Lande dient 

J. U^er Erziehung im AUgememen und Schul - Erziehung im 
Btsondem F'on Fm, Ad, PVmlh, DiESTERjrBGj Dr. der 
PhUos. und Rect. Bei H. Büschkr in Elberßld. 48%o. 
8. (4S6 S.) Preis 40 Ggr. 

JJie Begriffe Erziehung 'und Schule werden, wie bekannt, 
ziemlich unbestimmt gebraucht; auch der Hr. Verf. giebt 
ihnen von Anfang nicht diejenige Bestimmtheit, welche es er- 
leichtert hatte, das Wahre, was er sagt, desto richtiger und 
überzeugender zu sagen. Denn denken wir mit Hr. D. unter 
Scfttde jede Anstalt, in welcher eine Wissenschaft, Kunst, Fer- 
tigkeit oder dergL erlernt werden soll, so giebt es auch Schalen 
für Erwachsene und für diese oder jene Dinge, ohne dafs man 
dabei an. Erziehung gerade mehr zu denken hat, als bcf vielen 
andern Lebensgeschäften. Eben so der Begriff Erziehung. Int 
weiteren Sinne wird auch der Mensch noch in späteren Jaltren 
erzogen, und das durch alles, was er und was ihn treibt Hjer 
aber ist von der Erziehung der Jugend die Rede, und verste- 
hen wir unter Schule die öffentliche Anstalt, in welcher junge 
Leute gesellig v^eint sind^ um zu lernen, so ergiebt es sieb 



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JPaMgO^tUi^ Scliriften. 683 

lackt| dafs. sie eioea wichtigen TbeU der Erztolmvg ia jenem 
bcsÜBunteren Sinne «nsn^ichey wie anch, dab der Geist, der die 
Jugendliebe Kraft hervorroß nnd^bildet, für den kddisten Zweck 
iet Erziehung die Schule durohwalten soll« Das sa^ft anch der 
Too diesem Geiste selbst dorchdrungene Verf^ weoa er z. B. 
TOD der einseitigen Bildang, wie etwa dos Verstandes md deren 
ubeln Folgen redeL In dieser Hinsicht fuhrt er die anerkaunte 
Wahrheit an: »jeder Unterricht soU erziehend sejn, so wie alle 
»Erziehnng belehrend, nnd.so spricht man mit Recht von erzie- 
»hendem Uiite]rricht.€ Aber sein Urtheil, dafs ein Erwachsener, 
welcher einen Unerwacbsenen nur lehrt, mit allen andern Ge- 
schöpfen Gottes auf eine Linie herabsinke, finden wir zu hart. 
Denn die Absicht eine Erkenntnifs mitzuth eilen , ist schon ^n 
sich sittUch, und kann auch Sittliches zur Folge haben, ohne sich 
dieses gerade zum Zweck zu setzen. Also erhebt auch schon 
soldie Lehrhaftigkeit den Menschen über die absichtlos beleh- 
rende Natur. Darin werden jedoch alle gern dem Hm. Verf. 
zustimmen, dafs der Unterricht erst recht erziehend werde, wenn 
er die moralische Kraft des Lehrlings ergreift und sti^rkt. Hier 
mm treffen wir ganz mit dem Verf. zusammen , wenn er nach 
den Mitteln fragt, welche der Schule für die Erziehung zu Ge- 
bote sieben.. Kccht gut wird gezeigt, dals die äussere Bildung 
weder das Erste sejn darf, was man bezweckt, noch das Erste 
zu sejn braucht, denn das Innere ist der rechte Grund des Aeus- 
aem, So «ehr dieses in unsern Theorieen anerkannt ist, so mag 
es doch wohl an manchen Orten noch laut und ausführlich ge- 
sagt werden müssen. Das Dressiren ist etwas Schlechtes. Schlecht 
ist aber auch die Rousseauiscbe Einseitigkeit, welche gar nicht 
vöu aussen bildeifi will; denn diese läuft ebenfalls einem Natur- 
gesetze gerade zuwider. Der Buchstab ist nicht nur Ausdruck 
des Geistes, sondern macht auch Eindruck in den Geist; ei tritt 
aus diesem hervor y und wirkt bildend auf denselben ein. So 
ist anch die Mos negative Erziehung nicht etwa keine, noch 
-weflöger ein gedeihliches Freilassen, am wenigsten in den Jahren 
des anrubigen Treibens (Flegeljahre genannt), sondern vielmehr 
eine widernatürliche Verderbqifs* Der wilde, daher stürmende 
Rnabe wird schwerlich gerat hen, wenn man ihn nicht positiv 
im Zaum halt; und gewi^ nicht, wenn es nicht das Schicksal 
abeminunt die Ansschweifnngcn seiner Unbändigkeit zu strafen. 
Diesem aber zuvorzukommen, das ist eben des Erziehers Beruf. 
So sehr anch der scheinbar kräftige Knabe gefallen mag, so er- 
wachst doch die tüchtige Menschenkraft bei ihm auf keinen Fall 
so gut, als 'bei dem, der schon frühe gewöhnt wird, sich Maas 
zu setzen, zu gehorchen, und der Ordnung sich zu unterwerfen. 
Ihs Grosse uud Edle wächst in Ruhe heran, bis ea im Ringen 



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684 Eadtgogisclie ScKtifteD^ 

der Anttr^BgiiBg reift. Des sagt die Erfatimog M Imt/ imd 
selbst in der G«9c)iicbte ganzer Völker, dafs man kanm begrel* 
fen kann, wie eta so kraolchafter Gedanke, als solle man die 
Kraft dies Knaben nur ungenigelt spielen lassen, die neuere Pä- 
dagogik so sehr anstecken konnte. So ist unser Zeitalter in die 
heiiloseslen Verkehribaiten gerathen, nachdem die Erziehung 
nichts mehr wissen wollte Toa Zucht (und immer auf eine Art^ 
wahr bleibt es doth: o ^ Stt^lf hv xaiisi^roLt^ und der Un- 
terricht nichts Yon Strenge, und naclidem das älterHche Ansehti 
aus den heiligen Lehren wegexegesirt oder wegphilosophirt 
wurde. — Hiermit wollte Rec. dein braven VerL seine Zustim- 
mung um so reiner geben, da er vorerst einige Ausdrucke an- 
merkt, die den Schein der entgegengesetzteii Meinung gebend 
Auf den ersteren Blattern heist es einnuil: »man solle die muii-> 
terc L^endigkeit des Knaben nicht störende und ferner: »eine 
fröhlich* durchlebte Jugend starke und stähle für die mühevolle 
Arbeit in der schwülen Mittagszeit, c Nrhmen wir das so hin^ 
so mnfste man ernstlich dagegen sagen : vielmehr bringt sie gros- 
sere Forderungen, and dann nur Mifsmuth und Bitterkeit in das 
Leben. Allein wir wurden dem Verf. Unrecht thun, wenn wir 
bei dieser Stelle stehen blieben, ohne die Berichtigung, die das 
Folgende giebt, damit zu verbinden. Er redet hii*r mit allem 
Rechte der kindlichen Fröhlichkeit das Wort, spricht aber wei- 
terhin auf das stärkste gegen jene Weichheit in der Behandlung^ 
fegen spielenden Unterricht u. dgl. er will Anstrengung der 
ugend, er will dafs sie gewohnt werde zur SelbstVerläungnung, 
und zur Ei^ebung unter einen höhereu Willen. Aus dem Grunde, 
weil er strenges Lehren verlangt, wodurch nämlich die Geistes- 
kraft sich aus sich sdbst entwickelt, verwirft er auch den Me- 
chanismus der Lancaster- Schulen, und lafst sie nur als Nothbe- 
helfe gelten; welches auch Rec. mit andern deutschen Schul- 
freunden schon früher ÖflPendich geäussert hat. Es ist, Gott sej 
Dank, dem. freundlicheren Geiste der neuem Zeit gelungen die 
eheiJtalige Schulpein zu vertreiben , und wenigstens an vielen 
Orten die Marter der armen Kinder und noch ärmeren Lehrer in 
ein fröhliches Leben umzuwandeln : aber man ist häufig auf das 
entgegengesetze Extrem gerathen , • und hat die Schulzucht ver« 
pachlässigt, ja die Grundsätze der neueren Pädagogik, Philoso- 
phie, und Aufklärung haben, selbst von elterlicher Strenge nicht 
viel mehr wissen wollen. Man sollte schon dem Knäblein nur - 
durch Grunde beikommen, und der Vater sollte mit seinem 
unartigen Kinde rechten, wo besser ein Wort von oben herab 
;esprochen, und, allenfalls mit dem Nachdruck des ^Suchtmittels 
egleitet würde. 'D-^s sagen die Lehren alter Weisheit, und 
4udi als einen Ausspruch d^ Montaigne, eines der ersten, welche 



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l 



Pädagogische Sobrifleir^ 685 

tft neuc^re mensclienfreimdlicli« Behandliiu«^ der Kinder empfoh^ 
lenkabea, fuhrt ueser Verf. an, dafs, »wer ans seinem Kinde 
oiieD -wackeim Mann macben will, dasselbe in jung^em Jahreo 
gewib mcWt schonen durfe.c Diese Anerkennung einer nothwen« 
digen Yerbuidang der Strafe mit der Freundlichkeit in der 
Schale und xu Hause halten wir für einen Fortschritt in der 
Ernehuog, welchen die neueste Zeit macht, nber die bisherige 
£insdtigkeit hinaus, und darum freuen wir uns um so mehr über 
^e vorliegende Schrift. Der Verfasser übersieht auch nicht die 
Wlchdgkeit des guten Beispiels, nnd weifs es den Lehrern an 
Aas Herz zu legen, wie es an besten wirke. £r weifs ihnen 
auch khtr zu machen, wie das blosse Wissen nicht der Zweck 
ae^n dürfe, und spricht mit Wärme t^egen die Gemeinheit, die 
alles auf den Nutzen berechnet, und wie die £rziehung nirt^end 
dem Egoismus Iröhnen solle. Auch finden wir den Gedanken 
»dir wahr, dafs es eine innere Tapferkeit gebe^ nämlich g^en 
4&e innern Feinde, Trägheit, Zerstreuung u. dgl. zu welcher die 
Schule auffordern und gewöhnen müsse. Sowohl höhere als nie- 
dere Schullehrer werden hier auf £insichten geführt, die keinem 
lelij#*n sollten, und die jeder nur recht weit ausbilden möge, damit 
er sich auf die eigentliche sittliche Bildung der Jugend, die doch 
mehr ist als blos äusserer Anstand und rleifs, besser verstehe, 
ils es noch die gewohnliche Erfahrung zeigt. Hierin hat die 
Methodik für alle Arten der Schulen noch viel zu thuu. 

Um die guten Grundsätze dieser Schrift und ihren ein- 
dringeaden Ton unsem Lesern zu bezeichnen, erlaubt sich Rec« 
wenigstens eine Stelle hierher zu setzen. 9 Wäre, heist es S.46 
»die Thätigkeit in der Welt Haupt- und Lebenszw<*ck und da- 
»dorch Endzweck der Erziehung, so fiele damit für den aus der 
»Welt Verstosseuen , d^n lebenslänglich Eingesperrten für den 
»auf das Krankenlager gestreckten Siechen jede Verbindlichkeit, 
»jeder Sporn für das Streben nach Heiligung weg, und eiii 
»ascetisches Ringen nach unverfälschtem Tugendsinne congcuirte 
»vollends mit absoluter Thorheit. Dem ist nicht also, sondern 
»eine im vertilgbare Aufforderung, das verzerrte und verwaschene 
»Bild göttlicher Natur in uns und für uns durch Kampf, Selbst* 
»rerläognung und Mörtification des natürlichen Willens zu reini« 
»geo, zu erneuern, zu verklären, lebt in dem Menschen, wenn 
»er nicht verstockt ist. Und, an der Möglichkeit der Herstellung 
»ddeser innern Reinheit des unsterblichen Fremdlings im Men- 
»sehen, an dieser geistigen Wiedergeburt, darf kein Erzieher je 
»zweifeln, ihm seyen nun unschuldige Kin Jer oder todesvnirdige 
»Verbrecher zur Führung und Besserung nbei^eben.c 

Der schwierige Gegenstand ron den Strafen ist hier auf 
mtalgtn Blättern so erfahren «ind so treffend bebandelt, wie 



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OSd Pädagogisch« Sdlrlften^ 

Rec. der übrigens so ziemlich dieselben Grundsätze in seinen 
pfidagogtschen Schriften aufgestellt hat, sich nicht eriiinert es tr^ 

Sendwo gelesen zu halben. Auch wird daj Verhältnifs zwischen 
em X»e(»rer und den Eltern, zwischen dem Hause und der 
Schule in den richtigen Gesichtspunkt gestellt; (fiis Haus, die 
Natur (das Leben im Ganzen), und die Schule werden als die 
drei Factoren betrachtet, welche den Character des Kindes bil- 
den. Weniger befriedigen die Paar Worte, welche der Verf. 
über einen Mittelweg zwischen Classen- und Fachsjstem sagt. 
Die ästhetische Bildung scliltefst er nicht von der Schule aus, 
aber er geht auf ihre Quelle ein, und damit begegnet er auch 
am besten der leidigen Sucht neuer Zeit zum Aesthetisiren. Es 
ist wahr, »der gediegene Mensch sieht mehr auf den Kern als 
auf die Sjhaalec: aber wahr ist es auch, dafs eine verdorbene 
Schaale bei der Jugend keinen guten Rem erwarten läfst. Die 
Humanität gicbt dem Wesen und der Form Einheit und Schön- 
heit. — Das Verhahnifs der Schule zu Staat und Kirche wird 
ebenfalls berührt, und gegen die bdcannten Einseitigkeiten nch- 
tig darein gesetzt, dafs sie von beiden zugleich abhängt. Eben 
ao reiflich urtheilt er über das Streben nach dem Ideale, welches 
durch die Erziehung erweckt werden sollte, aber ja nicht vor 
der Zeit, sondern von Stufe zu Stufe. Denn nur so entsteht 
in dem Jüngling die demuthige Bescheiden lieit, nur so wird er 
auch über die Zeit hinaus erzogen, und nur so findet er seine 
innere Freiheit. Aus dieser ist denn auch allein das innere rechte 
Streben nach Süsserer Freiheit in den Verhältnissen der bürger- 
lichen Ordnung zu erwarten.— Die Einheit des verschiedenar- 
tigen Einzelnen in dem erziehenden Schulunterricht mit dem 
Ganzen liegt in der Religion. Das soll der Lehrer beherzigen. 
Dabei v^irke sein Character als das bindende Mittelglied zwi- 
schen Bachstab und Geist, sein Leben als das verkörperte Ideal 
des an* ihm heranwachsenden Schülers, hinweisend zugleich zuiii 
höchsten Ideale, welches uns in Christus dasteht, zu diesem »un- 
wandelbaren Ideale aljer Lehrer und £rzieher«€ — Solche päda- 
gogische Winke sind mehr werth, als die Menge der politisch- 
moralisirenden Declamatlonen, und wirken unendlich besser zum 
Heil der Staaten. Christliche Ztt<;ht der Jugend, das ist es was 
Wohlstand im Hause und^ Recht im Lande schafft. Darum hält 
€s Rec. fiir einen wahren Fortschritt der Erziehung, dafs man 
von den miglnckseligen Theorieen zurückkommt, welche freilich 
noch in bisherigen philosophischen Schulen hier und da festhal- 
ten wollen, und es ist erfreulich, wie 'unser bHdungsreiches 
Deutschland sich auch Merin ab das Land der ächten Erziehungs- 
thätigkeit bewährt. Diejenigen Grundsätze^ weiche den Kindern 
das Kindliche nehmen wollten, vemoohten uns wenigstens nicht 



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Pädagogische Schi*ifted; 697 

haf;t m tansdieD, und noch kürzere Zeit* die, welche den Schuld 
knaben io den Kopf setzten, sie sejen die Volksmiuiner. Wir 
wollea nach göttlichem und menschHchem Recht , dais die Kin^ 
der zum Geliorsam, dafs die Jünglinge zur Bescheidenheit an- 
gewiesen, dafs die Eltern und Lehrer wieder in ihr Tolles An- 
sehen eingesetzt werden, und dafs eben hiermit die Rinder wahr- 
hk zu ihrem gdttlichcn Rechte der wahren Bildung gelangen. 
Die eben angezeigte Schrift hilft ausdrücklich diesen Fortschritt 
io der Pädagogik bewirken. Aber auch die vorhergehende tragt 
dazu bei, und die zuerst angezeigte möge mit ihreö weisen Leh- ' 
ren aus alter Zeit desto kräftiger dazu anregen« Die folgende, 
eins der neuesten Bücher in dieser Literatur, kann das Ihrige 
eben£J[s dazu beitragen« • 

3. Die Erziehung ab integrirender Theä unsers Kampfes gegen 
das Böse. Von Leopold von Holst. Dorpat 4 8% 4. Ge- 
druckt bei •/. C Schunmannj Unwersitäts - Buchdrucker. 
(J^iS S. 8.) 

JLlieses Buch wül die eigentlich christliche Erziehung zeigen« 
Es geht von der Idee Gottes und von dem Bewulstseyn des 
menschlichen Verderbens aus, spricht zuerst von dem Kampfe 
in uns, von dem Satan, von der Erlösung, von der Noth wen- 
digkeit das Böse zu erkennen, von der Selbst entsagung, von der 
gänzlichen Unterwerfung unsers Willens unter den göttlichen, und 
von dcrErgdliung an Christus. Der Satan ist nach dem Vf. der Tod, 
^ifi Luge und der Hafs, welcher Hafs aber das in sich selbst 
Ohnmächtige ist, er ist die unendliche Nichtigkeit Da nun Gott 
dagegen die unendliche Liebe und Macht ist, so bleibt es hier 
wenigstens unerklärt, wie noch ein Streben des Satans denkbar 
»st, ^ Welt zu vernichten, und wie uns noch ein Streben ge- 
gen dieses Nichtige zu kämpfen, aufgegeben sej. Dafs wir von 
deaa Hafs und der Selbstsucht erlöst werden müssen, wenn wir 
xum Leben eingehen wollenj folgt wenigstens nicht klar hieraus, 
so g^wils auch das Christenthnm darauf dringt. Die Folgerung 
im 4sten Abschn. ist, die Aufgabe scj die positive Arbeit einer 
Erziehung, welche von der folgenden Generation jenes Gift a]>- 
Ink, indem hierin die Erlösung des ganzen Geschlechts gesucht 
werden müsse. Diese Idee könnte manchen an jene bekannte 
neuerer Pädagogen, namentlich Salzmanns, erinnern, welche die 
Erlösung lediglich von der Erziehung abhängen lassen , aber 
alles nur ausscrlicb nehmen. Von solcher, wir dürfen wohl sagen, 
ultrapelagianischen Meinung ist indessen das vorliegende Werk 
weit entiemt. Vielmehr acht christlich, und nach strenger kirch- 
^tt Lebre erinnert diese Idee an die Erziehttngslchre der 



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6Sa Pädagogische Schtlften. 

EUüsdiai Schule (von ji, H. Fnaike) wo die Bekehn^g «k 
nbthweodiges Erfordeirnifs veiiangt wurde, so dab sogar Surgam 
neck iD seiner ff^arnung vor allen Sünden der Unreuugkeit 
(1746 S» 543 ff. und 578 ff.) diese als Hauptmittel voraussetzt« 
Oder wie sich Zinzendorf in seiner Genialität ausdrficLt: »Was 
•ist die Kindenucbt? Eine heilige, priesterlichc Methode^ den 
•Kinderseelen von ihrer Wiege an nichts wissen ztt lassen ^ 
^mIs 4^(s sie vor den Heüand da sind', und ihre ganze Glück-^ 
»seligkett darin besteht, wenn sie Ihn kennen. Ihn had>ca^ 
»Ihm dienen*, mit Ihm umgehen , und ihr grdfstes Ungludc, 
•waserlei Art von ihm getrennt zu sejn«€ Nicht titx Schrift- 
steller aus jener Schule, sondern auch Schulen selbst be-* 
v^^^Bjühten^ sich dieses Priocip des Kampfes gegen die schoo 
in der Kindesbrnst wohni^nde Sündhaftigkeit . auszuführen ; ia 
welche schlimme Einseitigkeit sie aber dabei geriethcn, das mufst« 
•den nachmaligen Pädagogen zur Warnung dienen. Also hat der 
Hr« Verf« auch in dieser Hinsicht zu viel gesagt, wenn er iut 
der Vorrede meint, dafs alU bis jetzt bekannte Pädagogen mehr 
oder w^iger einen willkuhrlich gewählten Standpunkt im Ge- 
gensatz gegen den des Christenthnms festgehalten« Und auch 
ausserdem ^ist von manchen älteren ( wir erinnern nur an den 
oben anjjezeigten Vincentius) und neueren die Gottesfurcht als 
«11er Weisheit Anfang, und die christliche Frömmigkeit als der 
Grund der Erziehung gelehrt und bewahrheitet worden. Diese 
Bemedcung soll keineswegs die fromme Idee des würdigen Vf. 
herabsetzen, sondern sie vielmehr als eine bereits anerkannte lo* 
ben, nur aber auch an den Hauptpunkt fiir die Pädagogik erin« 
nem, wie sie nämlich mit Vermeidung der Mifsgriffe in das Le* 
ben einzuführen stj4 Gut ist es vorerst, dafs der ^erf. dem 
Einzelnen seine Sündhaftigkeit an das Gewissen legt als eine 
Schuld, wodurch die Macht des Bösen für das ganze Geschlecht 
um so grösser irird, und dafs dagegen das Beispiel Christi an* 
endlich wirksam zum Siege des Guten sej» Und so sollen die 
Eltern und Erzieher ein Beispiel der Liebe zu sejn wenigstens 
sich bemühen , überhaupt aber soll man das Elend , unter 
welchem die Wahrheit seufa, nur recht in das Auge &sseiiy 
um durch die Erziehung demselben möglichst abzuhetfen. 



{der tUschtrfs fokß.) 



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N?44» Heidelberger 1822. 

Jahrbücher der Literatur. 

Pädagogische Schriften. 
(Bescblu/s.} 

Uats Hot t.^ H. den hochherugen PesUlozzi als denjeiiigeil 
rühmt, der mit Begeisterung und Opfe/ diese Bahn betreten^ 
darin aofs ihm die Mitwelt und Nfachwelt lustimraen, aliein um 
yföMig gerecht zn seju, müssen wir doch auch Andern ihis Ihrige 
znei^eunen , welche schon früher sich fibnücbe Verdienste um 
die Menscliheit erworben haben; und welche auch, was der Hr. 
Verf. an dem Werk^ dieses ausgezeichneten Menschenfreundes 
ab Sdilals vermilst, tn die Erkenntnifs des faulen Flecks einge» 
gangen sind, und auf das Innere der Bekehrung gedrungen ha^ 
beo. Wir finden es zwar übertrieben, wenn es m dem Buche 
betfst» »dafs in der Regel jeder Vater seine Kinder noch schlecht» 
ter erxie^t, als es mit ihm selbst der Fall gewesen wäre; aber 
•ebr richtig sein^ Verwerfung der übertriebeneu Erwartung, dafs 
die Erziehung der Welt das verlorne Beil wiedergebe. Man 
soll daber vor allen Dingen sein »verlorenes, reines Bewufstseyn 
Gottes und des eigenen geistigen Lebens wieder erriogen.c Das 
nt, das Eine was Noth thut, die Busse, die zur Selbsterkennttiifs 
oad durch diese zum Glauben an d^o Erloser führt« Allerdings 
Wahr! und eben so wahr ist es, dafs^ um dahin zu gelangen, »et 
dardiauj keinen andern Standpunkt als den des Christenthums 
g^^t.c Aber selbst nach diesem Standpunkte ist es doch kn* 

^ ~" lel »nur die Verwirrung grdf« 
I Eigensinn und Hochmuth der 

Denn es giebt ja auch eine 
iustitia civuis in unserer Kir^ 
iisen des neuen, des gottlichen 
wilderung; und insoferne er^ 
Irzieher oder anch blosse Leh<« 
, welcher die «Tugend durch 
sn stehe diese Erinnerung i^it 
die treffliche und Seht cbrist- 
t durch den allzustarken Aus- 
fr und Üifs griffe in der Aerr* 
44 



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690 Päd^ogische Sehrifteih 

sehenden EniehungiweiU greift zuerst die b8«e G«wohii]»eit an; 
4lafs man aus den'Kioderp Pußpchen macht , womit man Aufsa- 
hen erregen will; sodann sucht, aus dem allerliebsten Aeffchen 
auch eine gefällige Sprechmaschine zu machende . ferner: dafs . 
man den Leib verwöhnt und verhätschelt und die Seele in 
Empfindeleien hereiniieht — die Rßge dieses letzteren , das zum 
»Tändeln mit dem schönen Selbste führt, zur Leerheit und Kraft- 
losigkeit des Gemuths, bt ein recht tüchtiges Wort; — weiter, 
dafs man Nutzen und Vortheil zur Triebfeder in der Erziehung 
macht, in dem Unterricht, und in der ganzen Dressur ; wie auch : 
dafs man von Kindern fordert, was sie nicht leisten können, und 
i\Q hierdurch zur Löge des Scheinens zwingt. Mit eben diesem 
heiligen Ernst spricht der Verf. gegen jene innere Verfälschung 
des Kindes, wodurch »die reine CN>jectivitat des Kindleswesensc 
(was Rec. in seinen Schriften die innere VITahrheit genannt hat, 
und in einer gewissen Beziehung auch Naivetät heifst} zerstört 
i^^irdi Als Grund wird der Irrthum angegeben, als sej der 
Erzieher statt Gäitner Baumeister, als mache erst die Erziefauqg 
das Kind zu einem Menschen, statt dafs sie doch nur die vor* 
handenen Anlagen zu bilden, und die Individualitat zu respecti- 
fen hat. Rec. freut sich um so mehr, den Verf. auf diesem 
Wege zu finden, da es sonst der Erbfehler derjenigen, die aus 
speculativem Standpunkte über Erziehung philosophiren, zu sey 11 
pflegt, das Individuelle, als das Schlechte, dureh das Allgemeiiie 
als das Rechte vertilgen zu wollen, was denn freilich, und das 
iur gerechten Strafe, noch keinem gdungen ist. Wir finden es 
sehr brav gesagt, dafs sich die Macht des Bösen offenbare als 
ein Verkennen der drei Stucke, 1) der Bestimmung des Men- 
schen im Kinde, a) der Bedeutung der Kindlichkeit und ihrer 
heiligen Rechte, 3) der Heiligkeit der Individualität. Zur hö- 
heren Begründung des letzteren verweiset er auf das in dem 
Menschen wohnende Göttliche, auf das VITort der Wahrheit aus 
Gott, dessen sich aufs reinste und klarste bewulst \vl werden 
die Aufgabe des Lebens sej. Es müsse aber die Bedingung 
dieser Wahrheit in dem Menschen auf das Bestimmteste erfBllt 
werden, damit er nicht in jene nichtige leere Allgemeinheit ver- 
schwimme. Jeder soU nämlich auf das Bestimmteste den WiUen 
Gottes durch sein Leben und Seyn ausdrücken, hiermit den 
Stempel seiner Eigcnthümlichkeit, als das Siegel des Göttlichen, 
unverfälscht aufweisen, als sein wahrhaftes Leben. ,Der Verf. 
widerlegt mit Tiefsinn die entgegengesetzte Meinung, womacli 
man die Menschen in allgemeine rormen schlagen, und ihr Ei- 
genthümliches durch Fremdartiges modeln möchte, und er deutet 
auch auf den Fluch solcher lügenhaften Erziehung hin. 

Um nun im 5. Abschn. die richtig aufgefafste und erkannte 



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Vadagogischt Schriften. 691 

Hee ici MensclMii aucli det Efii^ui^ zmn Grnnile tu I«gen^ sind 

mretst die beiden entgegengesetzten Prindplen : die Natur des 

Mensdiea ist durchaus böse; und: die Natur des Menschen ist 

bfcUus gut; in ikrer Einseitigkeit, mithin als falsch bewiesen, 

wobei sebv richiig die locönsequeoA der Pädagogen vont znci^ 

(ea PtiiK^p bemerke i^, weil man alsdann fragt, warum wir 

4eati xkxcht die lid>en Kinder wie das liebe Vieh aufwachsen 

iMsen, und -was wir da überhaupt doch mit Erziehung wollen? 

AAcrdiuf^ sind wir in einem harten Widerspruch befangen, 

-Wenu irf ir eine Eugelreinheit der Menschennatur^ oder auch die 

Haarten u. s. w. nur als Bedingung für die hcrvorstrebeode Tu- 

geodkiaft anoeboien, und doch auf allerlei Weise au dieser Na^ 

tar zerren, ziehen und pfnschen. Denn, sag^ weitet unten der 

Verf. sehr wahr, »wäre iü dem Kinde nicht die Gewalt des 

»BSsen mSchtig, so stunde auch uns nichts im Wege, das Kind 

»nieste ans sich selbst schon verkommen gehorsam aejn,* ubd 

»wir bitten nitht erst darauf hin zu arbeiten, die Aufgabe selbst 

»fide also ganz w^.« Da hat Rousseau doch scfairfer gesehen 

als yeae Hadbsehenden, da ihm das höchste Ziel der Naturmensch 

Wir. Oder das alberne Loben des kräftigen Knaben, wie man 

G so oft TOn eitlen Eltern oder eben solchen Halbsehem hdrt, . 

bitte doch ^da noch einen Verstand. Freilich, kurz ist der Wahn, 

und hart die Strafe solcher Thorheit. Die Idee des Menschen 

einigt das Weltliche und Himmlische, seine Bestimmung ist das 

ewige Leben zu gewinnen, der höchste Punkt im Wcltliched 

-wird durch die Uebung der Verstande^Üfte erreicht, und als 

^ Ybrbereitang zum Himnäischen bewirkt, aber dei" Sieg des letz-^ 

ta«tt ist doch die Hauptsache« Nur warnt der Verf* au unsrer 

Vttnäe gegen das Extrem , worin die jetzige Zeit gerathen 

m5cfale> gegen das »kranke und krampfhafte Versenken in den 

aGedanken an die Ansprüche des Himmels, an unsern inwendi- 

»gen Mensdien. « *-* Die Aufgabe der Eriliehung ist demnach; 

'^me 4oU dem Kinde Gelegenheit gehen, sich in der Freiheit g^- 

' 9settmMssig m hilden.e Dieses Gesetamässtge ist jedoch aus dem 

^orhergebenden Gedanken des Verfs, zu erklären^ denn sonst 

• wlre es nur eine jener unnützen allgemeinen Formel, wozu die ganz 

* CDl|;^eogesetzten Systeme ^ich leicht bekennen würden, und 
"WobbH sich auch die Menge zu begnügen pflegt« 

Sechster Abschn« Erkenntnifs der noths»endigen Sädingitn-* 
gen, EntwieUung der Grundsätze aller wahren Menschenerzie^ 
hzmg'. Es mufs sich nun zeigen, ob der Verf« aus den allge- 
meinen Grundsätzen besser in das Leben herelhkommti als fs 
' gewöhnlich den idealisirenden Lehrern gelingt* Das erste Etc«* 
aaenc dn* Rrziehung ist auch ihm die Liebe^ denn ohne sie Ht^ 
ivie man auch für die Fidagogik anerkannt, so wenig Bilden als 

44* 

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(igl Pädagogische' Schriften: 

Leben mSgUdi'; fincl et ist die Liebe • nidit' blds ctt dem Zog' 
liag soodem auch zu dem Geschäfte. • Nicht eine Liebe, die mn 
Gunst buhlt; solche ist doch nur ein »eitles, albernes Possen- 
spielyC sondern jene ernste, die Vertrauen einfldfst «und kindliche 
Liebe hervorruft Solche aber ist eine Folge nur des Christoa- 
thums) und so ergiebt et sich, dafs die walurhafte Erziehung nur 
die acht christliche sejm kann. Eine christliche beifsC diejenige^ 
die aus dens Glauben an die Göldichkeit Qiristi fliebt, welche 
denn auch dem Kinde die Offenbarung Gottes in Christus nicht 
vörenthült.-^ Das ate Element ist die Wahrheit, von dem £r- 
aiehenden in den Zögling übergehend. Nur in dem wahrliaften 
Kinde ist auf ein kräUges und frommes Menschenleben zu rech- 
nen. — ' Die weiteren Grundsätze der Erziehung und des Unter- 
richts sindt »der Erzieher stdit neben seinem ZftgCnge für ihn 
i4(Sn}pfend gegen das aus seinem Innern emporstr^enae Ungdtt- 
»liche^ und ihn leitend und lehrend, da(s er Torwirts strebe; c 
der Erzieher mufs sowohl den allgemeinen Entwickelungwang 
der Menschennatur^ als auch die Eigenthümlichkeit des Einzelnen 
gchdrig erkennen Und würdigen, damit er ihm nicht zu nahe 
trete» Der Punkt, womit der erste Hauptabschnitt der Erzie- 
hung endigt, ist der, wo der Z^ling seine Bestimmung für die 
ewige Seligkeit erkennt» InnerhfJb dieser Zeit liejg^en mehrece 
Perioden. Recensent findet hier halt durchaus Zusammenstim- 
mung mit seinen dem Publicum bekannten Lehren , nur ist 
' der Verf. um die Einheit von Erziehung und Unterricht zu 
zeigen^ wieder in smne oft wiederholte Theorie über die Macht 
des Satans eingegangen, und nimmt dann mit Recht fiSr beides 
ak nothwendige Bedingung die strmge Zucht an. Im Unter- 
richt wirkt sie gegen Selbsttäuschung und Verwirrung, wozu 
besonders auch Üebung des Gedächtnisses gehört« Dabei jedoch 
Liebe, wie Gott liebt, welche d>en strence auf die Befolgung 
des Gebotes halt« Der Erzieher fi3hrt auf diesem Wege das 
Rind dahin, dafs es selbst den Kampf gegen das B^ zu führen 
beginnt, und heranreift, um dasX^otteswort immer retner selbst 
zu vernehmen. — Der Verf. wünscht ^ dab eine Anleitung f^r 
eine Geistesgjmnastik den Lehrern in die Hände gegeben werde, 
welche zeige, wie der Geist nach den Gesetzen seiner Entwick- 
lung geübt werde, Rec. mu0 hierauf bemerken, dafs die allge- 
meinen Grundsatze derselben wirklich, in Lehrbüchern aufgestellt 
sind, die Anwendung derselben aber specieU und gewissfrmasseu 
individualisirt bei der methodischen Behandlung der einzelnen 
Lchrgegenstande vorkommt. Er wüCste wenigstens nichts anders 
unter einer solchen geistigen Gymnastik zu denken. Dahin ge- 
hört z. B. der Pestalozzische Elementarunterricht in. dem Matbe« 
ttatiicbeo* 



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Pädagogisch S^tiftoL 6q3 

Der siebente Abscho. hmidek von der Scknk, Sie ist dem 
, Ae£ idie VeraiiislalcaDg, dordi w^he die Erziehunf^ zum Leben 
sn der Lidte, und ^ Leiten zur Erkenntnifs in der Wahrheit, 
ibcide in ihrer Vereinigung und Ganzheit , möglich und wirk- 
lich werden.« Neu ist zwar diese J*'omiei des Ausdrucks, aber 
lemeswegs die Idee selbst, und es ist ein unhistorisches Urtheil 
wen der Verf. sagt e S. 354) dafs »die Idee der Schule nir- 
»gcnds mit Rlarbeil erkannt und mit Bestimmtheit ausgespr<]k;hen 
sworden.« Wir brauchen nur an die 41te Sentenz zu erinnern i 
iat Schale ist die Werkstätte des heih'gen Geistes, um anzu- 
deuten, da(s schon längst die hohe Bestimmung der Schule unter 
den Cbiüen anerkannt worden. Und was haben die Resewitze, 
die EUers, die Rochowe — ^ um nicht mehrere andere hochver- 
üeate Männer zu nennen, die nach diesen die -Idee der Schule 
aoch weiter gebildet und nicht ungludklich ins Leben eingeführt 
Üben — was haben sie denn anders gewollt, als die Schule zur 
Tichtigsten Bildnngsanstalt der Menschheit zu machen? Selbst 
aber Homanitatsschiden ist manches Gute gesagt worden, und 
wie Tide Tortreffliche Gedanken sind gelegentlich z. 3. in Schul* 
Yedeo Ton eiii»cbtsvoUen Lehrern laut und warm ausgesprochen ! 
Bas ist frcilicb in sehr verKhiedenartigen Ansichteii geschehen, 
iHlessen fdilen doch auch nicht solche, welchen der Verf. seine 
Zosüflunune nicbt versagen würde. Nach seinen Begriffen findet 
4i Kind me Schule während seines früheren Alters im häus- 
khen Ldboi, im weiteren Fortgang aber in dem Gemeinsamen 
te Erziehung und dcf Unterrichts mit Andern. So wahr auch 
dieses letztere ist, so wird man, dureh Gründe der ludividuali-« 
Ist und durcii sehr entscheidende Er&hrungen belehrt, doch 
bncswcgs zugeben, »dafs die Aufgabe der Erziehung nicht zu 
siSscn ist, Tvenn wir die Kinder selbst von einander trennen, 
Had ein jedes in seinem eignen Kreise von Erwachsenen sich 
>eatwidcefai lassen,« -r- weil "»sie nur unter- und miteinander, eot« 
>fenit und firei von allen Beziehungen auf das Treiben der Erwach-» 
Si«MB das neue Element dea Lebens finden kÜnnen.« Diese Meinung 
lat ^entli^ ganz consequeot Fichte in seinen Reden an die deut- 
sdbeWation aufgestdk. Aber Gott bewahre! denn wohin führt sie! 
dlehso was bleibl auch nur ein Gedanke ohne Lebenskraft Indessen 
M es nur solche einzdbe Stellen, die der Vf. selbst, zum gewissMi 
Bevreisei'dals er die Sache richtiger denkt, durch andre Stellen be- . 
mUgt Eff xekt recht gut, und hier am rechten Orte mit Aus« 
lahtiichkeit, wiSche ffiodernisse das menschliche Verderben auch 
ifom Entstebea und Bestehen der wahren Schule entgegen setzt, 
■id dais, tfeil nun die^e nicht leicht gefunden wird, Eltern in 
fe l#i|ge kommen Andern die Erziehung ihrer Kinder anzuver- 
r| er zeigt auch die auDcherlei Uebel der Hauslehrereii 



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6^4 P&^go{({i6cb« Schriftefi. 

woton iohon das eint iit| dafs das Leben und Lernen in Oe- 
tneinschaft n^t mebreren Andern wegflült« Indessen bleibt mm 
einmal auch für manche andre Lagen nidits anders übrig. Ss 
ist wahr, »in der Hanslebrerei ist die Luge naeli« allen Seilen 
9hin mächtige ) abeir^ wie der Verf.. binzufögt, »derselbe Geist 
»erweiset sich auch so in < den öffentlichen Anstalten der Erüe-^ 
»hung.« Was folgt also? Wir dürfen nirgends auf das VeUr 
kommne rechnen. Und so bleibt um so mehr unser Grundsatii 
man wähle so tiel möglich diejenige Lage für das Kind| die 
gerade als die seiner Individualitat angemessenste erscheint« Man* 
ches Kind gedeiht besser bei dem bioslicbeny manches besser 
bei dem Schidunterricht^ inanthcs besser in einer Erziehnngir 
anstak. Ist die Schule^ wie sie $ejn soll« ,80 wird alierdingv 
seltene Fälle ausgenommen , der Knabe und Jungling sich am 
besten in solcher dffentKchen Anstalt bilden. Zum Schlnsie 
kommen noch erhebende Gedanken ror, wie sich die Lehrer 
durchaus als Stellvertreter der Eltern anzusehen haben, wie sie 
mit den Kindern kindlich werden müssen ^ wie sie die Aibeiten 
ihrer Zöglinge leiten sollen , wie diese zum Bewuletseyn ihres' 
innem Menschen gelangen n« s. w^ endlich auch, wie die Schule 
in ihrer Selbstständigkeit ihre Kraft beweise. Und so hat der 
achtungswurdige Verf. seine Jdee^ wo.niobt ganz doch ziemlich 
weit in das Leben geführt. 

Er wiederholt dft»rs das offene Oestänihiifs dab sein Buch 
zu viel Breite habe^ und solche edle SelbstbeurtheUung müssen 
wir ehren, aber Reo. der das Buch mit gebührender Aufnlerk*» 
samkeit gdesen, findet wenigstens, dafs es auch viel Geist hkU 
Man fühlt, wie es den Verf. drängt und treibt, den P^daeogeoi 
überall auf das Wahre und Rechte hini^uweisen , mit heüigem 
Ernste für die hochwichtige Sache der Menschheit, Es ist nur 
die jugendliche FüUe zu tadeln. Darum hat Reo. gerne die 
Mängel, wie sie ihm erschienen, angedeutet. Denn die Grund«» 
idee ist so wahr und vortreflUch, dafs sie der Berichtigung veiN 
dient. Der Hav^>ttadel bezieht sich also darauf, da(s der Yerf« 
sich vorher nicht genug mit demjenigen bekannt geiqacht, waa 
vor ihm in dieser pädagogischen Idee geschrieben , auch «^ohl 
reiflicher durchdacht worden. Wäre er bekannter damit |fewe« 
sen, so würde er das Eigenthündiche seiner Idee beatiauatcr 
aufgestellt, und zugleich mehr für das Leben aosgearbeitet lia^ 
bcn. Demui^eachtei ist Rec. weit devon entfernt, die pndi^Q^ 
gische Idee dieses Buches, mit' ihren reichen GedaidLca fiir ua^. 
sere Literatur gering anzuschlagen, vielmehr hält er sie für die 
jetzige Zeit der Beherzigung sehr werth. Darum kann ihn 
sogar das Besorguifs beunruhigen, dafs dieses Buch vielleicht 
möge verkannt, wo nicht gar geschmäht werden* Denn in den 



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Borgnis Meeamfae appUquee aux arts. 696 

Ikcririsdien Unheils -Bareau's giebt es lunche^ die es gdästet 
as Schriften xu RiUern s^u wprdeo, denen 111911 wegen des Mj- 
stidsmus etwas anb^ageu luuin. Und hierzu gid>t der VerL 
wirklich nur zu sehr Veranlassung ,, da er die Idee Ton dem 
Satan als der Losen Macli^ allzuoft wiederholt , und allzuhänfig 
den Namen ausspricht, den auch eine bessere Euphemie, als jene 
bdbnnte abergläubische , viel auszusprechen verbietet. Dieses, 
«nd Aehnliches in immer wiederkehrenden Lieblingsgedanken, 
schadet der Wahrheit, denn damit besticht der Autor sogar ge- 
gen seine Lehre den Lese^« Der Hauptfehler liegt in der Fomii 
des ganzen Jluches. Rec wünscht, es s^yen zwc» Bucher, das. 
eine als Selbstbetraditupgen über die Macht des Bösen etc. 
gleichsam als Andachtsbuch in höherem Stjrl, tmd zwar die vie*. 
kn Wiederholungen vermeidend; .das andere die Grundidee blos* 
fior.das Päd^ogische behandelnd, welehes dann eine dem Um- 
£uige nach kleine aber dem Inhalte nach gewichtige Erziehungs-i 
idtxik sejn 'vrfirde« So wünscht es Rec* aus gros^r Achtung: 
Gir den Verfasser und seine Idee, 

Schwarf. 



Paris 4848, Traäe compUt de Mecanique appUquie oux atis; 
conienant ff Exposition meihodique des tfUories et des exp^^ 
nenees les plus utäes pour diriger le choixj Vinvention, la 
construction et Vemploi de toutes les especes de machines;^ 
par M, J* A* Bonos js , Ingenieur et Membre de plusieurs ^ 
academies. — Compositiwu des Maekdies, Paris Backe" 
Her, libraire, Quai des Augustms. ^%8 S, in gr, 4* 'wü 
43 KMp/ertaß ( I. Bd.) 

Uieses, dem Vernehmen nach in 8 Bänden ersctiienene und 
hiermit beendigte, Werk sollte einem wichtigen Bedürfnisse in 
Bezug auf practische Maschinenlehre fibheU^n» es sollte alles zu- 
aatniaifnfassen, was bisher über einzelpe Organe, die bei Mascbi- 
Jien Torkonmen, über ihre mannigfaltige Verbindungen und über 
ihre Anwendungen der verschiedensten Art bekannt geworden 
■st, hipliquliche Belehrung geben. Von diesem Werke haben wir 
die beiden ersten Bände vor uns liegen, mit deren Gehalte wii^ 
die Leser dieser Blätter näher bekannt zu machen haben. 

Der iste Band entl^lt als Einleitung in das Studium der 
yraetischen Mechanik die Klassification der Mittel, welche die 
^erschtedeneu bei Maschinen vorkommenden Effecte, hervorzu- 
bringen dienen« Er ist in sechs ^schnitte abgethcüt. Der erste 
eathäk die Angrijfiotganc (Rccepteurs) j die nämlich von der 



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990 Borgnis MeGaniqiie appliqu^e aux arCs. 

angebrachten Bewegvngdcrtft unnritt^ar angegriffen werden. Im 
Mweüen findet man die Beschreibung AeT Fortpßanzungsorgttne 
(Ci>tntnunicateurs), die namlich zur Fortpflanzung d^ Bewegung 
dienen. Der dritte enthält die Modificiningsorgane (Modifica^ 
tewrs), welche 4ie Geschwindigkeit im erforderlichen Maafse zu 
bewirken bestimmt sind. Im ^vierten Abschnitt sind die Unter* 
jtütmngsorgane (Supports), enthalten, welche ändern Organen 
als Aufhänge - oder Umifrchungs - oder Unterstdtzungspunkte 
dienen. Im ffinften werden die Regulatoren beschrieben; sie 
reguliren Grösse, Dauei: und Geschwindigkeit der Bewegung, 
und bestimmen Unterbrechungen, periodische Erneuerungen und 
Aeuderuttgen aller Art. Der sechste und letzte AbscVmht ent- 
hält die unmittelbaren fVirkungsorgane (Operateurs), welche 
ohne fernere Zwischenorgane die zum Zweck d«r Maschinen- 
anläge . eigentlich erfordarbche Wirkung hervorbringen. Um die 
Leser mit einem Werke, welches allgemeine Aufmerksamkeit rege 
machen wird, mit der dabei zum Grunde liegenden Ansicht des 
Yerfs. ganz bekannt zu machen, woUen wir noch etwas tiefer 
in sein Detail eingehen. Jene fdnf Abtheilungeu nennt er näm- 
lich Ordnungen; diese theilt er in Klassen-; die Klassen aufs 
Neue in Geschlechter, diese In Arten, und letztere in Varietäten» 
Hiermit ergiebt sich ein ziemlich weitläufli^es System zur An- 
ordnung der Masehinen, das wir hier vollständig mitzutheileu 
gut finden; nur da£i wir die Varietäten, zur Abkürzung dieser 
Anzeige blos der Zahl nach angeben wollen , ohne ihre besonn 
dere Benennungen beizufügen { 

Erste Ordnung -^ Angr^sorgane. 
Erste Klasse »^ Thierischc Organe^ 

Hierzu als Gescldechter und Arten: 

Erstes Geschlecht — Thierischc Organe bei Mensdien« 

4 He Art, mit lothrechtem Ziige von oben nach unten. 
Hiervon 7 f^arietäten. ^ 

9ie — * mit lothrechtem Zuge von untep na^ oben. 
Hiervon a F'atietäte9i^ 

3t0 «- mit Horizont Dmick, ohne Ortsinderungi durch die 
Muskdkraft der Arme. Ohne Varietäten. 

4/e — mit Horiz. Druck durch die Muskelkr. der Beine« 

5te — mit Horiz. Druck und Ortsänderung, a Varietäten« 

6te — Kurbeln. 5 Varietäten. 

7/e — Wellen mit Hebelärmen, a Varietäten. 

Ste — Thierräder für Menschen. 3 Varietäten, 

^te —.die beugsame Lcfter. 

^o. — ' schiefliegende oder horizontale Räder fär Menschen« 
2 Varietäten. 

#/. — überschnellende Maschinen. 7 Varietäten. 



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BorgnSs fif^nique appliquee aüx arfs« 697 

Zwebet G^scideclit — Thierlsche Organe bei andern belas- 
ten Geschöpfen^ 

. 4te jfrtj Gdpd. 3 Varietäten. 
Site — Verticale JElader. 4 Varietlteq. 
3te — Schiefliegendes Rad. 
4te -— Beugsame schiefe Ebene. 
5t9 -^ . BewiogUche Platten. 

Srsi^ Ordnung^ — ZtPeite Klasse -^ HjdrauliscIU 

Erstes Geschlecht -^ Hjdraulische Rfido^ 
4teArt^ Lothcechte uDterscblächtige Räder in Gerinnen, 
^U — Oberschlächtige Rader. 5 Varietäten« 
3ie — Räder in Flüssen. 6 Varietäten. 
4^e — Horizontale Rader in Gerinnen. 4 Varietäten« 

Zweites Geschlecht. — ^ R$der ftr Ebbe und Ruth, 
l<# Art. Lotbrechte Rader. 
'Mt€ — Hori^ttitale Rader, \ 

Drittes Geschlecht. — Hydraulische Wagbalken« 
4t9 Art. Perrauks WagbaHen* 
^ie — V^agbalkep niit Gegengewicht. 

Viertes Geschlecht. — Wasserkasten und Eimer ab 
Bewegungskrafte* 
4te Art* Kastenwerk an einen^ Seil ohne Ende, 
%i€ — Ein Wassereimer als Bewegungskraft, 

Fünftes Geschlecht, -«« Hydraulische Spiralen, 
3 Arten. 

Sechstes Geschlecht« -* Angrifisorgane ipit Seiteodruck* 
i Art. 

Sidbeptes Geschlecht. -* AngrifisQrgaoe mit einer Wassersäule, 
9 Arten. . ^ 

Adiles Geschlecht. — Der Hydraulische Stdsser ab 
Be^qpngskraft. i Alt» 

Erste Ordnung. — Dritf Klasse. -*- Durck ff^ärm§ 
wirkende Angr^sorgane. 

Erstes Geschlecht. — Dergleichen Organe ohne Kolben. 
4U Art. Ohne Kolben und ohne Wagbalken. 3 Varietäten. 
%u — Dergi. ohne Kolben abea mit Wagbalken. % Va- 
rietl^n. 
Zwtttes Geschlecht. -^ Dergleichen Orgaue mit Kolben. 
4t€ Art. Mit Wirkung des atmosph. Drucks. 
%t€ — Mit alleiniger Wirkung der Däjoapfe. 3 Varietäten. 



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698; Borgnis M^canique appHqu^e au;:^ art% 

3{e Jirt. Doj^twiikende Af^Unen. 4 V#rieti|im. 

/^te — - Maschinen mit Tervielfachtem Druck der Dampfe. 

Ste — Dergl. doppelt wirkend. 

Drittes GescMtehu /-- Hierher gehörige Organe mit 
Umlaufisbew^ong. 

3 Arten, vop, Verzj, AmQn$4»u und SaUer. 

Erste Ordnung. — Vierte SlUäse. — i- Pneumatische 

Angriffsorgane. 

Erstes Geschlecht. — Windmühlen mit vierseitigen Flügeln und 

yerticaler Umdrehung. 

4te ^r. Mühlen deren Dach allein beweglich ist. 

5^te — Mühlen, deren ganzes Gebäude sich drehen läfst 

Zweites Geschlecht. — Mühlen mit dreiseitigen Flügeln und 

verticaler Umdrdinng, 

4 Art. Portugiesische, 

Drittes Geschlecht. -^ Mühlen mit horizontaler Umdrehung. 

3 Arten, jede mit a Varietäten. 

Viertes Geschlecht. -^ Mühlen mit wechselnder Bewegung. 

4 Art. 

Erste Ordnung. ^^ Fän/ie Klasse. ^ Angr^sorgane 
in gewisser Abhängigkeit, und einige, welche in Vor' 
ee/Sag gebracht worden sind. 
Erstes Geschlecht. — Abhängige Angriflsorgane. 
4te Art. Gewichte. 3 Varietäten. 
^te — Federn. 3 Varietäten mit Untervarietäten. 

Zweites Geschlecht. — Yorgeschbgene Angriflsorgane. 
6 Arten (wovon keine zu empfehlen ist). 

Zweite Ordnung. — Fortpßanzungsorgane. 
Erste Klasse. — Nächste Fortpßanzungsorgane. 
Erstes Geschlecht. — . Räderwerk. 
4te Art. Baderweck zu ohnunterbrochencr kreisfdrmiger Be- 
wegung. »13 Varietäten. 
j^te -^ Räderwerk zu einer wechselseitigen Bewegung im 

Kreise. 7 Varietäten. 
3te — Räderwerfc zu einer geradlinigen Mrechselseitigen Bc- 

weiping. i5 Varietäten. 
Zweites Geschlecht.— Excentrische Fortpflanzungsorganc. 
4te Art. Excentrische im cpgem Sinne. 7 Varietäten. 

Drittes Geschlecht. — Krumme und geneigte Flächen« 
4te Art. Eine krumme Fläche mit Umdrchun^ewegung. 

5 Varietäten. 
s^te ~ Schiefe Flächen, die sich drehen. 4 Varietäten. 



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3U Art» FeBte sduefe Ebene, mif Welcher eia änderet Ofgaa 

kl Bewegung giisetzt wiüd« 
4i9 — * Hebddlcamea an Stampleam. 4 Varietiten, 
5^ — J)«iaoen, welche Scbnettkilken ergreifen» 
6t9 — Excentriscbe Umlanfsimken. 

Zweite Ordnung. — Zweite Klasse. -— Ausgeddmie 
Fortpflanzungsor gerne, 
Erstes Geschlecht. — Retten tox FortpflanEtmg. 
4U Art. Ketten zur Fortpflanzung der Bewegung von einem 

Orte zum andern. 3 Yarietäten. 
5ite — Ketten zur Fortbringung einer an ihnen angebrachten 

Last. 3 Varittaten. 
3u — Ketten oder Schnuren zu wcchselsciliger Bewegung. 

5 Vafietaten. 
' Zweites Geschledit. — Ws^balken (Hdi^elirme) mit Yerbin- 

dungfsfangea* 
4U Art. Waf^udken zur Bewix^uog fondaoernder krciiflSr- 

miger Bewegung. 
^U — "Wagbalken zur Bewidumg weobselseitiger Bewegung, 
ta Varietäten 

QiitM:s Geschlecht. — WassersauU»* 
Viertes Geschlecht — Spiralen. 

Dritte Ordnung. — Moiifirwngsw^gmu. 
X Erste JSJasse. — Hebel. 
Erstes Geschlecht. — Hebel mit zwischenlieg. Umdrehungspunkt. 
4te Art. Einfache Hebel. 3 Varielfiten. 
jfte -— Zusammengesetzte HebeL * 
Zwdtes Geschlecht. — Hebel mit zwiscdei^egender Kraft, 
ji Arten f einziehe und zusammengesetzte Hebd. 
Prittes Geschlecbft •— Hebel mit zwischenli^ender Last 
% Arten'j einfache und zusammengesetzte. 
Dritte Ordnung. — Zweite Klasse. — Haspdwelkn. 
Erstes Geschlecht, — Lothrechte Wellen. 
4 Art- Feststehende Winde. 3 Varietäten. 

Zweites Geschlecht. — Horizontale Wellen. 
4te -^ Einfache Wellen. 

^tc — Zusammengesetzte Wellen- 4 Varietäten. 
j^e — • WeUen in verschiedenen Theilen. 2 Varicttten. 
Dritte Ordnung.— Dritte Klasse. — RoUenzäge. 
Erstes Geschlecht. — Flaschen mit einer^ Axc. 
4t€ Art. I^oll^^ge mit einer Rolle. 4 Varietäten. 
0^ie — Rolienzuge mit mehreren Rollen. 4 Varietäten. 
Zweites GescUechi. — ¥is»ph9W&gß mit in?hrec«a Axen, 



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700 Borgois M^cuiique appliqn^ adx aiis. 

Dritte Ordnung."^ F'krte Klasse>^ IHhJ^irenJe Räder. 
Erstes Geschlecht — - GleiohArmig^ nodifirende Rider. 
4te Art. Rider iu Verbindung unter einander, i Yarietiien. 
^te — in VerbiDdung mit Hebdn. i Yarietfiten. 
'3te «— Die Schraube ohne Ende. 
Zireites Geschlecht. — Radar, welche die Geschwiiidi|^eit 

mit bestimmter Veränderlichkeit modifiren» 
4te Art. Schndlbalken mit yersahnten Radem. 
$te — * Räder Ton Römer. 

3te — Ein Kegel mit spiralförmigen Gängen in Verbindtmg 
mit einer Walze» 
Dritte Ordnung.'^ Fünfte Ktasn.-^ Schrauben und 
ÄeOe. 

Erstes Geschlecht. — Schrauben* 
4te Art. EinGtche Schrauben. 6 Varietäten. 
Mte — Zusammengesetzte Schrauben, a Varietäten. 
' Ste '^ Seil ohne Ende, .mittelst eines Hdek zusanunenge- 
dreht 

Zweites Gesdileoht. — Keile. 

Dritte Ordnung.' — Sechste Klasse. — HjrdratJische Presse. 

Einziges Geschlecht; ohne verschiedene Arten und Varietäten» 

yierte Ordnung.-^ Unterlager. 
I. Klasse ßir Umkmfshewegung. 
Erstet Geschlecht.— Für Umdrehung nach einer bestioni- 

len Richtung, 
4te Art. Unterlacer lotbrechter Azen«. 
^te — UnterL borizi Axen. 9 Varietäten« 
* Ste -— Axen ids Unterlagcr* 

Zwotes Geschlecht« — Für Umdrehung nach a Seiten« 
4te Art* Einfache Gewerbe, a Varietäten. 
%te — Doppelte Umlaufsazen« 

Drittes Geschlecht« — Fui* Umdrehung nach aUen Seiten« 
4te Art* Eine zwiscbeq zwei kugelförmig «usgehdhlte Backen 

gelagerte K^gel« 
%te — Zusammengesetzte Geweibe« 

Vierte Ordnung. — //. Klasse*'^ Unterlager die sich 
verrücken lassen* 
Erstes Geschlecht« -«^ Zur Bewegung nur niich einer Seite« 
4te'Art* Uoterlager mit Keilen« a Varietäten. 
%te — * Mit andern Vorricbtupgen zum Verschieben, la V4* 

rietäten« 
Ste -<— Unterlager zur Umdrehung« 4 Varietäten« 
ite -^ Mit horizontalem Wagen. 
5te — Mil lothrechtem Wagen. 



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ISattgaisM^cstmqae appliqu^eaux arta, ^oi 

Zweites GescUecbt Untin'lager zu. Beweg« nach ver- 
schiedenen Seiten: 
4te j^i, UnterL' ron Werkzeugen zur Verzeicfanyng krummer 

Lini4Ni. 5 Varietäten. 
Ute — Unterlag.- von Organen , die nur ein£siche geradlinige 
Bewegungen habei». 4 Varietäten. 
VitTtt Ordnung.— UL Etasse.— Unietlager zum 
Festhalfen. 

Erstes Geschlecht — Zwingen. 
4t€ ^f« EinEache Zwingen.. 4 Varietäten. 
%te — Zwingen; mit Backen. 2 Varietäten. 
3te «- Schraubenzwingen. 
4ie — Hd>ehwingen. a Variet|ten. 
Sie — Kingzwingen. 2 Varietäten. 

Zweites Geschlecht. *— Zangen* 
3 Varietäten., 
Drittes Geschlecht — Haspeln und Spulen. 
4te — Spulen., 
als — - Haspeln. 

füllte Ordnung. -^ Regulatoren. 
I. Klasse. — Mässigungsorgane. 

Erstes Geschlecht. — FIugeL 
4te Art. Flügel mit Linsen , oder auch ds Rad. 
%ie — FlSgel mit Schaufdn oder Platten an den Enden« 
Zweites. Gesdhlecht.-— Ausgleichuogsorgane zur Minderung 

grosser Unregelmässigkeiten. . 
4te Art. Kraftcondensatoren. 
9f — Ronische Spindeln. 

3te — Krumme Linien , die sich herumdrehen. ^ 
4ite -^ Veränderliche Gegengewichte. 

Drittes Geschieht.— AusgL Organe, welche gleichförmige 
Bewegung herstellen , und augleich die Geschwindigkeit 
rcguliren. 
4te Art. Hemmung durch Gq;enstofs. 3 Varietäten* 

L 3 Varietäten, 
chwingungen. a Varietäten, 
en. a Varietäten. 
1 «. — Anordner (Directeurs). 

[ihalter (Stateurs). 
iTarietäten. 

erliche Hemmungen doch be« 
erworfen sind. s 
welche gleichzeitig nach einer 
mterbrechen, und nach einer 
} Varietäten. 



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7oa Bargnis M^caniqve appUifi»;^ mx mH. 

4t€ ArU Freie AftEalter^ mir :0iir Uriterbrediong der 'Bewe- 
gung. -6 Varietiften. 
ZWei^ Geschlecht. — Grenzensetzer (Limtkt^kh): ^ 

4tt Art. Zur Aeoderung der Abmessungen eines Organs. 
Ä Varietüeir. 

%te — Für die Sdiwingungen bei wechsdseitigen Bewe- 
gungen. 5 Vanetäten. 
Drittes Geschlecht. — Anordner im engem Simse. 

4 ArU Aequationsahrki. 

Fünfte OrdHunp^-^ Ilt. Klasse^^ Karrectüten^ ^ 

Erstes Geschlecht» — Zur VerminderiBig der Retbutig« 

4te Art^ Schwimmende Körper» 

Site — Unterlager wk fnktionsrSdern» 

3te — Triiiing mit hohler Welle, die mit einer Fettigkeit 
ang^fillt ist* 

Zweites Geschlecht« — Korrcct* wir Erhaltimg einer 
lothrechten StdlulAg* 
4te Art^ Für Züge^ die von einem Punkte ausgehen« 
Site — Richtungsseile* 
3te — *• Korr* oes Hrn* Bonestvel» 
4te •^- Richtungswahen* • 

Drittes Geschlecht. — ICorr* um Stfis^e zu mildem* 
Sechst je Ordnung*-^ ff^kungsorgane^ 
L Klasse. — Diwck Ortsänderung. 
Erstes Geschlecht* — Organe, die auf die Luft wirken* 
4te Art^ Trichter* 3 Varietäten* 
j^te — Gebläse* i6 Varietäten* 
Zweites Geschlecht*— Wirkungsorgane, welche auf 
flüssige Massen wirken* 
4te Art, Schopfer* 9 Varietäten* v 

Ute — Pumpen* 9 Variellten* 
3te — ^ Maschinen mit Luftpressung* 4 VarietSten* 
4te — Heber* 

öte — ' WassersSulenmaschlnen* ' \ 

6te — Hydraulische Stösscr* 11 Varietlten* 
^te — Werkzeuge > um stark erhitzte flüssifjd Vhsiet an 
eine andere Stelle zu brbgen* 3 Varietäten* ' 
Drittes Geschledit* — Wirkungsorganc, welche auf 
feste Körper wirken* 
4te Art, Dergleichen auf schiefen oder horizontalen FIfidiett« 
fite — Dergleichen zur Erhebung* - 

Viert& GißscÜecht. — Wirkudgsorgaiie für MaterieO| 
welche leicht zu trennen sind» 
4te Art, Zum Rütteln und Mischen* 5 Varfe^en* 
Site -**- Zum Reinigen yon Slmd, Schlamm u* dgU 



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Bfyrgids M^canique a{^Kqa^ aux arts. 703 

Sechste Ordnung^ -^ IL JÜfisse^ — Wtthmg^itgane 

mk Druck. 
Erstes GescKlechu — Walzen zum Zusamineiidrfickeii« 
4 Art* 9 Varietateii» 
Zweites Geschlecht^ — ■ Ebene FUclito zum Zosamfttendrficken« 
4te Art* KeUen** 
ite — Manfen* 

JDrittes Geschlecht» — Pressen; 
4te -— Pressen mit Hebeln* 4 Varietiten« 
%te — Hjdranlischc Pressen« 

Viertes Geschlecht« — - Vorrichtung^ zum Metallziehen« 
4te An^ Zöge mit 2Langen« 
%te — Zuge mit Spulen« 
3u -^ Cjlindrische* 

Ffinftes Oesdilecht« — Vorriehtnugen zttm Dehnen« 

(Ohne Unterabtheilung)* 
Sechste Ordnung. ^^ UL Klasse.-^ Wlrkungsorgme 
durch Regung, 

• Erstes Geschlecht. — Feilen« 
4(e Art, Feilen im engem Sinne. 
%te — - Hohle Reibeisen. 
3U ~ Welietkarden. 

Zweites Geschlecht. — Schleif- und Mahlsteine. 
4ie Art. Schleifsteine. • 
sie — Mühlsteine. 4 Vatletaten. 

Viertes Geschlecht. — Polirorgane. 
4te Art, Polirorgane fSt sphärische Körper, 
t/e — Fuf cjlindrische Körper, a Varietäten. 
Sie — Fär ebene Flächen. - y Vatietaten. 
4t€ -— POr kruiMbe* Flicken. 6 Varietfiten. 
Sechste Ord^ung*'^^ IK Klasse,-^ fFirkungSoi^ganc 
durch Stoß. 
&stes Geschlecht«*«* Schlag-* oder Stoßorgane. 
4te Art, HandlrilnnBer* 

üU — Bei Et^ett^ undjindem Hammerwerken. 3 Varietätert« 
3te — > Stampfer und Hämmer bei Walkmühlen. 3 Varietäten« 
4iit .^ Stampfer und Schlaget J Varietäten. 
5t€ <-^ Stangen« 3 Varietäten« 
6tc -— Stamm'-* oder Sto6masdhiden* 3 Varietäten« 
TU — Vorrichtung mit einer Schraube« 2 Varietäten, 
Sie — Weberkämme« 5 Varietäten» 
Zwdtes Gesclecht« *-^ Rückwitkende oder dem Schbge 
widerstehende Werkzeuge« 
4te Art^ Ambose und H6rner. 
%te — * Für den Nagelsckinied« 



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794 Borgnis M^üique aj^llqü^e atm arts. 

Dritte GcscMecKt* -** Mittelorgane zwisclvni denen des 
ersten und denen des zweiten Geschlechts» 
4 ArU Stempel mit Gepräge« 

Sechste Ordnung. — F"^ Ktasse^-^ Wirkungiorgane 
mittelst Trennung* 

Erstes Geschlecht* — Bei leicht trennbaren Materieiu 
4te Art Rechen-, Egen- vu Umdrehungsmaschine« 5 Varietät« 
f^te Art* Kardätschen« 2 Varietäten« 
3te — Pflüge« 
fye — Maschine, um den Reifs zu schälen« 

Zweites Geschlechu«— Trennungsorgaue durch Stois« 
4tt Art* SäbeU 
aitf — - Sensen« 
3/« — Sichel« 
4/0 — Aexte und Beile« 
hte — ^ Durchschläge« 
6tt — - BilcUiauermeisel« 
»jte -*- Meise! mit Stempel« 

Drittes Geschlecht« — Trennungsorgane do^ch Druck« 
4te Art. Messer, Schneideisen« 
%tt — Scheren« 

Viertes Geschlecht«—- Tr« Org. durch Reibung« 
4te ^* Sägen« 
%te — Hobeln« 

Fünftes Geschlecht««— Bqhrer« 
4te Art* Bergbohrer« " 
jQ^e — Bohrer mit Vorrichtungen« 
3te — Handbohrer« 
Jjte — Käliberbohrer« 

Hiermit hat man den Inhalt des ganzen ersten Bandes sehr 
im Detail, wie man ihn in Recensionen nicht zu gdiea pflegt* 
iBinmal wird aber durch den teutschen Ausdruck diis Lesen der 
Urschrift sehr erieichtert; für^# andere war es uns nicht sowohl 
darum zu thun, das Detail des Inhalts, als das von des Verfs« 
systematischer Zusammenstellung aller Arten von Maschinen^ die 
auch bei den yerwickeltsten Mascbinenanlageo zum Grunde lie« 
gen, dem Leser mitzutheilen, da gerade- dieses System eigentlich 
\las Neue ist, was dieser Band enthält, und nach unserer Einsicht 
auch das beste, besonders mit Rucksicht auf die sehr schonen 
Kupfertafeln« Im Original ist der Gebrauch des Werks noch 
dadurch sehr er^chtert worden, dafs in dem vorangehenden Sy- 
steme bei jeder Art und bei jeder Varietät sowohl der ^« der 
Schrift^ wo man ihre Beschreibung findet, als die zugehörige 
Nummer der Abbildung in den Kupfertafeln genannt worden ^isc« 



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^=45» Heidelberger 1822 

Jahrbücher der Literatur. 



BonGKJS yMecaniqve tqfpliquSe aus artu 
iFortsetzung ) 
ll$ kdtDTnt jetzt nnr noch darauf an, 'ivie des Vcrfe» BearLei- 
tuog dieses Sjstenrw ausgefallen ist; und hlend)er Icönneh Wir 
nacli genauer Prüfung nicht günstig unlieben* Ob dei' Verf.' 
so Fide theoretische Kenntnisse und Erfahrung hat, als zur Be-^'^ 
arLeituog eines solchen Werks erfordert werden, wollen wir' 
daliin gestellt sevn lassen^ Aber so viel können wir mit Be^timmt- 
hcii urtheilen, dafs er die Gegenstände dieses I. Bandes so be- 
arbeitet hat, als hätte er weder Theorie noch Erfahrung» Zwar 
«A\ in dieser practischcn Mechanik keine theoretische üntersu- 
c&ong gesucht werden , was wir sehr zwieckmässig finden ; aber ' 
wir Eoden Angaben darin,' die mit keiner Theorie bestehen kön- 
nen, und die er nicht gegeben haben konnte, wenn er iheore- 
tbchc Kenntnisse dabei benutzt hätte — solche, deren A!u$fnhruno' 
gaoz unstatthaft ist* Ueberdas i^t er in den Beschreibungen .aus* 
serst anverhäl(nifsmäs$ig, zu weltsch\reifig oder zu kurz* B^i 
Maschinen, deren Einrichtung und Betreibung aus dem ersten 
Anblicke der Zeichnung augenblicklich zu erkennen ist, z» B. 
wo Menschen, auf einem Wagbalken stehend, diesen durch Schau- 
kdo von einer Seite zur andern in Bewegung setzen, ist er in 
der Beschreibung unausstehlich weitläuftig* Sucht man dagegen 
Unterricht über den Baru der Wasserräder, über den Bau der 
Wassersäulenmaschinen , über den der Windmühlen, iiber den 
der Dampfmaschinen, so findet man solche nur oberflächlich be-> 

le in den folgenden Bänden 
r Sprache kommen, ist uns 
die beiden ersten Bände zur 
ich bei den Wasserrädern so 
I Bezug auf diese nichts wei- $ 
g ist aber höchst mangelhaft, 
auf sie schon längst weit mehr 
Anstalten zum Niedertreiben 
ist der Verf* sehr wenig bc- 
blos einige Zeichnungen mit; 
aus einer Zeile, w'elche die 
, ohne eine Sylbe vom Ge- 
oder Fels^bohrer, den Mei- 
4& ' 



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joß Borgnis M^canique appHquee aux arts. 

selbohrer, hat er gar oicht gen^wnt und ubeshaug^ das Bolixge^. 
rädie iliit Bfixe, Ldffcl, Fangwerkzeugen etc. gam übergangen. 
Vielleicht wird aber in einem der folgenden Bände ausfuhrlicher 
von ihm gehandelt. So wortreich er bei Beschreibung von Or- 
gaocD- i^rdic mit ihrem Gebrauche augeubliddicb au& J)Ipsscr 
Ansicht der Zeichnungen ericannt werden, so spärlich war «r 
wieder mit Erklärungen mehrerer Objecte, welche dureh die 
Zeichnungen nicht hililäiiglich ausgesprochen werden« Ueber die 
Muskelkraft der Menschen hat er unverhältnifsmässig viele Worte 
gemacht, ohne am Ende auf ein belehrendes Resultat zu kommen« 
£s ist eine ausgemachte Sache, dafs das mechanische Moment, mit 
dem f in Mensch einen angegriffenen Punkt in Bewegung setzt, von 
dft Art abhängt, wie der angegrifiPenc Punkt durch ihn in Bewegung 
gesetzt wird« Diese ist anders bei der Kurbel, anders bei einem 
wagrechten und wieder sfnders bei einem lothrechten Schwengel, 
andere beim Laufrade, anders bei der ErdvWnde, anders beim 
lothrechten Zuge etc. Einem Werke dieser Art wäre es daher' 
angefuessen gewesen, bei den einzelnen Maschinen, die von Men* 
sehcn betrieben werden, und die doch hier einzeln vorkommen^ 
die mechanischen Momente (das Product aus der Grösse der 
Kraft in die Grösse der Geschwindigkeit des angegriffenen Punk* 
tes) anzugeben. (Späterhin haben wir im IL Bancle einiges nach« 

^ geholt gefunden). Zur Benutzung der Muskelkraft der Beine 
ipebt der Verf. eine beugsame horizontale Ebene an, ein Werk 
seiner Erfindung, das dg Erdwinde augenscheinlich bei weitenx 
nachsteht, and darum keine Erwähnung verdiente. Mit wenigen 
Zeilen beschreibt er das Laufrad, und sagt in Bezug auf die 
Effektsbestimmung nichts weiter, als daCs der Arbeiter .durch sein 
Gewicht das Rad in Bewegung setze. Wie wenig oder wie 
gar nichts hiermit gesagt worden, weifs jeder Anfänger der Me- 
chanik. Der Verf. hätte zu einer richtigen Belehrung nur sagen 
dürfen, es sey der Erfolg derselbe, als ob der Umfang des Rades 
in senkrechter Richtung auf den Halbmesser von einer Kraft an- 
gegriffen wiurdc, die beääußg y^ vom Gewicht des Arbeiters 
betrüge. Anstatt so viele Zeilen in Bezug auf die Muskelkraft 
des Menschen zu verschwenden, hätte er hier einen kleinen Raum , 

^benutzen sollen, begreiflich zu macheif, wie das Laufrad durcK 
Gewicht in eine gleichförmige Bewegung gerathen könne, da 
doch, sobald ein Rad an einem darum gelegten Seile mit einem. 
Gewicht einmal in Bewegung gebracht worden, diese Bewegung 
immer mehr nnd mehr beschleunigt wird. Aber sUU dieses zu 
erkl^en setzt er eine Bemerkung hinzu, die ihm die Erklärung 
unmöglich machte, nämlich: bd diesem beständigen Vorwärts'' 
sehreiten des Arbeiters blabe derselbe doch immer in einerlei Höhe 
über d4r tiefsten Steile des Lattfrades stehen. Eben «o unrichtig 



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Borgnis Mecamque appliquee aux arts. 707 

r V 

ist es, dafs acn'^ dorn von August Altert angegebeaeo Laufrade 
wddm. am äusseren Umfange zum Auftreten der Arbeiter mit , 
Leisten beschlagen ist, die Arbeiter an einem wagrechten Hebel- 
ariue, dessen Länge dem Halbmesser des Rades gleich wäre, ar-, 
beiten« Nur durch die Abwechselung des Standes wird der we-, 
nigstcns betläufig gleichförmige Gang eiues solchen Rades mög-> 
Heb, wcnnr nicht etwa eine Vorrichtung getroffen wird, die den 
Arbeiter in den Stand setzt, auch nur mit einem Theile seines 
Gewichts auf den Umfang des Rades, d. b. auf die äusseren' 
Sprossen zu treten. Eu^c nähere Betrachtung ergiebt, dafs die 
mittlere Auftretspresse wenigstens um o,4. vom Halbmesser des 
Rades ober der Umlaufsaxe liegen müsse. Der vom Verf. über- 
sehene Umstand, dafs Gewichte allemal beschleunigte Bewegtmg. 
hervorbriogeD, wenn sie mit unveränderlichem statischem Momente 
wirken, 'ist von Wichtigkeit, indem er siph durch dieses Ver- 
sehen hat Texleiten lassen, ein abermaliges Werk seiner Erfin« 
dwg, die beugsame Leiter ohn,6 Ende benannt, als eine von ihm, 
sehr gepriesene Maschine anzugeben. Sie gleicht einer um einq 
Tromme gelegten Strickleiter ohne Ende, deren beide Hälften 
lolhrecht herabhängen, da dann der Arbeiter auf der einen Seite 
immerfort aufsteigen und hiermit die Tromme in beständiger Um- 
lanfsbewegnng erhalten soll — ein vergeblicher Gedanke, da, weni| 
mix dem Gewichte des Arbeiters Ueberge wicht gegen die Xast 
verbunden ist^ wegen der Unveränderlichkeit des stat. Mom. be« 
schleunigte Bewegung erfolgt; ohne Ueberwucht aber die Ma- 
schine gar nichl in Bewegung kommt. Der V^f. hat sich ohne 
Z'vveKel durch die Bewegung eines oberschiächligen Wasserrades 
irre machen lassen, indem solches gleichfalls durch das Gewicht 
des in den Zellen seines Umfanges liegenden Wassers im Gange 
erhalten wird. Aber bei diesem regulirt sich die Kraft selbft 
Vax Herstellung eines bestimmten Bebarrungsstandes ; sobald näm- 
21^ Uc:berwucht eintritt und schnellere Bewegung beginnt, fassen 
^kie Zellen weniger Wasser aui^ das Gewicht des Wassers, wel- 
ches dabei die Stelle der Arbeiter vertritt, nimmt also sogleich 
ab und die Ueberwucht verschwindet; und so wird, sobal4 
langsamerer Gang eintritt, von den Zellen meht Wasser aufge- 
lao^^en und hiermit die Geschwindigkeit wieder vergrössert, so 
datCs auf diese Weise allemal ein bestimmter Beh{a*rvngsstand, eine' 
bestimmte Umlau&zeit,- verbunden ist. Ein dergleichen Wechsel 
der siat. Momente kann aber bei der beugsamen Leiter nicht 
«o treten, und sie bleibt daher unanwendbar — nicht zu geden^ 
ken^ 6^% der Mensdrbei lothrechtem Steigen sehr bald ermüdet. 
Besonders merkwürdig ist der vielfache Gebrauch, den der Vf. 
Yon dieser seiner Erfindui^ angiebt, wobei unter andern auch 
^ vorlheilhafter Gebn^ich iei Pumpen ^eoMimi wird. Wie kann 

45* 

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7o8 Borgnis M^canique appliquee anx arts« 

zwischeu einer Kraft voa unTeranderlichem statiscYiem Momente 
Und einer Last, deren stat. Moment an der Kurbel immerfort in 
jedem Quadranten des Umlaufs "von o (Null) bis zum Maximum 
Trec||^elt, ein Beharrungsstand eintreten? Was der Verf. von 
Göpdn (Pferde^öpeln ) sagt» ist theiis unbestimmt in Bezug anf 
die aus der Erfahrung zu nehmenden Data, tlieiU sehr uinrichti^ 
in Rechnung gebracht. Unsere Krhik soll nicht ins Kleinliche 
gehen; wir wollen nur einzelne Falle ausheben, die unscrm obi- 
gen allgemeinen Urtheile als Belegt dienen, die nämlich bewei- 
sen, dafs der Verf. in diesem Bande nicVt die zu einem solchen 
Werke erforderlichen Kenntnisse bewiesen hat. ' Einen neuen 
Beweis finden wir nun auch hier beim Pferdegöpel in Vcrbin— 
diüng mit Pumpen mittelst einer horizontalen Stangeukunst. Die 
mit den Pumpen zu 'wältigende WaSsefrlast, welche wir =-0,89 
Kub. Meter finden, giebl der V^rf. z=± 0,92 K. M. an. Diesen 
für die Ausübung geringfügigen Unterschied wollen m^\v ihnoi 
nicht t\x£ La^t rechnen. Aber zu den 875 Kilogrammen, dem 
Gewichte jener Wassermasse addirt er noch das Gewicht von 
sSmmtlichem Stangenwerk mit 3oo Kilbgrammen, und fugt nun 
binzu: Mcui hat also ein Totalsewicht "Von 4 4'j5 KUogrammefi 
zu überwinden. Dieses einzige Stückchen kann des Vf^. völKge 
Unbekanntsdiaft mit Maschiirenberechnüngen und mit Zusammen- 
stellungen auch nxir beiläufiger Verhältnisse zwischen Kraft und 
Last instar omnium beweisen. Denn fürs erste Wird ein hori- 
lontales Kunstgestänge von horizontalen Schwingen getragen, so 
dafs nur die dabei an klejnen Zäpfchen vorfallende Reibung, die 
im Ganzen ein höchst unbedeutendes statisches Moment hat, in 
Kechnung kommen; fürs andere heben sich die nach entgegen- 
gesetzten Richtungen wirkenden Gewichte der zu den 4 Pumpen 
gehörigen Kolbenstangen einander auf; fürs dritte kann von der 
berechneten Wassermasse nur die Hälfte in Rechnung kommen, 
weil nur die Hälfte jedesmal im Hube ist. Mit dem allem fölh 
die zu überwindende Last von 1175 Kilogr. auf 437,5 Kilogr. 
feerab. Und fürs vierte mnfs dabei auch noch der Weg der Last mit 
dem der Kraft verglichen werden; erst er er ist bei jedem Umgange 
:=: 3 Meter (dieses ist die Höhe des Kolbenhubes) für einen 
^ Kolben ; es ist aber so gut als hätte man a Kolben, die beim 
Umgange des Göpels wechselsweise auf und nieder gingen, und 
wovon jeder mit 437,5 Kilogr. Wasser bblastef wäre. Bei einem 
ganzen Umgange mufs nun jeder dieser Kolben bei immer auf 
ihn drückender Last 2 Mal ausgiessen, er mufs also mit dieser 
Last einen Weg =2.2 Meter oder =4 Meter durcblatffr». 
Der Weg der Kraft am Göpel ist nach des Verfassers Angabe 
=r3,i4 . 9 = 28,26 Meter; die 2 Pferde haben also nur eine 
Last von 5^*55 437,5 zz^^aKüogr. zu überwinden (etwa iaöft). 



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Bwgnis Mecaxdcpxe appliquee aux aiis. 70^ 

£e Rfibimgen am Gopel, am Scbubgestänge und an den Kolben 
hd Seite gesetzt, so dafs die gesammte von den Pferden zu wäi- 
dgeode Last oder äie zu dieser Wältigun^ erfoi'derliche Kraft 
der beiden Pferde etwa i5o $. betragen kann. Diese umstand- 
lldic Berechnung y die man sonst in ölJfcutiichcn Anzeigen gerne 
erlabt, war hi49 ndthig, um einön auffaJieoden Beweis von den 
mangelhaften theoretischen Kenntnissen vor Augen zu legen, mit 
welchen der Vf. von Maschinen spric|^t. Die Tretscheiben scheine 
der Vf. schlecht zu kennen ; er beruft sich auf Italien, wo durch 
sie Mühlen betlieben wurden. Den Winliel, den die Wcllenaxc 
einer Tretscheibe^mit der lothrechten Linie macht, bestimmt er zu 
3o bis 4o Graden und bemerkt dabei, dafs ihre Wellzapfen eine 
sehr bedeutende Reibung leiden, da doch diese merklich gerin- 

raJs bei Laufrädern ist, wo er nichts von der Reibung sagt. 
Teutschland, Schlesien und Litthauen hätte er diese in der 
Tbat höchst vorthcilhafte Maschine besser kennen lernen können« 
Statt ihrer theilt er wieder etwas von seiner £r6ndung mit: die 
beugsame schiefe Ebene, die er und) beugsame schiefe Leiter 
kitte nennen können; sie ist so unbrauchbar als seine oben er- 
wähnte lothrechte beugsau^e Leiter. Die diesen Blättern vorge- 
achriebenen Gränzen erlauben uns nicht, mit vielen Worten einen 
Beweis za führen, den man uns ohnehin gerne erlassen wird^ 
Dieselbe Unbrauchbarkeit hat die 'von ihm erfundene Maschin» 
mit beweglichen Platten; so ist er bei nutzlichen Maschinen 
schnell vorüber gegangen, um Raum für so viele unnütze Anga- 
ben zu gewinnen. Höchst flüchtig und unvoUständig, für ein 
Werk von diesem Umfange^ ist der Unterricht, den man hier 
über die Geschwindigkeitsbestimmungen fliessender Wasser findetv 
£r könnt nicht die Verbesserung der Pitotschen Röhre, nicht 
Ejrtelweins Verdienst um den Gebrauch des Quadranten mit deot 
Pendel, nicht IVoltmanns trefflichen Strommesser. JEr sagt nichts 
von den leichten Mitteln, welche bei kleinen Graben • oder 
sonst sehr se\phteu Wassern anwendbar sind, nichts von dem,, 
iras Chezf, Dubuat, Girard und Pvonj-, seine Landsleute, noch 
yi^ weniger, was Teutsche in Bezug auf diesen Gegenstand ge- 
ldstet haben. Dagegen tiieilt er vieles von einem gewissen 
Mätküon mit, was durchaus keine Belehrung über diesen Ge^ 
gCBstaqd giebt u%d darum auch nicht den geringsten Dank ver- 
dient. Sehr oberflächlich ist, in diesem practischen Werke das 
Ausgraben und die wirkliche Anlage von Kanälen behandjelt. 
Was der Verf. aus Müthüon's Abhandlung , jnittheilt, verräth we-< 
4er einen scharfsinnigen Practiker noch einen nur mittelmässigea 
Tkeoretikcr, und die Lehren dieses Mannes vvird darum auch 
kern lentscher Hydrotekt ab bewährte Vorschriften gelten lassen. 
Wo* wollen von vielen Bemerkungen, die sich zur Bestätigung 



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jio^ Borgnis Mecanique appliqu^ aux arU. 

beifägen liesseo, zur RechtfertigQiig dloies Uitbeils nur ejpe hcr^ 
setzen, die maa aber auch schon hinreichend finden wird, den 
Hannr ganz zu beurtheilen. Wir können z,\A. yon irgend einer 
Stelle bis zu einer andern, wo wir ein pberschlächtiges Rad anle- 
gen wollen, mittelst eines deshalb anzulegenden Kanales Wasser 
ableiten,^ so dafs wir bei horizontaler Lage deiKanalbodens ein 
«SFttfs hohes oberschlächtiges Rad anlegen könnten. Wenn wir 
nun, ^mit sich der Kaiial nicht zu bald verschlamme^, demsel- 
ben wegen bedeutender Länge 5^ Fall zu geben nöthig finden, 
so bleibt uns am Ende nur noch Gefalle fift ein to^ hohes 
oberschl. Rad übrig« Nun thcilt uns der Verf. aus Müthüons 
Abhandlung die Versicherung mit, dafs wir durch den Abgang 
jener 5 Fusse in Bezug auf das tSschulvge Rad wenig verliere« 
werden, wenn wir statt des toschuhigen Rades ein iSschuhiges 
anlegen, und das Wasser bi io Fofs Höhe auf das Rad leiten, 
-weil die sehr nahe (tres pres) an dem lothrechten Durchmesser 
des Rades liegenden Schaufeln an einem nur kurzeu Bebelarme 
wirkten. Ein AnBinger der Trig. weifs aber, dafs dann das 
Wasser kaum ao Grade über dem horizontalen Durchmesser des 
Hades ehischiefst, und dafs die Entfernung dieser Einschufsschaur 
€el VtDm lothrechten Durchmesser noch 0,94^ des Halbmessers 
betragt, also noch 7,06 Fufs. Anstatt abo ganz nahe am loth- 
rechten Durchmesser einzufallen, fallt das Wasser ganz nahe in 
der gröstmöglicheu Entfernung "^om lothrechten Durchmesser auf 
das Rad. Oberhalb dem. gedachten Bogen vnn ao^ (über den 
boriz. Durchmesser) nehmen die statischen Momente vom Was- 
serdruck in den Zellen, immer mehr und endlich bis zu Nuü 
ab; aber die Anzahl der gefüllten Zellen von ao^ bis 90^ ist 
auch y, oder 3% Mal so grofs als die von o^ bis zu ao^ über 
dem wagr echten Halbmesser, was Mü^äon und mit ihm der 
Verf. dieses Werks gleichfalls übersehen hat^ Erwägen wir, dafs 
bei i5^ Fallhöhe der wasserhaltige Bogen zu etwa ta^ und bei 
t o' Fallhöhe nur zu 7^ hoch als wirkend angenommcQ werden kann, 
so verhalten sich die Totaleffekle in beiden Fällen wie la und 7. 
Aber hier kommt es auf das Verhältnis der Nutzeffekte an* 
'Werden, was nicht viel wäre, zur Ueberwindung der Nebco- 
bindernissa a^ Hohe vom wasserhaltigen Bogen erfordert, so 
bleibt das Verhaltuifs der Nutzeffekte, wegen das Verlustes jener 
5 Fufse, noch la — a und 7 — a oder wie 10 zu 5; ma&> ver- 
liert also durch das dem Zuleitungskanale gegebene Gefälle von 
5 Fufsen die Hcdfte des NuUeffekts. Und doch hielt* unser W* 
einen solchen Auszug aus Müthuons Schrift, fir das Beaf^ was 
er von Anlegung der Kanäle mitzutheilen wufste! Udbr^j^ens 
war im Vorstehenden von Wasserrädern eigentlich noch mcbt 
die Rede, sondern nur von der Leitung des Wassers anf ein 



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Biurgnis Me(uimqae appUquee aux arf^. 711 

fob^es Bad^ wobei wir nur jmr BenrtheUuo|^ deis ]M$tl|ij9iischf^ 
An&sprucKs eine Berechnung mit einstreuen mufsten. Jtiix erjt 
kommt der Verf. auf die lijdraulisclien Räder, zuerst auf die 
vUerscMäcktigen^ wobei er in Bezug auf Smeaton und Bpssüi 
irieder meLrere augenscheinlich falsche Lehren aufstellt z* B bei 
einerUi Last yerhalte sich der Efiekt sehr nahe wie die verwen- 
drtc Wassennengej hei einerlei IVasseraufwcaid aber sehr nahe 
wie die aozobringende oder wirkHck angebrachte Last. Nim 
denke man sich WUsser, das in einem Schufsgerione mit einet 
GesdiWHidJgkeit von i^Fufcen gegen die Schaufeln stürzt, und, 
bei einem bestimmten Widerstände Q, die Schaufeln mit 7 Fufs 
Gesdiwindigkeit in ihrem Millelpunkte herumdrchu Sollte, nun 
nach Smeaxon beim Auflassen der 3fachcn Wassermenge, bei 
derselben Last Q der 3fache Effekt hervorgehen, so wäre sol- 
ches nur unter der Bedingung möglich, dafs die Schaufeln mit 
der 3£icliea Geschwindigkeit oder der von ^t Fufaen .h^^iim-* 
gescfaleadcrt wurden, was eine offenbare Unmöglichkeit w^re^ 
weil das Wasser nur mit einer Gcschw. von i4' nachfolgt. Wir 
wollen, mm annehmen, der Wasserstofs gegen eine rubigstehende 
Ftacfae betrage 3oo $., und dieses Wasser setze eine Last v^n 
1000 %. mit einer Gescbwt von 8 Zollen in Bewegung, %o dafs 
diese Last auf den Stofspuukt der Schaufeln reducirt a64> Jg. 
betrage, so mufste bei einer angebängten Last von 2000 %^ die 
auf den Mittelpunkt dar Schaufeln 32oS. betrüge, da«fU4 nQ<^ 
mit derselben Gesciiw. herumlaufen, wie mit der Last von ioo^o^ 
tun nach dem angegebenen aten Satze von Smeaton d^n dop- 
pdften Effekt hervorzubringen. - Ueberbaupt durfteigi wir ein^ 
and demselben Rade nur die 6*, 8-, lofache Last anhängig 
«m den 6-, S-, lofachen Effekt zu erbalten. So sagt er «ucbf 
mit Beziehung auf Bossutj man erhalte, uqtcr ubrigeti^ gleich^ - 
Umstanden den grdfsten Effekt eines unterschläcbtigen Badesi 
weno man ihm die gröstmögli^e Anzahl von Schaufeln gebe^ 
'veon nur des Rades Gewicht nicht zu selir dadurch vergrosserC 
werde (was docK blos auf die Reibung an den Wellzapfen Ein- 
£ids hätte). Dieser Satz gräiizt in der .Ungereimtheit sehr an den 
vorigen. Rec. ist ein Fall bekannt, wo ein neu angelegtes Müh* 
Jencad trotz der im Gerinne hinabstürzenden grossen Wasser- 
menge nicht herumlaufen wollte j der Muller yvoUte es mit star- 
kem Stan^fen gegen die etwa nur 7 Zoll weit von einander 
aibstehenden Sclaufeln zur Umdrehung zwingen« und erreichte 
endbcfa seinen Zweck, nachdem er rings um d^ Rad herum durch 
seifl gewaltsames Stampfen einen bedeutenden Theil der Schau- 
feln al^esprengt hatte. Er wurde hiermit venmlaCit, überall 
ringsum jede Zwischenschaufel ganz wegxunehmtn, und nun lei- 
tete das Rad seinen vollen Dienst. Practisclieo Unterricht über 



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yiä Borgois Miföamque appliquee anx arü. 

d«rt 'RAu dieser RSder, über die richtige Sfellang der Schaufeln, 
■Aber' die Anlagen • der Gerinne tu dgl. darf man hier gar nicht 
sucheof. Eben so kläglich und mit mannigfaltigen UnricYitigkeiten 
TermSengt ist sein Unterricht von oberschlächtigen Rädern. Zwar 
ist üo^i ^in bedeutender Theil dieses ersten Bandes- übrig; da 
wir aber mit dem oben mitgethellten ausführliche Systeme der 
in diesem Bande vorkommenden Maschinen und Maschinenorgane 
ieinen Inhalt schon vollständig angezeigt und bei höchstwichtigen 
Maschinen die Ansichten des Verfs. kennen gelernt haben, so 
glauben wir esum so mehr hierbei belassen zu dürfen, als die 
iniiere Einrfchtung dieser • JahrbGcher schon die Kürze gebietet, 
und 'filgtm nur noch ^ine kurz^ Anzeige vom aten Bande bei. ' 

Traifi. <^mplct etc. — Moupeinent des Fardeaux. Paris iSi^^ 
. , 335 S, in gr. /j^ mit ^ Kupfertafdn, 

Alb "Ende der Vorerinnerung sagt der Verf. ^Tel est le precis 
des 'mätiSres les phts importantes eontehues dans ce Traiti spS^ 
cialj queVAcadimie Rojrale a dien voulu honorer de son appro'^ 
bätion, d'apris le rapportjaporablefait pat M. M. de Pronjr 
et Girard. Dieser Seh lufs der Vorerinnerung scheint mir ins- 
besondere darum bemerkenswerth , weil am Ende der Vorerin^ 
nerung lum iten Bande keine dergleichen Versicherung atige* 
bängt ist, so dafs diese grossen französischen Mechaniker, dite 
Hwreu'v. Pronjr und. Girard ^ über denselben keinen sehr göni- 
stig^ Bericht erstattet zU haben scheinen, wie sich Yita solchea 
Mitttieni erwarten läfst. 

Der Verf. hat es hier nie^t mehr mit Masehinenwirkungea 
im Allgemeinen zu thun, sondern geht zu bestimmten Anwen*- 
dungto über, welche die Kenntnifs dei* vorhandenen Maschinieh 
im Allgemeinen schon voraussetzen, und nur die Frage übrig * 
lassen, welche Maschinen und wie man solche zu den hier be- 
stimmten Zwecken zu gebrauchen habe, und welche besondere 
Dienste sie dabei leisten? Der Gegenstand diesiefs Bandes ist d^ 
Bewegung^ der Lasten; er hat es in 3 Bücher abgetheilt: Das 
Ite handelt von den zu diesem Zwecke überhaupt dienlichen 
Maschinen; das Ute von Verschiebung der Lasten auf horizon^ 
talen oder geneigten Ebenen; das Illte von ihrer Erhebung iti 
lothreehtcr oder schiefer Richtung. Am L Buch i, Cap. ß^on. 
den Maschinen im Allgemeineh theilt der Veif. nur noch allge- 
meine Bemerkungen über hieher gehörige Maschinen mit. Eine 
noch wenig bekannte aber sehr einfache Maschine zur Hebung 
grosser Lasten mittelst eines Seiles ohne Ende, verdient hier be- . 
merkt zu werden. Man denke sich eine Welle, die auf die eine 
Hälfte ihrer Länge, Zv B. i%% Zoll im Durchmesser hätte, auf 
die andere .aber nur la Zolle; ein Seil iey mit dem einen Ende 



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BoTgnis M^nique appliquee anx arts. 713 

vn den dldceren^ und mit dem anderen um den dtiiineren Theil 
<ler Wellt gewunden, und zu unterst, wo das herabliäDgeude 
Seilstuck zum Hinaufsteigen sich wendet, eine Rolle mit der 
daran befestigten Last auf das Seil aufgelegt, wie bei einem 
Flaschenzuge. Wird nun die Welle mit einem eingesteckten 
Hebelaraie hcnimgedrebt , -«0 windet sich bei einer Umdrehung, 
wenn der grössere Wellenhalbmesser mit R und der kleinere 
mit r bcieichnet • wird , an der grosseren ein Seilstiick von der 
Lange 6,2Ä R., an der kleineren ein Seilsttick \on der Länge 
6,2 8 T. auf, und die Last Q wird bei dieser Umdrehung auf 
die H»he | . 6,a8 fÄ--rJ^3,i4 (R — r.) erhoben, abo in 
unserem Beispiele auf die Hohe 5,i4 (26*/^ — 6) — 0,393 Zoll 
erhoben. Greift nun die Kraft P am eingesteckten Hebel in der 
Entfernung 48'^ von der Wellenaxe an , $0 hat man für das 
Gleichgewicht mit der Last Q, die Reibung bei Seite gesetzt, 
P. = .2i^ Q. = 0,00818 Q. oder auch - ^l? Q- Diese 
Maschine ist äusserst leicht Tora^urichtdu und hat vor der Schraube 
Doch den besonderen Vorzug, dafs sie weit weniger Reibung 
leidet, nämlich nur Reibung an den Wcllzapfcn. Nur dürfen 
sich die beiden Seilstucke während der Erhebung nicht bedeu«« 
teod von der parallelen Lage entfernen. 

Selir richtig zählt der Verf. die zur Gewinnung des Maxi- 
mums vom Effekt einer Maschine gehörigen Bestimmungen zu 
den wichtigsten der Mechanik^ und er legt hierbei, weil manche 
Bestimmungsstncke ohne unmittelbare Beobachtung oft sehr un- 
ricbtig angenommen würden, mit allem Recht einen vorzüglichen . 
Werth auf dergleichen Beobachtungen. Es ht indessen eine 
ausgemachte Sache, da^s nur theoretische K enntnisse bei Beobacb* 
fangen gehörig leiten und zu richtigen Schlüssen aus den Beo- 
bachtungen behilflich sejn können. Beweise liefern grossere 
und kleinere Werke von Empirikern, die ihre Ignoranz, in Be- 
xng* auf Theorie, vergeblich zu verbergen streben. Einen auffal- 
lenden B«?wcis liefert uns auch hier der Vf. selbst. BeobaeMun- 
g^en fon Zendrini, Bossut unü Smeaton, sagt er, hatten gelehrt, 
<ials das Maximum des Effekts herauskomme, wenn die GO" 
scbwiudigkeit des von der Kraft unmittelbar angegriffenen. Punk- 
tes Dur etwas weniges kleiner als die Hälfte der gröstmöglichen 
Geschwindigkeit wäre, welche die Kraft, bei Beseitigung alles 
Widerstandes, demselben Punkte mitzutheileu fähig wäre; dieses 
gelte von . untcrschiächtigen Wasserrädern und so auch von 
^Vüidinüklen., bei welchen der grofste Effekt herauskomme, wenn 
der mittlere . Stoispunkt der Flügel die Hälfte von der Geschw. 
des ff^indcs ' annehme. Dieses letztere ist nun augenscheinlich 
fa/sch« Wir wollen uns die Flügel einer und derselben Wind- 



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' 7i4 Borgais M&aBiqoe appliqoee «ox art9; 

mulile, bei verschiedenen Beobachtiiogen , unter verscbiedenf» 
Winkeln gegen die Flu'gelaxe zurückgelegt denken; der Wind 
habe in beiden Fällen eine Geschwindigkeit Ton ao. Fufsen; 
wirkt nun derselbe zuerst auf Flügel^ die unter einem Winkel 
von 4o^ zurückgelegt sind, und kommt in diesem Falle das 
Maximum heraus, wenn der Stofspupkt mit einer Geschwindig- 
keit von lo Fufs herumläuft, welches sich durch Anhängung ir- 
gend einer Last Q. bewirken iiesse, so. müfste auch im auderen 
Falle, wo wir jenen hinteren Winkel zu 70® annehmen wollen, 
bei der Geschw. von lo^ im StoTspunkte das Maximum des Ef- 
fekts eintreten. Nun ist aber im letzteren Falle die Umdrebung^- 
kraft bei weitem kleiner als jm orstcren, man könnte also die 
gleiche Geschwindigkeit nur dadurch hervorbringen, dafs man 
' im letzteren Falle die Nutzlast bedeutend kleiner machte, womit 
dann der Nutzeffekt zugleich um eben so vielmal verkleinert 
würde. Es zeigt aber nicht blos'die Theorie, sondern die all- 
tagliche Erfahrung bestätigt es auch, dafs das Maximum des Ef* 
fekts im letzteren Falle den Werth vom Maximum im ersteren 
bei weitem übersteigt. Der Grund des Irrthums liegt darin| dafs 
der Verf. geglaubt hat, die grÖstmSgliche Geschwindigkeit des 
~ Stofspunkts scj die des TVindes, also in beiden Fällen einerlei. 
Theoretische Kenntnisse würden ihn aber belehrt haben, dals 
sokhe im ersten Falle kleiner und im letzten vielmal grosser als 
die des Windes sejn müsse, ^nd dafs die Drehkraft nicht in 
dem Maafse bei Vergrösserung de^ gedachten Winkels abnimmt, 
in vvelchem das Maximum der Geschwindigkeit, welches bei Be- 
seitigung alles Widerstandes Statt hat, zunimmt. Richtig ver' 
standen kano daher jener Satz von Zendrini, Bossüt und Smeatwi 
in der Ausübung gut genug als Leiter dienen. Der Verf, will 
diesen Satz auch auf belebte Geschöpfe angewendet wissen. Er 
setzt deshalb die grOstmogliche Geschw. eines mit nichts bela- 
steten Menschen im Fortschreiten .n 4 Far. F. — «,3 Meter, 
woraus sich seine vortheilhafteste Geschwiudigkeit=^j^z=o,65 
Meter ergiebt (wornach ein Rechnungsfchler bei ihm verbessert 
werden mufs, nämlich o,65 st. 1,1 5*). Er meint, diese Geschwin-' 
digkeit von etwa a Par. Fufsen könne man als die vortheilhaf^ 
teste ansehen, mit der überhau]pt Menschen bei Maschinen an 
ihrem Angriffspunkte wirken, wenn sie ausdauern sollen. Wic- 
' wohl man nun für die Ausübuog auch nur beiläufig richtige 
Bestimmungen dankbar annehmen mufs, so ist doch auch diese 
allgemeine Bestimmung keines Dankes werth. Anders verhält es 
sich mit der Geschw. eines Arbeiters bei der Erdwinde, anders 
mit der Geschwindigkeit an der Kurbel, anders mit 'der Ge- 
schvnndi^eit an einem Schwengel (an einem in enier lothr ech- 
ten Ebene auf und nieder gehenden Hebelarme), anders bei ei- 



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.B^M^pnis Mecaniqae appliqu^ aar arts« 715 

floi Laofrode oder der Tretschetbe u.' ägL Und des Verf. 
Besdinmaiig kann far ujb verschiedene Falle auch nicht als bei" 
l&afig gelten. 

Im IL Cap. handelt der Verf. '0on den Seilen, Er setzt 
■lit Recht die 'Kunst der Seilerfahrikaiur ^uuter die^ wichtigsten 
fo das bürgerliche Leben, theilt zu ihrer K^nnfnifs mehrere 
technologische Bemerkungen mit, und Terwcist zuletzt noch auf 
die bekannte Abhandlung von Duhamel und auf Musckenbroeck 
Jntroductio ad coherentiam ( cokaerentiam ) corporum firmorum* 
Zur beüaufigen Bestimmung des Gewichts eines Seiles, dessen 
Um&oig/. Zolle betrügt giebt er mit Bou^uer die Regel; dies 

Gewic&t Ton 5 Fufs Lange = *^ \ hiernach wäre also das Ge- 
wicht fon 1^ Länge ( Pariser J == *^ = 0,01 . (ap)*, was 

auch ^ei meinen Seilen der Erfahrung ziemlich nahe kommt. Ein 
,SeO zu 6,3 Zoll im Umfang zu 80 Par. Fufs lang, welches Rcc« 
Tor kurzem erhielt, wiegt i59,8 %, Es ist aber 0,01 Op)^ 
E= 1,85 , und 80. 1,85 ^= 448 Par. %, Dieses noch mit ^Ya^ 
multiplicirt giebt i55,a hiesige %., was als nur beiläufige Be- 
stimmung der Wahrheit nahe genug kommt. 

/• Buch dies Cap. F^om HebeL Sehr am unrechten Orte 
verwechselt der Verf. die Winkelgeschwindigkeit eines Hebels 
laii der wahren Geschwindigkeit eines iu demselben angenomr 
menen Punktes; denn gleicli darauf redet er von den Schwjjing- 
radern oder Schwungmassen zur Yerpiinderung ungleichf5rniiger 
Bew^ungen und dem Vortheile grosser Geschwindigkeit solcher 
Massen, wobei es aber picht auf Winkel-, sondern auf ^solute 
Geschwindigkeit ankonunt. Bei einerlei Winkelgeschwindigkeit 
leistet ein eiserner Schwungring von 5 Zentnern und 3 Fuisen 
üa Durchmesser bei weitem weniger als ein l\ölzerner von 5 
. Zentnern, aber a4 Fufsen im Durchmesser. Uebrigens findet man 
Vuex merkwürdige Anwendungen der Hebelkraft, z. B. bei der 
»ir Aufteilung von Peters des Grossen Statue bestimmten Fel- 
^sdimasse. 

/. Buch 4^s Cap. Von der Erdwinde. Hier manche n6t£- 
Kcbe Bemerkungen, mit Bezug auf die hierüber erschienenen 7 
Preisschriften im 5ten Bande des RecueU des pieces <pd ont 
Ttmporie U prix , wovon jedoch keine den Forderungen der 
Academie (zu Paris) Genüge geleistet hat 

/. Buch 5tes Cap. Von Haspeln mä horizontaUr Welle: 
dem Kreuzhaspelt dem Hornrade, dem SpiUenrade und dem 
Laxdrade. Die .Kraft, mit der ein Arbeiter am Spillenrade wirkt, 
^1 man ut 4^ bis4d Kilogrammen annehmen^ und die Umdre- 



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7iß Borgnis Mecanique appliqu^ aüx arts; 

1iiiDgsgesc)i\iviDdigkeit za 9 bis lo Par. Zoll in der Secnnde« 
In dergleiclien Angaben ist der Verf.» äusserst verwirrt. Oben 
bestimmte er die vortheilhafteste Geschw. zur Ausdauer bei Ma- 
scbiuen überhaupt zu %* statt 10^^; dagegen schreibt er biet dem 
Arbeiter eine Kraft von 4* — 4a Kilogr. zu, was unerhört ist. 
Von Pferden s^ er, dafs man ihre Kraft 7iiial so |;ro£| als bei 
Menschen annehme, weiter bestimmt er die Krai^ eines Zugpfer- 
des vor einem Wagen nur zu 5o Kilogr. also kaum um ^ 
grösser als hier die Kraft eines Arbeiters. Beim Laufrade nimmt 
er die Kraft, mit welcher der Mensch (nach einer Tangente) 
am Rade >virke, zu^ia bis i3 Kilogr. an, dabei aber eine Ge- 
schwindigkeit von 7 Decimeter, und beruft sich auf seine eige- 
nen Beobachtungen während der Belagerung von Venedig. Auch 
bem^kt er, dafs die horizontale^ Entfernung; des Schw^erpunktes 
\ des Arbeiters von der Umlaufsaxe zu ^/^ des Halbmessers ange- 
nommen werden könne. Er mufs also blos die auf den Umfang 
reducirtc Nutzleut zu 12 bis i3 Kilogr. gesetzt haben, worüber 
er sich nicht bestimmt erklärt. Er gebrauchte Galeerensclayea 
%ar Betreibung solchet Räder, die also bei einer schiefen Stel- 
* lung von 20 Graden eine Geschwindigkeit von mehr als 2 Par. 
Fufsen annehmen nmfstcn. Diese Geschwindigkeit ist augenschein- 
lich zu grofs; der stärkste Arbeiter vermag sie keine Stunde 
auf einer so stark steigenden schiefen Ebene auszuhalten. £s 
kann daher nicht befremden , wenn der Verf. versichert, dafs 
keiner dieser Unglücklichen, obgleich Jeder nach ernsttindig%r 
Arbeit vneder eine Stunde zur Ruhe gehabt und überflüssige 
.Speise mit Wein erhalten liabe, diese Arbeit über 3 Tage ohne 
völlige Entkräftung habe aushalten können. Das in diesem. Cap. 
zuletzt noch beschriebene Rad von Af. Albert scheint, ob es 
gleich sinnreich ist, docb keine Empfehlung für die Ausübung 
zu verdienen. 

/. Buch Öles Cty. Die Welle von" zweierlei Durchmessen 
Sie ist oben schon als Werkzeug um sehr grosse Lasten auf« 
geringe Höhen in wültigen erwähnt worden. Der Verf. em- 
p6ehlt sie als die vorzüglichste- zum Ausziehen eingerammte^ 
Pfähle. ' . 

/. Buch ytes Cap. F'on Rollen und Flasc%enzüf^en, ■ /. /?. 
8 Cap. yon der Schraube, dem Keil, und vom Maschinen^ und 
eingreifenden Räderwerke. I. p. Cap. Von Mitldn, grosse Ef-^ 
fekte ohne Maschinen hervorzubringen. I. B. 4otes Ctip. Von 
Hindernissen, die den Effekt der Maschinen vermindern. Der 
Vf giebt 5 dergleichen Ursaclien des verminderten Effekts an: 
1) schiefe Richtung des Zuges; 2) Fehler in Bezug auf Festig- 
keit und Unverrückbarkeit der Unterlager und derAxen; 3) Uo-- 
ordenlliche Erschütterungen und plötzitcho Aendernngen derGo» 



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Hor^is Mecaoique applique^ aiix#*ts« 717 

sdiwindigkeit o«ler der Riclitung; 4) die Reibungen; 5) die 
Steiftgkeit uud Rauhigkeit Üer Seiicu. Der Umstand Nr. i yer- 
ankfst iha lu einigen guten Bemerkungen über die Zugr^mm^. 
Bei Nr. 4 kommt der Verf. auf die Frage/ was für einen Druck 
die Zapfen einer Rolle leiden werden, wenn ein darüber ge- 
legtes Seil an beiden Enden mit ungleicben Gewichten beschwert 
wird, so dafs das grÖsseie niedersinken und das kleinere stet* 
gen iniifs. Ver^^ebens sucht er seine allzugrosse Schwache in 
theoretischen Kenntnissen auch hier zu verbergen, celaici (das 
grössere Gewicht) entnÜnera l'autre; et alofs la ehärge (der 
Druck auf die Zapfen der Rolle) aura pour vafeur le momen^ 
tum du poids möteur. Darin' liegt offenbar kein Sinn, weil das 
momerdum doch wohl nichts anders seju kann , als das Product 
aus dem grosseren Gewicht in den Halbmesser der Rolle (oder 
auch in seine Geschwindigkeit, was aber nicht gemeint sejn 
kann, weil mit der Beschleunigung die. Geschwindigkeit immer 
zunimmt)^., dieses Product aber auf keine Weise mit einem ' 
Druck vergKch-^n werden kann. . Er setzt aber zur Erläuterung 
immiitelbar nach dem Worte moteur hinzu: e' est ä dite la' 
combmedson de sa masse ^vec savitesse, et la simple masse de' 
l'autre poids i je dis la sitnple masse, parceque la mtitesse s'eater-^ 
fonf dans un sens opposse d sn pesenteur ne peut contribuer d 
augmtnter la pression. Dem Verf. ist also das momentttm dw 
poids soviel als die Verbindung der grösseren Masse mit ihrer 
Geschwindigkeit! Läfsl sich ein sinnloseres c^ est d dire den^ 
ken. Manche Leser möchten vielleicht denken, der Verf. yei^ 
stehe hiemach unter seinem Momcntum das grössere Gewicht,. 
durch welches die Geschwindigkeit bestimmt WH'de^ wir wollen 
aber zur Schonung des Vfs. ihm' tinew solchen Gedanken nicht 
luteritgen. Wäre x. B. das kleinere Gewicht loo %., und das 
grössere io4 %•, und der Halbmesser der Rolle 20 mal so grofs 
als der Halbfft* der Zapfen und alles MTohl polirt, so könnte man 
in der Ausübung den Druck t:^ 4 00 + 104*= 2o4 %• ohne Be- 
iienken als Druck auf die Zapfen gelten lassen. Wenn aber das 
grds&ere Gewicht =1000 J^- wäre: wollte man jetzt den Druck 
auf die Zapfen = 100 -f iooo tioo %. setzen? Selbst in 
diesem Falle wurde man in der Ausübung den gesanuntcn Druck 
mur wenig über aoo %* annehmen dürfen. Es ist zu offenbar, 
dafs der Verf« als blosser Empiriker nur elementarische Kennt« 
iHSse der Statik hat, aber durchaus keine eigentliche mechanv^ 
sehe Kenntnisse, ob er gleich die Organe sehr vieler Maschinen ^ 
imd die Art ihrer Zusammensetzung kennt. Uebrigens theilt er 
ans Coulombs Schrift über die Reibung einen sehr belehrenden 
hums mir. Besonders bemerkenswerth ist die Beobachtung^ 
M die lUibung oseri^ier Zapfen in kupfernen Vidnntxi (die be« 



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yiS Bor§ß\s M^caniqiM appUq«^ aux arts^ 

kanntlich eine gerkig^ere Reibung geben als eiserne PAinAen^ - 
3 mal so grofs ist, als in ausge&dkiteqi harten Holze, Der Verf. 
bat bei grossen Maschinen^ wo die Umlanfszapfen ein ige. tausend 
Pfunde zu tragen hatten (was freilich noch nicht sehr viel sagea 
will ) ausgehöhlte Uuterlager Ton PVintefcicken gebraucht, welche 
den Drpck sehr gut ausgehalten haben f sie waren in siedendem 
Gele getränkt worden. In Bezug auf den Widerstand der Seile, 
-v^enn solche um Wellen herumgdegt und mit einer daran be^ 
findlichen Last aufgewunden werden, theilt er. mehrere Resultate 
von Coulombs schätzbaren Versuchen mit. Er erklärt die £nt« 
stehung dieses Widerstandes aus der Opposition'^ d se plier sui^ 
vant la eourbure Jk trueä, was nichts weiter gesagt ist alsc 
aus der Steifigkeit des Seils } über die Art aber, wie die Stei«- 
iigkeit des deils hier entgegen wirke, erklärt er sich nicht wei- 
ter. Dafs er sich >selbst hierüber nicht gehörige Rechenschaft 
geben konnte, erhellet .auch aus* den gleich folgenden Worten; 
Les foices necessaires pour plier les grosses eordes neuves sur 
un rouleau ou tme polie sont proportionelles au carri des dior* 
metres de ces eordes etc. Es wird also nach ihm das Seil durch 
eine' bestimmte Kraft gendthigt, aus der geraden Spannung a]« 
Tangente in die Krümmung der Welle oder der Rolle an ihrem 
Umfange überzugehen. Wenn dem aber so wäre, so würde 
die zur '>yiltigung dev Nutzlast angewendete Kraft auch zu- 
gleich die zur Umbeugung des Seils erforderliche Kraft mit in 
sich schliessen, und zur Ueberwindung der Steifigkeit des Seils 
nicht wieder eine besondere Kraft erfordert werden. 

/, Buek sttes Cap^ yon der Kraft der Menschen und der 
Thiere. In B^ug auf Menschen wird eine von Dan, BemoulU 
aufgestellte Behauptung durch ' mitgetheilte umstandliohere Beo- 
bachtungen von Coulomb hinlänglich widerlegt« In Bezug*» auf 
die Kraft der Pferde theilt er mehrere Angaben und besonders 
angestellte Versuche mit^ deren Resultate aber ziemlich weit von 
einander abweichen. Z. B. Lahire giebt beim Schifiziehen die 
Kraft eines Pferdes, bei einer Geschwindigkeit von y, Meter in 
der Secunde, zu 79 Kilogranunen an; dagegen hat Sauveur bei 
Aufziehung von Wasser aus einem Briunen die Kraft eines 
Pferdes zu 87 Kilogrammen bei einer Geschwindigkeit voi| 
1 Meiter gefunden. Diese letztere Beobachtung kann als direct 
a«s der Erfahrung genommen angesehen werden \ sie ist der mitt- 
leren Kraft eines nicht vorzüglich starken teutschen Pferdes aa- 
G messen.* Lahire's Angabe ist keine directe Beobachtung, und 
nn nicht als Erfahrung betrachtet werden, weil sie auf B&r 
r^choong des Widerstandes beruht, den ein Schiff stromaufwärts 
TOfli Wasser leidet, den aber Lahire nicht zu bereciinen ve^» 
stand* In die Bestiaunong des Gesetzes , wie die Anstrengung 



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Borgnis Mecanique appliqn^e aux arls. 719 

der Menschen odler" Thiere von dem Steigen des Wegs abh3net. 
hat «ch der Verf. gar nicht eingelassen. Die folgenden Bücher 
gestauen eine kürzere Anzeige^ die auch der Plan dicsei^ Jahres- 
bocher foi'dcrt. 

Das zweite Buch handeU vom Fortbringen der Lasten auf 
horizontalen u/ul schiefen fVegen, eigentlich nach dem Verfasser : 
swr les ploKs Horizont aux et sur les obliques. Spräche der Verf. 
TOT geometrischen Flächen (wofür wir ^ege gesetzt haben). 
50 hätte er im Vorworte zu diesem Buche nicht sagen dürfen: 
yä ^taii possiUe de supprimer entieremefit les frottenxens lors^ 
qufon doit trdiner un poids qudconque sur un plan horizontal, 
on n'aurait plus d'autres resisiances d surmonter que celles de^ 
pendantes de Pinertie et de la eohesion, qui sont tres petiteSj en 
comparaison de celles produites par les frottemens. Denn* auf 
einer geometrischen Ebene findet keine Reibung Statt. Er hat 
aiso horizonlale Flächen im Sinne, wie sie die Kunst oder anch 
die Natur bildet, d. h. wirkliche horizontale (und so auch schief 
liegende) Wege oder Strassen, wie auch die nachfolgenden Ca- 
pitel beweisen. Zwar fällt die ReibungshindemTfs bei unseren 
Fohrwerken (deren der Verf in diesem Vorworte noch nicht 
gedenkt) eigentlich auf die Axen der Hader; verschwände aber 
alle Reiirang auf dem Boden, \wie es bei geometrischen Ebenen 
•der Fall wäre, so wurde die Reibung aa den Axen unschädlich 
tejn; sie würden nur den Erfolg haben ^ dafs die R£der keine 
Umd^ehungsbewcgung annehmen könnten, und dafs nun der Wa-^ 
gen ohne alle Reibung über den Boden hingleitete. Sobald aber 
Strassen angenommen werden ^ wie sie durch die Kunst herge- 
stellt werden, wird auch der obige Satz des Verfs. falsch, weil 
sieb die Räder bald über grosser^ bald über kleinere Steinchen 
erbeben müssen, womit dann jedesmal Erhebung des ganzen Wa^ 
gens mit seiner Last verbunden ist, was bei weitem mehr heis- 
ren wiU, als die Hindernisse der Trägheit und der Cohäsiop^ 
und was nicht beseitigt werden kann, wenn auch alle Reibung 
am Umfange und an den Axen der Räder verschwände. Uc* 
berdas erwähnt der Verf. in der Folge selbst noch der beim 
Folirwerke eintretenden sehr schädlichen Stösse« die gleichfalls 
von der Reibung an den Axen ganz unabhängig sind. Es folgt 
nmameiir //. Buch 4tes Cap. Von den Strassen. Nach einem 
knrzen Unterricht und Bemerkungen über die wesentliche Ein- 
richtung der Kjanststrassen und über die der alten Rümer und 
ia heutigen in Frankreich u. a. theilt er die vom Graf *üon 
Rkmford angestellten mannigfakigen Beobachtungen über Zug- < 
kraft and Geschwindigkeit der Pferde nach der verschiedenen 
Beschaffenheit der AVege mit. li resuUe, setzt er zuletzt hinzu, . 
dese^^rimcu ile M.de Rum/ord que Urappori moyen entre 



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2^0 BorgDis Mecaniquq appliqu^e aux aris. 

U poiJs qu^on doü transporter, y compris: cdni de la ^ciiure^ 
et la. resistance qu^^rouve Vagent moteur pour en effectuer le 
tran^ori, est, sur le pave, au petit pas ^, au grand pas ^^, 
' au petit trot .5'^, cul grahd trot -f^; sur les accotemens tn terre 
de^ deux cot es de la chaussee -^-^^ ee rüidtat 'varie tres peu, 
quelleque soit la vitesse du moteur; ü en est de me'me sur la 
chaussi^ en empierrementj ou le rapport est aussi d pcu pres de 
A. Sur une route tres sphlonneuse et sur une route en empier'^ 
retnent nouyellement construite le rapport «"f ^; en montan t 
sur une chaussee pavee d'a pei^ pres un deeimetre de 
pente par metre ^^. Der letzte Satz ist wiederuiD m^rk-- 
würdig« £r setzt uachbcr die ausdauernde Zugkraft eines an- 
gespannten Pferdes = 5o Kilogr. und bestimmt hiernacti auf 
gleiche Weise für eine chaussirte Strasse, die auf 1 Meter um 
i DecimctCA- steigt, die I^st, welche ein Pferd^ mit Inbegriff des 
Gewichts vom Fuhrwerke,, ausdauernd ziehen kann, ganz conse-^ 
qqent '^u jSop Kilogrammen, dafs also keij) Druck- oder Schreib- 
fehler unterjiegt. Es hat also der^ Verf. in dieser Angabe wie- 
der gc;^en die frstcn JElemente der Statik angestossen, da auf 
der gedachten schiefen Ebene, wenn auch alle Reibung an den 
Axen der Räder verschwände, zu 600 Kilogr. doch schon eine 
Zugkraft vou 60 Kilogr» erforderlich wäre. Er hätte für das 
d peu pres ^ + A ^der o,i4 der Last zur Kraft annehmen^ 
müs^^n, welches die zur Kraft von 5o Kilogr. gehörige Last 
^-. 1£2.. 5o es 357 Kilogr . statt 600 giebt. 

Zuletzt theilt er noch einiges von den eisernen Bahnen (ein 
weit schicklicherer Ausdruck als* der französische des Verfassers 
Chemins de fer, eiserne Wege) der Englä^nder mit, auf welchen 
fl Pfefd auf einem Wege, der nicht einmal horizontal liegt, son- 
dern auf ii5' um 1' steigt, etwas über 100 Zentner zog, wo- 
von nach des Verfs. Angabe jeder 126 CöHn. Pfunde wie«^. 
Der Vf. hätte statt der Versicherungen, dafs dieser Effekt zwar 
incrojahle aber als richtig durch eigene Commissärs hinlänglich 
bezeugt sey, vielmehr mit wenigen Zeilen begreiflich machen' 
sollen, dafs eine solche Erscheinung den Gesetzen der Statik 
tollkommeu angemessen sej. 

(Dfr Btschlufs folgu) 



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^46. „ .. ,K 1822. 

Heidelberger *'^^^- 

Jahrbücher der Literatur, 



■**^**^^*^ -» -^ » »»■>^». -«■»...»^■^^ i ' ii 'ITii ^^_^, 



fca>^ ^% %^ 



Boncirts' Meeanique appliqu^e aus aru, • 
iB t s ch l u/u) 

IL B, Ä. C(p* ^ I raineaux, chanots et charettes. Hier 
viele iHDstäodlicbe und darunter gute BemeHLungen. Er .macht 
Cf waiirsciläniieli | dafs die Spuren der alten Römer nicht über 
I Meter weit -waren. //. B, •?. Cap, Transport des terres et 
ies memu matSrüuix. IL B. 4* Cap. Ttansport des pi^es de 
im, IL B. 5- Cap. Transport des pierres de taäle. it jB.. 
6 Cap, Transport des obäisques, des temples monolitAes egyp» 
tms, de la vdute monolithe du tombeau de Theodoric d Ra^ 
«wie et da roches d Petersbourg. Hier viel Interessantes, wo- 
Toit sich aber kein Auszug fnitthciien läfst. //. B. 7. Cap. Du 
tmaiport des siatues. IL B, S» Cap. Transport de portions de 
miO-s, de ehapeües et autres parties d'edifkes, IL B. g. Cap» 
Tnuuport des Jardeaux sur les plans inclin^, Description. des 
mojrens qu^on emploie pour lancer les /vaisseaux d la mer, pour 
hs tirer d terre, et pour remettre d flot ceax jqui sont dehotUs. 
IL B, 4o Cap. ObseivaUons sur les theätres mobäes de Caius 
Orion. III. B. Von lothrechter und schiefer Erbe- 
Idd^ der Laoten. Durch das Verschieben auf einer schiefen 
Sbcne kann eine Last gleichfalls erhoben werden. Hier ist aber 
too solchen Verschiebungen nicht die Rede, sondern von freien 
Ediebnngen. Hierzu dienen mannigfaltige Verbindungen von 
AoBea^ Hebeln, Erd winden, Rader werk u. dgl, wovon man hier 
hMist merkwürdige Beispiele findet, die der Erfindungsgabe und 
iler grossen Umsicht der Unt^nehmer zum grdfsten Auhme ge^ 
leiten und jetzigen Architekten in ähnlichen Fällen als die 
lichersten 'Wegweiser dienen. Ueberhaupt müssen wir über die- 
ita zweiten Band doch ein weit günstigeres Urtheil fallen als 
ibcr den ersten. Sind die folgenden Bände eben so belehrend, 
nd erganzen sie vielleicht noch den hin und. wieder allzu man- 
«Aaften Unterricht des I. Bandes, so bleibt das Werk für alle 
Miooea wichtig, und es ist dann einer Uebersetzung ins Teut- 
i|^ bödist würdig. Der Uebersetzer müfste aber die Fehler 
\f% VerCus* zu verbessern wissen, und diese Verbesserungen 
khefondcren Anmexkuqgeq beifügeut 



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7^9 Jahrbücher der Heilquellen Deutschhmds. 

. Jahrbucher der Heüquellen Deutsehlands, insbesondere des Taunus^ 
Herausgegeben von Dr. H, Fenn er von Fenneeeeg, Her' 
zogh Nass, Gehcimenrathe , Badearzt in Schwalhach und 
Schlangenbad, des KönigL Preuss. rothen Adlers dritter 
Classe Ritter, mehrerer gelehrten GesdlschcJien MitgUede, 
und Dr. H, A. Peez, Herzogl. Nass. Medieinalrathe in 
fflesbaden, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede, 
IViesbaden 48^4. ^5^4 o. 8» Mit einem Kuff er, das Schlanr 
genbad vorstellend, % ß. 

AI er zuerst genannte Herr Herausgeber dieser Jahrbucber bear- 
beitete früher das bekannte Tasclieuhuch füi; Gesundbrunnen und 
Bäder 9 an dessen Stelle die vorliegende Schrift nun zu treten 
scheint y deren Tendenz am besten dureh einige in der Vorred« 
(Seite IX) enthaltenen Worte angegeben werden kann , wo es 
untet andern heifst »es soll hiermit angedeutet werden, dafs die. 
Aerzte und namentlich diejenigen, welchen die Sorge für > die 
Sache der Heilquellen, und das Geschäft der Krankenpflege an 
denselben übertragen worden, mit immer ernsterem Eifer be- 
müht sejn mdgen, auf dem goldenen Wege der Erfahrung aus- 
zumitteln, und fester zu stellen, was' die Kräfte eines oder des 
andern Mineralwassers in diesen oder jenen Krauklieiten bestimmt 
zu leisten yermögen. Aber diese Erfahrung mufs nothwendig 
nüchtern und rein sejn, ungeschminkt und wahr, damit sie wahr- 
baft frommend und heilbringend werde, und dann, was tiefge- 
üShltes Bedürfnifs ist, endlich ein Codex aus ihr hervor gehe, in 
welchem für die Sache der Hjdro- und Thermotechnik gehal- 
tene und minder schwankende Linien gezogen stehen. Und 
diesem hohen und hehren Zwecke nun soUeu die Jahrbücher 
der Heilquellen Deutschlands fortan gewidmet sejnc etc. Dab 
dieser Zweck wirklich erreicht werde ist gewifs der einstimmige 
Wunsch aller deutschen Aerzte.' Ld diesem ersten Bande nun 
* finden sich folgende Aufsätze 4) Antiquitäten, dassischer Bo^ 
den in und um Wiesbaden. Vom Medicinairath Dr. Peez in 
Wiesbaden. Eine Aufzählung und kurze Beschreibung der Dcnk- 
nale dar Vorzeit, welche jetzt noch in und um Wiesbaden vor- 
banden sind« Ein schön geschriebener Aufsatz, der keines 
Auszuges fähig ist siJFlüchtige Blicke auf Brunnen und Bade-* 
mesen der gegenwärtigen Zeit. Vom Hof- und Medicinairath Dr. 
Fabricius in Hochheim. — Der Hr. Verf. vergleicht die Bade- 
anstalten der Aloen mit denen der neuesten Zeit, er findet die 
leszteren vorzüglicher besonders darum, weil jetzt Dampfbäder 
und Seebäder gebraucht werden, die den Alten sollen unbekannt 
gewesen sejn. Von den Dampfbädern wird nur sehr wenig 
gesagt I dagegen verweilt der^ Hr. Vetf. desto länger bei dea 



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Jahrbücher der Heilquellen Dentschlwdf, 711} 

SdbSlera und gibt eine Besdireibuog, wie man sich dendbea 
tf Eo^nd bedient. 3) Ueber den .Nutzen und Gtbr^mch der 
Uier in SehwiMacL Vom GeheimfeDrath Dr. Feoner Ton Fen» 
•ebere in Sclnvalbuclu Bereits vor einigen Jahren hatte der 
Er, Verf. eine eigene Schrift über diesen Gegenstand (Schwal- 
bach und seine Heilquellen, Durmstadt ^ity) herausgegeben; 
iu dort über die Anwendung des Schwalbacher Wassers Ge- 
lagte stimmt im Ganzen mit den Angaben in vorliegender Schrift 
iberein, in welcher übrigens mehrere Gegenstände naher erör» 
Mrt worden sind, die doxt nur mit wenigen Worten angedeutet 
waren, ficcens. glaubt den practischeu Aenten^ deren Zeit p$ 
nicht erlaubt jede Brunnenschrift zu lesen einen Dienst zu er« 
weisen, wenn er hier die lodicationen und Contraindicationeil 
des Schwaibachej Brunnens nacli des Hrn. Verfs. Angaben mit 
wenigen Worten zusammen fafst Angezeigt ist der Gebrauch 
des Schwalbacher Wassers bei Unfruchtbarkeit, Neigung zu MiCv* 
£dlen, gutartigem weissem Flusse , übermässiger Menstruation^ 
VorlaHen der Scheide und Gebärmutter, Verhalten der monatli* 
- chen Reinigung, Impotenz, allzuhäufigeu Pollutionen, Anschwei- 
Inng der Hoden und überhaupt in allen Fällen reiner Schwäche; 
sehr interessant sind übrigens die speciclien Angaben von denn 
Gidinuche bei aUen diesen Krankheiten. Schädbch ist di^egen 
der Schwalbacher Brunnen bei irritabler Schwäche, Hjrpochon* 
drie ohne Materie, dem blühenden jugendlichen Alter so wie ^ 
dem il>gelebten Greise, bei activeu Congestionen des Blutes nach 
imicm Tlieilen, bei Brustkrankheiten, chronischen Hautausschlag 
gen, Verstopfung der Finge weide, 'bei Schwängern, bei syphi*- 
Ktischer Blennorrhoe u. s. w* Sehr vortheilhaift zeichnet sich 
diese Schrift vor so vielen andern duich diese Angaben aus, 
die sehr sorgfältig auseinander gesetzt sind, und allgemeine Nach- 
ahmung verdienten, auch gewifs mehr Nutzeji giften aU die 
übertriebenen Lobeserhebungen, mit denen gemeine Badeärzte 
von ihren Bronnen zu sprechen pflegen. M^n wird übrigens 
leicht wahrnehmen, dafs die Indicationen oder Contraindicationen 
des Schwalbacher Wassers im Ganzen von denen kaum abwei^ 
eben, die man bisher für die Anwendung des Eisens im Afige» 

n auch Recens* die. Grundsätze 
rauche, des Stahlwassers bewährt 
Principien der allgemeinen The- 
zh die hie und da erzählten Kran- 
nässig ausgewählt und belehrend 
i umbin auf einige Widersprüche 
len mehrere sich in der oben an- 
nige aber auch in der vorliegen- 
bcrührt werden sollen. Seite 35 

46* 

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7ii4 Jahrbücher der fieilqüelleü DeutscHlauck 

trarnt der Hr« Vtatt. vor dem Oebranche des Wassers bei iirt- 
ubler Schwäche y die man jetxt aligemeiD unter dem Namen 
Neryenschwache he^iie. »Diese (sagt der Hr. Yerf») dem 
h^rpochondrischen und hysterischen Leiden verwebt^ oft dasselbe 
aUein constituirend, kjrpochondria sine matericj wird in der Re- 
gel durch die Bäder von Schwalbach nicht nur nicht geheilt, 
sondern vielmehr meistens verschlimmerte u. s. w. Dagegen 
lieifst es S* 82. »Zu den ^Krankheiten, gegen welche wir grosse 
und heHsame Wirkungen von den Bädern in Schwalbach zu er- 
warten haben y gehören auch alle diejenigen , welche auf einer 
Unthätigkeity auf Schwäche und Erschlaffung der Abdominalein- 
geweide beruhen; Fehler der Verdauung und der Assimilation, 
Cachexie, imnmterieiU Hjrpockondrie , mancherlei Krankheiten 
des Darmkanalsc u. s. w. und S. 85 heiCit es abermals: »Das 
Buch meiner Erfahrungen ist reich an Beispielen von Kranken, 
• die von nerveuser Hjrpockondrie etc. durch die Kraft unserer 
BSder genasen, und Tausende müssen das ZeugniTs geben, dafs 
ihre Bettung lediglich ein Werk Schwalbachs war.€ Ohne wei- 
tere Bemerkungen über diesen offenbaren Widerspruch maclien 
zu wollen, fnloeu wir noch einen andern an: Seite 3'^ sucht 
der Hr. Verf. den grossen Nachtheil der Schwalbacher Bäder 
finr alte Leute zu zeigen, indem er unter andern sagt »dafs die 
Anwendung martialischer Wasser und Bader, in der wohlge- 
meinten Absficht verordnet, dem ermatteten Leben Irischen Sporn^ 
dem gesunkenen Vermögen neue Thätigkeit zu geben, allerdings 
sehr gewagt sey, ist über Jeden Zweifel erhaben. Eisenbäder 
drängen di^ Blut mehr von der CHberfläche nach innen, vermeh- 
ren die habituellen Biutandrängo nadi Brust und Kopf, und fuh- 
ren so gevnfs oft behender das Ziel des Lebens herbei. Es ist 
• nicht zum ersten Male, dats eine traurige Erfahrung Belege für 
die Wahrheit des Gesagten gegeben hat; und wohl schon man- 
chen ehrwürdigen Alten überraschte ein früherer Tod nicht lange 
nach seiner fronen VerjSngungscur. Warnend ruft daher gern 
die Erfahrung jedem Graugelockten zu : dafs er in seinen Tagen 
init uusern Bädern nicht mehr spielen mögec u. s. w. Diese 
Stelle mufs man nothwendig höchst sonderbar finden, nachdem 
inan kurz vorher (S. 34) die folgende gelesen hat. »Wir sehen 
den am Boden kriechenden rhachitischen Knaben Kraft und Hal- 
tung gewinnen, und den verzehrten Greis mit jugendlicher Thä- 
tigkeit raschere Schritte ins Leben thun. Wer Zeuge davon 
war, wie der ehrvVurdige edle Nestor der deutschen Fürsten 
durch das Vermögen unserer Bäder genas, der mufs gestehen, 
dafs das Gesagte sich buchstäblich bewahrheite. Von Schwache 
und Alter gebeugt stieg derselbe hernieder zu den Quellen un*- 
seres Thaies, und des treuen Dien^s Arm stützte den Grabge- 



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Jahrbücher der H^ilquelleir Deutsohlatids. 725 



Bflierten, dafs er nicYit'wanke und fidle» Mit jugeocUrcber KraCt ) 
gestattet ging er bald des Führers ledig, und pries Schwalbacbs S^ 
geo mit segoenden Worten.c Rec kann nur Wunsch en, dafs 9olche 
fleckeD sich in der sonst brauchbaren Schrift nicht finden moch- 
ten. Dieser Abschnitt ist indessen nicht geendet, sondern der 
Hr. Verf. Verspricht ihn im nächsten Stucke fort^iusetzen j hier 
schiiest er mit dt» Nachricht, dafs Schwalbach nächstens eine 
öffentliche sehr zweckmässige Badeanstalt erhalten werde. 

4J lieber ein paar Ursachen j welche nicht seilen den heä^ 
samen Wirkangen des Mineralwassers feindselig entgegen treten,. 
Vom Hofipath und Ritter Dr. Wurzer iii Marburg. — Die Ur- 
sachen d^ häufigen Mifsltngens der Brunnencuren sieht der Hsv 
Verf. vorzugsweise in der unglücklichen Auswahl der Quelle 
«nd in der Eile mit welcher viele Kranke den Gebtauch d^ 
Wassers beenden wollen. — - 5) Resultate und Beohaehtungen ' 
aus .der Bade - und Brunnencur in fViesbaden 'vom Jahr 4S»<^ ' 
Vom Medicinalrathe Dr. Peez. Der Hr. Verf. erzählt eine Reih« 
"von Kraukengeschichten um die Wirksamkeit seines Heilwassers 
bei Hämorrhoiden, Flechten, Lähmun|^ Gelcnkwassersuchtu.s.W« 
zu zeigen. Die 'meisten sind in der That interessant und lehr* 
reich. Merkwürdig ist die Heilung einer bedeutenden Augen- 
schwäche durch Nasenblüten, welches nach dem Gebrauche eines 
aus Rad. Pj-rethr. Rad. Convallar. maj\ und Turpeth, min. zu* 
sammengesctzten Niesenritlels erfolgte ^ wobei der Hr. Verf. sich 
Glück Wünschen darf, dafs das so heftig wirkende, und deshalb 
jetzt ganz obsolete schwefelsaure Quecksilber keine schlimmere 
Folgen nach sich zog ; ganz unzweckmässig ist aber die Wurzel 
Äer Convallaria maj'alis, die gar kein Niesemittel ist, wohl aber 
die Blume derselben Pflanze. Bisweilen theoretisirt auch der Hr. 
Verf. wobei wir denn unter andern folgendes erfahren: »Das ^ 
»warme Bad (zu Wiesbaden) indißerenzirt das different gewordene' 
^^Verhältnifs der Organe.^ Sollte man dies nicht deutlicher mit 
*attdera Worten sagen können? 6) H^arum erreichen so Manche, 
welche ihrer Gesundheit wegen Brunnen - und Badeorte besuchen, 
ihren Zweck nicht? Vom Geheimenrath Dr. Fenner von Fen- 
neberg in Schwalbach. Man sieht dafs derselbe Gegenstand ta 
dieser Schrift auch schon von dem Hofrathe Wurzer behandelt 
wurde; der gegenwärtige Aufsatz ist aber bei weitem ausführ- 
licher, und setzt noch mr.nche Gründe zu den bereits oben an- 
gezeigten hinzu, von denen Recens. »uf zwei anführen ' will : es 
«oll nämlich Menschen geben, auf die die Mineralquellen /cÄ/ecÄ/- 
kin keine fVirkung zeigen! Es ist schwer über die Richtigkeit 
oder Unrichtigkeit dieser Behauptung etwas zu sagen , doch 
radchten immerhin solche Menschen zu den seltneren Erschei- 
miDgcn gehören. Einen weitem Grund für das. öftere Milslin- 



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7^6 Jahrbücher der Heilqu^tten OeutschlaniäU. 

gen der Cufen glaubt der Hr. Vf. In dem fteoeHiiieii der Bade- 
irzte selbst zu finden , hält ther die Sache für viel »zu delicatc 
als dafs er etwas Näheres daniber sagen sollte. Recens. ist der 
Meinung dafs hier die Delicate^^e am unrechten Orte ist, und 
dafs dieser GegensUnd vor vielen andern recht ausführlich hatte 
erörtert vy erden miissen. 7J Plan zur einer Brunnen^* oder Bade^ 
(uUnmistratio¥u Vom K. Prenss. Stadtphjsicus Dr. Hopfner ia 
Aachen* Ein interessanter Aufsatz, den besonders die Brunnen«» 
ir^e selbst mit Vergnügen lesen werden« Sj Ueber Schwefel" 
gashader in Nenndorf, so wie über die 'verschiedenen Entwiche^ 
lungsarten des Schwefelffoses dasdbsu Vom KurftirstL Hess, 
geheimen Hofrath, Leibmedicus und Bruiraenarzte zu Nenudorf^ 
Dr* WsMZ. Es werden hier- mehrere Metlioden erzahlt, sich aus 
den Nenndorfcr Wassern Schwefelwasserstofl^as zu verschaffen, 
wobei das Wasser immer erwärmt sejn mufstc; jetzt verschall 
' man es sich anhaltend und in Menge au& dem kalten Wasser, 
welches in einem verschlossenen Behälter bei steter Bewegung 
der atmosphärischen Luft hdclist möglich getheilt, und seine Ober- 
fläche vervielfältigt das Gas abgibt, das, da es leichter als di^ 
atmosphärische Luft ist, sich in die Höhe^ begibt, dadurch vom 
Kohleustoffgas und wäfsrigen Theilen getrennt, nun durch Röhren 
in die Gaszimmer geleitet werden kann, g) AndeuUmgen für 
Curgäste, Bnmnenärite und Brunnenadministratoren. Vom Kon. 
Preuss, Stadtphjsicus Dr. ^Höpfncr zu Aachen. — Grossentheils 
fromme Wünsche, die schon sehr oft geäussert worden sind| 
besonders sucht der Hr Verf. die Noth wendigkeit zu zeigen, 
dafs BadeansUlten nicht Privatleuten als Eigcnthum überlassen 
werden sollten, sondern vom Staate sdbst administnrt werdeii 
mofsten. 



ßisquisitio quaestionü academicae de Diserimine SesmaU jam in 
seminibus plantarum dioicarum apparente, Praemio regio 
ornata. Additis quihusdam de sexu plantarum argumentis 
generalibus. Auetore Hehmjnno Fridbrico Aotmnrteth* 
Med. Doctore. Tubingae 48%4. 64 S. 4^ mit zwei Ku" 
pferta/eln. 4 fL 4% kr. 

Uie medicmische Facultät zu Tübingen hatte im Spatjahre 1819 
folgende Preisfrage «nfgeslellt, deren Beantwortung vorliegende 
Schrift ist ^Cönstät e seminibus plantarum dioicarum vd plan* 
ias masculas vd femineas nasci: interrogatw, an/am in semini- 
bus harum plantarum ipsis, vel in gerntinatione et epolutione 
€orum, vd in po^ione wrundem in plantis «uUdtis dU^rsitates 



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Antc^irieth de discrlio. sex. in sem. plant 727 

npenantur, auAus ununa masetda a sendnäfm femimhus iu^ 
iemi passint/ € 

Der Gang, den der Herr Verfass. bei seiner Untersnchmig 
Mbm ist nachstehender /• Beleuchtung der diöeischen Pßanun^- 
üasse. Der Hr. Verf. macht einen Unterschied zwischen wahr- 
haft und scheinbar diclinischen Pflanzen j zu letzteren" zfililt er 
diejenigen diöeischen Gewachse , weiche einen mehr ausgebildet 
ten Bau als die übrigen haben, wie z, B. einiee Arten Lychms 
«Ad Spiraea; er fand an den männlichen Bluthen dieser Pflan* 
xen Rodimente der weiblichen Genitalien und umgekehrt Rudi- 
mente der männlichen Genitalien in den weiblichen Bluthen, de* 
reo Beschaffenheit durch Abbildungen erläutert werden. Merk- 
wurd^ ist die Beobachtung, dafs männliche Hanfpflanzen, wenn sie 
TerJetzt und dadurch mehr oder weniger in ihrem Wachsthume 
gehindert werden Zwitterbluthen treiben, wo man das Pistäl bei 
verschiedenen Blumen Ton einem einfachen 'Haare an bis zum 
vollkommensten Stempel entwickelt 6ndet, wobei immer je mehr 
Stempel erschienen desto 'kleiner und sparsamer die Antheren 
wurden« Bei Mercwialis gelang dieser Versuch nicht, man be« 
merkte nur, dafs die die Staubfaden tragende Basis etwas an- 
schwolL Da nun auf einer und derselben sonst diclinischen 
Pflanze männliche und weibliche Bhimeu sich erzeugen können, 
aach gewisse Gewächse in ihrem Yaterlande Zwitter, bei uns 
aber getrennten Geschlechtes sind, so schliefst der Hr. Verf. und 
fügt nocim mehrere Grunde bei, dafs die Uranfange beider Ge- 
scbiechtcv in einem und eben demselben Saamcn überall enthalt 
ten seju könnten. //. Betrachtung der Stellung der Saamen. 
Der Hr. Verf. stellte mehrere Versuche in verschiedener Rück- 
sicht gleichfalls mit Cannabis und Mercurialu an, konnte aber 
für den Unterschied der Geschlechter durchaus keine Resultatts 
finden. ///. Betrachtung des Unterschieds der Saamen selbst. 
Aa<^ hier war es hauptsachlich nur der Hanfsaamen, der zu den 
Untersuchungen diente; es zeigte sich, dafs die mehr runden 
Kömer grossentheils weibliche, die mehr langen und mit einem^ 
hervorstehenden Rande versehenen, aber meistens männliche Pflan- 
zen gaben; auch wa» das Würzelchen * im Kinbrjo der langen 
Saamen immer verhältnifsmässig länger, und überhaupt die Saa- 
men der männlichen Pflanzen schwerer. ly. Zeit des Keimens 
und des IVachsthums, Aus seinen angestellten Beobachtungen 
danbt der Hr. Verf. schliesscn zu dürfen, dafs die männlichen 
Pflanzen früher und schneller keimen als die weiblichen; imr 
übrigen Wachsthume. konnte er keine Unterschiede wahrneh- 
men. J^» Unterschied der erwachsenen Pflanzen. Dieser Gegen- 
sUnd hätte etwas sorgfaltiger und genauer bearbeitet zu werde» 
verdient; die grosse Zahl diclinischer sowohl in - als ausländt- 



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726 Autenrieäi de discrfan. sex. ia sein, j^aot. 

tcber GewScbse liitte dazu sehr reiclilictes und hScIist uitete»- 
noteo Stoff g^^en $ die ganze Sache ist hier auf zwei Seiten 
d>geCh«iy nil dem einzigen wohl auch nidit allgemein gültigen ' 
Kesakate, dafc die weiblichen Pianzen weit mehr beblättert und 
ittiger seyen als die männlichen. FL Zahl der mämdichen und 
wtmicken Pflanzen. Auch hier wird, wic.sclion von mehreren, 
angenommen y die Zahl der männlichen . Pflanzen übersteige die 
der weiblichen 5 bei dem Hanfe will der Hr. Verf. das Gegen- 
iheil gefunden haben, gibt aber doch zu, dais diese Erschfet- 
nung zufälligen Ursachen zugeschrieben werden müsse. FIL Ver-' 
suche an HuJmereyern, Es wurden viele Eycr um ihre Länge 
gegen die Brette zu bestimmen in der Voraussetzung genau ans^ 
gemessen, dafs die runderen Hühner, die (ängeren dagegen Hab- 
uen liefern würden ; es zeigte sich aber, dafs aus der Gestalt der 
Eyer man keinen Schlufs auf das Geschlecht des darin enthalt 
tenen Embryo's machen könne. VllL Recapitulatien alles vori^ 
gen. IX, Kurze Geschichte der Lehre von dem GeschiecJite 
der Pflanzen. Ein Auszug aus Sprengels Geschichte der Botanik, 
wobei noch des neuesten Werkes von August Henschel gedacht * 
wird. X beweise ßir das Geschlecht der Pflanzen. Eine kurze 
Aufzählung der wichtigsten Beobachtungen und Versuche, welche 
für das Geschleclit der Pflanzen sprechen , wobei der Hr. Verf. 
auch einige weniger bekannte Thatsachen aufülirt. XI. Argu^ 
mente, welche eegen das Pßanzen geschlecht angeführt werden. 
Auch hier ist der Hr. Verf. äusserst kurz uud fragmentarisch, 
er theilt die Beweise gegen das Pflanzeugeschlecht in directe 
und indirecte; zu den Ictztei'en zählt er die ungünstige Stellung 
der Antheren gegen die Pistille, folgt aber hier ohne alle Prü^ 
fung den grundlosen Angaben Heuschels, welcher bei Plantago 
media und Spiraea salici/olia gewaltige Hindernisse für die Be* 
stäubuug sieht, die aber in der Natur gar nicht ej(istiren, wie 
Bec anderwärts schon • bewiesen hat, und Jeder leicht selbst beo- 
])achten kann, was die Hioderuisse bei- Theobroma Cacao, Argo^ 
phyllum nitidum und Canetla alba angeht, so kann in dieser 
jHipsicht auf Henschcls Angaben auch nicht der mindeste Werfh 
l^elegt werden, indem er die genannten Pflanzen blos in Abbil- 
dungen sah, und die Stellung so wie die Grösse der Genitalien 
während der Blüthezcit keineswegs immer dieselbe bleibt, wovon 
man sich bei OxaJUs acetosella, O. cornicalatß und sehr vielen 
andern Pflanzen leicht überzeugen kann. XII. Von den Grom 
den, welche die ^hiwicklung der Sexualität befolgt. Es werden 
drei verschiedene Zeugungsarten angenommen: i) geschlechtlose 
Fortpflanzung, a), Scxualfortpflanzung durch Hermaphroditismus^ 
3) Zeugung durch vollkommen getrennte Geschlechter. Der Hr. 
Verf* entwickelt seine Hypothese, die hier zu erörtern zu weit- 



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AüteiirietB de diserim. sex« in sem. planf* 729 

lidBg -wäre, nicht oline ScYiarfnno^ er mmmt wie so Ttele ipor 
iäft zur ÄDBahme eigener Kräften und Polaritäten seine Zaüucht, 
mf welchem Wege indessen bis jetzt noch wenig WahrWeileo 
xa Tag gefördert worden sind. Nicht ganz xu verwerfen möchte 
aber seine Bemerkung sejn, dafs diclrnische Pflanzen , wie die 
Palmen, auf einer höheren Stufe der Entwickelunt; stehen, als 
die Herma^phrodilen, XIIL Theorie der Etzeugung'fruchibiirer 
Saamen ohnei ^GescfdeehtsihäügkeU bei höheren Pflanzen, Es ist 
gekannt, dafs der Haupteinwurf gegen die Annahme eines Ge- 
schlechtes bei den Pflanzen inimer der war: es gebe Fälle, wo 
reife vollkommene Saamen bei diciiniscben GeVvächsen sich ohne 
alles Zuthun des Antherenstaubs aosbildeten. Man suchte die- . 
sem Vorwurfe auf mancherlei Weise auszuweichen und seine 
Nichtigkeit zu aeigen; unser Hr. Verf. dagei|;en gibt das Fao- 
tum zwar zu, da er aber von dem Dasejn eines Pflanzenge- 
schlechts mit Recht uberzeagt ist, so sucht er dieses Phanomea 
auf eine« Art zu erklären, di^ beide widersprechende Ansichten 
einander nähern soll. In dieser Hinsicht nimmt er an, wenn der 
Torhin gedachte Fall eintrete, so geschähe es dadurch, dafs der 
»cerherrschende weibliche Pol auf eine bedeutende fVeise geschwächt 
veerde, und da ferner bei der weihlkhen diclinischen Pßanze der 
entgegengesetzte Pol seUechthin nieht entwickelt sey , so müsse 
durch Unterdrückung des weiblichen Pols die Lebenskraft indif" 
ferent werden, folglich wie bei einfacheren Organismen eine ge» 
jMechtlose Fortpflanzung erfolgen. — Rec. zwciTelt gar sehr, 
dafs diese £rkläruM[ die streitenden Part hei en nähern oder deii 
Gegnern des Pflanzengeschiechts imponiren werde, übrigens sind 
die gedachten Saamenerzeugungen ohne Zuthon -des Pollens so 
wenig ein Beweis gegen das allgemeine Dasejn des Pflanzenge- 
schlechtes, als ähnliche Erfahrungen bei Tbieren den Glauben an 
das Geschlecht derselben mindern können; dazu kommt noch, 
dafs die von unserm Hm. Verf. angdPührten Erfahrungen am 
Haufe ihn auf eine Erklärungsart hätte leiten können, die gar 
sehr for das Pflanzengeschlecht «spricht. XIF". Vergleiehung 
der ^verschiedenen f^oltkommerüieitsgrade der Sexualität in beir 
den organischen Reichen. Der Hr. Verf. geht die verschiede- 
nen Vermehrnngsarten der Pflanzen durch, und glaubt für jede 
derselben etwas Analoges im Thierreiche lu finden; seine Dar- 
stellung ist nicht ohne Scharfsinn, wenn gleich hie und da die' 
Vereleichungen hinkend sind. 

Wenn nun auch gleich diese ganze Arbeit weder erschö-* 
pfend, noch auch in irgend einer Hinsicht genugthuend ist, ;io 
verdient sie doch als erster schriftstellerischer Versuch nicht 
eetadelt sondern im Gegentheiie als lobenswerth um so mehr 
anokannt zu werden, da sie einige wichtige und intercs- 



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73o Bertrand da Gueselin von delaBfofte-Fonqu^. 

Mmte Beobachtungen eniKaU, somit ihr unter dea Schriften, 
welche von -dem Pfianzengeschlecbte handeln eine ehrenvolle 
Stelle gebfihrt. 



Sertrand Du- Guesclin. Ein historisches Riltergedicht in 
ißier Büchern, mit erläuternden Anmerkungen, 'von Frieb-- 
nrctt Baron de la Motte FoaQui, Drei Theile. Leip^ 
xig bd Gerhard Fleischer. 4B%4^ VI und 5/3 > 4^6 md 
358^ S. in 8. 6 Rthlr. 

Uer Dichter hat sich diesmal zu dem Gegenstande seines gros- 
sen historischen Heldengedichtes den berühmten Bertrand Du" 
GuescUn, jenen ritterlichen Kämpfer und Connetable von Frank- 
reich und Castiiien aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts 
erwählt und diese Dichtung von dem Leben und den Tbaten 
eines grossen Helden der Vergangenheit ist einem gefeierten 
Helden der Gegenwart gewidmet, dem Gtafen von Gueisenau. 
In vier Büchern umfafst sie über sechzig Gesänge, die, obgleich 
fast von den^ ersten bis zum letzten von Krieg und Waffenrau- 
schen wiedertönend, doch im mindesten nicht durch die Einför- 
migkeit des £inen Gegenstandes ermüden, den sie alle umfassen* 
Denn in jeder Waftenweise von den Gestaden des MeeresarmeS| 
der Frankreich von England trennt bis xu den Säulen des Her- 
cules hin sehen wir den Heldei^ als JüngliiML Mann und Greis 
mit Gegnern jeder Art und in uidit stets gleichem Gelingen 
kämpfen, und in einer ersUiuneiis würdigen Mannigfaltigkeit, in 
einem reichen Wechsel der vieUrtigsten Gestalte und £reig- 
nisse thut sich hier vor dem Blicke des Beschauers das kriege- 
rische Leben auf; in freudiger Turnier-Lust und Tod bringen- 
dem Zweikampfe, in einzelner ritterlidier Waffenthat und in 
dem Tosen der Feldschlacht, in fröhlichem Kriegszuge und in 
still verborgenem Ueberfalle, «in offener Gewalt und tückisch 
lauernder List, in Vordringen und Flucht, Sieg und Niederlage; 
in Sturm und Belagerungsnoth, in Gefangenschaft und Loskaufen^ 
in lohnendem Gelingen und unverdientem Müsgeschicke« Dar* 
»wischen mischen sich, neben all äjem JNaiven,, Kecken, Anmu- 
thigen und selbst Humoristisclien, was das kriegerische Leben 
mit sich bringt, ernste und tief anregende Sprüche, Kriegsre- 
gehi| Reden und Gespräche und andere Anklänge, wie diese 
durch die Dichtung sdbst in der Seele des bichters hervorge- 
rufen worden« Wenn daher schon durch sich selbst das tha- 
teordcfae Leben des Counetable's, auch nur wie es die Chronik 
beriehtety ein grosses Interesse darbietet, so wird dieses hier noch 



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Bertractd da Gue^cHn von de ia Motte -^ Fooqu^. 73t 

«riiohel durah all d^n l^u^btflnden Schiroioery welchea die DteK* 
tiiDg um üirco Helden verbreitet, und uebcn dem bokeu, edel* 
mäthigen io Schlackt und Zweikampf eben» so unwiderstehlichen 
als nach dem Siege freundlich milden Bertrand Du - Guefclm 
wollen wir nur nennen die andern vorragenden Gestalten: den 
sehwarzen Prinzen, den Grafen ^on Montjort und Cofi "von 
Blais und deren Freuen, die beiden Johannen f Enrique V09, 
Transtamara und dessen gräulidien Widersacher Pedro; so wie 
wir nur auf zwei grosse Schlachtstucke ganz insbesondere hin- 
weisen , die Kämpfe bei Auräy und Fiitoria, Darstellungen, die 
mit XU ctem Herrlichsten gehören ^ was die Dichtung je in die- 
sem Fache geleistet hat. 

Was wir aber, ausser diesem grossen Interesse seines Ge^ 
genstandes an unserm Dichterwerke noch besonders hervorheben 
mochten, ist desseu streng historische Treue, sein reiches charac^ 
ter istisches Leben, die grosse freie Form, in der es sieh bewegt, 
und der tiefe, anregende Geist, der durch dasselbe walte t* 

Was das Erste, die geschichtliche Treue desselben als einer 
anf historischem Fundamente ruhenden Dichtung, angeht, so 
legte der Dichter^ wie er uns in dem Eingänge und an dem 
Schlosse bemerkt, ein Französisches Werk — Histoire de Ber- 
Irand du Guesclin, Connestable de France, et des rojaumes 
de Leon, de Caslille, de Cordoue et de Seville, Duc de Ma- 
lioes, Comte de Longuevilies etc. Par Messire P. H» Seigucur 
D. C. A. Paris 1766 — zu Grund und selbst erklart er sich 
über die Behandlung, welche er seinem Stoffe angedeibcn lalst, 
auf folgende Weise: 

ThL I., S. 6. 

So strömt in strenger Wahrheit denn, ihr Saiten, 
Im schönen Ebenmaas die achten Kunden aus! 
Und was mich edle Kunst vom Waffenstretten 
Gelehrt hat und auch manch durchflocht'ner StrauTs, 
Soll ernst und anmuthvoU mein Lied durchleiten, 
Erhellend dem Verstand das Kampfgebrauls. 
So sang Homer schon Hella^s alte Siege; 
Ich wag's ihm nach, ich Sänger jungVer Kriege. 

Doch nicht, wie jener ^ web' ich die Gesichte 
Des eignen J^uhnen Sinn's der Thaten ütu 
Als königin hier prange die Geschichte 
Und nur ihr eigner Traum und Wiederschein: 
— Die Sage! — spid im zauberischen Lichte, 
Wo sie von selbst sich beut, mit durch den Hain. 
Der Muse bleib' ein einzig Spiel beschieden: 
Ein Spruch, ein Lied manchmal in Krieg und Frieden. 



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73a Berä^tnd ^ (^escBii von'de la Motte «»Fottqii^ 

Auf dir den GesSngen hier und» da eingestreuecen Ltedein 
-vr erden wir spSter zuruf^kommen ; dadurch aber, dafe es der 
Dichter über sich vermochte, jeder fieinrischnng eigenvr Erfin- 
dung und alles mjthologischen Äf aschinenwerkes, wie dieses z. B. 
in Tasso*s beHihmter Dichtung so of^ hervortritt, sich 'zu ent- 
hahen, ist es ihm nach unserer Ansicht hauptsttchlich mit gelun- 
gen , seiner viel umfassenden Darstellung ihr recht grosses and 
tharactetistisches Leben zu wahren. 

Hierunter nämlich verstehen wir jenen wunderbaren Zate- 
ber, w^hen eine Dichtung auf dasGemüth des Betrachters, übt, 
indem sie ihn von sich selbst losziehend in den Gdl>Üden, die 
sie vor ihm gestaltet, wie in einer wirklichen Welt gefessek 
hält. Dies aber ' vermag sie nur dadurch , dafs die Elemente^ ' 
welche in der Zeit, den Personen und Ereignissen, welcite der 
Dichter darst^it, walteten, auch in ihm selbst nicht ein blos Ge- 
suchtes, ein Fremdes oder gar Todtes sind; und wenn hier der 
Verf. in den Anmerkungen zn dem letzten Gesänge des letzten 
Buches erzahlt: (Thh IV, S. 394) i wie ihm die Geschichui 
Bertrands von einem Freunde in die Hand gegeben wurde: 
Ich las, ich sang; als feurige Gewalten 
Ftlhlt ich die reichen Bilder mit mir schalton, 
so fühlt wohl jeder, der das Werk' lies't, was ip seinem Hel- 
den lebte, ist auch in dem Dichter lebendig : Christlicher Glauhe, 
ritterlicher Sinn, warmes Ehrgefühl, tiefe Ebrfubrt vor den Frauen, 
Kampflust und Kriegsmuth, und wir mochten sagen: von allen, 
die wir kennen , vermochte kein anderer so seinen Bertrand zu 
verstehen und begeistert darzustellen , wie unser Dichter. !& 
einer wunderbaren Frischheit, in zuweilen fast überraschender 
Anschaulichkeit treten uns Personen und Scenen entgegen, und 
wir sehen eben so die Feste und Ergötzlichkeiten der hohera 
vornehmem Welt, wie die Freuden und Mühen des Feldes und 
Lagers von dem geschildert, dem beide nicht fremd sind. Und 
weU der Dichter, wenn er wirklich etwas Lebendiges schaffen 
will, ganz nur sich selbst geben darf, wie er ist; so hat es uns 
nicht befremdet, ihn hier wie fiberall, unverholen seine politische 
Ansicht aussprechen zu hören; wobei wir uns, ohne diese loben 
oder tadeln zu wollen , blos die Frage erlauben : was verlor 
Dante, der Gibelline, als Dichter , damit, dafs er in die Ideen 
einer grossen^ politiiKchen Parthei seiner Zeit nicht einstimmte? 
ja dafs er in der Dichtung, die er, als Verbannter, i» der Fremde 
ToUtodete, seinen Gegnern in den Qualen seines Inferno ihre 
Stelle anweist, indessen er seine Wohlthäter der Seligkeiten sei- 
nes Paradbo geniessen läfst? 

Was den dritten Punkt, die Form der Dichtung anbetriflly 
so Hat der Dichter die Stttnze gewählt, und wir erinnern un# 



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Bertrand du Guesclin iKm de la Motte ^Fou^& 733 

Viom, je in dem Dentscben Octaven begegnet zu sejOi die auf 
cioe so freie, grorsarüge Weise gebaut warea, als die meisten 
in dieser Diohtuog. Mit grosser Leichtigkeit sdimiegt sich Er- 
tählung, Brief und Rede in das Ebenmaas der Stanze, und je 
nach dem B^urfnisse der Darstellung ist von dem- Verf. Ge* 
brauch gemacht , so dafs ganze Stanzen nur den t^erso irohco 
haben, in den meisten dieser mit dem piano wechselt, nnd meh« 
rere Male der sdrucciolo eine, so zu sagen, gar numerische Wir- 
kung bervorbringt; so z^ B. ThL III, S. ^53, woraus dem Glei* 
ter des Verses schon gleichsam die kecke Beweglichkeit der 
Na\ arischen Klippeustciger anschaulich wird : 

Dann plötzlich wieder sab man euch die Gleiiendeti^ 
Hohnlachenden auf kaum fufsbreiten Stegen! 
Die Stein auf Stein den Sturzbach üeberschrtitenden! 
Die Hängenden an schwanken Dorogehä'gen ! 
Auf die im Jhalgcwind halb irr^ sich leiteftden 
Verschneiten, ganz durchfrornen Frankende^en • 

Warft ihr aufs neue Baum und Fels hernieder, * 
Und höhntet sie und sänget wilde Lieder. . 

Nur in Einem können wir mit dem Dichter nicht einstim- 
men, dafs er mitten zwischen den Octaven hinein die Lieder 
streute, für die wir ihm übrigens, abgesehen, von der Stelle, 
vo sie sich finden, recht dankbar sind. Nicht dafs in dem Hel- 
dengedichte auch mitunter die sanftem Klänge der Ljnra — - und 
wer erinnerte sich picht des lockenden Gesanges des Vogels in 
Armidens Lusthaine bei Tasso: Conto XVl, stanz. 44 * /5.' 
DeA mira, egli canto, spuntar la rosa etc. — oder selbst die 
ifvebmntbigen Tdne der Elegie sich dürften vernehmen lassen; 
nur, glauben wir, darf der grössere Klang imd Wogenschlag des 
Epos dadurch nicht gestört wetden. Selbst ein Lied, wie jenes 
von dem Vogel Armidens, mufs nur in das mächtige Wogen 
mit hinein klingen, und seine grössere Bedeutung in dem Epos 
dadurch verkupden, dafs es, wie von dem höhern Ernste des 
Ganzen ergriffen , nicht aus den festen Tacten desselben 
weicht. Dagegen fuhh man sich innerlich in dem Wogenschlage 
der Octave fiit fortgezogen, dann unsanft gestört aus demselben 
BBt einem Male in die hupfende, tänzelnde Bewegung des Lie« 
des über zu gehen; und wie die Kunst des Dichters sogar deo 
Nachklang aus demLiede eines Leiermannes wenigstens mit. dem 
sdrucciolo zu bewältigen vermochten, mag jepc Strophe zum 
Belege dienen, wo Gertrauds Wädbter und desse4 Frau, sich 
mit einander streiten, eine Stanze, die freilich- um einen Thetl 
ihrer überaus köstlichen Wirkung nicht zu verlieren, nicht $m 
Aok Zosammenhange geschieden werden sollte. 



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734 Bertrand du Guesdia Ton 4e la Motte -»FotiqQ^ 

Till. II, S. 209. 

Doch gleich darauf winkt mit vefrbiss^nem Grimme — «• 
Berlraad lacht still — er seine Frau hinatis, 
Und zanVend hdrt' man sein' und ihre Stimme: 
»Die Schlüssel her J € — Was Schlnssel ? — »Ja vom Haus ! 
Ich wiH ja fort! 's ist zu! — Es scheint, dir glimme 
Der Wein im Kopf no^h dem gehaltenen Schmaus? — 
»Schmaus? Ja Eins lernt' ich dort! Zum Prinzen von Wallia 
Mttfs ich! Gieb^Scbltissct, tückische Canaglia!€ * — 
Aus diesen Gründen wünschten wir, der Dichter möge, wie 
bei diesen launigen, so bei den andern gemüthlichen Anklängen, 
\velche durch dve Dichtung selbst in ihm geweckt wurden, aus 
4^a Tacten der Octave nicht hinaus getreten sejn. 

Was endlich äen Geist angeht, der durch das Ganze wal- 
tet, so ist es Ein lichter Strahl, der durch alle diese Gesänge 
leuchtet und in dessen Wiederschein alle die einzelnen, vielfach 
W^hselnden Scenen sich spiegln. Es ist der hohe, christlich- 
religiöse SUndpunkt, von dem aus der Dichter seine Gebilde 
vor seinem .eigenen Geiste gestaltet, und' auf den er den Be- 
trachter zu heben sucht, um von da aus dem wogenden Spiele 
des Lebens, wie es in Kampf und Krieg besonders drohend 
hervortritt, mit heiterm Muthe zuzusdiauen. Seine dazwischen 

Sestreueten, bald besänftigenden und trostenden, bald ermunteru- 
en Sprüche sind der Kuhepunkt, in dem das erregte Gemülh 
sich stets wieder sammelt, und diesem Geiste, der durch das 
Gauze waltet, ist auch sehr angemessen, tvenii der Dichter die 
ScMttf» • Strophe mit den folgenden Worten seinem eigenen 
Licdc weiht: Thl. IV, S. 385. ^ 

Wie Gott will ! -- Wird in ihm dein heitres Klingen 
Erfunden und geheiligt — so besteht's. — 
Kam's aber nur aus irdisch eitlem Riifgen, 
Nur eig'nen WoUens Nachklang, — so vergeht's. •— 
Doch was dir mae; gelingen und mifJiogen, — 
Eins^ weifs ich, lebt und siejt, und funtelt stets 
Hoch überall dem bunten Weltgetriebe: 
Frommtreuer Math, geschöpft aus ew'ger Liebe. 
und m?»;c die freudige Liebe und Anerkennung, welch© 
der Dichter seinem Helden weihete, auch dieser seiner Dichtung 
xu theil werden, welche wir in jeder Hinsicht des Säpgers von 
Sigurd's Tode, des wundervollen Zauberringes und der anmu- 
thigen Undiae werth achten. 

H I. 



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Succow flora MonDhemieosis. 73$ 

Kora MoKnhemiensis et vianantjn regionum eis et traturhenam 
nuHm Auetore Fki^. Gatt. Lud. Svccofr. 4f. J). etc. 
Ptnrs prima lontir, plantar, phaerog. CUus. /— XJIL 
Matmhemüß Schwan et Götz. tgüt. Pars secunda 482%. 

in dem LTCcmn xu Mannfaeim werdea unter der Leitung des 
tfaitigeo Hm. ProL Suecbw die Naturwissenschaften auf erfreu* 
Itcbe Weise knltivirt. Unter diesen verdient gewifs die Botanik 
TorzuglicLe Pflege, da sie Alles vereint, sich dem jugendlichen 
Alter empfehlensvverth V zu machen. Sie setzt alle £rkenqtnifs« 
krafte des Menscheu in Thätigkeit: das sinnliche Beobachtungs- 
veraaögen durch die Untersuchung; die. Phantasie durch die schd* 
Den Formen und Bilder; das Gedä'chtnifs durch die Unterscliei- 
dong der Pflanzen. Die tausendfaltigen Verschiedenheiten der- 
selben , und wieder ihre Aehnlichkeiteu untereinander, fordern 
den Witz zu Vergleichungen auf, die Urtheilskraft wird ge- 
weckt zur Erforschung der Ursachen der Pflanzeuerscheinung 
uberliaupt. Der Umgang init den unschuldigsten und reinsteu 
Geschöpfen der Erde verfeinert das Gefühl und mildert die 
Sitten. Die körperliche Uebung, die das Studium der Botanik 
Terlangt, eignet sie allein schon für das Jünglingsalter. 

Herr Professor Succow fand, bei dem allgemeinen Eifer 
der Schuler des Ljceums in Mannheim für Botanik, angemessen, 
fSiVit flora Mannhemiensis zu bearbeiten, um dadurch, bei der 
Kostbarkeit grösserer botanischer Werke, jedem Schüler wenig- 
stens ein Compendium in die Hand zu geben, woraus er erler- 
nen kann, wie Pflanzen angesehen tind beschrieben werden müs- 
sen« D6r Reichthum und die Maimigfaltigkeit der Geschlechter 
und Arten, besonders der Wasserpflanzen, über die man bei 
Dvrchgehung dieser Flora erstaunt, rechtfertigen diese Unter-* 
■eh^ong um sosehr, da der gröfste Th^il jener Gegend, den 
diese Ftora umfafst, in botanischer Hinsicht noch nicht beschrie- 
ben worden ist. Die sorgfältige Kultur der nächsten Umgebung 
der Stadt hat zwar die vild wachsenden Pflanzen verdrängt; 
■an daif aber nur die Excursioneu auf eine bis anderthalb Stun- 
den von der Stadt ausdehnen, um feuchte und tflbkene Wie- 
sen^ Sumpfe, MoorgTUud, Sandfelder, Kiefer- und Eichengehölze 
imt ihren eigenthümlichen Bewohnern anzutrefi*en. Die Thalcr 
bei Tiirkheim an der .Haard steuerten auch zur Flora nicht we- 
nig bei; besonders bemerken swerth ist jene Gegend wegeu 
mehrerer See- und Salzgewächse. 

Vorliegende zwei Theile der Flora enthalten die Phaeno- 
gunisten. Der Herr Verfasser /olgte in Anordnung seines. Ge- 
genstandes .dem Linneischeri S)^sterae mit den Veränderungen 
Bvioon^s der die Genera Classis XXIII unter die übrigen Kiu- 



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736 Westphal. niftturwisseiiffohaftliche Abhaaidltingen. 

t«n etnsobob) doch beluelt dep Herr Terfaiier Qatsif X^III 
füit dem eiDzigen Geschledite Ifypericum bei. Bei Bcschretboog 
der Grttser wurden die UiiCer^achuiigeD Schrader*s, bei den 
Umbelliftten K. Sprengeis, wie überhaupt durch das gmme Werk 
alle neuere Pflanxenuntersuchusgeu und Beschreibungen benatzt. 
Jeder Klasse geht ein Ciavis generwn vorher. Nach der kur- 
sem systematischen Beschreibung \tAet* Species und Angabe ihres 
Standortes folgt eine ausführlichere Beschreibung derselben. Bei- 
den Theilen ist noch ein Nachtrag jener Pflanzen beigefügtt die 
erst wihrend der Bearbeitung dieses Werkes gefunden wur- 
den. Ein Index beschliefst jeden TluiL Dem Ganzen ist eme 
Kthographirte Charte der um Mannheim gdegenen Ge^d 
beigefugt. 

Der Herr Verfasser bedauert in der Vorrede, weg^n Kost- 
barkeit des Kupferstiches, auf dieses. Hüifsmittel zum leichtem 
Studium der Botanik, besonders der Formen derXjraser,. ver- 
xichten zu müssen. Könnte nicht auch zu diesem Zwecke der 
Steindruck benutzt werden? Die Brauchbarkeit des Werkes 
wurde dadurch vermehrt , ohne es sonderlich zu vettheueni. 



Naturwissenschaftliche Abhandlungen "von /. H. fFksTFnJL* 
Erstes Heft, Der neuesten Schriften der naturforschenden 
Gesellschaft in Danzig. Zweites Heß, Danug 48%o. 75 
Seiten in 4t o. 46 gr. 

JUie drei hier vereinigten Abhandhingen handeln I. über die 
periodisch veränderlichen Stimme IL über die, mittlere Teflg>e- 
ratur in Danzig (aus ein und achtzigjährigen Beobachtungen) 
m. über die verhältnifsmässige Helligkeit der Sterne. Ref. hat 
sie mit grossem Vergnügen gelesen, und kann sie allen denje- 
nigen empfeUen, welche sich für dergleichen Untersuchutigeit 
interessiren«ffbie mittlere Temperatur Dauzigs ist zu 5^,4^ R. 
gefunden. 



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• 



N^47» Heidelberger 1822t 

Jahrbücher der Literatur. 



FuDEMict TrMDMM^jrirj Anatomes et Pfysiologiae in Academm 
Hadd^erfenst Professoris , Tabulae ArUriarwn corporis 
humanL Curlsruhae 48nn. tfud C. R MSUet, in /oL 



Daltsan bekannt ist ant der Geschiclite der Aaatomie, welch 
frosseo Einflafs die Kaust des « Zeiohtiens , Holzscbnetdei» und 
Kapferstccbens auf das aoatomisolie Studiiiiii ausgeobt bat. Durch 
£e iOiDablicbvollkoflinBener werdende büdlicbe Darstettang der 
Lage^ der Gestaitang und des Baues der verscbiedeoen Tbeile 
des neoscbbcben Kdrpers wurde es den Aeriten mdgjicb in je- 
doB Augenblicke, auch ohne Leicbname| Anatomie bu stndiereoL 
and Vorslellungen, anatomiscb^ Gegenstande betreffend, attf^iis^ 
(nsebes und xu berichtigen. Das Studium der Anatomie wirkte 
' ^ auch wieder machtig auf die Zeicheu- nnd Maler- Kaust 
mick, denn die berühmtesten Maler, ein Titian, Raphael, 
Miekd Angelo Bmonatotüß Leonardo da Vinei, BuNkotornaeas 
T9fre, brecht Dürer u. a« verabsäumten nicht, sich des Aoa- 
loaen anzuschliessen , um durch die KenutniTs des Baues des 
■eoschÜchen Kdrpers und durch das Zeichnen anatomischer Ge-, 
Santaade den richtigen Bück für die genauen Verhältnisse der 
IWile XU gewinnen. Die Werke aller dieser Männer tragea 
tter das Gepräge einer richtigen und vollendeten Zeichnung, 
bder Anatom nur zu oft an den Werken solcher Maler ver-r, 
■ib^ die dies wichtige Studium vernachlässigt haben. ^ 

b dem letzten Jahrhundert vorzuglich waren die Anatomen 
fanaf bedacht, ihre Untersuchungen und Entdeckungen durch 
gttene und ausgezeichnet schdne Abbildungen zu versinnlichea^ 
die jBit dem gebührenden Danke aufgenommen wurden. So er- 
hkca wir nach und nach fast über alle Theile des menschli- 
^ Kdrpers vortreffliche Abbildungen, die in der Ausführung 
d^Zeicbniuig und des Kupferstichs nichts zu wünschen übrig 
bttca. Dahin gehören zum Theil mehrere Tafeln Bidloo's, yoa 
dift berühmten Lairesse nach der Natur gezeichnet und in Kupfer 
fMocben; üerner die unvergleichlich schönen Abbildungen B. S. 
4bi ä»er die Ki^pben und Muskeln, durch den bekamtteft 
I fturf a fag r ausgeführt, und endlich reihen sich an jene Meister- 
v«ke an die treffltchea Kupferwerke eines Balkrs J¥^*Htmi^p 

47 

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738 Fr. Tiederoanu Tabulae Aneriarum. 

P. Camper, Vlcq. d*Azyr,, Scarpa und Sömmerring , säinmtlicli 
durch ausgezeicboete Künstler zu Stande gebracht ,UeBer die 
Pulsadern des mieuschltclien Körpers, obgleich deren genaue 
Kenntnifs von so grosser Wicktigkeit für den Wundarzt ist, be- 
sitzen wir wenig gute Abbildungen^ nur dje von Malier, P. 
Camper, Scarpa und »Sammerrw^ gelieferten , sind zu loben. 
Üie , Gefälstafeln Hauers sind jedoch verkleinert, .meistens nach 
ILinderkorpern entworfen, qfl nicht richtig gezeicbn^t^ und daher 
nicht ganz l^rauchbar. Camper stellte iu seinen anatomisch -päd lo- 
Ipgischeu DefDonstratiönen blos die Arterieu des Arms und 
Beckens dar. Scarpa theilte in seinem classischeu Werke über 
die Aneurysmen nur die Abbildungen der Arterien des Arnis 
imd Schenkels nut. Und Sömmerring endlich bat blos die Ge- 
Hisse der Sinnes" Organe meisterhaft dargestellt. Ein Werk also» 
in dem alle Arterien des menschlichen Korpers in natürlicher 
Grösse I Lage und V^reitung abgebildet sind, mangelte noch. 
Dies bewog den Verf. vorliegenden Werkes solche Lücke au:^- 
2uföUen. Seit sechzehn Jahren hatte er bereits seine Aufmerk- 
samkeit auf die Verbreitung der Pulsadern m normalen und 
regelwidrigen Zustand gerichtet, und deren Verlauf in mehr 
denn fünfhundert inenschlichen Körpern, beiderlei Geschlechts 
und jedes Alters untersucht. Durch das glückliche Zusammeu-> 
treffen auf dieser Academie mit Prof. Roux, der sich seit vielc;n 
-Jahren mit dem Zeichnen anatomischer Gegenstände beschäftig 
und darin einen grossen Ruf erlangt hat, wurde es dem Verf. 
möglich, diese Abbildungen als die Resuliate seiner Untersii-^ 
chungen bekannt zu machen. Die von Prof. Rous nach der 
Natur gezeichneten, und iu dem lithographischen Institut der 
Mfillerschen Hofbuclihandlung in Carlsruhe ausgefülirten Ahbil« 
düngen zeigen die Lage und den Verlauf der Pulsadern, so wie 
ihre Verbindung mit den benachbarten Tbeilcn, in Lebeusgröase 
und zwar/theils im normalen, theils im r^elwidrigen Zustande* 
Sie dienen daher nicht nur dem angehenden Arzte als Hülfs-' 
mittel bei seinem anatomische Studium, sondern üuch dem aus- 
übenden Wundarzt als Richtschnur bei anzustellenden Opera- 
tionen. 

Das Werk besteht aus sechs und dreifsig ausgeführten und 
eben so vielen bezifferten Linear -Tafeln in- Imperial *-Forouit^ 
mit erklärendem Tezte in dentscl^er und lateinischer Sprache 
versehen, und erscheint in vier Lieferungen. Die erste Lieie- 
rung ist bereits beendigt. Auf der ersten Tafel ist die Li^, 
des Herzens mit dem Bogen der grossen Köirper - Pulsader, uod 
.der aus demselben entspringenden Arteten dargestellt. Qie. 
zweite, dritte und vierte Tafel zeigt die Kranz - Gefasse . des^ 
Herzens und die v«m Verf. und andren Anatomen beol;HK:biaißi| 



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Fr. Tiedemann Tabulae Arteriaruin. 7S9 

VirietSceo der Aorta und ihrer Aeste. ^ Die fdahe Tafd Yer- 
aiimficht den Verlauf der oberfiächlicfaen Pul^dem d^ Brust, 
des Habe» ond des Kopfes. Auf der seclisten Tafel erblickt 
man die tieferen Pulsadern dieser Thcile. Die siebente Tafef 
zeigt die Arterien des Antlitzes, der inneren Nase, der Zange 
und der Kiefer. Die achte Tafel stellt die Pulsadern des Ge- 
hirns, des Auges, des Nackens und der Rippen dar. Und die 
•eunte TaFd endlich enthalt die oberflächlich rerlaufenden Arte«» 
rien des Nadiens und Rückens. 

Die zweite Lieferung, die Arterien des Arms und der 
Hand darstellend, wird im Herbst erscheinen» 

Tiedemann. 



Dissertatio eritico'-theologica inaugh de fontihus Aetuum 

^postolicorum , quam pro gradu Doctoraius . . . in 

Aead. JthenO" Traiectma rite consequend. pubL ex€t» 

mini suhmittit Jon. CjnoLk Ribhm, Hornbaco ^ E^ontinus^ 

Trcuecti ad RAen. ex offict Joh, Aitheer, 48%4> hqo $. S* 

Ist Lueas beim Auf^dchnen der Apostelgeschichte blofs mund- 
lichen Ueberliefemngen, und wo er keiner fremden Hülfe be- 
durfte, seinem Gedächtnisse gefolgt, oder hat er auch schriftlichii 
Denkmale und Notizensammlungen iror Augen gehabt? und was 
för welche? Dieses Problem wurde ein erhöhtes Interesse be« 
kommen, we^^die in vorliegender Schorift dargebotene Au0dsun|( 
desselben sicflws richtig bewährte; denn nicht etwa blob <das 
Eigenthfimliche der Form und Einkleidung gewisser besOndercf 
EnäUungsabachnitte , soqdem die Wahl uiid Behandlung des 
Gesduch^fls überhaupt, die Anlage und innere Structur des 
Ganzen, un4 das Verbältnifs der einzelnen Theile ztt einander 
waren dann vornehmlich aus der Beschaffenheit der Notizen und' 
Hölfmiittel, die dem Verftttser zu Gebote standen ^ lu erklSren. 
Hrn. R* Idee von der Ausführung des Ganzen scheint sicli 
im Gegensatze beliebter neuerer Hypothesen gebildet zu habetti 
wddie irgend einen partiellen Gesichtsptmkt und Zweck det 
Historikers zum universellen erheben, uud Alles ihm unterzuord« 
Bcn suchen, in der Absicht, strenge Ebheit der Compositiön^ 
und einen Entwurf nachzuweisen^ der durch Auswahl und Ver- 
kttipfung der Materien im Einzelnen durchweg ((erechtfertigt 
erscheine. Diese Hypothesen niadich haben ihre angreifbare 
Sote^ weil sie, ihrer Natur nach, nicht umhin kdnnen, eine oder 
Üe aiidere Hauptparthie der Erzfihlung als Neben vi^etk betrach- 
te ZV woNea«' Und gjieiehwoU mag auch der, nach uiisem' 

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74o Riehm de Fontibus Actaum ApostoL 

Anstellten und Fordeningen fcregelte, fiegriff einer allgemeinen 
Gescliiclite der Apostekeit (in sofern eine auf gewisse Haupt-* 
erscbeinungen sich .bescbrankende geschichtliche DarsteUung des- 
aufkeimenden und emporkommenden, der Schranken des jüdi- 
schen Particularismus nach und nach sich entaussernden, und zum 
Welt - und Völkei'glauben sich gestaltenden Christenthums nur 
tineigeutlich dadurch bezeichnet wurde) nicht adäquat gefunden 
werden., Wir sehen also, wie man dahin geführt werden kaoo,' 
den oft vermifsten und gesuchten Einigungspunkt ganz aufauge- 
ben, und den Geschichtschreiber, in Ermangelung eines festen 
Plans und leitenden Hauptgedankens, fast blos von aussen her 
bestimmt werden zu lassen, indem man den Vorrath der ihm 
bekannten Thatsachen, oder das Mittel, wodurch sie ihm über» 
liefert worden, zum Leitstern und^ Erklarungsgrunde seines gan- 
zen Verfahrens macht.' 

Die Abhandlung zerfallt in ziyei Hauptabschnitte. Der erste 
(auf das eigentliche Thema vorbereitende) Theil enthalt: Benter« 
kuiogen über den Verfasser der Apostelgeschichte, nach den in 
ihr selbst sich findenden, mit den Paulinischen Zeugnissen über 
Lucas zusammenstimmenden Angaben; — über das Vaterland 
des Lucas; die Frage, ob er mit Lucius von Cjrene CAct. 
JCIII, 4) einerlei Person sej, wird verneinend beantwortet; es 
' scheint nämlich nicht hinlänglich erwiesen, dafs die Form Lucas 
»ach. den Regeln der Contraction aus Lucius hvht entstehen kön» 
Ben, wie denn von Einigen Lucanus für die unverkürzte Form 
gehalten wird; ferner wird Vs. 3 nicht, wie in der Erzählung 
iron Begebenheiten, in die er selbst verflochten wai^su geschehen 
pflegt^' int der ersten Person Plur. gesprochen (wll^edoch wohl 
aus der einmal angenommenen andern Erzählungsforro , Vs. « , 
äch ^klliren liesse). Die ake Ueberlieferung , welche Lucas 
als einen Antiochenser bezeichnet, wird für. glaubwürdig er- 
kannt, und Eichhorns Hypothese, die das Ansehen derselben zu 
eutkrä^n sucht, zu künstlich gefunden — Anfuhrung und Be- 
urtheilung der aus Lucas Lebensgeschichte bekannten Thatsachen. 
Zuerst über seine Abstammung, und sein Religionsbekenntuifs 
bevor er ChriA wurde. Aus Coloss. IV, la ff., wo der Grufs 
▼on Lucas hinter den Grussen der aus dem Judenthume abstam- 
menden Gehülfen des Apostels steht, scheint^ besonders wenn 
num die Worte Atoi fioyot <rwe^yot u. s. w. urgirt, hervorza- 
cehen, dafs er nicht zu dieser Classe gehörte; (bäanntlich woW 
Ten Andere auf dieses Grufs -Argument nkht viel bauen). Aitch 
sein Gcburts-, und wahrscfaeinücber Bekebrungsort spricht fnr 
heidm'sche Abstamnuing (wiewohl ohne die Mdgliehkeit des Ge- 
gentheils su verneinen, s. Gdat. 11, iS, vgl« AcL 21, 19). £r 
nmfs indessen y nach Alct. XXI»* a8 ff« v|^. Vs. t^f iS, PMseljrr 



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Ri^iiD de Fontibus Actumn Apostol 741 

te Jodeotlfiims geworden sejo, bevor er sich dem cbrisllicIieB 
Cimbea »iwandte, vgl. Kuinoel in den Prolegom. znm Evang. 
hat, §. a. (Abgesehen Ton diesem complicirten Beweise, so 
jdbeiat die Yoranssetzung unzertrennlich von dem vorhergegan- 
gmea Satze, weil seine Schriften, bei allem hellenistischen Ge- 
präge, einen Urheber verrathen, der im Judenthnme, vo nicht 
«sprünglich einheimisch, doch frühzeitig eingd)urgert war). — 
Eine ZnaammensteUang der seine Person betreffenden Data der 
Apostelgeschichte, nach den verschiedenen Epochen seiner Wirk- 
samkeit, und Theilnahme an den Reisen, Bekehrungsanstalten 
und Schicksalen Pauls, r—^ Bemerkungen über den Ort und Zeit- 
punkt der Abfassung des Buchs. Pauls zweijährigfr Aufenthalt 
zn Rom (Act« XXVIII, 3o) wird, indem das Factum der Ab- 
j^thuut des Procurators Claudius Felix, welches nach Joseph. 
Ant. lud« XX, 8, §. 9, vgl. mit Tacit. AnnaL XIII, t4 init, in 
Neros erstes Regierungsjahr fallen mufs, den chronologischen 
Standpunkt giebt, in die Jahre 56 — 58 n. Chr. g^etzt (vergL 
Eugf EinL ins N. T. Thl. II. S. a8o d. aten Aufl., welcher die 
cit. Stelle des Jos«phus mit Tacit. Annal. XIV, s. fin« in Parallele^ 
itcßt, uud daraus das Resultat zieht, dafs die Abrufung des Felix 
ioi jte Neronische Jahr falle. Die Worte: /mh^Ta 6i totm Ita 
nf»^ iyfisv ixtipov, b. Joseph. L c, scheinen der von Hm« R. 
iny iiommenen und vertheidigten Meinung günstig). Von dea 
UtfoiischenV ermuthungsgründen, und den Zeugnissen der Alten, 
die dafür zu sprechen scheinen, dafs Paul die Arbeit seines 
Sdiolers und Gefahrtien (besonders in den ihn selbst betreffen- 
des Theüen, wird zur Erläuterung hinzugesetzt) unterstutzt und * 
gefiffdert habe. Was die Kirchenväter von seinem Einflufs auf 
dm ' Geschiclitschreiber , vornehmlich in Beziehung auf das 
Werk desselben aussagen, gilt, nach Herrn R., in noch 
n Grade von dem zweiten. Um von den patristischen 
in diese Anwendung machen zu können, sucht er die 
issung einiger Neueren, dafs eine falsche Auslegung des 
l^HÜaischen Ausdi-ucks to evayythov fiov denselben zu Grunde 
fiqge, zu entkräften. (Bekanntlich lassen die neuesten Ergeb- 
time ixr gelehrten Forschung über den Ursprung der Evan- 
fdba diese Muthroassung als unbegründet erscheinen. S. Giese- 
k^ Utt. krit. Versuch u. s. W. S. 1 2 i ff. Was die Apostelgesch* 
hiätkj so ist did Sache an und für sich sehr einleuclitend. 

Jheh diesen Vorbereitnngen beginnt die, den zweiten Theil 

itt fldmft ausmachende, Hauptuntersuchung damit, ihren Stand- 

Mb «a lixireii und ihr Feld zu bestimmen, indem sie die bei-^ 

m Extreme vdlli^ Abhangi^eit und völliger Unabhängigkeit 

' itlJL«caft von schrifdicheii Ueberliefoiningen zU enircriieii siiebf. 

künstliche Auslegung und Anwendung des Prologs im 



I 



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74^ Ridim de Fontibus ActuUm ApoiftoL 

^Tang* Lttca^ nach welcher derselbe streng auf dessen htide Bü- ' 
eher sich beziehen , und ic»i*iiwfüty ausachliessend von schtiJtU-' 
eker Ueberlieferuog zu Yerstehen sejnj htti^hcu nicht von.cur' 
of^^C abhängen, und räffiv auf ajuronrrou h^ t^J^ r« X» gehen 
soll (s* Kdntgsmann in FotCs Sjrllog. conunenit. theoL F'iH^IJI, 
B. 945 sqq.), wird' ausführlich widerlegt, doch dabei fär wahr* 
acheinlich erkannt, dafs Lucas beim Abfassen seines Evang. voa 
froher esistiienden Sdiriften Anderer, deren er ausdrucklich er- 
wähnt, einigen Gebrauch gemacht habe, uod demnach Benutzung 
•chrifdicher Quellen ihm, als er ziur Aposte^escli. überging, we» 
nigstens nicht etwas ganz Neues und Ungewohntes gewesen sey. 
Darauf werc^ die VertheidiguDgsgrfinde einer völlig freien Ab- 
fassung des Buchs, die sich auf Gleichförmigkeit der Darstellung 
und Schreibart beziehen (s« Eichhorn, Einl. Bd. II, §. i49)f 
einzeln durchgegangen und bestritten. Dafs die Reden^ welche 
' irerschiedenen Personen beigelegt werden, in. gewissem Grade 
einander ähnlich sind, und Manclies, wie z« B. die Anführung 
▼on Stellen des A. T., zum Erweise dafs Jesus der erwartete 
Vessias sej, oder zur Rechtfertigung und Erläuterung der er- 
lebten Ereignisse, mit einander gemein haben, suchf Hr. R. aus 
der Gleichartigkeit der Bildung, Ansichten nod Zwecke dersel- 
'Y^tay und aus der Beschaffenheit uod den Bedürfnissen ihre» 
Zobdrerkreises zu erklären. Die Ueberetnstimipung Yon Act. 11, 
37 ff. und Xni, 35 ff« will er gar nicht überraschend finden» 
weil die an beiden Orten angeführte Stelle des i6ten Psalms 
mehr als irgend eine andere geeignet sej, den beabsichtigten 
' Beweis zu liefern, und der erläuternde Zusatz in Bezug auf 
Bayid nicht habe fehlen dürfen, wenn die Redner nicht mils- 
Xerstandien werden wollten* Dagegen bemerkt er, dafs die Re- 
den Pauls, im Ganzen genommen, von den Reden des Petrus u. a* 
sich dadurch wesentlich unterscheiden, dafs er im Allegiren und 
Binwebcu von Beweisstellen des A. T. weit sparsamer sej, s. 
3PUI, i— 21, XXni, i — 6 (?), XXVI, a— 29, wo es an 
Veranlassung und Aufforderung dazu nicht gefehlt habe. Würde 
nicht, Iragt er, auch in dieser Beziehung mehr Gleichförmigkeit 
in deaRMleu herrschen, wenn Lucas sie frei ausgearbeitet hätte? 
Oder wiU man ihm etwa zutrauen, dafs er absicbtlich, um sich 
niebl selbst zu Terrathen (um eine wahrscheinliche Dichtung, ein 
' der Natur entsprechendes Gemälde zu liefern), den Reden einea 
Tffrschiedenartigen Anstrich gegeben, und mit einer fast ängstli- 
dien Genauigkeit hierin zu Werke gefangen sej? was doch 
gar nicht in seinem Character au liegen scheint. (Man sieht 
woM, Alles ist hier auf die Spitze gestellt. Es ist an sich kei- 
neswegs unwahrscheinlich, dals Lucas, obwohl ohne sich so viel 
Zwang anzathfto, wie Hr. R. vorausaeUt, in den verschiedenea 



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Biehm de Fdniibtta Actmim ApostoL 743 

HedfiA die GetstesplijFajip^ncniue Oirer Urheb^ auizuprigea f^ 
SBcht^ Dem Ekkboniisch'en Verzeichnifs charactenstischer Aap* 
dricke and Redensarteuy Yon denen die meisten durch das ganze 
Bach oft wiederkehren^ setzt Hr. R. folgendes entgegen: Wenn 
man aDoimmty dafs die Schriften, wdche Lucas vor sich hatte, 
in Aramäischer und zum Theü (nämlich dar Br^ef des Claodii«i 
LjTsiaa, c XXIII) in Lateinischer Sprache abgefafst waren, mit- 
hin von ihm erst ins Griechische übersetzt werden mufsten, sp 
erklärt sieh diese Erscheinung von selbst Doch auch mit der 
Annahmey dafs er aus Griechischen Quellen geschopfit habe, ver- 
tragt db sich gewissermafsen. Einige jener Ausdrücke nämlich 
konnte er in den Urkunden, welche dem ersten Haupttheile des 
Buchs (c I — Xn fin., dem Theile, wo Petrus, Stephanus, Phi- 
iippus u. a. als handelnde Personen auftreten) eingewebt sind» 
vorgefunden, und durch öftere Wiederholung sich angeeignet 
haben, so dafs er sie nachher auch da, wo er frei schrieb, ge- 
bi«uclite.- Andere, die im ersten Theile nur selten vorkommen, 
können niclits beweisen (?), und solche die gar nicht, oder 
bloß in diesem Theile vorkommen (vergl. Eichhorn a. a« O. 
S. 33}, sprechen für die andere Ansicht. — Ohnehin ist Hr. E. 
nicht der Meinung, dafs Lucas die schrifdieheu Berichte, denen 
er folgte, durchgehends Wort für Wort in sein Buch übertrat 
gen, sondern es kommt ihm wahrscheinlicher vor, -dafs er sie 
mit einiger Freiheit benutzt, und hin und wieder dnrch verän- 
derte Form und Anordnung seinem Zwecke angepafst habe» 

Nacb den beiden liaupttheiUn der j4postelgesckicfUe ist die 
Anxdjse der einzelnen Abschnitte, welche eine genauere Kennt- 
ntfs von der Art ihrci- Entstehung begründen sqH, im Ganzen 
geordnet, und zwar so, dafs mit der Untersuchung des zweiten 
TheUs (wo Paulus die Hauptperson), als der weniger vetwickel- 
ten und schwierigen, der Anfang gemacht ist. Zuvörderst wor- 
den hier die Abschnitte, welche Lucas als Augenzeuge nieder- 
schrieb — c XVI, 10 ff. u. s. w^ wie es scheint auch XI, «9 
bis 3o n. s. w* wo Antioohische Begebenheiten erzählt sind — 
von denen unterschieden, welche er nach Mittheilungen und Be- 
richten seiner Freunde, vornehmlich Pauls, scheint verfällst zu 
haben. Auch auf das minder vor Augen liegende wird dabei 
Röi^idit genommen; so dafs der Leser selbst über die muth« 
mafslichen Hinterbringer von Privatgesprächen und geheimen Be- 
rathschlagmigen der ^hristeufcinde nicht ganz in Unkunde bimbu 
In Hinsicht auf den Gdbrauch oder Nichtgebrauch schriftlicher 
HüUsmittel g;]aabt Hr, R. die^eigentUch historisdiea Bcsund- 
theile dieaes Hauptstücks anders benrtheilen zu müssen, ab^ die 
einge^ebteir Reden, wiewohl, mit Ausnahme der Geniräche, 
liirzem A/ireden u. s. w., als welche init indirecter Rede stets 



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744 Riehm 4e Tontibils Aciaum ApostoL 

abwerhselDy und nur der Form a^ Tom eigeDÜich etxahleodini 
Yortrage sieb eotfenien. Bei den rein- historischen ^Absohoittea 
sind| seiner Meinung nach, keine Schriften benutzt worden, wie 
einige Neuere gemnthinafst. Er erinnert an BoltenV 'sinnreiche, 
aber entbehrliche Conjectur, nach welcher die Form Mi^f«» 
c XXYII, 5j durch einen Ucbersetzungsfehlei^ entstanden se/n 
soll; an Zieglers Bemerkungen über den scheinbaren Widerstreit 
der Stellen IX, 19 und ebendas. Vs a3, und die daraus hervor^ 
gegangene Hypothese, dafs diesem Abschnitte der] Geschidite 
Fauls, bis zu Ende des 22ten Verses, eine nicht weiter rei- 
chende Urschrift zu Grunde Hege, und ini Fortgange der Er- 
zihlung durch die Worte uC'^-lxctveU eine Lücke in den Kennt» 
Bissen des Vei'fassers angedeutet sey (s* Gablers neust theolog, 
Journ« Bd. VII); wogegen er nicht uugegründete Einwendun- 
gen erhebt. Am ISngsten verweilt er bei der von Bertholdt ge- 
fiusserten Vermuthung, dafs Lucas nach einem Tagebnehe (a. 
vornehmlich c. XXVII — XXVIII, i6), oder einer Reihe ton 
einzelnen /Aufzeichnungen über besondecs merkwürdige Ereig- 
nisse, die von Paul oder einem seitier Begleiter herrührten, den 
^ten Theil der Apostelgesch. möge ausgearbeitet haben; und 
einer schon früher von Heinrichs aufgestellten ähnlichen Hjpo* 
liiese. Sehr richtig wird hier bemerkt, die Ausführlichkeit und 
Lebendigkeit der Darstellung, die in den Abschnitten herrscht^ 
wo Lucas als Augenzeuge, und vou Begebenheiten, die tiefen 
Eindruck auf ihn gemacht hatten, redet, zusammengenommen mit 
der verhäitnifsmässigen Kürze und Nüchternheit seiner Erzählung 
in andern Parthien, lasse sich am leichtesten durch die Voraus- 
setzung erklären, dafs er hier, unabhängig von schriftlicher Tra- 
dition, seinen Erinnerungen und seinem Gefühle gefolgt sey^ 
Weniger treffend ist das folgende, sdir weit ausgesponnene Rä* 
sonnement, wodurch im Besondorn die Meinung widerlegt wer- 
den s<ill, dafs Paul sich manches Merkwürdige in der Absicht 
aafoezeichnet, seinem Schüler Materialien zu liefern : die Nach- 
richten würden in diesem Falle weit vollständiger und ausfuhr» 
lieber sejn^ statt der Idirzen Anzeigen von der Verkündigung 
des Evangeliums an dem und dem Orte, wie XIV, 7, at, wür- 
den wir die Reden sdbst lesen, u. s. w. 

Ueberraschend ist, dais Hr. R. die Reden, wdche in diese 
Abschnitte eingeflochten sind, nicht auf die obenerwähnte Weise 
entstanden seyn läfst, sondern denselben eine schriftliche Grund- 
lage giebt, — während Andere, und zwar zum Theil grade die- 
jenigen, welche die historischei#Parthien aus schriftlichen Quel- 
len ableiten wollen, bei den Reden der Erfindungskraft oder 
dem Reproductionsvermdcen des Darstellers mehr ^eien Spiel- 
raum lassen. Die Entscheidung der Streitfrage wird einiger- 



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Bidtim ^is Fontibifcs Actuum Apostd. 74S 

daTOo d>haiigeD, ob und in wiefern man überhaupt blofs 
n Eindrucken die, Kraft ^beimilst , sich längere Zelt frisch 
und angeschwächt zu erhalten, oder es auch für mdglich hält, 
iah das Schema einer Gedankenreihe dem GeQiüihe sich tief 
^lug einpräge, um in der Erinnerung zu haften. — Hr. R. un- 
terscheidet, mit Rucksicht auf die Maoi^ der Griechischen und 
Romischen Historiker, von eigentlich erdichteten R6den solche^ 
die, ihrem wesentlichen Inhalte nach der Wirklichkeit getreu, 
Bur die Einkleidung und Ausführung der Hauptideen dem Ge* 
Schichtschreiber verdanken; und giebt zu, dafs die in Frage ste- 
beaden Reden jder Apostelgesch. nach Ki'iterien, die bei solchen 
Unterauchongen in der Regel die entscheidendsten sind, für eia 
Werk des Lucas, in letzterem Sinne, wohl gehalten werden 
kdnnlen; denn fiiir die Erscheinung, dafs sie durchaus den Cha^ 
Tacteren getreu und den besonderen Umständen entsprechend 
seven, lassen sich in seiner Persönlichkeit und seinen Verhalt- 
Bissen befriedigende Erklärungsgründe finden $ und aus dem Styl 
und der Manier des Vortrags, welche in den dem Paul beige- 
legten Reden herrschen, könne, weil die Schreibart des Schülers 
von der des Lehrers kaum, oder gar nicht verschieden sej (hier 
wird offenbar zu viel behauptet), auf deren unmittelbare Her^ 
stammung von diesem so wenig, als auf das Gegeutheil (s. den 
folgenden ^) geschlossen werden; (den von Eichhorn bemerk- 
ten Contrast zwischen der parenthesenreichen, oft dunkeln und 
verworrenen Sprache der Paulinischen Briefe, und dem klaren 
und einfachen Stjle der Reden erklärt Hr. R. aus der Natur 
des mundlichen Vortrags). Doch für schriftliche Uebcrlicferung 
derselben zu stimmen, wird er durch folgende Betrachtungen 
«nd Corabinationen veranlafst: In ihrer Auswahl herrscht, wie 
er meint, durchaus kein festes Princip; von Einer Gattung von 
Reden hat Lucas »mehrere, von der andern gar keine mitgetheilt; 
einige führt er nur oberflächlich an, andere giebt er vollständig-, 
aom Theil so, dafs sie sich, bei veränderter Form, wieder- 
bolen. Ist es nicht' seiir zu verwundern, dafs die Geschichte 
der Bekehrung Pauls in der kurzen Schrift dreimal erzählt wird? 
Weder in der Wichtigkeit des Factums kann der Grund dieser 
höchst befremdenden Erscheinung liegen, da ja so manches andere 
Wichtige aus dem Leben Aes Apostels ganz mit Stillschweigen 
übergangen ist; noch auch darin, dafs Lucas die Redcn^ c. XXll 
v.s.ir., selbst mit angehört hatte; noch in den Umständen, unter 
welchen sie gelialten worden, oder dem Effect, den sie hervor-^ 

E bracht. Hätte er denn nicht, sutt solcher nutzlosen Wieder- 
hui|;en, mit wenigen Worten auf das bereits Erzählte zurück-» 
^^crwcisen kdniren, wie er in anderen, ähnlichen Fälleii gethan? 
^s. w. Es bleibt demnach nur Ein E;:kläxungs>veg oücn; er 



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y 



740 Aiehm de Fontibtis Actuiim ApoitoL 

hatte sieb die Reden einmal ati%exeichnety und wölke sie daher 
^lenl Tbeophiliu nicht vorenthalten« (Der wahre Gesichtspunkt 
ist in dieser Schlu(sreihe wohl von vorn herein verfehlt; denn 
die innere Oeconomie des Buchs soll auf Gesetze reducirt» oder 
nach Re((eln und Forderungen gewürdigt werden, welche auf 
den Judisch -Hellenistischen Qeschichtvortrag keine Anwendung 
leiden. Die epische Einfalt und Gemüthlichkeit des Alttcsta- 
mendichen Erzahiungstons — welcher ja unstreitig zum Thell 
iueh in die Aposteigesch. fibergegangen — i;it als die Quelle . 
Jener Wiederholungen, ui^d manches Aehnlichen zu betrachten, 
Welches keinem fremden und fremdartigen Maasstabe sich anfü- 
gen wilL 2.XL Vergleichuegen giebt das Griechische Heldenge- 
dicht mehr Stoff, als die Historiographie, zumal die ausgebildete 
Attische. — Uebrigens ist daS~ Factum der Bekehrung Pauls al- 
lerdings einer von den geschichtlichen Wendepunkten, um die 
das Grenze sich ordner). Ferner, der Umstand, dafs Lucas ver- 
bihnlfsmässig nur wenige Reden Pauls aus der Zeit giebt, wo 
■Vr selbst nicht in seiner Nähe sicli aufhielt, s. c^ XIII u. XYII, 
Mst schliessen, dafs* er blofs diejenigen aufnehmen wollte, 
die er aufgezeichnet (and, weil ihm sonst mehrere zu Gebote 
gestanden hätten. (Abgesehen davon, dafs ein so ängstliches Vn^' 
ierordnen des Geschiehtzwecks unter das Gesetz der iüera scripta 
dem Geiste des Alterthums fremd ist, fragen wir blofs', ob der 
angeführte Umstand, zumal wenn der jenen wenigen zu Theil 
gewordene Vorzug durch ihren Inhalt und ihre besondere Be- 
schaffenheit gerechtfertigt wirdy nicht vielmehr auf das Gegen- 
teil des hier daraus Gefolgerten hinzuweisen scheint). Von 
Allen den Reden, welche Paul in Synagogen gehalten, ist bei 
icinem Schüler nur eine einzige zu lesen, c. XIII. (BeCraditen 
wi^ die einzelnen Abschnitte nicht blofs, wie eine Reihe von 
Bruchstücken, isolir^ sondern auch nach ihrem Ineinandergreifen, 
«nd ihren Beziehungen ziun Ganzen, so muXis dieses vermeinte 
Merkmal zufalliger Zusammenfugung derselben in einen^ sehr 
veränderten Lichte erscheinen. Die Begebenheiten drängen sich 
im zweiten Hanpttbeile so sehr, und die ganze Entwickeluug 
•cbreitet so rasch fort, dafs die einzuflechtenden Reden, um eine 
angemessene Wirkung hervorzubringen, unmittelbar aut das Ma- 
terielle der Geschichierzählung sich beziehen mufsten, und die 
Auswahl derselben durch den Grad ihres individuellen Interesse 
bedingt war. Fast sänuntliche Reden dieses Theils sind daher 
i'echt eigentlich ^urch die Verkettung der Facta und äussern 
Verhältoisie herbeigeführt, und nach Inhalt und Zweck occationeiL 
Nor £wei Lehrvorträge, die dls ^oleAe den Character der ^- 
gemmheü haben, kommen in demsdben vor, näinlich jener in 
der Sjnagoge tn Aottck^iia in Phrygien gehaltene, im i3leiH 



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Al^faEia de Fotnibas Aetuum Apostof. 747 

mik der aa ia» Atheolenser |erictitete^ itn i^ten Capitel, Leti* 
iper war in nchr als einer Beztehutif^ voradj^ich geeigüd^ dem 
isostel ab Hetdenlefarer zu characterisircn. firstercr, wahr» 
Metaüdi als der nichste^ zu welchem der Fsden . der Erzfihlang 
ÜBfilune, uod zugleich nicht einer doi* unwichtigsten, aasgewihlt. 
Mfter Tiden ^ner Gattung, die wohl ^ur in der Behandlang 
vidAnsfdhnmg des gegebenen und unveränderlichen Theaui'% 
s. XVII, 3, ,von einander Ter;$chieden waren, sollte den Leser 
■ttt seiner Art und Weise, auf Juden zu wirken , bekannt ma« 
chcn* Wird man also, anstatt des Schriftstellers richtigen Takt 
Mod Terslaudige Sparsamkeit in der Auswahl geziemend zu wür» 
di|;cn, wegen unverschuldeten Vorwurfs der Planlosigkeit an 
sciae im Strome der Zeiten untergegangenen Papiere den Re- 
greis nehmen wollen?). 

Aus der iitneren Beschaffenheit der Reden will Hr. R. noch 
besondere Rechtfertigungsgrüude * seiner Meinung herleiten. Sie 
sind, so argumentirt er, überhaupt ausführlicher i^id wortrei- 
cher, als man, nach dem massigen Umfange der ganzen Geschichte 
PauUy erwarten mochte. Woher so viel vyeitläuttige, sorgfältig 
ausgearbeitete Reden, ohne alles Verhältnifs zu der oft auffallend 
korigefafsten £rzal»lung der Facta? (Den Maasstab für das re- 
gHrechte -Verhältnifs der Heden zu den historischen Abschnitten 
wird hier wohl nur die subjeclivC Aesthetik geben können, in 
sofern sie darüber zu entscheiden hat, ob eine im Ganzen* au^ 
fnlirlichcre Darstellung, ohne hervorstecliendeParlhieu, dem Zwecke 
des Lucas mehr entsprochen habeu würde). Die Rede im i3t. 
Gip. enthält nichts wesentlich Neues, sondern nur die in frühem 
AlÄchnitten bereits vorgekommene Deduction des Satzes, dafs 
die Weissagungen des A. T. an Jesu in Erfüllung gegungeii, in 
etwas veränderter Form. Woher diese Windei holung? (Das 
Argument wurde entscheidend sejrn, wäre die Forderung und 
Toraussetzung eines nach aiien Beziehungen streng durchgeführt 
tea Plans — der freilich Wiederholungen dieser Ari nicht zulassen 
würde — in der innern ßcscliaffcuheit des Buchs gegründet. 
Lucas liefs sich diese Verfetzung des hbtorischen Ebeumafses zu 
Selttilden kommen, weil es ihm, wie wir bemerkt haben, darum 
vt tbon war das Eigenthümliche des Pauliniscben Lehrvortrags 
.IcaatUch zu machen). Endlich kommt Hr. R. auf die «Aeoer- 
WSialen Vorzuge der Reden zurück, und findet es bei näherer 
Jfetiacbtiiog unglaublich, dafs die durchaus der Natur getreue, 
Klieiidige und ausdrucksvolle , in jedem einzelnen Zage anspre- 
^iieode Schilderung der Characierc, Gemüthistimmungcn und 
Sttnationen, die sie uns geben, eine Frucht künstlicher Nachbil- 
faig sejrn sollte. Als ^Verke der Kunst, meint er, wurden 
it skh in einem- Lichte darstellen, dafs da^ Griechische im^l^ RcS- 



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jifi Bid^n de Fontibüs Actuum ApostoL 

mische Alteriliaiii niclits Aehnliclies in dieser -Gattung aufzuwei- 
sen halte. (Das Anziehende und Ergreifende in den Character» 
gemaldnn des Lucas ist grade dasjeuige, was wir bei den Altea 
überhaupt vergebens suchen wurden , was Herder irgendwo di« 
.Christliche Charts nennt ^ wiewohl man mit einigem Recht an 
das Verwandte im Heaodot erinnern könnte. — Uebrigens war 
nach den Geschmacksregeln der Alten treue Naturnachahmung 
im Einzelnen, mimische Anschaulicldieit der Darstellung, bi^tori* 
sehe Portratmalerci , wenn man so sagen darf, keineswegs^ die 
Aufgabe des Tollendeten Geschichtschreibers). 

Eine Vcrgleichung der drei Abschnitte, wo die wunderbare 
Bekehrung Pauls er6ahlt ist, soll den UDumstÖlslichen Beweis 
liefern, dafs. Lucas diese Stücke nicht frei ausgearbeitet haben 
könne. In den rednerischen Darstellungei^ nämlich (c. XXIT. 
XXVI) sind, sehr zweckmässig, einige neue Details hiuzugefugf, 
während Anderes, was in der CejcA/cA/erzählung (c. IX) eine 
angemessene Stelle fand, hier nicht ohne Grund mit Stillschwei- 
gen übergangen .ist. Noch sichtbarer wird ein wohl angelegter 
Plan des Redners, in dem an König Agrippa gerichteten apolo- 
getischen Vortrage sowohl, als in dem früheren, vor dem Judi- 
schen Volke gehalteneu, wenn mau die beiden Reden mit einan- 
der in Parallele stellt, und darauf achtet, welche Seite der Be- 
g^bei|heit in jeder besonders hervorgehoben und ins Licht ge- 
setzt ist Dies Alles setzt Hr. R. sehr gut auseinander. Nur 
die daraus hergeleitete Folgerung kann Ref. nicht für richtig 
erkennen, weil es ihm gar kein Räthscl ist, wie ein Mann von 
naturlichem Scharfblick und lebendiger Einbildungskraft, mit Per- 
sonalitäten und Umständen vertraut, und den TotaleindrudL des 
ih seinem Beisejn Vorgefallenen und Gesprochenen im Gemüthe 
festhaltend, dabei im Erfinden und Darstellen geübt, durch freie 
Wiederhcrvorbringung des Mangelnden diesen Grad von Wahr- 
scheinlichkeit erreichen konnte. Am wenigsten möchte Refer. 
mit Hrn. R. die anscheinenden Widersprüche in den Beschrei- 
bungen einzelner Umstände (s. c. IX, 4, 7 vgl. mit XXVI, i4- 
IX, 7 vgl. mit XXII, 9.) aus von ihm benutzten Quellen her- 
fliessen lassen, weil der Entschuldigungsgrund einer urtheilslosen 
Treue im Nachschreiben urkundlich einander widerstreitender 
Angaben f in einem Falle, wo das Wahre so leicht auszumitteln 
war, dem Credit des Historikers weit nachtheiliger sevn wurde, 
als das Vergehen, oder Versehen selbst; nicht zu gedenken, dafs 
die Dbharmonie jener Stellen blofs scheinbar sejn könnte (s. 
Grotius, Heinrichs u* a.}, und abgesehen von dem dritten der 
von Hr. R. angeführten Bebpiele: XXVI, 16 — 18 vergl. ntit 
IX I i5, 16 (u. XXIf^ i4j i5), wo das ver.-ncintc Rätlisel sich 



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Kiehm- de Fontibus A€(uum Apostol. y/^g 

ans der verschiedenairtigen Tendenz der beiden Abschnitte sehr 
«aturlich erkUhrt. 

Fester und sicherer ist der Gang der Untersuchung , im 
GanicA genommen, wo sie sich mit dem ersten Haitptt heile des 
Geschtchtbuch« beschäftigt. Die Muthmafsung einer schriftlichen 
Basis hat hier mehr äussere und innere Wahrscheinlichkeitsgründe 
for sich, .als bei dem andern Theile, und da ausser den fint-* 
scheiduttgsregelp, deren richtige Schätzung und An^veendung einen 
freien und unbeschränkten Blick in den historischen Organismus 
des Gan'zen voraussetzt, hier Form des Vortrags, Stjl, und Art 
der Aosfuhmng im Einzelnen gar sehr in Betrachtung kommen, 
so fand die Beobachtungsgabe des Hrn. R. liier ein angemessen 
ueres Fehl. Er hat seine Beweisgründe nach vier Gesichtspunk- 
ten geordnet. §)' Bietet ihm solche dar: die Auswahl des Stoffs. 
Es werden in diesem Theile fast blofs Thaten des Petrus erzählt, 
wShreod der übrigen Apostel, wider Erwarten des Lesers ($. 
das Vorwort des Evang. Euc. vgl. Act. I, i), kaum beiläufig 
erwähnt vird. Und dennoch ist Petrus hier nicht etwa ganz in 
dem Sinne, wie Paul im andern Theile, dfe Hauptperson; ein^ 
Lebensbeschreibung des Petrus würde einen andern Entwurf 
voraussetzen u. s. w. Auch lä.st sich nicht etwa annehmen, dafs 
Petras deswegen, weil er, dem Grade der Wirksamkeit und dei 
Ansehens nach, unter den Verkündigern der Cliristltchen Lehre 
gewissermasseü der Erste war, von dem Geschichtschreiber vor» 
mglich berücksichtigt worden sey; denn wir würden in diesem 
Falle wenigstens auch in Bezog auf Johannes (s. c. IV, i, wo 
dessen Worte nicht angeführt werden) und Jacobus (nämlich 
m de nersten la CapitelnJ nicht so ganz leer ausgehen; was um* 
so mehr befremdet, . da über Stephanus und Pbilippus, die doch 
nur Diaconen waren (!!) umständlicher Bericht mheilt ist. Fer- 
ner, dieser Theil besteht beinahe aus lauter abgerissenen, und. 
dabei sehr ausführlichen, einzelnen Erzählungen. Erwaitet man 
nun gleich nicht, hier einen eben so genauen und Zusammenhang 
geodeo Geschichtvortrag, wie in dem andern Theile, zu finden, 
weil Lucas hier nicht als Augenzeuge schrieb, so bleibt doch 
die Frage zu beantworten, warum er so viele andere nicht min<^ 
der merkwürdige Facta, die ihm, wenn er aus mündlichen Be^ 
richten geschöpft hätte, ebenfalls müfsten bekannt geworden sejn, 
jenen wenigen zu Liebe unerwähnt ^gelassen. Würde er nicht 
nehnehr eine gf^ängte, aber fortlaufende Geschichterzählung 
^eitefert haben u. s. W. (Bekanntlich wollen Andere in der Auf- 
ciaanderfolge der so locker verknüpften Hierosoljmitauischea 
Sceoeo der Apostelgesch. einen plänmassigen Stufengang entde* 
tUn; und becmchten ihre Auswahl und ZusammenördouAg ab 
m Werk äct Absicht und Kunst). Au^ ist dieser Tlml bo« 



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7S0 Riebm de Fontiblis Actimm (Apostol 1 

sonders reicli an Reden, und sie sind kier dergesidt in die Kette 
der Begebenheiten verschlungen , und jede an ihrer Stelle so 
wichtig y dafs sie nicht sowohl Wegen der damit zusammenhän- 

Sen historischen Abschnitte dazustehen scheinen , als diese um 
irctwillen. Oft folgen mehrere einander, die dem InhiJte nach 
sich sciur ähnlich sind, wie z. B. III, 12 ff* und IV^ 8 ff., ron 
denen die erstere noch dazu weit länger ist als die letztere^ fer- 
ner XI, 5. ff., (vgl. c. X), mit welcher es sich (auch nach des 
Ref. Meinung) grade so verhält, wie mit denen, welche die 
Bekehrungsgeschichte Pauls wiederholen« £ndlich kommen 
hier hin und wieder Bemerkungen vor, die von Lucas nicht 
wohl herrühren können, z* B. der Zusatz nach der am P6ngst- 
frsic gehaltenen Rede: tri^otc tb koyoic rKstoin u. s. w. II, 
4o ; denn warum findet nch bei keiner andern unbeendigten Rede 
ein solcher Zusatz, fragt Hr. R., und wie würde das l^aive die- 
ser Bemerkung mit der äusserst künstlichen Gomposition, die 
man den Reden beilegen miifste, falls ^sie erdichtet wären , zu- 
sammenstimmen ? — • und glaubt sich daher berechtigt, diese of^ 
feubsr seiner Meinung nicht günstige Stelle (s. auch die runde 
$amme 3ooo im folg. Vse., welche auf mündliche Tradition 
rathen läfst) in die von Lucas benutzt sejrn sollende Urkunde 
zurückzuschieben, indem er annimmt, dab der frühere Aufzeich- 
uer der Rede, weil er sie nicht auf der Sulle, sondern erst 
einige Zeit nachdem sie gehalten war, nieoergeschrieben', das 
Einzelne hier nicht mehr im Sinne gehabt, und sich daher mit 
einer Umschreibung begnügt habe (s. p. 109)« Durch eine 
ähnliche Voraussetzung sucht er die unbestimmte Angabe iiro- 

tfc3^ s/c 6rBifOV riwovf XII, ij, mit seiner Meinung in Ein- 
lang zu bringen, vgL Heinrichs« a) Die in den Reden sich 
findenden Menbnale einer sehr treuen Ucberlieferung. In eini- 
gen §. S* werden die Reden des Petras nadi Inhalt und Form 
characterisirt, mit dc^en des Paul, fler des Stephanus u. a. ver- 
glichen; dann mit den Petrinischen Briefen in Parallele gestellt, 
so wie die Rede des Jacobus und das an die Antibcbenser ge- 
richtete Schreiben der Uierosoljrmitaniscben Gemeinde 7 ^^^' 
XV, mit der Epistel Jacobi; endlich die Rede des Stephauiis 
durpl^|[ega»gen. Dieser sehr lesenswerthe Abschnitt, in welchem 
die hierher gehörenden Arbeiten von Schulze n. a. mit Erfolg 
^enuizl sind, ist, seiner Natur nach, keines Auszugs fähig. 3) Das 
Zeugnils der Stellen €• XV, aa ff. XVI, 4, nämlich in Bezie- 
bang auf das Hicrosoljmttanische Schreiben; Hr. R. sucht nach 
dienen Slellen wahrscheinlich zu machen,- dafs Lucas eine Ab- 
seift desselben vor sich gehabt habe. 4) Die dem Styl des 
(^licas iMclU entsprechende hebraislrende Schreibart und An*- 
dw^kmiis^y to Ia 4immA Jhmk herrscht; dies wird an dt» 



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Riekin de Fonribiis Actiium ApostoL jSi 

BcispMe der Rede ÜI, .ift *- «6, *id verschiedenen Sternen ^ dre 
sacb fast. "Won för Wort jys Hebräische übertrageu ia&seii, ^c- 
zet^ (£s ist beraerkeuswerth, dafs die Piiuliniscbeo Reden, die 
den Petrinischen farerrn nicht ganz gleichen, doch ebenfalls Ab*-, 
vcbmue enthalten, wo die B^schaffeuheit des Stoflb eine durch- 
auAebraistrende Form des Ausdrucks erzeugt hat; s. z. B« die 
c XXn, i4 angeführten Worte des Ananias, und das Prodmium 
der Rede c. XIII, besonders in den ersten Versen). Aach die- 
hiatorischeii Abschnitte haben durchaus dieses Colon't, u s« w. 
Die auflBiUende Ungleichheit des Stjb, die die beiden Theile 
Ton einander scheid^ läfst sich nicht etwa daraus erklären, dalis 
der erste von Palistinensischen Begebenheiten handelt; denn es 
ist den Genie und der Bildung des L. nicht zuzutrauen , dals 
er steh $o ängstlich an den Stoff gefesselt hStte. (Bei einem 
haU> Jödisch, halb Griechisch gd>ildeten Historiker wäre es 
doch keine so gar überraschende £rscbeiaung, wenn £rzahlunga- 
form und AusdErack gleichsam von selbst den Verschiedenart igea 
Gegeasfänden sich angefugt, und, je nachdem er in diesem oder- 
in jenem Kreise sich bewegte, einen veränderten Chaxacter an-^ 
genommen hatten. Schon in dem ersten Theile des Buchs, der 
«brigeaa Ir keiner Beziehung von dem andern scharf abgeson- 
\ deit ist, unterscheiden sich die späteren Capitel von den firühe* 
reo durch minder gehäufte Hebraismen ; und es findet hier über« 
hanpt not eine Gradverschiedenheit statt, wie denn L. niesiab. 
ganx ans seiner Sphäre heraustreten konnte ; selbst seine 
Attischen Weltweisen sind von der Contagion jenes £rbfehlers 
mdit Sans frei geblieben \ sie kemlen eine ^^ X«Xoc;/tiv9 

Hr. R. erklart sich hierauf noch über einigt Abschnitte^ die 
er fiir Zusätze, und Einschiebsel des L. hält, wie II, 4a — '47 
und ihnL, XI, 19 — 3o vu s* w.; untersucht die auf Petrus Be- 
zug habenden u* a. hierher gehörende apocrjphische Schriften, 
cwler deren Fragmente, in sqfern sie zum Theil von neueren 
Gelehrten als die Basis der Apostelgesch. betrachtet worden 
siaJ, and trä^i^t seine eigenen Muthmassungen über die Beschaf- 
ibrer Quellen voi'. Wir können ihm hier nicht nach« 

LewalcL 



taUchr^t ßir psychische Aerzte, mit besonderer Berücksichtigung 
des Magneiismta. In fTerlHiidimg mit den Herren Enne* 
moser ,^n9. Eschenmayer , Grohmann ,^ Hayner, 
Heinroth, Henke, Hoffbauer, Hohnbaum, Hörn, 



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7^2 Nasse Zeitschrift für psychische Aente. 

Maafs, Pienitz, RuJr, Schslper, Vering, H^eifs 
und fVindischmann; herausgegeben von Fjued, NdSSK 
Leipzig bei Carl Cnobloch, 

Von dieser mit dem Anfange des Jahrs 1818 begonnenen^ in 
Vierteijahresheflen erscheinenden Zeitschrift liegen 18 Vieml<* 
Jahrshefte (bis znro aten Heft für iSaa) vor uns. -^ Erst mit 
dem Jahre ^8ao ist die besondere Beruclcsichtig;ung des Mag- 
netismus auf dem Titel angedeutet« Auch sind seit der Zeit- 
noch mehrere Mitarbeiter beigetreten. 

Der Gedanke, die psychische Arzneiwissenschaft in einer 
Zeitschrift — der^ ersten und bis jetzt einzigen ihrer Art in Veütsch- 
hind und wahrscheinlich in Europa — zu bearbeiten und zu hc^ 
fördert^ »wo das, was der Einzelne nicht vermag, durch das( 
Zusammenwirken Mehrerer geleistet werden durfte € — war eia 
glucklipber Gedanke. Der Zweck der Zeitschrift ist ein dop- 
pelte^r* Einerseits sucht sie den so höchst wichtigen, noch so 
w^enig glüicklich bearbeiteten Zweig des menschlichen Wissens, 
"von diem hier die Rede ist, aus der Einseitigkeit der. Betrach- 
tungsweise, wozu er iu den Büchern einzelner, noch so grosser 
Gelehrten bis jetzt verurtheilt blieb, herauszuheben und dem 
vielseitigen Forscherblick zur Prüfung darzustellen; andererseirs 
strebt sie, selbst forschend, in die Betrachtung des Zusammen- 
lebens von Seele und Leib immer tiefer einzudringen und, in- 
dem sie in dieser Hinsicht sowohl die theoretischen Forschungen 
des Philosophen als auch die treuen Naturbeobachtungen des 
practischen Arztes aufnimmt, beiderseitig auch von Solchen, die 
nicht Mitherausgeber sind, so trachtet sie sogleich in einem hd- 
kern Sinne, das durch die nothwendig gewordene Trennung der 
Maturlehre des Menschen in eine Psychologie und eine Phjsio-- 
logie zerrissene und daher einseitige und todte Wissen wieder 
in ein ganzes, lebendiges Wissen zu vereinigen und zu erhdheiv 
Ein solcher Plan einer Zeitschrift, wie er hier zu Grund liegt, 
itad eine solche Ausführung desselben, wie sie bis jetzt schon 
l^>(iicJt(*n ist, mufs das lebhafteste Interesse und die «usgebrei- 
triKtc l'iicilnahme erwecken , oder aber unsere - Aerzte , unsere^ 
i'syciioiogeu und Theologen haben keinen Sinn mehr für ernste, 
für würdige, für nützliche Leetüre und für das menschenfreund- 
lichste aller Studien. 



iDtf Bisa>bis foi^uy ' 



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N^-48. „,..,. 1822. 

Heidelberger ^^-^^ 

Jahrbücher der Literatur, 



Njssk Zeitschrift für psychische Aerzte. 
iBeschlufs,) 

ils kam des beschränkun Raumes unserer Blutter wegen hier 
nicht der Ort sejn, die vor Uns liegenden i8 Hefte oinseln, 
nach allco den verschiedenen Abhandlungen^ zu recensiren; waa 
Qm so \reniger Noth thnt, da der wahre Werch mehrerer der 
Mer gelieferten Aufsatze bereit« allgemein anerkannt ist« Nur 
die Tendenz und wo möglich der Geist des Wichtigsten werde 
liier angedeutet , und auch dasjenige , worauf ein Yorvurf baf • 
tee könnte , freimtithig gerügt. 

Die mehrsten der eigenen Abhandlungen des Herausgebers 
beurkunden in Hr. Nasse den rechten Mann als Führer der ge* 
ttukoteo kleinen Forscherschaar, worunter selbst einige Helden- 
Btmen bervorglänzen. Desselben Abhandlung »nber die. Abhän- 
gigkeit oder Unabhängigkeit 'des Irresejns von einem voransge- 
BKeoen körpinrlichen Krankheitszustande € (im iten und 3ten 
te for i8i8); — so wie die mit der Aufschrift; »Vereint- 
scja von Seele und Leib oder £inssejn?€ (im iten Hefte fSr 
i82o); — und desselben ^»Bemerkungen zu dem Hohnbaum*scheii 
Aufsatz über den Glauben an Unsterblichkeit in Bezug auf die 
Sedeoknnde« (im ersten Hefte für 1821) — verbreiten über die 
iflerwichtigste Fi*age der Seelenkunde ^ nämlich über die vom 
uttSehUcken Sitze der Ki*ankheity der hier für alle Fälle im Kor-* 
per nachgewiesen wird, ein so lauteres Licht, dafs nur schon 
ifairdi die so scharfsinnige und geistvolle £r5rterung dieser 
idiwierigen Frage die vorliegende Zeitschrift Epoche machen 
ditfte. fVas diese für Geist und Herz so höchst anziehende 
Dfllcrsuchung, wenn es möglich ist, noch interessanter macht, ist 
k imposante Auftreten zweier würdiger Gegner des Herrn! 
Kaise. Ist je ein Krieg wohlthätig und in seiner Art schön zu 
aamen, so ist es der Geisteskrieg, worin jeder Theil den Sieg, 
der hier die Wahrheit ist, mit den redlichen Waffen der Ueber* 
leagung kämpfend, auf seine Seite zu lenken hofll. Hr. Hein- 
f9iU in seinem Aufsatze : »Auch eine Rhapsodie über, das Princip 
ki psychisch -kraukhaften Zustände« (im 4ten Hefte fiur iSig)^ 
tt wie Hr Hohnbaum im oben genannteii. ^uisatze ȟber den 

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754 Nasse Zeitschrift für psychische Aerztc. 

Glauben an Unsterblichkeit im Bezug auf die Seelenkunde« (im 
itcn Hefte für 1821) sind es, die in. der Zeitschrift diese Oppo- 
sitions-Parlhie bilden. Da Hm. Heinroths originelle Ansichten 
anderwärts durch sein Lehrbuch der Seelcnstöruiigen und durch 
seine ßeihngen zu Georget bekannt und auch schon in unsern 
Jahrbuchern gewürdigt worden sind , so will Rec. nur so kurz 
als" moglicli beim schönen und mit Würde geschriebenen Hohn- 
baumschcn Aufsatze verweilen. Rec, der den Hrn. Hohnbaum 
durch *Hrn. Netsse völlig widerlögt hält, will hier, um der Wicli- 
tirkeit des Gegenstandes Willen, der über die Ruhe der Herzen 
entscheidet, noch folgendes weiter zu bedenken geben. N^ch 
"Hrn. Hohnhaum »ist die menschliche Seele — als ein Theü jener 
seit Ewigkeit her über das Universum verbrHteten allgemeinen 
KnUte, hier in einem besondern' Individuum alt denkende Kraft 
£xirt — eben so v^nig[ von jenen allgemeinen «Kräften der Natur 
als von den besondern, das Leben 'des Individuums unterhalten- 
den, der Sensibilität, Irritabilität und Reproduction verschieden; 
nur auf verschiedenen Bildungsstufen und an verschiedene Orga- 
nisationen gebunden, äussert es sich bald als die eine, bald als 
die andere dieser verschiedenen Kräfte. Diese Verschiedenheit 
der Kräfte aber, weit entfernt eine absolute zu sejn, ist nur 
mit und durch die Verschiedenheit der Materie gegeben, mit 
welcher sie verbunden sind , — denn Kräfte köimen sich nur 
durch Materie äussern; und nur so lange als diese Verbindung 
als solche besteht, dauert denn auch nur das Individuum, den 
sie angeliören; und die individuelle Fortdauer der Seele kam» 
nur so lange bestehen, als diese besondere Verbindung von Ktäf- 
ten mit der besondem Organisation in diesem Individuum be- 
steht.«— Aber, wenn es sich so verhält, so ist also in der Ver- 
bindung von Leib und Seele, was wir Leben nennen, der Leib 
das Bestimmende, das Wesentliche, das Erste; die Seele nur 
das Bestimmte, Zufällige. Denn die Dauer der Seele, also 
auch die Existenz der Seele als solcher hängt dann offenbar blos 
von der. Dauer des leiblichen Organismus ab; nicht aber die 
Dauer des leiblichen Organismus von der Beschaffenheit der Seele. 
Denn eine frevelnde Hand durchbohre die Herzmuskel des Ge- 
sündesten und Stärksten, der ohne diesen Zufall noch ein halbes 
Jahrhundert, lang in der Verbindung von Leib und Seele hätte 
zubringen können , und es wäre hier, nach Hr. Ilohnbaum, um 
die individuelle Fortdauer der Seele mit einem Mal geschehen^ 
die Seele wäre gleichsam meuchelmörderisch mit erstochen wor- 
den» Nie aber dürfte ein Beispiel vom umgekehrten Falle an- 
geführt werden können, wo nämlich die individuelle Fortdauer 
des Leibes von der Seele aus plötzlich aufhörte. Wer sich 
selbst üBabringt, weil er es »elbst wäl, der stirbt allemal vom 



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Nasse Zeitschrift für psychische Aerzte. yöS 

KSrper aus, weil Jcr HrrzmuskelHnrclibofirt ist, weil das AtliCQi* 
boim stockr, weil das Gehirn zerrissen 'worden ist Also wäre 
CS der Leib, der die Dauer und also auch die Existenz der 
Seele, als solcher, bestimrole; die Seele wäre also nur ein Acci- 
dcnz des leihlichen 'Lebens^ und alle Philosophie, vom Körper 
als dem Ersten ausgehend, könnte nur Materialismus seyn. 
Wenn aber geistige Kraft Etwas ganz anderer Natur ist als phy- 
sische Kraft, -weun die Seele etwas Höheres ist als blos Lebeos* 
kraft, so ist und bleibt die Seele etwus an und für sich Selbst* 
ständiges, das vielmehr erst frei zu leben anfängt, wenn die ir* 
dische Schranke weggeräumt worden ist.— Hr. JfIohn6aum ver- 
langt nuo freilich, wenn auch noch so feine, doch immerhin 
köjperiiche Organe für die individuelle Fortdauer der Seele in 
einer künftigen Welt, wenn sie fernerhin denken, empfinden, 
Erinnerungen haben, kurz wenn sie selig sejn soll. Woher aber 
diese neuen Organe kommen solleth und wie die individuelle 
Seele, wie überhaupt eine geistige Kraft ihren Körper, der in* 
twischon in Asche verfault, verlassen und in einen andern Kör- 
per, der mit dem vorigen in Verbindung stehe, übergehen könne; 
das scy das schwer Bi>greiflichc. Ueber diesen Punkt Hesse sich 
vielleicht mit Hn Hoknhaum accordiren. Wie? wenn wir ihm 
seine Forderung zugestünden, und Er auf die Beliauptung der 
tomöglichkeit der Erfüllung derselben verzichtete ? Hr. Hohn" 
haum frage sich selbst: Was ist es, das da macht, dafs neue 
Körper, trotz des ewigen Stromes von wechselnder Materie, aus 
der er besteht, trotz seines Wachsthums von punctum saliens an 
bis zum erwachsenen Mann, und der Kinder Abmihme im Alter 
und Krankheit, — dennoch stets der nämliche, im Ganzen sich 
fdbst gleich bleibt? Ist es nich^ höchst wahrscheinlich eine mei- 
nem Körper tief inwohnende Urform, die, wenn gleich selbst 
korp^^rlich, doch nxht sichtbar, nicht fühlbar, nicht ponderabel 
ist, and die nur im grob materiellen Zuwachse, den mein Kör- 
per vom ersten Moment seiner Existenz im Mutterleibe an bis 
zum Tode von äussenher erhält, sichtbar, fühlbar und schwer 
vrird, und die diesem Zuwachse die sfcets sich selbst gleiche, 
p sogar meinem Vater und Grofsvatcr ähnliche Form aufar(ickt? 
Die Unwaliruehmbarkeit dieses feinen, einfachen Sioflcs durch 
■eine Sinne giebt für mich keinen Grund ab, s^inie Elxistcnz zu 
läagnen, indem meine entwickelte Sinnorgane selbst schon das 
Pmduct aus dem groben, sichtbaren Zuwachse sind, und also 
raeh nur auf das äussere Wahrnehmen des durch den Zuwachs 
HenroTgegangenen eingeschränkt bleiben müssen; so dais das 
Organ des Auges, das selbst etwas Zusammengesetztes ist, auch 
vr das Zusammengesetzte, nicht mehr das Einfache scheu kann, 
^'lescr gröbere, sichtbare Zuwachs Terwese, rerwest darum auch 



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750 Nftssc ZfCitschrift für psychische Aerzte. 

A&r unsichtbare, atherisclie Keim? Wenn ddis sichtbare Blatt 
abfällt, ist darum die unsichtbare Wurzel ebenfalls mit vermo* 
dert? Schon Mark Aurel im loten Buche, Jten Satze seiner 
Betrachtungen über sich selbst macht auf den unveränderlichen 
Keim und den veränderlichen Zusatz aufmerksam, und erweckte 
im Recens. die vorgetragene Idee. 

Eine weitere Reihe von Abhandlungen des Herausgebers 
beschäftigt sich mit der unmittelbar psychischen Beziehung der 
wichtigem Organe des menschliehen Korpers, wobei dem Ge- 
bore der Vorzug, der ausschliefidiche Sitz des Seelenorgans oder 
der organische Mittdpunkt zu sejn, abgesprodien wird. Die 
Abhandlung »von der psychischen Beziehung des Herzens« (im 
«ten Hefte für 1818), und »über die psychische Beziehung des 
Athmens« (im iten Hefte für 1820) sind als klassisch bereits 
anerkannt. Sie eröffnen dem psychischen Ai^te, dem Moralbten 
und dem Gesetzgeber ein neues Feld zum Anbau. Ist auch der 
Gedanke von der unmittelbaren psychischen Beziehung einzelner 
Organe nicht neu und schon in die Penkweise der ältesten Phi- 
losophen verwebt, so ist doch die so höchst scharfsinnige Fort- 
stimmung des fast verloren gegangenen Gedankens bis zu einer^ 
förmlichen wissenschaftlichen Le^re, durchaus neu und originell. 
Recens. darf sich nur bei den hierher Bezug habenden neuesten 
Arbeiten des Herausgebers , als welche noch nicht bekannt und 
gewürdigt genug seyn können etwas verweilen« 

In der Abhandlung: »Grundzüge der Lehre von dem Ver- 
hältnis^ zwischen Seele und Leib in Gesundheit luid Krankheitc 
(im iteu Hefte für 1822) — ist es ein geaialer Gedanke, der 
für die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Seele und Ldb 
zu Grunde liegt. Wedcar Psychologie noch Physiologie fuhren 
dahin, so wenig als der speculative Philosoph und der practische 
Arzt in einem und dem nämlichen Vereinigungspunkte anders 
als blos auf gezwungene Weise zusammen treffen, da Seele und 
Leib so ganz heterogener Natur sind. Die Beziehung zwischen 
Seele und Leib, welche die Psychologie und die Physiok^ie 
jede für sich zu stiften sucht, bt daher nur halbwahre, einseitige 
Ab&traction. Hr. Nasse geht einen neuen Weg. Ihm ist die 
Beziehung zwischen Seele und Leib nicht mehr ein zu findendes 
ungewisses Resultat der Psychologie oder Physiologie, sondern 
sie ist ihm ein schon gegebenes Lebendiges, das sich der Beo- 
bachtung von selbst darstellt, und das selbstständig für sich ezi- 
stirt. Und in der That das, was wir Wechsclverhältnil^ zwi- 
schen Seele und Leib nennen, bleibt ewig etwas fiir sich Be- 
stehendes, es mag nun die Psychologie im Materialismus zu Grab 
etragen, oder die Physiologie im Idealismus in einen leereit 
'edankeu aufgelöst werden. Denui wie es auch um Leib und 



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K 



Nasse Zeitsciirift Air psychische Aerzte. jioy 

Stele beschaffen seyn mdffe, was ist (|;ewisser, als dafs der Sin- 
i«n «Mensch zugleich denkt uod moralischen Gesetzen fol^ und 
^ der denkende Mensch zugleich sinnlich aflicirt wird und 
BatcrielleD Gesetzen folgt? Es ist mehr ein ungewisses Hesul- 
lat, das, je nachdem die Spcculation yota Körper oder aber, vom 
Geiste ausgeht, jedesmal nothwendig anders ausfallen müis; es 
ist vielmehr das Gewisseste und das Lebendigste, was es geben 
kann, — was hier Hr. Nasse als Gegenstand nicl)t des Erfindungs- 
geistes sondern des Bctrachtuhgsgeistes dem überraschten psychi- 
schen Arzte vorlialt , dem . das Ziel , welches er mit kunstlich 
bewaffnetem und doch schwachen Blicke in weiter Ferne suchte, 
so ganz n;.he in kolossaler Grösse vor Augen steht, und der das, 
was er bisher psychologisch und physiologisch erfinderisch abs- 
trahtrt hatte, nls^nur balbwahre Traumbilder vor seinen Angeu 
halb zerrinnen sieht. — Nicht ist das Gesagte die Sprache des 
bescheidenen Denkers, der selbst nicht präkonisirt, und nur den 
Erfund seiner Forschungen sich selbst sprechen läfst . 

Wenn jedoch Hr, Nasse seine Lehre wieder in zwei Haupt- 
theile trennt, in deren einem er die Beziehung von der leibli« 
chen, und in dem andern von der psychischen« Seite ausgehen 
lalst, so gewinnt es den Anschein, als wenn die SelbststÜndig- 
keit der neuen Lehre gefährdet wurde, die durch diese Spal-- 
long in ein Primär* physiologis<^hes und in ein Primär -psycho- 
logisches leicht wieder in Dienst beider Wissenschaften zurück- 
treten und in ein lebloses Aggregat physiologischer und psycho- 
logischer Satze übergehen dürfte. In der Relation des Leiblich^ 
zum Psychischen mufs auch die Relation des Psychischen zum 
Leiblichen zuglejch ausgedrückt seyn, oder mit dem Halbge- 
sagten wii^c) nichts entschieden. Es gicbt z. B. eine psychische 
Beziehung des Herzens; ein Herzfehler kann das Gemüth ver- 
stimmed. Aber indem der nämliche Herzfehler in einem andern 
Menschen nicht die- nämliche Gemüthsv erstimmung herbeiführt, 
so ist durch die einseitige Beziehung des Leiblichen zum Psy- 
chischen noch uiclit das geheime Leben selbst, in dem Verhält-* 
ni^s'von Herz und Gemüth, aufgefafst, sondern es mu£i zugleich 
rückwärts die somatische Beziehung des Gemüths,,das Tempera- 
Mcot« der Character der Person mit aufgefaf^ werden $ und dann 
tet kommt eine ganze Wahrheit , ein Lebendiges heraus. — Je 
feCihrlicbcr diese zweifache Eintheilung für das Leben der neijien 
Lahre erscheint,^ desjto erfreulicher ist es, die Gefahr wieder 

e;klich verschwunden, das Leben unvermuthet gerettet zu se- 
I indem Hr. Nasse die gewaltsam und uur ^um Behuf det 
Cnicmchts getrennten Theile selbst wieder in ein höheres Gan- 
acB vereinigt, das erst eigentlich die Lehre in ihrem wirLhcheu 
lAea darstellt. . . , . 



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« ^ 



768 Nasse Zeitschrift für psychische, Aerzte. 

' Hr« Nßsse legt nan die, seiuer Ansicht nach vorerst aufxa- 
stellenden, allgemeinen Sätze der neuen Lehre in einer im Geiste 
EucUds geordneten Reihe von 468 Aiiomen vor. Mögen die- 
selben eine recht eindringende unpartheiische Prüfung von Seiten 
scharf denkender Psychologen und Physiologen erfuhren; wozu ' 
vielleicht in der' Nassischen Zeitschrift selbst der. schicklichste 
PlatÄ. wäre. Rfec. erlaubt sich blos, einem Partheigänger gleich, 
das Ganze respectirend , nur ein einzelnes Glied anzufechten. 

Das 56te und 57te Axiom heifst: »der Leib vermittelt den 
Yerkehr der Seele mit all«m Irdischen* Dies gilt wenigstens 
für den gewöhnlichen Zustand; ob aber auch für ausserordent- ' 
liehe Zustände, ist ungewifs. Kein entscheidender Grund thut 
dar, d»fs eine Seele nicht unmittelbair auf eine andere, oder die 
Seele des einen Leibes auf einen andern, ohne Vermittlung des 
eigenen, zu wirken im Stande sej.« — Dafs aber meine Seele, 
oline Vermittlung meines Leibes, auf den Leib eines Andern 
einwirken könne, möchte eine doppelte Vernichtung heissen; 
einmal eine Vernichtung der Beziehung meiner S^ele zu meinem 
Leibe (der hier naturgesetzwidrig uberhüpft wird); und dann 
eine Vernichtung der Beziehung der Seele des Andern (die 
hier dien so naturgesetzwidrig suspendirt scju soll) zu ihrem 
Leibe. Schwerlich möchte aber durch eine solche zwiefache 
Vernichtung der nattirgemässen Beziehungen einer jeden Seele 
zu ihrem eigenen Leib, eine neue, naturwidrige Beziehung ge- 
stiftet werden können. X)der sollte der Magnetismus so etwas 
tetmögen?— Nun so giebt es keine Naturgesetze mehr! 

Sehr schön heifst es in Nro. loS und 10c): »der irdische 
Lebenslauf besteht für die Seele, ihrer Beziehung zum Leib 
nach, in einer allmähügen Zu- und Wieder -Abnahme dieser 
Beziehung. Wie die Zunahme kein Wuchsen; so ist auch die 
Abnahme kein Schwinden der Seele, sondern nur ein Schwinden 
ihrer Aeosserung durch den Leib « 

Mit vieler Freiheit wird eiKÜicb in Nro. i55 — i^S die 
Verrücktheit auf die blofse Beziehung von Seel^ und Leib zu-* 
rückgefuhrty wobei die Störungen dieser Beziehung nur vom 
Leibe aus hergeleitet wetden. 

Unmittelbar an die Giundzfige der Lehre von dem Verhält- 
nisse zwischen Seele und Leib, schlichst sich der weitere Nassi-* 
sehe Aufsatz an: »üeber die Verrücktheit in psychisch niedern 
Theilcn« (im itcn Hefte für 1822). Was in. den Grundzugen 
blos angedeutet worden, ist hier durch die gelehrteste und 
Scharfsinnigste £>örtekiing bis wohl zur Evidenz erwiesen : dafs 
nämlich der gemeinsame Begriff der Krankheiten dfer psychfscli 
niedera Organe und der eigentlichen, psychischen Krtnkhäten 
eine Verruckung des psychisch -leiblichen VerhäHnisscs sey, wo- 



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Nasse Zeilschrift für psychische Aerstc. 709 

bä diese iui4 jene sich wcchselsweise erläutern und aller Uir- 
tmckied blos auf die Verschiedenheit jddr dort und hier krank* 
kft leidenden Verrichtun|^en und Theile zurückgeführt ist. 

Nun folgt, als die bis jetzt neueste Arbeit des Herausge- 
bers, (ebenfalls im iten Hefte 1822) der Aufsatz: »Ueber die 
pijchische Beziehung des Bluts c 

• Recciisent übergeht die übrigen Nassbchcn Abhandlungen 
(worunter die vom Irresejn der Thiere, im it. Hefte für 1820 
TorzttgUche Auszeichnung verdient), um bei einem Aufsatze des 
Hrn. Nasse kurz zu verweilen, der ihm von Manchen einen 
Vorwurf zuziehen dürfte. Es ist die Abhandlung im 2ten und 
4tea Hefte für 1820 mit ^er Aul^hrift: »Ein magnetisches Er- 
zevtguifs der bösen Art.«— Nachdem der Betrug der (wirkli- 
chen oder vermuthlichen ) Somnambule entdeckt .worden , so 
sucht 'Hr. Nasse zum Verwundern das Böse — nicht im Willen 
der Betrügerin, sondern in einem Erzeugnisse des Magnetismus. 
Dies ist um so unbegreiflicher, als die im magnetischen Schlafe 
statt gehabten Geständnisse der wirklich begangenen Betrugereien 
(welche sie ab wachend wieder ignorirt hatte), alle darauf 
hinaus gingen, dafs sie das zur Vorbereitung und Ausführung 
ihrer Betrügereien erforderlich gewesene in der Zeit nicht ihres 
Waehens sondern ihres frühern magnetischen Schlafes verrichtet 
habe. — Wie wdfs aber der Schlafende von seinen Handlungen 
in firöKern Schlafzustanden und von einem Unterschiede des scbU'^ 
fenden und des wachenden Zustandes? Und würden diese Ge* 
standnisse im magnetischen Schlafe nicht verdachtloser gewesen 
sejn, wenn die Schlaf- redende ihre Betrügereien schlechtweg 
eingestanden hätte, ohne sie jedoch wieder in einen frühem 
Schlaf - Zustand hinüber schieben zu wollen , und wenn sie es 
defp Maguetiseur überlassen hätte, den Schlufs zu ziehen, al^ 
moditen diese Betrügereien wirklich doch nur in früherd Schlaf«- 
zttfttanden begangen worden sejn? Hr. Nasse war übrigens hier 
nicht selbst der magnetisireitde Arzt, er erzählt blos den, in 
warnender Hinsicht immerhin mei^ würdigen, Fall. 

Mit Recht mu£ste der erite Vorwurf der Kritik (wenn er 
anders gegründet ist; denn Recens. mnfs hier gestehen, dafs et 
sdbst bis jetzt noch in den Geheimnissen des Magnetismus ein 
Laje sej) auch zuerst den genialen Mann treffen, der an der 
Spitze der verbündeten Forschef steht; Obiger Vorwurf gilt ' 
der Person des Hr. Nasse. Ob ihm auch einer, hinsichtlich sei- 
nes Amtes als Herausgebers, gemacht werden, könne, dafs er 
umlich einige Aufsatze von Andern aufgenommen, welche^ eher 
m eioem Magazine des Wunderbaren an ihrem rechten Orte zu 
ftdien scheinen möchten, als in einer Zeitschrift für Aefzie, 
^vdcfae bis jetzt wenigstens noch auf das Principiwn rationis 



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760 Nasse Zeitschrift für psychische Aerzte. 

sufficimtis nichl gaiu allen Verzicht leisten mdchten, — ^ möchte 
Rccens. nicht geradezu bejahend beantworten. Die hierher ge- 
hörigen Aufsatze sind folgende: »Ueber Traumbildungen and 
Magnetismus von Hr Regierungs-^ Assessor H. W. Wessermannc 
(im 4ten Hefte für 1820:.-*- »Merkwürdiger Traum und Sehen 
von Phantasmen; erzählt von Hr* Dr. F. Birdc (im nämlichen 
Hefte). — »Ein Beitrag zur Geschichte der Wunschelruthe, vou 
Hr. Medic Rath und Prof. DoutreponU (im it. Hefte für iS^m), 
— und: »Wunderbare Erzählungen von Hr. Prof. Ojrohmannc 
(im^ten Hefte für 1821). — Offenbar ist die Absicht sowohl 
dieser Verfasser als des Heraosgdiers unschuldig und selbst lo- 
benswerth. Da^ hier vorgetragene Wunderbare wird nic]»C als 
gewifs, sondern nur sds Gegenstand der Untersuchung, mit der 
Aufforderung zur gründlichen Widerlegung hingestellt. Gewifs 
«ber bt es, dafs die besondere Berücksichtigung des Magnetis- 
roo», was sich diese Zeitschrift verpflichtet hat, höchst delicater 
Art ist, und dafs der Herausgeber eben so sehr als strenger 
Wächter gegen den Eindrang des Aberglaubens, denn als hoch- 
herziger Förderer und Schützer der Forschungen in dem uner- 
-mefslichen Reiche der bis jetzt noch verborgenen Naturkräfte^ 
mit ^^oj- Augen da stehen müsse« Ohne Freiheit zu schrei- 
ben, ist es um die Fortschritte der Naturwissenschaften gethan, 
und^ie Kritik hat sich vor Engherzigkeit sehr zu hüten; aber 
auch ohne scharfe Prüfung der vorgeblichen Entdeckung^ geht 
«uletzt die Gründlichkeit und damit alle wahre WissenscMt 
unter. Immerhin mögen also obige Aufsäue ihren. PUtz in der 
psjchisclien Zeitschrift verdienen; nur-foilge auch die Prüfung 
nach ! ' 

Unter den Abhandlungen der Mitarbeiter an dieser Zeit- 
schrift, die wir des beschränkten Raumes unserer Blätter wegen, 
bei weitem nicht alle andeuten können, führen wir- an: »Uebev 
die Verbindung zwischen Seele und Körper, mit Beziehung auf 
die Krankheiten der Seele; von Hr. Regierungs - Rath Dr. Cbr. 
Weifs« (im iten und 4ten Hefte für 1819), worin derselbe 
durch ein ausführliches, klares, rein philosophisches Rasonne- 
ment zur unbedingten Anerkennung der zwei Sätze hinfährt: 
«) dals der Körper allein Ursache einer Seelenkrankheit sajn 
könne; und 2) dals ixe Seele allein nie Ursache einer Seelen- 
• krankheJt werden könne. Sollte das so schöne Zusammentreffen 
der Ansichten eines nicht ärztlichen speculativen Philosophen wie 
Weils und eines philosophischen Arztes wie Nasse in einem und 
dem Mämlichen Punkte, der zugleich die Entscheidung der wich- 
tigsten Frage der Seelenheilkunde herbeiführt, der Zeitschrift 
nicht einen vorzügliclieii innero Werth ertheilen? 

Auch der »Versuch einer ganz allgemeinen Beantwortung 



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Nasse Zetlschrift för psychische Aerzte. 761 

fa Frage: Wie TerYialtea ticli •onitische Krankheit, psycld«* 
adei IrreseTD und Sunde xu einander? Von Hr. Dr. J. M. 
Tc^Mldtc (im iten Hefte för iH*^) thut vom naturphiloso- 

ehen Standpunkte aus dar, da£i die Seele nicht erkranken 
c. 

Dem Inhalt nach reihen tich för die zwei Abhandlungen- 
des Hm. Dr. F. S. Beneke am fögltch$ten an: die eine tief ge- 
dacht, (im 3ten Hefte für 1821) »lieber das Verhältnifs too 
Seele und Leib c —- (wobei Hm. Nasse^s [berichtigende] Bemer- 
kungen über das Verhältnifs von Seele und Leib .in Schmerz 
und Lust aus körperlicher Anregung gelesen werden müssen); 
— die andere (im aten Hefte für 1822) »üeber die Möglich- 
keit der Pbjsik der Seele.€ 

Von des Hm. Professors Grohmann so zahlreichen Abhand- 
langen woUen wir nur diejenigen anführen, welche sich mit den 
Beweisen för die Unfreiheit verbrecherischer Handlungen be- 
schäftigen. Hierher gehören: »Psychologie der Verbrecher aus 
Geisteskrankheiten oder Desorganisationen € [im 2ten Hefte für 
1818]; — »über krankhafte Aflectiouen des Willens; ein Beitrag 
zur Beurtheilung krimineller Handlungen« [im 4tcn Hefte für 
t8i8] — »Innere krankhafte Affectioneu des Willens, welche 
die Unfreiheit verbrecherischer Handlungen bestimmen« [im aten 
Hefte für 1819]. — »Phjrsiologische Momente, welche die Un- 
freiheit des Willens in verbrecherischen Handlungen bestimmen« 
[im iten Hefte für 1820]. — »Ueber eine unerwiesene Voraus- 
setzung der gerichtlichen Medicin« [in} 4tcn Hefte für 1824}.-— 
Hr. Grohmann, der die Imputabilität verbrecherischer Handlun- 
gcffl beatreitet und die Imputation au%ehoben wissen will, macht 
selbst keine Ansprüche auf eine genügende Erörterung des so 
schwierigen und viel umfassenden Gegenstandes, sondern unr auf 
eine Anregung der tiefern Aufraerksamkcfit auf einen Punkt hin; 
welcher den schwierigsten und bedenklichsten Theil der C^imi- 
naljustix betrifft. Und wir müssen gestehen: Hr. Grohmann ist 
von einem schönen und hohen Gedanken durchdrungen, den er 
M einer oft begeisternden Beredsamkeit durchführt. Wenn 
sich jedoch die Criminaljustiz nicht will gutwillig ihres Amtes 
enlaetzen lassen, so wird und mufs sie Einwendungen machen, 
^^die eben därthun werden, dafs Hr. Grohmann seinen Gegen- 
wand nicht genüi^edd erörtert habe; was freilich in der ^iatiir 
ia Sache, im Rathsel der Freiheit selbst liegt, und nicht Schuld 
das hm. Grohmann seyn kann. Es ist nämlich von ihm nur 
fin Factor der Wahrheit aufsefafst in dem, was er so leben- 
üg und geistvoll vortragt. Aber nur schon dieser eine Factor, 
ücses nur zur Hälfte Wahre ist der höchsten Berücksichtigung 
10 würdige dafs Hr. Grohmapns Aufsätze vor jedem CriuiinaU- 



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,769 Nasse Zeitschrift für psychische Acrzte. ' 

sten und gcricliüicliem Ante tief einstudirt zd werden Ter*- 
dienen. 

Hier verdient aach der gediegene Aufsatz de« Hrn* Pro- 
fessors 4dolph Henke eine ehrenvolle Erwähnung : »über die 
zweiiVlhaften psychischen Zustände bei Gebärenden ^ in Bezug 
auf die gerichlarztUchc Untersuchung bei Verdacht des Kinder- 
niordes«L [im 2tcn Hefte für 1819]. 

' . Wir stossen nun auf eine andere, neue Richtung des regen 
Forschertriebes, zufolge welcher der Blick des Gelehrten aus 
der duslern Zelle* des Irren hinaus in die gross«^, freie, Leben 
alhmende Nutur geleitet wird, die in den still glücklichen Thä- 
Icrn des hohen Tjrols waltet, »wo es einen frischem Trunk 
zur Labung giebt, wo hellere ^Stimmen • in einer reincrn Luft 
jaiicIiAen, wo der Himmel näher ist.« Unter fiesem Himmel 
selbst stellte Hr. Professor Enncnioscr in seinen »Beiträgen z»r 
Seelenkundc der Thiere« [im iten Und 4tcn Hefte für 1820] 
seine physiognomische und psychologische Beobachtungen an den 
hier von den guten Gebirgsbewohnern mit grdsseier Liebe be- 
handelten und daher auch verständigen Hausthieren an, und legte 
damit i\en Grund zu einer vergleichenden Psychologie. Unstreitig 
sind diese Ennemoserischen Beitrage eine Zierde der Zeitschrift; 
indem sie herrlich unterrichten, gewähren sie zugleich die ange- 
nehmste Lectiire und erregen den lebhaftesten Wunsch nach 
baldiger Erfüllung der versprochenen Fortsetzung derselben. — 
Der weitere Aufsatz des Hm. Ennemosers [im 3ten Hefte für 
i82t] ?>über die Hedeutung der Sinne in psychischer Hiusichtc 
enthalt wenigstens sinnreiche Combinalionen. 

- Unter den theoretischen Aufsätzen zeichnet sich auch der 
des Engländers G. M. Burrow's aus [im 4^€n Hefte für 1820]: 
»Ist die Religion eine Ursache oder eine Wirkung des Wahn- 
sinnes?« Der Verfasser unterscheidet den ursprüngltdi religiö- 
sen * Wahnsinn von dem secundaren Den letztern betreffend, 
sey es ausser Zweifel, dais ein Wahnsinniger eben so gut reli- 
giöse wie andere Täuschungen in sich aufnehmen und doch auk 
einer ganz andern als einer religiösen Ursache wahnsinnig ge^ 
worden seyn könne. Mau babe daher den Ursprung mancher 
solcher Krankheitsfalle zu voreilig von der Religion hergeleitet, 
blofs weil sich in dem Benehmen und den Aeussemngen eines 
Wahnsinnigen Rüge einer- zu lebhaften, geistigen Empfang! Fchkeit 
leigten. Die hierauf Bezug habenden Einbildungen desselben 
•eyen eben so gut blofs einfache Gebilde des Wahnsinns, als 
trenn der Mensch glaubt , er sey ein Thier oder eine Flasdie» 
oder fliege in der Luft, oder gehe auf dem Wasser. Ver- 
tweiflung an der Seligkeit könne daher eintreten, ohne eine wirk- 
liche Ursache der Selbstanklage oder Reue, und bloft auf einer 



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Nasse Zeitschrift fiir psychische Aerzte. 76^ 

krakhaften Idee beinilieti, die der natiiHIctie Erfol«^ einer vnige* 
nässigteo Einbilduii^kraft sej^ welche Gesichte in die Wirklich- 
keit übertrage und dem Schatten ein Dasejn leihe. ' In solchen 
FalJeo seje abo die religiöse Ansicht Wirkung des Wahnsinnes; 
mid wenn auch hier der religiöse Wahn schwer zu tilgen sej, 
so röhre es daher, nicht weil der Wahn sich auf Relii^ion gründe, 
sondern weil er der unheilbarsten Form des Wiihiisinnes, gerade 
der Melancholie, als ein oft vorkommendes Symptom angehöre."^ 
Aber auch im arsprünglich religiösen Wahnsinne sey die Religioa 
als solche nie die wahre Ursache des IrresejnS; die wirkliche 
Ursache liege i^elmehr in der religiösen Zweifelsucht , die dann 
eintrete, wenn zufolge der Prosölylenmacherei die Menschen ihren 
Glauben ändern. Welche Lehrsatze irgend eine Religionssect«^ 
auch nähren möge; sie sejcn unschädlich für die, welche in 
dieser Religion geboren (?erjL0gen!) worden; aber sie könnten 
hdchst gefahrlich werden für den Versland der Neubekehrtem 
Der Mensch werde im Verstände oder im Gewissen nur dann 
irre, wenn er %\\ zweifeln beginne; wenn d^e Stützen gebo^o- 
cheo scjen, die früher die Hülfe gewesen; wenn ei* in das geir 
sttge Chaos stürze, wo die allen Meinungen anfangen zu wan« 
Leo and die neuen noch nicht festen Fufs gefafst haben. Das 

. frreseju trete immer in der Periode des Widerstreites zwischen 
zwei entgegeDgesetzten Glaubenslehren hervor, und der höchste 
Punkt der Krankheit stelle sich ein, ehe der Uebergang ganz 
Tolieodet vorden. Katholiken, im Glauben an die Ünfehlbar- 
keii ihrer Lehrsätze erzogen und daher von Religions- Nachfor- 
schungen abgehalten, sejen daher weniger der Gefahr des reli- 
giösen Wahnsinnes ausgesetzt als Protestanten. Der Verf. belegt 
sdoe seharfsinnigo Meifiung durch 6 selbst beobachtete und be- 
schriebene merkwürdige Falle von Irreseyn, so wie durch die 
Bemerkung des Dr. HaUaran, dem in dem Irrenhause zu Cork, 
vre sich die Anzahl <{Qr Katholiken zu der der Protestanten wie 
10 zu 1 verhalt, unter den Katholiken nicht Ein Reispiel, unter 
deu Protestanten hingegen mehrere von ursprünglich religiösem 
Wahosinoe aofgestossen scyen,— Receus. möchte, in Folge dei 
Gesagten, die Existenz des ursprünglich religiösen Wahnsinnes 

I gaoi iaugnen, und alle angeblichen Falle desselben im secun- 
därcn religiösen Wahnsinne erschöpft wissen. Wenn eine fin- 
Kerc Religionssecte, wie etwa die Methodistische, mit allen ihren 
Schrecknissen das Gemüth nicht zu verwirren vermag* (in Folge 
der Burrowschen Ansicht), so wird es auch die religiöse Zwei- 
fdsucht nicht vermögen. Der Grund davon ist der: jedem Wahn- 
MQue liegt irgend ein ki'ankhaft gereiztes Organ zu Gmnd; wo 
ficscT Fkll nicht statt hat, da ^ird weder Religion noch Zwei- 
Usacht den Wahnsinn erzeugen können; daher so viele glück-» 



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764 Nasse Zeitschrift für psychische Aerzte; 

lieh abgelaufene Proseljten - Gesdnchteo« Wo Aet eaae kdr^ 
perlicke Ursache zum Wahnsinn vor;v(^aItet, da ist dann die reli- 
giöse Form desselben nur Symptom. Möglich, /selbst wahrscheio- 
Lch, bleibt es indessen allerdiugs, dals bei vorwaltender körpcr- 
lieber Disposition, der wirkliche Ausbruch des Wahnsinnes durch 
entstehende Rejigiouszweifel, als die Gelegenhits- Ursache, noch 
schwer und stärker eotscbieden werde als selbst durch die fin- 
stersten Religionsbegriffe ; — möglich , dafs im bereits vom Kdr<* 
per her erkrankten Gemüthe das Negative des Unglaubens ver- 
Mrirrender wirke als das Positive des Aberglaubens. Auf jeden 
Fall bleibt Burron*s, auf Erfahrungen gestützte, "Behauptung das 
schönste Lob ^auf ächte Toleranz, die jeden Glauben seiner Va- 
«ter seiig werden lassen wilL 

Mit Bedauern mufs Recensent, der bereits die Sehranl^en 
einer Recension weit überschritten, noch manchen theoretisch 
wichtigen Aufsatz in der so reichhaltigen Zeitschrift mit Still- 
schweigen übergehen, und er darf unter den vielen wichtigen 
E actischen Abhandlungen, mit Uebergehung einzelner trefflicher 
'ankheitsbeschreibun^en, des Raumes wegen, nur noch einige 
wenige nach ihren Aufschriften anfuhren. 

»Von verschiedenen krankhaften Zuständen der Untcrfeibs- 
Eiugeweide und einigen Arten des Irres^ns, und von derni 
Behandlungsart; von Eduard PercivaU [im 4t* Hefte für iSiSj. 

»Ueber die psychische Behandlung der Wahnsinnigen von 
Johann Hafslam« [im tten Hefte für 1819]. 

»Ueber die Anwendung der LfigitaUs bei Irren; von Franz 
Fanzago c [ im 3ten Hefte für 1 8 1 9 J. 

»Von dem Irrereden mit Ziuern (delirium tremens) von 
Dr. Thomas Suiton€ [im 4ten Hefte für 1819]. 

»Beobachtungen über Irre; von Hr. A. M. Veringin Lies- 
l^orn« [im 4ten Hefte für 1820]. 

»Glückliche Heilung einiger Wahnsinnigen durch ganz ein- 
fache MiUel; von Hr. Medic. Rath Dr. Ubrich in Coblenz« [im 
nämlichen Hefte]. 

»Krankheitsgeschichten ; mitgetheilt von Hr. Dr. P. J. Schnei- 
der in Ettlingen € [jetzt Amtspl^jsicus in Ettenheim] [im aien 
Hefte für 1820]. , ^ 

»Lcichenofinungen bei Irren, wo der Quergrimmdarm senk-* 
recht und dessen linkes Ende hinter dem Schaambein; von 
EsquitoU [im 3ten Hefte für 1820]. 

»Krankengeschichten; von G« N. Hilic [im aten .Hefte 
für «8ai]. 

»Beobachtungen aber Sinnesyorspiegeluogen, von EsquiroUi 
[im nämlichen Hefte]. 



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Garibe Buchstabenrechnung und Algebra. 765 

>üeber die Verengerunjf iir dicken Gedärme bei Irren; 
TM Hrn. Hofmedicus Dr. J. H. Bergnaann zu Celle c (im 3tea 
Me für 1821). ' 

»Lieber Manie und Melancholie; toq Dr. /. Armstrongs 
Chi 4ten Hefte für 1831 J. 

So wie diese Zeitschrift dem Herausgeber zum Ruhm, so 
gereicht sie aoeh, hinsichtlich des Druckes und Papiers, dem 
Verleger zmr Ehre, 

JF. Groot, 



Lehkuek der Buchstabenrechnung und Algebra ßtr Schulen von. 
Dr. C Gjrthk, Lehrer der Math, und Physik am Gym-* 
nasium tu Rinfeln. Hannover ^8»$* 4te Abth* XI y und 
4it5 S. Site Abth. 455 S. S. 

Ute erst iSiS errichtete Schule in Rinteln hat von ihrem Ent- 
stehen an, bis auf den gegenwartigen Augenblick» diiß Aufmerk- 
snnkeit des Verfs. dieser Anzeige erregt, theils vegen der Wich- 
tigkeit guter Schulanstalten im Allgemeinen, theils weil gerade 
diese an die Stelle der tief her;d)gekommenen, den jetzigen Zeit- 
bedürfnissen durchaus nicht mehr angemessenen, und daher wah- 
rend des französischen Interregnums untergegangenen Universität 
gesetzt wurde. So kläglich das Bild ist. welches Ref. vod jener 
äkern dürftigen Lehranstalt aus ihren letzten Zeiten noch vor- 
scbw^cbt, eben so erfreulich ist für Hin das Gedeihen der jetzi- 
gen neuen, welches ohne Zweifel nicht sowohl den schriftlichen 
Scataten derselben, als vielmehr dem Eifer und der gewissenhaf- 
ten Thatigkeit der dortigen Lehrer beizumessen ist,* indem nir- 
gend mehr als beim Schulunterricht und in der Pädagogik iiber- 
kinpt sich die Wahrheit des Ausspruches bestätigt. Der Buch- 
stabe todtet, aber der Geist macht lebendig. Aus den hier an- 
l^zeigten Gründen wurde Ref. sofort auf das vorliegende Lehr- 
buch aufmerksam, um so mehr, als der mathematische Unterricht 
«Htreitig einen wichtigen Theil der frühesten Geistesbildung aus- 
■acht, ersah mit Vergnügen aus der Zueignung an den würdi- 
m Ditector der Anstalt Hr. Prof« Wils ein Zeichen der dort 
Bcrrschenden Eintracht, und aus der Vorrede des bescheidenen 
Verf. den lebhaften Wuosch desselben, seinen Unterricht in der 
Mathematik zweckmässig einzurichten ; und so entschlofs er sich 
4eBo in dieser kritischen Zeitschrift etwas mehr über dasselbe 
a sagen, als sonst wohl der beschränkte Raum derselben erlaubt 
Das Bach enthält, dem Titel f«;emäfs, die Buchstabenrech- 
iBg und die Algebra bis in den Gleichungen des zweiten Gra- 



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706 Gaitlie Baclislabcnrechnung" und Algebra. 

des, nebst einer kurxen ErlSnlerung der Diophanteiscben Aiia^ 
)jtik« Dafs ein Lehrer der Matticmatik diese Sachen selbst inne 
habe, wird man wohl in Voraus eben so wenig bezweifeln, 
als dafs dem Publicum keine neneii Entdeckungen in sol- 
chen Schriften geboten werden; uud die einzige Frage ist 
daher nur diese, ob die bekannten Wahrheiten auf eine solche 
Weise dargestellt sind, dafs sie i^on den Schillern mit Leiclrti«;- 
keit klar aufgefafst werden und als Hiilfsmittel zur Erlangung 
der nöthigen Fertigkeit in den hierzu erforderlichen geometri- 
schen Operationen dienen können. Aus diesem Gesichtspunkte 
betrachtet darf Ref. das Buch mit gutem Gewissen empfehlen, 
und würde es nicht misbilligen, wenn der Verf. dasselbe auf 
dem Titel auch für den Selbstunterricht bestimmt hätte. Die 
einzelnen Lehren, dereu nähere Angabc man hier nicht erwarten 
wird, sind zweckmassig geordnet, klar und ohne Weitschweifig- 
keit entwickelt, durch genügende Beispiele erläutert, und wenn 
wir hinzusetzen, dafs das Buch zugleich sehr correct gedruckt 
ist, -ein für seine Bestimmung wcr.entlicher Umstand; so wird 
somit das ausgesprochene Unheil genügend begründet erschei- 
nen. Selbst die Beibehaltung der alteren Methode der Anord* 
nuiig nach Aufgabe, Beweis, Zusatz und Erklärung kann Ref. 
gerade bei einei^iSchulbuche nichts weniger als misbilligen, wenn 
sie auch dem einen oder andern etwas pedantisch erscheinen 
mochte. Zum Beweise der Aufmerksamkeit, womit Ref. das 
Buch vor der Beurtheilung gelesen hat, mQgen folgende Nacli- 
weisungen einiger kleineu Irthinner dienen, welche im Druck- 
fehler-Verzeichnisse nicht enthalten, beim Gebrauche des Ruches 
aber zu verbessern sind. In der ersten Abtheilung S. a4 ist die 
Definition der Multiplication, nämlich: eine gegebene Grösse so 
oft nehnien^ als es eine andere anzeigt j offenbar unbestimmter, 
als die gewöhnliche. Nach S. 58 sollen sich keine allgemeine 
Reg<ln iiber das Auffinden gleicher Factoren in Quotienten, welche 
durch Buchstaben ulis complexe Grössen ausgedrückt sind , ange* 
ben lassen, wohl aber durch öfteres Multipliciren und Dividircn 
bierin eine Uebung erlangt werden; allein Letzteres, streng ge- 
Bommcn, würde schwerlich zum Ziele führen, die Regeln dar- 
über sind aber sel\r genügend, 'namentlich durch Lorenz iu sei- 
nem Lehi begriff Thl. L S. 83 und ausführlicher S. 126 ff. an« 
gegeben, ^et allen Beispielen S. 70 fehlt zwischen der ganzen 

und der gebrochenen Zahl das Additionszeichen, denn a^istbe- 

QC 

kanntlicb kein gemischter Bruch, sondern =; -^ ; und überhaupt 
wird der Vf. wohl thun, beim Vortrage den Salz nicht ans den 
Augen zu verlieren, dais bei der Allgemeinheit der Beieichnung 
durch Buchstäben ein einzelner Buchstabe jede gebrochene Zahl 



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Philosophie u. G^chichte v. SüabedJ^sea. 767 

iMndthoen kaon. Von der Rochnüng mil unmogliclien Grössen 
itf nur das Wesentlichste beigebracht, insofern die Keontuifs de$^ 
ta för die Auflösung der quadratischen Gleichungen uneiitbehr- 
fidi ist. IVIao findet hier wie auch anderweitig nicht selten, daft 
^ — a* als Beispiel einer unmöglichen Grosse angeführt wird; 
allein in einem Schulbuche würde Ref. dieses vermeiden, weil 
mn beim Unterrichte auf Schulen sich sorgfaltig hüten mufs, 
his nicht etwa ein fahiger.Kopf einen Fehler oder Widerspruch 
zu entdecken glaubt. Im vorliegenden Falle dürfte aber nur zu 
leicht bemerkt werden, dafs V — a^ offenbar nichts anders sey 
als — a, wie auch S. 124 .richtig angegeben wird, wobei es denn 
gewohoiich zu einem langen und zeitraubenden Disputiren kommt, 
ehe die Art, wie dieses zu verstehen sej, genügend ins Licht 
gesetzt ist. Ref. erinnert sich noch sehr wohl, wie oft er seine 
Lehrer mit dergleichen wirklichen und vermeintlichen Widersprü- 
chen geängstigt hat, und wie er von seinem Vertrauen so viel 
verlor, als einer derselben ihm nicht begreiflich machen konnte, 
warum die Grade -unter den» Aequator nothwendig kleiner als 
nnier den Polen sejji müssen. Im zweiten Theile, welcher die 
Algebra abhandelt', sind Ref. nur em Paar Kleinigkeiten aufge- 
fallen. Die Aufgabe S. 82 ist offenbar die bekannte von den 
zwei Schäferinnen, welche beizubehalten, eben well sie so bekannt 
ist, unstreitig besser gewesen wäre, als eine abgeandei te an deren 
Stelle zu setzen. 'S. i42 ist die Auflösung der unbestimmten 
Gleichung viel zu weitlaufllg, und hätte sich nach der sonst all- 
gemein befolgten Methode des Verfs. viel kurzer darst'^Ilen lassen. 
Es folgt nämlich aus x^::: LL2^i±2.t=-ii _ ^ unmittelbar, dafs y 
dorcb 5 thellbar, und ^y nicht grösser als 110 stvn darf, wel- 
ches die beiden Wcrlhe 5 und lo giebt. 

Ref. wünscht I dafs diese baldige Benrthcilnng des brauch- 
baren Scbuibnches den fleissigeu Verf. zur Fortsrlzung eines 
crniidlicheii Unter riclits in einer so nützlichen und uueutbehrli" 
eben Wift&eDScbal^ ermaoleru möge. 



Wäasophie und Geschichte. Von Dr. Th. A, SuJBKDtssE»* 
Leipzig, bei Carl Cnobloch. 48%4, 54 5. 8. 6 ggr. 

»Dcnutrageo zur Ä/i^^/verstäudlgung und zur gegenseitigen Ver- 
Hiadigung in der Zerfahrenheit und Partheisnclitigkeit dieser Zeit 
-*- d» war der Wunsch, der dem hier folgenden Aufsätze sein 
Steero gab und zur Bekanntmachung desselben bestimmte.« So 
bflnerkt der würdige Yerf« in ^tm Vorworte zu vorliegender 



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768 Philosophie u. Geschichte v. Suabedis^en. 

kleinen Sdirift. Wir mdsseif's ihm Dank wissen, dnk er seinen 
Wunsch zur That werden liefs ; denn seine Worte sind eben so 
sehr Worte tief empfundener Wahrheit, als recht eigentlich Worte 
za ihrer Zeit Mit klarer und unbefangener Ansicht hat der 
Verf. das Wesen der . Philosophie und Geschichte erfafst und 
Gegensatz wie Ausgleichung beider dargelegt. Rec. theilt jgauz 
seine Meinung über die Verworrenheit, Zerspaltung und das 
Schwanken unserer Zeit, insofern er diese Erscheinungen vor- 
zugsweise in dem Ausejnanderhalten der Geschichte (d. h. hier 
des empirisehtn fVissens und Lebens überhaupt) und der Philo- 
sophie geprründet findet. Zu sehr hat sich leider in Deutschland 
in den letzten Decennien die Philosophie in Schule und System 
verschaitzt, zu sehr sich zurückgezogen von dem Schauplatze des 
Lebens und der Erfahrung • iu das Gebiet der wlUkuhrlichen 
Abstraction. Was Wunder, wenn oft Träume statt Wahrheit, 
wesenloses Formgerüst statt realer Gedankenfülle, dunkele, hohl- 
klingende Phrasen, statt ideenreicher Rede, vornehm sich ge- 
behrdender Unsinn statt klarer Geistesansicht auf Messen , Ka- 
thedern uud ins Leb n gebracht wurden und noch werden ? Was 
Wunder, wenn dadurch Viele aus des Volkes Mitte, welche die 
Sache tiefer und unbefangener zu betrachten entweder der na- 
türlichen Weihe oder der Zeit entbehi^en, verleitet wurden, dem 
Wesen mit dem Unwesen zugleich Hohn zu Sprechen? -^ Da- 
her ist denn eben unsere Zeit zum Theil in das andere Extrem 
Serathen, nämlich kein Heil zu suchen, als in der Erfahrung, tii 
em unmittelbar Gegebenen, in dem Geschichtlichen. Hierin 
allein will eine Parthei des Staates wie der Kirche, des sittli- 
c)ien,N wie des künstlerischen Strebras Begründung und ßedeXi- 
tung finden. Wohin aber wird es kommen mit dem bessern 
deutschen Leben und Wissen , wofern das Urtheil der. Verweis 
fung, was so mannigfaltig über die Philosophie Ausgesprochen 
T<rird, wirklidi an ihr vollzogen werden sollte oder könnte? -^ 
Wie wird indefs Heil entstehen, wenn der vornehmen Anma- 
fsung des Sjstems, der eingebildeten, unabhängig von Wirklich- 
keit und Geschichte geschaßenen Schulweisheit nicht Grenze und 
Ziel gesetzt wird? — Der Vf. obiger Schrift hat dieses Gegensatzes 
Unheil eben so deutlich eingesehen ab lebhaft gefühlt; und sich auf 
•doe treffende Weise in die Mitte gestellt, ohne jedoch neutral z« 
werden gegen eine oder die andere Seite. Besonders anziehend, 
wenn gleich nur kurz, ist der berührte Gegensatz in Beziehung auf 
Staat und Kirche hervorgehoben worden — Alles ist ausserdeoi 
mit ansprechender Klarheit und Lebendigkeit in einem wirklich 
schönen Style vorgetragen. — Möge die Schrift in Vieler Hände 
kommen! — 



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Ä= 4a Heidelberger 1823* 

Jahrbücher der Literatur. 



^m 0^^^0mf^^^ mm m m^m mm mf^t^m i %ii»i mim^mf^^m^^m^^i^ 



Examen des doctrmes mddicales et des sy Stentes de hosologiej 
outn'age dans lequel se trouve fonda l^examen de la doc- 
trine midicale gendralement aaoptee etc.; precedS de Pro^- 
positions renfermant la suhstance de la mddecine pkysiolo" 

^ PV^> f^ ^' •^* ^' Brovssais, ChevaUer de Vordhe roycd 

de la Legion-d'Honneur, Medecin en chef et premier Pro^ 

fesseur d l'Höspit<d inilitcure de Instruction de Paris j etc» 

IL Tom, d Paris j chez Meguignon^ Marvis. iSs^4. XI L 

I — CXXFII und S73 S. S. 

Wir haben bereits im vorigen Jahrgange dieser Blatter (St, i. 
Nr. 6.) eine kritische Anzeige von Broussais Lehre nach seinen 
von Aea D. de Caignou und Quemont herausgegebenen Vorle- 
sungen y so wie mit Rucksicht auf die von Begin in dem Jour-* 
mal compL du dictionh* des scienc, med. gegebene Darstellung 
derselben, mitgetheilt. So wie aber schon Begin den Heraus- 
gebern jener Vorlesungen den Vorwurf gemacht hatte, dafs sie 
die neue Lehre weder durchaus richtig, nach vollständig dar- 
eesteUt hätten, und wir daher auch bei mehreren wichtigen 
Punkten seine abweichende oder umständlichere Darstellung anzu- 
geben uns vcranlafst sahen, so hat nun auch Broussais selbst 
in der Vorrede zu dem vorliegenden Werke (S. V.) erklärt, 
dafs dieses die JBntwickclung einer neuen Lehre enthalte, welcho 
CT in dem ersten Examen nur obenhin berührt habe und welche 
ausserdem dem Publicum nur auf eine partielle und oft nicht 
genaue Weise in einigen Thesen und einer kleinen Zahl beson- 
derer Abhandlungen mitgetheilt worden sej. Die Grundsätze 
seiner Lehre hat er aber hier (S. 1— CXXVIF) in CDLXVIH 
Vropositions de Midetine angegeben, welche ihm zum Maasstabe 
bei der in dem Exaihen folgenden Würdigung der Lehren sei- 
aer Vorgänger dienten, und wovon man weitere Entwickelungeii 
uid Beweise in den Erörterungen, welche den Hauptinhalt des 
Werkes ausmachen, finden werde. Wir werden von diesen 
GroodsStzen, so weit es der Raum dieser Blätter erlaubt, die- 

Eigen besonders ausheben, aus denen man den Geist dieser 
\iie abnehmen und ersehen kann, in wiefern die jetzige Dar- 
ScDoog mit der früheren übereinstimmt oder davon abweichte 

49 



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770 Broussais Examen des doctrines medicales. 

Im ersten Abschnitte, welcher die physiologischen Sätze 
cntliäh, macht der Verf. den Anfang mit der Betrachtung des 
allerdings wichtigen Verhältnisses der Reize zu der Lcbensthä- 
tigkeit. Er stellt (L) oben an den Satz von Brown, dafs das 
Leben des Thicres nur durch die äusseren Reize unterhalten 
werde; reizend aber ist nach ihm Alles, was die Lebenserschei- 
nungen vermehrt. Unter den Reizen aber hält er (II — IV.) 
' für* den ersten und wichtigsten den Wärniestoff. Dieser setzt 
(V.) in Thätigkeit die Kraft, welche die Organe bildet etc. 
Die Bildung der Organe und der Flüssigkeiten ist (VI.) eine 
dem lebenden Wesen eigene Chemie. Die Kraft, welche diese 
Chemie in Thätigkeit setzt, giebt den Organen, indem sie sie 
bildet, das Vermögen zu empfinden und sich durch Zusammen- 
ziehung zu bewegen. Sensibilität und Contractilität sind also 
die Beweise des ZusUndes des Lebens. Gewisie Naturkörper, 
ausser dem Wärmestoff, vermehren (VIl.) die Sensibilität und 
Contractilität in den Theilen des Organismus, mit welchen sie 
\tk Berührung gesetzt sind. Dies ist die Reizung (Stimulation 
ou'irritarion)\ diese Körper sind also reizende. Wenn die Sen- 
sibilität und Contractilität an einer Stelle vermehrt sind, werden 
sie es (VIIL) bald an mehreren andern: Dies ist die S/mpw 
thie. Die Sympathie wird (IX. X.) durch die Nerven vermit- 
telt. Der Zweck der ursprünglichen und sympathischen Reizung 
ist (XI.) immer die Ernährung, die Entfernung der zerstören- 
den Einflüsse und die Reproduction ; und^ die Bewegungen, 
wdchc alles dies vollziehen, heissen Verrichtungen. Nun müssen 
aber bei der Ausübung der Verrichtungen die Flüssigkeiten mit 
'den festen Theilen zusammenwirken: bei jeder Reizung landet 
daher Anziehung der Flüssigkeiten Statt. 

Hierauf wird (XII. ff.) gehandelt von dem verschiedenen 
Verhältnisse der Sensibilität und Contractilität in den einzelnen 
Geweben, der Verschiedenheit der Reizung in einzelnen Syste- 
men und Organen, von den besonderen Verrichtungen des .vege- 
tativen Lebens (wobei in Ansehung der A^imilation die §. XX 
vorkommende Aeusserung zu bemerken ist, dafs sie eine Er- 
scheinung vom ersten Range sey, die sich nicht durch die Wir- 
kung der Sensibilität und Contractilität erj^ären bsse, die man 
nur' der schöpferischen Kraft zuschreiben könne und die eine 
der Wirkungen der Idbenden Chemie sey^y endlich von dem 
Verhältnisse des Gangliensystemes zu dem Centraltheile desNer- 
vensystemes und den Verrichtungen des sensoriellen Lebens. 
Sodann wird (LXII.) gesagt, dafs die Gesundheit sich nie von 
selbst verändere, sondern immer weil die äusseren Reize die 
Erregung in einem Theile angehäuft, oder weil sie der (thieri- 
^chen) Oeconomie gefehlt haben, oder weil diese Oeconomi« 



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Broussais E.xamen des doctrinrs m^dicales. 771 

^ eine der Ausübung <?cr Lebensgesetze widersprecliende Art 
^dxt TTorden sejf denn es gebe Beziehungen zwischen den 
ausseien Einflüssen und dem Ganzen , oder den verschiedenen 
Tbeilen des Organismus, so dafs die ein?n den Lebensgesetzen 
angemessen wären, die anderen ihnen widerstrebten, und diese 
letzten teyen die Gifte. Gjcwisse äussere Einflüsse vermindern 
aber (LXIfl. ) die Lebenserscheinungen in den Organen, mit 
welchen sie in Beziehung kommen; aber der Schmerz, welcher 
an dem geschwächten Orte entsteht, thut die Dienste eines 
Reizes , welcher daselbst die Lebenserscheinüngcn wieder 
bervornifc, bald auf eine vortheilhafte , bald auf eine der Er- 
kaltong des Thteres nachtheiiige Weise. Das Uebcrmaas der 
Blulbereitung vermehrt (^LXIV.J die Summe der Lebensthä- 
tigkeit; aber diese Zunahme hat eine Gränze, Jenseits welcher 
die Reizung sich in einem Organe anhäuft und Krankheit durch 
Ueberreizung dieses Organ es entsteht. Die Reizung häuft sich 
auch CLW.J in dem Organe durch den Einflufs der Rcrze an, 
obgleich die Summe der allgemeinen 'Lebensthätigkeit sehr ver- 
mindert ist; und dieser Zustand .kann bestehen bis zum Maras- 
mus und zum Tode. Die thierische Oeconomie verträgt (LXVl.J • 
nie ungestraft die Ueberreizung, und alle die, welche' am mei- 
sten an zu starke Reize gewöhnt zu seyn scheinen, erleiden zu- 
letzt doch örtliche Ueberreizungen. 

Im zweiten Abschnitte folgt die Pathologie. Die Gesundheit 
setzt (^IJLVII.J regelmässige Ausübung der Verrichtungen vor- 
aus; die Krankheit entspringt aus der Unregelmässigkeit dersel- 
ben; der Tod aus ihrem Aufhören, ^ie Verrichtungen sind 
(LXVMhJ unregelmässig, weim eine oder melirere dersell^cn mit 
zu viel oder zu wenig Kraft ausgeübt werden. Es giebt keine 
allgemeine und gleichförmige Erhöhung oder Verminderung der 
LÄcnsthätiglieit der Organe fLXXIl.^. Die Erhöhung dersel- 
ben . fangt immer in einem organischen Systeme an und theilt 
sidi anderen mit, entweder in 'demselben Apparate oder in einem 
anderen (XXXIIl.J. Die Natur der mitgetheilten Erhöhung der 
Lebenstbätigkeit ist dieselbe wie die der ursprünglichen. Es ist 
iouner die Vermehrung der Erscheinungen des Lebens fLXXIV.J, 
«Die Erhöhung eines oder mehrerer organischer Systeme oder 
Apparate bestimmt immer .die Schwäche eines anderen Sjstemes 
oder Apparates fLXXV.J. Die Verminderung der Lebenstbätig- 
keit eines Sjstemes oder Apparates zieht o/t die Erhöhung einei 
oder mehrerer anderen und manchmal deren Verminderung nach 
sieb CLXXVI.J. Die Erhöhung der Lebenstbätigkeit eines Sj- 
stemes und noch mehr eines Apparates setzt immer eine Wir- 
JbuBg der reizenden Einflüsse voraus, welche stäi:ker ist als die 
wr Erkaltung der Gesundheit dienliche, d. h. ^vne zu stärkt 

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T-'Ä Broussais Examen des doctrines m^dicales. 

Reizung, UeberreizungjSuperstimutation öu surexcilaiion(LX'Siyi1,\ 
Die partielle Ueberreizang setzt immer voraus eine zu beträclttlicbe 
Anziehung der Flüssigkeiten; es giebt also eine für die Ausübung 
der Verrichtungen nachtheilige Congestion in jeder Ueberreizung. 
Dies ist eine ki-ankhafte Congestion fLXXVlIIJ. Die Vereini- 
gung der partiellen Ueberreizung und krankhaften Congestioo 
zieht immer eine partielle erhöhte oder uuregelmässige Ernährung 
nach sich; dies macht die actiye Congestion aus, die noth wendig 
der Desorganisation entgegen geht fLXXIX.J. Die Ueberreizung 
und krankhafte active Congestion, welche partiell statt^ finden, 
sind vereinbar mit allgemeiner - Verminderung der Summe der 
Lebensthätigkeit (XXXXJ. Die partielle Verminderung der Le- 
bensthätigkeit zieht immer die der Ernährung nach sich, obgleich 
sie oft eine krankhafte Congestion bewirkt; aber diese ist eine 
passive (T. XXXI. J. Die krankhafte passive Congestion kann des- 
organisiren, aber viel weniger als die active (^LXXXII.J. Da die 
krankhafte active Congestion immer der Begleiter der Ueber- 
reizung ist, reicht es hin diese letzte zu nennen um verstanden 
zu werden, wemi man den Gang der Krankheiten erläutert ; mau 
kann selbst, um kürzer zu sejn, sich mit dem Wort Reizung 
(irritation) begnügen, wenn man nur den nämlichen Sinn dnmit 
verbindet; aber man mufs darunter das Beiwoit krankhafte ver- 
stehen fLXXXIII.J. Die Reizung kann in einem Systeme be^ 
stehen, ohne dafs ein anderes daran Theil nimmt; aber dies hat 
nur Statt, wenn sie wenig beträchtlich ist fLXXXiV.J. Die 
Nerven sind die einzigen Ueberträger der Reizung; dies bewirkt 
die krankkctften Syiiwathieen fLXXXV.J. Die krankhaften Sym- 
pathien sind zweierlei: Die ersten offenbaren sich durch orga- 
nische Erscheinungen: nämlich Zunahme der Faserb eweguog, 
Congestionen , Veränderungen der Absonderungen, Aushaucbun- 

ten, Einsaugung. welche alsdann vermehrt, vermindert oder wi- 
ematürlich sind, durch Veränderungen der Temperatur und 
durch Fehler der Ernährung; dhes sind die organischen Sympa- 
thien : die zweiten durch Schmerzen , Convulsionen der dem 
Willen unterworfenen Muskeln und Symptome der Gemüths- 
krankheitcn; dies sind die Sympathien der Beziehung (de reiationj 
CLXXXVhJ. Die organischen Sympathieen können ohne die 
Sympathieeu der Beziehung bestehen: Diese ziehen immer die 
organischen nach sich ; aber am häufigsten sind diese beiden Ord- 
nungen der Sympathieen gleichzeitig (^LXXXVILJ. Die sympa- 
thisch gereizten Organe können die Reizung in einem stärkeren 
Grade annehmen, als die des Orgaues ist, durch dessen Einflufs sie 
dieselbe erhalten. In diesem Falle ändert die Krankheit ihren 
Ort und Namen : Dies, sind die Meteutasen (XCH*). Das Organ, 
welches der Sitz über Metastase geworden iit, erregt dann die 



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Broussais Examen des doctrines medicales. 773 

i)A et^en Sj^mpatKieen ; und diese k5nnen hinwiederum, vor- 
lierrsciiend iverden: Dies sind die wandelnden Entiündun- 
pn etc. (^CUI.J. Wenn . die sympathischen Reizungen, wei- 
hte die -vficbtigsten Eingeweide in den absoüdemdeo , aus- 
bmchenden Organen und auf der Peripherie erregen, starker 
werden ab die der Eingeweide, werden diese von ihrer 
Reizung befreit und die Krankheit endigt sich durch eine 
schnelle Heilung. Das sind die Krisen. In diesen Fällen wan- 
dert - die Reizung Von dem Innern auf das Aeussere (^CIV.^. 
Die Congestionen der Krisen endigen sieh immer durch eine 
Ausleerung, es mag eine zur Absonderung gehörige , oder 
eiterartige, oder blutige sejn : - ohne dies ist die Krise nicht 
Tollkommen ("XCVJ. Die Reizung strebt fXCVIII.^) sich fort- 
zupflaozeu durch die Aehnltchkeit des Gewebes und organischen 
Sjstemes; dies macht die Z)/aMexe/t. aus; indessen geht sie manch- 
mal auch auf verschiedene Gewebe über. 

Wenn die Reizung das Blut in einem Gewebe anhäuft mit 
Geschwulst, Röthe und Hitze, die ungewöhnlich und vermögend 
sind den gereizten Theil zu desorganisiren, so giebt man ihr den 
Namen Entzündiuig fXCIX.J. Der Örtliche Schmerz ist nicht 
«uzertreimiich - von der Entzündung, selbst einer heftigen (C). 
Die Entzündung erregt oft mehr Schmerz in den Theilen, wo 
die sjmpalhischeu Reizungen sich offenbar eo, als in ihrem eignea 
Hcerde. Die Entzündungen der Schleimhäute des Magens, der 
dünnen Gedärme und der Blase geben davon täglich Beispiele 
fClLJ. Wenn die Entzündung keinen Schmerz erregt, verur- 
sacht sie nur organische Sjropathicen (CJW,)» Die Entzündung 
verändert immer die Flüssigkeitendes entzündeten TheilesCCIV.J. 
Sie kann ohne Eiterung bestehen f CV.J. Sie hinterläfst oft eine 
Art von Reizung, welche einen von dem ihrigen verschiedenen 
Namen führt, und bringt eine Kakochvmie hervor, welche man 
för eine wesentliche gt^ialten hat (^CVI.J. Sie erregt oft Sym- 
pathieen der Beziehung, welche für die Schriftsteller vor- 
kerrsclieude Erscheinungen geworden sind und es veranlafst 
haben, dafs man der Krankheit den Namen NerveiikrcmkheU • 
(nevrasej gab fCVlL^. Die Entzündung ändert ihre Natur 
nicht durch die Verminderung der Kräfte, welche sie verursacht 
(CVUl.J. Die Reizungen aller Organe werden auf das Gehirn 
vbertragen,^ wenn sie einen gewissen Grad von Heftigkeit erlan- 
gen, und besonders wenn sie entzündlich sind; es entsteht davon 
Veränderung der intcllcctucllen Kräfte und der Empfindungen, 
ymd ein Zustand von Schmerz und ünbehagliohkeit, welchen 
naa auf den Apparat der Ortsbew^ung bezieht. Das Ueber- 
■las dieser Sympathie verwand*»It sich in GnhirnenlzüocIuTig 
(QX.J, Die heftigen Reizungen aller Organe werden beständig 



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774 Broussais Eumen des döctriaes m^dicsdes. 

auf den Mtjjjeu tiber^etra^en im Moment ihres, Auftretens; et 
entsteht davon Maugel der EEslust, Veränderung der Farbe, der 
Zunge und des Zungenschleimes; wenn die von dem Magen auf- 
genommene Reizung bis xum Grad der Entzündung steigt, sieht 
man die Symptome der Magenentzündung, und da das Gehirn 
immer mehr gereizt ist, entwickelt es in einem höhern Grad die 
ihm eignen Sympathieen und kann selbst entzündet werden 
(CX.). Heftige Reizungen aller Organe werden auf das Herz 
übergetragen^ alsdann beschleunigt es seine Zusammenziehuugen, 
der Kreislauf wird schneller und die vermehrte Hitze der Haut 
bewirkt eine lästige Empfindung. Das ist es, was man Fieber 
nennen mufs, welches hier auf eine allgemeine und abstracto 
Weise betrachtet ist (CXL). Das Fieber ist immer nur das Re-«^ 
sultat einer ursprünglichen oder sympathischen Reizung des Her- 
zens (CXIL). Jede Reizung, die stark genug ift um das Fieber 
zu bewirken, ist eine von den Abstufungen (nuances) der Ent- 
zündung (CXIIL). Jede Entzündung die stark genug ist um das 
Fieber zu bewirken, indem sie bis zum Herzen sich erstreckt, 
ist es ebenfalls genug, um zu gleicher Zeit auf das Gehirn und 
den Magen Übergetragen zu werden, wenigstens in ihrem An- 
fange, und da sie nicht ihre Natur ändert, indem sie übergetra- 
gen wird, ist es immer eine Modification der Entzündung, welche 
'sie in diesen drei Organen hervorbringt (CXIV.). Die auf das 
Gehirn und den Magen durch ein entzündetes Organ übergetra- 
genen Reizungen vermindern sich manchmal trotz dem Bestehen 
der Entzündung, welche sie erregt hatte, und diese zwei Ein- . 
geweirle setzen ihre Verrichtungen wieder fort, während das 
lier/. irliliaft gereizt bleibt und das Fiel^r unterhält (CXV. )• 
Ob^^lcich der Magen und das Gehirn* ihre Verrichtungen wah- 
rcnil der Entzündung eines anderen Organcs fortsetzen, sind sie 
doch immer organisch gereizt. Ihre Reizung vsi immer der Ent- 
zündung nahe, mid steigt oft bis zu derselben, wenn ^et Hcerd, 
\¥ elcher sie unterhält, bis zum Tode fortdauert (CXVL). 

^ Nachdem wir diese Lelirsätze über krankhafte Reizung und 
Entzündung überhaupt, welche Broussais auch in dieser Schrift 
die Hauptrolle in Krankheiten spielen läfsl, als die häufigste Ur- 
sache derselben ansieht, mitgetheiit haben , bemerken wir, ehe 
wir zu seineq Sätzen über einzelne Entzündungen und andere 
krankhafte Aifeetionen übergehen, nur Folgendes. Dafs krank*« 
hafte Reizung einen Hauptcharacter der meisten Krankheiten aus- 
jnache, unter den sogenannten Grundkrankheilen oben an eesetzt 
zu werden verdienen,' ist auch meine schon in meinem Hand- 
buche der allg. Pathologie (3te Ausg. §. iog ff.) geäusserte 
Uebenei^ung. Ich habe in Bezug auf diesen Satz schon früher 
bei der Recension von Brouuais Vorletiingen (^>. 4 — 5), so 



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Broussais Examen dcs^ doctriaes medicales« 775 

wie in meinem Handbuclie der allg. Pathologie, 3te Ausgabe 
§. iiOy 2te Aosg. §. «44) das was Gaub liber die krankhaft 
erhöhte Irritabilität gesagt hat, angeführt und will hier bponders 
rar noch meine > üovergefslichen Lehrers Baidinger resp. H^eise 
Üu* de irrüabäitaie mohborum genitricc, Jen. 4^7%, 4* ^^ Erin- 
aerang bringen. Unter verschiedenen Benennungen haben auch 
Ütere^Aerzte diesen Zustand als die Ursache vieler Krankheiten 
aoerkaoat, und darauf ist auch die von Hippokrates, wie von 
Sydenham, Boerhaaps und Anderen in fieberhaften entzündlichen 
Krankheiten empfohlene, auch neuerdings in Deutschland wieder 
in ihre Rechte eingesetzte, wenn auch von Manchen über ^Üe 
Gebühr ausgedehnte, antiphlogistische Methode zu beziehen. Man 
kaoo indessen, wie ich auch schon in meiner Pathologie erinnert 
hibCf den Wcrth dieser Grundkrankheit wohl anerkennen, ohne 
deshalb einseitig fast alle Kranklieiten darauf zu beziehen und 
die Berücksichtigung anderer Veränderungen des Lebens Ver- 
mögens, wie der übrigen Eigenschaften des menschlichen Kör- 
pers, die den Krankheiten zum Grunde liegen können,. zu ver- 
Dachiässigcu, oder gar mit Broussais Anhängern das Studium der 
Heizung und Entzündung der Schleimhaut des Magens und der 
Gedärme als den Schlüssel der Pathologie anzusehen. 

Die von Broussais über verschiedene Verhältnisse der Lc« . 
bensthätigkeit in den einzelnen Theilen, den ursprünglichen Sitz 
der Rcizang in gewissen Systemen und Organe^i, die sympathi- 
idicn Wirkungen derselben, so wie die bei der Reizung in ge- 
njssen TheilcD oft eintretende Verminderung der Thätigkeit ia 
anderen aufgesteUteu Grundsätze sind sehr zu billigen , jedoch 
lueh längst von den Beeren Aerzten in Oeutsdiland angegeben 
worden. Aber deshalb soll doch Broussais Lehre zuerst eine 
medectne phfsiologique seyn! Wir haben übrigens auch nicht 
gefunden, dafs er über dunkele physiologische Gegenstände Licht- 
Tcrbreitet habe. Mit der blossen Aquahme der Chimie vivante 
wird nichts erklärt, sondern diese bedarf erst selbst noch der 
Erklärung. Die übertriebene Beziehung der Gegenstände auf 
<ias Yerhältnifs der Reizung möchte aber einer wahi:en Physio- 
logie nicht entsprechen. 

b Bezug auf das Fieber weicht zwar die jetzige Darstel- 
Img (vgl. besonders CXII und CXV.) von der früheren etwas 
ab. Doch behauptet der Verf. auch hier nicht nur, dafs es 
kon Fieber gebe, welches von der Ei\tzündung eines Organes 
tm^bängig sey (vgl. Exognen p. 4)* sondern auch, dafs alle 
togenannteu wesentlichen Fieber auf eine gastro^enteriie zu be- 
liehen seye» (CXXXIX — CXL.). Wegen dieser Beziehung d^^r 
KAer auf die gastro - enterile wollen wir erst das, was der 
W. von letzterer . bei der Betrachtung der einzelnen Entzüii- 



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776 Broussais Examen des ductrlaes medicales« 

dangen sagt, angeben und dann unner Urtheil folgen lassAi* 
i)ie nacK dem Verf. (CXXX.) in der Regel Statt findende Ver-.. 
hlndung der Entzündung der Schleimhaut, des Magens (geutrite) 
und der Schleimhaut der dünnen Gedärme (erU^üe) wird 
gastro - entirite genannt. Diese stellt ^ich unter zwei Formen 
dar, mit Vorherrschen der Entzündung des Magens, oder der 
der dünnen Gedärme. Schmerz im Magen, Abneigung vor den 
AU geniessenden Dingen, Wiedcrauswerfen oder beschwerliches 
Vertragen derselben charaaerisiren die erste; die ('ähigkeit den 
Durst zu befriedigen, schnelle EinsauguDg der geeigneten FIüs* 
sigkeitcn sind die Zeichen der anderen. Die anderen Zeichen 
sind ihnen beinahe gemein. Es soll aber (CXXXIIL) die hitzige 
Entzündung der Schleimhaut des dünnen Darmes, ohne Affeötion 
des Bauchfelles y bei den meisten Menschen, keine Colik verur* 
Sachen, fast immer ohne umgreiizten Schmerz, oft aber mit einer 
Empfindung von Brennen und unbestimmtem Unbehagen, so yvxc 
mit Verstopfung verbunden sejn. Die CoHk, die häufigen Stuhl* 
gange unjbl der Stuhlzwang seyen dagegen (CXXXFV.) die Zei- 
chen der Entzündung der Schleimhaut des Colon ( Colite). 
Aber diese und die Enterite folgen auf einander und verbinden 
sich. Die hitzigen gastro -enterites, welche ^ich verschlimmern, 
Teranlassen (CXXXVII. ) Betäubung, rufsfarbiges, bleifarbiges 
Ansehen, stinkenden Geruci;, Niedergeschlagenheit der Kräfte 
(CXXXVni.) und stellen das dar, was man Faulfieber, adjna- 
misches Fieber, Tjphus nennt; Diejenigen, in welchen die Rei- 
zung des Gehirnes bedeutend wird, sie mag sich zum Grad der 
Entzündung erheben oder nicht, bringen V^aiiiisinn, Zuckungen etc. 
hervor und erhalten den Namen bösartiger, nervöser oder atac- 
lisch er Fieber. Alle (sogenannten) ive^e/i//wr/ie/i Fieber der Schrift- 
steller sind (CXXX IX.) auf die einfache oder compUcirte ^o^rro- 
enterüe zu beziehen. Es haben dieselbe alle verkannt, wenn sie 
ohne örtlichen Schmerz ist, und selbst indem sie, wenn sidi 
Schmerzen dabei einfinden, dieselben immer als einen Zufall an- 
sehen. Die Schriftsteller haben (CXL.) zuweilen gesagt, dafs 
gewisse Fieber von einer Entzündung der Verdauungsorgane ab- 
hängen; aber sie haben nie gesagt, dafs die angeblichen wesent- 
bchen Fieber keine andere Ursache haben könnten; niemals dafs 
sie durch den nämh'chen Mechanismus als das Fieber bei den 
Lungenentzündungen etc. hcivorgebracht würden, niemals .end- 
lich dafs es keine weseutliclien gab. Alles dies ist erst seit der 
physiologischen Lehre gesagt worden. 

Die Meinung, dafs das Fieber biofs eine Wirkung eines 
anderen Krankheitszustandes, insbesondere der Entzündung sey^ 
ist bekanntlich auch schon von Anderen geäussert, doch auch 
bereits mit \^ icIiii^jiMi Gründen Lestritten worden. Als ein Haupi- 



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firbuss^ Exaiiieii des doctrines medicales. 777 

ge^er dieser Ansicht ist aber neuerltcH ein trefflicher englischer 
Anty Armstrong (der freilich, wie so manche andere, Ton Brotu^ 
tais bei seiner Beuriheilung der englischen Medicin nicht be- 
rücksichtigt worden) in seinem« schätzbaren Werke über das 
Tjpbusfieber, das, gewohnliche anhaltende Fieber und über Ent- 
undungskrankheiten etc. aufgetreten. £r nimmt (S 2 63.) an, 
^s es eine einfache Form des gewöhnlichen anhaltenden Fie- 
bers gebe, von der man nicht behaupten könne, dafs eine ört- 
liche £DtzÜBdung vorhanden gewesen ^^, £r behauptet* insbe* 
sondere (S. $19 ff.) dafs die meisten Fieber unseres und ahn- 
Ücher Erdstriche ?on einem allgemeinen Anfalle entstünden, wel- 
cher • anfänglich venöse Anhäufung und diese hinwiedernni die 
darauf folgende Erregung der Schlagadern erzeuge, dals daher 
die ersten Sjmptome eine Verminderung in der Tbatigkeit des 
Herzens und- der thierischen Wärme, oder der sogenannte Zeit- 
raum des Frostes sejen; dafs in diesem keine Entzündung Statt 
inde und es nicht könne, da alle Erscheinungen derselben ge- 
radezu entgegengesetzt seyen, dafs Elntzundung hier nicht Ur- 
sache des Fiebers seju könne, sondern, dafs sie, nachdem durch 
die Anhäufung des Blutes im Innern gesteigerte Thätigkeil des 
Herzens erregt werden, erst hinzukomme oder vielmehr die Folge 
des Fiebers s^y. Desgleichen bemerkt er-(S. aS.) in Bezug auf 
den ijiflammatorischen Typhus, dafs nach seinen Beobachtungen 
dabei die ' Örtliche Entzündung zuweilen sobald als das Fieber 
selbst anfange, gemeiniglich aber erst wahrend des Zeitraumes 
der Erregung entstehe, woraus sich vielleicht recht wohl schlies- 
sen lasse, dafs sie vielmehr Folge als Ursache desselben sey, so 
wie (S. f35), dafs bei demselben der Entzündung Einhalt ge- 
than werden und das Fieber doch seinen besten Fortgang haben 
könne (y^ S. i65 — 469). Er fügt endlich (S. 522.) die War- 
nung hinzu; »Jetzt^ da die Doctrioen über die Schwäche sich 
'aufgelöst haben und die Gemütber der Studirenden für neue 
»Eimlrüdee empfänglich sind, ist es notbwendig, sie vor jener 
»unlogischen Geoeralisation zu warnen, welche das Fieber zur 
»Entzündung und zu nichts, als Entzündung, macht; denn wie 
^wahrscheinlich auch immer diese Vereinfachung im Studirzimmer 
»scheinen mag, so wirÄ sie doch in den mittleren, vorzüglich 
s^ier in den vorgerückten Stadien vieler idiopathischer Fieber^ 
sam Krankenbette, wo nur die Wahrheit gültig seyn kann, höchst 
sge£shrlich gefunden werden.« 

Was unsere Meinung betrifil, so können wir es auch noch 
«cht für ausgemacht halten , dals überhaupt imriter eine heftige Rei- 
»aog oder Entzündung in einem anderen Systeme oder Organe, 
üe sich dem Blutgefäfssysteme mittheile, zur Erregung des Fie- 
Ws nöthig sey. Es widerspricht wenigstens kcinesweges den 



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778 Broussais Examen des doctrines m^cales» 

allgemeineii GrundsStzen Ton der krankhaften Reizung, wenn man 
anpimmt, dufs auch durch urspioinglich oder voizugsveise auf 
das Herz und Gcfarssjstem überhaupt wirkende Reize die Irri- 
tabilität desselben eHiöht, ein Fieber erregt werd^. Sollte das 
nicht besonders der Fall sejn bei den sogenannten einfachen 
Sjrnockis der älteren Aerzte, den sogenannten Blalfiebem, die 
durch Verhaltung von Blutflässen oder bei jungei plethorischen 
Personen durch heftige Bewegung etc. veranlafst mid besonders 
durch BlutSösse entschieden werden? Oft möchten auch Fieber 
und Entzündung die gleichzeitige Wirkung derselben schädlichen 
.Einflüsse sejn, die nicht blols einen Theil reizen, sondern eine 
allgCBKine Reizung des Blutgefäfssjstemes veranlassen können. 
Uebcrdem hat mau selbst in tödtlich abgelaufenen Fällen keines- 
woge» immer die Spuren von Entzündung auffinden können. 

Was aber insbesondere die Behauptung betrifft, dafs die 
sogenannten wesentlichen Fieber gerade auf eine gastro^entirit^^ 
zu beziehen sejen, so glauben wir schon in der früheren Kridk 
von Broussais Vorlesungen (S. 9 — «o) gezeigt zu haben, dafs 
dies eine ungegründete, auf jeden Fall höchst übertriebene An- 
nahme ist, dafs die in Fiebern wie anderen Krankheiten aller- 
dings häufige Affcctioo des Magens und der Gedärme oft selbst 
vielmehr eine sympathische , oft auch so wenig bedeutend is^, 
dafs man ihr die Erregupg des Fiebers nicht zuschreiben kann» 
Selbst in Ansehung der mit hervorstechendem gastrischem Zu- 
stande verbundenen sogenannten gastrischen Fieber halten wir 
auch jetzt noch die Behauptung für unerwiesen, dafs ihnen im- 
mer eine wahre Entzündung der Schleimhaut des Magens und • 
der Gedärme Cgastro ^ entäräej zum Grunde .liege. Eine Rei- 
zung,, die krankhafte Absonderung erregt, ist deshalb noch nicht 
für Entzündung zu halten. Wenn aber auch allerdings die krank- 
hafte Reizung manchmal bis zur Entzündung gesteigert wird, so 
wird doch in den gewöhnlichsteii Fällen das VorhandensejR 
einer wahren Entzündung weder durch die Symptome nocb 
durch den Erfolg der Cur bestätigt, indem, wie wir schon in 
der Kritik von Broussais Vorlesungen bemerkt haben, die hefti- 
gen Schmerzen und andere Zeichen eines .wahrhaft entzündlichen 
Zttstaudes, wie sie bei ächten und offenbaren Magen- und Darm- 
entzündungen zu bemerken sind, bei reinen, ohne wirkliche Ent- 
zündung bestehenden, gastrischen Fiebern nicht gefunden wer- 
den, und sonst, wenn nämlich den gastrischen Fiebern wirklicli 
inuner wahre Entzündung zum Grunde läge, die, freilich dabei 
auch oft ohne Noth gegebenen, Brech - und Purgirmittel etc. 
weit weniger vertragen würden, und man fingst durch den 
offenbarsten Nachllieil von ihrer Anwendung in gastrischen Fie- 
bern eben so hätte abgesclireckt werden müssen, w^e es bei der 



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Broussais Examen des doctrines medicales. 779 

walireo Magen«- md DarmentzuitdiKig geschehen ist Der Verf. 
behauptet zwar (CXXXIIL), dafs die hitzige Etiiziindung* der 
Schleimhaut des dünnen Darmes, ohne AflPection des Bauchfelle», 
bei de» meisten Menschen keine Colik yeranlass^ fast immer 
ohne umschriebenen Schmerz sej. AHetn wenn es auch, ^ie 
laugst bemerkt worden, oft verborgene Darmentznndbngcn giebt * 
Qnd wenn auch bei einer Reizung des Darmkaiiales mit krank- 
hafter Absonderung, wie sie in gastrischen Fiebern oft Statt 
findet und welche von Broussais oft als eine gastro^entSriie 
angesehen wird, die Schmerzen fehlen mögen , so ist es doch 
gegen alle bisherige Erfahrung, wenn man ächten und offenbaren 
Eotznndangen der dünnen Gedärme die heftigen Schmerzen ab- 
sprechen yrill, da diese zahlreiche Nerven und lebhafte Empfin- 
dung, ja nach der bisherigen Annahme der Anatomen und Phy- 
siologen in höherem Grade, als die dicken Gedärme, haben. 
Zwar hat Broussais ( Examen p, ^8j — 88) gegen die von 
Pinei angeführten Bemerkungen Morgagnis, dafs die SciHnei'zen 
der Gedärme viel lebhafter sejen, wenn sie in den dünnen Ge* 
därmen ihren Sitz haben, als wenn sie aus dem Colon entsprin- 
gen, dafs die Häufigkeit der Entzündung der dünnen Gedärme 
aus der grossen Menge der Blutgefässe, die sich in diesem Theile 
des Darmkanales befinden, zu erklären, und dafs die Lebhaftig- 
tigkcit der Schmerzen der grossen Zahl der Nerven, die aus dem 
Gekrdsgeflechte entspringen, zuzuschreiben sej, beliauptetf dafs, 
wenn eiu Irrthum in Morgagni gerügt zu werden verdiene, es, 
ohne Widerspruch, dieser sey,; welcher hier der Gegenstand der 
Lobeserhebungen des Prof. Pinel sej, dafs in der That die 
Schleimbaut der dünnen Gedärme viel weniger empfindlich sej 
als die des Magens und die des Colon, dafs die so zahlreichen 
Nerven nicht bestimmt sejcn den Geweben, die sie aufnehmen, 
die sensibäiie de relation mitzutheilen, und dafs daher derjenige, 
welcher, um eine Entzündung der Schleimhaut des dünnen Dar- 
mes zu bestimmen, die Eutwickelung eines lebhaften Schmerzes 
in der Mitte des Unterleibes erwarten wollte, sein ganzes Leben 
hindurch die Entzündung der dünnen Gedärme mit der des 
Bauchfelles verwechseln würde^ was auch Pinel beständig getbau 
habe und welchen Fehler er immer machen werde, wenn er 
nicht mit den phjsiologiscben Aerzten die Zeichen der gastro^ 
tnterite in den wesentlichen Fiebern suchen wolle! Doch ken- 
nen wir nicht glauben, dafs durch diese Behauptungen die grös- 
sere Empfindlichkeit des Colon im Verhältnifs zu der der dün- 
nen Gedärme dargethan und dal« dadurch die Beobachtungen, 
wornacb die Entzündung der dünnen Gedäroie auch höchst 
sclimenhaft sejn kann, beseitigt werden,— 

Was die Ableitung der Faul^ und Nervenßeber von einer 



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780 Broussais Eiamen des doetrines m^dicales. 

Liftzigeo gastro'-ent^ite betrifft, so beziehen wir uns auf du iü 
der necension von Broussais Vorlesaugen Gesagte. 

Mit einer hitzigen gastro 'tnterUe , als erster Wirkung des 
ConUgiums, fangen (CXLII.) auch die Pocken an. Die Haut- 
enuuudung ersetzt sie und endigt sie, wenn die Pusteln in klei- 
ner Anzahl da sind$ aber sie bringt sie wieder hervor, wena 
die Pusteln zahlreich sind, durch die rosenartige Entzündung, 
welche aus dem Zusammenfliessen der Höfe entsteht. Dies ist 
das secundäre oder sogenannte Eiterungsßeber der Podcen. Mit 
einer hitzigen gasiro - enteriie und katarrhalischen Entzündung^ 
der Augen, der Nase, des Halses, der Luftröhrenäste fangen 
(CXLIII.) ebenfalls die Masern und der Scharlach an. Diese 
Entzündungen machen die ganze Gefahr dieser Krankheiten aus, 
indem sie schlimmer werden und das Gehirn, so wie die ande- 
ren Eingeweide ergreifen. 

Dafs das Coutagium auch sonst das Nervcusjstem angreifen 
oder einen nicht bloß von Entzündung abhängigen bösartigen, 
nervösen oder faulichten Zustand bewirken könne, davon .ist 
hier nicht die Rede, was um so auffallender ist, da der Verf. 
(CCCXVII ff.) doch jetzt bei dem Typhus eine solche Wirkung 
anerkennt. Ucbrigcns beziehen wir uns auf das, was wir schon 
in der Kritik von Broussais Vorlesungen über seine Ansicht von 
den Exanthemen gesagt haben. 

Unter den einzelnen Entzündungen wird zuerst die Ge^ 
hirnentzändang betrachtet. Diese zieht (CXVIII.) immer (? } 
4ie der Verdauungsorgane und zuweilen die der mit ihnen ver- 
bundenen Theiie nach sich: Dies ist eine organische Sympathie» 
Sie ist aber (CXIX.) öfter die sympathische Wirkung der Ent- 
zündungen des Magens, als ihre Ursache Die Blutanhäufnng 
des Magens in der Trunkenheit, dem Typhus, den bösartigen 
Fiebern etc. wiederholt sich (CXX.) nothwendig in dem Gehirn, 
dessen Haute mit einbegriffen. Die Entzündung des Gelarnes 
erregt (CXXI.) Nervenzulalle, die mau oft für wesentliche 'ge- 
halten hat. Alle Reizungen des Gcliirnes, die sich bis zum 
Tode verlängern, ondigei^ (CXXIL) durch Entzündung oder 
Blutflufs; solche sind die Epilepsie, die Starrsucht, die über- 
mässigen Geistesanstrengungen etc. Die Manie setzt (CXXIIL) 
immer eine Reizung des Gehirnes voraus: diese Reizung kann 
daselbst lauge unterhaken werden durch eine andere Entzündung 
und mit ihr verschwinden; wenn sie sich aber verlängert, endigt 
tie immer so, dals sie sich in eine wahre Gehirnentzündung 
▼erwandelt, %tj es eine parenchymatöse oder eine häutige. Keine 
ausser dem Gehirn befindliche Entzündung kann (CXXIV.) die 
Manie hervorbringen, ohne das Hinzutreten der des Magens und 
der dünnen Cedänne (?)» Auch die Leber wiid hier nur 



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Broussais ExapicQ des doctiines m^dicales. 781 

secoDdSr afiicirt. Die Entzundang der Spin n webenbau t . f'^racA- 
nitis) ist (CXXV.) häufiger die Folge einer gastro - entertie 
als urspruugliclr : aber das Irrereden, die Schlaflosigkeit und die 
Zuckungen, die oft die Zeichen derselben sind, können durch 
diese gastro^eneSrite unterhalten werden, mit ihr verschwinden, 
oder nach dem Tode in der Spinnenwebenliaut etc. keine oder 
weniger ausgezeichnete Spuren hinterlassen, als man in dem Ma- 
gen etc. findet. Jedes äusscrste Leiden, sej es durch Entzün- 
dung eines Organes, oder durch die Reizung eines Nervenzwei- 
ges, oder durch eine moralische Ursache, bewirkt (CXXVK) 
Auhaufung im Gehirn und strebt eine Entzündung zu entwickeln 
in dem Marke, in der Gefälshaut und Spinnwebenhaut. Nun 
ist aber das Leiden des Magens das grausamste und alle anderen 
bringen es hervor. Es giebt daher nie eine gasiro - enUrite 
ohne einen gewissen Grad von Reizung des Gehirns. Alles dies 
muTs auf Aie Blutungen 'im Gehirne ai^ewendet werden. Kno- 
ten, Krebs des Gehirnes etc. werden (CX>II) durch eine chro- 
nische Entzündung dieses Eingeweides erzeugt. Alle Reizungen 
des Gehirnes können (CXXVIIL) sich in Schlagtiufs endigen. Das 
Wort Schlagflufs drückt (CXXIX.) das Aufhören der Erschei- 
nungen der Beziehung aus; man kann darin zwei Hauptgrade 
unterscheiden nach der Abwesenheit oder Gegenwart der par- 
tiellen Lahmuugen ; aber man kann die Krankheit nicht abtbeilen 
nach dem Vorherrschen der Foripen der organischen Veränderung 
des Gehirnes. 

Obgleich in diesen Sätzen manches V^^ahre gesagt ist, so 
möchte doch auch hier wieder zwischen consensoeller Reizung 
und Entzündung zu unterscheiden und sehr zu bezweifeln sejn, 
dafs die Entzündung des Gehirnes immer wahre Entzündung der 
Verdauungsorgane nach sich ziehe und umgekehrt. Und wenn 
der Schlagflufs, die Starrsucht, Epilepsie, Schlafsucht, Hjpo^ 
chondrie, Melancholie, Manie, der Blödsinn, das Schlafwandeln 
und die Wasserscheu für verschiedene Wirkungen immer bald 
ursprünglichen, bald Ton einem anderen Oigane mitgetheilten 
Reizung des Ge^iirnes erklärt werden (vgl. Examen p. 53 4\ so 
hatten wir gewünscht, dafs der Verf. gezeigt hätte, warum die 
Reizung des Gehirnes das eine Mal Manie, das andere Mal Epi- 
lepsie, Starrsucht etc. oder gar den Blödsinn (!) bewirke? 

Hierauf folgt (CXXX ff.) die Betrachtung der gastro^en" 
tirUe, worüber wir 'das, was die hitzige Form betrifft, schon 
oben mitgetheilt haben und daher hier nur in Bezug auf die 
chronische Art bemerken, dafs die Hypochondrie und die meisten 
Djspepsierij gastrodynie , pposis , car diaig ies und alle boulimies 
hier (CXLIY S.) ebeobUs als die Wiikuog derselbcu aogoe- 
ben werden. 



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782 Broossais Examen des doctrines medicales. 

Aufh die IjmpatliiscKen Drusen des Gekröses entzünden 
iich (CXLVIL) nur durch die Wirkung der entirite; und diese 
zwiefache verlängerte Entrundung macht i\t Atrophie aiis (?)• 
Eben so sott ^(CXLIX.) die Leberentzündttng die Folge -der 
gastro * enterite scjn^ wenn sie nicht von einer äusseren Gewalt 
abhängt (?). 

Bei der Betrachtung der Brusttntzündungen werden die 
Knoten (Tuberkeln) (CXLVII ff,) als Folgen der Entzündung 
der inneren Schleimhaut der Luftröhren äste und der Luftbläs- 
chen angeführt mit dem Bemerken, dafs sie auf dieselbe Weise 
erzeugt würden wie die des Gekröses in der chronischen 
Darmentzündung, und dafs er nie Knoten der Lungen ohne 
vorhergegangene Entzündung gesehen habe, worüber er -sich 
später (Tom. II. Chap. XIV. Sect. IL) noch weiter ausläfst« 
Man treffe, heist es S. 684 ff») nie in den Leichnamen der Men- 
schen, die eine phthisische Anlage haben, die von den Schrift* 
steliern sogenannten rohen Tuberkeln, wofern sich nicht bei die- 
sen Personen während des Lebens die Zeichen der Reizung des 
Athmungsorganes geäussert hätten. Er habe während eines Zeit- 
raumes von zehn Jahren , sowohl in Italien als in Spanien , ge- 
öffnet und durch seine Mitarbeiter im Felde öffnen sehen meh- 
rere hunderte von Personen, die au Entzündungen des Kopfes, 
des Unterleibes oder selbst an hitzigen Brustentzündungen ge- 
storben sejen. Er habe sieh immer bemuht es ausxumilteln, ob 
die Lungen derjenigen, die eine phthisische Anlage hatten, etwas 
«usserordentliches darböten und habe nie die mindeste Spur vou 
Tuberkeln gefunden, wenn nicht vor der Krankheit, an der sie 
gestorben, ein Katarrh, eine chronische Pneumonie oder Pleu- 
resie vorhergegangen war. Nun sej es aber sehr wahrscheinlich, 
dafs wenn diese jungen Leute, bei denen er keine Keime von 
Tuberkeln gefunden habe, in einem kalten* oder massiger warmen 
Lande geblieben wären, eine grosse Zahl von ihnen der Lungen- 
schwindsucht unterlegen haben wurde. Diese W^ahrscheinlich- 
kett verwandele sich in Gewifsheit, wenn man in Erwägung 
ziehe, dafs während die Armee, bei der er diente, in ^en Nie- 
derlanden oder in Holland ihren Standort hatte, eine grosse 
Zahl von Individuen, die diese Anlage hatten, durch die Zu- 
nahme der Lungenschwindsucht mit sehr vervielfältigten Tuber- 
keln gestorben sejen, dafs sobald wie dieselben Corps in Italien 
angekommen wären, diese Schwindsuchten äusserst selten wur-» 
'den, dafs alle ohne Ausnahme, bei denen man die Lungenschwind- 
sucht sich entwickeln sah, die Ursache davon zurückbrachten 
auf eine Erkältung, die ihnen einen Katarrh oder eine leichte 
Brustentzündung zugezogen, oder auf sonst* eine Reizung der 
Lungen durch Stösse» Fall etc.| dafs er, indem er durch eine 



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Broussais Examen ^es doctrmes m^dicales« 788 

IriAige Behandlung gleich ao£iqgs diese Entzüodungen aufhalte, 
die Lungenschwindsucht sehr selten gemacht lial>e und täglich 
noch mache, trotz der Anbge der Individuen zu derselben u.s. w. 

Wiewohl wir gern zugeben^ dafs die Tuberkeln oft die 
Folge von Temachlässigteu Katarrhen und chronischen Brustent- 
zündungen sind, so mochten wir doch deshalb den Einflufs der 
Disposition, wegen deren sie auch oft in mehreren Organen zu<^ 
gleich entwickelt werden, nicht so zurücksetzen oder läugnen. 

Die Scrophein werden (CLXXIX ff.) für Heizungen der 
Ijmphathischen Gewebe erklärt, welche man, da darin die Hiue 
wenig bedeutend sej und die Höthe nicht vorkomme, durch 
eine eigene Benennung, die der Subinßammatton , unt<;rscbeiden 
könne. Doch kaiui sich Entzündung Yu dieser Subiuflaintnation 
als ürsaclie oder Wirkung gesellen. Die l)mphathist;hen Drü- 
sen schwellen an, verhärten und erweichen sich wieder nur durch 
die Erhöhung ihrer Irritabilität und Contractiliiät, d. h. durch 
ihre Reizung, welche eine der Subinflammatiouen ist (CLXXXIII.). 
Aehnlichen Anschweflungen in Geweben, worin man im gesun- 
den Zustand keine lymphatischen Drusen bemerkt, mufs man 
(CLXXXIV.) dieselbe Natur zuschreiben wie den durch die 
Retzung entwickelten Drüsen. Alles dies hat den Namen Tuber* 
Idn. Wenn das Zellgewebe langsam mit Lymphe oder Fett 
verstopft wird und verhärtet, ohne die Erscheinungen der Ent- 
zondung zu äussern, oder nachdem die Entzündung darin erlo- 
schen ist, mufs (CLXXXVIII.) dieser Zustand immer der Er- 
hohoog seiner Irritabilität und Contractilitat zugeschrieben wer* 
den, niemals einem entgegengesetzten Zustande: es ist dies noch 
eine Art von Subinßammation, Das Fett und die Ljmphe, die 
die Verstopfungen mit Harte im Zellgewebe bilden, sind iinmer 
aasgeartet; und wenn die Erweichung hinzukommt, bildet sich 
daselbst Entzündung aus. Dies ereignet sich bei den Encipha'^ 
loiden, Melanosen, Scirrhenß etc. Daher der Krebs , der auf 
gleiche Weise in den Tuberkeln entsteht. Der äusserliche Krebs, 
das Product der mit Reizung verbundenen Ausartung der Ge- 
webe, in denen der Ejweisstoff und das Fett vorherrschen, ist 
(CXCII.) immer von Entzündung begleitet; er ist nicht unheil- 
bar, so lange er nur örtlich ist. Die Entzündung des ausserli- 
chen Ktthses wiederholt sich (CXCIII.) durch Sympathie in den 
vorzüglichsten Eingeweiden; aber deil Krebs entwickelt sich 
darin nur in Folge dieser Entzündung. Er kann selbst sich nicht 
darin ausbilden; die krebsartige Anlage ist also nicht so häiilig 
ak man glaubt. Die Fortschritte des Krebses stehen (CXCIV j 
iamier im Verhältnisse zu der dabei Statt findenden Entzündung. 
Alle Entzündungen und Subinflammationen können (CXCV.) den 
Ikebs bervorbriogen. 



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784 Broassais Examen des doctrioes medicales. 

Dafs Broussais sich za der audi von vielen Neueren rer^ 
tlieidigteu, von anderen wieder bestrittenen Ansicht, wornach 
Entzündung (oft aber auch wohl schon eine geringere Reizung 
der Haargefasse und dadurch veranlafste oder damit verbundene 
Ergicssuug von plastischer Lymphe, Ejweisstoff, Gallerte oder 
Fett, oder Blutwasser) die Grundlage der abnormen Bildungen 
ausmacht, bekennt, ist nach seinen allgemeinen Grundsätzen nichl 
anders zu erwarten. Eine allgemeine Anlage, Erblichkeit, Teh^ 
1er der Assimilation etc., als ursachliche Momente, erkennt er 
selbst bei den Scropheln nicht au. Unbefangene Forscher wer- 
den aber auch hier eine solche einseitige Reiztheorie niclit ge* 
niigend finden. 

Hierauf werden (CXCVIIl ff.) die Blutflusse betrachtet, 
von denen alle, welche nicht von einer äusseren Gewattlhätig- 
keit abhängen und welche von selbst eintreten, für activ gehal- 
ten werden y wie grofs auch die Schwädie des Subjectes sejii 
mag. 

Sodann werden (CGI ff.) die nevroses angeführt und in 
active und passive getheilt. Doch wird (CCIV.) die Bemer- 
kung nachgeschickt, dafs die activen und passiven eine in dem 
Cerebral - Systeme oder einem anderen Eingeweide sitzende Ent- 
zündung zur Ursache hätten, die passiven aber zuweilen von 
einem auf die Nerven sedativ wirkenden Einflüsse abhingen; so 
wie auch (CCV — CG VI.) Entzündung als Folge der activea 
rUi^roses angeführt wird. 

Eine fernere Abtheilung von krankhaften Affectionen machen 
auch hier (CG VII ff.), wie in der ersten Ausgabe das Examen, 
die durch organische Fehler des Herzens und der grossen Ge- 
fasse bewirkten Hindernisse des Blutundaujes (obsiacles d Iq, 
circulation). Die dabei Statt findende Uubehaglichkeit (malcUse) 
und Angst sollen (CCXILj früher oder später eine gastriu ver- 
anlassen (?). 



(^Der Biscbbifs fo^.) 



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N= 50. „ . , . 1822. 

~ Heidel>erger * v*^ 

Jahrbücher d^r Literatur. 



BroüsSMs *£xämen des doctrincs medicales. 
(Beschiu/s.) 

lAdem er nun die vercphi^enea orpobcben Fehler des Her- 
Bens Qoter diesqn sligtm^en Begriff bringt, äusseit er sich 
nbrigeos in Bezug auf die Diagnose der einzelnen in dem Exa^ 
m^ Cp^^SAJ b«i der Bestreitung von Laennec sdir ungunstig* 
^Mflis j'ai soaienu, sagt er, que dans Us.affections du coeur^ 
9par exemple, cette determi/uUion precise ßsf de pure furi(^sife, 
iqu'eUe n^ fowrnit rten ä la thirapeutique , et que ^^opif untrer 
»a la. chercher, ifest yexpqser au hcuofdeux, d l'kfpothetique^ 
ut m^me . d Vimaginailre^ dans l'interprdtation des phenomene^ 
^paikologiques qui peuvent frapper l*vbseryateur. Aitisij voidoir 
iahsolument pridire av€uit la moft s'il y aura ddchirure de quel^ 
wquef coloimes charnues, des ulcerations ou des vegdteuions dans 
iies venlrictdes ou dans les orifices arterieis, de Vendurcissement 
uaix vtdvcdeSj wie herme des parois du coeur, leur d^gSneration 
Hubercideid^e,'^ ßbreusej cartüagineuse , Vossißcation des vais^ 
%seaiuLX cardiaques , c^est avoir des pretenlions exagdrees, Eit 
nffet, ces pariictdariiäs de de^organisation ne peuvent produire 
Tkdes ^mptömes assez coiutants pour e&e toujours reconnues. etc.€ 
hock scbeiAt ihm (p. 755) Laennec sehr glücklich gewesen zu 
sejn in der Bestimmung der Zeichen der Verdickung und der 
Erweiterung der einen oder^der anderen Rammer des Herzens; 
nur müsse er ihm vorwerfen, dals er die Zeichen der Compli- 
cation der gastrite verlernt habe, welche fast immer während 
des Verlaufes der durch die Hindernisse des Blutumlaufes ver*' 
anlafsten Krankheiten hinzukomme. Auch Con^isart habe diesen 
Irrtfaum begangen. Unseres Kreysi^s Werk über die Herz-» 
krankheiteu hat er nkhc gekannt, wenigstens nirgends angeführt | 
soost würde dieser ^ohl nicht auch frei durchgekommen sejiii 
intern er wohl die Zufälle ^es Verdauungssystemes bei Herz- 
Icraokheiten berücksichtigt, aber eben auch nicht eine gastrita 
als Ursache derselben angegeben hat. 

Ab ein besonderer Zustand der flüssigen sowohl aU der 
festen Tlieile, durch unvollkommene Assimilation veruruch^ 
vmd auch hier (CCXÜI.) wenigstens der Scorbut angeführt 

50 



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786 Broussais Examen des doctrlnes m^csdes» 

Die fVassersucht aber wird (CCXVI.) verursachi durch 
Hindemisse des Undaufes des Blutes und der Lymphe, den 
^mpathischen Eüiflufs einer chronischen Entznodang, das Anfr 
hören der Wirkung der reinigenden Haargefasse, nnvolikoni- 
mene Assimilation und Schwäche» 

Dann wird (CCXVD*) "von den Intermissionen der Renmg 
gehandelt Die krankhafte Reizung kdnne in aDen Apparaten 
und Systemen intermittürend sejn. Sie kdnne in einem Apparate 
in niassigem Grade anhalten und sich periodisch yerschlimmem, 
sodann wieder auf ihren ersten Grad zurückfallen. In diesen- 
Fällen errege sie, wenn sie massig sej, wenig Sjmpathieen, bey 
ihrer Yerschlimmerung abeir eine grosse Menge: das seyen die 
febres remittentes y subintrantes etc. der Autoren. Die intermit* 
tirenden nund remittjrenden Reizungen seyen immer mit Erhftfaun^ 
der Sensibilität und Contractilität und deshalb mit Congestion, 
entweder in dem ursprünglichen Sitze des Uebels oder an den 
Orten y Vro die Sympathieen erregt werdieh/ Terbunden. Sie 
seyen imhier Entzandungen , Blutflüsse, Nervenkrankheiten oAct 
Subinflammatiouen , welbhe sich versetzen und freiwillig durch 
kritische Metastasen endigen^ wenn sie aufhdren sich zu yar* 
setzen, gehen sie in anhaltende, hitzige öder chronische ühef: 
Die intcrmittirenden und remittirenden Fieber seyen periodische 
gastro^enterites; aber das Gehirn und die anderen Eingeweide 
würden sympathisch eben so wie in den anhaltenden gerekt und 
könnten auch der Hau^tsitz der Reizung yf'erden und sich auf 
eine periodische oder anhakende Weise entzünden. Für die 
gewöhnlichste ät^sscre Ursache der Wechsdfi^eber wird (CCXXVH.) 
der Wechsel der atmosphärischen Kälte und Hitze erklart; abel^ 
auch alles, was auf dieselbe Weise die thierische Oei:0nomie 
verändere, können sie erzeugen und vorzüglich sie wieder voii 
Neuem hervorbringen. 

B^i dieser Darstellung der Wcchsdfieber findet einige Ab- 
ireich^ng von der früheren in der ersten Aüsff. des Examen 
Statt. Nach der früheren sollte das Wechsäfieber eine allge^ 
meine und intermittir^nde Reizung der Eingeweide seyn; es 
sollten jedoch mir periodische Blutcongestipnen nach dem Darm^ 
kanale, nicht Entzündimg,, die Ursache ausmachen. Auch ist jettl' 
flicht voh Ui^sachen des periodischen Ve^rhältnisses die Rede, die 
ahhaltend auf uns wirken ! Uebrigens braucht wohl ksfum b^ 
merkt zu werden, dafs der' eigentliche Grund des periodis^l^ii 
Typus hier eben so wenig wie früher voA dem Verfosscr e!r^ 
klärt ist. ^ . 

Da (CCXXIX) die RAeumatitmen fibröse Entzündungen^ 
durch den Wechsel der äusseren Hitze und Kälte hervorgfe* 
bracht, sind, ist es nicht' auffallend, disf sie oft intermi^tttrend 



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Broassais Examen des doctrjnes medicales. 787 

mi periodiKh sind (?)i J>ie periodischen Gelenkentzündung^ 
ir€9den (CCXXX*) wandelnd d^r.cb den Weg der Sjmpathieen. 
Bei der Gicht wird (^CCXXICV.) die Roi^ong der gastro^en^ 
tM«i sympathisch dep (^euLen mitgetheilti jedoch nur wen^ 
der Einftub .deß We^iiels der Atmosphäre oder irgend eine 
andere reifende äussere Ursache die Gelenk^ daxu prädisponirt 

kAeft(?). ; .^ 

i £pdlich wird noch (CCXLID ff.) von den scharfen^ xi^ 
^amfMmiehßnd£fi ui|d na^cotisch^ V^^tabiUen, den scharfen 
vmer^chm Sukttaivwi und anderen Giften ^^ den Bissen gfti^ 
ger u^d iväthmder T^r^, (untgr deren Folgen a^ich die gastrp^ 
entarite hervorgehoben wird), so. wie ( CCL2X ) von den m^r 
geimdewirmem gehandelt, weiche letzte anf^ häu%sten, jedc^ 
mht, iinm«r, dus Product «iner Yeränderuqg, des Schleimes u|id 
der .yc^ r$ln)sr mehr od«r. weniger heftigen gfl^tro^etuirite eul- 
4prii^9nd€ii Hitze {ly^ttjxi ^en^! daher denn auch die Wir«» - 
kungipn.d^ reizenden woriiitKeibeAdeit «Mittel 30 verschiedai 
fejen. . .i , " .- . i^-^ ''...,: -r,.- »li' ■ , . - 

In der. , den dtiHm Jisobnitt ^tmuichenden , Then^ie gie^t 
der y.etf.y nach (CCCiXII»>*,li!Oi:^uisgeschickter B^erl^ung, 4^s 
ci geßMurUch scj eint ^Siitzundupg in ihjrem Anfange nicht au^« 
^ .stthidtco, ,io4em die Klfofü "immier gewaluai^e^ oft gcfahrlic})« 
Ansti;eoguo|^n der IJ^fttttr . seyieo ,. vi ^r Artet) von Mitteln an 
(CCLXHL), die deaGan^.der ]iintzundungen aufhalten könnten: 
die schwächenden, die aMeitei]|d0n, die fixen ^^ischen und die 
mdir oder ;^tiniger fluchtig irei^cnden* Die zur. 4ufbattung der 
£otzandunge9 geeigneten; schwächenden Mittel ^i|i4h( GCLaIV.) 
die Bfauausieerui^ (welche das wirksamste i^t), die UMigere Rpst^ 
die. erw/eiqhenden «nd; säiieriicben Getränke. . , 

Oa^. hei diese! Angabe der antiphlogistischen Mittd unter 
den. i innerlichen Mitteln. blof$ die erweichenden und säuerliche^ 
Getränke angeföhrt^ dib NUrum und ähnliche Mittel nicht em^ 
pfohlen, 1» gar nicht genannt werden, ist wohl der Furcht^ dafs 
si^ l>ei der . vom Ver& in Fiebern und auch bei anderen Ent-* 
ZQudungen so gewöhnlich angenommenen gastro * entSrite dur^ 
Beisoji^ schadben möchten, zuzuschreiben, l^ann aber gegen den 
so oft bewSlirten Nutzen diealer Mittel in Lungenentzündungen und 
andren falkb^-wo keine wahi0 gasfra-ent^rite anzunehmen ist^ 
mcKt.invAoaeHhg gebracht werden, selbst wenn sie auch nur 
indireet öder durch AftleitAug nutzen sollteiiu r 

. Es wird dann (C(3LX¥ ff.) von der Anzeige der allg^ 
aeinea und örtliche» Bhilaosleernngen und deren Anwendung 
M eaztkken Entzündungen gehandelt* 

J>«r nun nach dte .Verf&t. Meinung auch d^ gastrische Zur 
«telaaf /eiotr gastro '^ßntäritc beruhig «0 werdeir\CCLXXVIU.). 

. 60* 

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7^8 Broussais Exameo des doctrines medicales. 

Alt plliditen, sclileimrgen und andern STioptome des gastrisdieik 
ZuStandes schneller und sicherer geheut durcli auf die Öber^ 
bauchgegcnd gesetzte JBlutigd oder blofs durch Enthaltsamkeit 
'und das Wasser, als ducrch Brechmittel; Die Brechmittel heil«it 
^CCLXXXVII.) die gf^tro^entirites nur durch Revokioii und 
^die kritischen Ausleerungen, wekhe^sii bewirken; ihr^ Wirkun|r 
ist demnach ungewifs in leichten Fällen; und in scW^ereA »ihid 
sie immer gfefHirlidh, weil ^ie Immer die Ebtäuödiuig Vib^meh- 
\ ren, i^ eiche es ihnen nicht geglückt ist 'tu heben. Eb^ ^«o 
Techäk es sich mit den^ PurgirmitteinfJ aber diejenigen, weichte 
bitter sind, ve^rmehi^en's^ker die Hitze, während die salzigeo 
die Entzündung vdr^elgcn, indem sie dieselbe chroitisch nuichen. 
'19^ bt of^ -die Wirkung des Calomels und der Neutralsalz«^' 
^W^khe die von den gastr^-entirites 'abhängenden. Leiden nur 
iifehihigen, indeÄ'sie eine Dfatrhoe^uiiterl^ten, di^e tth -der 
'Abzehrung öder 'Wassersucht endigt Die BlasenpflasrerTermefa^ 
•tcn rCCXXXXVni./ eb^fttlls ok Ait^ gäü^-entiritiis. ^ Indem 
" nun hier über die Behandlung der gastrom,enterite, Brech- und 
- }%i!gtrrottte V Bla^enpCklister etc. < 'itti>' Cbnini ^dies^lbeni tWu^ätze 
^tfiigegl^än werden, wie wir ^iö tfus de« K>t^ons (Hfeidelb. vTahrt». 
■^48i2i. St. 1,' Nr. 6;'S. 86 ff.) Initgetfeejll und beurtheilt habe», 
'^iiehen wir uns hidr attf -uttsctfe 'frAire Daist^ung- Und B^ 
■virtheilung derselben und bemeiken flihr, dafs wir auch jetzt 
xwar nicht die guten Seiten von ißroiiii^aü Curmethode in Fällen, 
wo wirklich issAfi' gcLsiro^entirkeo^^x auch ohne wahre Ent- 
zündung ein^ die krankhafte Absonderung* bewirkende Reizung 
der Schleimhaut des Darmcanales Statt findet, veirkettn^n, vi^ 
mehr- es dem vieler anderer, «Tuch deutscher, A^i&te, die hihr 
zu unbedingt Brech * und Ptirgirmitter anwenden, v^rzielveu 
(vgl. Heidelb. Jahrb. i^ai, H.ji, S;- ^3 u. 95 ), dagegen aber 
immer noch der Meinung sind, da& se&ne Grundsätze ' sowohl zu 
'einem grossen Miüsbrauche' der Bhitausleerungen , als vtk einer 
'nidit^ minder uachtheiligcn Vernachlässigung der in vielen -Falles 
'sl^hr wichtigen Brech- und Purgirmittel etc. Veranlassung geben 
'müssen. 

* ' Die Cor Att'Encanthtme wird auch hier bloCi der Annahme 

einer örtlichen Entzündung gem^fs bestimmt. Da (CGLXXXL) 

das vor dem Ausbruche hergebctide Fieber der'hkzigeD Hau^ 

''^MtzÜndungen das Zeichen einer Bntzundung der Eing^weidei ist, 

die vor der der Haut hergeht, machen iBIutausleerimgenj aus dtea 

-üaargeässea so' viel als möglich in der'Kähe des inneren^Punk- 

4es derR^izmig an^^ellt den Ausbrubfi leichter und vermtadem 

die Gefahr. Da (CCLXXXII.) das sejoauiäre Fieber der ausanir 

ineiiHi essenden Pocken die -Wirkung der durch diePustelii her- 

^Toi^ebrachten Rose' ist, kannes gemasatgt und mancknab.^eB^ 



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Bröttssais E3cam€fn des doctriires medicales. 789 

Kfite^ werden, i) duroli Aie wahrend des vor dem Ao^ruclie* 
Torherg^eoden Fiebers vorgenommeuen Blutausleerungen, a) durch 
Biadgel an den Hals in dem Zeitpunkte gesetzt, der vor der. 
Rose des Gesichtes hergeht. Und da (CCUtXXIII.) das söge-. 
BUmte adjnamische Fieber , weiches in züsammenfliessenden Po- 
dien hinzukommt y nichts als eine durch die Rose der Haut bcT 
wirkte gastro ^ enUrite ist, kann es durch die Mittel verhütet 
werden, die den Fortgang dieser Rose aufhalten (s. d, vorigen 
Satz). 

"Wir beziehen uns hier ganz auf das in der Kritik von 
Broussaus Vorlesungen über diesen <7egenstand Gesagte. 

Die Typhus, mdem sie (CCCXVII.) gastro-ent{!rUes durch 
miasmatische Vergiftung, d. h. durch fauliclite Gasarten erzeuge 
siikI, oft. mit G)mplication irgend einer anderen Entzündulig und 
besonders der im Kopfe befindlichen Hohle, können aufgehalten. 
'werden durch eine diesen Krankheiten entsprechende Behandlung, 
"Wenn man sie in ihrem Entstehen angreift. Wenn die Entzün- 
dung der Tjphus nicht in ihrem Anfange angegriffen wird, sind 
(CCCXVIII.) die Blutausleerungen dabei oft gefahrlich ; denn das 
giftige faolichte Gas schwächt die Lebenskraft und die lebende 
Chemie ,bis zu einem solchen Grade^ dafs der Verlust nicht wie- 
der ersetzt werden kann. Die ausserordentliche Erhöhung der • 
I*ebenscrscheinnngen ist (CCCXIX.) die mächtigste Ursache 
ihrer Verminderung, und die Hitze ist die Kraft, welche beson- 
ders diese Erhöhung hervorbringen kann: daher sind die Tj'phus 
der heissen Länder, wo ausserdem die faulichten Gasarten gif- 
tiger sind,' gefahrlicher als alle anderen, und töd^en starke Per- 
sonen leichter ab schwache. Man ist berechtigt, daraus zu schlies- 
sen, dafs die Kälte in diesen Krankheiten wirksamer ist als wie- 
derholte Blutausleerungen ; aber sie mufs gleich im Anfange der- 
selben angewendet werden, sogleich nach den Blutausleerungen^ 
und innerlich sowohl als äusserlich. 

Obgleich nun der Verf. hier nicht blofs die Entzündung 
berücksichtigt, sondern auch die durch das giftige faulichte Gas 
bewirkte grosse Schwäche der Lebenskraft als hervorstechend, an- 
gid>t, so ist doch von Mitteln, die gegen letztere zu Hülfe zu 
liehen wären,, gar nicht die Rede. Nach ihm braucht mau über- 
hanpt in Nervenfiebem weder paregoricüj noch excitantia tier^ 
vinäj weder Baldrian,' Gimpher, Moschus, Opium, noch-Ser- 
peouria, Arnica, China, Mineralsäuren, Blasenpflaster etc, deren 
viatige Anwendung zwar da, wo der erste Zeitraum den ent- 
nfaidlichen Character hat, zu verwerfen ist, wodurch aber doch 
ui mt manchen Falten des wahren Suuus nervosus die Kranken 
Iflcb gerettet worden sind« 

Wenn dei Magen von einer chronischen Entzündung bc- 



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799 Broussais Examen ^ doctrines medicaltf • 

faflen ist| die eine gewisse Heftigkeit lial und die ganze' Ans* 
dehnung seiner Schleimhaut einnimmt,' sind (CCXCIV.) ihm alle 
reizenden Dinge zuwider und er kann sich von der Reiznngy 
die sie ihm yerursachen, nicht befireioi, ab indem er zur hitzigen 
Entsöndung zurückgeht und organische Sjmpathieen erweät, 
vermittelst deren er Krisen erregen kann> denn die Sjmpathieen 
der Beziehung kdnnen ihn nicht erleichtern. Der Magen, wel- 
cher sn chronischer Entzündung leidet, die itan noch durch 
Beizmittel vermehrt, bt (CCXCV.) der grdbten Gefahr ausge- 
setzt, wenn seine Entzündung zu heftig ist, um abgdeiteC za 
werden, denn es ist Desorganisation zu besorgen* Daher die 
Heilung oder Verschlimmerung der chronischen Magenentzün- 
dungen durch den Gebrauch der warmen Mmeralw^sser etc* 
Die Reizung, welche er auf die Lungen, das Gehirn und die 
iusseren Gliedmassen wirft, geht dann oft in Schwindsucht, 
Manie, Schlagflufs und Gicht über. Wenn die Magifnentzündun^ 
fuf einen mehr oder weniger kleinen Punkt des Magens be- ' 
schrankt ist, sind ihm (CCXCVI.) die reizenden Dinge zuwider, 
Termehren seine Schmerzen und verursachen Ungemachlichkeit 
und Fieber; wenn man aber durch die Anwendung mildernder 
Mittel die Reizung der kranken Stelle beruhigt hat, hat der 
übrige Theil des Ivlagens, der sich zu sehr abgespannt fuhk. 
Verlangen nach reizenden Dingen; diese bewirken Wohlsejn, 
erheben die Kräfte und befordern die Ernährung , bis dafs sie 
die partielle Entzondiing, die nur besänftigt war, wieder ange- 
weht haben. Sobald als diese letzte Wirkung hervorgebracht 
ist, fangen die Symptome wieder an und die reizenden Dinge 
werden von neuem sä>gewiesen. In den partiellen Entzündungen 
des Magens verfliessen (CCXCVII.) oft mehrere Jahre mit Ab- 
wechselungien der Reizung und Beruhigung, die durch die ver- 
änderte Behandlung bewirkt werdbn, bis dafs der Punkt der 
Entzündung das Eingeweide dcsorganistrt hat ,^ indem er entwe- 
der einen Scirrhus hervorbringt, oder das Organ erweicht und 
durchbohrt; endlich kommt ein Zeitpunkt, wo nichts mehr 
▼ertragen wird und der Tod unvermeidlich ist Man heBt 
(CGXCVIIL) die partiellen Reizungen des Magens, die sich durdi 
den in deil Sätzen CCXCVI und CCXCVII angegebenen Gang 
auszeichnen, indem man beharrlich magenstärkende Mittel ver- 
weigert, indem man zur Unterhaltung der Ernährung hinlängliche 
Nahrungsmittel verwilUgt, aber sie unter denen auswählt, die 
Nahrungsstoff geben, ohne zu sehr zu reizen; endlich indem man 
durch mildernde Getränke die Reizung beruhigt, die immer 

g;;en das Endo der Magen-Verdauung wieder rege wird. Diese 
r erfordert manchnialJahre, aber sie ist die allein dauerhafte; 
sie kaon selbst gelingen, obgleich ein gewisser Grad vouDcsor 



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Broossais Examen des doctrines medicales. 79 t 

ganisatioQ Stirtt findet; es ist hier besonders wicKHg niclit zu 
»chwadieo dorcli Blatäusleemngen und eben so wenig durch 
Eothaltsamkeity welche bewirken konnte, dafs das ^ngewelde 
die assimiKrende Kraft verlöre. In den chronischen gastrites 
und gCLstrO'^tntintes, die nicht mit coliu complicirt sind,. erhält 
nuun (CCXCIX.) zuweilen die Hdilung, indem man die Yerstop- 
fang mit Calomel und Neutralsalzen bekämpft; aber das geschieht 
nur in denen Fällen, wo die Entzündung leicht ist; denn wenn 
sie eingewurzelt und stark ist, wenn zumal die Organisation des 
Eii^eweides gefährdet wird, ist diese Cur nur palliativ, eben 
sowohl wie diejenigen , welche man durch andere Reizmittel 
bevnr^^t—* Man h^ilt (CCCXLTII.) 4»« Hypochondrie, und man 
verhütet die Scirrhen der Verdauungsorgane und selbst die Lun- 
genschwindsucht , durch die Mittel, welche die chronischen ga- 
stritcs heben« Die Muskelbewegung und Zerstreuung stehen 
aber hier oben an (!£twa wegen ihrer antiphlogistischen Wir- 
kung?). Man verhütet und heilt (CCCXLIV.) aucli die Ver^ 
stopjfungen der Leber durch Mittel, welche gegen die chroni- 
schen gastro^entdrües dienen. Selbst die Mineralwasser, wel- 
ches auch ihre Zusammensetzung und Temperatur sejn mag, hei- 
len (CCCL — CCCLII.) die chronische gastrite und Verstopfun- 
gen der Leber und Milz nur durch die ableitenden Ausleerun- 
gen, welche sie bewirken, aber immer nachdem sie sie ver- 
schlimmert haben (?); auch sind diese Heilungen selten radicale, 
und nachdem sie dieselben mehrere Jahre hintereinander ver- 
sucht haben, worden die Kranken zuletzt meistens unheilbar. 

Diese Behauptungen stimmen nun Wohl mit den vielen und 
grossen Curen, die seit Jahrhunderten in Carlsbad etc. in Fällen 
der Stockungen. und Verstopfungen der Eingeweide des Unter- 
leibes, der Hypochondrie, Melancholie, Hämorrhoiden etc. ge- 
macht worden sind und noch jährlich gemacht werden, nicIit 
überein l — Andere sogenannte auflösende und Visceralmitlel fin- 
den in der (freilich überhaupt, wenn man von den Blutigcln 
und demulcirenden Mitteln absieht, sehr dürftigen) Materia me- 
dica des Verfs. keinen Platz, yverden aber hofFcntltch doch ihi*en 
von anderen längst erkannten Werth behaupten. 

Det ^qknsinn besteht (CCCLIX.) nicht ohne einen ge- 
wissen Grad von Reizung des Gehirnes, begleitet und oft ab- 
hängig von einer chronischen gastrite, und diese Krankheiten 
mDsseD behandelt werden mit örtlichen Blutauslccrungen ^ auti- 
phlogistbchen Mitteln und der Ableitung. Wenn man sie der 
Natur überläfst, setzt man die Rasenden der Gefährt der Epi- 
lepsie, wie der Lähmung und des Schlagflusscs ans, welche die 
Folgen der entzündlichen Desorganisation des Gcliirnes sind/ Man 
sQzt sie auch aus der Gefahr der organischen Fehler des Unr 



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79^ Broussais Examen des doetrines medicales. 

i 

lerleibes» welche immer das Etide der Temaclilassigtai gasirites 
sind. Die vorzüglichsten Verschiedenheiten der Gemüthskrank-' 
beiten dürfen (GGGLXI.) nicht von der Natur des Wahnsinnes 
abgeleitet werden, sondern allein von dem Grade der organi- 
schen Reizung des Gehirnes und der gastrischen Organe (?). 
Die entzündlichsten sind die schwersten ; die anderen sindT dar- 
unter zu stellen nach der Heftigkeit der Entzündung , sodana 
nach ihrer Dauer und der Wahrscheinlichkeit der Desorgani- 
sation : daher zieht mau die Anzeigen der physischen Behand- 
lung; aber die Natur des Wahnsinnes führt zur Bestimmung der 
besten moralischen Mittel. 

Dafs der Wahnsinn oft sympathisch und besonders von einer 
JLffection des Unterleibes abhängig ist, hat man längst anerkannt. 
Aber ob diese Affectiou gerade mit Breussais für eine gastro- 
entdrite zu erklären sej, ist eine andere Frage, Der Glaube an 
dieselbe führt naturlich zu einer sehr dürftigen und einseitigeu 
Behandlung, zur Vernachlässigung der auflösenden, Pnrgir- und 
Brechmitt^,' der digitalis etc,^ welche Mittel zwar wohl auch 
gleich der Aderlafe hier gemifsbraucht worden sind, aber doch 
auch zur rechten Zeit angewendet oft sich sehr nützhch bewie- 
sen haben. 

Die von selbst eintret^den Blut flösse müssen (CCCLXVL), 
wie die Entzündungen durch allgemeine und örtliche Blutaus- 
leerungen, durch -kühlende Mittel und besonders durch Ableitung' 
bekämpft werden, wie auch die Kraft des Subjectes sich ver* 
balten mag: das letzte Mittel ist das beste, wenn die Schwäche 
beträchtlich geworden ist. 

Da nach CCGLXXL die Krämpfe,, die Cornfulsionen aller 
Art immer die Wirkung einer örtlichen, fixen oder wandernden^ 
Bmung sind, sollen sie auch der Behandlung dieser Reizung^ 
d. h. den antiphlogistischen und manchmal den ableitenden Mit- 
teln, weichen« ' Die antispasroodischen Mittel aber (worunter der 
Verf. die reizenden versteht und nicht die mildernden, welche 
fast immer die besten antispasibodischensejen), sollen (CCGLXXIL) 
die convulsi vischen Affcctionen nur heilen, wenn der Magen sie 
verträgt ohne überreizt zu seyn , und wenn der Punkt der Rei- 
zung, welche die Ursache dieser Aflectionen sej, sich nicht bis 
zum Grade der Entzündung erhebe. Sic sejen auch oft schäd- 
lich in der Hypochondrie und Hysterie. Sie könnten zwar auch 
(CCCLXXIII.) den Nervenzufällen Einhalt thun trotz der Ent- 
zündung des Gewebes, wovon diese Erscheinungen abhängen; 
aber die Krankheit verschlimmere sich und die Heilung werde 
nur durch die antiphlogistischen Mittel und die Rerubion er- 
halten. 

Dafs nun zur Heilung der Krämpfe, wie mehrerer Ner- 



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BrOQSSäis Examen des doctriDfe^ m^dk^es. 793 

ir«iixidiH)e oft gaia andere Mittel als die nicht selten gemifsbranch- 
teo €tniispasmodica effordert werden, ist gewlfs und auch tou 
Anderen langst anerkannt. Aber deshalb darf der grosse Nutzen, 
den die paregorischen Mittel bei eigentlichem Erethismus nen^<H 
ms leisten, nicht übersehen werden, und wir können es für 
nichts anderes als für eine grosse Einseitigkeit iu Broussais Lehre 
halten, dals er dieselben so sehr zurückgesetzt, so wenig genau 
ihren wahven Wirkungskreis, ai}ch die so oft angemessene und 
wichtige Verbindung derselben mit anderen Mitteln, bestimmt 
hat. 

Der Scorbut ohne Entzündung weicht (CCCLXXV.) schnell 
gesunden Nahrungsmitteln, sejen es vegetabilische oder anima- 
Csch^ wenn ihre Wirkung nur durch eine reine, trockene Luft^ 
das licht, angenehme Gemülhsbeweguiigen unterstützt wird, und 
iTirksame Reizmittel können die Heilung beschleunigen ; wenn 
er aber mit Entzündungen compliclrt ist, müssen die Gallerte, 
der Ejwetsstoff, die Milch, die schleimi^^ zuckerartigen /Dinge 
and die Gemüfsc ohne Beimischung von reizenden Dingen ange- 
wendet werden. Die antiscorbutischen scharfen Mittel, so wie 
die bitteren und alcoholartigen sind dann ausserordentlich schäd- 
lich. Weil (CCCLXXVI.) die AlTection des Zahnfleisches, die 
manchmal den Scorbut begleitet, eine Entzündung ist, mufs sie 
sofangsi mit antiphlogistischen, späterhin mit örtlichen leicht rei- 
zenden Mitteln bekämpft "werden (wi^ entsprechen letz|ere der 
Eotzündung?); aber es ist unumgänglich nothwcudig.den Wein- 
stein von den Zähnen wegzunehmen. Bei den Entzündungen 
des Zahnfleisches ohne scorbutische Anlage ist es derselbe Fall^ 
sie sind gemeiner wie die scorbutischen. 

Nachdem der Verf. (CCCLXXVII. iE) mehrere Methoden, 
die intermittir enden und remittirendeh Entzündungen zu behan- 
deln, angeführt hat, erklärt er für die beste Methode, die Ent" 
Zündungen mit periodischen Exacerbationen sicher zu heilen, die, 
sie anfangs antiphlogistisch während der Hitze zu behandeln, so 
dafs man die Apjrexie vollkommen mache; diese Behandlung 
nach dem Anfalle fortzusetzen, wenn sie es nicht ist; die China 
und andere tonische Mittel während der ganzen Dauer der ^ 
Apjrexie zu geben; flüchtige Reizmittel im Anfange; des Schau- 
ders nelimen zu lassen und hernach zu den kühlenden Getränken 
inrück'zukehren, wenn die Hirze entwickelt ist. 

£r li^t demnach trotz der angeblichen gastro^entdriie doch 
die Wirksamkeit der China auerkannt und selbst stärker reizende 
Mittel empfof^len. Nach seiner früheren Erklärung sollen sie 
gmn den wahrend der Apjrexie Statt findenden Zustand der 
Schwäche wirken, eine künstliche Reizung erregen, die sich 
ijmpathisch auf der Peripherie des Körpers wiederholt, und die 



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794 Broii98ai$ Examen des docttkie^ medicales. 

RocUc^r der centripetalen Bewegung der Lebeiiduräfte Terhuten, 
wekhe einen neuen Anfall yeranlafst haben wurde. Wenn auch 
diese Erklärung sehr gezwungen und zweifelhaft scheinen möchte, 
«o wird man es wenigstens biUigen, dafs er seinen äbrigen Grund- 
sStzen nicht das durch Erfahrung so sehr bewährte Mittel auf- 
geopfert| sondern eher seine Theorie hier der Erfahrung anzu* 
passen gesucht hat! 

Gegen die Yfassersucht werden (CCCXCII. ff.) ausser 
dimrettschen und anderen den besonderen Ursachen entsprechen- 
den Mittek doch (CCCXCV— CCCXCVL) auch tonische Mit- 
tel nebst guter Nahrung etc. empfohlen, wenn sie von schlechter 
Assimilation und Erschöpfung 4>^ängt. 

Die Scrophdn, welche am Acusseren A.eB Körpers anfan- 
gen, in welcher Form es nur sejn mag, können (CCCXCVIlf.) 
gehoben werden durch mit Kühnheit angesetzte Blutigel : alsdann 
bildet sich die Anlage, die nur die Wiederholung der Reizung 
in ähnlichen Geweben ist, nicht aus. Die scrophulöse Anlage 
(die sich immer äusserlich zu erkennen giebt) wird (CCCXCVIII.), 
wenn sie noch nicht eingewurzelt ist, zerstört durch trockene, 
warme und helle Luft, d. h. durch die Eigenschaften der Luft, 
die denen, welche sie hervorbringen, entgegengesetzt sind. Sie 
weicht aucb der Leibesübung, aber allein in freier Luft. Rei- 
fende ingesta heilen (CCCXCIX.) die scrophulöse Anlige nur 
durch die Erregung der reinigenden Organe, d. h« durch Ab- 
leitung; und wenn sie diese nicht bewirken, verschlimmern sie 
die scrophulöse Heizung wie jede andere, Sie veranlassen (CD,^ 
in diesem Falle die gastro-^entirite und fügen sie zu den scro- 
phulösen Reizungen des äusserlichen Körpers hinzu , <las ist die 
von den Schriftstellern sogenannte Atrophie fcarreauj; und 
•wenn die Lungen die Reizung sich zuziehen , ist es die soge- 
nannte scrophulöse Schwindsucht Bei der eingewurzelten scro- 
phulösen Anlage sind (CDIL) die Zugmittel nützlich, wenn nur 
eine angemessene Leibesübung ihre Wirkungen begünstigt und 
man nipht durch den' Mifsbrauch der Reizmittel die Reizung 
nach dem Inneren zieht* 

So wie wir die Ansicht des Verfs., dals die scrophulöse 
Anlage nur die Wiederholung der Reizung in ahnlichen Gebil- 
den sej, für einseitig und ganz unbegründet halten, so zweifeln 
wir auch, dafs er sichere Erfahrungen habe, welche die hier 

Serühmte Wirksamkeit der Blutigel zur Verhütung d«r Ausbil- 
ung der allgemeinen Scrophelkrankheit beweisen. Hätten wir 
übrigens gegen die Scropheln so sichere Mittel wie gegen das 
Wechselfieber und die Lustseuche, so würde wohl Broussais 
nicht ermangelt haben sie, wenn sie auch nicht geradezu anti- 
phlogistische seyn sollten, anzuführen und ihre Wirkung durch 



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BrOiusMis Exameu des doctrines m^dicales« 795 

euM A^ tis Ursache «ngenommeneii krankhaften Renong eatge^ 
gengesijfzle kunstUche Reizung oder Ableitung zu erUiren l — 
Dab £e Atrophie auf die hier und CXLVII. von dem Ver& 
aog^ebene Weise entstehe, - mochte auch zu den willkührlicben 
Hypothesen gehören, mit deren umständlicher Widerlegung man 
unnöthigerweise Zeit und Papier Terd^ben wurde. Wir mdch« 
ten den yer£ nur fragen, warum der mesenterische Scrophel- 
zustand (der ohnehin oft für sich, ohne den anderen, besteht) 
besonders Kinder befallt und nicht b^ei Erwachsenen, die doch 
nadi ihm so häufig an der gastro'-^ntdnte leiden, gewöhnlicher 
ist, sondern so selten/ vorkommt ? .« 

Die Lustseuehe ist (CDV.) eine Reizung, welche dasAeus- 
•ere des Körpers eben sowohl als die Scropheln afficirt, und 
nun verhütet ihre Wiederholung^ welche die Diathese bildet, in- 
dem man sie in ihrem Anfange durch örtliche antiphlogistische 
Mittel und besonders ' durch viele Blutigel bekämpft. (Sollte 
man sich hierauf besonders bei Schankem verlassen könneni?) 
Auch die veraltete ^rpbilitische Reizung weicht (CDVI.) den 
antiphlogistischen Mitteln und der mageren Diät; allein da diese. 
Cur sehr beschwerlich ist, zieht man das Quecksilber und die 
schweifstreibenden Mittel vor, welche übrigens gleich anderen 
Reizmitteln (CD VIT.) die Lustseuehe nur dadurch heilen sollen» 
dafs sie eine Revülsion auf die reinigenden Haargefasse bewirk- 
ten. C^arum vermögen dies aber nicht andere Reizmittel gleich 
dem Quecksilber?). Es sollen auch (CDVIII. ) die antisjphi- 
litischen Reizmittel innerlich mit vieler Vorsicht gegeben werden, 
indem sie sonst gastrh^entdrües erregten,« welche sicfai auf die 
äusseren syphilitischen Reizungen zurückschlugen, so dafs die 
Revulsioa nicht Statt habe, oder dals die Reizung auf die Ein- 
geweide gezogen werde, welche dann desorganisirt würden* 
Auch die äusserlich applicirten Mercurialmittel sollen die äusser- 
Kchen syphilitischen Reizungen nur heilen, wenn diese schwach 
sind, indem sie Reizung der Reizung entgegensetzen (!). — ^ 

So mufs dann auch hier die Reizung die Hauptrolle spielen und 
es wird an specifische qualitative Verhältnisse nicht gedacht ! Hätto 
sich das Quecksilber nicht als ein so sehr nützliches und oft un- 
entbehrliches Mittel bei dieser Krankheit bewährt, so würde es 
der Verf. seiner Theorie gemäls wohl kaum genannt haben. Es 
soU indessen durch Revülsion wirken und es sollen auch schweif»- 
treibende und andere Reizmittel auf diese Weise helfen! Thua 
sie das aber wirklich so sicher und können sie, wie es nach 
diesen Grundsätzen der Fall seyn müfste, das Quecksilber ent- 
behrlich machen? — 

Endlich betrachtet der Verf. hiÄ (CDXXVII.) noch näher 
fie Schwäche. Es wird aber die Bemerkung vorausgeschidit. 



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7g6 Broo^sais Exatneii des doctrioes m^dicales. 

dtfs sie am häufigsten das Produot der Reittmg sey luid zu"» 
weäen allein die Krankheit ausmache. Doch wird anerkannt, daf« 
wo sie auch ursprünglich von Reizung abhänge, oder die Wir- 
kung . derselben sey, sie doch hernach die Hauptkrankheit au»» 
machen könne und dann besondere Anzeigen bilde. Aber mit 
Recht wird auch (CDXXVllL) bei der die Reizungen beglei« 
I tenden Schwäche , so lange jene noch so heftig sindy dafs sie 
durch nShrende und reizende Dinge verschlimmert werden kdn- 
nen, der Gebrauch von diesen widerrathen, und selbst hernach 
wegen noch übrig gebliebener Reizbarkeit grosse BehutsandLeit 
in Ansehung der Anwendung derselben empfohlen. Auch wird 
(CDXLV.) bei Dyspepsie, selbst der mit Schmerzen im Magen, 
Aufstossen, Blähungen, Coliken va*bundeneu, die Anwendung 
tonischer Mittel für nothig gehalten, freilich mit dem die An- 
zeige wohl nicht gehörig begründenden Zusätze, »wenn diese 
Zuüille bei der Anwendung von mehr reizenden Nahrungsmitteln 
verschwänden.« Gegen die Schwäche mit einem Katarrh, wel- 
cher durch zu reichlichen Auswurf die Kräfte erschöpft und 
fieberlos .ist^ werden (CDXLVIIL ) ausser guten Nahrungsmit- 
teln tonische, adstringirende Mittel in kleinen^^aben , als China, 
Isländisches Moos und iileizncker, nebst abldtcnden Mitteln, 
aber ohne lang unterhaltene £iterung, empfohlen; bei der Schwäche 
mit der colife chronique (CDL.) rother Wein etc. — 

So wird dann nun doch auch von unserem Vf. den stärkenden 
Mitteln ihi; Wirkungskreis zugestanden , den ihnen nur einseitige 
Theorie absprechen, so wie zu sehr erweitern konnte* 

Ueberhau^t müssen wir die allgemeine Bemerkung beifugen, 
dafs sowohl auf die speci fische Reizung als auf das krankhafte 
Verhältnils der Säfte und der Mischung in der Pathologie wie 
in der Therapie des Verfs. gar nicht die gehörige Rücksicht 
genommen wird, daher auch wohl die Cur so mancher chro- 
nischer Krankheiten nach Broussais Grundsätzen wenig gefördert 
werden kann. 

In dem Examen betrachtet der Verf. iL ersten Theile er- 
stens die Lehre des Hippokrates, dann auf wenigen Seiten die 
Medicitt nach Hippokrates bis zu den Nosologen, hierauf beson* 
ders die Nosologie jdes Sauvages, den Ursprung der Schule von 
Montpellier und mehrere andere Noso)«igieen , das System von 
Brown, den Brownlauismus Italiens, die Lehre der AeriXe Deutsch^ 
lands und des Nordens von Europa, die gegenwärtige Medicia 
Englands und Spaniens, im zweiten Theile aber die tranzösisdie 
Medicin im Allgemeinen, die Lehre des Bordeu, Barthez und 
die Arbeiten von Cabanis, dann am umständlichsten (S. SqS bis 
646.) Pinel*s Nosographie phdosophiquej handelt dann von der 
pathologischen Anatomie (die die Medicin wenig gelordert haben 



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Broüsaa Examen des .doctrines oiedicales. 797 

soll, weil die Krankkeit miWcaimt war, weil <lle RoUe und die 
Sjrapatbieeo aller Organe bei weiteai nichts gehörig bekilnnt w»- 
Teoj weil man die. gastro^ent&äe ntefat kannte,. AUgemeinbeit 
der RmUDg.und krankhafte Materien statt <krsdl>«n.aDDalini !) 
und Hfst siek ^endlich . noch über: ^nige neue hAretky so wie 

^uber die Gewüsbeii der Medieih aus. 

Eine nähere Angabe und . Beurtheilung/ des von dem Verf. 
.geoMichfeeit Einwendungen, gegen die Leiätm anderer Acr^^ 
'wurde ein. leignes Buch erfordern und kam» der Raum unserer 
Blätter nicht erlauben, daher wir uni auf folgende' Bemerkungen 
^beschränken.; Der Verf. bat, wie et selbst in der Vorrede sagt 
und wie iu erwAiien "war, 4>e Lehren Anderer nach dem Maase 
siibe seiner Grundsätze hei:(i;|heUti. )Vir verkeniieB iniobt, dafe 
«r \iele tretende Bemerkungen [über. die. uosok>gisckett. Sjstem^, ^ 
über die Xehre Bjrowti's, die Ualllniscbe . von' dem Cpntrasfwiftr 
lus, 90 wie über andere LehrsätEe. seiner Landsleute sowohl ats 
anderer Nationen gemacht b^t. Aber ( abgesehen^ davon, daft 
^Tiele dft^yev Bemerkungen Ja ngitt >oii aqderen. und/ tum^l . au^ 
. deutscheo Aeritten vorgebracht, worden sind) er . hat ibÄoi au<;|i 
Yiele übertriebene und utigerecbte Vorwürfe ^ gefi^ac^ht. Besoiv- 
,ders( milfs -efl' bi^i seinier Beurtheilüug der medii€Jms<;ben Grundr. 
Sätze der .DetltMhe^ .anffaUep, ds^s er über 4ie abspricht, obi^e 
selbst ^buidöD Hauptwerken i)»^r Literatur die gehörige Rennte 
;iiifs %\k zeigen. So fj||^rt er zwftr r(S. A77-). des; un^erblichen 
J, P, Frank's Epitome dß curandis ho/runfti^ mo^hü an, hält 
sich aber bei ^feiner Kritik au dessen Sohnes /o^. Frank prax, 
med, proßcepf ßj ind^m er diesen und. lyon lftl4;knbnänd als die 
zwei berultfntesleu Classiker dieser Gegenden ausist Von 
dem ktttem Wird blofs die S(;hrif^t (ii^er defi absteckenden 
Tjpbus beurlbeilt und derselbe , wie sich ; erwarten läfst ', 
.zurechtgewiesen., weil er d^ /jTjphus coniagiostts nicht biofj^ 
▼on einto ^04^1*0 - e/i/m/e 'ableitet , auch den späteren Zeitraum 
für nervös hält wnd net^ina empfiehlt. Aber wenn auch Mau- 
ches gegen ib« ^J^mcrkte gegri^i^et sejn sollte, so möchte man 
nach .t8in^*eii)»elnen Schrift über eine Krankheit, in Ansehung 
deren. die<A^s|i)cbl^ iioch so, ve^^hieden sind, in welcher übef* 
dem: auch qo n^nche deutsche, , Aerzte gerade die Blutau^iee- 
rungen, d^en Veruachla^igung .von Hildcubrand vorgeworfen 
wird, ;vora>gl|€b empfohlen b'a^eu, die deutsp)ie Medicin ixl^fri?' 
haupt. scUWcrlich beurtbeilen kpnnem So wird auch Hu/eland 
nicht cilwa nach seiner Pathologie und allg^n^eineu Thersf- 
pie (die Brous^ gar nicht zu kennen scheint), sondern 
nach ^nzfluen Aeu^erungen über den Tjpbus , etc. beut- 
theik. Ueberbiiupt hält er sich vorzügli<^b an ^ige io fr^- 
xösischen Jouxnalen mitgeth^te Uebersctzungeu lou eijazei-« 



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79^ Broussais Examen des doctrines medkaks« 

nen in deutschen Zeitschriften vorkommenden Abhandlongen^ 
%. B. /«A Schaffen Berichte fiber die Zot- und Volks- 
krankheiten zu Hegensborg, Kopps, Dzondi's , JVolfs, 
ParrotJ eie, Bemeikungen fiber den Typhus* Ud>er das 
AneurjsBM des Hertens wird HopfenßärimtFS Ansicht 
angefiihrt, aber Krejrsig*s Werk wer die Krankheiten des 
Herzens eben so vfen% wie dessen Handbuch der practischen 
Krankhettslehre erwfihnt. Kann man aber über die m^icinisAea 
Grundsitze der Devtscfaen gründlich urtheileui wenn< man diea6 
und andere Werke nicht kennt? 

Wie weit aber der Verf. in seinen Behauptunffen geht, 
kann man aus S« 194* ersehen, wo es selbst beist, dais e$ we* 
nig dentsdie Aerate gebe, die bei'HalsentzftBdungen Blntao»^ 
leemngen Tomehm^, während man sie eine Menge von Reizi- 
mitteln verschwenden sehe. Wenn dem Verf. nicht das Gegen- 
"^eü aus unseren wichtigsten Handbüchern der practischen Me^- 
dicin von Stile, S. G. Vogel, J. P. Frank eie. bduinnC 
war, so hähe er doch schon aus Alb er s auch ia Paris nicht 
unbekannter Abhandlung übet den Croup abneMnen können, 
da(s man zwar die Blutausleerungen darin gewifii nicht vemacfa- 
lissigt, aber auch in der Periode noch oft wirksame Bfitfeel het^ 
vro* diejenigen y die ausser den* Blutigeln und kühlebdeu^ Mitteln 
keine andere gegen diese Krankheit kerinen^ «n E^dei ihres La- 
teins sind. So sollen endlich -die deutschen Aerzte (& 194 bb 
495.) über die Brustenttünduftgen unbestimmte und irrige Ideen 
haben, das Won Katarrh nur die Idee einer ganz - schleimigen 
'Affeetion'^Y^fellen; es soll (S. 198.) die hitzige Peritomiis 
«war ihnen bekannt zu Wierden ainfangen, doch vreug davon 
gesprochen werden ; sie sollen {8. 198 ff.) "in dopLäerent- 
«zündun'g die r^iz^ilden' Mittel anwenden, desgleichen hioht blofs 
die^a.rfro-6/i^^rirej verkennen, sondern, im nllgemeiaen audi 
(224.) die entzündliche Natur der Ruhr nicht eingetstehen, den 
Phosphor und andere Reizmittel mifsbrauchen u. s. w. Bais 
man besonders wahrend der Brovmisdien Periode a^h in Deutsch- 
land die etitzündtiche Natur mandier Krankheiteni veikannt hat, 
dafs Mißbrauch mh Reizmittdlä ' -getriebcri wdrdeflisr Und dafs 
er von m^nch^n noch getrieben wird, ist nicht zu^^äugnen; aber 
die besscfren sind längst davon abgekommen oder' davon ürei ge- 
blieben, so wie manche rielmehr, gleich Broüssais^ auf das ent- 
gegensetzte Extrem verfallen sind. Dafs man aber ini'Deutsch- 
^nd die Peritomtis erst kennen zu lernen anfange/* dafs nidit 
die entzündKche Natur des Katarrhes, ^er Ruhr etc. Wngst vor 
Bronssais von vielen Aerzten anerkannt worden sey, kann nur 
von denen behimptet vrerden, die riiit der detitschen Literatur 
so vireni^'bekinnt kindi als es bei Broussais otfenbar der Fall 



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SchrcgeüsHandtMch.d chir« Verbandlehre. 799 

ist Dd^rigen^ ibd diesem gUcklidier W^e auch die Schrift 
ten unserer $ogenaimte& natiiTpbilosophischeD Aente ludiduiuit 
gcbIid>eDy ind^ wir sonst seinen Ausruf: Qud Jargon! Foüd 
du romanj voäa de ¥ontologUß wohl noch^ dfter hatten hören 

/• fV. IL ConradL 



Handbuch der ^irurgischen Verlandlehre *eon Smrnbjmd Gott^ 
LOB ScBRKGKM. Erster Theü mit 3 Kupfertafdn, und dem 
Bädni/i des Verfassers. Erlangen bei Paün und Enke iSsio* 
Vorrede VI S., und 334 S* «» *• « /• 48 kr. 
Jjer berühmte /Verf., welcher die Chimigie schon so Tielfilltig 
durch sdne gelehrteti Werke bereicherte, erfreut das Sntliche 
Pobücum durch die Herausgabe- etn^ YeriMmdlohre. Per Zwedc 
des Verls, ist^ eine Gesetzlehre des Verbandes aufzustellen, und 
in diesem Z^weige der Chirurgie mehr wissenschaftliche Tendenx 
und Rationalilät «u wecken, um so diesen Theü fdet Chirurgie 
mtka ia Bioklang tnit den übrigen xu bringen. Der VerL Ter* 
mied geflissentlich; dio bildlichen Darstellungen der Verbinde^ 
weil diese schon in andern Werken genügend Torliegen, und 
weil das Vorzeigen derselben auch sdbst die Musterbilder über« 
irilß. Ai^ch gdit der Verf. bei Beschreibung des Mechanischen 
nicht zu sehr in das Detail ein, weil durch Autopsie sich die- 
ses besser lehren und erlernen lädst, , . 

Dafs der Verf. durchr s^edunSssige Anordnung Aet Gegen« 
aiaude im Allgemeiueli und .die kritische Durohffihruag im Ein- 
xelnen dem ausgestecktea Endzwecke vollkommen entsprechi^kid 
arbeitete, upt^li^gt keinem. «Zweifel^ jedoch gladbt Ree.^ dafs 
einige yoo dem Verf. aufgestelltje Ansichten nicht allgemein an- 
genommen werden dürfen. 

Der Verf. scheint (S. 53 und i46) eine wahre Regene« 
lalioa des Verlouien bei Wunden- mit 'Substam&verlust anzuneh- 
men« Obgleich, die Ansicht, dab solche. Wunden durch das 
Zusammentielen d^ Wundränder aicfafaeikn, nicht völlig ent- 
qirechend üt,; indem die tägliche. Erfahrung zeigt, wie bei be% 
trichtHchen > Wunden die Heilung* oft« vom Cenlrtim aus gegen 
die Peripherie durch Bildung einzelner vernarbender Punkte 
^ch kleine» Inseln in der Wunde Statt findet; so ist doch 
ausgemacht, dafs eine eigentliche Hegeneration nicht Statt finde. 
Rec glaubt, dafs die der Wunde entsprechenden Theilc eine 
rcpessive Metamorphose beginnen, da£s sie selbst in Zellgewebe, 
ik die allgemeine Grundlage des Organismus zurückschreiten^ 
im1 dann FleischwSrzchen , welche durch Maceration- sich in 
ZtUgewebe auflosen, bilden. Diese gewinnen allmäMig an Dich- 



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8oo Schrcgers Handbuch d, dbir. Verbandlebrei 

tigkeit und ci^lien sicfi imibö' inelir und mehr «uMmmeiiy sOp 
dafs dadurch das Anaibern d«r WmidrSoder und die Büdunif 
«Ici Narbe beding wird. Wäre eine wahre Regeneration des 
V eiiorneii vorhanden,- so würde das Zusammencrelen der Wund«" 
rindei iiriiuö^ych. seyny und die Narbe wurde mit dem Untfinge 
des Verlustes im Vcrlialtuisse stehn« 

Der Verfasser äussert (S. 68) die 'Ansicht , der Druck des, 
Verb«iiides miisse mit dem Grade der Schwäche steigen. Rec* 
kann diese Ansicht nicht billigen« Durch den drückenden Ver- 
band vwrd die Gefafs- und Nerventhätigkeit in ihreii Verrich- 
tungen beschränkt, so, dafs man ip. neueren Zeiten bei örtlichen 
Entzündungen der Extremitätch das Einwickeln des Theils alf 
antiphlü^ioisohes Verfahren, und mil Erfolg an Anwendung to^ 

Naclt des Verfs^ /VjisLohi (S. d^) soll bei sensiblen Wundh 
flaclien »kein *i'i^ttniwkes < PUuhaceatL, sondei^' gleichgelegte an 
den ^nden i^eschuittene Charpie aufgelegt Werden», Dieser Am^ 
sieht «iiöoUte' Kec. nicht huldigen, -da die CharpW) ohne alle 
Verbindung -der eiuzclnenr» Fäden unter sich, seh wi)Jmg von dei* 
Wunde in entferneo ist, und d^ dann das Verfahren, wekhts 
man lur Entfernung ^er Fäden unternimmt, mehr reizt, als ein 
zweckmässig bereitetes Plumitceau, «las, den R^elu der Kunst 
jgeaaSs. verfertigt und aufgelegt, keinen fehlerhaften Druck za 
erregen. vermag. Wir dürfen uicht unerwähnt lassen ^ dafs der 
Verf« in Bildung neuer Worte und Ausdrücke sich zu gefallen 
scheint, z. B. A^simmosilät, eine negative und positive Bauob* 
v^ölbung (S. 4o), Massivität (S. 47)« 

. Vorziiglich schön hat der Ver£ bei Behandlung der Kopf<^ 
yerbände, auf die verschiedenen Formen der Mensebensohädel^ 
wie noch keiner vor ihm, aufmerksam gemacht, und darnaoK 
j^hr wefse die technischen Regeln be^mmt; wormich dann die 
Verbände nach ihrer Form und nach den dadurch zu entspre- 
chenden Zwecken aufgeführt vrerden. . 

Der Verf« hat die Verbandlehre durch einige zweckmS^ig<^ 
Verbände bereichert, z«.B* die. bewegliche Tlbinde, eine dreU 
eckige Kopfbinde. Dieser: Band enthält« die allgemeiae Verband- 
lehre und die .Verbände des Kopfes. Möchte, der Vf. in Bäkte 
*die versprochenen zwei Bände nachlieferB, und so das trefflich« 
Werk voUewteo* 



Verbcstcrun g/"" 

S* 4r4# 2 ii uad 21 dMter Jahrbücher i^t stati aivgo rn 
lesen mayg^ . 



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N^ 51/ Heidelberger 1822» 

Jahrbücher der Literatur. 






Des Aatüs Psrsios Fl^ccus Satyren, in der Versart ier 
Urschrift verdeutscht und mit erläuternden Anmerkungen vom 
/. /. C. VoNNMM. Stuttgart, in der J. B. Metuer^schm 
Buchhandlung, 48st2. II und 445 S. 8. 4 fl^ 4% kr. 

VVas wir im vorigen Js^hrgange dieser Blatter^ Nr.499 an Hm. 
Doknets Verdeatschung des Juvonal r<ihmteO| palst auclr, nur 
10 b5berei|i Grade, am diese Arbeit« Talent und Fleifs sind an 
ihr dben so unverkennbar; was wir aber beim Juvenal vermib- 
teny kurze ErUarongen so manches Dunkeln, das der Satire 
eigentiinoiIi<^ ist, diesem Mangel sehen wir hier durch zahlrei- 
che Anmerkungen voll, von ]&enntnifs und Geschmack abgehol- 
fou Sonach können wir uns kurz fassen, und wenn wir nicht 
uobedingt JSuge und BeUe rufen, so geschieht es theils darum, 
▼eil dem bescheidenen Junglinge (denn als Jungling bezeichnet 
sich der Ueb^setzer in der Vorrede) an verbrauchten Lobspru- 
chen so wenig liegt als dem Persius selbst TSat. i, 49); theils 
aber, und zwar vornehmlich, deshalb, weil es unmöglich ist, 
dals schwere Unternehmungen auf den ersten Wurf ganz ge- 
Engen, und daher der nachhelfende Kritiker der Sache mehr 
frommt, ab der bequem zuschauende Beifallklatscher. 
Boäeau sagt von Persius: 

Perse en ies ^ers olscurSj mais serrds et pressans^ 
Affecta d'er^ermer moins de mots que de sens. 

Wenn dieses von dem Original gilt, dessen Sprache sich tu 
Dachdrucklicher Kürze vorziSglich eignet, wie schwer mufs es 
jedem Nichtlateiner werden, die Gedanken eines solchen Geistes 
miverkfimmert in ein anderes VoHl; in eine andere Welt, zo 
übertragen, ohne das Wort- und Vers -Maas seines Musters zu 
erwdtem ! Dennoch ist dieser Zwang aus mehr als Einem Grund« 
BÖAig; aber wir müssen auch Nachsiclit üben, wenn zuweilen 
die Dolmetsebung dunkler scheint als der Text; wir müssen das 
redHche Bestreben sogar da anerkennen, wo der Erfolg ihm nicht 
zusagte. Wenigstens werden wir gestehn, däfs keiper der Per- 
m-Verdeatscher, von dem kaiserlichen gekrönten Poeten Adami 
hk zu FuIUbom herab , seine Fesielu mit lo gutem Anstand^ 
<ri|^, ab Hr. Donner. 

51 

7 

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Sp:r A. Persius Flaccus übers, v. Doüner. i 

Hier eine Probe: der launige Prologi den Joseph Scaliger 
und t)ionysius Patau ms Griechiiche zu übeiieUea versucht wiu*- 
Jen^ Er istiin Hinkjambea^ (Skazontea) geschrieben, einem kcr* 
misch -pathetischen SjUsenmaaTse, das ^ogar bei Griechen und 
Lateinern sehen vorkonimt, im Deutschen aber, seiner Schwie- 
rigkeit -wegen, btsfaer inBninserem-Mfehter* F'öß glfickt^. 

Nicht netzt^ ick je die Lippen an des Gauls QueHlfliUhj 
Noch derüC ich, daß mir auf dem DoppeUiaupt träumU ' « 
Des Parnasses j und ich so ein Dichter flugs dcutand. 
Pirene's bleichen Born und Helicon*^ Jun^aun, 
Die lass^ ich jenen , deren jiildniß ring^ Mpheu 5 

Schmiegsam belecket i Jch, obzwar noch halb Dör/Ung, 
Trag* in iier Sänger Heiligthum mein Lied selbst hin. 
ff^er entlockte doch de^n Papagei sein Gott grüfs dich i ' 
ff^er lehrte die Elstern unsre IVorte nachplappern? 
Der Künste Meister und des Geistes Ausspender — ' 4o 
Der Bauch, der sinnreich selbst versagte Tön* eingiebt^ 
tVenn zauberisch die Hoffnung blinkt der TrugmänzCß 
Gleich wird die Elster Dichterin j der Star Dichter^ 
Und, traun ^ ein pe^aseisch Lied dir anstimmen, 

Yergleicht man diese Uebersetzung mit dem Texte, der in 
der offensten, gefalligsten Sprache geschrieben ist, so wird man 
etwa dies zu erinnern finden. Vers i und 2 sind die Worte 
OueGfluth und denl^ ich weniger naturlich als fönte u. Memini, 
Je klingt wie ein Flickwort« Die vielen MonosyUaba schaden 
dem Wohlklange. Vers 3. erwartet man dastehe: denn von dem 
jetzigen Auftreten des Verfassers als Dichter, nicht von Vergan- 
genem, ist die Rede^ uni prodirem darf nicht irren, da es mir 
auf das Perfectum Memini sich bezieht, welchem in dieser Ver- 
bindung. Präsens und Imperfectum gleich richtig folgen. Von 
den harten Versanfangen Des Parnasses j IVer (gar eine Lauge) 
entlockte, weiTs die fliessende Urschrift nichts, so wenig als v«n 
dem ÄAapäst im zweiten Fufse Vers 9. Obzwar ynoch^ halb 
Dörßing (semipaganusj scheint den "Wiinsch einer Entdör/erung^ 
einer städtischen Abglättupg, in sich zu schliessen, von welche^ 
der StoYker Persius, trot% seiner Vornehmheit und seinem Reich*^ 
thume, weit entfernt is^. Ipse .bezeichnet blols schärfer den Ge- 
gensatz gegen Ulis. Vers 8. ist expedivit und bald darauf cpnari 
nicht hervorgehoben. Auch Vers li. scheint* uns xu wenig |;e- 
nau, und Trugmiinze zweideutig. Beim Schlu&verse konnte be- 
merkt werden, dafs er überall fa^sipb , geschrieben wird,, indem 
tredas ans Ende hingehört, wenn man nicht einen §eoar statt 
eines Skazon einschwärzea wUL. Hier auch unsere Dolmetschun^ 
in Yfohher wir, Was bei Hrn. Donner gelallt, beibehält^; 



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A. P^ä*sius jFiacciis äbers. v. Donner. 8o3 

Ificht'iat die Lippen mir gemstzt des'Gmäs QaeUfluth, 
Noch iräum^ ich meines Wissens auf dem zweiheaipfgen 
Parnafs, um^so ds dichter duzust^H plötzlichf 
Die Helikoniden und die bleiche Pirene 
Befehl* ich Jenen, deren EhrefnbUd Epheu 
Schmiegsamswrdeckty was mich betrat , ein Haihdi^rfUng 
Trag* ich ins Beüigthum der Sänger mein F'erswerk 
. fFer prefst heraus dem. Papagei sein Gott gr5£B dieh? 
H^er lehret Elstern Menschenworte nachstammein? 
Der Bauch, der hmstgeiibt ^versagte Tön* ablauscht. 
Sobald nur Hoffming der 'verschmitzten Münz* herstrahlt , 
Wird, schemt^s, die Elster Dichterin, der Staar Dichter, 
Die kähnlich pegastflschen Gesang singen^ 
lieber die Satjren selbst eriDnern wir Folgendes, i. Sat. 
Vers aa. 

Tun*, metide, aurieuiis qlienis coäfgis eseas? 
Au^icuUs, qiiibus 'et dicas cute perditus, phe\ 
So sehr schnappest du, Jltfing, nach Sehmaus fitr anderer 
^ , ' Ohrlein, , 

Öhrlein, wdehen du, schwoll dir die Haut, gern riefest: 
genug jetzt! — ? — 
yMiling/L sagt Herr D., »ein nach der Analogie von jQngUng, 
Schwächling, gebildetes Wort, soll den entnervten Zustand des 
vor den Jahren gealterten Wollüstlings bezeichnen. Schwoll dir die 
Haut» Dieses von der Wassersucht im unheilbaren Zustande, 
welcher sich durch Anschwellen der Haut verräth (v^. 3, 63.) 
bergenommeoe Bild deutet- mi die sittliche Erbärmlichkeit des 
Dichterlings. Dabei ist eine Beziehung auf des Menschen Auf- 
geblasenheit, welche dorch Schmeicheleien alberifer Lobpreiser 
gistc^ert -wird, nicht ausgeschlossen. Vgl. Hör. Sat. a, 5, 96 ff.« 
er AUling will also im ersten dieser V^se gern Vorlesungen 
halten j im zweiten möchte er den Zuhörern zurufen: Genug l 
ich kann nicht weiter: so quält mich die Wassersucht. Aber 
hau' er diese nicht schon vorher? Und was sagt ein solches 
Wollen und Nichtwollen zu gleicher Zeit? Suchen wir doch 
den Sinn der Alten niemals zu weit, zu tief. Perstus spricht 
von vnrUtcfaen Alten ^ von v?assersüchtigen Gecken , die trotz 
ihres grauen Hatfrs das Verlesen von Vers und Proae nicht las- 
sen konnten.. So Vers 8: Si/as dicere. Sed ^. Tum, cum ad 
eanitiem et nostrum tstad vitrere triste Adipesci, etc* Hj^. D« 
Wird dural die falsche Interpunction der Ausgalien irre gemacht. 
Man unterscheide die Worte so: > 

Tun*, vetide^ aurieuiis tdienis coUigis eseas, 
jiurictdis quibus et dicas cute perditus? -^-^ Ohe! -— 
lih* quHms auncuUs etiam cute perdäus dicas? wdcfaen Ohren 

61* 

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8Ö4 A. Fersius Flacciis übers» v. Donner. 

du gern sogar' wasiersuoLtig vbrleten willst?-^ G^^nug! liSr* attf| . 
Alcer! Alles Worte des Dicihtors selbst , welchem der vctulus 
hfdropkus in dea zwei naclisten Versen antwortet. 
Vers t23: 

Audaci quicunque ifflaie Cratino 

Iratum EupoUdem vraegrandi cum sene paäes etc 
Wir stimmen dem Verdeotschar bei| dafs unter dem praegroFt' 
dis sentx schwerlich Aristofanes za verstehen sey. £r meint,, 
Lucilius, den auch Horaz Sat. a^ i, 34* senex nenne, und mit, 
Recht, wie gegen Eusebius bewiesen wird. lAber auch Lucilius 
ist nicht der senex praegrandis, dto Persius gemeint haben 
kann* Die römische Satire ist eine Tochter griechischer Philo- 
sophie und griechischer Komik in ihrer alten, fast zügellosen, 
Freiheit. Nun deutet hier Persius einen. Leser an, wie er ihn 
sich wunKht: also einen ihm Gleichgebtldeten, der an denselben 
Quellen der Weisheit und Bildung trank, Kratinus und Eupo- 
Ib bezeichnen die eine dieser Qudlen, die griechische Komödie: 
also mufs der praegrandu senex ein Philosoph , und zwar ein 
grosser Meister, wenigstens in des Persius Augen, mit Einem 
Wort es mufs Z^no von Kition sejn, der Lehrer des G>mutus 
und unseres Satirikers selbst Manvergl. Sat. 3, 52 flf. Hora^ 
Sat. 2, 3, ii. -nimmt ausser Mensmder, Eupolis und Archilochos 
Plaio auf seine Villa mit; Persius hatte. Zeno mitgenommen. •-« 
In der Anmerkung zum Schlulsverse dieser Satire wird das 
Wort Freudenmäacherk nach Campe's und Anderer Vorgange, 
von dem Verfasser, uberhaiq>t einem . yemunfltigen Puristen, mit 
Grund verworfen. Auch die Franzose« sagen schon lange nicht 
mehr ßlU de joie, sondern entweder fiUe oder femme du monde, 
weiches Letztere besonders treflFend ist; aber un gemeinen Le- 
ben sagen sie auch ohne Umstände putain, und so soUten wir 
ebenfalls Hure sagen ^ wo nicht von einer Aspasia oder Ninou 
TEnclos die Rede ist. Man s. Quinctilian (io, i, 9.) bei Hm. 
D. Seite 119. ; 

Sae. S, 5. 

Quorsum haec^ aui quantas rotusli earminis offoi 

Ingeris, ut par sU centeno gut iure niii? 

frozti dieses? wie viel, Krümlein kemhqfter Gesänge 

Stapelst duß dafsiols Steife (Scfitze: s. S. ti4*) dir hsmr 
dert Kehlen. Bedarf sind? 
KfOndein zu lüiuen und zu verschlucken, ist freilich die Anstren- 
gung .von hundert Kehlen nicht nöchig» Aber welchen Sinn giebt 
überhaupt das Ingerere carminum in valem? Von Egerere, 
irom öffentlichen Vortrage derselben, ist die Rede; doiXL bedarf 
der Versemaim des niti, der Gebnrtsanstrengung, hundertfacher 
Kehlen« Uno abortu duadccim pwrperia egessk^ sagt. Flinins 



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A» J^ersms Flaccus üliers. \. Donner. 8o5 

Naturgesöli« 7^ ii^ und so schreiben wir qu&ntas robusti car^ 
minis offns.Mgeris, »nd verstehen offai von unförmlicher, 
unausgebildetery Fehlgeburt. Juvenal Sat. 2, 3a: 
' cVmt^ toi .abm^twU foecundain Julia itulpam 

Solveret, et patruo.simUes ^ffunderet offar? 
So werden iid^nÄtlich die Präpositionen u& und In (besonders 
die Abbreviatur von In oder in) oft verwechselt, und hier vol- 
lends ma^ dar ausgdMiene Anlangsbuchstgbe des Verses Anlafs 
zu der Verwechselung geweseir sejn. - 
Sa|.- 5,-9^: . . ^ .. ^ ■.-... .. , /> - 

Vt teneat ^etita^äiscäift tkbäis actus. 

Stets vwi vb'botenent Thün steh* ah Mddtimuger Unschick, 
Da». Wort /E/)i^cM:^^Jg^älk« wvgen ^seii»^'Vei«<2iidlichkeit und 
seines Nachdrucks. Hii»^^^: macht SaU 3, 49* der glucldiche 
Se€kien\(}dmer ^senioJ.Jtiitaai^unA.üi^om.'mtäA^^^ »3, die 
Gefreüen schwerlich itüjt vFrwgelassene anzunehmen, der Zwei- 
doldgkeit^ wegen^ Sat. 3 , v t<o3. islv')ifo^nB inau' Teit ■ ttntadlich, 
dber dem Stjrl der Annierkungeä mufste es fremd bleiben. — 
Dab to. den fiildem des ^vierten Strafgedichtes '«iMk eben Nero 
safs, davon sind wir mit Hrm D. überzeugt« ««^-^^^i 5, i34- ist 
die Aenderung En saperdätnJ (^Da, gleich einet \sapenia , Du 
Nichtswürdiger!) gegen, den Sprachgebrauch. — Wa^ bei Sat. 
5, *66, tihsff emt gewisse Versfreiheit bei Terenz gesagt wird, 
gilt von allen älteren Jambeadichtern der Lateiner. Gehühn^ 
eatasUiß Sat^ÄG^ 77. ist har^ und Ficke daselbst 79. gemein. — 
Sat-. 6, 28: 

s ^ Sein Gut tthd die eitlm GeHAde 

Barg ihm die j'onisebe \Fluth : selbst liegt er atn O/er, 
_ \,'.n ; um ikn'her\< '-^^^ üVv . ^ - 

Mächtige Götter vom Steuer — . 
Der hx^^isi^ um um her kaim den Hex:ameter^iii^Hi schliessen: 
denn kui:z ist ihn an dieser StelTe als Encliticum. Ebenda V.4o. 
erfor4ert die Sprachrichtigkeit Meumäher fik Uemn^hd^» sowie 
S. io3# FreiheUsgöitiß für FHih^itg^ttin ,,,v^^ s. w. 

Wir können uns nicht enthalten, zum BescMufs auch aus 
den Satiren se&st eine vorzüglich gelungene Stelle herzusetzen. 
In der fünften Satire, welche die ächte Freiheit schildert, beüjrt 
es V. s3ai3'.'ff.i''so: ^ /•■<.' ^■ 

ScUäferig schnarehesidufräh: i^Steh' aiif!€ ruft drängend 
,\ N ^ ,<Äe JSßbsuqht:\ ■■ )J\ '5 

i^Munier U-^ Du säumst,^ ^itreibt: ^^steh' aufU — 'hUnmög' 

V, ^j ^„; , j it, li(^'^rr>HeraikS0.s^fineUi€'-^ 

ijUfer warum?€-^'%DHfräg^? Fortj TaugenicKtf Hole von 

^Bioergeäj fVeihrwi^ W^g» Ebenumj lieblichen Koir, 4'6j 



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8o6 A. P«rsius Flaccus übers, v. Donner. 

itSchäffe vom durstigen Sawnerhamd das erste Gei^z frisch, 
ypyüftsi ertauscht j geschworenl^*^ yJa, hörte mich Jupiter 

idcht!€'^'^Narr, 
^fTeh dh-i mit bohmd^ Taxe (digito!) das Sakfgfs eft zu 

• durehfingem '• 

3G/ulge dir, striAst du dwmachj mU dem Jupiter friedlich 

- i zti lebend — ^ ' 

Fertig mr Fahrte IVeineimer und FelV aufladend den Bm< 

sckenj 44o 

Schreist du denn: Hurtig ans Schiff! Nichts wehret dirj daß 

iiä in stoizem 
Boot' ägäische Fluthen durektobst^ w&in listige fVolhist 
Ificht den ehe Verführten gemahneie (ermahneie): Wohin^ 

.; i^Rcnnst.du^ MmUn? was beginnst 'A? Imt^äntdieh^nBusai^ 

empor^ schwoll ,> ^ ^ . i 

, 9Dir die Galle vonGluthß die ein Fq/s nicht löschte' d^ Stfder^ 

•.-■.. lißge. ' ■ ■< -1 (• it4S 

r. »Da MtnUft über die See? Am Rudergebanie sinf^^nehtem 

i^Hanfseä hatten das Mahl? \Soli*vejentanisckßn^othwkin, 

itSclud fvon jchimmlichem .Pech*]^ ^ plumpes Ge/a/i dir 

\ verdunsten? ;' ^ ' , 

tff^onach strebst du? Vom Gtldej so hier mi^mässigent 

. I ' F&nfeh^' . • -^v.. . . 

%Wußher{te^ wätst du im Schweiß, IMersättliöhefi/ Ei^ da* 
entzwacken ? : ^ > . . /5^ 

i^Folge detn. Genius ß hasche did Fr4uJf im Fluge: nur 
^ ■ • dein ist, • •'» ^''^'^ f-, -'»^^ 

ifWas [du gelebt/ Stäub wirst du dereinst und Schatten 
undi.M^rlein, -.'V • 

.. i^Denk^ anwidern Tod: hin säet die Ze^ ; da ich reßej ver^' 
j . ■ ; ., '■■ flog'Sie.€ '^ . . i;' .V. 

Jetztj was zu thun? Dortpac^t dich unä hier ein dbijtdter An- 
gel, f Hamen. Ansei ist an w^eiblith^ Woit.) 
"' fVohm' Unkt sich die Wahl? ^Ünstät iind ^veränderlich 
" ^. *^ .' jUayest ' .-^v.^a' ^^^ 

Diesem du jetzt, bald jenem, als Herrn, in.iweehsdadem' 
V .• ^ ^v-^ / ■ • f'rohndifnsi. ^.•/* ■ ..* 

Wage noch nicht, wenn Minmal du trotzetest, und den 

-> ■ ' Gehorsam ■ ^ -viv..ü,.r 

Ihrem BefeUe versagt: ^ jetzt sprengt* ich die Bändele 

y ;. ' ^ zu mßn. • , " ;> --'-U ' 

Auch ja der Hund, Umg ierrend, zerreißt den JCnoten: 
jedoch schlifpt c^'^ 



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JElDqaeiitiae lab Exempla edd^ Matthiae. Söj 

Rm^ (ihm sM^,} wk 9r flieht, ein tüchtiges Stück des 

Seäes am Hals nach. 4 60 

T^Keck aufs Wort nur^ o Dasnu, getraut: die vergangir 

nen Schmerzen 

' ^fi^S ich im Nu fetzt enden U Chärestratus sagt es, und 

beißt sich 
Wund die Nägel indefs. ^Jch sollte der ehrsamen Sipp^ 
Schaft 

itF&rder ein Schimpfs und der Leute Gespött j mein väter^ 
lieh Erbgut , 

^Dort an der schandlichen Schifidde veMreun^, indrfs vor 
der Ckrysis, 4J65 

i^DvftenAer ThiJ^re^, berauscht^ mft erloschen^ Fackd wt 
singe?€ — . . 

i^BraVß Sohn; wirst du doch klug! abwehrenden jGöttern 
^ ein Schlamm 

»CJß/ire/k— Aber, o Davus, gewifs, iie weint, die Vm^ 

lafshe?^ — . 
^Pah, jßfanuri' Sie wird mit der purpurnen Sohle diek 

durchÜHun, 
%Haste nickt ^ so mit Gezappel, noch nag*' am engenden 

Fangnetz! 4jo 

^Zwar jetzt brausest du trotzig: doch rufst sie zurück, unr 
gesäumt dann ^ 

i^Sprichst du: tfFas nun ar fangen? Auch jetzt, da sie 
selber mit Flehn mich 

T^Nöthiget, soll ich nicht gehn?€ — Auch jetzt nicht, fa(U 
du hervorgingst 

^anz dein eigener fferrfe. — Das, d^ ist dei^ Mann, 4cn 

wir suchen^ 

Nicht der, über defs Haupt der^ alberne Lictor den Stab 

schwingte . . "4^5 

Wir habco jetzt eine genügende VcrdeuUchung dfi« Pcr- 

sios^ und so kann es . nur unsre Dcbuld seja, wenn eia ^haber 

nes Tugendfreund uns weniger bekumit ist,, als er sollte^ 



Eloqu^ntiae Latinat Exempla, e. M. A. Mureti, 

J. A. Ernestij D.Ruhnkenii scriptis stunpta et juven-^ 

iuti literarum studiosac proposita (A Ave. Matthim. Ac^ 

* cßdit Davi Ru h nkenii pmefatio Ltxico ScheUeriano prao» 



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$o9 Eloqueotiatje lat Exempia odd. Mattfaiae. 

missa. j€tenhttrgi sumtihts Chrittiam HakmL MDCCCXXI. 

£• isl ein beifallswerther O^iaake^ aus den besten neuer Lati- 
otsten eine Auswahl (ur Studierende tu yeranstalteui dte^ scbon 
mit Nepos» Cäsar, tiivius und besonders Cicero, vertraut, jene 
mit besonderm Nutzen lesen, studieren und nachahmen können, 
Kveil sie Dinge abhandeln, die aus einem uns nähern Lebens>» 
kreise sind. Nicht auf Schulen sollen diese Stucke nach der Au- 
steht des, Terdienstvdllen Herausgebers gelesen werden ,- sondern 
•ie sind zum PriTststudiuffi för Jünglinge bestimmt, die auf dem 
Grade der Ausbildung stehen, dto oben angegd>en wurde. Seine 
Wahl fiel mit Recht auf Muretus, Ernesti und Ruhnken. Wenn 
er dber sagt, Flaemolati, den er sdion habe aufnehmen wollen, 
habe er wieder zurückgelegt, qu^pe cui jucunda äla facüitas 
{die ^ an Jenen preist) deesset; so geben wir ihm zwar bei 
Facciolati Recht; aber unserm Gefühle nach hatte auch Hatten» 
iuek berücksichtigt werd^ sollen, von dessen Opusculis jetzt 
eine bedeutende, ziemlich kostbare, Sammlung in zwei Banden 
in Holland erschienen ist, die schwerlich in die Hände vieler 
Studierenden kommen dürfte. Ihm gebricht so wenig, als einem 
jener drei Manner jene jujcunda fdciUtüs, und es iicssen sich 
Stücke von ihm nachweisen, wo sie sich besser, als irgendwo bei 
Ernesti findet Doch thut diese Bemerkung der Yortrefflichl^it 
dieser Sammlung keinen Eintrag, und wir müssen der ganzen 
Wahl in hohem Grade unsem Beifall geben. Wir wollten nur 
bemerken, dals es nicht gar schwer werden sollte, noch einen 
eben so grossen, wohl nicht weniger interessanten und schönen 
Band aus neuem Intimsten auszuheben. Die in diesen aufge- 
nommenen Stücke sind folgende: /. Von Muretus; De laudätus 
Uterarunu De utititate ac praestantia litt. De phäosqphiae et 
^iöquentiae conjunctione. ' De morolis phüos. laudibus» De mo^ 
rabs phäos. necessitate. De justitiae laudibus. De toto studio^ 
Tum suorum cursu, deque eloquent ia ac ceteris disc^Unü cum 
furuprudentia eonjungendis. De doctons officio , deque modo 
furiJprtukrUiam docendL De via et ratione ail doquentiae lau- 
dem perveniendi. De utiUtate jucunditaie ac praestantia Utero* 
rw9u Citm Seftecae librum de providentia interpretaturus esset* 
Cum in Piatone esplicando progrederetur. Ingressurus expla'* 
nare Ciceronis libr. de Officio. Interpretaturits SaUus^. de CatiL 
conj. Aggressurus satyram XIIL JuvenaUs. Cum Annales Ta-* 
ciii esydicandos suscmisset. De eodem arg. Quum perpenisset 
ad jtnnaL L IIL Quum interpretari inofperet epp. Cic, ad Att. 
R^etiturus Aristot. liir. de morthus. De via ac ratione tradendßrum 
difdpliMnun^ Dedicaiia Sckoliorum inCatuUum. Ded^ScK in Fro- 



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Eloquentiae lat» Exemf^ edd. Matthiae. 809 

pertium, Ded. Cominentttrü m Ck. CaiiL If^. Prae/afio' comnu in 
Cic. Coli. IIL Praef. comm. in Ctc. Cäi. IV. IL Von Ernesti. 
JEpisiola ad StigUtmm* Narratio de Jo. Matthia Gesnero. Oratio de 
untentia QuintiUani: Pectus est, quod disertum facit. Or. de stu^ 
diis phäosophiae discendae docenaaeque regendls. Or. de doctri^ 
nae accuratae et promptae laudibns. Acroasis de belli päcisque 
ar4ium^ cömpcwatione. Act. de ingenionan Gr. ei Rom. compar, 
Pridi^io de antra Piatonis. Pr. de artis hehe cogitandi et bene 
dieendi conjunetione, Pr. de phäosopMa popidarL Pr, de phäo^ 
Sophia wtae. HL Von Ruhnken. Elöghm Tiberii HemsterhusU* 
Or, de Graedtt arffkm ac doctrinarum int^entrice, Or. de doc^ 
tore umbnütoo. Praefatio ad Schdl&i Lesticon. Hr. M. hat, 
wie Ruimkeii zu seiner Ausgabe des Muretus, unt^ ä^n Text, 
kleine Noten gesetzt^ welcbe die Lätiokathier und da belich-. 
tigen und Ton der tiefei» Rennhiils tind dem feinen Gefühle 
zeugen, welches wir sehon Ifitigst an ihm kai^nt^i'un^ ehrten; 
Auch sind die Anspielungen auf Stellen der Alten in jenen An- 
merkungen nachgewiesen. Wir wollen als Beispiele nuf einige 
wenige Noten der ersten Art zu der berühmten Ernestischen 
Epistola adStiglitium nach v? eisen. S. 178. wird Emestis Anrede 
an Hrn. Su patreno oj9 /im o imiij;imo mit Recht getadelt Wir 
bitten die inodeme Unierschi*ift| die in Fassung und Ausdruck 
eben so unlatehiisch ist (dhistris nöminis tui addictissimus cliens 
/• A. E.J eben so wenig nngenigt gelassen. S. 181. sind die 
lectiones professorum statt jcAoZoe mit Recht eetadelty wäre 
nur nicht profossorum gedruckt ! S. iS4« wird das von unsem 
Lateinsdireibem so häu6g gebrauchte parum abestj quin -— ge* 
Tügty parcim abestj sagt Hr. M., non dicunt Latinij — hoc 
enan esset non satis abest'-^sed npn multum äbe.st. S. 
.18^« i'*^ nescio an unquam sapientius äst quidquaijn scrip^ 
tum» £bd. a pueris von Einem . gesagt , und i^^di. quod genus 
phüosophiae füit , quod Strabo non complectus esset sind 
gleichfalls der gerechten' Rüge nicht entgangen. Aber immer 
wird ganz einfach das Rechte gesagt, ohne viel Worte zu mar 
dten oder Emcstüs Werth herabzusetzen. S. 187. wird die 
capacitas ingeniörum und S. 197. pejpendicularis^ S. 198* 
pm-itas. S. aoo. hidi theatrales den Neuem vindicirt. S. «93» 
auf den feinen Unterschied von iuque und ac hon aufmerksam 
gemacht. S. aoi. fnne Bemerkung Über nobilis superhia, wel- 
ches nicht unsem eddn Stolz ausdrückt ^ wofür die Alten sag- 
ten: generoso spiritu efferri. S. ao4* ff* richtige Unterscheidung 
der terrq>oAan: In da* alten Ausgabe hiefs es: Qwyd optimeßet, 
si Eutropium pueris Jamiliarem effecerimus, et quae ad eatn, 
fiam dixij rem pertinentj sensim suppleverimus, in omni 
autem inierpretatwne caverimus n$'^ tradamus. ,la der 



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8i<> (Jrgesttdt der Odyase^, toh .Thiersch. 

aeaen heiTstes ^^lemi^s^mpplfbimHs — etw9Umus. Hr.M^zeigt^ 
dafs diQ beideii letzten Cori^ecturea richtig sind, .aber effecerimus 
hätte stehen bleiben sollen: Rede effeceritnus: nam Eutr<h 
^piui jam famüiarior /actus esse d^t discipulis prius, quam in 
legendp Cicerone rede fuersari possintf secus suppler im us ei 
cayerimus: nam, quQtß desunt, non ante lectionem^ sed per 
totam lectionem idoneis locis suppUßda sunt, & 2q^ über 4las 
ac nach Cpmparativen , .Aa& die Trosa nicht gestattet. S. aoSi. 
ßeri aliter non potest, quam ut für f, n. p* quin. Doch 
genug, ixpi zu zeigen, wie lehrVeich das Stndjnim dieses Buches 
und die wiederholte Leetüre desselben t füff Stadieread^ seyn 
könne, und wie sehr es empfohleu ztt\ werd^ verdiene. Der 
Druck is^ gut; das Papier fs^t gar zu dünn^ Weit schöner ist 
beides bei der.ypr 12 Jahren von Hr. Prof. Kajser 2u gleichen 
Zwecken gemachten Auswahl aus den Schriften des Muretus, *) 
an welche wjüc bei dieser Gel^enheit wieder erinnern wollen. 

Gm JSm Mm 



Urge^talt der Odyssee oder Beweis, dtfs die. Homerisehen 
Gesänge zu grossen Pdrthieen inietpolirt sind. Von Dr\ 
Bssa^UAfiD TnisKSCHy Oheriehrer am königlichen Gymhasiö 
zuLyckin Masuren.-^ ic Tpo/av Teipcoflm/ot ffvSov ^AxoltoU 
TAeoer. — Königsberg j, bei August fVühdm Vnzer* ,48»4. 
XVI und 444 S.in 8^ 4 fl. 4lk kr. 

igerei; Bruder des um die Homerische Gram* 

Hrn. Prof._ Thiersch in München, welchem 

ledicirt ist, zeigt in derselbjcn eine sehr yer- 

t mit. dem Homer, und . Besonneqhett und 

1$. Ep ?agt in der Vorrede, maki habe neben 

3 die Homerischen Gesänge mehreren gleich- 

zutheile, den andern, für die Hpmcrische Kri* 

, Gesichtspunkt y dafs sie mit Dichtungen aus 

Jüngern Zeiten untermischt sejen, noch nicht aufgestellt. Aller-: 

dinga gebührt dem Verf. das Verdienst, qicht nur zu^st auf 

Interpmaüonen im Grossen (im Kleinen war 6% langst erkannt 

und anerkannt) aufmerksam gemacht, und dieselben gleich an 

einem der Homerischen Werke nachgewiesen zu haben. Dab 



*) M. Antonii Mureti Scripta selecta. Cnravit Coro- 
4ns'Philippas Kayser, Pmlos* Dr, etc» Acoedit Fridv- 
riai Creuzeri Spistola td Edltorem* Heidelbcrcte sumtlbus 

/.Melirii etZtauneriU MOCCCUL 



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Cirgestalt dfr Odyssee, tob Tiüisrseb. 8 1 1 

cEe S^clie'abcp mit dii^er StSbrift nach nicht Itl^emacht' ist, er^ 
k€imt d«p ' Verf. «eibst. > Abet ^rahr ist es, dafs diesö Ansicht 
iiir den Homer wohlthädger 'ist, als d^\> welche blofs eine 
Menge gleiohtettker VerfMder annimmt nnd em Zusammenleimen 
und Aneinanderreihen ihrer unabhängig Von einander gesungenen 
UedeTr ' ; . 

Das Buch zerfallt m einen allgemeinen und einen speciellen- 
Theil| das dritte Drittheil d^r Schtift ninnnt ein Aiihang ein« 
§* 1. '3Jt Horderisehen Gesätijge "sind älter, als'man' gewmnlick 
glaubt, Def Vcff. nimmt an, das^ Aechte und nicht InterpoHrtc? 
an den Homerischen Gesängen seybald nach deni Trojanische^ 
Kriege und nach der ■ Heimkiöhtr des Odjs^eus eiitstahden und; 
gesangen' worden, als noch AHes fn recht lebhaftem Andenken 
war, Fersouen und Thaten und Plätze nnd andere Gegenständ^ 

/ noch ganz nach ^ der Natur geschildert werden . konnten. Sey 
anch dies nur eine Annahme!, ^o sej sie dbcl» natÖ^Koh., und 
werde noph durch Stellen im 'Hönher selbst bestätigt,"' wogegen 
die von zwei ' sSbgerleercn J«ihrhunderten zwisichen d^tn trojani- 
schen Kriege und den jonischen- Sängern auch nur cfine, nicht 
durch and«rw eilige historische Umstände unterstütze , Annahme 
sey. Weim der Vf. sagt, das Detail der Beschreibung spreche 
für die Oleichzeitigkeit des Dichters', so mddhte' dies doch nicht* 
so viel beweisen , als die von ihm auch geltend gemachte Ileb^"^ 
hafiigkeit and' Frische des Colorits, dad FeuCr und' das'Interesi^ 
des Dichters an seinem Gegenstande. §* 2. 'Die' Pr6iiu€te lUt 
damaligen' Sänger mufsten einander gahz^äkrdich i^yn^ Die 
Sprache ist bildsam, der Heiameter, anfangs frcUich lAcht so ' ge-' 

I regelt (wie wii^ ^ noch in den Homerischen Gelochten nach' 
so langer . Ausfeilung manche Licenzen antreffen'), wie sj^äter,' 
gab sich in der Griechischen Sprache so leicht und fak wie vott* 
selbst, wie in der Deutschen Sprache die Jamben; §. 3. Die 
Odyssee ist 'eben so att, als die Ilias, Dör Verf. erklärt die 
Abweichungen der Odjrssee von der Ilias aus der Ifiitür des In- 
halts beider Gedichte , und wdst aus der Ilias Selbst' nach , dab 
damals, als sie entstand, schon Gesänge vom Odysseus und Tele-«' 
machus existirten. §. 4« Histoi^ische Argument^ daji di6 Odyssee* 
interpoltri isn Beweis aus Aristoteles C^ arte poit, cl 8»)* 
dafc die Stelle Od. r. 3^0-^466^ ,yro des Ody^ieus Vcrwun- 
dmig auf dem Famassus erzählt WiM, eingieschbbeki ist. ^. 5/ 
Anwendung einer Stelle im 4;rt6n Cap. der t^öetik des Aristo-' 
telcs auf andere Interpolationeil" in ' der Odyssee. ,§.' 6. Innere, 
den, historircken verwandte Argumente, Gute ZuBamfnenstellungl 
Gq;en Wolf wird behauptet, dafs die Einheit der Odyssee sich 
d}en so gut bestreiten lasse, al^ die der lUas. §. 7* Innere 
GrShde. 'Sdur gut.— So gerne wit indessen d^nt Vf. zugeben^ 

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8ia (Jrgestalt der Odyssee von Thiersch.. 

daCi Miogei an Inleresse bei emer Stdle ein ZeicKen -dei* Int^r- 
polattonea seyn kdnnei so gewUs Mtea wir diös fSr .etn sebr 
schwankendes Kriterium. Denn es kann nichi nur d«m Einen 
etwas uninteressant, sdieineui was d^ Andern interessant vor- 
kommt, sondern es kann audi allen jetzigen Le$em etwas unin- 
teressant dünken, was die Hörer des Gesanges, als er entstand,! 
S nicht so fanden. Freilich liegt es in der Natur der Sache^ 
s solche Kriterien überhaupt der Subjectivitat der Befrachten- 
den manchen Spielraum lassen, wie wir bei der Anw^dung der 
Grundsätze der.höhern Kritik auf Plato in der neuesten Zeit 
recht auffidtend zu bemerken Gelegenheit baUe|i, ; §. 8. Wider- 
apriiche in mythischen Vorstellungen, deuten auf . .jDterpolution'; 
Widersprüche in Handlungen las^n a^f. verschiedene Y^rCasseri 
welche derselben Zeit angehd^en^ können, schUessen.. S*9* ff^^u 
heweist das.verletzifi Diganwia AcoUcum ßir Interpolation? In 
4iesem §. kündigt der Verfl ein^ neue Schrift: ühyer die Urge-; 
^talt der Homerischen Sprache ,an. Ein Gmnd^^ ifit< wena 
ein beim JSp^er sonst durchaus digammirtes Wort a^ ^iner Stella 
steht, wo das Digamma schlechterdings nicht auage^rochpi wer- 
den konnte, da ist eine Literpolation aus einer spatem Zeit* 
Dieser §• enthalt 'viel. Grundliches über den vielbesprochenen 
Oegenstand. — Specieller TheiL Interpolirte Stellen, Ak solche 
werden mit gröfstentheils guten Gründen, die aber hier nicht 
angegd>en werden können, angeführt: §. lo. Das w^ootfiiov, 
a. i — 10. §. 1«. Die yafioroifxf i, 3 — %o* §. «a. Der 
Qesang *von Ares und Aphrodite. 6. !i%% — 366. Diese Stelle 
schreibt der Verf. nicht ohne Wahrscheinlichkeit dem Ve)rfasser 
der Batrachomjomachie zu. §. i3. Ein Stüfk aus der Geister^ 
citation. X* ^ßy^^ß^^. §. i4* Die Erzählung des Odysseus er-- 
dichteter Schieisale. j^% i85 — 385. §. i5. Verhandluiig des 
Telemachus mit Odysseus^ und des Eumäus Gang nach der 
Stadt, y. a3 — i54« aaa — 34a- §r *^* ^^'' ^Reisebericht des 
Telemachus an seine Mutter. ^» 96 — 185. §. 17. Die f^erwun^ 
düng des Odysseus am Pamassus. n 390 — 466.— Da£s nun 
gleich zur iBxecution geschritten werden soll, und Ausgaben 
erscheinen sollen, wo die als laterpolationen nachgewiesenen oder 
noch nachzuweisenden Stucke ausgelassen würden, das wird der 
Verfi selbst nicht wollen. Wohl aber möchten wir wünschen^ 
dafs sein Bruder, der wohl dazu ganz vorzüglich geeignet ist, 
uns bald einen Commentar zur Odyssee möge geben können^ an 
welchem er, dem Vernehmen nach, arbeitet. Möge dann der- 
selbe sein vollgültiges kritisches Urtheil über die bezeichneten 
Stellen abgeben, wir aber die Odyssee so erhalten, wie das AI« 
terthum sie uns überliefert bat; sonst ist des Aenderns und Ab- 
schneidenSi des Versetzens und Zusetzens kein Ende» Maas und 



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lycurgt (^at in Leocratem ed* H. et Osann. 8i3 

Ziel abxosebciu -— Her AnhaDg enthält einen Beweis gegen Spohn, 
itjfs aus dem Schlüsse der Odyssee die Scene zwischen Laertes 
md Odjrsseus u, 24 5^*^380. Ocht, und also die letzte Hht^sa- 
die nur inierpoUrt ist. Der Verf. läfsl mit Recht der gediege- 
nen Arbeit Spohns volle Gerechtigkeit vviderfahren, beweist aber, 
wie es uns scheint, mit guten Grinden, dafs das genannte Stuck 
von dem Yerdammungsnrtheile auszunehmen sej. Wir können 
aber , ohne zu weitläuftig zu werden , den Gang der Untersu- 
chung und die Gründe nicht angeben und fugen nur noch bei, 
da(s auch einige Homerische Stellen behandelt und verbessert 
werden. Zu diesen Verbesserungen können wir aber folgende 
nicht rechnen. ^S. ti6. Od. to* 235. 'heifst es: %iaffeu xffi ir£- 
^i^veu khv rari{i\ ^Si inet^u. — Da sagt der Verf. in einer 
Note: >W^en desDigamma roufs man wohl tv echreiben.€ W9 
bleibt dann aber die Schönheit des Hexameters? —> Den Schlufs 
des beaditenswerthen Buches macht ein Excurs über die Home- 
lischen Hymnen. 

Jlfr. 



4. Lycurgi Oratio in Leocratem. Emendavit C.F.H. Bonnae 
ad Bnenum apud C. vom Brück, Lugduni Batayorwn 
€fud S. et J. Luchtmans. 48%4. 68 S, in 8. 

3, Lycurgi Oratio in Leocratem ad fidem Codicum manu 
scriptorum adjecta annotatione critica, Recensiut FnrDEhi" 
cüs Osjsur. Jenae sumtibus Croeckeriis. cIoIoCCCXXL 
XXIV und 476 S. in 8. 

W enn es allerdings auffallend scheinen kann, dafs fast zu glei- 
cher Zeit in Einem Jahre Em und derselbe Schriftsteller so 
glücklich war drei Ausgaben zu erlangen, wobei noch eine vierte 
m erwarten ist, so liegt es uns um so mehr ob, unscm Lesern 
anzug^en, was man von jeder, die^ev beiden Ausgaben zunächst 
za erwarten, was man in Beiden zu finden habe. 

Nro. 1. giebt uns einen, hinsichtlich der Lesarten^ vieäach 
verbesserten, von Druckfehlern und sonstigen Mängeln gereinig- 
ten^ lesbaren und schönen Abdruck, über dessen Richtigkeit sich 
jedoch erst später, wenn die "t^/usta editio€ erschienen ist, auf ge- 
hörige YTeise wird urtheilen lassen. Indd*s kann, eben was die Aus- 
wahl der aufgenommenen Lesarten betrifft, schon ein blosser 
Blick, und eine blosse Einsicht sich dessen versichern, was man 
▼ohl von des Herausgebers Scharfsinn und Kenntnifs der Grie- 
chischen Sprache erwartet haben mochte. Mehr freilich, -^ eine 
vwo^eatg dieser Rede, dann einen angenehmen Abdruck der Rede 
se&er, wöbet die Reiskische Seitenzahl am Rande iJ>gcdruckt 



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8i4 l^ycurgi Orat ia heocntoa td. H; dt Osanti. 

ist und die nach eigenem Urtkeil odtfr liacl^ blosser TenimditiHg 
aufgenommenen Lesar^ei^ um sie von den unmittey>ar aus Haud- 
Schriften aufgen<^mmenen %\i imterscheiden, durch Stemdien be* 
zeichnet sind, ferner als Anhang auf einigen Seiten, die Angabe 
der Abweichungen, von der Reiskischen Lesart mit enier ganz 
kurzen Nachschrift von einigen Zeilen — Mehr, sagen wir, darf 
man von dieser Ausgabe nidit erwarten, da sie einstweilen fiir 
die Vorlesungen (und für diesen Zwedt wird sie auch recht 
passend sejn) bestimmt sey und das Nähere in einer i^justa 
editio^ continuo brevem hanc insecutura€ mitgethcilt 
werden sol). Da i¥ir nicht zweifeln, dais . eben diese verspro- 
chene Ausgabe viel Lcsenswerlhes , viel Belehrendes enthalten 
werde, so können wir nichts mehr als die »baldige« Ersohei- 
nnng dieser Ausgabe wünschen, bescheiden uns* indefs bi& dahin 
alles weiteren Urtheils. ' 

Was Nr* .2. betrifft, so werden wir auch dieser Ausgabe 
freundliche Aufnahme nicht versagen wollen, ziunalen dieselbe 
j durch fienutzung neuer, vorher noch nicht benutzter Quellen, 
um von ihren andern Eig e n s ch a fte n nicht zu sprechen, einen ei- 
genen Werth erhalten hat. Ausserdem versichert Hr. Osanu 
eben dieselben handschriftlichen Hülfsmittel, benutzt zu haben, 
die Hr. Heinrich zu Gebote standen, hat auch, um seinen Le- 
sern jene Ausgabe überflüssig, zu ^nachen, die abweichenden Les- 
arten jener Ausgabe beigefügt. Hr. Qsanns Hülfsmittel bestanden 
hauptsachlich aus zwei Londner Handschriften, wovon die eine, 
sehr schön auf Pergament im «3^en Jahrhundert geschrieben, 
durch Edward Claike nach England gebracht, als die altere und 
vorzüglichere bezeichnet wird ; die andere gehört der Burnejschen 
Bibliothek an , ist später, -^ ^wai aus dem ±4^ Jahrhundert und 
auf Papier geschrieben. Die Liesatteki einer Breslauer Hand- 
schrift und eines Hsmbnri^t jtpograp/ium «vermehrten diese 
Hülfsmittel. Bei dem Texte, der nach diesen Handschriften zu- 
nächst gebildet ist, wird nsat^ durch genauere Durchsicht und 
Yergleichung finden, dals Hr. Osann mit möglichster Umsicht 
und Behutsamkeit verfahren ist^ ohne besondere Vorliebe für 
eine und die andere Handsdirift,. oder für Confecturen. Vör«n- 
geschickt ist der Rede selber dast Leben des Lymrgufj aus 4em 
sogenannten Plutarchus, mit einigen Verbesserungen. Zunächst 
daran schliest sich das jirgumentum der* Rede und dann die 
Rede selber. Noten sind unter .dem Texte mitgedieilt, theils 
kritischen Inhalts, theils, grammatischen, berücksichtigend den 
Sprachgebrauch und erläuternd historische, antiquarische und 
sonstige in. der Rede berührte Gegenstande. Dafe Hr. Osann in 
Auswahl der Lesarten bisweilen mit Hr. Henrich zusammen- 
trifft, kann, stau auffallend zu seyn^ vielmehr für die Richtige 
keit der aufgenommenen Lesarten sprechen, da doch wohl beide 



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Dan; Wytlenbaelm Opuscula. ^5 

Herausgeber v5llig getrennt und unabhängig yon einander geajE^ 
beitet Wir rechen dabin t. B. das gleich Anfangs vorkom- . 
inende inuc(ecv i&v BtitotMi/y was in den Handschriften sich nicht 
fbdet, so wie noch Einiges Andere, das die Beschränktbeit de^ 
Raumes zu erwähnen verbietet. ' 5ind gleich die erlautemdca 
Anmerkungen hie und da etwas kurz, so zeigen sie doch bald ^ 
einen gründlichen Forscher der Griechischen Sprache. Gute 
Sprachbemerkungea wrid man nicht vermissen. So ist z. fi. 
Seite 4^ ^ud 42. der Gebrauch von Tretr^uoc* das so oft 
mit xarftoc verwechselt vrird, gut abgehandelt, nur bStte , 
Aucl> des gelehrten Gravius Bemerkung zu Lucians Solocist. 
Tom. IX. p. 46o. Bip., nebst Ast zu Plato's Republik p. 4B5* 
und endlich Wyttenbach's zu Plutarchs Moral. I. pag. 875. ge- 
dacht werden können. Man findet hier, so zu sagen, die wci-^ 
tere Ausfahrung des von Hermann nuir etwas kurz ausgespro- 
chenen Unterschiedes zwischen TärfSo^, ttot^ioq und TTxr^txof^ 
Ueber das Lateinisches pa/ernu^ und über die düpatrü der La- 
temer wird man nicht ohne Nutzen die schöne Bemerkung von 
/. Fr, Gronomts ( Diatrib, in Statium cap, 44' f* 449 ff* ^^• 
Hand) mit zu Ratfae ziehen. So könnte auch p* 77 und 78., wo 
von dem Schwur der Athenischen Junglinge im Tempel der 
Agraulos die Rede ist, noch der Stelle des Plutarch ^iV. Alcih, 
cap, 45 fin. erwähnt, und noch von Meur^us und Anderen einiges 
«her die Götthi selber beigebracht werden, worüber i^n Allge- 
meinen viele, jedoch ohne sflle Ordnung zusammengestellte An- 
gaben in der Englischen Ausgabe des Stephan'schen Thesaurus 
(Vol. I, Pars V, pag. 6go sqq.) sich jetzt vorfinden. Indem 
wir dies beifägen, wollen wir dadurch nur dem wackeren Her- 
ausgd)er zeigen, mit welchem Interesse und mit welcher Auf- 
merksamkeit wir seine Ausgabe gelesen haben, die man gewifs 
nicht ohne Zufriedenheit aus der Hand legen wird. ' 
_^ B. 

Djiir. JVTTTEKBjiCBii Opuscula "varii argumenti, Oratoriaj 
Historica^ Cfüica, nunc primum cenjufictim edita. Lugduni 
Batavorum et Amstelodami apud S. et J. Luchtmans et 
P. Den. Hengst et Fd.Lipsiae, apud J. A. G. TVeigeL 48514. 
Tomus I. jy8 S. oder mit den Addendis S06 S. Tomas IL 
73si S. riebst IF S. Vorrede in gr. 8. 

JUer Name Wjttedbachs ist zu allgemein bekannt, und geschätzt, 
als daJs er nicht alle Freunde der alten Literato auf diese ünter- 
ftg hmmi g aufmerksam machen sollte. Dieser Umstand aber ist es auch, 
der uns zugleich jeder weiteren Beurtheilung überhebt und eine ' 
bWsse Anzeige des in diesen beiden Bänden enthaltenen verstattet; 
tui so mehr, da es lauter Edita sind, die hier mitgctheilt werden, 



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8 iß Dan. Wyttenbadm Oposcula. 

Schriften bereits bekwnt seit einer Reüie yon Jabren, über welcbe 
die gelehrte Welt schon längst das Urtheil gesprochen hat. Wir be*- 
schränken uns demnach anzugeben, was unsere Lesser in diesim Opus^ 
culu *u suchen und xu finden haben. Denn buter Opuscula 
(iu dem Sinn, in welchem wir das Wort zu nehmen gewohnt sind) 
«ind wohl nicht in diesen beiden Banden enthalten. Wer möchte z*B. 
die Vita Ruhnkenü, die hier wieder «mz abgedruckt ist, tmter die 
Opuseula rechnen? So sind femer die Vorreden, dieWjttenbach 
seinen verschiedenen Werken und Ausgaben vorgesetzt hatte, vieles 
Andere aus der BihUotheca Critica,.ws der MiscelL Doctr. u.6. w. , 
neu abgedinickt. Wenn sie auch Alle viel Wifsenswerthes enthalten, 
und zwar iu einem so angenehmen , trefflichen Latein geschrieben, 
dafs man sie nicht oft genug lesen kann, so kann sich doch Ref. nichl 
der Bemerkung enthalten, daCs durch Aufnahme Alles dessen die 
Masse und somit auch der Preis des Buches um ein Bedeutendes ge- 
steigert worden ist, dafs aber eben dadurch das Unternehmen auf 
weniger Abnehmer und Leser zu rechnen hat, was wir nur be- 
dauern können. 

Ausser der erwähnten Vita Ruhnkenii (LBd. S.5i7 — 79^0» 
ausser den verschiedenen Vorreden Wyttenbachs zu den verschiede- 
nen Theilcn der Bibliotheca Critica, zu der Ausgabe der Plutarchei- 
sehen Schrift de seranumiiUs vindicta, der Moralia und detAnimad' 
versiones ad Plutarchi MoraUa der sdecta ^toricarum, ausser 
mehreren Andern aus der erwähnten Bihliotkeea critica, als: «fc 
obitu Burmanni, Emesti, Schraderi und Valckenami, finden wir in 
dem ersten Bande die gmzeEpistola Critica ad D. Ruhnke^ 
nium (p.4 '73')^ die gelten gewordene Oratio de conjunctione 
Philosophiae cum elegantiorihus literis, &e oratio de 
Philosophia auctore Cicerone, laudatarum artium onuäum pro^ 
ereatrice et quasi parente; die Dtdicalio u. Prarfatio ex libro prae^ 
ceptorumPAdosophiae Logicae und'^ie Disputatio de libro de Pue-^ 
rorum Educatione, aus Wyttenbachs Animadverss. adPlut. Moralia 
entnommen. — Im a. Bande, ausser mehreren Voixeden, Parentalien 
und sonstigem der Art aus der Biblioth.Crit. und den MiscelL DoC" 
trin.j bemerken wir die epistola ad P. C'van Heusde, ad Bosckium 
ad Lj-ndenum, die Prolegomen en zur Ausgabe des Platonischen Phar 
don, die annotatio ad Z.BakU librum de PösidoniOf und dann be- 
sonders die beiden g^rÖnten Preisschriften: de Uni täte Dei, 
die andere: de Immortalitate Animu 

Durch diese kurze Uebersicfat des bihalts mag der Leser selber ' 
entscheiden, ob unsere oben ausgesprochene Ansicht gegründet sey, 
oder nicht; so viel fugen wir noch hinzu, dafs Hr. Bergmann dun^ 
Hinzufüs;ung eines ausfuhrlichen Sach- und Wortregisters för beid« 
Bände sich ein besonderes Verdienst um diese Ausgabe erworben 
hat, die auch im Uebngen, durch correcten Drack, wie durch anr 
genehmes Aeussere sich en^fiehl^ B. 



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N= 52. „,ia.,b.rg„ 1822. 

Jahrbücher der Literatur. 



ttmmtmim/mmm09^m0^090mfM^^ mm mmmf^'^m^^ g m^m^^m^m 



• mi^mmkm 



(Etstfün) ft^as thut der Landmrthsckmft Noth? Breslau 48$¥. 
gr. 4%. %So S. % fl^ 4o kt^ 

L/nler den Werken, welche uns *die neuere Zeit in Beziehuug 
auf diesen Gegenstand geliefert, nimmt das gegenwärtige eine 
ehreuwerthe Stelle ein. Gerne ertheilt man ihm das Zeugnifs 
der Umsicht, der practischen Brauchbarkeit, und besonders das, 
dafs es die zu beseitigenden Uebei an den Quellen aufsucht. 

Fast nur indirect nimmt der Verf. die Thätigkeit des Staa« 
tes ia Anspruch; er wendet sich vielmehr an die Nation, deren 
Wirkungs vermögen in allem was öffentliche Bildung und W^th- 
scKaft betrifft, uns neuerlich die. Holländische Nation durch ihr 
Unternehmen zu Frederics •" Oord so glänzend beurkundet. Vor- ■ 
ftttglich an die landwirthschaftlichen Vereine, an die grosseren, 
gebildeteren, gemeinsinnigen Landeigenthümer, und die landwirth-* 
schaftlichen Volksschriftsteller sind daher die Worte des Verfs. 
gerichtet; dann in weiterer Beziehung an den Staatsmann. Doch 
scheint uns, dafs derselbe an einer Klippe Schaden genommen 
Labe, an welcher so viele landwirthschaftliche Schriftsteller schei-^ 
tem. Der Verf. bezieht sich auf die Verhältnisse seines Vater-* 
kndes oder Wohnortes ( Schlesiens ) , die er durch Erfahrung 
kennt, und unter welchen er lebt. ^ Seine Vorsctiläge,sind kei- 
neswegs Kompilationen, sondern beruhen auf Ueberzeugung und 
sind ihm zum Theil ganz eigenthümlich. Weit entfernt, ihn 
darum für tadelhaft zu halten, dafs er uns kein, durch Kompi" . 
ktion ergänztes Werk geliefert, hätten wir nur gewünscht, dafs 
er den Titel dem Buche melir angepafst, und ihn nicht zu all- 
goneiu gegeben hätte. Manches kommt darin ab der Land*^ 
wirtfaschaft verderblich zur Sprache, was man in vielen Gegen-' 
den Deutschlands gar nicht kennt, oder es werden Mittel ange- 
rathen , die in solchen nicht ausführbar» Manches aber ist aus 
demselben Grunde übergangen worden. Wir erfahren nichts 
über bessere Bereitung Ats festen und flüssigen Düngers, fast 
ucbu aber Sicherung des landwirthschaftlichen X^^edits, beson-» 
4lers der kleinern Weinbauern, u. a.; nichts überBie so dringen* 
dÄ Vorkekrungen zur Förderung des Absatzes Tand wir thschaft* 
liite IVoductc^ niobts von Benutzung arbeitsloser Henschea* 

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8id (Eisner) über ^e Land wir thsckaft» 

kräfte zum Vortbcil der Landwirdischaft : alles Dinge, die we- 
nigstens ia manchen Theilen Von Deutschland höchst wichtig * 
se}n diirften» 

In den 6 ersten Capiteln handelt der Vf. ab i) denge- 
|renwärtigen Zusts^id der L^indwirthschaft/ und die 
äussern Hindernisse derselben; nemlich'er spHbht iih ^ten und' 
3teu von dem ndthigen Gemeingeiste der Landwir- 
thc unter einander und von den landwirthschaftli* 
chen Vereinen, als Mittel ihn herzustellen. 4) Auf- 
hebung aller Servituten zwischen den grdssernund 
kleinere XiandeigenthiTmern unter einander. Doch 
können wir hier uosre Ansichten mit denen des Verfs. nicht 
vereinigen, wenn er der Polizei das Recht zuweisen will in An- 
sehung der, durch' Aufhebung jener Servituten mitunter frei- 
werdenden Dienstleute zu beurtheilen, wann und wie oft si^ 
im Wirthshaus sejn dürfen, wann sie arbeiten sollen, wie viel 
ihnen dort zu verzfehven erlaubt scjn möge, u. s. f., so wenig 
als das Recht, alle wider jenes Urtheil Anstossende um Geld zu 
bestAfen, um einerseits durch diese Geldstrafen ihnen die Mittel 
zu entziehen — in der Woche i — a Viertelstage dort' zuzu- 
bringen, und »Ihr liederliches Lebenc fortzusetzen; andererseits 
aber. um aus diesen Strafgeldern die Arbeitsamen zu lohnen, zu 
unterstützen die ArbcitsunHihigen. Für letztre Beide ntülste Wohl 
auf anderem Wege gesorgt werden. Aber der Staat ist keia 
Arbeitshaus wo jedem Sträfling sein Thun und Lassen vorge-^ 
wogen wirdi Wie viel sich auch gegen Geldstrafen überhaupt' 
unter solchen Verhältnissen einwenden l^st, i^t bekannt. 5) Ver- 
besserung des Gesindes; höchst bedeutend! 6) Verbes- 
serter Landschulunterricht: ein vor allem hochwichtiger- 
Punkt; wo das gemeinsame Interesse, das sich in vielfaltigen 
Schriften darüber ausspricht, klar an den Tag legt, dafs er eau' 
Bedürfniss der Zeit seye. Namentlich müssen die Schul lehrer 
ihrem Stande, und die Landwirthe dem ihrigen zugebildet, ©r- 
stcre dürfen mit fremdartigen Arbeiten nicht überhäuft werden; 
dann aber verdienen sie auch eine anständige Besoldung. — 
7) Allgemein richtige Schätzung des. Grundeigen- 
thums, wobei gewölinlich nicht genug berücksichtigt wird; 
2) die Jahreszeit, a) Witterung, 3) Lage, 5) Unterlage und Un- 
tergrund 5) Wasserhaltende Kraft und Reffenf^Ä der Gegend. 
6) Relative Beschaffenheit des Viehstandfes.^7 j W'erth der Wie- 
sen im Verhältnifs der Plreductionskraft des Bodens. 8) Gegen- 
wärtiger Dünajgsstand. 9) Zum Gut gehörige Waldungen. 
Nachlhcile unnJltiger Schätzung sind- 4^ Gefahrdung des Gre- 
dits bei übertiebiener a^ Schwächung dessejben bei niedriger 
Taxe; 3) im ersten Falle auch oft Schwätjhting des Betridbs- 



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Hocfastetter physicalische Erdbeschreibung^. 819 

«ipitals. 8) Einführung der Sommerstallffitterung. 
9) Aafsnchutig «Bd Anwendung des Moders und 
Mergels; 10) Ausmittelung der geeigneten Bewirtli- 
schaftnngsart für ein Gut. 11) Verhiltnisse.die es 
tortlicilhaft machen ko^nnen, einen Theil der cr- 
leugten Producte durch die Viehzucht zu consumi^ 
rcn. »2) In wiefern die Landwirthschaft durch Disr • 
memlfratiottgrössercr Gfiter gewinnen könne. Die- 
ser Gegenstand scheint uns von so vielen äusseren Umständen 
ai>hängig| dafs sich darüber wenig Allgemeines bestimmen la^se. 
Daher die manchfalti^en Streitigkeiten darüber, wo es schwer 
ist, alles Für und Wider genau abzuwiegen. Auch hier kann 
Ref. mit den Verf. nicht ganz übereinstimmeD, doch gestattet 
der beschränkte üaum eine genügende Erörterung des nicht. 
l3) Bequeme Verlegung der Wirthschaftshöfe nebst 
Anweisung zu wohlfeilen Lehmbauten. i4) Gutes 
hinlängliches Zugvieh nebst zweckmässigen Ackere 
geräthen. i5) Erzeugung Aes eigenen Holzbedarfs« 
Hier unter andern spricht sich der Verfasser wieder viel 
zu allgemein aus. 16) Obstcultur und Bienenzucht. 
17) Genaue Rectinungsführung. 18) Zweckmässige 
landwirthschaftliche Reisen und deren Beschrei* 
bung. .19) Nothwendigkeit des Bemühens der Land* 
wirthe ihrem Stand Ehre zu machen, ao) Uebereinkunft 
zu einer gleichmässigen '^Terminologie, ai) Schä- 
ferschulen. ai) Aufhebung d.eT Patrimouial -Ge« 
richtsbarkeit. a3r) Widerlegung des Vorurtheils 
mehrerer Landwirrhe, dafs wenn die Landwirth-» 
Schaft ^uf ihre höchste Stufe gebracht würde, die 
Preise der Producte immer mehr unter den Erzeu«- 
gungsvrerth sinken werden. Wir schliesseu mit der Be 
merkung, dab auch die ^Ausföhrung k}ar und bündig seje. 

Bronn* d. /. 



JUgemeine pAjrsicaiisehe ErdheschreAung; zu gemeinnütziger Be^ 
lehrung über die natürliche Beschaffenheit des ErdhSrpersg 
und zu Beförderung eir^ lebendigen Sinnes ßir die Natur 
überhaupt, Von E, F, Hochstetter , Professor an der 
landwirthschaßUeheii Lehranstalt zu Hohenneinu Zweifer 
Theü. Stattgart 4824. 38oS.8. Pr. beider 2Ä. 3fi* »^kr. 

fiecoisent hat den ersten Theil dieses aützUchen Buches frühjsr 
(Mtf|r. iSao. S. .1076.) aufßihrlidi aiiges^i muls sich aber 

> . «- ' Digitizedby VjOOQIC 



8qo . Hocbstetter phydcalische Erdbeschrelbungr 

des beschrankten Raumes weisen diesesmal kurz fassen , welches 
um so leichter angeht, als der Anlage des Werkes gemafs das 
Bekannte zweckmässig zusammengestellt ist, ohne dafs tiefer an- 
greifende eigene Forschungen erwartet werden können^ oder zu 
genatien Prüfungen Veranlassung gd>en. In der kurzen Vorrede 
entschuldigt sich der Vf. mit der Menge des vorhandenen Stof- 
fes darüber, dafs ausser diesem Bande noch ein dritter nach- 
folgen wird, welcher die Meteorologie enthalten soU. Eigentlich 
sollte hier bloüs von den tropfbar flüssigen Bestandtheilen der 
Erde gehandelt werden, aber man findet verschiedene Gegen- 
stände erörtert, welche eigentlicher in den ersten Theil gehören, 
und dort vielleicht vergessen sind, z. B. die Sandwüsten, Step- 
pen und Heiden, die Entstehong der Berge und Thaler u.s.w. 
Im Ganzen kann Ret sein Urtheil wiederholen, welches er in 
der erwähnten Anzeige ausgesprochen hat, bedauert indefs, dafs 
der Verf. vielleicht in Gemäfshoit besserer Renntnifs seines Publi- 
cums in diesem Theile noch mehr poetische Reflectionen einge- 
streuet hat 9 als in jenem* Zur Bestätigung dieser Bemerkun«; 
verweisen wir unter vielen .andern , nur auf S. 7., wo sogar 
Oöthe, Schiller und Fouque citirt sind, wogegen die schlicht 
prosaischen Naturforscher doch wohl bemerken dürften, dafs bei 
aller Achtung gegen diese gefeierten Namen Dichtung für deu 
Dichter, aber einfache Wahrheit für den Naturforscher gehört. 
Ueberhaupt grenzt es zu nahe an den Inhalt einer gewissen Gat- 
tung alltäglicher Liebes -Romane, wenn z. B. Eisbildung an 
Gedankenverbindungen S. i5. Nebel an Geister>velt S. 24- und 
tobende Wellen an Reactionen in Kirche und Staat S. 325. er- 
innern sollen. Wären alle ^Abschweifungen in das Gebiet der 
Naturpoesie S. 8. weggeblieben, ubd^ manche nicht eigen^tlich zur 
Sache gehörigen Betrachtungen, z.B. über die Zusammensetzung 
und die mannigfachen Eigenschaften des Wassers kürzer gefafst, 
so würde das Werk nicht ohne seinen Vortheil minder weitlüuf- 
tig geworden . seyn. 

Den Inhalt kurz anzugeben handelt der Verf« zuerst von. 
den Quellen, ihror Entstehung, verschiedenen Beschaffenheit uiid 
einigen merkwürdigen Eigenthümlichkeiten derselben. Vom Gej- 
ser in Island wird S. 65> behauptet, dals hineingefallenes Fleisch 
;schnell gar kocht ; allein nach der eigenthümlichen Beschaffenheit 
dieser Wunderfontaine dürfte es schwer thunlich sejn^ Fleisch 
Kin einzuhalten , und dann können Gegenstände in solchem sie- 
denden Wasser unmöglich früher weich werden, als in gemei- 
nem, überhaupt aber hätten diese merkwürdigen Naturerschei- 
nungen wohl eine genauere Beschreibung nach Henderson, Gar» 
IMj Mackenziej v, Troü oder einem sonstigen Berichterstattet' 
verdient Als Ursache der Hitze in der Erde die Schwefelkiese 



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Hochdtetter physicalische Erdbeschreibung. 821 

anzanebmen S. 73« hat nach neueren UntersncbaDgeo ta Tid 
wider sicli. Von den Tlü$sen findet man hier das Wissenswür- 
dige umfassend und belehrend zusammengestellt , und Ref. ^iU 
l^lofs als einige Kleinigkeiten bemerken, dafs Reibung S. 90. 
Leim Wasser nicht stau findet, sondern blofs Adhäsion; aber dw 
Verzögerung der Geschwindigkeit des Flufswassers ist aas den 
Tielen Krümmungen der Flusse mehr als genügend erklärbar. 
Der Nilscblamm verdankt seine Fruchtbarkeit nicht sowohl der 
Thonerde S. i33.| als vielmehr einem fetten Humus, meistens 
ans vegctabilischeu Stoffen bestehend. Verschiedene Seen mufs- 
ten allerdings ehemals durch das Entweichen des Meeres von 
der Erdoberfläche entstehen, wenn anders diese Vörstellungsari 
zulässig ist, allein hiervon sind gegenwärtig sicher alle Spuren 
jrertiJgt, und es kommen daher wohl nur diejenigen Ursachen 
der Bildung stehender Gewässer in Betrachtung, welche der Vt 
weiterhin vollständig angegeben hat.« An. die Betrachtung der 
Seen schliefst sich die Abhandlung über Sümpfe und Moräste > 
zweckmässig an, nicht eigentlich in diesen Abschnitt gehörig ist 
aber die Beschreibung der Steppen und Sandwüsten, imd eben 
so wenig der heissen Winde S. ao6., wobei wir bemerken wol- 
len, dafs Samum und Chamsin sehr -verschieden sind, der Sirocco 
aber nicht füglich als eine Fortsetzung des letzteren, sondern 
vielmehr des Harmattan anzusehen ist, und dafs schwerlich grosse 
Salzlager, ^ noch weniger aber eine dadurch gebildete' Salzluft ab 
Ursache desselben gelten können. 

Von geringerem Umfange, p\s der erste Haupltheil der phj- 
si<^lischen . Erdbeschreibung ist der zweite, welcher das Wis* 
senswürdigstc vom Meere, seiner Verbreitung, Tiefe, Tempe- 
ratur imd Farbe, von seinem Salzgehalte und den verschiedenen 
Bewegungen desselben enthält. . Letztere fuhren auf die Erör- 
terung einiger schwierigen, dem Verf. noch nicht hinlänglich 
klaren Probleme. Mit- Unrecht verwirft derselbe die ans dem ^ 
Zurückbleiben des vo^ den Polen zum Aequator strömenden 
Meeres entstehende Ursache des beständigen Oststromes S. 280., 
auch hat Laplace S. 282. niemals behauptet, dafs die Anziehung 
des Mondes weder im Me^e noch im Luftkreisc eine bestän- 
dige Strömung erzeugen können, vielmehr ^yirken die hier ver- 
worfenen Ursachen mit der einzigen zugelassenen, dem bestän- 
digen Ostwinde, gemeinschaftlich zur Hervorbringung der ge- 
nannten Wirkung. Auch die Ursachen der Ebbe und Fluth 
sind nicht ganz richtig angegeben. Kann man gleich S. 3'o4« 
bei manchen astronomischen Rechnungen die Schwere des Erd" 
bafls in seinem Centro vereinigt denken, so fallt dieses doch bei 
der Anziehung des Mondes gänzlich weg, indem sogar der ge- 
mOBscbaftUche Schwerpunkt beider Körper, welcher ihre Bahn • 



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$22 Hochstetter physicalische £rdbe8chreibu<ig; 

um iie Sonn6 bcsctireibt^ nicht to ^en Mittelpunkt dto Erde 
fallt. Man kann dalier nicht sagen, dafs das Centrum der Erde 
am^ stärksten angezogen Tfhdy welches auch der Fluth ^n der 

' dem Monde zugewandten Seite geradehin zui(vider seyn wurde, 
und eben so wenig ist die Vorstellung zulässig, dafs die Erde 
iregen den Mond genickt, und das seitwärts befindliche Wasser 
eile, den durch dal Zurückbleiben des Meeres auf der Tom 
Monde abgewandten Seite der Erde entstehenden leeren Raum 
auszufüllen. ^Rec. verweiset nur auf die astronomischen Werke 
Yon JUot, ßohnenherger , de Lambre o. a., worin die Ursachen 

^ der Fluth genügend angegeben sind. Der Mascaret soll uacR 
S. 3i3. der Garonne und dem Pwa in Brasilien eigen sejn; er 
zeigt sich aber vorzuglich in' der 'Dordogne und ausserdem in 
mehreren Flüssen, z. B. der Elbe, dem Amazoneuflusse u. a. 
Die wichti{;sten Erfahrungen über den Wellenschlag W der 
Verf. vollständig und richtig zusammengestellt, gegen die Theorie 
derselben , so viel von dieser schwierigen^ Sache hier berührt 
wird, Hesse sich wohl einigt einwenden. Richtig ist ohne 
Zweifel die Behauptung S. 335., dafs das Leuchten >der See 
niclit von. der Electricität herrühre ; ob dieses aber aus der vor- 
züglichen Leitungsfahigkeit des Wassers für Electricität iolge, 
ist so viel fraglicher, je grosser bekanntlich der Widerstand ist, 
welchen das Wasser dem Durchgange des electrischen Funkens 
entgegensetzt. In wie ferne die Eisberge S. 355. / »wegen des 
»leichten (?), durchscheinenden Stoffes, woraus sie bestehen, 
»der Herrschaft irdischer Schweife minder unterworfen scheinenc 
sollen, ist Rec. nicht klar geworden, lieber spec. Gew« und. 
Salzgehalt des Meeres sind die Resultate früherer Untersuchun- 
gen angegeben, es fehfen aber die neuesten von Marcet, nd)st 
den Beiträgen von R(^s und Kotzebue. BiUigtn vnrd m^m, dafs 
der Verf. die Frage über den Ursprung des Mcersalzes unent- 
schieden läfst; allein Biiffojis und HaUefs Hjpothese, wonach 
es allmahUg durch Flüsse herbeigeführt sejn soll, obgleich >an 
sich nicht haltbar , kann durch das S. 37 1 . beigebrachte Argu- 
ment der geringeren Salzigkeit in der Nähe der Flüsse nicht 
widerlegt werden; denn wenn die Flüsse seit undenklichen Zet- 
tln ihren Salzgehalt im Meere b'essen, von letzterem aber nur 
süsser Wasserdampf aufstieg und die Flüsse wieder o^eugte^ 
so wäre hierdurch die gegenwärtige Beschaffenheit beider ge« 
nUgend erklärbar. 



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T. Liechtenstern üb. d. Verwaltung d, Landgüter. SiS 

UAer £e Verwcitung der Landgüter^ ein Umrifs der wesent- 
lichsten Grundsütze hiezu Mit einem Anhan ff c einer prac- 
tischen Büdiothek för Güterbeamte* F'on Joseph Mjiix 
Freiherren m. LrsCHTENSTJsnif. ("Dritte veränderte Ausgabe J 
Mtenbur£L /<?ä#. Verlag von Christian Bahn, q ggr. 

JUiese AbliaodluDg erschien 1802 zum erstenmal als Anhang zu 
den Bemerkungen des Hrn. Verfs. über den Zustand der Land- 
wirthschaft in den Ländern der österreichischen^ Monarchie. Das 
Publicum nahm solche gefallig auf^ und viele Gutsbesitzer , be- 
sonders in Böhmen und Ungarn, bewiesen diesem Aufsatze da- 
durch ihren Beifall , dafs sie seaien Inhalt als Instruction für 
ihre Beamten und Guterver Walter benutzten, und somit in*s prac- 
tische Geschäfb]eben einführten. Dieses hat im Jalire 1809 eine 
zweite Auflage Yeranlafst, in welcher dieser Aufsatz für sich 
allein erschien. Aber auch diese Ausgabe ist seit ein Paar Jah- 
ren vergriffen, ohne dafs sich die Nachfrage um solche vermin- 
dert hatte. Vielmehr hatte sich ihr Gebrauch auöh ausser den 
Grenzen der ^ostreichischen Staaten ausgebreitet, und solches be- 
wog den Hrn. Vf. zur neuen Bearbeitung dfieser Schrift, welche 
mehrere wesentliche Veränderungen erhielt, die sich zunächst 
auf den Gebrauch beziehen , wozu sie bislier vorzüglich ge- 
dient hat. 

Das Ganze zerfallt in fünf Hauptabtheilungen , und handelt 

von der Wichtigkeit eines rechtschaffen en Güterverwalters; 

von den Pflichten, welche den Beamten in Rücksicht auf das 
Interesse des Gütereigenthümers obliegen; 3) von d^n Pflichten 
des Guterverwalters in Rücksicht auf das Wohl der Unterthanep j 
4) von den Pflichten des Güterverwalters in Absicht auf die Be- 
förderung des allgemeinen Besten des Staates; 5) von den Pflich- 
ten des Guterverwalters, die ihm in Rücksicht der Behandlungs- 
art der vorfallenden Geschäfte im Allgemeinen obliegen. 

Wenden die Forderungen befriedigt, welche der Hr. Verf. 
an einen Wirthsehaftsbeamten macht, so können die Resultate 
nicht anders als befriedigend seyn: Ob sich aber ein diesen 
Forderungen entsprechendes Subj<?ct zu einer subordinirten Ver- 
walters Stelle hingeben, und mit dem gewöhnlichen Gehaita 
eines Wirthsehaftsbeamten begnügen wird, lassen wir dahin ge- 
stellt ,sejn .' Die Forderungen sind nämlich : Sprachkenntnifs, 
Geographie,, Mathematik, Zeichnen, bürgerliche Baukunst, Bota- 
nik^ Mineralogie, landwirthschäfdiche Chemie, Zoonomie, Phj^ 
sidogie d^ Pflanzen, Vieharzneikunde, allgemeine Mechanik, 
Hydrostatik und Aerostatik in Beziehung auf technische Land- 
wirthschaft, Civil-. und Wasserbaukunst, Statistik, Technologie, 
Haodloags- und.Cameralkunde) Jurisprudtnz, Archiv- und R«« 



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'.] 



824 Elegieen des Properz Übers. Ton v. Strombeck. 

gi^traturweseoi FontwisteDschaft und der technische oder lAtr 
dcre Tbeil der Landwirthscfaaftswissenscbaft. 

Im Aohang folgt ein Verzetchnirs der einem Wirdischafts- 
bcamtcn nothwendigen Bibliothek. Der Hr. Verf. gekt von der 
An&iclit ausy dafs ein Wirthschaftsbeamter die ihm unentbehrliche 
Deratliung an einsamen Orten nirgend anders finden könne, als 
in der 3chrifbprache entfernter Ratbgeber. Referent theilt diese 
Aiittcht gern mit i|un, nur hatte er gewünscht, da(s die ange- 
führte Literatur m% kuneo kritischen Bemerkungen begleitet 
'worden wSre, 

Forttncn 



Elegieen des Propertius, übersetzt und erklärt von FRiEDRicM 
ÜJMi ofon Strombeck. Zweite sehr vermehrte und verhes-^ 
^MTte Ausgabe. Braunschweig hei Fr^ Vieweg. iSst%n, 33m 
Seiten gr. 8* 

Vor etwa zwanzig Jahren , beschenkte uns der geschlitzte Hr. 
Verf. mit einer metrischen UebersetzUng der properzischen Ele- 
gie Cornelia I der er nicht lange darauf das ganze erste Buch/ 
oder die Cjnthia d.es gelehrten Pichters nachfolgen liefs. Sech- 
zehn Elegieen aus dem zweiten Buche blieben ungedruckt ; dann 
ruhte der Uebcrselzer vierzehn Jahre lang. Erst im December 
4818, durch begünstigende Umstände angeregt, nahm er von 
neuem den Liebling seiner 'Jagend zur Hand, unterwarf das 
l)ereits Uebersetzte einer sorgfältigen Feile, und fügte die noch 
fehlenden Elegieen des zweiten Buches hinzu. Dies alles, in 
eine Sammlung vereint, übergiebt er jetzt anspruchlos »dem 
Wohlwollen des Publicums«, zu einem zweiten Band Hoffnung 
machend, der wahrscheinlich die noch fehlenden Elegieen ent'» 
halten wird. 

Ueber deutsche Sprache und den Bau des deutschen Hexa« 
meters enthält die Vorrede einiges, wenn schon nicht neue, doch 
gute und beherzigungswerthe. Hr. v. Str. fodert von einer Pro- 
perzubersetzung, dafs sie Deutsch sej ^ so viel dies »irgend das 
Fremde des Stoffs erlaube c; drum hielt er sich frei von allea 
aus den Sprachen des Alterthums entlehnten Künsteleien und 
Kühnheiten, selbst solchen, die er in seiner früheren Ueber- 
. Setzung des Tacitus nicht verschmähete. Das ist lobenswerth; 
denn unsre Sprache ist für jede Farbe und Tonart reich genug, 
und bedarf auch zum Ausdrucke der Kühnheit nicht der Zufuhr 
von fremden Wörtern und Wendungen. Thut aber d^r Ueber- 
sctzer Einern eigenen Tacitus ni<?ht Unrecht, wenn er ihn wo- 



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Elegieen des Propcrz übers« von v« Stroml)eck^ 8a5 

gen straflEilliger KCAiDlieiten zu yerklagen scheint? Unteres Er« 
achtens hat sich Hr. v. Str. nicht einmal an die Grenze des Er- 
laobten und Gesetzlichen gewagt ^ geschweige das Gebiet der 
griechenzenden Irrhäusler betreten, deren Kauderwelsch fast schon 
Yor dem Entstehen vergafagen ist. 

Recht wacker spricht Hr. y. Str. über die »Strenge des 
»griechbchen und romischen.Sjlbenmatses im deutschen Hexa- 
»meter und Pentameter«, die, trotz dem Machtspruche eines be- 
rühmten Kritikers, vom Genius unserer Sprache verworfen wird« 
»Daus es mögfich sej (sagt er), in beiden Vejsarten den Tro- 
chäus (als Yersfufs) gänzlich zu vermeiden, haben mehrere durch 
die Tbat gezeigt; und selbst in dieser Sammlung wird man ihn 
selten, und in einigen Elegieen fast gar nicht antreffen« Was 
kann man qicht in den Versen durch Kunst und Künstelei mög- 
lich machen? Vei^ertigte man nicht ganze Gedichte, in deneii 
der Buchstab R fehlte? Aber den Trochäus in deutschen Hexa- 
metern -und im ersten Abschnitte des Pentameters gänzlich zu 
vermeiden, halte ich gegen den Genius unserer Sprache. Fast 
all' unsre Hauptworter fangen mit einer langen Sjibe an, eine 
grosse Menge unserer Eigenschaftsworter aber wird durch die 
Beugung zu Trochäen. War' es nun unerlaubt, Trochäen im 
Hexameter und Pentameter anzuwenden,- so dürfte man nie ein 
Eigenschaftswort vor ein Hauptwort stellen. Ein Sjlbenmafs 
"kann aber unmöglich der deutschen Sprache angemessen seyn, 
in welchem Zusammenstellungen, wie grosser Gott u. s. w. 
nothwendig müfsten vermieden werden, und in welchem die 
schönsten und natürlichsten Bezeichnungen stets zu umschreiben 
waren.« Die Wahrheit dieser von Kolbe, Gotthold und andc« 
reu längst erwiesenen Aussprüche hat vor Kurzem ihre Bcstati- 
l^aog geJPunden an zwei Probegesängen zweier neuen Odjssee- 
ubersetzungen ,- deren Verfasser (Konrad Schwenck und Kart 
Ludwig Kannegiefser) dem Trochäus als mitherrschendem Vers- 
fusse in deutschen Hexametern wider ihr eignes Wissen und 
Wollen da^ Wort reden. Denn abgesehn von d^s erstgenann- 
ten Uebersetzers seltsamen, durch die Verstossung des Trochäus 
herbeigeführten Wortbildungen^ Z*. B. Goldthronkönigin, zierreick^ 
lockig, mannslastschwerj schwarzgrauschnählig u, s. w», die noch 
seltsamer klingen unter so vielen von Natürlichkeit überspru- 
delnden Hexametei'n, wie:- 

Geh iu den Schv^ein$tall hin, dort lege du dich zu den 
oder: andern, 

Schmierete, gehend hindurch, sie mit anderem Zauber 

anjetzo ; 
abgesehn von diesen und ähnlichen Seltsamkeiten des Herren 
Sdkwenck und seines mit falschen Cäsuiien sehr freigebigen Mit- 



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826 Eleg^een des Praperz ubers, ron r. Stromljteck« 

werb^s ; in beiden Probegesängen sucht zur Bädung Mnstlicher 
Spondeen der blosse Machtspruch tp annischer H^iUkähr sich gel- 
tend zu machen. Hr. Schwcnck, keiueswegs einer Positioltas- 
theorie huldigend , giebt z. B. folgendes: 

Ziehet vor allem zuerst eur Schiff empor — ; 
und Hr. Kanngiesser unter andern den Vers: « 

Blieb mir; doch nicht ihn allein mit beklemmenden Seuf- 
zern; / 
dazu in der Vorrede die Lehre, in 

Strebend für seine S^t\^ zugleich 
sej strebend ßir ein Kretikus^ (warum nicht gar ein Molofs?) 
und in 

Denn sie bereiteten selbst durch MisseMaf ihr f^rderben 
müsse that ihr Ver als Antibacchius (--*-) skandirt werden. 

Wir wenden uns zur Uebersetztfng des Hm. v. Strombeck. ■ 
Eine Stelle der Vorrede giebt den Stand an, fon welchem die* 
Beurtheilung ausgehen mufs. Hr. v. Str. wünschte liämlich, dafs 
seine Verse »von .gebildeten, nicht — gelehrten Männern und 
»Frauen (nicht aber Jungfrauen) möchten gelesen werden.« 
Demnach untersagte er sich geflissentlich alies^ was auch nur den 
Schein von unbiegsamer Strenge, oder fremdartiger Sprödigkeit 
zu tragen scheinen konnte, und begnügte sich mit der zwang- 
losen Leichtigkeit der Umgangsprache, wie sie ein gebildeter 
)Creis von Zuhörern fern aus dem Munde eines gewandten Spre- 
chers vernimmt. Wielands feiner Gesellschaftston mochte ihm 
dabei als ein Muster vorschweben, das er oft glücklich erreicht, 
dem er selten fdrne bleibt. Dies Streben nach leichter und be- 
quemer Verständlichkeit hat den Versen des Hrn. v. Str. oft 
eine gewisse Anmuth eingeprägt, die schon Leser und Leserio- 
nen locken wird, dagegen aber auch einen bedeutenden Theii 
des Grofsartigen und Würdevollen genommen, das der Kenner 
des Properz ungerne vermifst. Aber dies lag einmal inü Plane 
des Ueberset^ers. Rec« hebt einige Stellen aus, die Leser mit 
* dessen Weise bekannt zu machen , und wählt zu dem Zwecke 
die Cornelia, welche auch Hr. t. Str. mit begreiflicher Vorliebe 
die Königin der Elegieen nennt. Nachdem Cornelia in der Un- 
terwelt den Ruhm ihrer Ahnen geschildert, spricht fk^ von ifirer 
angestammten Jugend und Mädchenunschuld: 

Nee mca mutata est aetas: sine crimine tota est« 

Viximus insignes inter utramque facem. 
Hi natura dedit leges a sanguine ductas^ 

Ne possem melior judicis esse metu. 
Quamlibet austeras de me ferat uroa tabellai: . " 

Turpior adseAsa 900 erit ulla mco. 



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EldgieeaTonProperz übers. Ton r. Strombeck. 827 

JJiv T. Str. -übersetzt: 

_ Nicht auch schuf mein Leben sich um; ganz blieb es von 

Schuld frei; ' 
Strahlend zwischen der Braut Fackel und Fackel des 
Tods. 
! Solch» Gesetze rerlieh durch das Blut der Ahnen Natur 

mir, 
Dafs ich besser aus Furcht nimmer vermochte zu sejn. 
"Wenn auch ein strengeres Leos für mich aus ^er Urne 

hervorgeht; 
Schande doch bringt es gewUs kein er , zu sitzen hei 
mir. .- 

Bis auf die harte Wortfügung im zweiten Veise, muls man 
der Uebersetzuug das Lob einer ungemeinen und recht ange- 
nehmen Klarheit zugestehn, die besonders hervorgehl aus einigen 
Zusätzen in der dritten und in der letzten Zeile. Aber, fragen 
wir, hätte nicht etwas weniger als dies Uebermaas von Klar- 
heit grade dasselbige bewirkt, und hätte sich dann nicht viel- 
leicht etwas Platz gefunden für Kraft und Gediegenheit? Im 
ersten Jahrgange des Taschenbuchs Cornelia lauten die Verse so : 
Nie auch verlor «ich mein Leben zum Fehl^ von der braut- 

liehen Fackel 
Bis zur anderen blieb Seligkeit unser Verein. 
Mir gab selber NatHr aus dem Blut entsprofsne Gesetze; 
7' Besser hätte mich nie Furcht vor dem Bichter ^emaclit« 

Wenn auch die Urne von mir mit Aom herb esten.Täf ei- 
chen urtheilt, 
Nicht wird eiqe beschimpft, dafs sie gesessen bei |mr. 
Weiter spricht Cornelia: 

FUia, tu specimen censurae nata paternac, 
,' Fac teneas unum, nos imitata, virum, 
Et Serie fulcite genus. Mihi cjmba volenti 

Solvitur, aucturis tot mea fata malis. 
Haec estifeminei merces e^trema triumphi, 
Laudat nbi emeritum libera fama rogum. 
Bies übersetzt Hr. v. Str. : , 

Tochter, geboren ein Bild der Censor- Würde des Vaters, 

Ahme der Mutter nach, wähle nur Einen Gemahl. 
Unser Geschlecht verstärkt durch EnkeL Ich tret' in den 

Nachen 
Gern, der Uebel so viel hauen verbittert den Tod. 
Dies ist: der letzte Lohn, den trtumphirend das Weib ha^ 
Dafs sie freierer Ruf preiset am Todtengerust ; 
Die dritte Zeik^ wird Hr. v. Str. so wenig wegen metrischer 
Vollendung, als die erste Wegen logischer Rundung anpreisen 



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8aS l&legieen von Propere übers, von v. Scrombeck. 

"v^oUen ; über die Anderen ist ein Segen -von XlarKeit verbrei- 
tet, der £sist das Auge blendet. Melir Maas, mehr Segen dachte 
wohl .der vom Hm. v. Str. wahrscheinlich nicht gekannte Vor* 
ginger, als er übersetzte: 

Tochter y mit Glanz empfing dich die Censorwnrde des 
' Vaters 5 
Bleibe du Einem Gemahl, so wie die Mutter getreu. 
Mit Nachkömmlingen stutzt das Geschlecht. loh lose deo 

Nachen 
Gern, denn mancherlei Weh hätte mein Schicksal ver- 
mehrt. 
Das ist weiblicher Ehre der herrlichste Lohn des Tri* 

umphes, 
Wann den verdienenden Staub lobet ein freies Gericht. 

Nicht selten hat auch Hr. v.'Str. nach diesem Mafse rühmlich 
und mit gutem Erfolge gestrebt, z. B. am Schlüsse der Elegie: 

Caussa perorata est. Flentes me, surgite testes. 
Dum pretium vitae grata rependit humus. 

Moribus et coelum patuit; sim digna merendo, 
Cujus honoratis ossa vehantur eguis. 

Er übersetzt: 

Meine Sach' ist vertheidigt; ihr weinenden Zeugen^ erhebt 

euch, 
Jetzt, da die Unterwelt dankend mein Leben belohnt, 
Tugend ofinet den Himmel: ich sey es,wcrth durch Ver- 
dienste, \ 
Dals «in bekrinztes Gespann fahre zum Grab mein Ge- 
j bein. 

Wer mochte grade hier dem Üebersetzer eine der schnelleren 
Fassungskraft lästige Klarheit vorrücken? Eine geringe Nach* 
hülfe sogar könnte der Uebersetzung klassische Vollendung ge- 
ben. In der letzten Zeile hätte der üebersetzer (da Cornelia 
doch gewifs schon als eine Bestattete gedacht wird) besser ge- 
than, die Lesart nach der Brockhusischen Aenderung ac^is aus 
den Anmerktingen in den Text zu rücken: 

Dafs mein Schatten den Chor strählender Ahnen begrufst 

(^begrüsse)j 

wcim er es nicht über sich vermochte, die Lesart equis, dem 
Zusammenhange gemäfs, also zu übersetzen: 

Dafs mein verherrlichter .Geist schiebe mit Ehrehgespnn! 
Zu vehantur denke man orf coelum» S. Ovids Met IX, 271: 

Quem pater omnipotens, inter cava nubila raptnm, 

Quadrijugo curru radiaotibus intulit astfis. 



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Elegieen von Properz übers, von v. Strombeck. 829 

Bei der löblichen Sorgfalt ies Uebersetters, jeder Sjibe 
iliNQ prosodbchen Werth zu bewahr en, ifod besonders die ach* 
tea Spondeen und Kretiker' durch richtigen Gebrauch als solche 
anxaerkennenr, fielen uns doch einige unächte Trochäen auf, 
I. B. Ursaeh (Unach des Rummers), Urtheü (finden dies £/r- 
thal gerecht), Sorgfalt u. a. Entschlüpft sind sie wohl nicht; 
der Uebersetzer glaubte vielleicht, die zweite Sjlbe in solchen 
Wörtern babe durch häufigen Gebrauch zu viel von ihrem lo- 
gischen Wcrthe eingebüfst, um sich noch als Lange behaupten 
211 können. Die Skansion von widerstehen als dritter Päon 
(w »^ * ^) widersteht dem gebildeten Ohre. Dann fanden w^r zu 
hSnfig schwerere Mittelzeiten, z. B. die Sjlbe nicht, als Kürzen 
gdl>raucht; was zumal dann störend ist, wann dieselbige Sjlbe 
in der nächsten Umgebung ak Länge steht. Auch vor Namen- 
verkrnppelungen , wie Leucipp,. Even, die dei- Stjl der edlen 
Ljrik so wenig duldet, als der Stjl des ernsten Epos, hat sich 
Hr. V. Str. nicht überall in Acht genommen. 

Der.wiriLÜch schön gearbeiteten und melodischen Verse 
könnten wir eine Menge ausheben , wenn es der Raum gestat- 
tete. Schade;, dafs diesen fast auf jeder Seite einige Verse 
ingesellt sind, denen manches, vieles, mitunter gar alles gebricht. 
Unheiameter sind doch wohl folgende: 

Schleppt mich fort durch entfernte Völker, || durch Flu- 

then I des Meeres, ^ 

Wiederum klagt' ich dann | im Stillen, || ich arme | Ver- 
lassene , 

Warum ich spater | dir kouune, | das fragst du. || — Dir 

mächtige Cäsar, 
wegen fehlerhafter Cäsur und scfaloiternder Bewegung. Aber 
auch folgender, den, die Theorie nothdürftig verth eidigt, kann 
auf kein Lob Anspruch machen : 

Sprechen werd' ich und weilt sie gleich — . 
Dieses durch gar nichts im Inhalt gerecfatfertifi;te Fortkriechen ' 
durch todte Trochäen stört besonders, wenn die fehlerhafte Casur 
Boch hinzukommt, z. B. im Verse: 

Einzig erbarmest du dich nimmer |] der menschlichen Leiden. 
Auch Verse mit doppelter Skansiou finden , sich, wie: 

Hab' ich doch nicht gewagt — . 
Dies sind die ärgsten Verstösse. Nicht aus Tadelsacht hebt Reo. 
fie hervor, sondern um den Hrn. Uebersetzer aufzufodern, seine 
dUlende Feile an diese und einige, andre minder verwahrloste 
Verse noch einmal anzulegen. 

Der Uebersetzer folgte im Qauzen dem Teit der Barthischen 
Ausgabe, zog aber auch zu Rath die von ihm überschätzte Aus^ 
jdie von Kuinöl, und die allerdings treffliche und von kriti* 



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83o Elcgieeu von Properz übers, von v. Strombeck. 

tcben Geist beseelte von Karl Ladimann. Wo er Ton Barth 
tbwich, ergiebt sich nicht allemal aus der Uebersetzung selbs^ 
die iiber wirkliche Schwierigkeiten oft ziemlich frei sich hin- 
wegbewegt; auch sagen es nicht allemal die Anmerkungen. Doch 
so viel sieht man, dafs den Ucbersetzer gewohnlich ein richtiges 
Gtföhl leitete. In des ersten Buchs neunzehnter Elegie, im i6* 
Verse, Tersteht er 7>ff«jr richtig von der Unterwelt, als Rich- 
terin über die Schönheit, und beruft sich zweckmässig auf deu 
hundertsten Vers der Elegie Cornelia.— In der eilften Elegie 
des ersten Buches hat gleich der erste Versr 

Kcquid te mediis cessantem, Cjnthia, Bajis, 
die AjQsleger geneckt. Hr. t. Str. liest medicts, ohne einmal 
viel Wesens von dieser Aenderung zu machen. Aber wer möchte 
ihm nicht beitreten? — In. Prop. I., i3y a5. bieten die Hand- 
schriften : 

Una dies omnes potuit praecurrere amantes. 
Dem in dieser Umgebung thörichten dies und den noch thd- 
TichtercM Auslegungen von Ruinöl u. a. zu eutgehn, liefs Hr. 
V. Str. das fragliche Wort ganz aus, wodurch steine Ueber- 
setzung twar eiueh guten Sinn gewinnt, aber gcwifs nicht, oder 
doch nur zur Hälfte,' den Properziscben. Una deas KheinC 
das wahre zu scyn, — L, 9, 26: 

Aerius illa subit, Pontice, si qua tua est; 

Quippe ubi non liceat vacuos seducere ocellos, 
Nee vigilare alio nomine^ cedat amor? 
Des' Hm. y. Str. Uebersetzung: 

Denn wie könnte, wo nie die Augen zu wtnden ver- 
gönnt ist, 
Nie, sich der andern zu weihn, weichen Cupido von 
ihr? 
ist hier wider Gewohnheit, sehr unklar, weil der Hörer ver- 
bindet: »wie könnte nie Cuptdo weichen, c was doch offenbar 
Hr. V. Str. nitht wolhe. Aber, auch Verständlichkeit einge- 
rirnnt, sie widerspricht, sannnt dem Original, dem Zusammen- 
hange. Vom Nicht - Weichen des Gottes ist die Rede nichl^ 
Mindern davon, dafs er immfor t^fer in Herz und Seele dringt« 
Unbedenküoh konnte Hr. v. Str. Lachmanns trefflicher Inter* 
punctton folgen: 

Nee vigtlare alio nomine cedat Amor, 
und übersetzen: 

Da dir vergönnt nicht ist, gleichgültig zu wenden den 
' Anblick, 

Da audi wachen fi9r nichts anderes Amor dich läfst! 
Auch dem folgefkden Verse : 

Qtfi nöH adle p«tet, donec manus attigit ossi, 



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Morstädt Materialjkritik. JS3i 

bat Hr* V. Str. du}*cli die üebersetznng : 

Diesen erkennt man erst recht, wenn d^e Hand an die Kno^ 
^ chen er legte, 
%xk nahe gethan. Gut wenigstens, dafs er nicht Kuinol folgte, 
der manüs amatoris sich denkt, und sa deutet: nön antea con^ 

spicitur '- — quam ossa tua cutem paene pertundant , tU ea 

manu^ tangi possint* Gewifs meinte Hr. v. Str. den Amor, wie 
er mit pfeilbewafineter Hand das Gebein (Mark und Bein ) des 
Lidicnden berührt; nur den Ausdruck Krochen mufst' er roet- 
den, da ja auch ein abgemagerter Liebhaber verstanden werden 
kann, dem Amor die Knochen und die Rippen befühlt. Rec. 
ist mit anderen, die Barth anführt, ^überzeugt, dafs ^roperz 
nicht manus schrieb, sondern malus j in dem Sinne: 

Den nicht eher du kennst,' bis der Schalk die Gebeine 

berührt hat 

Wenn Hr. v. Str., warum wir ihn bitteif, fortfahren wiD, '' 
sich um den Properz verdient zu machen, so wäre zu wün- 
schen ^ er benutzte Lachmanns Ausgabe noch weit sorgfirltiger,' 
als bisher geschehen ist. Wir zweifeln nicht, dafs (um nur 
noch Ein Beispiel namhaft zu machen) si,e allein hinreichen wird, 
aus der vorletzten Elegie des ersten Buches, die ^»Schwester Acca€ 
fortzujagen , die d<>rt wahrlich nichts zu schaffen hat 



Matericlkritik von Martins Cii^ilprozeß'- Lehrbuch; zugleich auf 

. eine Mitcommentation von dessen Gegenstand, berechnet. 

Ein und neunzig Entwürfe vom Prof. Dr, Kjhl Edüjrb 

MonsTJDT , in Heidelberg, f Heidelberg, bei Karl Groos« 

4820. gr. 8. VIII und '376 S/) 3 fl. 

YVelch hohen Aufschwung ^ur Vollkommenheit unsere gemein- 
deutsche Civilprocefstheorie, seit der glänzenden Epoche eines 
V. Gönner, v. Grolman, und r. j4imendin gen, ^darch die vereinten 
Anstrengungen eines ff^eber, Sibeth, Borst, Mitt^tmaier, Gensler, 
MüUncr u. A., auch genommen hat, so beklagen es doch diese Man- 
ner einmüthig selber, dafs noch gar mancher Schutt, in diesem 
Felde,' aufzuräumen, und noch gar mancher Knoten zu entwirren 
sey. Den Grund dieser Klage \xtä Etwas zu schmälern: ist die 
Eine der Tendenzen meiner obigen SchHf^.« In dieser Absicht 
beantwortet sie vorzüglich die Fragen ; / J Steht die Ciifäprocefs'» 
theorie in getumer Verbindung mit eines jeden Staates V Erfassung 
und Verwaltung! ^) Welchen politisch juristischen Character tra^ 
gen die Norhiea, welche dieser Theorie Object bädeh? 3J Miifs de^ 
Mvocüt seine Amtspflichten mit beständiger ßäcksichi wf die #a- 



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83s^ Morstadt Ataterialkritik ^ 

• 

lus publica ausüben j und f^hört der Vtr gUkhssftr such vu- die 
sen Amtspflichten? 4) Hai der Richter die Einrede der Extinc- 
tiy Verjährung^ ex officio zu suppigen? 5) Giebt es noch privi- 
Isgirte Einreden? 6) Giebt es wanrhcft verneinende Einreden? 
7J fVelches sind die merita von Martins Theorie der contu- 
macia? 8) Pf^orin differiren die civilprocessualischefi Beweisgründe 
und Beweismittel, und , welches sind die verschiedenen Beweisgründe? 
g) Giebt es eine gemischte Intervention? 4o) Kann der Concurs^ 
procefs schon dann eröffnet werden, wenn die passiva, von den 
activis nur um JVeniges überstiegen werden? u. s, w, 

£ine noch ungleich lautere und allgemeinere Klage, in die* 
sem GCbiete, geht aber dahin, dafs das Gangbarste aller Com'' 
pendien der i^emeindeutschen Civilprocefstheorie (das Lehrbuch 
▼on Martin) sogar in materieller Hinsicht, selbst mit diesem un^ 
vollkommenen ZusUnde der Wissenschaft noch bei weitem nicht 
auf der Gleichhöhe erscheine und eine Menge von Irrthümcm 
lehre, welche, theils explicite theils implicite, längst widerlegt 
stehen. Das Wesentlichste aus dieser Masse von Irrthümem, de- 
ren Spitze eine falsche Definition der Procefstheorie und deren 
Schlufs^tein eine verwerÜiche -Exposition der Executionsinstanz 
im Concursprocesse bildet, in einer zugleich möglichst bundigea 
und klaren und dabei doch commeutirenden Form, ans Licht zu 
ziehen und somit dem Studierenden, vorläufig, eine möglichst 
reichhaltige Fortsetzung von Geusler^s Handbuch über jenes Com- 
pendium , zur Hand zu liefern : ist daher die- zweite Hauptteu^ 
denz meiner vorliegenden Schrift. 

Dem gemäfs folgen denn die 91 Entwürfe, woraus dieselbe 
besteht, strenge der Ordnung von Martins Paragraphen, deren 
80 darin angefochten sind: dergestalt, dafs einerseits oft mehrere 
Entwürfe gegjen denselben §. gerichtet, und andrerseits oft meh- 
rere Fehler desselben §. in einem und dem nämlichen Entvnirfe 
' beleuchtet, stehen. • 

Auf Vollständigkeit : das heifst auf die Ausführung eines 
wahrhaft herkulischen Arbeitproblemes : machen diese polemischen 
Versuche keinen Ansprach ; aber vom Wichtigsten schmeichle ich 
mir, kaum eine oder die andere Numer übergangen zu haben. Ob 
ich den Vonvurf der Wortklauberei verdient, oder nicht ; mögen 
parthcUose Sachkenner entscheiden, deren Tribunal ich mich mit 
eben so grosser Freude als Lernbegierde unterwerfe. ' v 

Die Form: da^ heilst die Systematik und die Sprache: von 
Martin'sLehrbuch, ist nur in sehr wenigen Stellen, und jedesmal nur 
beiläufig, von mir angefochten worden j sowie ich denn auch, mit 
wenigen Ausnahmen, nur dessen fiegehungs- und nicht dessen Un- 
terlassungsfehier zu rügen versucht habe. 

Morstadt. 



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^=53. Heidelberger 1822^ 

Jahrbücher der Literatur* 

ü^er die Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren Ver^ 
' achtem. Dritte vermehrte Ausgabe, Berlin 48si4 bei 
G. Reimer, ü Rthlr. 

JJieses merkwördige Bach, das- mcTit olme bedeiateiiden Emflti(f 
auf die religiöse Richtung unserer Zeitgenossen geblieben ist, er- 
regt bei seiner dritten Erscheinung billig erneuerte Aufmerksam- 
keit. Es ist mit erklärenden und berichtigenden Anmerkungen 
begleitet, welche offenbar den Zweck haben, frieren Mifsver- 
slandnisseu zu begegnen, und die hierin niedergelegte religtSs« 
Ansicht des Verfassers in Uebereinstimmung * mit setnra ander* 
weitig ausgesprochenen theologischen Lehren darzustellen. 

Auch die dem Vf. weniger verwandten Geister sollten ihm 
jene AnfaMnrksomkdt schenken^ Wofern sie ubei4iau|^ dem Grund- 
satz nicht entsagen wollen, daOs eine freie philosophische Be- 
trachcuDgsw^ise der Keligton bei wohlgesinnten und denkenden 
H&m^a die Reinheit und Sicherheit der relijfjfidsen Uebcrzeu^ 
gUDg waat starken könne. Ancichend ist es aber ohne ZweifeF, 
einen so trefflidien ^eist, als den Verfasser, in dem BeStrebeit 
zu beobaditen^ die jugendliche Fülle und zum Theil . unenthülltef 
Indi?idvalität eines begeisterten Werks zu der Klarheit "und Be- 
stiaipnt Wt .ger^ifterer Wissenschaft und Erfahrung hinzuführen; 
Der Verf. versichert in allem Wesentlichen die Ansichten de§ 
Buchs fortwährend «zu theilen; und sollte auch gerade dies* die 
T^ige Betstimmung Vieler erschweren oder unmöglich machen, 
so wtrd sich doch selbst bei solchen ein sicheres und gemein- 
sanaes Unheil nicht nur ober die Cousequenz des Verfmers son- 
dern eben so sehr über die Redlichkeit seiner religidsoi lieber- 
zeng OTnain bilden. -« 

Die ullgemeine Faii>e und Richtnug dicfser Reden ist den 
Lesern ah etwas sehr Geistvolles und Eigenthümliches bekannt; 
Eiae tiefe, ernste Durchdrungenheit von dem unvergleichliches 
Wertbe der Religion, eine Weite und Freiheit der Ideen, welch« 
amf- das 'Hergebrachte und Gewöhnliche religiöser Ansichten mifr^ 
leidtg kerabsieht, ein phantasiereicher Schwung der Diction, doch 
•boe plastische Popularität, ein ahnungsvolles Deuten auf das 
Uaibegretflidie, hier ganz ohne Tändelei und sinnlichen Schink- 
«ict, dock «och oft ^uie freundlicha Wärme. — 

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834 Dogou^Htb 

Wir berühren onr kurz den pantbeistisdien SdieiD, welchen- 
4ie Redeo ip ihr^ früheren Gestalt und zum Thell noch in der 
jetzigen an sich* tragen. ' * 

Wir sagen: Schein, weil sowolil die theoldgischen Schriften 
als die kirchliche Wirksamkeit des Verfassers ihn von diesem 
Vorwurf ' reinigen. In seiner Dbgmatik legt sich nun das Be- 
streben dar, die Idee Gottes zn reinigen von allen anthropomor- 
phischen Umhüllungen mit ausdrücklicher Bezeugung ihres Un- 
terschiedes von der Idee der Welt; und eben dies Anstreben 
^es m^Hch reinsten fiewulstsejns ?on Gott als dem ewigen 
schaffenden Quell alles Sejns und Lebens ist auch die Richtuu|^ 
des fapmileli«chen' Wirkens de$ Verfassers. Zwar läfst sich zeif- 
geoy dafi diiQ^e absolute Reinigung unserer VorstdUüng von Gott 
weder etwas sehr Wünsehenswerthes noch überhaupt etwas Mög- 
liches sej^ weil eine menschliclhe Vorstellung in demMaaCse leer 
wird, als sie vqu \jedem endlichen Stoffe sich loszureissen strebt^ 
ttod weil dei* walve Gbiube an Gott es immer in seiner Gewalt 
haben wird, jerte. unangemessenen Vorstellungen nur ab das wii^ 
ken zu lassen, was sie sind, unvollkommene aber nothwendige 
Versuche, dies unendliche So)m Gottes im Geiste abzubilden. 
Der Mangel alles Bildlichen wird in diesem Falle unwahrer sejo^ 
als. das uuvoUkaQmicAe Bildliche, weil die tiefere Einheit dies 
^»Clischilickcn . Bewulstseyns diesem sdne Kraf^ und Bedeutung* 
sieht, jener aber mit dem Irrthum zugleich eine tiefgefühlte 
Wahrheit i^erlet^ Indessen ist jedem in diesem Bestreben, so» 
jiald er tfich nur offen für das Dasejn eines ewigen und leben» 
digen ScU^em erklärt, seine ungestörte Freiheit zu lassen. Dies 
kann niap an?fjcennen, ohne die Art gut zu* hassen, wie der 
Redner dii# allgemeine Gefühl und Wesen der Religion so oft 
l)efteichnet ab Anschauung und Gefühl des Universums. (Siehe 
S* 176 und 177). Zwar versichert er, kein Gefühl, keine le- 
t>^ndige Anschauupg des Universums gebe es, ohne Gott dabei 
au fühlen und zu haben als die lebendige, ewige Einheit für 
dieses All, und nur' darum werde auf das Universum inuner 
liingewieseu, weil Gott ja eben nur in der Welt und durch sie 
in das Bewufstsejn der Menschen trete. 

Dies kann wahr sejn, und doch darf man sich mit Recht 
Terletit fühlen durch die Bezeichnung der Reiigioq^als Sinn für 
dM Universum. Nicht nur nach einem allgemein verbrdtcten sehr 
edlen Gefühl, sondern 9uch nach höherer Betrachtung des Le- 
bens gehört es gerade zu Ailbm, was den Namen Religion ver- 
dient, dafs im Gefühl der Unterschied Gottes von der Welt sich 
«oaspreche, nicht also dais man verlange, das Bewufstsejn des- 
selben ohne alles. Weltbewulstsejn zu haben , sondern dafs maa 
das ganze WeltbewuCitsejn in seiner, nicht Getrenntheit, aber 



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Dogmatik. 835 

Versditeclentieit vom GoUesbewufstsejn tüihlt Da ouo aber da» 
UoiYersum doch eben die Anschauung des Alles ohne den Uo- 
tcncfaied, den die Religion macht, bezeichnet: so scheint sie mil 
Unrecht Sinn für das ÜDivcrsum genannt zu werden. Dies altV 
Bekenntnis y mit dem ein jedes Bestreben, wahre Religion z« 
bezeugen, anhebt, dafs man glaube an ein von der Welt ver- 
fchiedenes, unendliches, ewiges Wesen, kann unmöglich blols ab 
Bezeichnung des Eigenthumlichchr istlichen in der Religion be- 
trachtet werden, denn auch die frommeren Bekenntnisse ange-^ 
sdiuldigter Heiden, gehen, wenn auch nicht streng auf die Ein- 
heit, so doch apf die Verschiedenheit Gottes von der Welt, hin<» 
ter wekKer die Einheit noth wendig immer als Gefühl schlum* 
mert Aber auch- als Schwachheit kann jenes Gefuhl^ und Be-y 
kenntnifs nicht angeschen werden, denn es ist ja gerade das 
Bestreben, das Gefühl des Unendlichen von dem des Eudlichea 
ZQ unterscheiden, und daCs der Sinn für das Universum als die 
Totalität des Endlichen (welches dem Verfasser vielmehr dl« 
Welt ist) Religion sej, ist den Reden selbst völlig zuwider» 
Das Verletzende scheint uns darin zu liegen, dafs das Vermit« 
tdnde der Welt als eines Ganzen für das Gefühl von Gott so 
bedeutend gesetzt wird, dafs dies Gefühl sich gar nicht hinrei-^ 
chend zu bezeichnen fürchtet, wenn es die Welt nicht unter 
der Idee des Universums mit Gott vereinigt f- dagegen es uns, 
ächtreHgiÖs zu seyn scheint, in jedem Gefiihl der Wirkung Gotr 
tes durch die Welt auch seinen Unterschied von der Welt jnii« 
ufnhlea. 

Hiemit zusammenhängend, doch widitiger ist die von S^ 
iSi — 171 nieidergelegte Ansicht, dafs man nämlich in dem 
religiösen GottesbewuTstsejn eine Art, Gott, sich als persönliches 
We$en zu denken, und eine Art, ihn sich nidit als persönlich 
denkend und wollend, sondern nur als die allgemeine alles Dei»-^ 
ken und Sejn hervorbringende und verknüpfende Nothwendi^ 
keit, vorzustellen, annehmen und anerkennen müsse als zw^ ' 
^eich fähige Weisen, das wahre religiöse Leben zu unterhaken» 
Der Redner erkennt keiner dieser Vorstellungen den: Vorzug xn^ 
er versichert nur, welche von beiden entstehe, dies haogie lcdi|pF^' 
lieh von der Richtung dei* höheren schaffenden Phantasie im 
Menscheil ab, ob diese nämlich^ ihn überwiegend treibe, Alles 
«ttd also auch das höchste Wesen von der Seite des Geistes 
«ad der Freiheit, oder von der Seite der Natu^und der Noth* 
wendigk«it anzusehen. Daher es auch wahrhaft religiöse Meir- 
ichen geben könne und stets gebe, ohne die Vorstellung «ioes 
Smönuchen Gottes. Diese Ansicht behauptet also nicht nur die 
Bazulaiiglicbkeit unserer bildlichen .Vorstellungen von Gott, seil* 
imtL sofih die Oleicbgultigkeit und Entbehrlichkeit dersdbso ßir 

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836 Dogmatik. . , 

f ine gewisse Ricfitung des religiSsen Sinnes. Wir sind nun niclit 
in Abrede, dkfs der Gegensatz, solcher Vorstellungsweisen mög- 
lich sey und vorkomme, aber wir leugnen, dafs die eine den- 
selben religiösen Werth habe als die andere, ja überhaupt, dafs 
die eine auch nur geduldet werde von dem inwohnenden reli-' 
giösen Leben und Gottesbewufstseyn. Alle Gegensätze sind ja 
ein Werk des trennenden Verslapdes; und das Leben selbst ent- 
hält alle Gegensätze in einer höheren und wesentlichern Einheit 
gebunden. Es hat daher mehr Einfachheit und m^hr Lebendig- 
keit als das rseinste Denken für sich. Das höchste Leben des 
Mensclien ist nun aber sein Gottesbewufstseyn, und gerade dic^ 
imifs das schlechthin Eingehe und Lebendige ia ihm sejn, in 
welchem aller Gegensatz für ihn untergeht. Wenn man nun 
dicset) blofs in seinem Verslande bestehenden Gegensatz des 
Denkens und das jenes als etwas in das religiöse Leben Eintre- 
tendes darstellt, durch welches dieses so oder so werde: $b* 
erkennt man die höchste einfache Natur dieses Lebens, in wel- 
chem jener Gegensatz von Denken und Sejn selbst unterg^an- 
geij ist, nicht an, und setzt ein Doppeltes in ihm möglich, wel- 
ches es seiner Natur nach nicht haben kann. Zwar wird der 
Verfasser sagen, der Gegensatz sej eben nur im Verstände und 
in diesem sey nicht das religiöse Leben, sondern im Gefflhh 
Aber hier scheint unbeachtet zu werden, dafs der Gegensatz 
zwischen Denken und Seyn ja wesentlich Eins ist mit dem zwi- 
schen Verstand und Gefühl, nur auf uns selbst bezogen, wie er 
§ich in unserm nicht religiösen Bewufstseyn ankündigt, und dafs 
das Wesen des religiösen Lebens eben darin besteht, diesen Ge- 
gensatz in uns selbst völlig zu vermitteln und in dieser Vermit-' 
telung des höchsten Wesens inne zu werden. Gerade das reli- 
giöse Leben macht es also eben so udmöglich Gott als nicht 
denkend zu denken als ihn als nicht' seycnd und blols gedacht 
zu denken, eben weil der Religiöse ak solcher ihn bicht blofs 
denkt sondern schlechthin religiös erkennt oder glaubt, was nach 
unserer Ansicht eben so wenig blosses Gefülil ist, als blosses 
Denken. Da nun dazu kommt, ^afs wir als dä,s Höhere in uns, 
was uns von der . übrigen sey enden «Welt scheidet , fül^len das 
persönliche Denken : so kann unser höchstes gereinigtes Leben 
ia uns niemals zugeben dafs unsere Phantasie aus der Vorstellung 
Gottes Busschliesse das Persönliche und das Denken, weil jenes 
seiner Natur na<A zwar die Un Vollkommenheit unserer Vorstel- 
lungen anedLennen, aber nicht die Ausschliessung einer wesent- 
lichen Eigenschaft des Lebens aus der Vorstellung der Gottheit 
dulden kann. — Diese ganze Ansicht, als der des Verfassers ent- 
gegengesetzt, beruht aber freilich darauf, dafs uns die religiösen 
Ya^teilangen nidit blofs Uebersetzungen aus dem Geftihl tu 



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Dogmatik. , 837 

s^ sclieiaen, mid die Religioo nicht allein im Gefühl ihr We- 
seo zu haben, sondern in neuer Einigung alier menschlichen Se€» 
ia^ und Lebenskräfte zu bestehen scheint. Der Verfasser mufs 
jene Ansicht von einer doppelten Vorstellung des höchsten We- 
sens festhalten, so lauge er die Religion ausschliefslich ak höh^ 
res Gefühl ansieht, daher ist es diese letzte Ansicht zu deren 
öfterer Befrachtung wir uns jetzt wenden. 

Die Religion ist das höhere Gefühl, das der Einheit alles 
Endlichen in Gott inne wird, und alles höhere Gefühl dieser 
Einheit ist Religion. Dies ist die Grundidee, die im Anfange 
der zweiten Rede im Gegensatze gegen alle Ansichten, die die 
Religion an sich als ein Wissen oder ein Handeln darstellen^ 
entwickelt wird. »Wahre Wissenschaft, heifst es, ist vollendete 
Anschauung; wahre Praxis ist selbsterzeugte Bildung und Kunst; 
wahre Religion ist Sidn und Geschmack für das Unendliche.« 
Auch wird sehr schön darauf gedrungen,^ Wissenschaft und Han- 
deln können nicht vollkommen s,ejii, sondern müssen kränkeln, 
so lange die Religion sie nicht einige. Ebdn an diesen Ge« 
danken, dem wir in vollem Sinne beipflichten, knüpfen sich Zwei- 
fel über die Ansicht der Religion als Gefühl. Das Geftihl ist 
an sich das schlechthin Subjective, was die Dinge ^darstellt, wie 
sie in mir sind, nicht wie sie sind. Nun soll zwar das religiöse 
Gefühl die Dinge enthalten nicht als das Endliche, sondern ak 
Tennittelnd und bezeugend das Unendliche, und dieses mufs 
»ch das schlechthin Wahre und Höchste erkennbare Seiende 
scjn. Aber wenn alle Dinge durch das Gefühl nur subjectiv 
und modificirt aufgefafst werden : so wird doch auch das Un« 
endliche in ihnen nur in derselben subjectivcn Beschränktheit von 
mir im Gefühl aufgefafst werden können, nicht nur die meiner 
Natur überhaupt angemessen ist, sondern auch in welcher ich 
das Endliche so mannigfaltig getauscht und unrein auffasse. Nur 
in dem Maafse, ak das Gefühl mir Wahrheit gicbt über das Scyn 
der Dinge, kann es mir auch Wahrheit geben über das Sejn 
Gottes. Und sollte nicht gerade in dem religiösen Gefühl das 
Verkugen und Bewufstscjn einer höheren, reineren Wahrheit 
vor dem Ewigen liegen, ak das Endliche, auch nur von sich, 
dem Gefühle darreicht? Indem ako das Gefühl des Endlichen 
ab das Vermittelnde des Unendlichen angeschen wird, mufs die- 
se» auch uns selbst etwas schlechthin Subjectiyes werden, und 
kam für uns keine höhere Objectivität erlangen, ak in dem wie-, 
demm unsicheren Schein, den unser Gefühl auf unsern Verstand 
^ Wflb Nach dieser Ansicht ist alle Religion wesentliche Reli- 

eitat, und ein Objectives und von religiöser Wahrheit ausser 
1 subjectiv mit allem Endlichen zugleich gefühlten Ewigen 
fwbt es gar nicht. Dies ki auch die Ansicht, die durchwe^;^ in 



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838 f pogmatiL- 

diesem Bucfie hemclit, also clafs es (so scheint es) efier heisse« 
•ollte über die Religiosität als über die Religipn, unter welchei^ 
der allgemeine Sprachgebrauch wenigstens zugleich etwas Objec- 
tiv'eS| ausser dem Ewigen und ausser der Tutalitat des Endlicbeü, 
verstanden hat. Daher erscheinen die verschiedenen Religionen 
jBijich mehr, als eben so viele durcli Aehnlichkeit des Gefühls ent- 
standene ^Religiös! tätsmassen, deren Stifter die Macht über ihre 
Bekenner blofs durch subjective Kraft des jreligidsen Gefühls 
ausüben. Sollte nun das Gefühl fähig sejn, so rein durch seine 
höhere Potenz, wie Gott durch die Welt sie aufregt, Religion 
und Religiosität zu werden: so würde eine solche Reinheit und 
Ruhe jdes Gefühls vorausgesetzt werden, dafs kein endlicher Ein- 
druck es überwältigte, und doch das Unendliche durch die Fülle 
des Endlichen einen lauteren Durchgang fände. Diese Vollkom- 
menheit i^t cb^n nicht der wahre Zustand des menschlichen Ge- 
fühls. Freilich fordert der Redner die Losrcissung des^ Gefühls 
.von dem Endlichen, den Aufschwung zum Unendlichen, aber 
wie soll es möglich seyn, das Aufgestellte zu cn*eichen? Eine 
Thätigkeit rein aus dem Gefühl ist nicht dazu wirksam, sie ist 
nicht einmal sittlich, wie der Verfasser selbst bezeugt, und eben 
darum könnte sie auch nicht religiös sejn. Nur aus dem Ge- 
föhl, als einem Ganzen, könnte das Handeln, auch als Ganzes, 
' als ReaCtion hervorgehen, wie er andeutet Diese Ganzheit des 
Gefühls wäre aber selbst schon die Religiosität, die das Gc^^ 
erst gewinnen soll. Sollte das Gefühl aber völlig leidend sej«, 
io müfste es erst die Kraft haben, dieses reine Leiden nicht in 
eine verderbliche Gewalt des einzelnen Endlichen über sich aus- 
arten zu lassen, und diese Kraft wäre wiederum die volle Reli^ 
giösität. Es bleibt kaum etwas anderes übrig als anzunehmen, 
die Religiosität scj überall schon da, nur vielleicht in so niedri- 
ger, unerkannter Stufe und Gestalt, dafs sie erst zum Bewufst- 
seyn gebracht werden müs<ie durch entwickeltere religiöse Er- 
scheinungen^ durch ausgezeichnete Fromme, die die Herrlichkeit 
der Religion , eigenthümlich darstellend unzahlige Gleichbegabte 
aufregen, und so dem Unendlichen vollere Durchgangspunkte zum 
Endlichen gewahrem Und in der That, viele Aeusseruugen des 
Verfassers über die wohl schon vorhandene Religion seiner Le- 
ser, der gebildeten Verächter, wie über die erregende Kraft 
der besonders grossen religiösen Erscheinungen deuten auf dies 
Vorhaudensejii der Religion in allen Manschen, in welchen sie 
sich nur zu entwickeln brauche. Andere Schwierigkeiten stdlea 
sich aber der Ansicht von der Religion, rein als einzelner meoscb- 
licher Anlage, entgegen. Nämlich also, scheint es, könnten die 
Verachter, welche der Verfasser anredet, und welchen er mit 
^er Bildung «ach die Sitdichkeit zuei kennt, sich gegen seini» 



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.I>ogiimtiI(. 83«) 

Banlelliipg iuinebmea lassen. »Du gestebst, isS§ wit «nf dem 
Wege der Bildung sejen, und glaubst nur, eine Anlage, und 
nach deiner Ansicht die edelste, die Religion, werde von unt 
Tersaumt. Du beschreibst sie als das Gefühl des Unendlichen 
in dem Endlichen, welches wir mit unserem Denken und Thua 
▼erknupfend unser Leben zur höheren und lebendigen Ein heil 
steigern sollen. Aber meinst da denn wirklich, wir sejen $0 
•le^ an diesem Gefühle, und wenn du selbst die Gefühle kindt 
lieber Pietät uns zutraust, nur die bestimmte Anerkennung dier 
ser als Religion von uns forderst, wie magst du behaupten, dafii 
mcht unser ganzes übriges Leben und Streben von solchen Ge** 
fühlen durchdrungen und belebt sej, die wir nur eben gar nicht 
nothig finden Religion zu nennen und als solche besonders zu 
pflegen, sondern wir nennen sie, eben wie alles Andere, Bildung» 
Welche Sittlichkeit muthst du uns zu, oder glaubst, dafs wit 
damit zufrieden sejn würden, die ohne liohere Gefühle rein ein 
ausserlich kaltes Handeln sej? Wir halten sie unmöglich uild 
wollen sie nicht, und unser ganzes sittliches Streben ^t eben 
daraaf gerichtet, durch den Zusammenhang unserer äusseren und 
inneren Handlungen, unseres Thuns und unseres Leidens eine 
solche Harmonie und Kraft unserer höheren Gefühlabewegungea 
hervorzurufen, dafs wir mit dem Edlen und Ewigen in doQ 
Dingen Eines sejend auch wahrhaft edel in der Welt leben. 
Aach unser Denken und Leisten haben wir niemals sq gefühllos 

Jefunden, als du es' schilderst, sondern wir fühlen uns auch bei 
em al^ezogensten noch begleitet von der Ahnung des Ewigen 
und Vollkommenen, die wir nur durch reines Denken jeder 
sinnlichen Täuschung zu entkleiden suchen, und also wirkt Ge- 
fühl und Denken aufeinander. Giebt es nun irgend ein lune^ 
werden des Unendlichen und Ewigen: so kann es auf keinem 
anderen Wege# liegen als auf diesem der Bildung, den wir schon 
betreten haben, und auf dem wir ansehnlich fortgeschritten. Wir 
sehen fretiich ein unendliches Ziel vor uns, aber das reizt nur 
unseren Muth und nährt unsere Hoffnung. Aber ausser dieser 
fortschreitend gegenseitigen Bildung unserer Kräfte im Gefüh} 
ai|d mit ihm, das Gefühl des Ewigen noch besonders hiusteUeo 
and nähren wollen als ein Einzelnes •— das verlange nichi 
von uns! Was sollten wir thun oder lassen zu dem Zweck^ 
was wir in der Bildung Begriffenenr nicht schon thäten odor 
Üessen? Gar dies Gefühl anheften an eine von den besondere 
sdUsameo Erscheinungen, die die Volksreligionen genannt werdeoi 
oder an das Christenthum, als die vollkommenste derselben, diflt 
scheint uns immer noch unnütz und leer. Denn i^ al)(^p dteseutt 
erscheint das Gefühl individuell hervortretend^ uud das ist krankr 
' haft. Unser Streben ist gerade freieste Bildi^iig und Entfaltuo^^ 



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«4<* DögnunaL 

«n Werden An GeftWs zur Kraft und W«s1iclt, und efn Rfldt- 
Jiehreo^ aller Lebcusthätigkeiien in unser ral.ig gef«,ftes Selbst- 
bewuftlsejn. D.ese Bildung ist die eiimgc Religion, die wi» 
•nerkenncn, „c ist eben so mannigfallig al, Individuen sind, 
und eine besonders demüthige, glaubende oder liebende Anlieft 
tong an eine Pewon oder an eme Gefüblsweise widerspricht 
^«ig dem Bewufstsejn unserer Freiheit und Würde. Auch 
die Ajischanung des Christenthums ist, wie du selbst zugestehst.' 
«ne individuelle, die wir längst als solche aufgenommen aber 
«uch verarb«tet und als vorherrschend , antiquirt haben durch 
das sitthchc Streben, dem das Unedle sich nicht nahen darf. E« 
Mt nicht unsere Schnid, wenn Einige unter uns eine natürliche 
neligion als etwas Eigenes von der Bildung Verschiedenes auf- 
gnteUt und mit zu viel Gefühl und zu wenig Geist umgeben 
»aben, dies war eine Schwachheit und vielleicht die letzte der 
Unsrigen. Wir werden fortschreiten auf der Bahn des Iwrmo- 
nisehen Denkens, Fühlens und WoUens, gerade so gUuben wir 
die Gottheit, deren Seyn wir nie geleugnet, am sichersten zu 
finden und zu ehren, und wenn ihr, die ihr euch die Frommen 
nennt, uns für gefühllos haltet, werden wir unseren Triumpl. 
darein setzen, nur ein solches Gefühl zu hegen und zu nähren, 
das durch die Klarheit der Idee und die Kunst des Lebens er- 
iantcrt ist.« — Während sich nun denen, die also redeten, 
•chwerhch etwas entgegenstellen Hesse für die Religio« als mensch- 
üche Anlage, so würden Andere, die sich durch den Verfesset 
öbcrzeugt und bekehrt bekenneten, mehr durch die That als 
durch die Rede, einen anderen Widerspruch gegen die Idee 
"*- r Y*T" »« r ** Verfassers an den Tag legen.- Indfm sie 
namlich die Religion als höchste Anlage anerkennen, versichern 

i!:«.!*!* j '^. '°" J*'"'*'' »"f ^""'''« Weise sie -in sich ge- 
tragen, thcils durch gewisse Lebenserfahrungen sie jetzt kräftiaer 
«md reiner ,n sich zu fühlen und auszubilden gedrungen sey^. 

« „i^^^\'"!; r'"^.'''^*'" ''^'""^ »■■« freilich- im AJIgemefnen 
an, nur nicht, dafs üu-e Natur vorzüglich dazu neige, wenigstens 
behaiip^ sie, de Stufe in dieser könne weit geringer seyn ab 
die in der Re igion bei solchen, die recht in dieser leben. Da 
«It^fnT" •' "f*'VS fi"«**"' ^' «<'»• "-d Andere da, Maaa 
»ill 7 ^•°" ? ^^*'*^ '" «'«^e«™, so knüpfen sie an dieje- 
■Igen Zvveige des Denkens und Empfindens, die am meistei, 
«ie nnmitlelbare Anschauung des Höchsten und Ewigen zulas- 

^A k" k ■%•?■""* **'*•'» »''«' I^ben Äud Natur, Glaube 
■fld Kirche und diejenige Betrachtung der Kunst, die das Ein- 

^21 T •f?'"' •'•" '««gissen Uebungen und Ent- 

112. Ä.1-^ "''^'l" PhUosophie und Kunst scheint ihnen 
«cirt^DUr Rdigion endialten, sonder» sie aufzufassen, scheint 



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Oogmälik «4i 

B^on zn 9Cyn. Indem sie diese so in cRe bis zur kranktisf- 
tco Rdizbarleit ausgebildete Empfindinig und Phantasie setzen, 
liieQ sie sie Ton der Tliat und dem Leben ab, und wenn sie 
aadi in anderen nothwendigcn Erweisungen derselben richtig 
sind, meinen sie doch die religiöse Anlage entwickelt zu haben« 
Was unter gebildeten' Religiösen dieser Art sich zu Tage legt, 
ifiederholt sich im Volke in schwärmerischen Verirrungen, und 
die laut verAVorlene Griibdei der sogenannten Sectirer ist oft 
nichts Ändert, als eine an Organen Mangel leidende, dabei 
aber auf mehr redlichem Bedürfnifs beruhende Selbstentwicke- 
lung der Religion als Anlage. 

So innig wir überzeugt sind, dafs die reinste Ansicht des 
Verfassers etwas viel Anderes und Höheres als die beiden dar- 
gesfcllten Einseitigkeiten enthält: so behaupten wir doch, eine 
derselben mnsse sich bei den Nichtreligiösen aus seinen Reden 
entwickeln, entweder die fortdauernde Gleichgültigkeit im Gefühl 
der Bildung oder die Ergreifung der Religion als Anlage ohne 
Bezug auf Sittlichheit, und so gewifs wir glauben dafs diese 
Reden auf mehrere Religiöse eine höhere Wirkuqg ausübten, so 
schreiben wir diese doch mehr dem Resultat des durch sie er- 
regten grossen und edlen Kampfes als der unmittelbaren Wir- 
kung derselben zu. Jene Richtungen sind die noth wendigen 
Folgen der Idee , dafs die Religion das höhere Gefühl sey, und 
in der subjectiren Entwickelung des Menschen und des Men- 
schengeschledits aus sich selbst wurzele, Euie andere und hö-> 
liere Ansicht entsteht, wenn in der Anerkennung nicht nur der 
snbjectivcn Beschränktheit , sondern des subjectiven Verderbens 
dfr menschlichen Natur das Verlangen und die Wahrnehmung 
eines Objectiven sich entwickelt, welches neuschaffend, neueini- 
gend als die wahre religio oder IViederffindiing des Getrennten, 
Gottes und der Menschen, 'des Gefühls und des Verstandes da- 
steht. . Diese Ansicht stellen wir jetzt in wenigen Hauptzugen 
der bÜber berührten gegenüber. 

Wäre des Menschen Natur unverdorben, so wäre sie ein- 
fach und hätte volle Einheit und Uchereinstimmung. Fühlen 
xtnd Denken sind jetzt gespalten, und wenn jenes auf eine Be- 
friedigung i^^^ Subjectiven ausgeht, leistet diesqs an sich nur die 
leere abgezogene Auffassung des Objectiven. Das böhere Gc- 
IShl, so lange es ^ich blols sobjectiv der Gewalt des niederen 
v&d sinnlich -selbstischen entgegen stellt, bringt die Einheit det 
ganzen Menschen nicht hervor, es schwebt vielmehr unstät und 
{«ängstigt zwischen dem sinnlichen Gefühl und dem kalten Ver*- 
tteide. Jentehr es an das Allgemeinste und Höchste sich an- 
Ichliessen will, desto mehr oimrht es die kalte kraftlose Natur 
b TciDen Yernuufterkennens an. Jemehr es an ein einzahies 



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ti^% Dogmatil^ 

Object iich Keftef^ desto tnehr fülilt e$ sich herabgexogen in die 
Gewalt der eiiizelnea Dinge, die üiid das Ewige iind Voikoo»* 
menc nicht zuführen. Dieser zerfaUeoe Zustand der Menscbeo» 
natur ist d)is Verderben des Herzens, weil eben das Herz jenea 
EinheitsqueJl alles itaenschlichen Lebens bezeichnet, der zwar ge^ 
trübt sejn kann,. der aber doch bleibt, und sich kund gicbt ia 
der Sjclbstanklage und in der Sehnsucht des Herzens, welches 
der fruchtbare Schoofs des Gute^i und des Bösen, der Freude 
•und des Leidens ist. Da nun Religion, Vereinigung und Einig- 
keit mit Gott ist, und dies nur sejn kann in der Einigkeit des 
Menschen in seinem tiefsten Lebeiis^ell nach dem Willen und 
der Wirkung Gottes: so ist Religion wesentlich und überall 
Gewissens-- und IlenenssacAe j und da die Befriedigung dieses 
Herzeusbedürfnisses auf dem Wege der einseitigen £n Wickelung 
einer menschlichen Anlage eben so wenig als auf dem d^r Ent- 
Wickelung Aller Kräfte neben einander; ohne ihren vorhandenen 
Widerspruch zu heben erreicht werden kann; so geht daraus 
hervor, dafs Religion nie etwas blofs Subjectives sejn kann, in 
sofern aus der Krankheit nie die Gesundheit hervorgehen kan% 
denn indem alles natürlich -menschliche Streben an sich krank 
ist, wird jede blofs aus menschlicher Kraft hervorgehende Reli- 
gion, stelle sie sich ab allgemeine Bildung oder als besonderen 
Trieb dar, falsch sejn. Wahre Religion wird nicht in jedem 
Gefühl des Unendlichen, sondern in der Aneignung eines Ob» 
jectiven sejn, das das Herzeusbedürfnifs vvahrhaft befriedigt« 
Da dies Objective nun nichts Endliches und Kreatiirliches an 
sich sejn kann, und auch nicht die Totalität alles Endlichen: 
so kann es nur ein solches Eintreten des Unendlichen , Gottes 
in die Welt sejn, in welchem freilich Geschaffenes vorhanden 
ist, aber rein als Mittel der Einführung des Unendlichen und 
Göttlichen in das Einigungs * bedürftige Herz« Dies giebt die 
Idee einer Offenbarung Gottes, welche etwas Anderes ist als das 
Dascjn der Welt, und etwas Anderes als das höhere Gefühl^ 
nämlich etwas zur Welt Gehöriges, womit Gott sich wahrhaft 
einigt, und wodurch Gott an unserem Herzen sich zum zweiten 
Male als Schöpfer bewährt. Diese Offenbarung wird, wie alles 
sich Kundthun geistiger Wesen, ein Wort sejn, und^ indem mensch- 
liche Gedanken und Worte als das vermittelnde Weldiche zum 
Organ dieser Offenbarung genommen werden, wird sie selbst 
inr ihrem Zusammenhange H^ort Gottes sejn, und selbst das 
Höchste, was sie leisten kann, die neue Mittheilung einer solchen 
Lebenskraft an das Herz, die man am entscheidendsten Geist, 
Geist Gottes zu nennen pflegt, wird nicmalf unabhängig *s^jn 
bSnnen von dem Worte f welches mehr den Inhalt, der Gcnst 
dagegen mehr die Wirkung der Offenbarung bezeichnet. Indem 



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Dogmatil 843 

vn so das göttliche H^ort, als etwas Reaks, in die Wdt EiV 
^eteoes das wahre ObjectiTe in dler Religion ist, so ist dai 
ODztg- wahre Sdbjective In ihn diu Annehmen des göttlichen 
IVortes mit dem Herzen oder der Glmtbe. Mit der Vernunft 
nml dem Verstände kann es zwar anfgenomroen nnd betrachtet, 
aber nicht wahrhaft angenommen und angeeignet werden, dton 
das Herz in seiner hülflosen Trennung in niederes und höheres 
Geföhi ist es allein, welches des Worts bedar£ Indem nun im 
Herzen auch die nicht verlorne Freiheit ruft, nämlich jene Fä- 
higkeit,' sich dem Einen oder dem Anderen, dem Guten oi^ei 
dem B5sen wollend und sehnend entgegen zu bewegen: so ist 
der Glaube von der einen Seite die freieste Thätigkeit des Gott 
in seinem Worte wahlenden Herzens, von der anderen nach jener 
Kraft und Zuversieht, welche das frei angebotene und darge- 
reichte Wort dem Herzen schenkt, ist er Geschenk und Gnade 
von oben , doch wird diese letzte Ansicht viel schicklicher auf 
das neue Leben selbst bezogen, der Glaube aber als das Anneh- 
men des Wortes mit Recht der von Gott geweckten und ge« 
stärkten Freiheit des Menschen zugeschrieben. Durch den-Giau- 
ben an das Wort empfangt es die aus diesem hervorgehenden 
einigenden Gotteskräfte, und nicht nur das höhere Gefühl des 
Herzens verwandele . das niedere in sich selbst, sondern das an 
sich blofs subjective Gefühl wird durch die Wahrheit in dem 
Worte in dem Maafse mit der objectiven Richtung des Denkens 
Tieu geeinigt, dafs die Gotteserkcnntnifs in ihm Eins wird mit 
der Kraft und Liebe zum reinen Handeln , nicht nachf unserer 
Angemessenheit, sondern aus dem lebendig gewordenen Gesetze 
Gottes; und während der Verstand das Licht, das er jetzt er- 
halten, xals höherer Abkunft und reinerer Natur erkannt, als sein 
natürliches, scheut sich fast das Gefühl, nach der Bekanntschaft 
mit der Gerechtigkeit aus dei Kraft des Glaubens noch Sitt- 
lichkeit zu nennen , was aus der strengen Willensrichtung ohne 
Herzeiftleben hervorgegangen, wenn nicht das Wort schon deu- 
tete auf eine äussere Thätigkeit, die nie da^ Höchste des Men- 
sehen sejn kann. In diesem Sinne einer gcotTeiibarten Wahrheit 
tffid einer geschenkten Kraft durch den Glauben ist alle Reli* 
gioD objectiv und moralisch oder ascctisch zugleich, und ein 
ItiUes Ringen nach Licht und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt^ 
ilt mehr wahre Religion als die höchste Bildung und die tiefet« 
Kditung des Gefühls. 

Hieraus ergiebt sich eine Ansicht der verschiedenen Reli^ 
^•iien, welche die Geschichte der Menschheit aufsteUt, die W9* 
tadich von der des Verfassers abweicht. Mit Unrecht würde 
M unserer Ansicht gefolgert werden, dafs ausserhalb der chrtst- 
tihen Offenbarung nichts Religiöses, keine wahre ReligioB statt 



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844 Dogmatik. 

«^efui/deti hdbe. Dies wurde nnr dann folgen', wenn behauptet 
wurde, es aey unter allea heidnischen Völkern gar kein Wort 
Gottes vorhanden gewesen, doch diese Behauptung stellen wir 
nicht auf. Der Begriff des göttlichen Worts wird zu. enge ge- 
fafst, wenn nur die ausserordeiitltchen Offenbarungen im braeli-* 
tischen Volke darunter Tcrstanden. werden. Wie vor der Au^ 
sonderung dieses Volks schon eben solche Offenbarungen vor- 
handen waren, ja wie sie der ersten Entwickelung der Men- 
schenfamilie als ekk nie ganz verlierbares göttliches Rigenthum 
mitgegeben wurden, so darf man auch einen gewissen Antheü 
' an detp, göttjUchen Worte bei allen Völkern voraussetzen , vor- 
züglich wenn man das nie ganz auszulöschende innere Licht der 
menschlichen Natur in Verbindung mit diesem durch alle Ge- 
'schichte sich durchschlingendeu reineren Enden überlieferter Of- 
fenbarung anerkennt. Nicht eine lusserlich überlieferte Geschichte 
für sich war das göttliche Wort unter den Heiden; nicht das 
Gewissen und das diesem entsprechende Natur- und Vernunft- 
licht an sich war es; sondern die Einheit Beidtr ß das unver- 
meidliche Befruchtet Werden jeder geboriicn und TolksthumlicK 
erz^gnen Menschennatur von dem überlieferten Worte, und wie- 
derum das Hell werden dieses durch ein unauslöschlich der 
menschlichen Natur mitgegebenes und in ilir wirkendes Licht. 
Dies ursprünglich eiusseyeiide, aber für den Begriff in beide 
Bestandtheile sich lösende Wort Gottes (der Xoyo^) war also 
{überall, und die Sache selbst, nicht ihre mythologische und re- 
flectirende Umhüllung, mufste stets ein Gegenstand des Glaubens 
sejn, d. h* der Herzensannahme, denn gerade das Reingöttliche 
darin, was unter der unwesentlichen Form^ verborgen war^ 
•mulste von jedem Einzelnen mit einem nur Gott bekannten 
Maafse seiner inneren Treue herausgefühlt und festgehalten wer- 
den, und dies waren die Frommen, ja die Gläubigen unter dea 
Heiden.—^ Das Religiöse in den heidnischen Religionen ist also 
gerade das Einsseyn eines unenthüllten Kerns derselben mit dem 
Lesen und Inhalt des hellen offenbarten Wortes Gottes, und 
auth hier zeigt sich die Religion an sich als objcctiv und ein- 
fach. Das Mannigfaltige und Subjective aber in den alten Reli- 
gionen bt gerade das Menschlichhinzugethane, das an sich Nicht- 
religiöse, was freilich unschädlich und unvermeidlich war und 
bleibt als Form und Organ der Religiosität, aber diese selbst 
nicht ist. Dafs es nun aber vollends als Religion, als Wahrheit 
und Leben angesehen und festgehalten wurde, das war tiefer 
Irrthum. Das Religiöse der alten Religionen ist das, wodurch 
sie alle untereinander und alle mit der voUen Enthüllung des 
göttlichen Wortes im Christentbome Eins sind. Idie Individuali- 
Mii) die sich nachher mit dem Bewufstse^rn und der Anerkeu- 



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Do^mättk. 815 

ifmig dieser Einliek der Religion als gdttlicli^ Wortes ent-- 
wickdt, ist doch erklärlicher Weise eine ganz andere, nur mit 
dem Recht der Natur, aber nicht mit der Verkündigang der 
Religion auftretende als jene, welche eben das Menschlichindivi^ 
dueUe das Religiöse nennt. In demselben Maafse als nun die 
Ansicht des Verfassers die alten Religionen, als in ihrer Eigen- 
Admiichkeit wahr, uns zu hoch «u stellen scheint, halten wir 
die Ansicht Ton dem Christenthum , als eigenthümlicher , wenn 
auch YoUkommenster Form, viel zu gering. Denn die- eigen- 
thumliche Lebensansicht des Christenthums , ^die der Verfasser 
sehr wahr in das Bewufstseyn des Verderbens und der EH5sung 
setat, it[t entweder die höchste, die absolutwahre, zu der sich 
alte andere nur als AusOüsse zu dem Quell verhalten, d. h. sie 
ist nichts Menschlichsubjectives, sondern etwas Gottlichobjectivcs, 
oder sie ist gar nich( wahr und annehmbar, denn wenn jemand 
durch seine Individualität das Recht hätte, in seiner religiösen 
Ansicht, nichtchrisilich , das Verderben zu leugnen, und weder 
den Schmerz der Busse noch den Kampf des Glaubens zu thri- 
leri, wer wurde nicht seine Ansicht und Religion als die fro- 
here und freiere ergreifen oder wenigstens ersehnen. Die christ-^ 
Hche Ansicht theilt man entweder, weil sie die einzig- und 
absolutwahre ist^ oder man hat sie gar nicht wahrhaft, indem 
jedes Streben, über sie selbst sich zu erheben auf einen reli- 
giösen Sundpunkt, wo sie selbst wieder individuell und unter- 
geordnet erscheint, sie vernichtet, weil es das Höchste, die Er- 
lösung, wodurch erst alles Einzelne wahr und lebendig wird, 
selbst als ein Einzelnes aus einem höheren Wahren Entr.priin- 

Senes auSalst* Und in sofern scheint uns jede Annahme einer 
idtgion, die aussw und ober dem Christenthum steht, nicht 
BOT unchristlich j sondern irreligiös. 

Dieselbe Ansicht, die uns eine objective Einheit der Reli- 
gion im Christenthum und in den Formen der Alten zeigte, 
^Ihrt uns noch viel bestimmter zur Anerkennung des Einen 
göttlichen Worts im Judenthum und Christenthum. Die Auf- 
stellung der jüdischen Religion blos als einer menschlichindiA'i- 
duellen Form verletzt deshalb tiefer die religiöse Ansicht selbst, 
weil gerade die Eigenlhümlichkeit der israelitischen Religion, 
gleichsam der einzigwahren, in sofern ^ie eigenthümlich war, am 
bestimmtesten hinweiset auf die Objectivität des göttlichen Worts, 
weiches einst die Religion aller Völker sevn werde. Die An- 
Bahme, es gebe ein objectives Gotieswort, ist unzertrenniicii von 
der, dafs es in seiner allmählig vollendeten Eiithällung eine Ein- 
heit sey, nicht nur Einen Willen, sondern iiucli eine Wirkung 
Gottes ankündige und enthalte, und hiedurcti stellt Judenthum 
und ClinstcuthiuB, als Offenbarung betrachtet, als Kiulieit dt^ 



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846 Dogmatik. 

aSmUch «llmitilig fleh darsCelleodei Wort GottM Ib di^em Volke 
pa alle MeofcbeQ, yon Abrahaoi der die Verh(sis«iing empfinge 
bis auf Cbristtis, in dem tie erfüllt war, so dafs daslndividuell- 
judischc alleia der lusserlicli gesetzlichen und volkstbümlicKea 
Schaale xukomiQt, in welcÜe Gottes Wort ja auch selbst im, 
N. T. ixoch dargestellt werden mufste, allgemein nod in «ick 
Eins für die ganze Mensclilieit, erscheint, aber jedes, was erkenn-^ 
bare Beziehung auf die durch die Natur- und Menschwerdung 
des Wortes zu wirkende Erlösung hat. Diese Ansicht finden 
wir überall bei den Aposteln nach ihrer Erleucliiung, indem sie 
das göttliche Wort als Einheit der Verheiisuog und des Evan« 

Seliums verkündigen, wodurch dieses seinen Zusammenhang mit 
er Weltregieruug, jenes ihr Ansehn für Glauben und Zuver- 
sicht des Herzens enthält. Von dieser Ansicht, welche die^gröfs- 
ten Theologen und Kirchenlehrer aller Zeiten festgehalten haben, 
uttd welche allein der Bibel ihre Stelle als dem Buche, worin, 
das gottliche ''Wort enthalten, sichert, welche uns eine sehr er- 
habene Eanheit der geschiclitlich uothwendigcn Form und des 
geistlichen Iqhalts der Religion als Gottes Worts darzustellen 
scheint, hat sich freilich unser Zeitalter stolz iHnweggewendet, 
aber dies wird ihrer Wahrheit nichts nehmen. Ja unserem 
Verfasser ist der Mangel dieser Ansicht höchst coosequent, weil 
er (in diesem Bucliq) gar kern objeetives Gottes wort erkennt, 
aber eben darum nur um so tiefer eingreifend in die wesent- 
liche Anschauung des.Christenthums, indem er die Erfüllung der 
prophetischen Weissagung in der Person Jesu als eine jene viel 
zu hoch stellende Achtung desselben vor der Religion seiner 
Vater ansieht (S. 4^^), ein Gedanke, welcher bei dem Glauben 
an vorher göttliche Verheissung völlig unstatthaft wird. Höchst 
inconsequent aber wird die Verkeunung der Einheit des A. und, 
N. TesUments bei denen, die in Beiden wahre göttliche OiTen- 
barung annehmen, denn die geringste Anschauung vom Plan der 
göttlichen Offenbarung deutet auf eine Einheit aller Lichtstrihleit 
aus Einer allmählig aufgebenden Sonne, auf eine Vereinigung 
des Menschengeschlechts durch das Band seines Glaubens, Einer 
' Liebe und HoflPnung. ' 

Indem nun durch die Annahme eines in die Welt gekom- 
menen und in der Welt vorhandenen göttlichen Worts die sub* 
jecttve Mannigfaltigkeit der Religiosität keinesweges aufgehoben^ 
sondern nur an die reine Fülle aller religiösen Leben^raft im 
Worte angeknüpft wird, erscheint auch die Bildung zur Religion 
und die reli'^iöse Gemeinschaft oder die Kirclie in einem ande* 
rcn Lichte. Religiosität kann niclit gelehrt werden, aucH den 
Glauben kann mau nicht lehren, sondern nur anbieten, aber das 
göttliche Wort kann in denjenigen naturlichen Begriffen Uribei**, 



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Oogmatik. 947 

len und HiatMchen, die es ao iicK genotnmefl hat, «UerdiBg« 
gciebrt werdeDy uod o}>wohl es selbst keine Lehre ist, sondera 
die ThaAsacbe einer göttHcben' Offenbarung, Verbetssong und 
Forderting, so giebt es docb eine Lehre des gdulichen WorUp 
«nd das soll ergentlich mit dem Ausdruck :^ christliche- Lehre, 
reine Lehre der wahren Kirche and selbst mit dem doch selte^ 
Deren biblischen: Lehre Jesu ^ ausgesprochen werden, welcher 
Mso au sich die hdh<?re , ursprüngliche Natur des Wortes ^ar 
nicht aufhebt. Es ist aber ein Unterschied, ob man alles relt-^ 
giöse Lebren, nach der Ansicht -des Verfassers, rein als ein» 
Uebertiagung des Gefühls in den Verstand zusieht, oder ob man 
die religiösen i/fhren als gewurzelt in der vom Gefühl unab« 
hängigen, uotheilbaren göttlichen Natur des in die Welt einge- 
tretenen götciichen Wortes ansieht. Im ersten Falle wird der 
reiigidse UuCerricht für die Bildung zum Glauben eigentlich nur ^ 
das gegensekige Bilden des Verstandes und Gefühls durch dio 
Religiosität des Lehrers anerkennen, inf zweiten wird das Klar-» 
werden des göttlichen Worts -in seinem einfachen Lichte das 
Ziel aller Begrifl&entTfickcldng sejn, weswegen weniger eine be- 
sondere Aufregung des t^eföhls als eine Einladung des Herzens 
z;um Glauben der begleitende Character dieses Unterriclits seju 
wurde. — Eine ähnliche Verschiedenheit etgiebt sich für die 
Ansicht von der Gemetnschafit der Gläubigen oder der Kirche 
und die Leitung derselben durch das priesterliche Amt im all-' 
gemeinsten und reinsten Sinne Ist alb? Religion subjectiv,^ ob* 
wohl verwandt Jind sich einander anziehend : so kann die Lei«- 
toi^ einer grösseren Mehrheit Rdigidser nicht wohl aus etwas^ 
Anderem als ans einem höheren Grade der Religiosität hervor-* 

Sehen, und indem alle Öffentliche Rede alsdann nur Darstellung 
er inneren religiösen Eigenthumlichkeit sejn kann, wird auf 
der einen Seite das Persönliche und Individuelle des Geistlichen 
mehr hervorgehoben, als die Frömmigkeit zu vertragen scheint^ 
auf der anderen der Vortrag, wie alles äeusserüch werdend«^ 
Individuelle, so vorzüglich unter die Regeln der darstellenden und 
schonen Kunst gestellt, dafs das Wesen einer das innere Leben 
erbauenden Predigt dadurch verloren gehen könnte. Reiner er- 
scheint die Predigt, wo, bei der gemeinsamen Anerkennung des 
göttlichen, lebendigen Worts und bei der Voraussetzung eines 
gemeinsamen Glaubens in derselben, die Rede, .wieder an sich 
beweisend noch das Gefühl darstellend, in einer frommen Ver- 
einigung von Begriff und Bild das Licht und die Kraft der gött- 
lichen Wahrheit als ein Organ der Sprache niedergelegtes, doch 
mit Glaubten allein aufzufassendes liÖchstes Gut der Seelen hin- 
g^^t. Aus dieser Ansicht entwickelt sich auch die ächtprote« 
Haaiiscbe Idee» dals wahre MittheUung des Wortes das einzige 



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84a Dogmatik. 

besottdare «aeAtcliltclie Prtesteithuin ist, »SmUcb die. rr^e Hui-« 

{cbung der bellen Geistesgnbcui zur Aufnabiae des eip^jl|;;wtthrea 
littlcrs UNd Priesters^ Christi, In dem Würte* Jeoes Priester* 
thum i&t nur uneigeatlich^ die milde Hlafiibrung ^u demaiige- 
meinen innereren Priesterihum , .da^ AUe,. iq der Nachfolge de& 
Herrn, und Thcll habend an ihm,, de^i lebendigen Worte, durcb 
ihn s darbringen dem Gott über Alle» Also vereinigt daa fluf das 
Wort gegrfindete geistliche Amt sich nicht nur mit einem tiefen 
Gefühl der Gleichheit aller Menschen vor Gott, sondern auch 
mit williger Anerkennung höherer Glaubens- und Lj^besstufen 
in den unscheinbarsten wahren Gliedern der Kirche, und zu- 
gleich mit freudigem Gebrauche dessen, was . zu« ^bauupg der 
Kirche von ihrem Herrn verliehen ist. — 

Diese Andeutungen reichen hin, die Verschiedenheit uuse«» 
res Standpunktes von dem des .Verfassers* «luch für das zu be- 
zeichnen, was sich über religiöse Bildung und kirchliclie Ge* 
meinschaft theils in dem kräftigen Gange der Rede selbst, theil^ 
zum ersten Male in den ruhigen entwickelnden Anmerkungen 
findet. Die Fülle des lutercs^ntr^n und VortrefEicben in der- 
selben wird auch von denen erkannt und genossen werden 
können, welcben die überall sich hiudurchschlingende Eotwicke« 
lung aus dem> Subjectlvcn und dem ^efuhl nicht genügt« Es 
wird kaum der Bemerkung bedürfen, dals die Gründe, aus wel- 
chen wir einen solchen Supremat des Subjectiven bestreiten, 
sich von selbst • noch viel entschlcdncr und unbedingter gegen 
den Supremat desjenigen Objectiveu richten, ; wekh es nicht in 
dem göttlichen Worte, snndern in der eignen menschlichen Ver- 
nunft liegen soll, und welches mit stolzer Sicherheit und ge- 
fährlicher Vermischung des Götdichen und Menschlichen heut- 
zutage eben der religiöseren subjectiven Ansicht, die wif bei 
unserem ,Verfassei- finden, entgegengestellt wird. 

Das Vortreffliche und Grosse in diesen Heden glaubten wir 
selbst am sichersten und ruhigsten ahnen zu lassen, indem >vlr 
die unserer Ansicht uadi irrige Anschauung in Folgerungen auf- 
deckten, welche sie nur deshalb hier weniger zu Tage legt, 
weil ein tieferer Geist der Religion, glücklicherweise nicht in 
Uebereinstimmung mit ihrer philosophischen Erklärung, eine 
reinere Entfaltung des Lebens hervorgebracht und in mannigfaltigea 
Abstufungen, hervorgelockt hat^ als die meisten Leser dieses 
Buches ersehen können. 



(Der Eetchltifs folgt.) 



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N=54. „.H.u.rg., 1822. 

Jahrbücher der Literatur. 



üeber die Religion. 
• (Beschlufs,) 

Dessen flogeacl1^et glaobteo wir nichts ?er>ieKIen zu dürfeii^ 
über diese Verwerfuug des Wortes über dem Geiste, der docK 
Bur deshalb dert Menschen neu belebt, weil er stets hervordringt 
aus der Wahrheit, d. h. dem Worte Gottes. Von diesem Stand« 
pnnkte ans möchte leicht dies Werk uns erscheinen als eine 
külioe Brücke, die über einem gefährlichen Abgrund einer glau- 
benslosen Zejt hinwegschlagen, mit einem Bogen wurzelt in dem 
heiligen Boclen kindlich frommer Liebe, der Bogen erhebt sich 
Kb windelnd in 4ic Region atlii-Qüchkalter Luft des speculirenden 
Geistes, doch noch zu rechter Zeit, und ehe der Wanderer von 
ihrem Einflüsse gelitten, leitet der andere Bogen ihu wieder in 
die helle uud gesunde Gegend einer \<l|n der Sonne gleich bo- 
Icochteten und erwärmten, von gut gewordenen Menschet allet ^ 
Art bewohnten Flur^ 

b. p. 



Die GeCoifsheit unserer ewigen Fortdauer, Ein Beitrag zur Se^ 
siegung des Z^*eifels; mit besonderer Rücksicht auf Altern, 
die ülfcr den frühen Tod ihrer Lieblinge trauern. Von Dr^ 
CnnfSTOFü Jon* RüD* CHUiSTiJNi, konigl, dänischem Kir^ 
chenrath und Superintendent zu LUneburg, Kopenhagen 
48%4* bei dem Hofbuehhändler Joh. Heitir. Schubothe. S, 
XII und %4^ ^* , 

uchon aus der Angabe des Titels erheUet, dafs dieses Werk, 
vermöge seiner angeführten practii»chen Rücksicht , nicht in der 
tkeologischen Schulsprache abgefafst werden konnte, Ref. muf« 
gestehen, dafs ihn die Darstellung tief philosophischer Wahrhei- 
^tB in einfachen, lichtvollen, nicht mysteriösem Gewände unge* 
Mij ansprach. ' ^s ist des Hrn. Yfs. Absicht nicht, alle Gründe, 
£c man für die Unsterblichkeit der 5eele anzuführeo pflegt 

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S5o Dogmalit 

aiifzuzaYtlen , sondern nur das darzmtellFn , was ihn von seiner 
Uosteiblidikeit überzeugt. Auch ist die Form, mag sie nun 
Wirkliche Verauhssung oder selbstgewähite Einkleidung sevn, 
auf jeden Fall dem Zwecke der Abhandlung sehr angemessen. 
Eine Mutter, die in ihrem Innern von der Gewifsheit unserer 
ewigen Fortdauer fest überzeugt ist, betrauert den Verlust ihres 
gdieb^^n Kindes, und ihr liebender Gatte unternimmt es, ihr ia 
•vertraulicher Mittheilung zu sa^en, auf welche vernfinflige Gründe 
»r seine Ueberzeugling von der ewigen Fortdauer unseres Gei- 
stes baue, und so entsteht denn die Abhandlung; selbst. 
p ; Der Verf. beginnt damit, (S, 7.) dafs er sagt: wie er sich 
diese Fortdauer nach dem Tode denke. Ehe nun der Vf. die 
ganze Macht seiner Gründe wirken läfst, überschaut er sie noch 
einmal in summarischer Zusammenstellung. Dieses macht aon 
den inhalt ^ks ersten Abschnittes aus. 

Der xweite Abschnitt, der die Ueberschrift hat: dit grossen 
Afdagcn meines Geistes erwecken in mir den Glauben, dafs ich 
bestimmt bin zu einet ewigen Fortdauer, filhrt nun die Grunde 
selbst aus, oder eigentlich den Grund, dafs die Anlagen des 
menschlichen Geistes 'von seiner Unsterblichkeit zettgen* Dieses 
xerfättt dann in einige IJnteralbtheilungen. Ref. will versucbea, 
in möglichster Kürze den Gang, den der Verf. nimmt ^ zu be- 
schreiben, und sich, bis zum Schlüsse, aller Anmerkungen üier 
d€LS Mgemeine enthalten. 

Zuerst wird die Möglichkeit unserer Fortdauer erwiese« 
(S. 39 ff.)- Der mateiielle oder körperliche Theil kann unter- 
gehen, unbeschadet seines eigentlichen inneren Wesens. Denn 
der Leib ist von dem Menschen selbst verschieden. Der Menscd 
kann beträchtliche Theile des Leibes verlieren, ohne dafs sein 
Gebt dadurch geschwächt werde. Sogar Beispiele^ dal« cia 
arerrütteter Körper auf den Geist des Menschen einen verderb» 
Hchen Einfiufs hatte, beweisen nur, dafs die Organe des Geistes 
verstimmt sfnd, mit denen er, -vernröge seiner Abhängigkeit von 
der Sinirenwelt, eng verbunden istj siml diese Organe wieder , 
hergestellt, so wird auch -der Geist mit seiner ursprüngHchea 
Kraft wieder wirken kennen. Nun folgt -die bestimmte Unter- 
scheidung des Menschen von der übrigen Sinn'cnwelt. Sehr 
richtig werden auch seine Vereiuigungspunkte mit derselben ia 
ihren verschiedenen Gradationen angegeben. Mit der Pflanze 
bat er die Körperlichkeit sainmt ihrem Bilduugstrid>e (den Or- 
ganismus), — mit dem Thiere ausser diesem auch noch die Sinn- 
lichkeit (das Psychische) gemein. Aber ausser diesem Tegetati— 
Ten un^ animaiisclien Leben hat er noch das moralische , das 
Element seines Geistes, dessen notliwendiges Attribut Vernunft 
und Freilieit ist Ia Kücksichl seines Geistes ist er den natür^ 



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DögmaHk 85i 

Mcn Gesetzen der Edrperwek Dicht unter werfen. Der Verf. 
gfbt hier von der gewöhnlichen Ansicht ans, dafs die Pflanze, 
ak blosser Körper, gar nicht für sich, d. h. ftir ihren eigenen 
Zweck, existire, sondern blofs für Menschen und Thierc da, 
fCY. Den Thieren wird dann in sofeme einige Selbstständigkeit 
zugeschrieben, als sie nur zum Theil für sich selbst vorhanden 
sejen, und für den Menschen ist am Ende Alles allein da. Eine 
andere Ansicht ist, dafs in seinem Körperlichkeit der Mensch 
von Pflanze und Thier nicht qualitativ, sondern nur quantitativ 
verschieden,' und möge er sie auch zu seinen, Zwecken g^ 
brauchen, er ihnen doch,'^ in] Rücksicht auf seinen irdischen 
Lebenszweck, coordinirt scj. — Was Ref. bei diesem Artikel 
Tfraiifste, w^ar die Anführung der Träume, 6\e uns j« auch von 
der Möglichkeit einer Existenz des Geistes ohne den Körper 
uifterrichter können. 

Nachddn nun der Hr. Verf. auf diese Weise di/e Möglich- 
keit der Fortd^el* des Geistes nach seiner Trennung von der 
Sinnenwelt erwiesen hat, sucht Er nun (v. S. 76 an), ihre Fort- 
dauer selbst zu erweisetf d^irch die Reflexion (utf die geistigen 
Anlagen des Menschen, die nicht für dieses Erdenleben berech- 
net sejn können. Bei den Thieren sind es die Seelcnanlagen^ 
denn dort stehen sie in getiauem Verhaltnjfs zu- ihrem Lebens» 
genufs, bei dem Menschen aber nicht, weder durch die Zeit 
und Dauer des Lebensgenusses (sein Lebf^iiiiücl ist kurz), noch 
durch die Fülle desselben, denn keinem einz%en Menschen hat 
dieses Leben, eine vollkommene Bcfriedigni^ Veiner Wünsch« 
gewährt. — Diese Anlagen des Menschen sind 1t) zu ^'ofs, a) 
untauglich, 3) sogar hinderlich für den frohen (xcm^s des Le* 
tcns. — Zu grpjs -^ weil er in sich den Trieb nach unbe- 
schränkten! und unaufliörlichem Wohlsejn, und den Trieb nach 
unendlicher Vervollkommnung fühlet, wozu aber dieses Leben 
nicht hinreicht; — untauglich — weil das Thier in dieser Rück- 
sicht 'sicherer von seinem Instincte, als der Mensch von seinem 
Verstände geleitet wird, der ihn sogar oft auf ein Ziel hinweifst, 
das auf etwas ganz Anderes, als auf sein sinnliches Wohlergehen 
geriditet ist; — hinderlich -^ ehan darum, weil sie zu grob und 
untauglich sind. 

Nach Beseitigung dieser negativen Seite des Beweises, folgt 
(S. i3o) die positive Behauptung: Nur wenn ich zu einer ewi" 
§en Fortdauer bestimmt bin, kann ich die grossen Anlagen mei^ 
«ei Geistes als zweckmässige Einrichtungen meiner Natur be^ 
trmchten, Ist der Mensch nicht unsterblich, so. widerspre- 
chen seine Anlagen seiner Natur, ist er es abier, 10 stehen beid« 
in der schönsten Harmonie* 

Von hier aus wendet sieb der Verf. xu dem dritten Abr 

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8^1 Dogmatik. 

iclmitte (S. «Go fl*.) mit der Betraditung, dafs jene GrSnde oti» 
nur in sofcru von der Uiisterlilichkeit unseres Geistes überzeu- 
gen können , als wir von dem Daseyn Gottes, der unser Scho • 
pfer ist, überzeugt sind. Darum folgt nun des Verfs. Begriff 
Yon GoU, (freilich ein etwas materieller Ausdruck!) und daoa 
die Gründe seines Glaubens an ihn. Ihm ist das Argument, da$ 
Manche für das einzig richtige halten, nitmÜch: Die ganze Ein- 
richtung meiner Natur gicbt mir das tiefgefülilte Bedürfuifs eine« 
Glaubens au Gült zu erkennen — nicht hinlänglich überzeugend. 
Natürlich, sonst würde p seine ganze Beweisführung in einen 
Zirkel sich auÜösen : Er gründet den Glauben an UnsterblicK- 
kcit, als den Glauben an die grossen Anlagen und Bedürfniss'i 
des Geistes mit deren Befriedigung auf den Glauben an Goii: 
so kann nun' freilich dieser Glaube nicht umgekehrt auf j<eue 
Bedurfnisse gegründet werden. 

£s wird nun das kosraologische Argument ausgeführt : Aus - 
dem, Was man in der Welt wahrnimmt, $<chliefst man mit gut«ui 
Gründe auf ein höchstes Wesen , - als Grund und Ursache des** 
selben. Diese Betrachtung der Natur ^ führt .uns nun zwar auf 
den ersten Urgrund der Dinge, aber noch nicht zur Erkennt- 
nifs eines Wesens, das unsre Anlagen mit unserer Bestimmung 
in die schönste Harmonie bringe. Um nun zu der Idee eines 
bdchstei) iporalischen Weltregicrers zu gelangen, geräth der Vf. 
in die nämliche petiiio principii, die er oben vermieden hatte. 
Nämlich: er reflectirt auf sich selbst «ind auf seine eigenen mo* 
rauschen Anlagen, um sie als nothwcndiges Werk eines weisen . 
Schöpfers vorzustellen; er gründet also diesen Glauben an da^ 
bÖchste moralische Wesen auf sich und die Anlagen seiner Na- 
tur, so wie er früher eben, diese Anlagen, das Bewufstsejn der- 
selben und ihre Bestimmung auf den Glauben an Gott gegrün- 
det hatte. — Die Betrachtung der Natur ausser uns und in uns, 
— um im Sinne des Verfs. Weiter zu sprechen, — fuhrt uns also 
%\i dem Glauben an das Dasejn Gottes, dessen Vollkommenhci-t 
ten aus diesem Glauben selbst hergeleitet werden.* Nur wünschte 
man, dem philosophischen und nun auch allgemeinen Spracbge- 
brauche zu Gefallen, das Attribut höchst verstandig (S. 166) 
durcli ein anderes Wort ausgedrückt, oder lieber ganz wegge* 
lassen, da gleich darauf in dem nämlichen Sinne von der fVeis'» 
' heit Gottes gesproclieu wird. Wenn nun Gott, wie es nicht 
anders möglich ist, der Urgrund alles Sejns ist, so ist auch der 
Mensch sein Werk. Diese Betrachtung führt auf die zweit© 
Abtheilung dieses Abschnittes , (S. 184): So gemfs ich mit 
' r^eintn Atdagen ein fVerk Gottes bin, so gewiß ist anch m.eine 
Bestimmung zu einem ewigen Leben. Der Beweis wird natür«. 
Udi aus bottes cwifca VoUkommeiih«iten, und zwar aof «in« 



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Dogmatil^ 953 

sehr cinleuclitcndc, Art, deducirt; namentlicTi ans seiner Heilig;«« 
Iccit, Wahrbafligkcit, Gerechtit^keit, Güte und Weislicit. — End- 
lich kommt die dritte Abtbeilung; (S. 217) des fnlialtes: So 
gewifs meine Jicsttmmung zu einem ewigen Leben ist , so gesnifs 
ist es cutch, dafs ich diese meine Bestimmung wirklich en eichen 
werde. Denn da wir überzcup^t sind, dafs unsere ewip;e Fort- 
dauer Gott wolle, so iiborzeugt uns auch seine* AU macht, dafs 
sie sie wirklich n^aben könne. Einige Zwcifrl, die über dai 
^ Resultat noch entstehen konnten, werden glücklich beseitiget. 
* Dieses ist kürzlich der Inhalt des vorliegenden Werkes, 
vber welches sich Hec. noch einige Bemerkungen erlaubt: Gut 
Ist es, dafs der Verf. sich diejenigen, zu denen er spricht, als 
schon in ihrem Innern von der Gewifsheit ihrer Unsterblichkeit 
iberzeugt denket. Für solche wird das Werk seincp Zweck, 
ihre ücberzcugung zu verstärken, gewls nicht vetfehleo,. und 
für diese edle Absicht wird ihm manche fromme Seele danken«. 
Betrachtet mau also dieses Werk biofs nach seinem praclischcn^ 
man mochte sagen , erbaulichen Zwecke (und einen andern Zwect 
scheint auch der Verf. nicht zu haben), so ist es eine willkoni-^ 
mene Erscheinung im -lileräriscben Gebiete» Indessen wird auch, 
ans dem obigen kurzen Auszuge hervorgehen^ did^ es den stren- 
gen wissenschaftUchen Forscher wohl nicht ganz befriedigen 
ina^. Ref. giebt recht gerne zu, dafs alle Be^^cise für die.Ua« 
Sterblichkeit der Seele sich auf den Glauben an das« Daseja 
Gottes gründen, und billigt daher die Methode, die- Beweise 
für dieses Dasejn Gottes unmittelbar mit jenen zu verbinden, 
wobei er jedoch noch fragen mochte, ob es nicht besser ge- 
wesen wäre, die Ordnung umzukehren, und die Beweise für 
Gottes Dasejn, als begründende Ursache, voran gehen zu lassen?) 
aber gerade mit diesen Beweisen gehet es, wie mit jenen: dem 
inneren Gefühle, dem Her7.en des Menschen kann man sie ein- 
leuchtend macheo,. weil die, die das Ebenbild Gottes mit Be- 
w^ofstsejQ in sich tragen, schon ohnehin davon überzeugt sind; 
aber dem Verstände des Menschen es durch Reihen von Schluls- 
folgen begreiflich zu machen, möchte immer eine vergebliche 
Bemühung bleiben. Von dem speculativen Standpunkte aus be^ 
trachtet, werden wir wohl die eigentlichen (objectivcn) Beweise 
lir die Fortdauer nach dem Tode, in soferne sie unsem Ver- 
stsod nberzengen sollen, so lange aufschieben müssen, bis wir 
das Verhältnils zwischen der Zeit, denn wir leben in ihr, und 
4er Ewigkeit, die keine Zeit ist, ferner das Verhahnils unseres 
Körpers und unserer Seelenkräfte zu unserem Geiste, die offen- 
bar verschiedenen Wellen angehören, haben einsehen lernen« 
Genug, dafs es uns undenkbar ist, unseren Gedadken, d. h. uns 
ttibst, aU niefat sejend zu denken | wie dies schon fVicland in 



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854 Dogmaiik. 

sten Theile seines Aristifp ausgefiilirt liat. Es ist uns also Bichu 
Neues in dieser Sclirift gesaf^t worden, obwohl viel Gutes ^ das 
etilen froDimen Siun an den Ta^ legt. 

3/. 



Der christlicht Glaiihe nach den Grundsätzed der evangelischen 

Kirche, im Zusammenhange dargestellt von Dr. Frikdricb 

Sculeiehm^cher, Erster Band. (Mit dem Motto , von iie^ 

fer Bedeutung von einem der tiefsten Philosophen: Neque 

I enim qiiaero tnteUigere iit credam, hd,eredo ut inteiligam. — 
Nam, qui non credilerit , non experietur, et qiii expertus 
non fuerit, non inielliget, Anseimus PtosoL 4. de ßde 
trin.) — Berlin, gedruckt und verl. bei G. Reitner, 48»4^ 
(Xin und 35o S.J. Einleitung 47% S. 

]ja uns bis jetzt nocli nichC der ate Theil dieses Buches zuge- 
kommen ist, so wird es der Hr. Verf. nicht verargen, dafs wir 
die Anzeige desselben nicht länger aufschieben. £r wünscht 
swar in der Vorrede, dafs man nicht vor Erscheinung des an- 
dern Theils ein öffentliches Urtheil aussprechen möge. Einen 
Solchen billigen Wunsch mufs man anerkennen, unerachtct das 
Publicum je eher je lieber mit allem bekannt sejn möchte, was 
dieser geistvolle Schriftsteller mittheilt. Die grossen Verdienste, 
Reiche sich Schleiermacher um die Theologie und Religion er- 
worben hat, verdoppeln unser Interesse an einer Dogmatik von 
diesem Gottesgelehrten. AVenn wir indessen unsere Anzeige 
über dieses System der Glaubenslehre selbst noch zurückhalten, 
io dürfen wir unseren Lesern doch einstweilen unsere Gedan-« 
ken über die Einleitung zu derselben vorlegen. Denn sie kanlk 
füglich von jenem Wunsche des Hrn. Verfs. ausgenommen wer- 
den, der sich doch nur auf die Anwendung und den Zusammen- 
hang des Ganzen bezieht; sie kann als ein Werk für sich 
gelten^ 

Das Verhältnifs, worin dieses Lehrbuch der Dogmatik za 
den bisherigen steht, kann hiermit noch wenig aufgezeigt wer- 
den. Hier ist doch wieder einmal von dem christlichen Glauben 
die Rede, und darin findet Rec. einen Fortschritt unserer Wis- 
senschaft, welches er um so höher anschlagt, da ein so scharf- 
sinniger lind dialektischer Gelehrter^ zu diesem evangeliscHen 
Worte zurückkehrt. Auch erinnern wir gerne' bei diesem Titel 
■n ein andres, vielleicht nicht genug gekanntes oder gebrancKtet 
Lehrbuch, an die Vorlesungen des sei. Joh. Georg MßUer, Prof. 
ZU SehafbaoseDi dieses äcbtchrisilicben Theologen : f^om Glauben 



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DQgtnatik. 855 

der Christen, (a Thle. Wiulcrthur i8i5 — 16), ein Werk, das 
seines schönen Titels würdig ist, und unseru Religipnslehrera 
mehr Belehrung ^eben kann, als manche gewohnh'chere Dogma* 
tiL £bea so billigen wir das Vereinigen der Grundsäue dep 
evangelischen Kirche beider Haupt -Confessionen,. welche sich 
ja schon länger her bewährt hat. Zwar kannte Rec. Namens- 
seiner und Andrer mit dera Hrn. Verf. rechten, wenn sich dieseir 
^Vorr. S. VIIL) als der erste erklärt, der eine Glaubenslehre 
nach den Grundsätzen der evangel. Kirche aufstellt, als ob sie 
£tne wäre, nud dafs ihm also keine dogmatische Scheidewand- 
zwischen beiden Kirdieii zu bestehen scheine. Denn nicht blofs 
des Keceus, Grundrifo der küchlich -protestantischen Do^atik 
(Heidelberg 1816)^ sondern aueh andre Lehrbücher vor und' 
nach diesem, haben es so gehalten. Indessen wird sich weiter 
unten zeigen, wie der Verf. diese £inhoit, nach seiner Origfna— 
lität in seinem Boche auf seine eigene A^ durchführt. Wir 
(reuen uns dabei, dafs eine so wichtige Stimme sich für eine- 
solche dogmatische Vereinigung erkläil. Qvhvl richtig läfst der- 
Titel erwarten ^ dafs d^r Studierende hier etwas anderes finden 
werde, als iri den beliebten DogmatikeU' z. ß.. von Reinhard,. 
IVegscheider , Bret Schneider ; nicht ein systemloses Aggregat vooi 
kirchlichen Lehrsätzen wie in der ersiereuf nicht eine Hinstel- 
lung der Lehren zur Kritik und Kplkritik mit gelehrtem Apparat, 
wie in der aten;. auch nicht ein Nebeneinanderstellen der Lehren 
der symbolischen Bücher, des N. T, der- rationalen u. geschichtlich^, 
ohne dafs sie sich sonderlich befreunden, wie in. der letzteren: 
sonderu inne Darlegung des christlichen Glaubens- in dem inna» 
ven Zusammenliange seiner wahr und von ganzem Herzen fest 
XU haltenden Lehrsätze, ohne weiter auf die gelehrten Notizen 
einzugehen, als bs unmittelbar zur Lehrbesttmmuug des Satzes^ 
gehurt. Denn nicht auswendig gelernte Definitionen, nicht glan* 
Lensleere Wissereien bilden den Rcligiouslehrer; auch kann keine 
Dogmengeschichte die Stelle der Dogmatik vertreten. Eben sa 
wenig gewinnt das christliche und kirchliche Leben durch philo- 
sophische Gespinnste und dünkelliafte Lehrer, die da wähneu^ 
dennoch über allen Theologen zu stehen, ohne dafs sie sich 
mit vielem Lernen zu befassen brauchen, und so ihre marklosen 
Vorincla von den Kanzeln der Luft übergeben. Es mufs ein 
besseres Studium der Glaubenslehre kommen, alii es seit mehre- 
ren Genei*atioueu gewesen ist, wenn in den Kirchen das Wort 
Gottes kräftiger wirken soll. Darum darf unsere Wissenschaft 
Bicht für vollendet geltep; sie ist gewifvnoch von ihrem Zide 
entfernt. Rec. gesteht es offen, dafs er aus den Lehrbüchern 
nach Gerhards Zeiten nicht die Würde der Dogmatik kennen 
lernte, ob er gleich für manche Belehrung uidit undankbar scjm 



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856 . . Dogmatik. » . 

will; sie erschien flim erst als er die Werke Melanchlhons und 
Culvins seihst einem sorgfältiger u Studiiini unterwarf. Diese 
nebst einigen RifcKenvätern {i;ahen ihm mehr, als die immer 
wiederholenden Zusammea^iehungen exegetischer , dogmenge- 
schichilicher, sjmholischer und kritischer Nötigen, oder die wis- 
senschaftlichen Umformungen. Sie haben jedoch sämmilich mehr 
oder weniger dahin geführt, wa die jetzige Zeit in der Theo- 
logie steht, das ßed{|rfnifs einer wissenschaftlich gehaltncn evan- 
gelisch-christlichen Glaubenslehre als noch nicht befriedigt zu 
erkennen. Die . Aufgabe hört man auch' jetzt schon bestimmter 
aussprechen. Die christliche ti^iq soll eine wahre yu..ct(; wer- 
den, und das zur Bildung evangelischer Kirchenlehrer für eine 
bessere Zeit. Darum ist es desto erfreulicher, dafs eip SchUier- 
macher daran geht, den christlichen Glauben nach den Grund- 
sätzen unserer Kirche mit seinem dialektischen Geiste wissen- 
ichaftlich aufzustellend Vielleicht dafs es auf seinem Wege besser 
gelingt,, als es Andern bisher i^elingen wollte. Die Beurtheilung 
seines Werkes geht daher mit Recht von einer gespannten Er- 
wartung aus. Die Einleitung legt uns den Grund, diis Ziel und 
den Gang des Verls, vor, und sagt uns ofl'en seine Gedanken 
vber das Christenthum. 

Wir glauben bei der beurtheilenden Anzeige dieser * Einlei- 
tung am richtigsten so zu verfahren, dafs wir zuerst die Theorie 
des Verfassers vorlegen, und dafs wir sie sodann mit der evan- 
gelisch - kircldichen Lehre , so wie sie nämlich uns als solche 
gilt, vergleichen. In ersterer Hinsicht i$t es das Amt eines Rcc, 
den Vermittler zwischen dem Schriftsteller und Publicum zu 
machen, also auch ihn allenfalls interpretirend zu vertreten, wo 
er Misverstandnifs besorgt. Grade das scheint bei Schleierm. 
Schriften besonders ndthig, da selbst die Sprache öfters abweicht, 
obwohl in diesem Buche weniger, und da die Erfahrung lehrt, 
wie verschieden seine Reden über Religion an die Geoädeten 
unier ihren F'erächtern gedeutet worden. 

An den Geist dieses eben genannten Buches (nach der vor 
kurzem erschienenen dritten Aufl. s. oben) schliefst steh die Glau- 
benslehre des Vfs. zunächst an (s. S. V. Vorr.). Der Grundsatz 
des frommen Gefühls als der Hoden, woraus das vollkommene 
christliche Leben und zwar in der Kirche erwächst, herrscht 
auch in der Theorie dieser Einleitung. Aber selbst in dem 
Wort Gefühl liegt schon ein Grund zur Misdeutung. Man würde 
dem Verf. sehr unrecht thun, wenn man dus Thierische (Sinn* 
liehe) darunter meinte. »Unter Gefühl verstehe ich, sagt er S. a6 
»das unmittelbare Selbstbewufstsejnc — abo in sofern Character 
des Vernunft Wesens d. i. das Entgegengesetzte vom Tbierischea 
«nd etwas ReiDmenschliches -— »wie ei, wenn nicht ausschlies- 



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Dogmatik« 85/ 

«send, doch Torxuglicli einen Zeitihcil erfüllt, un,4 wesentlich 
Mater den bald stärker bald schwacher enlgegcngesetxlen For-^ 
>inen des angenehmen und unangeiiebmen VorkouamLc Nur mit 
dieseoi Ictiteren Zuge senkt es sich mehr oder weniger jn das 
Thierische der Menschennatnr herab, kann sich ^aber auch aus 
dennsclben zu dem Geistigbn erheben. Dafs Hr. Schi, es für 
diese Erhebung bestimmt, erklärt er auf jeder Seile; und sagt 
schon alsobald in der angef. St. »Jch lasse *mich hier uicht ein 
»auf den neueren Ausspruch eines achtungswerlhen Gotrcsgc- 
»lehrtenr »»Das Gefühl wird niemand zum Grund der Religion 
»»oiacheo, der sich selbst versteht.'«« Auch behaupte ich nur, 
»dafs es der Silz der Frömmigkeit ist. Dafs aber das Gefühl 
»immer nur begleitend seyn sollte, ist gegen die Erfahrung. Es 
»wird vielmehr jedem zugemuthet, sich zu erinnern, dafs es Au- 
»fenblicke giebt, in denen hinter einem irgenrlwo bestimmten 
»Selbstbewulstsejn alles Denken und Wollen zuriicktritl.« Rec. 
mochte hinzufügen, dafs es so bei der Kindheit, bei dem Volke 
im Ganzen, bei dem gewöhnlichen Seyn eines jeden Afenschen 
gedacht werden müsse, und dafs die piactische Wirksamkeit des 
Theologen, wenn sie keine nichtige seyn -soll, womit sich der 
Formeldiener belügt, von keiner audcrn Ansicht ausgehen dürfe. 
Gesetzt auch, das^ Gefühl wäre hier zu einseitig als Sitz der 
Frömmigkeit bestimmt, wovon wir erst unten reden können, so 
ist wenigstens eben so einseitig der kategorische Imperativ, oder 
irgend ein reines Denken zum Sitz derselben» gewählt worden. 
Der Verf. stünde in diesem Falle mit zwei ihm widersprechen- 
den Theoremen auf gleicher Ebne, und jedes dTrselben mag danib 
seinen Hau|)t«^atz (§. 8.). »Die Frömmigkeit an sich ist .weder 
^in Wissen noch ein Thun, sondern eine Neigung und Bc- 
»stimmtheit des Gefühls;« mit Transposition der Worte zum 
ihrigen machen. Niir darf des Vcrfs. Erinnerung über jenes 
an sich nicht überhört werden, dafs wohl aus der Frömmigkeit 
ein 'Wissen oder Thun hervorgehn .könne etc. Und wenn sie 
diese Frömmigkeit als eine sinnliche schmähen wollten, so möchce 
man vielleicht dagegen die eine als eine |)harisäische, die andre als 
eine übermüthige durstellen; doch wozu das? Christus steht 
doch ober allen dreien. Von einem Vertrauten Platons ist es 
übrigens schon an sich zu denken, dafs er da^ Gefühl ^nicht als 
das Niederste der menschlichen Seele betrachtet, und-, nicht das 
tri^vuTfTiXov derselben für das Beste erklärt, sondern wo auch 
das dvfioeMc noch treibt, doch auf den Führer rechnet, der 
zur höheren Region aufstrebt. Kur/, wenn Schlcierm. von Ge- 
fühl redet, so ist es *in einem viel besseren Sinne, als man. bei 
«ns gemeinhiq dieses edle Wort verstehen mag. Dajicr konnte 
er auch verschiedne Arten und Stafen desselben annehmen, und 



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85$, Dogoiatik. 

die Frömniigleit (§. io) »die hdcliste Stafe des menscMtcheii 
»Gefühls ueunen, welche die niedere mit in sich aufnimmt, nicht 
»aber getrennt von ihr vorhanden ist.« Denn er fafst in dem- 
selben die gan^e Fülle und Mannigfaltigkeit des Lebens auf, wie 
es nur in Ausländen d(>s menschlichen Sclbstbewufstsejns, die 
vom niedersten zum höchsten als Continuum zu denken sind^ 
irgend vorkommen kann; er, verliert sich also weder im Luftge- 
bilde des Abstracten, noch redet er, ind^m er aus dem Lebea 
spricht, für das niedere sondern vielmehr für das höchste gei- 
stige Leben. Da£s dieses ^ seine Theorie ungemein practiscK 
macht, leuchtet auf den «ersten Blick ein. Und so weifs er auch 
das Bedürfnifs der Erlösung ^Is ein acht religiöses, dem Chri- 
Stenthum vorzüglich eignes, und die Menschheit wahrhaft erhe^ 
bendes Gefühl zu erkennen. Auf alle Punkte des christlichen 
Glaubens bezieht er diesen Grund, und lafst schon vorlaufig 
gewahren, wie aus diesem Boden des Gefühls das ganze reli- 
giöse Denken und Leben erwachsen mag, und der Geist sein^ 
Kraft zur Bildung der höchsten Gedanken gewinnt. Denn es 
ist, wie gesagt, nicht der Boden der Sinnlichkeit — da allerdings 
aus dem Sinnlichen nie das Ucbersinnliche, aus der Materie nim- 
mermehr der Geist hervorgeht — , was er meint, sondern es ist 
das Vernünftige, das Selbstbewufstsejn, vi^e es von Anfang und 
auch noch das ganze Leben hindurch aus der inneren Fülle 
durch das Sinnliche (»da wir keinen Augenblick ohne ein sinn» 
liches Gefühl sey.n können« S. 4<*) in Lust und Unlust be- 
wegt hervorbricht. 

Dieses Gefühl als Wesen der Frömmigkeit, wird ferner 
darin gesetzt, »dafs wir uns unserer selbst als scl^echthiu ab- 
»hängig bewufst sind,« welches naher betrachtet, das Gefühl der 
Abhängigkeit von Gott ist (§. 9. ). Daher würden wir hier- , 
bei wicdcnini gegen ein Misvcrstchen warnen, wenn nicht sclion 
aus dem Obigen erhellet; dafs hier kein blindes Gefühl zu den- 
ken sej, und wenn nicht die Ausführung grade dieses Satzes 
yon dem Vf. mit solcher Liebe und Dialektik behandelt würde, 
die niclus zu wünschen übrig lafst, um zu sehen, wie es der 
Stoff zu einem dogmatischen Wissen werde* Er spricht nocb 
in demselben §. dav,on, dafs mit einer solchen absoluten, »auf keine 
Art von einer Wechselwirkung begränzten oder durchschnittenen 
Abhängigkeil« die «einfache und absolute Uncndbchkcit gesetzt 
se^, woraus sich ergebe, es sej einerlei sich sddeclithin abhän- 
gig fühlen und sich von Gott abhängig fühlen. Wir woUea 
vorläufig nicht unbemerkt lassen, dafs dieses auf eine Apologie 
des Pantheismus hinzudeuten scheint, welche der Verf. weiter 
«Uten nicht unmöglich hält. Das setzt er schon hier hinzu, dafs 
CS hierher aicht gehöre xa eotscheideDi »was frühea sej, der 



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Dogmatik. 850 

Gedanke ron Gott, oder das ia frommen Erregnngfo enthaltene 
Geföhl von Gott, nar brauche man nicht jenen Gedanken ali 
irgend anders woher entstanden vorauszusetzen, und es gelte 
Uer nur ^en Gedanken des höchsten Wesens, der sich durch 
die Betrachtung jener Erregungen bildet. c Und: »auch itii 
Polytheismus werde, sobald eine genauere Betrachtung der from- 
men Zustande eintritt, die Einheit hinter der Vielheit von den 
Besonnenen immer anerkannte Dieses Gefühl der Abhängigkeit 
nun ist die höchste Stufe des menschlichen Gefühls, denn es 
Uegt das höchste Selbstbewufstsejn in demselben. Es lauft nicht 
etwa n^>en dem. niedem her, sondern nimmt dieses in sich auf, 
wfciX in dem Gemüth Einheit ist, und also weder in irgend einem^ 
Blomeot ein blofs tbieiischcs noch in einem andern ein blof> 
geistige Leben statt findet. Beides ist immer vereint, so gut 
als das höchste Wesen innerlich gegeben und immer gegenwär- 
tig, aber zugleich unser Leben ein ununterbrochenes Zusaünmeii- 
ftcjn mit anderm* Endlichen, ist. Jenes Höhere in dem Gefühl 
mufs also als eingeboren und immer mitlebend, dieses Nieder« 
aber als keinen Moment davon trennbar angesehen werden, und 
das niemals .Null werden kann, weil sonst der Zi|sammenhang 
uosers Daseyns für uns selbst unwiderbringlich zerstört wäre. 
Herrscht das Niedere (Thierische, Sinnliche, ro aoc^niKov) vor, 
90 befinden wir uns in Gegensätzen, die wir nicht zu vernichtea 
vermögen: herrscht das Höhere (r^ TVBVftuTiX''p\' so stehen wir 
im hellesten Selbstbewufstsejrn , und da wird alles Einzelne 
(Endüchc) in die Einheit des Ganzen aufgenommen, und jeder 
G^ensatz 'kann vernichtet werden. Das ist wohlverstanden das 
höchste Gefühl, nicht ist es das höchste Wissen und auch nicht 
das sittliche Handeln. Beides hat sein begleitendes und abgelet- 
tefcs Gefnhl an sich haften, aber jenes ist allein ein Ursprünge 
liches, und nur den frommen Erregungen eigen. Hierdurch er- 
klärt sich, warum die Frömmigkeit als etwas Beharrliches in 
dem Gemüth, nicht als momentaner Zustand angesehen wefden 
mufs. So liegt denn auch darin die Sehnsucht sich in jedem 
Zustande von dem höchsten Wesen abhängig zu fühlen, worin 
der Seele das höchste Wesen selbst mitgegeben ist (S. 44)» 
und dafs die Gläubigen zwar im ' Sprechen den Anthropomor* 
phismus Dicht vermeideii können, im unmittelbaren Bewufstseyn 
ibo aber sehr wohl aufzuheben wissen, und dieses dann auch den 
Ungläubigen als eine Neigung des Gefühls zu seiner höchsten Stufe 
snmnthen. Indem nun das fromme Gefühl das sinnliche in sich 
mofnimmt, nimmt es zugleich Lust und Unlust in sich auf; also 
kaoD nie Freude oder Schmerz dabei fehlen. Das sinnliche er- 
scheint in diesem Verhältnisse bald hemmend bald fördernd, da 
«Dtstcbt dtBA dort (romiac Wchmutb über diese oder jene Siu- 



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86o Hogmatik; 

nenlust, liior from'mes Woblg^efallcn an diesem oder jenem Lei«» 
den; und 30 ^iebt CB theils oiedersdilajg^ende theils erhebende 
fromme Gefühle. 

Die Abhän<^Igkeic von Gott wird also als Gnindp^edaoke 
angenommen y und wenn gleich weiter unten Pantheismus als 
Tertniglich mit der Fr^nnmigkeit angesehen wird, so ist docK 
diese Theorie in völliger Opposition mit jedem Tilanismus und ' 
Autotheismus, und Atcht gern auf der Seite der christlichea 
Lehre von dem ewig Anbetungswürdigen. Sie hat also airch 
hierin allen Sprachgebrauch der alleren, wie der neueren Zeil, 
des gemeinen Lebens, wie der Theologie für sichv Die Bedea- 
Hingen vbn pietcis und tva^ißBiic bleiben auch so in ihrer Vcr* 
wandtschaft mit unserer Frömmigkeit , welche als christlicher 
Glaube, x/f/^, erscheint. 

Das fromme Gefühl wird femer als der Grund gezeigt," 
welcher Gemeinschaften hervorbringt. So wie die frommea 
Erregungen gleichartig sind, äussern' sie sich vorerst absichtslos^ 
sprechen sich gegenseitig an, und bilden Vereine unter den Men- 
schen, und zwar, in soferne sie etwas Bestimmtes und Bes^n-« 
diges in sich tragen, Kirchen. Denn die Offenbarung des Innen» 
erregt lebendige Nachbildung des Verwandten, und so verbin- 
den sich hierin die Gemüther, sej es auch nur in einer, zufäl- 
ligen Menge. Allerdings erklärt sich nur aus diesem gcmüthli-^ 
chen Leben, d. i. aus der im Gefühl wirkenden Religion das Anein-- 
anderschliessen zu religiösen Verbindungen, wie es so machtig da& 
Leben bewegt; welches nimmermehr durch eine blosse Vei*stan- 
desbelehrung oder durch die blosse Vorschrift von Gesetzen ius 
Leben geseti^t werden kann. Es erklärt sich auch aus allen denk 
sehr leicht, wie man die Kirchen als Religionen ansieht, in wel- 
chen der Einzelne seine fromme Erregbarkeit in dieser Gemein- 
schaft zu seiner Religiosität bestimmt; und wie nicht blofs das 
Persönliche der Frömmigkeit subjecttve Religion genannt werden 
sollte, sondern auch jede Kirche in Beziehung auf das Gemcia«^ 
same der Religion, das man die objective zu nennen pflegt, sub- 
jectiv heissen kann; «ndlich dafs man eben so wenig einen 
scharfen Unterschied zwischen der äusseren und inneren Religion 
machen kann, ind^m die letztere als Gesammtinhalt der frommen 
Kiregiingen in den Einzelnen doch nur in der ersteren sich 
ausspricht, und vor den Augen des Beobachters so darlegt, dafs 
er doch nicht bei dem Aeusseren stehen bleiben darf, sondern 
zum Hineinblicken in das innere Leben der Gemülber aufge- 
fordert wird. Dabei zn'gt der Verf. dafs es weder eine (so- 
genannte) natürliche Religion neben den andern gi^bt, noch 
eine Religion , die nur so überhaupt Religion würe; weiL 
jede im L«ben gedacht werden, und die Richtung des Geaüth^ 



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Dogmatik, 86 1 

•nf FrSmmigk^it steh iQch immer auf bestirtiioee Art äussern 
BHifs. Man versteht aber uuter dieser oder jener Kirche oder 
Religion »im Allgemeinen das Ganze der einer solchen Gem<^iu- 
ischoft zum Grunde hegenden als gleich in ihren Mitgliedern 
»anerkannten frommen Gemülhszustande seineiA Inhalte nach.« 
Wenn nun Hr. Schi, hinzufügt ^ dafs der Sprachgebrauch in 
jenen Unterscheidungen von subjectivcr ynd objecliver Religion 
a. s. w. von den Meisten nie recht bestimm^ ist aufgel'afst wor- 
den, und dafs es b<?sser sejn werde dieser ganzen Terminologie 
zu entrathcn , so ' läfst sich das aus der Geschichte der neueren 
Dogmatik vollkommen belegen. (Seit Semler mit seinem cuilus 
privatvs an diese Distinction stiefs, witrde -sie auch fast in jederu 
Compendium anders verstanden. Nicht alle haben sie. Morus' 
hat nur cultus Dei et interior et exterior ^ \ind tognitio D. 
Döderlein uimmt die subjective als die Religiosität, die object. 
als die Lehre, und so hielten mehrere diese Begriffe. Die 
Reüihardsthen Definitionen JieL objectwa est modus cognoscendi 
et coUndi Deiuti; reL subj, est eognitio Dei, quam aliquis habet 
et Studium ipsi placendi, leiden an einem logischen Fehler, da 
man den modus etc. von der eognitio, quam tdiquis habet etc. 
nicht wird unterscheiden können. Bretschneider nimmt in seiner 
sjstem. Entw. aller dogm. Begr. objective. Relig. als identisch 
mit theoretischer und subject. mit practischer; gleichwohl ist 
die Anerkennung des Verhältnisses Gottes zur Welt ein Handeln « 
nämlich ein inneres, und etwas Subjectives, eine Gesinnung, 
welche doch zur practischen Religion wesentlich gehört. Etwas 
besser hat es Pf^egscheider, wo ^ die object. Religion als die 
Doctrin, und die sid>j. als eognitio etc. et Studium etc. he- ^ 
stimmt wird, in welchem letzteren der culfus et internus et 
extemus vei publicus *vel privatus begriffen ist; aber hier ist ei- 
nestheils sobj. Relig. für Religiosität genommen, anderutheils 
nicht beachtet, dafs jede Doctrin doch in einem Kopfe ist, wie 
auch, dafs eben sowohl als sie der Cultus objertivirt werden 
kann. Sollte man mich einer älteren Meinung unter objectiver 
Belig. die vollkommene oder urbildlicbe verstehen, so wäre 
doch die alte Distinction in dox^^^oc und iurvTCCf die Ernesli 
Thes. theo!, dogm. 4j63 allzu absprechend verwirft , indem er 
noch dazu die 3te in jener Eintheilung, di^ theol. unionis gänz- 
Kch übersehen hat, schon in dieser Hinsicht^ noch mehr aber 
in einer höheren vorzuziehen. Was kennte endlich die blen-^ 
dende Formel nenerer Zeit helfen: die Religion, die dich hat^ 
nnd die Religion die du hast!? , Der Dogmatiker jlugusii wei^ 
Mt mit allem Recht diese Unterscheidung gan^ weg, ohne jedoch; 
^fn Grund anzugeben. Rec. hat sie in seinen Vorlesungen unter 
die Aniicbtcn gestellt^ die etue Zdllaog in Au aeuexen Tbea«: 



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$6% Dogmatik. 

logie f^^egolten liabfn, oTine sich za bewatircB. und sö hoWt er, 
' dafs Schi. Begröndung iUia wirken werde, um sie wieder ginz* 
~ lieh aus der Dogmatik heraas zu schaffen. Wir wollen auch 
liierbei an das einfache Wort Mdanchthons erinnern — wtus, 
quae voeatur alias pietus alias rdigio, sed faciUus mtdliguntur 
naee nomina: timor Bei, fides s, fiducia^ ddectio Bei. Recht 
wnnschenswerth ist es, dafs die Einsicht von der nothwendigea 
UebercinStimmung des Aeusseren und Inneren in det* ächten 
Frömmigkeit, und die Wechselwirkung zwischen l>cidea iu der 
kirchlichen Gemeinschaft verbreitet werde). 

Das Gefühl der Abhängigkeit wird von dem Yerf. weiter 
als das (gleichartige aller Religionen zum Grunde gelegt, und 
hiernach die Verschiedenheit derselben nur theils in der Stärke 
theils in der Beschaffenheit der Erregung gefunden, in nichts 
anderem. Nicht als oh die Lehre und die Handlungsweise kei- 
nen Antheil ap dieser Verschiedenheit nähme, nur kann sie fol- 
gerichtig nach jener Grundansicht nicht als sie hervorbringend 
gelten. Die Eintheilung und Wiirdigung der Religionen wird 
also hier auf einem ganz neuen Wege versucht. Auch sie ist 
einem Misverstande unterworfen, der nicht auf die Rechnung des 
Verfs. kommen darf, denn ,er erklärt sich darüber genugsam. 
Vorerst darf der quantitative Unterschied in dem Intensiven Acm 
frommen Gefühls nicht so genommen werden, als ob eine Reli- 
gion in allen ihren Bekennem denselben Grad dieses Gefühls 
haben müfste, so dafs all^ Bekenncr der andern Religionen unter 
oder über ihm stünden; man mufs vielmehr einen grossen Un- 
terschied hierin namentlich unter den* Christen selbst zugeben. 
Die fromme Erregbarkeit kann sogar in einem Nichtchristea 
stärker sejn ,' und dem Christcnthume ist nicht grade die 
stärkste eigen. Auch müfste sonst der Uebergang aus der uii- 
.tersten Religion in die hdchste nur durch alle die zwischenlie- 
gccdcn erfolgen, "welches offenbar gegen die Erfahrung streitet^ 
und jeder, der in der Starke der frommen Erregung zunähme^ 
müfste von selbst ein Christ werden. Das Qualitative dieser Er- 
regbarkeit kann ebenfalls nicht für sich den Unterschied machen. 
Es besteht in der Art wie das Gefühl der Abhängigkeit hervor- 
gerufen wird, ob mehr durch die sinnliche Bestimmtheit des 
Selbstbewufstsejn% oder mehr durch die reine; wie auch in der 
Art, wie es sich äussert. Auch in diesem Stück nimmt man in 
dem Christenthum die grdfste Verschiedenheit wahr; es verlangt, 
dafs die Frömmigkeit überall erregt werden und überall sich üussera 
solle; weshalb die Erfahrung zeigt, dafs es Menschen in jeder 
andern Gemeinschaft verständlich geworden. Umgekehrt, so ^wie 
•s Christen giebt, bei welchen solche Erregungen gar nicht vor* 
koauneop so finden «ich in jeder frommen Gemeinschaft Menschen^ 



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Dogmalik. ^ 863 

weIcKe tsm Üirer Religion 'willen allenfalls iTir Leben, und Jas 
unter Martern opfern ^ bei welchen also das fromme Gefühl alle 
andere bei weitem an Stärke übertriflt. Die Unterscheidung hat 
alsa ihre eigne Schwierigkeit, oder vielmehr ihre nur allseitig 
aufzufindenden Merkzeichen. Die Geschichte mufs hier befragt 
werden. Sie zeigt, dafs ^le frommen Gemeinschäften, die sich 
in ihrem Kreise begränzt und hiermit als eigne aufgestellt haben, 
theils verschiedene Et twicklungsstufen , theils verschiedene Arten 
sind (§. 4 4«)» (Dars eine ordnende Betrachtung der Religionen 
wirklich versucht worden, beweist doch schon die altere Lite- 
ratur, welche characteristische Geschichte der Religionen auf«« 
stellt, selbst die sogenannte Polemik, noch mehr aber die Sjm- 
boiik, wie sie seit Planet^ und Marheineke verbessert wor- 
den. Hiermit wollte Rec. sogleich eine Aeusserung de* Verfs. 
berichtigen, S* 5\. »Dafs noch nirgends unternommen worden 
»ist, alle bekannt gewordenen ^ Glaubensweisen und kirchlichen 
»Gemeinschaften in einen solchen Rahmen zu ordnen, daraus 
»kann nur folgen, dafs es im einzelnen schwierig ist, die Ver- 
»hältnisse gehörig auszuniitteln, und das beigeordnete und unter- 
»geordnete zu scheiden und auseinander zu halten.«) Das Chri- 
stenlhum verhalt sich also wegen dles^ zwiefachen Verschieden^ 
heit zu' den andern Religionen nicht etwa wie die wahre zu 
den falschen; denn in allen mufs Wahres sevn, weil Gleich- 
artiges mit der christlichen ^n allen sejn mufs, vermöge dessen 
die andern Frommen empfanglich sind sie zu verstehen und 
aufzunehmen ; und in denen, die auf gleicher Stufe stehen, hätte 
sich das Falsche nicht zu "dieser höheren Stufe entwickeln kön- 
nen. Mehrere Aussprüche des Ap. Paulus stimmen diesem zu. 
Sonach ist das* frctmmc Wesen als das Gleiche in allen Gemein- 
schaften ^Religionen) anzunehmen, welches im Christenthume zur 
ii5chsteo Vollkommenheit gelangt. Und hiermit bleibt der Verf. 
ganz folgerichtig in der Ansicht, welche dem Naturgebiete -ana- 
log die Religionen ordnet, wo ja auch voUkommnere und un- 
vollkommnere Lebensstufen erscheinen, und wieder in den Gat- 
totogeu sich die Unterordnungen wie in einem Netze verschlin- 

fcii. Da kommt freilich kein%Linnee zu einem scharfischeidenden 
linthetlungsgrund. So kann denn auch »das Christenthum voll- 
»kommner sejn als jede von den Gestaltungen, die wir sonst 
»mit ihm auf die gleiche Stufe zu stellen Grund fanden.« Gans 
Tichtig wird diese ganze Würdigung befunden werden, so lange 
Bian nun einma^ in dieser äusseren, d. i. in solcher Naturansicht 
der Religionen steht« Und ganz natürlich erscheint auch da der 
Monotheismus als die höchste Stufe .Denn er ist das erweiterte 
Selbstbewufstsejn des Frommen, indem dieser die ganze Welt ia 
^aMclbe aufnimmt^ und sich so mit dei-selben abbäogig fühlt. 



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Dogmatik. 864 

>Kt giebt keinen eig^eotlicTien Monotlieismus oline die Fällig- 
»kell -^ sich selbst sclileclitliiu als Welt oder die Welt scMeclit- 
^hin als sich selbst zu fühlen.<K (?) Der Fettschismus als die 
unterste Stufe ist oiclit damit vereinbar; die Yielgdttcrci als die 
ate, setzt zwar die Mugliclikeit voraus das Ich bis zur Welt 
auszudehnen, aber es herrscht noch zu viel Verschiedenheit der 
Zustande bei der frommen Erregung; »vollkommen klar ist das 
»fromme Gefühl ei;st mit allem sinnlichen zwar vereinbar, aber 
»auch im Bewui'stsejn davon geschieden, da wo in den frommen 
»Erregun|;en selbst kein andrer Gegensatz übrig bleibt, als der 
»ihres freudigen oder niedersclilagenden Tones., und sie deshalb 
»auch iiur auf Eines bezogen werden.c Daiier sind auch die 
nicdern Stufen au/.usehcn^als bestimmt in die höheren überzu« 
gehen. So wenig aber irgend eiu Zustand dct Brutalität^ in der 
Geschichte der- Menschheit möglich ist, wo die religiöse Erre- 

fung gleich Null wäre, die also, weil doch der Keim der. 
römmigkeit ursprünglich in der Seele liegen muf», noch unter 
dem Götzendienste stünde; so wenig kann es eine Stufe über 
dem Monotheismus geben , weil das ein Umschlagen in di^ 
Gottlosigkeit wäre. Die Frömmigkeit ist vielmehr der mensch« 
)icl>en Natur wesentlich. Die drei grossen monotheistischen Ge- 
i meinschaften sind die jüdische, die chiistliche, die muhameda« 
niscli,e; in der ersten zeigte sich von Anfang ein Schwanken 
zwischen Götzendienst und Vielgötterei, in der letzten der lei- 
denschaftliche Character der sinnlichen Denkart, welche auf der 
Slufe der Vielgötterei festhält (weshalb die Romantiker des 
Mittelalters nicht ohne ticfern Grund die Muham^daner^ Heiden 
nannten; und das sind sie trotz ihrem Allah -Rufen im Her- 
zensgrund!). »So erscheint das Christenthum' sehon durch die 
»blosse Vergleichung als di« vollkommenste unter den gleich 
»entwickelten Formen, c Diese Ansicht kommt von der ciaen 
Seite jener altkirchlichen nahe, die das Cliristenthum gleich hoch 
über Judenthum und Heidenthum setzte, von der andern Se.te 
liat sie aber das Engenthumliche , dafs sie das Gleichartige la 
allen Religionen bemerken lafst, und dem Chiisteuthume hier- 
nach den höchsten Grad der Entwicklung zuspricht* Wir wer- 
den unten darauf zurückkommen« 



(^Dii FortsitMuni folgt.) 



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NS 55* Heidelberger 1822» 

Jahrbücher der Literatur. 

Ce^iziuch uher das gerichtliche Verfahren in CivSrecJästaehem. 

Jür üe Stadt und Reputlik Bern, Bern hei Roller, 48si4^ 
Gesetzbuch über das gerichtliche f^erfaAren in Civdrechtssachen 

f&r die Stadt und hepuhläi Bern mit erklärenden Anmer* 
hingen ifon Dr.S.X^.ScHNkLL, Bern hei ff^tdthard* 48si9* 

Jus fehlt nicht in sonst achtoo^i^fürdigeli Personen in'Deutsch** 
land) w^che uns im rollen Ernste za dem Glauben bereden 
möchten^ .dafs der Zustand der deutseben GericbtsTerfassupg und 
des ]>roce»u4(6cben VerCabrens nocb lange nicht so schlimm s«^« 
dafs daher aueh das Bedurfnifs eine^ neuen Procefsgesetzgebung 
noch nicht so nahe liege^ als die Schrtftstdler dies oft schildei^ 
ten. Manchen Juristen ist selbst die Erscheinung einer neuea 
Gesetzgebung ein wahrer Gräuel^ oder bewegt sie, wenn et 
gut geht) doch zu einem mitleidigen Lachein iiber das neue 
Experiment* Mag selbst or^ Sai^tgnjr in seiner bedeulungsvcdle« 
Schrift : vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung S. i3o. den 
Ungläubigen zurufen, daiji Ton ^eite der Form^des Processea 
manche deutsche Lander einer schnellen und grundlichen Hülfe 
bedurften, dafs Anarchie der Advocaten^^tofsbrauch der Fristen 
und ibrer Verlängerungen, Verfidfaltigung der Instanzen und 
Torcnglich der Actenversendung die allgemeinsten Gebrechen 
sejen, welchen allerdings durch Gesetzgebung abgeholfen wer- 
den müsse, sein wohlgegründeter Zuruf hat tauben Ohren ge* 
E rodigt« Manche dieser Feinde neuerer Gesetzgebungen glau«» 
Ol, dais das Heiligthum ihrer Wissenschaft, welche sie reichlich 
^^itCootroTersen versorgt, und die dem juristischen Scharfsinne hin- 
reichenden Spielraum zur Uebung giebt, durch die neue Ge-* 
ietigd>ung bedroht sej, dafs dadurch ihr Wissen entbehrlich, 
und das mühsam Erlernte vergeblich und unaawendbar werde}. 
Andere hören in der glücklichen Idealenwelt, in welcher .sie 
leben, ^^Xeugaits der Erfahrung nicht, sie wissen nichts voix 
dem traurigen Zustande, in welchem in vielen Landern des ge- 
meinen Rechts sich die Praiis befindet, sie wissen nicht, dafs in 
manchen Landern noch in dem nämlichen Processe achtmal Re- 
stitution nachgesucht werden kann, dafs der Advocat des Be^ 
klagten gdr keine Schwierigkeit hat, den. Kläger 3 Jahrelang 
liernzuauicfaeni bis endUph eine sogenannte Litiscontestation er-;- 



5$ 



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üQß Bamisches Gesetzb. üb. d. Vo^f« in Gvil S. 

(blgty dals blols über die Frage: ob derKliger Gnition w^en 
der "WiderUage zo Idisten habe, die Acten auf 3 UniTersitatcift 
gesendet werden kennen vu A. Mochten für solche Ungläubige 
die besonders in Ansehung der Folgen der Unkenntnlis der ein* 
heimischen flechte gewichtigen Worte Kört's in einer neuen 
Schrift: Ueber die NoUiwendi^eit sich in den einbeimiscfaett 
Rechten auszubilden etc. nicht verloren gehen!— Um ab» ge» 
, recht zu styn^ darf auch nicht unangeföhrt bleiben» dafs Mandie 
der Gegner neuerer Gesetzgebungen nicht ohne Grund eine 
warnende Stimme h5ren lassen ; ihre Warnung gilt nicht einer 
neuen Geset^ebung überhaupt, sondern der Axt, wie die neuen 
Gesetze häufig gemacht werden , und, sie tadeln mit Recht jene 
Sitte y aus den verschiedenen neuen Gesetzgebungen ein Paar 
Bestinunungen herauszunehmen , ein blendendes Institut, das die 
Mode rühmt, in die einheimische Gesetzgebunff überzutragen^ 
und aus verschiedeneh Gesetzbüchern Bestandteile zu einem 
bunten Ganzen zusannneozutxi^[en. Der Verf. dieser Anzeige 
bat sich selbst gegen dies Beginnen nachdrücklich in seiner Sohrift: 
Der gemebe deutsche bürgerliche Procefs in Vergldclrang mk 
dem preuss. und franz. Verlahren S. 4t* erklart, und wohl zu 
beachtende Worte hat in neuester Zeit der hocherfahme Puehta 
in seinen Beiträgen zur Gesetzgebung und Praxis Nro. L dar- 
über gesprochen. Auch imProcesse wird, so lange der gemeine 
Procefs besteht, die wohlverstandene historisdie Behandlung die 
erfreulichsten Resultate geben, und nicht weniger wird der Ge-» 
aetzgeber eine reiche Ausbeute und eine treffliehe Grundlage 
für seine Arbeit durcn eb gründliches Studium der Geschichte 
(gewinnen. Viel Treffliches hat darüber in neuerer Zeit Bethmann- 
HoUweg in der Vorrede zu seinem Grundrisse über den bür- 
gerlichen Procefs gesagt, Torz. S. X^— ^XXII. -^ 'Es ist «war 
allerdings schon viel gewonnen, wenn eine Gesetzgebung, wie 
vor wenig Wochen die hann^^verische mit Glück diesen Versuch 
gemacht hat, die wichtigsten Rechtsfragen, deren Entscheidung 
sehr controvers ist, und daher unvermeidlich Processe veran- 
lafst, gesetzlich klar und bestimmt enUfcheidet, und damit eine 
Reihe von Processen im Keime erstickt; für das Civilrecht muCs 
diese Methode aus wichtigen Gründen so lange empfohlen wer- 
den, bis ein Gesetzgeber unter günstigen Umstanden mit einer 
erschüpfenden vollständigen Gesetzgd>ung hefrortreten kann; 
für den Proceb aber mdchte diese Methode schwerlich aui- 
reichend kejn, weil die Grundlage des Processes, die Geridits- 
▼erfassung nothwendig einer Reform bedarf, und jeder SdUritt 
in unserem gemeinen deutschen Processe wegen der Schwierig- 
keit, aus den drei Quellen ein Ganzes zu machen, und Vegen der 
sdiwMkenden Natur des Gci i U ils ge b ta n dis, te centrovers ge- 



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und Schnelles Anm. 867 

worden ist, dafs das ganze GebSudc des gemeinen Pvocetttt er^ 
schittert ist, und durch das Entscheiden von ein "Ppat Conlro» 
yenettj durch das Einschieben tou ein Paar neuen Stetoea in 
das stark ifirankende j in seinen Grundfesten marsche Gebäude 
wenig geholfen werden kann, *— Unter sokhen UflnlandcD isc 
jede neue Procefsgesetzgebung eine erfreuliche £rsc)ieinung, und 
jeder Beitrag dieser Art gehört ganz Deutschland aa^ jeder Iri^ 
thum der darin consequent durchzufuhren Tersuck t^ wird ein 
Wamungszeichen ftir andere Gesetzgeber , jeder richtige origi^ 
Helle Versuch, einen Streit abzuschneiden, erleichtert Anderes 
den W^ zum Ziele der Wahrheit, und das Zusanusentreffen 
gleicher Ansichten verschiedener Gesetzgebungen wird eine Bfirg^ 
Schaft fär die Wahrheit der Ansicht« Nicht bloüi dem mit Ge« 
setzgehungsarbeiten Beschäftigten wird eine neue Gesetzgebung 
wichtig, auch für den gelehrten Juristen hat das Studium itotter 
Gesetzgebungen unverkennbaren Werth, weil er durch sie auf 
manche Lücke seines Wissens aufmerksam gemacht wird^ iiSr 
manche seiner Ansichten einen Prüfstein der Wahrheit, und me 
wichtige Autorität erhält^ und die Wissenschaft, welche er b»> 
treibt, nicht blofs in ihrer Gestaltung durch das Licht der Stu^ 
dierstobe, sondern in ihren lebendigen Fortschritten und in ihrer 
Anwendung erkennen lernt. Rec hat sich die Aufgabe gemach^ 
in unseren Jahrbüchern jede neue Gesetzgebung bald zur Kennt- 
nifs des Pubücums zu bringen; die neue Civilgesetzgebung für 
das Waatland, die neue Nassauische Procefsordnung, das Pr<^ 
cefsgesetzbuch für Geneve, die Procefsordnung für den Cantoa 
Tes&i, die neue Civil- und Crtminalgesetze für St. Gallen, und daa 
neue Civilprocefsgesetzbuch für Bern bieten hinreichenden Stoff 
für diese Anzeigen dar. Rec. wählt für diesmal das bemisch« 
Proceisgesetzbuch, theils .weil es durch Volbtändigkeit, Origi*- 
nalität und Consequenz sich auszeichnet, theils weil ein von den 
Bearbeiter des Gesetzbuchs gelieferter Commentar uns in den 
Stand setzt, mit dem Geiste des Gesetzes vertraut zu werden* 

Es kann nicht die Absicht sejn, bei der Beurtheiluog die» 
scr Procefsordnung den Maasstab anzulegen, ob das bernisdit 
Gesetzbuch für jeden deutschen Staat passen würde, odet 
ob M den Forderungen des Ideais einer Procefsordnung, 
das Jeder sich selbst bildet , entspricht Wie jede GiN 
ictsgebung nicht als Product reiner Forderungen dea Rechts 
cndheint, vielmehr aus den besondeien Verhältnissen des Slaat% 
iar welchen das Gesetz bestimmt ist, hervorgeht, und daher üä 
Trefflichkeit eines Gesetzes auch nach diesen besonderen Ver« 
hältnisaen geprüft werden mufs, so nt dies auch bei der Pro« 
etGMrdntittg der Fall, und die Lebensverhäkniise der Bewohner, 
die Weise ikrei ZusamnMnwolinens Im Städteii oder 



55* 

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868 Bernlsches Gesctzb. ab. d. Verf. in Civil S. 

Ddrfeni) oder xertlreut in Gebirgen , der ReicbdiQm oder g^ 
rifigerer Wohbtandi die Streitsucht oder der friedliche Character 
der Bewohner ) da» Vorhandensejn ausgebildder HandekTerhalt- 
misei oder Nahrung durch Ackerbau , gewahren ciofluisreicho 
Rücksichten für den Procefsgesetzgeber« Was v* Feuerbach in 
seiner Schrift: Themis S« i36, in der Note sagt, wenn er den 
^hriftsteller und d^n > Staatsmann nebeneinander stellt : » der 
Schrifuteiler lehrt, der Staatsmann handelt; jener sagt, was ge* 
schehen soll, dieser nrnfs sich mit Bescheidenheit fragen, was 
denn auch geschehen . ionn ^ jener macht seine Auf|g^en sich 
selbst , und löst . sie ungestört am Schreibtische mit göttlicher 
Freiheit^ diesem "mird seine Aufgabe, stehe er auch noch so 
hoch, ^meistens von Aussen gegeben, und das Aeussere schlägt 
seine göttliche Freiheit in menschliche Schrankenc pafirt auf jeden 
Gesetzgeber, und mufsTon demjenigen, welcher eine Gesetz- 
i;ebung beurtheilen will, wohl berücksichtigt werden.-— Das 
vorliegende Gesetzbuch, dessen Entwurf schon «819 in einem 
Auszüge Ton dem Rec in dem Archive für civilistische Praxis - 
III. Band Nr. XIX. bekannt gemacht wurde, ist das Werk einer 
seit 1817 thätigen Commission, welche aus dem Präsidenten 
Tscharnetj und den Mitgliedern von ff^aUenwjlß Steh, den 
Obersten Kachj Fischer und dem Professor Schnell bestand. 
Der eigeotliche Bearbeiter war der letztere, dem literarischen 
'Yublicum , durch sein Civilrecht und durch das Handbuch des 
Bemischen Civilproccsses vortheiihaft bekannt. Nach m^eren ^ 
BerathuDgen erhielt der Entwurf, nachdem zuvor einige nicht 
tief eingreifende Abänderungen gemacht waren, am a6sten März ' 
i8si . Geselzkraft Die Procefsordnung besteht aus 345 Satzqn- 
'gen, und einem allgemeinen und einem besonderen Theile; der 
erste enthält 4 Titel 1) ron den Gerichten, dem Gerichtssunde, 
den Pflichten und Rechten der Gerichtspersonen« a) Von den 
Partheien. 3) Allgemeine Bestimmungen des gerichtlichen Ver- 
fahrens. 4) Form der gerichtlichen Handlungen. — Der zweite 
enthält 9 TiteL i ) Von dem Versuche zur Aussöhnung, und 
der Eröffnung der Verhandlung. 2) Von der Klage, den Voiu 
kehiiingen des Beklagten auf dieselbe, und der Replik und Duplikl 
3) Von dem Beweise (enthält wieder 5 Abschnitte, a) Von 
dem Beweise überhaupt, bj Von dem Beweise durch Augen* 
schein und Sachverständige, cj Von dem Beweise durch Ur- 
kunden, dj Von dem Beweise durch Zeugen» ej Durch Eid der 
Partheien). 4) Von dem ' Verfahren nach der Beweisführung 
und (*^m Urtheile. 5) Von dem summarischen Proc^sse. 6) Von 
den provisorischen Verfügungen. 7) Von den Rechtsmitteln. 
8) Von den Beschwerden gegen den Richter. 9) Von der Voll- 
zicbiuig.4e5 Unheils.*^ Wenn es wahr ist, daCi man, um die 



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' und ScEiiell's Anm. 8C() 

Giite und Zweckmässigkeit cSner Procefsordming zn beurtkeilen^ 
Y«rerst darauf sebeo mü9$e , was die Gesetzgebung fiur die 
liekrtabl der Fälle, für die geringfügigen, vorgeschrieben habe, 
so sieht Reo. vorerst anf die Bestimmungen des Gesetztes in An« 
sthung der summarischen Processe (Tit.V<).,Es verdiente über- 
haupt eine Untersuchung (s. auch Beüot exposi des motifs Jb 
la loi sur la procedure civüe poiir le Cantcn dg Gaut^e p*46*}^ 
, ob die gewohnliche Bdiandlung der Rechtssachen im Gesetzbuche 
zweckmässig ist, nad> welcher das Verfahren fttr die verwickelten 
und minder einfachen Rechtssachen daa ordentliche, amd das 
for die einfachen Gegenstände angeordnete das summariscbt 
oder ausserordentliche genannt wird. Sollt'e nicht eine urnge^ 
kehrte Darstellung in sofeme sich empfehlen, dafs der Gesetz^ 
gdier bei den einfachen Sachen anfinge, das Verfduren für sie als 
das ordentliche bestimmte , dann erst zu dem zusammengesetzten 
verwickelten aufitiege und das Verfahren für die schwierigeren 
Sachen als das ausnamsweise anzuordnende ydarsteUte. 

Wenden wir uns nun an das Bembche Gesetz, so. kann 
man folgende Stufenfolge aus der Procefsovdnung ableiten: i)In 
Sachen , wo der Streitgegenstand die Summe von 5o Franken 
nicht fibersteigt, werden die Vortrage nicht zu Protocoll ge*» 
noramen^ der Richter hebt die -von der einen oder anderen Par<^ 
thei zu bescheinigenden «Thatsachen ans^ fordert die Parthei^ 
welche es betrifft, auf, dieselben zu bescheinigen, und spricht 
wo möglich gleich bei dem ersten Termin das endliche Urtbeil» 
das Ausbleiben des Klägers wird jedesmal als Verzicht auf seine 
Anforderung und dasjenige des Beklagten auf die gehörige Vor* 
ladung als Anerkennung des Rechts diti Klägers ausgelegt; iti 
der Aasfertigung des Unheils . werden blofs die Schlüsse der 
Partheiea und die ' Entscheidung angegeben (§. 297.). Alle 
Sachen , welche voiT dem Amtsgericht endlich (also ohne AppeK* 
lation) zu beurtheilen sind, nämlich alle Sachsen wo der Streit» 
gegenstapd den Werth von aoo Franken nicht übersteigt (§<3o9«) 
werden summarisch verhandelt d. h. die Vorträge werden au 
Protocoll dictirt, und es sind nur i^tigige Fristen gestattet 
(§• 296. )• 3) Alle Sachen, die im wadisenden ^haden liegerti 
sollen, wenn eine oder die andere Parthei es veriaagt, summt- 
nsch verhandelt werden. 4) Alle präparatorischen und Zwi- 
sdiengesuche, und Sachen, bei welchen eine oder die andere 
Partliei das Armenrecht genieist, müssen von Amtswegen tum 
snmmar. Verfahren gewiesen ^werden (§. agd.). Sollten nicht 
besser die Yörschriu^n über diese sogenannten sammarischen 
Sachen an der Spitze des Gesetzbuchs stehen 7 Nac.h des Rec. 
Meinung bildet sich für das Verfahren in Rechtssachen folgende 
Stufenfolge: «)In der Regel soll jede geringfügige Sach^ (we- 



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Sjo Bemisches Gesctzb. üb« d. Verf. in Civil S. 

Im dlercUngs die Gesetzgebung auf guten Gründen nSen mde^ 
rea Iferkmalcn tuch auf die Grösse der eingeklagten SumAe 
Rudcsicht nehmen mag , mündlich bei Gericht yerhandelt werden, 
tyid «war dine schriftliche Vorverhand^ung und ohne Protocol*> 
KnuM; der Partheienrorträge ; nur dasUrtheil mit knraer Angab« 
des Kiagegrundesi Gegenstandes, Gesuchs, und der EinwendaKb- 
gen des Bekbgten soll in dem Getichtsbnche rerzeichnet werden« 
91 ) Züsamdiengesetzter wird schon das Verfahren, wenn di« 
SlreilBT«rhandiungen ron den Partbeien oder ihren Anwälden 
»dndliich bei Gericht angebracht, aber nach zweckmässiger Jn^ 
Mf'itetion fifioooMiTt werden. 3) Für andere Gegenstande, welche 
Mctiich TerwBckttter oder juristisch sehr eontrovers sind, pabt 
die mindliche Verhandlung der Partheien oder Anwäde tot 
Gefidit in der Andient durch Plaidoirieen, welchen jedoch «ine 
«chrlMiche Vonrerhaodluog Yoransgehen aufs. 4) Nur fnr die 
Verwickelten und besonders schwierigen Rechtsachen könnte 
das Gericht sogleich nacb dem ersten Anbringen der Sache bei 
dem Tribunal ein schriftliches Verfahren mit gewechselten Par- 
theiensobriften anordnen. Darnach bildete das schriftliche Ver- 
fcbrvn nicht die Regel, sondern wurde nur vermöge be^nderer 
Anordnung des Gerichts eintreten. In Ansehung der Einrich- 
tung des Verfahrens bei minder wichtigen und geringfügigen 
Recbtsskchcn Kefert die Weimarische Verordnung v. SistenMay 
4817 vide sehr interessante Gesichtspunkte. — Wenden wir uns 
wieder an das Bemische Gesetz, so ist sehr zu zweifeln, ob 
durch §. 196. iflein die Absicht des Gesetzgebers, Processe 
d>znkGrzen, wirUidi erreicht wird. Das Dictiren der Vortrage 
XU Protocoll nutzt, nach bekannter Erfahrung nichts, wenn nicht 
der Richter eine zweckmassige Instruction durch angemessene 
Fragen an die Partheien damit verbindelf, und hier wäre es 
ndthig gewesen, dem Richter eine umfassende Vorschrift über 
die Piichten und Grinzen seiher Instruction anzugeben. Auch 
mufs als Hauptmittel der Abkürzung der Processe die Verein- 
fcehung des Beweisverfahrens betrachtet werden; ungeme rer» 
Bkifstman die geeigneten Bestimmungen darüber im Gesetzbuche.— ■ 
Der Gang des ordentlichen Processus nach dem Bernischen Ge- 
setze ist nun der folgende: Jeder, der auf dem Wege des Redits 
eine Forderung; an einen Anderen machen will, mufs sich bei 
dem Richter for die Veranstaltung eines AussdhnungSTersuchs 
melden (§. iSi.V Bei demhiezu angesetzten Termine soll der 
Richter suchen aie Partheien zu vergleichen, oder ihnen eioen 
Mann TorMsUagen, nm unter dem Vorsitze desselben den Aut- 
söhnungtveriuch abzuhaken. Erscheint der Vorgeladene nicht, so 
zahk er 10 Franken Geldstrafe, und dem Vorlader wird der 
Weg Redtteaa eröffnet (§.135.)* Li dem lUagvortrage muCi 



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und S^chnell^s' Anm. Üji 

ia KlSger die Getcliidite «nShleo, alle Thatedi^ £Ur Lf^ü- 
waion anfuhren^ die GitlDde seines Anspruchi- auseinaDder seuee, 
eein Gesuch stellen, lüid die Beweismittel anföhreo. durch weldie 
er den KJagegrand beweisen will (§. i47« «43. > Die Schrift 
wird Tom Gerichte dem Beklagten mitgetheilt, und letzterer wird 
tarn ersten Termine rorgeladen (§. «490i ^^ welchem der Klä- 
ger die Uagsdirift mit den Urkunden vorlegt« oder die Klage 
-SU Protocoll dictirt. Der Beklagte legt das miteetheilte Dnplicat 
der Klageschrift Tor und erhält den Termin zur Antwort (§. iSa.)« 
Hat der BeUogte Zwischengesuche und dilatorische Einreden, to 
bringt er sie im ersten Terüine mfindlich an, worauf sumnuH 
risohei Ver&hren eintritt (§. iSi*)» Wenn die Klage ersessen 
^er ihr Gegenstand verjährt, oder rechtskraftig enuclue4en i^ 
oder dnrdi rechtsfSrmige Urkunde sich ei^iebt, dafs die streitige 
Sache auiF eine für die Partheien verpffiditende Weise beseitigt 
worden ist} so braudit sich der Bdüagte nicht einzulassen, son- 
dern es wird zuerst über das Vorbringen des Bdüagten ver- 
handdl (§• «56 — iSSX In allen andern Fällen mufs der B^ 
klagte deutlich jede Thatsache beantworten, und jede^ die er 
nicht för eingestanden gelten lassen wiH, ansdruddich ▼emei-' 
neu (§. i6o.). Urkunden, die zum Beweise der Einwendungen 
des Bddagten gehören, werden sogleich bei Gericht vorgelegt 
<§• «6i.). Hat der Beklagte, ohne Thatsachen geläugnet uvai 
Ezceptiouen angegeben zu haben, nur die rechtliche Ansicht des 
Kligers bestritten: so tritt der ActenscMufs ein; sonst hat sich 
der Klager über den von ihm lu leistenden Beweis der vei« 
neinten Thatsachen zu eridaren^ oder Replik beiznbrinaeh (§• 
i€3.). Wenn der Kläger Beplik einbringt, so reicht der Bo» 
klagte eibe Dtt(4ik ein (§.i65.)» Wenn Replik und Duplik zu 
den Acten gebracht sind, so müssen sich die Pardieien über den 
SU leistenden Beweis erklären (§• i66.). Erklärt sich cinePar- 
diei zum Beweise, so mub sie die Thatsachen, die sie zu be* 
• weisen gedenkt, bestimmt angdien, worauf der Richter den Be^ 
weisführungstermin festsetzt (§• «71.). Der eigentliche Gegen- 
bewcb ist verboten (§. ty^.)* Bei dem Beweisf&hrungstermin 
•oll der Beweisführer alle Beweismittel, die er ffebraudMu vvill^ 
auf einmal vorlegen (§, «78.)« .Die Einwendungen dagegen 
WB^asea unter Folge des Veriusts ders^en in dem namUchen 
Termine angebracht werden, wenn nicht etwa zur Prüfung der 
Urkunden oder der Eigenschaften der Zeugen, ein neuer Termin 
verlangt wird (§• 180.}. Bei dem Beweue durch Augenschein 
bliebt sich das Geriet^ mit denPartheiea an den Ort^. i9<0* 
Das Befinden beigezogener Sachverständigen wird den FartheieB 
mitgetheik, um binnen i4 Tagen dem Riefater Eriänterungsfeag— 
miuuthetlen, wdche dieser den Sachverstiud^eu zur Beaiitfror* 



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%j2 Bemisohes Gesetzb. ttb. d« Verl* in Civil S. 

tttog vorlegt, und . ikre Antworten den Pirtheien' wiedet mi^ 
Ibeik (§. 196.); Bet dem Urbindenbeweite wird, wemi der 
Beweis der Aechtliett nidht durch GestaodnUii, oder Zeuge» zv 
föhrea ist, Verglekcbong der Handsobrifileo angeordnet; erkenoen 
die Sachverständigen' die Uiiterschrifi för acht, so wird der fi«- 
weisftihrer vi deiot Eide gelassen, dab er die Urkunde oadi 
•einer besten Ueberxenguiig ftir acht halte) bes weifein sie die 
Aecbtheit, so wird dem Gegner des Beweisfuhrers gestatte^ eid- 
>lich zu beschwören, dals er die Urkunde naoh der besten Ue» 
berseugung für unäeht ansehe (§. ao6.). Wenn die Verglet- 
ckung der Schriften nicht Statt finden kann, so soll die Uiknäde 
'•k fidit angenommeur werden, sobald ihV Alter noch neben den^ 
.Batum durch andere attenfatis von Sachverständigen anaoeiiLett» 
iieade Merkmale zu k weisen ist; Jessen ungeachtet bleibt es 
dem Gegner des Beweisfährers unbenommen, die Aechthett der 
Urkunde anzugreifen und den Beweisffihrer zu dem Eide ajtfz«^ 
liaken, dals er die Udkunde nach seiner besten Uebereeugun^ 
für lid)t halle (§. 207.)» Jede Person,. die zeugniüsfähig ist una '^ 
Aber ihre dconomiscben oder Bemfsverhandlungien ein ordent^ 
üches Buch fährt, kann in Ermangdung anderer Beweismittel, 
Anforderungen die von Geld«* und Waarenliefemngen herrfih« 
ten, und zur 2^it ihrer rechtliehen Einklagung nicht langtr-th 
4 Jahre ausstehen, durch ihr Hausbuch beweisen, wenn sie sick 
ei'bietety die Richtigkeit des betreffenden Artikels zu beschwör 
•Ten (§« 209.). Alle Urlutndeu müssen in Urschrift vorgelegt 
-werden (^. 311.). Die Parlheten sind verpflichtet, sich gegen- 
seitig alle auf den'Beweis Rinflufs habende Urkunden zu ediren; 
ein dritter Inhaber ist zur Edition pflichtig, wenn, die Urkunde 
ein Reehtsverhältni£i enthalt, das den Anforderer selbst oder 
Personen betriflft, in deren Rechte er eingetreten ist^ oder wo 
der Dritte zur Ablegung eines Zeugnisses gezwungen werden 
kann} er kann sich von der Verpachtung befreien, wenn er 
schwört, da(s er die verbngte Urkunde nicht vorlegen könne^ . 
ohne sieb am seiner Ehre oder an seinem Vermdgen zu schaden 
(§. ai5.). Zwei föhige Zeugen machen vollen Beweis (§• 2ij.). 
Die Parthei, welche durch Zeugen beweisen will, mufs diese 
allzumal auf den Beweisföhrungstermin zur Abhörung vorladea 
(§. a3o.); 8 Tage zuvor mufs sie dem Gegner die Namen der 
Zeugen und die zu steUenden Fragen förmlioh bd^annt ^asachen ; 
3 Tage zuvor werden dem Zeugen die Beweissätze mitgetheilt 
(§. ^33.). Hat dem Gegner Einwendungen, gegen Zeugen, so 
mufs er sie bei Folge -des Verlusts zu Protocoll gieben^ ehe det 
Zeuge- abgehört worden (§. a4o.). Nach vorgelesenen Zeugen-« 
etd treten alle Personen^ die nicht von Amiswegeu' dem Verhöre 
beizuwohnen haben, ab, der Richter hört joden Zeugen einzeln 



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und 'Schnelles Anta, . £73 

CftMT Fragen und Gegenfragen ab , texanlafat ibn dorck' eigene 
Fragen von Amtswegen, die Lucken in den Antworten* auszn« ' 
^ fällen y und die Widersprüciie zu Ißsen (§. a4^.). Sobald alle 
Zeugen abgehört sind, iäfst der Richter die Partheien wieder 
eintreten, eröffnet ilmeu dks Abhönuigfkprotoool]^ bestinunt ihnen 
einen Termin, um den Zeugen ErUuternng^fragen vorlegen zu 
lasten, oder sich zu erklären, ob sie die Zeugen zur eidlichen 
Bestärkung anhalten wollen ( §• 25o»). Jede Parrthei kann £r- 
iauterungsfragen vorlegen, die dem Gegner 8 Tage vor dem 
Verhör mitgetheilt werden müssen (§. a5 1*). Verlangt eine Par* 
tfaei, da£s ein Zeuge eidlich seine Aussage beschwöre^ so erlaCit 
der Kkhter an den Pfarrer einen Befehl, die Wichtigkeit des 
£ides dem Zeugen zu erklären und iira yorzubereiten (§.^5s.); 
In dem SchwÖrungstermin etttcheinfc die Partheij der Richter 
lafst die Zeugenaussagen vorlesen, und die Zeugen, wenn sie 
•ich hiezu bereit .erklären, und nicht in wesentlichen Punkten die 
Aassage abändeifn , schwören (§. ^56 ^-^ 8«). Jeder Beweisföhrer 
kann auch über Jede streitige Thatsache, welche die bürgerliche 
£bre seines Gegners nicht berührt, deaoselben den Eid zuschie* 
Jbeo und dies mit Vorlegung der Eidesformel im Beweisführung»* 
termin thun (§.275.). Der Celat kann das Gewissen mitBeweb 
vertreten , und übern impcit idadurdh . die Last des Beweises so, 
^dafs, wenn er den Beweis nicht vollständig, leistet, der von dem 
'Gegner aufgestellte Beweisssitz als .rechtlich wahr angenommen 
nf erden soU (§.276.). Der Erfüllungs** und Reiniffungseid kön-* 
»cn geleistet werden, Wo das' Gesetz ^e gestattet (§.a8«.). Nach 
Jbeendigter Beweisfüiiruog bestinunt. der Ricl^er den Partheien 
«inen Termin zürn Actenbesohlusse und macht ihnen den Termin 
bekiftnt, bei welchem das Geschäft dem Amtsgerichte ^nr Be» 
urthetlnng vorgelegt werden, i soll (§^286.). Bleibt eine Parthei 
in dem Termine aus, so wird sie öfl^ntlich «ufgemfen, und die 
Gegenwlrtige kann antragen, zum einseitigen Vortrage des Ge« 
scbäfts gelassen zu werden (S-^Sj.). Erscheinen beide Partheien 
bei dem zur Benrtheilung angesetzten Termine vor dem Amts- 

2 «richte, so hat jede denelben das Recht, ihre Seche dieser Beh- 
örde nach Anleitung der Acten mündlich in öffentlicher Sitzung 
vorzutragen oder durch einen Auwald vocttugen zu bssen (§. ag«*)* 
Nachdem die Pairtheienvorträge vollendet und die Partheien und 
dtt Zuhörer aus der SiUung- abgetreten sind, erstattet ein Ge- 
ridtsbeisitzer den Vortrag an das Gericht, > und /hebt die Vdr- 
fragen aus ; der Riohter hälfe dann Umfrage, und spricht, nach* 
dem die Partheien und Zuhörer wieder eingetreten sind, öffent-t 
lieh das Urteil aus (^.taS.aga.). Alle Gerichte müssen in ih- 
ren Urtheüen dH wesentlichen Umstände des Factums anfuhren, 
die Streitbage deutlich bestimmen und die Gründe der Entsckei* 



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874 Beraischtis 0«setzb. üb, d. Verf. in GtU S. 

dioiigiiiil Hinweismig mit di^ belreffcDden Gesetze «inßbffirdi 
«ogäen {§. 133.). 

.Ehe wir das Detail der Bestimmungen and das weitere 
Verfahren betrachten, sej es erlaubt, bei den Fundamenlalsätzeu 
des neuen Gesetzbuchs näher zu verweilen. 1. Das Gesetz kennt 
PuhUcität des f^erfahrens in soferne b\s die Partbeien nach den 
Schrif^Uchea Verhandlungen in d£Pentlidier Sitzung miindlic^e 
Vortrage an das Gericht halten können, und als öffentlich das 
Urtheü ausgesprochen wird; gewifs ist durch diese Vorschriften 
schon viel gewonnen ^ auch erklärt sich der Umstand, dafs die 
Oeffentiichkeit erst so spat im Processe vorkömmt, daraus, dab 
das ganze Verehren bis zum Actenschtusse schriftlich ist; aUeia 
map mufs es bddagen, dafs wahrscheinlich Grunde, welche dem 
Reo. nicht niher bd^annt sind, die Gesetzgeber hinderten, die 
Oeffentiichkeit noch conse^enter durchzufuhren; insbesondere 
kasn es nur nachtheilig wirken , AsSß ä,) die Zeugen nicht in 
4er öfiaulftchen Sitzung von dem versammelten Gerichte; h) nicht 
in Gegenwart der Partheien vernommen werden ; dafs e) die 
Ptaurtheien nadi geendigten Vorträgen ihrer AnwSlde abtretea 
■anssen^ wnd itf<ät, wie in Frankreich, bei dem Vortrage des 
Erfsrepten gegenwirtig sey« dürfen. Rea gesteht, dafs, wenn 
fdr andk jede andre Art der Publicitat leiditer* v^mifst, er doch 
die dreifadw Oeffentlicbkeit der Zeugenvernehmung nicht auf- 
feben kann, weil alle Versuche der Gesetzi^ebungen, vollständige 
ZeugeDremehmungsprotocolle zu gewinnen, doch unzureichend 
sbuL Zwar bemerkt der Bearbeiter und Kedacteur des Gesetzes 
in dem Commentar S. ^4*i dafs die Vernehmung der Zeugen 
in Abwesenheit der Partheien deswegen angeordnet worden sey, 
«m sie bei Ablegung ihres Zeugnisses in eine gemöchlichere un- 
be&ngenene Stimmung zu versetzen, und er bemerkt, dafs in 
B«rnt, wo nach dem neuen Gesötze die Zeugen erst nachdem 
sie ihre Aussagen zn den Acten gegeben, und nur auf ^ea An* 
trag der einen oder anderen Paräei zum Eide angehalten wer- 
den, und die Bestätigung des ^Zeugnisses, so vie die Ablegung 
des Eides tn Gegenwart der Partheien und mit der gröuten 
Oeffentiichkeit vor sich gelit, das Bedenken gegen die geheime 
Zeugenabhörung völlig W^alle« Allein, so viel Treffliches das 
Vertahren auch nach den Bemischen Gesistzen in mancher Hin* 
sieht hat, se glaubt Rec- doch, dais die von ihm im Archive für civilt» 
slische Praxis V. Band & 196 — io5« gegen die Entfernung der 
Fsotheien vorgebrachten Gründe durch das Bemische Gesetz 
Btcht wideriegt nnd, indem cfaeils in Bezug auf das entscheidende 
Gerillt, das nur den ProtöcoUen trauen mufs, gar keine Publi« 
oitit da ist, ^eils in Ansehung der PaHheien £ese die Zengen 
selbst in ihren lebendigen Auslbigcn nicht ßcsehcA und gtürt 



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und SchnelFs Anm* 875 

Ueiiy sondern nur die Vorlesung der frifilieren Aottagen Mren^ 
wd dadurch eben so sehr das Recht, siir Vervollständigung der 
Aussagen geeignete Fragen zu stellen, vcrKeren, ab sie ausser 
SUnd gesetzt sind, die aus der Art der VemehmuDg, und aus 
dem ganzen nicht durch Protocolle treu festzuhakenden Beneh- 
men der Zeugen bei dem Verhör abzuleitenden Einwendungen 
zu machen. 

IL Das Verfahren des ordentlichen Processes ist gemischt, 
dieüs schriftlich, theils mundlich; das letztere tritt bei dem 
Schlufsiror trage der Partheieu in der Audienz des Gerichts 
ein, und hat den Zweck, die in den vorigen Schriflren angege- 
benen Beobachtungen und Grönde vollständiger auszuführen, und 
in ibrem Zusammenhange darzustellen; die Schriften sind dage^ 
gen wahre Partheienschriften im deutschen Sinne. Wohl verlangt 
auch KeCj dafs bei allen verwickelten Sachen ein schriftliches 
Vorverfahren* den mündlichen Verhandlungen vorausgehe, weil 
es sonst den letzteren an einer Grundlage fehlt; allein es scheint 
doch bedenklich in dieser Ausdehnung, wie es das Bemische 
Gesetz gethan hat, das schriftliche Verfahren anzunehmen; denn 
es liegt nach dem Bernischen Gesetze ein fiSmilvcher Schriften- 
vechsel i¥ie im deutschen Processe zum GruiNie, utnI hiezu 
'kömmt noch das mündliche Verfahren. In einigen sehr ver- 
wickelten Fällen mag allerdings diese zweifelte ErS>iHerung sc^r 
wohlthätig für die Aufklarung der Wahrheit willen, ftdlein liur 
die Mehrzahl der Filie ist das Verfahren zu weitlSuf^g, ttnd 
die mündliche Verhandlung wird gewöhnlich nur das tn den 
Schriften schon Vorgetragene wiederholen. Auf jeden Palt hitte 
es einer Vorschrift beduH^ wie weit die Schrif^n auch Rechts- 
deductionen enthalten können; da nach Satz t^y der KJfiger die 
Grunde (offenbar Rechtsgrnnde) auseinander setzen soll, so kann 
dem Beklagten nicht verwehrt werden, diesQ^ Grönde in seiner 
Antwortschrift zu widerlegen, und es ist dann nicht gut einzu- 
sehen , was in der Schlulsverhandlung vorzutragen ist. Um aber 
gerecht zu sejn , mufs sogleich auch bemerkt werden , dafs we- 
nigstens in Ansehung einiger im deutschen Processe vorkommen- 
den Schriften der Bernische Procefs eine bedeutende Abkürzung 
enthält, nfimlich in Bezug auf die BeweisfShrungssehriJf^en (Sal- 
vatioDS- und Inpugnationsschrifi )• Das Berniscbe Gesetzbuch 
kennt diene Schriften ntdit, und ihr Inhalt gehört in die Schliifs- 
iteifaandlung; in welcher gewifs auch am besten jede Parthei 
das Gewicht und die Relevanz ihrer geführten Beweise ausein- 
ander setzen und die Beweise des Gegners widerlegen kann. 

HL Das Yerüshven nach dem Bernischen Gesetze ist ganz 
das des VerhandUtngsprmc^s, . welohes freiKch dem schr^lidien 
Processe am meisten anpafst* Auch mtijb es wohl aneikawit 



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876 Bernisches Gesetzb. üb. d. Verf. in Civil S. 

werden-, dab daf Gesetz deii Ricliter nicht zur Maschine ^4er 
Partheien machen wollte; der Art 167. setzt voraus^ dafs der 
Richter immer ß^ Partheien Anweisungen über die Fortsetzung 
des Verfahrens f^en werde, und Art. a4^* beweiset durch die 
Vorschrift^ dafs der Richter an die Zeu(|[en bei ihrer Verneh- 
mung von Amtswegen Fragen stellen , alle Widersprüche zu 15- 
sen suchen müsse, dais das Gesetz auf eine weise Thatigkeit 
der Richter., so weit sie zur Beseitigung der Hindernisse der 
Aufhellung der Wahrheit nothwendig ist, gerechnet habe. Allein 
Recens., der das Verhandlungsprincip in seiner Ausübung durch 
die Richter .der yerschiedenen deutschen Staaten täglich aus 
Acten zu. beobachten Gelegenheit hat, befürchtet nicht ohn« 
Grund, dafs die Einschränkung der richterlichen Thatigkei^ wie 
sie im Eerpischen Gesetze sich findet, manche Nachtheiie erzeu- 
gen werde* Ueberläfst das Gesetz nur den Parxheien,, was, wie- 
Yiel und wie sie alles Yorbringen können, haben die Richter 
nieht die Pflidit,. nach jeder ErkläniiM; einer Parthei durch ge- 
eignete Fragen die gewöhnlich absichtliche Dunkelheit des Vor- 
trags aufzuhellen, und auf bestimmte Antworten auf jode That- 
sachen betreffiende Frage zu dringen, so fehlt es immer dem Ger 
richte an)ii.S<?hlusse an rollstäudigen Acten, und der Streitpunkt 
ist nicht vollständig hergestellt. Es ist dies um* so bedenklicher, 
^s .das 9m^i^t Gesetz auch den Partheieu kein Mittel gieb^ 
durch wech^ekeitig an einander zu stellende Fragen (die römi- 
schen interrogationes , oder das: französische interrogatoire sur 
faks et articles ) den Streitpunkt au&ufaellen. -* Besser, als ir* 
gcnd ei^^ andere auf das Verhandlungsprincip gabaute Procefs- 
Ordnung, h^tte das Bemische Gesetz .zur Anwendung, des rich- 
terlichen .Fragerechts (w^ch^s^ wie der jüngste R. A. S-;^4t« 
^elgt, gat Qicht dem Verhandlungsprincip widerspricht) durch 
die am £n()e de» schriftlichen Verfahrens eintretende öffentlicho 
mündliche Verhandlung Gelegenheit gehabt. Die Autorität des 
römischen, c^nonischen und Reichsprocesses sprechen für dA 
' Zweckoaässigkeit der Anwendung solcher Mittel. 

rV^ In Bezug auf das Beweiwerfahren ist das Bemische Ge- 
setz eigenthomlich ; während der deutsche Procefs ein förmliches 
Interlokut kennt, verlangt der Satz 168% nur, dafs alle auf die 
Entscheidung eines Rechtsstreits einwirkende Thatsachen, welche 
Ton der einen Parthei angebracht und von der andern reraeint 
worden sind, vollständig bewiesen werden müssen; nach Satz 
47 a. bat in dem zur Beweisführung angesetzten Termine der 
lUäger die Thatsachen, die er lu beweisen gedeidct, (Beveis- 
sätzc) bestimmt anzugeben, worauf ein Beweisfiihrungstermin 
vom Richter gesetzt wird; auf Reiche Art vrählt sich nach Satz 
473* der Beklagte seine fieweissätze, aber nach SaU 174« kann 



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und Schnell'^ Anin. 877 

jler Gegner des Beweisfiihrei^ sicli einer BeWeisfüIiniiig übte 
Hatsaclien -widerselzeD, die in keiner Hinsicht auf die Enischei* 
dni^ des Rechtsstreits einwiilLen können«. Die Anmerkungen 
&ai8. suchen dies Verfahren, zu rechtfertigen, und es läfst sich 
nicht klugiien, dafs- dafür auch die Autorität des Preussischea 
and Wortcmbergischen Gesetzes , nach welchem keine Beweis^ 

Interlokute vorkonunen, angeführt werden kann; auch entscheid 
det ^e Rücksicht des Zeitersparens, und die unangenehme Lage 
wird für deu Richter vermieden, welcher bei dem Befinitivur^ 
zheile oft zu seinem Schrecken crrkcnnt, dafs das Von ihm im • 
Interlokute aufgelegte Beweisthema völlig irrdevant war; allein 
mras die AutoritSt des preuss* und würtembergischen Verfahrens 
betrifft, so darf nicht übersehen werden, dafs in einem münd* 
liehen Verfahren, da^ durch gewissenhafte und zweckmässige 
Fragen und Instruction des Richters gffleitet, wo noch am Schlüsse 
ein slaius causcLe et controi^ersiae regulirt wird, die Festsetzung 
dpr zum Beweise nothwendigen Thatsaehen sich freilich leicht 
macht, und ein Interlokut ' eher entbehrt werden kann, weil oh« 
nehin das Beweisverfahren nicht so strenge von dem Schriften* 

^ Wechsel gesondert ist, und der Instruent bei dem Status causae 
sehr zweckmässig mit den Partheien alle Thatsachen durchgeht^ 
und alles Streitige von dem Unstreitigen sondert. Schwerlich 
mdchte aber bei dem schriftlichen Verfahren das Verhältnifs das 
nämliche sejn. Betraphte man einmal die Wirkungen des soge- 
nannten ancicipittei]^ Beweises in der Praxis, frage man die Prae» 
tiker, wie viele unerhebliche Thatsachen zum Beweise übernom- 
men werden, wie unvollständig häufig das gewählte Beweisthema 
ist, in welcher Verlegenheit am Ende der entscheidende Richtec 
ist, und man hat wohl Grund zu beiürditeu, dafs der Bernische 
Kichter nicht selten in ähnliche Verlegenheit kommen wird; was 
soll geschehen, wenn am Ende das Gericht oder das Appella- 
tionsgericht findet, dafs ein völlig unerheblicher Beweis geführt 
-worden ist; will das Gericht davon abgehen, und die Irrelevanz 
anerkennen, so kann es gerechter Weise nicht die Parthei, welche 
im besten Glauben an die Relevanz ihren Beweis führte, wegen 
mangelnder Beweisführung abweisen, weil die Parthei mit Recht 
anwenden würde, dafs das Gerichte schon früher den Beweis 
hatte als irrelevant anerkennen, und nicht den Beweis krankhaft 
fortschleppen lassen sollen; will das Gericht gerecht sejn, so 
Bufs es der Parthei anzeigen, welche Thatsachen bewiesen wer- 
den sollen, und so müfste consequent der Procefs nach der 
fruchtlosen Beweisführung eist in jene Lage kommen, in wel- 
dier er, wenn interloquirt worden wäre^ s^hon vor Monaten 
hatte sejn könnem Wären alle Beweisführungen einfach, sd 
Kesse sididie Beroische Bestimmung -wohl durchfuhr cd; idlein 



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87^ Bernisches Gesctzb. Ob. d. Verf. in Civil S. 

wenn man erwagt , wie schwierig es oft wird, zu besiimmeif, 
was xa den Behauptungen des Klagers, was tu den Einreden, 
oder zur negativen Litiscontestatiom gehört, wie oft Stundenlange 
in Gerichtshöfen über die Frage der Bewcisiast, und das rich- 
tig zu stellende Beweisthema herumgestritten wird, so möchte 
es doch wohl bedenklich sejn^ den Partheien aufzutragen^ dafa 
sie steh ihre Beweissätze selbst suchen sollten; irren auch die 
Partheien darin, so kann ihnen dieser Irrthum nicht zugerechnet 
werden, weil derselbe die zur richterlichen Reflexion gehörirea 
Kechtspunkte betriflft Das Gesetz giebt dem Gegner des Bt* 
Weisführers, noch das Recht sich einer irrelevanten Beweisfuhrutjg 
zu widersetzen; geschieht dies, so wird der Beveisfuhrer die 
Relevanz zu vertheidigen suchen, es wird ein Streit entstehen, 
und das Gericht kann sich d^ Pflicht nicht entziehen, diesen 
Streit zu entscheiden; thut es aber dies, so mufs es zu^eicli 
eine Art von Interlokut fallen. Es wäre sehr wunschenswerth 
gewesen, wenn das Gesetz vollständiger über diese Zweifel eiu« 
schieden hatte. Die ßeweisführung selbst ist aber zweckmässig 
im Gesetze regulirt; das Verfahren ist kurz, und auf Herstellung 
der Wahrheit berechnet. Nur bei dem Zeugeiibeweisv^rfahren 
können manche Bedenklichkeiten nicht unterdrückt werden. Will 
mau auch von dem nach Rec. Meinung. wesentlichen Erfordernifs 
der öfientlichen Vernehmung der Zeigen iti der Audienz in Ge- 
genwart der Partheien abgehen, so fragt man doch mit Recht, 
warum als Regel das Verfahren in einer Trennung von zwei 
Terminen besteht, wovon im ersten der Zeuge nur unbeeidigt 
vernommen, und im späteren auf Vef'iangen der Partlieien beei- 
digt und noch einmal über Brläuterungsfragen verhört wird; 
wohl weifs' Rec. dafs dem Gesetzgeber dabei die wohhhätige 
Absicht vorschwebte, mit den Eiden sparsam umzugehen, und 
eben dadurch ihre Heiligkeit noch mehr zu befestigen; aliein 
dies hätte auch dadurch geschehen können, dafs jeder Zeuge in 
{Gegenwart der Partheien vorerst unbeeidigt vernommen worden 
wäre und dafs dann erst am Schlüsse! der Vernehmung die Par- 
theien erklärt hätten, ob der Zeuge beeidigt werden soll, oder 
nicht. Es ist nicht einzusehen, war,um den Partheien (SatzaSi.)« 
erst, nach der Vernehmung ein neuer Termin gegeben wird, 
Brläuterungsfragen zu stellen; hätte man .die Partheien bei der 
Vernehmung gegenwärtig sejn lassen, so hätte man sehr gut dies 
evsparen können. Am wenigsten ist ein Grund dafür einzuse- 
hen, warum Satz 233. vorschreibt, dafs der Gegner des Beweis-* 
fübrersy wenn er dem Zeugen Gegenfragen vorlagen ff 111, die 
Fragen zuvor dem Bewebführer mittheilen soll. Geht man da- 
von aus, dafs diese Gegenfragen doch nur das sind, was im 
immchem Prooess« doieh die Fngstfldie }>ewbfct werden seil. 



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und Sc)infstl-3 Annt 879 

fSiAf^ nuiB^ dab die Fragstfick« mir ^ana wirken kSoüeo, weim 
sie dem Zeugen, der gewöholicb auf die Beweisartikel einge« 
lernt i$t| zuvor nicht bekaont waren , und daher der Producent 
dem Zeug«n seine Antworten nicht voraus einstudieren konnte^ 
weil er nicht wufste, um welche T^hatsachen der Gegner frage» 
würde, so ist voraus zu sehen, dais nach der Bemischen Bestiin» 
sraog der Zengenbeweis nicht so zuverlässig sejn wird^ als er et 
sejn kann, wenn die Gesetzgebung der Verabredung und dem 
bösen Willen vorbeugt.-— Mehrere andere Einwendungen gegen 
die Zulassigkeit der spateren Erläuterungsiragen hat auch Gendes 
im Archiv für die Civil -Praxis ÜI. Band S. 3o9« erhoben. -« 
Recht deutUch erkennt man, wie schwieing jede gesetzliche Ein^ 
richtung wird, durch welche man möglichen Nachtbeilen vor- 
beugen will, sobald man einmal von dem geraden einfachen und 
fte^i natürlichen Wege abweicht, der, bei dem Zeugeobeweise 
nur in der Vernehmung der Zleugen in Gegenwart der Partheien 
uud vor versammeltem Gerichte besteht. Rec hat in neuerer 
Zeit aUe möglichen Einwendungen gegen dies Verfahren im Ar^ 
cfaive für civiL Praxis V. Band S» 496-— ao5. zu widerlegen 
gesucht. — 

Wenn Rec auch bisher viele Bedenklichkeiten gegen meh» 
rere Hauptbestimmungen des neuen Gesetzes nicht unterdrficken 
konnte, so würde er doch ungerecht sejn, wenn er viele treffliche 
Vorschriften nicht anerkennen, und die Ueberzeogung nicht aus* 
sprechen wollte, dafs jeder Procelsgeber viele nachajimungswur- 
dige Satze in dem Gesetze 6nden wird. Ueberall ist das ge- 
wöhnlich glücklich gelungene Bestreben sichtbar, das Verfahren 
von unnÖtbigen Bestimmungen Und Misbrauchen zu reinigen, ohne 
dorch übertriebenes Haschen nach Abkürzung der Gründlichkeit 
und der Aufbellung der Wahrheit zu schaden. Klarheit und 
Priicision sind nicht weniger unverkennbare formelle Vorzüge 
einzelner Vorschriften. — Folgen wir noch den Normen über 
einzelne processualische Handlungen, so stossen wir auf manche 
originelle Bestimmungen; to z. B. verbietet der §. 77. alle 
Wiederklagen; die Anmerkungen S. 93* finden, dau dadurch, 
wenn .der Beklagte auch fordern konnte, dafs der Kläger zu ei- 
■er Leistung verurtheilt werde, der ProceTs ungemein verwickelt 
würde, und dafs da, wo der Beklagte acpionem eantrariam hat, 
oder wo die Partheien beiderseitig in die Compensation einwU- 
üfen, der Beklagte nicht durch Wiederklage sondern durch 
Scbuubehauptungen sich zu vertheidigen habe. Rec. weifs wohl 
auch, wie sehr durch Wiederklagen der Procefs verzögert wird, 
yne vielfache chicaneuse Exceptionen, z. B. wegen der Cauiio 
pro reconventione , durch sie veranlalst werden, auch glaubt er, 
<b(s für jede Gesetzgebung es licb empfeU^ wenn nur conncxe 



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88o Bern. 6. B. ab. d. Vi in CiTÜ S. u. Sohnell's Anns. 

Wiederklagm tagelanseii werden; «lletn wie soll es In Bero in 
dem Fädle gehalten werden, wenn der Rliger 5oo TMr. ein-* 
kkgt und der Beklagte leicbt liquid zu machende 700 Thlr. von 
dem Klager, zu fordern liat? Mit^^oo Thlr. kann er eompen* 
siren, soll er wegen der übrigen 2100 Thlr. einen neuen Proccfs 
anfangen? Schon die Glosse hat wegen solcher Fälle von der 
Noth wendigkeit der Wiederklage gesprochen. Unter die merk*^- 
würdigen Vorschriften des Gesetzes gehdrt noch Satz 17 5., ntcK 
welchem der directe Gegenbeweis . verboten wird. Es versteht 
sich y dab darunter der Beweis- der Einreden und eben so der 
Beweis der Fälschung der vom Gegner gebrauchten . Be weif« 
mittel nicht begrüTen ist; der Grund des Verbots , sagen die 
Anmerkungen S. lai., lie^ in der grossen Achtung , die der 
Gesetzgeber far die HeiliAeit des Eides haben muls, indem e^ 
nicht zulassen darf| dafs die gleiche Thatsache von den Zeugen 
des Beweisföhrers als sich zugetragen habend, und von deo Zeu~ 
gen des Gegners als sich nicht zugetragen habend beschworen 
werde. Rec. bemerkt, dafs für die Zweckmässigkeit der Bei^ 
Bischen Bestimmung, durch welche unfehlbar Processe sehr ab-» 
gekürzt und vereinfacht werden können, auch die Autorität des 
rdmischen Proccsses spricht, in welchem schwerlich in unserem 
Sinne ein directer Gegenbeweis vorkam. — Unter die dagegen 
den Procefs leicht verzögernden Bestimmungen rechnet 'Rec. die 
Vorschriften über Streitgenossenschaft (Satz ig-* ai.), über Neu« 
nung des eigentlichen Beklagten (Satz a5 — a8.), über Litis 
Denuntiation (S. 39 ^-3i.). Nach Satz Si. kann der Beklagte, 
der auf das Ganze belangt wird, dem Kläger, der nicht in Ge«» 
meinschaft aller Mitberechtigten auftritt, oder alle Mitverpflich- 
teten zugleich mit belangt, die Einwendung der mehreren Streif* 
genossen entgegenstellen und sich dadurch einstweilen von der 
Einlassung befreien» Es wäre wünschenswerlh gewesen, dafs 
die Anmerkungen die Gründe angegeben hatten, aus welchen 
die Gesetzgeber von der nach Rec Meinung völlig richtigen eutge^ 
gengesetzten Meinung d^gegangen sind. Wer es weifs, wie die ex* . 
€epnopiar,litiscons. zur Verzögerung desProcesses misbraucht wer« 
^ den kann , und wie leicht auch ohne diese exceptio dem allein 
belangten Beklagten' geholfen w^den kann ( die römischen . Ge- 
setze zeigen dies deutlicher)^ kann die Beniische Vorschrift nicht 
billigen. 



(Der Bacbbfi fikß.) 



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ileiaeloerger 

Jahrbücher der Literatur, 



Bemisches Gesetzbuch über die Verfassung in *'Cwilsachen ' 

und Schndl's Annalen. 

{Bescbliifi.) 

Aach die Nennung des Beklagten ist (Satz 27.) zu weit aus* 
gtdetnt, indem auch wegen personlicber Riagen der «Is StcU- 
Tei;jrcter Handelnde, wenn er wesen der Handlung im eigenen 
Namen belangt wird, sich durch Nennung des Auetors befreiea 
kann; wie wenig sich diese Vorschrift legislativ vertheidigea 
Bfst, hat Rec. im Archive filr Civilpraxis IIL Band S. 4o6. ge- 
gen Gönner zu beweisen gesucht. Ueber die Gebuhr ist ebea 
so äle Litisdennutiation ausgedehnt, wenn jeder, der ,des Streit- 
gegenstandes halber einen Rückgriff auf einen Dritten zu haben 
vermeint, diesem von dem Rechtsstreit Nachricht geben soll, und 
die Unterlassung der Streitverkundigung als Verzichtleistung auf 
den 'Rückgriff angesehen werden soll. Dem Hec. scheint djtls 
hier die Litisdennutiation als nothwendiges Mittel, und als ein' 
processualisches Erleichterungsmittel mit einander verwechselt 
worden sind. Eine Ve;:zichtleistung kann nicht aus der Unter- 
lassung gefolgert werden, auch das romische Recht hat es nicht' 
Sethan. Am richtigsten ist gewifs die über Litisdennutiation in' 
er prensstschen Gerichtsordnung aufgestellte Ansicht* — Zweck- 
massig enthält Satz 3j» die Regel, dafs die unterliegende Pär-* 
thei in die Bezahlung der Kosten verurtheilt werden soll; in 
Ansehung der Compensation ist die franzosische Bestimmung 
nachgeahmt — ^ |n Ansehung des Ungehorsams der Partheien hat 
in Bernische Gesetz weise die noth wendige Strenge mit der 
zweckmässigen Rücksicht auf mögliche Ausführung der Vorschrif- 
ten und auf die Natur der hier in Frage stehenden Rechte ver- 
migt;«weon eiuc Parthei ausbleibt, so kann die anwesende nach 
^entlichem Aufruf der Abwesenden, darauf antragen, dafs siB 
einseitig zur Procefshandlung gelassen wec^e; der Gehorsame 
sendet dann dem Ungehorsamen Protocotlsauszug zu und macht - 
ihm den künftigen Termin i4 1*^gc vor dessen Eintritt bekannt; 
bleibt die vorgeladene Parthei Wieder aus, so^kann die crschei- 
aeodc Parthei daiuiuf antragen, dafs i&re eigenen Behauptungen 

^6 



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8B2 Barnisches Gesetzb. üb. d. Verf. in Civil S. 

als wahr, und die Verneinungen der Ausgebliebenen als ausge- 
schlossen unjl zurückgezogen erklärt werden. — 

In Bezug auf £e Rechtsmittel keunt das Gesetz manche 
eigcnthiimliche Bestimmungen. DcB . Appellant m.ufs im ordent-. 
liehen Verfahren binnen i4 Tagen bei dem JuJex a quo sick 
über 'AppeDation erklären (Satz 3io.) und binnen 3o Tagen 
darauf sich um den, Appellationstermin bei dem Präsidenten des 
Appellationsgerichts bewerben. V^enn dieser Termin bestimmt 
ift, wird die Sache rechtshängig bei dem Appellationsgericht. 
(Man fragt nicht ohne Grund, warum dtLS /ataU interpositionis 
«4 Tage dauere, da zum blossen Beschlufsfassen auuh 8 Tage 
hinreichten, und warum der Appellant nicht sogleich ^ wenn er 
bei dem Index a quo die Appellation anzeigt, einen Termin er- 
hält, oder warum nicht lieber das Gesetz den Termin zur Aus- 
führung der Appellation fest bestimmt)'. Der Appellant ladet 
6 Wochen vor dem Eintritt des Appellationstermins den Appel- 
latcn vor ; bleiben im Termine beide Partheien aus so wird das 
(Satz 3i6.)f eben so wenn der Appellant 
m Aufruf, wenn er nach Antrag des Appel- 
f nicht einfindet ; der Ausbleibende kann 
origen Stand einsetzen lassen. Bleibt der 
n der Appellant antragen, dafs er zum ein- 
« Geschäfts zugelassen werde; das Gericht 
ictenkundigen Grunde des Appellaten immer 
die gehörige Rucksicht nehmen (Satz 3 i 8.). Um ein neues Recht 
(also die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand) kann nachge- 
sucht werden, sowohl wegen Beweismittel, deren während der 
Verhandlung gedacht,* die aber erst seit Fällung des Urtheils zur 
Hand gebracht worden, als wegen neu^r erst entdeckter Be- 
weismittel , und wegen einer nach Beurtheilung . des Processes 
«rfolgten Fälschung der gebrauchten Beweismittel (Satz 3a i.)« 
Binnen 3 Monaten von der Entdeckung der Beweismittel an 
mufs das Gesuch anhängig gemacht werden. Nach Ablauf von 
iO Jahren vom Urtheil an kann das Gesuch nur angebracht 
Mrerden, wenn die siegend« Parthei sich durch betrügerische 
Handlungen den Sieg verschafft hat (3a3.)« Nichtig ist ein Ur- 
theil, wenn der unterliegenden Parthei der Termin zur Fällung 
desselben nicht bekannt gemacht worden und sie sich dabei 
nicht eingefunden, oder wenn das Gericht die Streitfrage nicht 
nach den Schlüssen der Partheien beurtheilt hat; die Klage muCs 
binnen der Nothfrist von 3 Monaten von dem Tage der Bekannt- 
machung des Urtheils an angebrächt werden. £s ist sehr zu 
zweifeln , ob diese Bestimmung über Nichtigheit ausreichen 
könne; soll also wegen Incompetenz des Gerichts, wegen man- 
gelnder Fähigk^t zum Streit, wegen fehlender Legitimation, wegen 



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und Schnelles Ann. 883 

Igelnder Citarion im Processe keiae Nichtigkeit eintreten? Es 
machte den Advocaten nicht schwer sejn, die absolute Nichtigkeit 
in solchen FiUen nachweisen zu können. — Wenn Rec. auch bisher 
mefarem Bedenklichkeiten gegen einzelne Bestimmungen des neuen 
Geseszes nicht unterdrücken könnte, so kann er deswegen das Ge« 
setz im Ganzen betrachtend, eben so wenig dieUeberzeugung unter- 
drucken , dafs die Procefsordnung überall aus einer lebendigen 
Einsicht in das Bedurfnifs, aus einer practischen Würdigung der 
Verhältnisse hervorgeganffen und durch viele tief eingreifende 
neue iweckmissige Anordnungen sich auszeichnet, auf jeden Fall 
aber wegen so vieler origineller Ausspruche einen reichen Stoff 
zu Betrachtungen gewährt, daher das Studium dieser neuen Pro- 
cefsordnung eben sowohl fiir den Legislator wfe für den prac- 
tischen Juristen vom Interesse sejn rn^aGi. Die von dem Bear- 
beiter des Gesetzes selbst gelieferten Anmerkungen zeichnen sich 
vorzüglich durch die kliore fintwickelnng der processualischeu 
B^;riffe, durch die zwedonissige , auch auf Nichtjuristjen ht* 
rechnete deutliche Darstellung einzelner Lehren, durch gut ge* 
wählte Beispiele z. B. S. aop. in der Lehre Vom qualifidrten 
Gestandnisse, und durch eine Reihe geistreicher legislativ wich^ 
tiger Bemerktingen aus. Mittermaier. 



C. W. HünftlAni/s VotseUag statt t^ Bhmsäure Aas destii- 
lirte Wasser der Sitlem Mandeln zum nkedicinlschen Gö- 
braueh anzuwenden ^ nehst d6m Bericht über die neuesten 
Versuche, wdcJie tu Ftorinz im Laboratoriurti des Marchest 

* RidoK von eiritr ßesettschafl von Aerzten, Wundärzten 
tind'Naturforschern GhJr die Wirkung de} Oleum ^ssentiale 
Lauro - cerasi auf den thierischen Organismus angestellt 
wurden, von Herrn Tjddei, ProJhsSor der Chemie zu S. 
M. Nuvva, (Aus d. Joum. d^ pract. Heilk. besonders ab'* 
gedruckt.) Berlin, ^8^9 bei G. Reimer. Sio S. 9* 

In der Einleitung zu dieser kleinen, aber' sehr interessanten, 
Abhandlung wird von dem würdigen Heratngeber bemerkt^ dafs 
nicht Frankreich oder llngland, sondern Teutschland, das Ver- 
dienst gebühre, die BlaiMfiure zuerst, in der Form der AqiM 
Lauro^eerasi, in der Med lein angewendet m haben. Aufmerk-» 
stm gemacht durch den l'od des englischen Chemikers Price^ 
der udk im Jahr iySi durch Trinken einer Finte KirscUorbeei^ 
▼asser vergiftete, so dafs gleich alle Sensibiätat «nd Irritabiücat 
verschwunden war , versuchte er die Anwendung desselben als 
HeUmtttel bei heftigen krankhaften ZufiUea. HieraufViurdc et 

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$84 Hufeland über die Blausäure« 

besonder» von dem Terewigten ThUenau bei hjpochoAdrische^ 
und krampfhaften Zufallen mit atrabUareq Stockungen im Unter- 
leibe, verbunden empfohlen. Sodann erschienen im Jahr 1793 
die merkwürdigen Versuche von Dölz über das bittere Mandelöl, 
welche die a^ssero^d^tliche und augenblicklich die Sensibilität 
zerstörende Kraft des Oels von Kirschlorbeer und bittem Maa- 
deln auffallend darthaten. Der Ver£ wendete nun das pirsch- 
j^rbeerwasser 9uch in der Klinik zu Jena an, und zwar in zwei 
(Hassen von Krankheiten, einmal b^i sehr heftigen und hart- 
neckigen Nerveirfurankheit^n, auch Gemuthskrankheiteiii und dann 
in dem zwei^;3ta4ium der i£Jntzundungen, wenn, nachdem 
durch gehörige Blutentziehu^gen , der , phlogisti^ch - sanguinische 
Theü der E^tz^jr^lupgy die übermässig erhöhte Kraft und Con- 
tr^ction d^s .Blutsj^^tems gehoben ist,, noc^ eine erhöhte Sensi« 
biiität, ein &Eti%u\^dX\^^V /Ere^hism^^ nervosuf, in dem Theil zu- 
rückbleibe. . Sein Hauptvorzug in diesem Fall sejri.dafs es die 
ki^aukluft erhöHte Sen^bilität aufhebe, ohne zugleich, vvi^ das 
P^imi, 4^ Jßlutsystem zu erregen. und, zu, erhitfcen. Demselben 
"Vflrtug habe ^war i^uqb.das iM .de,r Eolgeivon ihm, öfter angc^ 
Wleodete Extr. Hy^sfyomU Er glaiJ^t jedoc)i, dafs das Kirsch-: 
lorbeerAvasser oder 'die Blausaure noch einen Vorzug vor dem 
. Hjoscjamus habe, nämlich den, dafs sie zugleich ausser jener 
narkotischen Kraft noch ein« eigeirthumliche besitze, auf die 
Plasticität des Bluts und also unmittelbar auf die coagulable 
|^ni|lhe zu v^^d^BTUijd dadurch den Zeiten Theil d^ Enteün-: 
duugszustandes und IJeberrestef zu heben. Und so würden 111 
der Blausäure gleichsam die beiden^ grossen Mittel j Opium und 
Cabmelj vere^'n^t^ ohne, die n^chtheiligeo^ Nebeneigensohaften 

weder desi ein^n noch des a'iidern« - • v * 

Was nun die Versuche,', von .;ivcfc]jen Taddei Bericlbt cr- 
slattel, betrifft, SP wurden diesell^en'vön^ der genannten Gesell- 
schaft blols zu. dem Zweck unternoe^men, um die häufig auf- 
geworfene Frage z^ lösen, welches ^das schicklichste Präparat zur 
Anwendung dfr ptaiisäure iff. ' der , Medicin ser ^ bei gehöriger , 
Berücksichtigung der Dosis dieses Mittels, laia seiner Kerdisehen 
MuMifimff aitfjden^>4hierischen Orjgani^mus? Da die Blausäure 
•Ich SQ> .letchl zersetzt und /es von Seiten des Apothekers 40. scHwi«?^ 
viQ)f ja unmöglich ist I sie den verschiedenartigen EioWirkungen 
' des \Lith$4t&f WünoQStttfes und der atmosphärischen Luft zu ent- 
ziehen., /ein spimttiö^et Vehikel «1^^* ^^en, der entgegengesetz- 
ten Medicinisphen Vl^irkong nicht p^fet, überzeugte si«b wm Ge- 
sdHsehaft, da£t der Arzt don^Ct^lfrauob d^ Säure sq lange auF« 
gebed nuUse,iibi9.mj4n eine B^eituugsart entdeckt haben werde, 
die von allqn ;ob6n' e]>wlihnten Nachtlieilpn frei ^7* Desgleichen 
erkannte man;«Us KirscMorbcerwaia^pr .für ein unzwecküMSsiges 



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Hafeland über die Blausäure. 885 

Präparat, indem es nach Verbältnifs der wechselnden l,ufttem- 
peratur und der Anzahl der Destiilationcri , denen man es nn- 
terwirft, jederzeit eine T^rscbiedene Qaanlitäfc von wesentlichem 
Oel in sich aufgelöst enthalt Durch diese Räiisicht wurde «ran 
einmüthig bewogen, das reine wesentliche Oel des Kirscfdorbeers 
%um medicinischen Geirtiuche ifürzuziekeny das ^U€^ weniger leicht 
zersetzt und nach Fontanas Beobachtungen jederzeit und in allen 
Climaten die nämliche Kraft besitzt^ es sey nun frkch oder IKn- 
gere Zeit bereitet. Daher beschlofs man' vofläufig, dies wesent- 
Uche Oel in verschiedenen Versuchen anzuwenden, und zwar 
aum Tbeil solches, welches zu verschiedenen Zeiten bereitet und 
unter verschiedener Temperatur längere oder kürzere Zeit der 
Wirkung des Lichtes tind.der Luft ausgesetzt, zum Theif sol- 
ches, welches den Einflüssen der Art entzogen worden war. 
Diese, hier erzahlten, Yeraucke bewiesen ;abcr, da£s es sich im- 
mer gleich bleibt. , f , 

Indem man aber für die Praxis den anderen Präparaten, die 
Blausäure enthalten, das OUum css. Laurocerasi substituiren und 
dazu ein Vehikel haben wollte, welches die Natur des Oeles 
nicht veränderte, fand man bei den deshalb angestellten Versu* 
chen, da£i die Vermischung mit Olivenöl in der Wirksamkeit 
des Kirschlorbeers nichts ändere. Man j^laubte, dafs das Olivenöl 
oder das Oel von süssen Mandeln sein schickliclistes Vehikel scy, 
nämlich im Verhältnisse von 12 Tropfen der Essenz, auf eine 
Unze Oel oder noch stärker, sobald man ^ie äusserlich in Ein« 
reibungen anwende. Man könne mit >einem Scrupel von der 
Mixtur den Anfang machen, welches ein<ftn halben Tropfen des 
wesentlichen Oeles gleich komme. 

Ausserdem werden noch Bemerkungen über die die Sensi- 
bilität und Irritabilität zerstörende V^kung der Bkusäure bei* 
gefugt. \ 

Der hochverdiente Herausgeber fand durch diese Versuche 
von neuem bestätigt, was er schon im vorigen Jahre in seinem 
Journale der practischeu Heilkunde sagte: da/s nämlich zum 
medicinischen Gebrauch die yfeit innigere und unveränderlichere 
Verbindung, welche die Natur selbst durch organische Chemie 
in dem wesentlichen Od des Kirschlorbeers, den bittern Mandeln, 
xmi ähnlicher Kernen bereitet hat, jeder künstlichen Production 
und Präparation der Blausäure weit vorzuziehen s^. Die Auf- 
lösung desselben in Oel , zum medicinischen Gebrauch, scheint 
ihm zwar ein sehr glücklicher Gedanke und der Auflösung in 
Weingeist vorzuziehen , * die wegen ihrer erhitzenden Wirkung, 
besonders bei der so wichtigen- Anwendung der Blausäure in ent- 
ländlidien und fieberhaften Afiectionen, nachtheilig und unbrauch-» . 
bar werden kann. Zuletzt aber kommt er wiedei: darauf zurück, 



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886 UufeUnd über die Blausaare. 

dats doch eben deshalb die Form des destäUrten Wassers von 
KirscUorbeer und noch besser von hiitem Manddn, weil diese 
ein gleichförmigeres Product liefern, allen andern vorznuehen 
sej, weil hier das ätherische Oel sich in einer vollkommen wäs- 
serigen Aufldsmig, ohne Beimischung von Alcohol oder Oel, be- 
findet, und dadurch für den Practiker alle unängenehn^i^ Ne*' 
beneigenschaften verhütet werden. Wenn es gut verwahrt wi^e, 
hake es sich sehr lange unentmischt, wenigstens viel langer als 
die chemischen Verbindungen der Blausaure. Und es wäre also 
weiter nichts nothig, als darauf xu sehen, dafs der Apotheker 
kttne zu grosse Menge auf einmal, und es etwa alle 4 oder 8 
Wochen uisch bereite; eine Beschwerde, die gegen die bestan- 
dig neuen Mischungen bei der Blausäure, die Gefährlichkeit und 
die Muhe ihrer Aufbewahrung, und die Unsicherheit ihrer An- 
wendung, gar nicht in Betracht kommt. So sej jedek Nachtheil 
und auch jeder Gefahr abgeholfen. Ja ^er habe gar nicht ndthig, 
das fitrehibare Gift der Blausäure qffieineU in der jfpoih^e zu 
haben, — ein unendlich grosser Gewinn, indem es für das 
PiMicum'und den j4potheker selbst immer eine höchst gefahrpoüc 
Waare bleibe. 

Rec. ist gani der Meinung, dafs diese Bemerkungen aller 
Beachtung würdig sind. Auch bat er für sein Theil, durch Er^ 
fahrung von der unsicheren Wirkung der bekannten Bereitungen 
der Blansäure überzeugt , seit geraumer Zeit sich blols der 
Aqu* Amjrgdalarum amararum concenirata bedient und zwar 
damit keine wahre Lungenschwindsucht geheilt (die auch schwer- 
lich durch die dagegen gerühmte Blausäure geheilt werden 
möchte!), aber sie doch in so manchen Fällen« wo besänftigend P) 
die Sensibilität und Irritabilität herabstimmende, Mittel angezeigt 
sind, mit Nutzen gegeben. ' 

/. fV. H. Conradi. 



Beobachtungen im Gebiete der ausübenden Heil-' 

künde ß von /. H. Kovv, der A, u, TV. Doctor, kur^ 
fursth hess. Oberhof rathe , MitgUede der medicinischen De* 
putation, Garnisonsmedicus j wid practischem Arzte in Ha^ 

nau, ständigem Secretär der wetterauischen Gesellschaft 
für die gesummte Naturkunde, und vieler Gelehrten Ge- 

seUschaften MitgUede etc. Frankfurt a. M. 48%4* XJJ u. 

m S.U.8. 

iß et rühmlich bekannte Herr Verfass. äbergiebt dem arztlidie» 
Publicum in dieser lesenswerthen Schrift die reifen Früchte sei- 



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Kopp Beobachtuogea. 887 

■er mit Umsicht und Wissenschaftlichkett' angestelhen Beobacli- 
tuogen und Versuche, deren mehrere so interessant und instruc- 
tiy sind| dafs es Rec. für Pflicht hält^ diese seinen Lesern mit- 
zath eilen. 

Bevor indefs Rec« xa den einzelnen Beobachtangen über- 
geht , mufs er zuerst seinen Lesern die Bemerkung des Herrn' 
Verfs. in seiner Vorrede mittheilen. Hr. Kopp äussert, dafs er 
die ältere pharmaceutische Nomeudatur bis auf einige Vorschrif- 
ten neuer Zusammensetzungen noch immer beibehalte, und wün- 
sche, dafs ein Gleiches seine Hrn. Amtsbrüder thun mochten; 
-iveü die alten allenthalben gültigen Artueinamen Bezeichnungen 
sejen, die keinem Wechsel durch veränderte chembche Theo- 
rien unterworfen wären. Mit den neu gebildeten Namen hätte 
sich eine Menge von Sjnonjmen £ngefiuiden, die zu den Ir- 
rungen in den Apotheken den meisten Anlafs gegeben hätten 
u. s. w. -— Rec. erlaubt sich dagegen die Bemerkung, dafs so 
wahr auch Hr. Kopp sich in einiger Rücksicht angesprochen 
habe^ man dennoch nicht seiner Meinung sejn kenne. Alles was 
Gewinnst für die Wissenschaft ist, mufs angenommen, und Alles, 
was das Gepräge des alten Schlendrians an sich trägt, verbannt 
werden. Abgesehen davon, dafs die meisten neueren Benen- 
nungen in der Chemie und Pfaarmacie die Gegenstände kurz 
und chemisch richtig bezeichnen, und daher das Studium der- 
selben auf eine unbezwcifelte Art erleichtern und fordern, was 
denn doch für Aufanger von gewifs grossem Nutzen ist; so liegt 
die grofste Schuld, warum die neuere Nomeudatur so wenig 
Gluck und Fortgang machte, nicht an ihr, noch an den A^rzten, 
sondern gröfsteiithcils an solche^i Pharmaceuten — und deren 
Zahl dürfte nicht klein seyu — die nicht mit dem Geiste der 
Zeit foilschettend , mit ihrer einmal an sich gebrachten Officin 
eine Kramerei verbinden, und der lieben alten Gemächlichkeit 
huldigend sich weder um neuere Schriften noch um neuere 
Nomendatur bekümmern, ja auch sogar diese als einen 
Feind ihrer Ruhe ansehen, dessen Eingang sie auf jede 
Art zu verhindern suchen müfsten. Daher hängt es nur von 
einem kräftigen Willen der obersten Medicinalbehörde ab, dafs 
eme genaue Revision des Apothekerweseus vorgenommen, die 
alten Schachteln und Büchsen mit hierogljphischen Zeichen be- 
malt in die ünstere Rüstkammer der vorigen Jahrhunderte ge- 
worfen, und überhaupt aller obsoleter und verschimmelter sdiou 
längst verjährter Quark aus den Apotheken verbannt, den Apo- 
diekem idler Handveikmif , der aur allein die Kramerei begufi- 
Migt| strenge Terboten, und sie überhaupt lu Staatsdienern im 
engrten Sinne des Worts erhoben, und als solche stets berück- 
«chtigt werden; so wird bald ein neuer und für die Wi^cn- 



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8i)8 Kopp Beobachtungen. 

schaft gewifs erspr'tefslicher (jretst in den Officinen iiyehen, und 
die Apotheker für achte Bereicherung ihrer Wissenschaft ge- 
wifs empfanglicher machen. Wa^ sind Sed nurabUe Glauben '-•^ 
Arcanum duplicaium -^ Sal polychrestum seignette — Scd seda~ 
tioccm Homoergi — Aquüa alba u. s. f. nicht für äusserst sinil- 
lose und das GedSchtnifs mühsam anstopfende Namen?! — Wenn 
in den neueren. Dispensatorien aus der neueren Nomenclatnr nur 
die vorzüglichsten bezeichnenden Namen aufgenommen werden; 
"SO wire dadurch auf immer allen .Verwechslungen Schranken 
gesetzt. So ist z. B. das Bysmutkum oxydatum album unter 
allen seineu neueren Bezeichnubgen das deutlichste und natur- 
lichste, und alle übrigen müfsten dann ausgestrichen werden. 
Dies w5re Bereicherung für die Wissenschaft, und solche Be* 
Zeichnungen würden niclit wie die altere oft röUig sinnlose No- 
menclatur das Gedächtnifs bdiastigen. Doch das sind und blei- 
ben fromme Wunsche! — 

Croup. Diese für die kindliche Organisation so furchtbare 
Uebelsejnsform soll in Hanau sehr häufig vorkommen, der Grund 
hiervon läge in der niederen und wasserreichen Gegend der Stadt. 
Aus des Hrn. Yerfs. Erfahrungen geht die Bestätigung des über 
den Ctoup schon längst Bekannten hervor. Auch ist Hr. Kopp 
der Yermuthung, dafs die häutige Bräune ansieckend sej« Rec 
möchte dieser Ansicht zur Zeit noch nicht beitreten, und zwar 
um so weniger, da die Beobachtungen und Erfahrungen dafiir 
und dagegen bis jetzt noch -sehr getheilt sind, wie dieses so 
unwidersprechlich in den gekrönten Preifsschriften von ALbtrs, 
Jurin^ und Sachse über den Croup ersichtlich ist, Kef. halte 
selbst schon sehr oft die häutige Bräune in zahlreichen Familien 
zu behandeln, ohne dafs dadurch eines von den den Kranken 
stets umgebenden Geschwistern davon ergrifien worden wäre. 
Daher' ist Recens. auch der festen Meinung, dafs in solches 
Fällen, wo mehrere Kinder in einer Familie gleichzeitig oder 
nacheinander vom Croup befallen wurden, eine FamieKenanlagc 
oder ein cpidem2scher Cbaractcr die weitere Verbreitung dieser 
Krankheit begünstigt haben müsse, wie dies sehr genau in der 
Natur nachgewiesen werden kann. Aber darin stimmt Reccns. 
Hm. Kopp vollkommen bei, dafs der Croup ein und dasselbe 
Individuum in einigen Jahren mit grösserer oder geringerer Aus- 
bildung befallen könne, und dies zwar aus dem ganz einfachen 
Grunde, weil die einmal vorhanden gewesene Krai^heit eine 
grössere Disposition zu iWer Wiederkehr hinterlöfst. — Nun 
bemerkt der Hr. Verfasser, dafs es sehr scbadHch sej, die innere 
Behandlang mit Brechmitteln anzufangen, weil der Magen dec 
Kinder dadurch oft eine so grosse Umstimrnung erleide, da£s 
nachher das versufste Quecksilber Uebelkeiten errege, und wir- 



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Kopp BeobadktungeQ. 889 

laagslos ausgfeleert wurde. Nor dinn, wtenn die Enezundang 
durch Bintiassen und deo Mercur. dulc. vermuidert worden wäre, 
und der Husten aufgelöste Stoffe yerrathe, sollen sie mit gutem 
Erfolge angewandt werden. Hier bemerkt Rec., dafs man beim 
Crotqf im Anfange gewisse Umstände zu bcrücksichtigea habe, 
die auf den n^her ein^ieitenden Heil plan den entschiedensten 
Einflufs haben» Das erste Stadium eines jeden Croup nämlich 
ist und bleibt immer katharralischer Natur; wird daher in die- 
sem Stadio ein Vomitiv mit Vorsicht gegeben, so kann es be- 
stimmt dem gar^^en Krankheitszustande Torbauen, und seine fol- 
genreiche sehr nachtheilige Wirkung völlig verhindern ; denn 
durch das gegebene Brechmittel wird die ganze reproductive 
Sphäre de» kindlichen Organismus so bedeutend modificirt, dafs 
jene unheilbringende Plasticität der Lymphe gar nicht Platz grei- 
fen kann. Zugleich sind aber auch Brechmittel in diesem Stadio 
der Krankheit gegeben, vorzugliche anlispasmodische Mittel, die 
durch ihre heilsame Ei^scbütterung die krankhafte Affection 
des Halses auf eine erfreuliche Weise umstimmen. Albers hat 
sich über den Nutzen der Brechmittel mit Energie in seiner ge- 
krönten Preifsschrift ausgesprochen. Höchst gefährlich würde es 
aber sejn, da Brechmittel anzuwenden, wo die Entzündung schon 
vollkommen ausgebildet ist, denn dadurch kann nur unwider- 
bringlicher Schaden gestiftet werden. Uebrigens ist das Ver- 
iaStiTzn des Hrn. Kopp bei dieser fürchterlichen Krankheit sehr 
jationell und consequent. 

Einflitfs der tVUterung auf die menschlic^te Gesundheit 
(p. *6.). Hr. Kopp spricht sich faiet* als treuer Beobachter 
der Natur aus; er ist nun der Ueberzengung , dafs die feuchte 
H^itterung der menschlichen Gesundheit im Allgemeinen viel 
zuträglicher %ejj als die trockene, und sucht dieses durch meh- 
rere Beweise zu erhärten, und zwar, dafs nach seiner Beobach- 
tung die Krankheitsformen in Hanau bei trocknem Wetter sich 
vermehren, während sie sich bei feuchtem Wetter, bei Regen 
und Schnee vermindern, was auch so auffallend wäre, dafs ein 
Arzt, der bei steigendem Barometer und reiner trockener Wit- 
terung sehr beschäl'tigt sey, bei fallendem Barometer und ein- 
tretender feuchter und regnerischer Witterung sicher auf eine 
sehr bedeutende Verminderung des Krankenzustand es ]:echnen 
dürfe. Ja diese Verminderung beti^ge oft das Drittel aller 
Kranken theils durch eine schnellere Genesung, theils durch den 
Nachlafs des Zuwachses, und wj sowohl nach trockener Wärme 
im Sommer , als nach trockener Kälte im Winter bemerkbar 
ti. s. w* Recens. bezweifelt nicht im geringsten dieses Factum, 
kann aber doch niicht d^ Meinung des Hrn. Verfs« bettreten« 
Besn, da Hanau in einer tiefen und wasserreichen Gegend liegt. 



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8ij6 ^Kopp BeobaditoiigeB. 

so folgt tcLon Inerausy dafs seine Einweliner an die feadile 
Wanne, so wie an die feuchten Ausdünstungen ihres Orts gleich- 
sam gewöhnt sind, dafs sie mithio die schon a priori zu be- 
messenden grossen Nachtheile der Feuchtigkeit wenig oder gar 
nicht mehr innc werden, weil durch Gewohnheit, Geburt u.8.w. 
in ihnen schon alle Receptintät dafär getilgt ist. Man sende nur 
einen robusten hohen Gebirgsbewohner dahin , nnd es wird 
nicht lange anstehen, dafs er aus seiner reinen kräftigen Atmo- 
sphäre entruckt bald die tief eingreifenden Wirkungen der Feuch- 
tigkeit deutlich fühlen und nur dann wieder Tollkommen genesen 
wird, wenn er zu seinen gewohnten Medium zurückkehrt. Für 
diese Ansicht stimmen übrigens noch einige andre wichtige Um- 
stäi/de, z. B. die Ellectricität , die Winde, der Barometerstand, 
die vorausgegangene Witterung, die Temperatur u. s. f., deren. / 
ausführliche Erörterung der Plan dieser Zeitschrift verbietet. 

Sahina (p. 33.). Mit Recht erthcilt Hr. Kopp diesem gros^ 
seu Mittel, mit dem oft leider ein grosser Unfug getrieben wird, 
die gröfsten Lobsprüche, in wiefern dieses gleichsam ein speci- 
fischer Reitz für die weiblichen Geschlechtsorgane ist. Alle 
Krankheitsformen , denen eine . Atonie oder Unthatigkeit des 
Uterus zum Grunde liegt, wobei die Irritabilität und Sensibilität 
nicht zu sehr gesteigert, auch kein wahrer phl<fgistischb oder 
plethorischer Zustand« oder eine beträchtliche Anlage zu Blut* 
andrang nach dem Gehirne, oder der Lunge vorhanden ist, las^ 
sen den Gebrauch der Sabina, als eines specifischen Reizes für 
' die Gebährmutter zu« Vorzüglich wirksam bewährte sich die 
Sahina nach des Hm. Verfs. häufiger Ejrfahrung in der schmera»- 
haften Menstruation namentlich bei Mädchen, gegen' Schmerzen 
in der Beckenh$hle oder in den benachbarten Theilen nach dem 
Wochenbette, gegen Erschlaffang und Kraftlosigkeit des Frucht- 
faaltens nach der Geburt, wobei, ohne dafs active Entzündung 
▼orhandsn, Fieber, unordentliche, oft ganz unterdrückte Kind^ 
betterreinigung, gestörter Urinabgang, sehr gesunkene Kräfte 
u. s. rt. zugegen sind; fem er gegen chronische und oft zurück" 
kehrende Schm^^en und Krämpfe im Uterus , Muttercolik mit 
Asthenie desselben, gegen weissen Flufs, der aus einer Atonie 
des Uterus entspringt, gegen Unzulänglichkeit oder ganzliches 
Ausbleiben des Monatsflusses aus gleichen Ursachen ^ gegen zu 
starkes Eintreten, übermässige Dauer der Regeln und Mutter- 
blutflüsse von einem passiven Character und durch Schlaffheit 
des Uterus unterhalten, so wie g^en die Art von Un&ucfatbar-r 
keit| die von einer torpiden Schwäche des Uteras und der Ovt*^ 
vien entstdit. Von ganz vorzüglicher Wirkung &nd der Heir 
Verfasser den Sadebaum in nachstellender Verbind«ng: ILPuk^. 
folior. Sahinac |L inßmd^ Aqu. faviJU f, /. Colatur» rrfrig* 



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Kopp Beobaditungeo« 891 

fVBS» ^dd> Sorae. ^enei. dlY. M. D. S. Morgens, Nachmit- 
tags und Abends einen EfslOfiel voll* zu nehmen* Auch die 
SaBina mit Aloe, Calomd oder Eisen leistete uefflidie Wir- 
kung. — 

Zeichen des bevorstehenden Todes (p. 5a.). Auf den Puk 
lialt der Hr. VerL das meiste. — Mandel6rätme ( p. 6o.). Die 
rechte Tonsille sejr in der Regel hatifiger entzündet als die linke; 
dies rühre TOfi einer ungleichen Gefafsvertheilung her. Scarificationen 
seyen das beste. — Künstliche Ausschläge und Geschwüre (p. 640« 
Hr. Kopp betrachtete schon längst wie Tide seiner Hrn« Amts- 
bruder mancherlei unangenehme Nebenwirkungen bei dem Ge- 
brauche des Unguent. ex tartaro emetico. Dies bestimmte ihn 
auf ein Mittel zu sinnen , das die Brechweinsteinsalbe nicht nur 
ersetze, sondern sogar in therapeutischer Wirkung übertreffe, 
welches ihm endlich dadurch gelang, dafs er statt derselben fol- 
gendes Mittel anwandte : IL Mercur. praecipitat, älb. 34 — 
dIV. ünguent. Digital, purp. ?/. M. exactiss, S. täglich einige- 
mal einen CaffeelSffel voll einzureiben, und mit einem Stück fei- 
nen grünen Wachstuche beständig zu bedecken. Nach einem 
oder mehreren Tagen bemerkt fcnan schon nach des Hrn. Yerfs. 
Yerstcherttnjg, kleine Pusteln, welche nach und nach grösser und 
entzündet werden, besonders wenn mit der Salbe fortgesetzt 
wird, die Vorzöge dieser Salbe Tor der Brechweinstei/tsalbe bestem ' 
hen darin, dafs die aus Mer cur. praecipitat. alb. bereitete Salbe 
nicht so zerstörend ist, nicht so tief in die Haut eingreift und 
weniger Schmerzen verursacht, dafs sie keine brandige Geschwüre 
erzeugt, unbedeutende Narben zuruddäfst, in der Regel froher 
erscheint and bei weitem schneller heilt. Hr. Kopp gebrauchte 
sie vorzüglich gegen chronischen Rheumatismus, inveterirte Gichl^ 
chronische Djsphoagie, und hartnäckige heisere Stimme, bcgin«*- 
sende Luftrdhrenscliwindsucht , veraltete Brustcatafrhe, Husten, 
Lungenschwache, Kt^'chhusten , chronische Durchfalle, zur Zer- 
thetluog scrophulöser Drusen u. s. w. mit gutem Erfolge. 

Aderlafi (p. 83.). Hr. Kopp hält jeden anhaltenden heftir 
gen Schmerz, besonders Brust- und Kopfschmerz für eine An- 
zeige dazu, und den nach dem Erkalten des Blutes im Blut* 
kuchen stehen bleibenden Schaum für ein weit bestimmteres Kri* 
terium der entzündlichen Beschaffenheit desselben, als die Speck« 
haut u. s. w. — Rec. ist nicht ganz der Meinung des würdi- 
gen Hrn. Verfassers. Denn bestiihmt wohl schon jeda rhen« 
matische, arthritische, venerische Schmerz u.s.f. der Brust oder 
des K(^es eine Aderlafs? Würde dadurch der Zustand des 
Kranken nicht bedeutend verschlinunert werden?. Und was den 
auf dem Blute stehenden Schaum betrifiit, so giebt dieser noch 
weniger eine Indication zur Venaesection, denn dieser wird be- 



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6g% Kopp ISeobachtimgeD: 

stimmt immer erfolgen, wenn Üei ihn AAeiAM cKe Oefibang 
der Vene grofs genug gemacht wird, yft) dsmn das Blut in einem 
dicken Strome gleith'sam aus der geöffnete Ad^r stürzt, und 
um so mehr Schaum bilden wird, je tiefer das Gefafs und je 
weiter es von der geöffneten Ader entfernt gehalten wird; end- 
lich wird auch dann im Blute ein solcher Schaum gesichtet wer- 
den kdniien , wenn der Aderlafs in der Schwangerschaft oder 
gleich auf die Mahlzelt vorgenommen wird. Uebrigcns verdient 
der Hr. Verf. Dank, dafs er die Unzulässigkeit des Poises bei 
der Indication zu einer Venaesection so lichtvoll vortrug. 

'Rose (pr 90.) -— Bletmiitel (p. 93.). Hr. Kopp beobach- 
tete einige interessante Fälle, wo das Blei bei Lunge nsuchten, 
die noch nicht zu weit vorgerückt Wareti, ausgezeichnete Dienste 
leistete ; er fand aber den Gebrauch der Bleimittel bei der 
knotigen Lungensu^t schädlich. Dagegen aber leisteten sie 
merkwürdige Hülfe bei Blutflüssen. So wurde z. B. der hart- 
näckigste Blushusten, der allen übrigen Mitteln trotzte, oft nnt 
acht bis zwölf Gran Bleizucker geboben, tuid die Gefahr der 
Lungeusucht abgewandt. Auch bei Mutlerblutflusscn wurde er, 
mit der gehörigen Vorsicht gegeben, nutzlich befunden. Kindern 
solf man keine Bleimittel geben, da sie >dafur -zu empfindlich 
sejn. Hr. Kopp hält nur die Pillen für die schickWchste Form 
den Bleizucker zu geben. £r verordnet ihn gewöhnlich auf 
folgende Art: Ä. Pulp, Sacchar, Satnrni gr. VL Pulv. rad. 
Altheae. ExtracU PoljrgaL amar ana, ^j\ m, f. pihd, N. So. 
Consperg, Sem, Lycopod, Zehn Stucke enthalten einen Grau 
Bleizucker. Der Herr Verf. läfst davon täglich lo— i5 — ao 
Pillen zu 2— 5 auf einmal in regelmässigen Periöden nehmen, 
und nach Befinden der Umstände Opium* hinzusetzet, namentlich 
dann, wenn der Bleizucker Diarrhoe verursachen sollte. 

KahitudU Fentopfung (p. 12^.). Das fleissige Wasser- 
trinken sey das hälfreichste Mittel dagegen. — Tincttira GaWatU 
(p. io40' ^*®* ^^* ^^^^ ^^^ Hrn, Verf. ein sehr kräftiges und 
hnlfreiches Mittel gegen passive Augen entzündung, besonders 
die scrophulöse, die mit Lichtscheue verbunden ist, so wie 
gegen Augenschwäche überhaupt Das Mittel wird mittelst 
Compressen an den leidenden Tbeil gebracht.— Lange Entbehr 
rung von Nahrung (p. 107.), Der Hr. Verf. erzählt hier y einen 
sehr interessanten Fall, von einer fünf und siebenzigjährtgen 
Frau, die in fünf W^ochen blofs Selterser Vi^asser und nur et- 
was weniges Caffee zu sich nahm, meist schlief, und f^uof T^^^ 
vor ihrer Auflösung noch im Zimmer herumgehen konnte. — 
Quecksähermütd (p. ii3.). Das Resultat der für die Praxi« 
merkwürdigen Beobachtungen über die Wirkung dieses Mittels be- 
steht kurz in folgendem: Alte kranke, so wie backligte, schlafie, scor- 



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Kopp Beobachtangen. ' 893 

butucbe iio<I.|[cscKwäc)ite.LeiiUe belommen am Icichtesteadie StU- 
Tation^ Rinder dagegen weniger und seltner; kalte Temperatur be- 
j^iinstigt dasÜebd, dagegen gestattet die trockene Wärme eineh hat»- 
figeren und stärkeren Gebrauch. In acuten Krankheiten überhaupt 
entstünde gewöhnlich erst der Speichclflufs,' wenn der fieberhafte 
Zustand vorüber sey u. s. w. Unter den Mitteln den Speichelflufs zu 
massigen y fand Hr. Kopp die a4fitringirei)deQ Mundwasser mit 
Munt» erud. Tr. Kmo, Tr. Catechuj Tr. MyrrK, sehr hülf- 
reich. Vorzügliche Dienste leistete ihm folgendes: R. Vitriole. 
caeruL gr.XP^ — 3/3. Tr, Mjrrrh, Tr, Catechu, Tr. Kino, ana 
5y. Tr. PimpineM. '^V. In/iis. Salme IVl. MeU. erud^ YhM. D.i. 
Stündlich damit den Mund aui^zqspühlen. Vorzüglich empfiehlt 
er auch die Sal^ure in folgender JPorm: Ä. Acid, SaJL com* 
3III. Sjrup. Moror. lUß. M, D. S. Unter Salbejihee zum Gur- 
geln zu mischen. — Recensen^ roufs hier bemerken, dais er 
diese und ähnliche gepriesene Mittel schon sehr o^t entweder 
mit hocbst .gerj^bgem oder mit gar keinem erfrei^ichen Erfolge 
gegen de» S^eichelflufs angewandt habe. Nuf eine Pillenmasse 
aus SchwefeJleber mit einem beliebigen bitteren Extracte und 
etwas Aloe _ leistete ihm stets die schnellste und erfreulichste 
Wifkung. Denn nur in dieser Form läfst sich die Schwefeile- 
ber gut einnehmen. Zu gleicher jfeit läfst Rccens. den Mund 
täglich einigemal mit einem concentrirten Infus, herb. Sabinae, 
denn ,?inigQ Quentcben des aämllchen Extracts und Borax bei- 
geoii^clit werden, ausspühlen. -^. , Gegen krankhafte und sehr., 
schmerxliäfte llämmorrhoidalbeschw erden im Mastdarme, und 
gegen Verdickung desselben , so wie gegen Ascariden leistete 
Herrn ^OPP folgende Con^position als KJystir angewandt^ Tor^ 
zügliche Dienste : R, Calomel. gr. I — Vf. Pult^, G, arab. Unc^ 
Sem. j^u.^ Fderian. rn. Unc. un. ei, sem, mdj. Auch bestätigt 
sich htfvf^^ Hrn. Verfasser die gute Wirkung 'des Sublimats in 
Klj^stiren gegen Ruhr. — 

S leihende KrankheitsconstUutiön Tp. tag). — 2?orax (p. 1 34) ^ 
Die schon langst^ .und namentlich aen Alten, sehr bekannte 
treffliche Wirkung dieses Mittels, auf dpn Uterus zu wirken, 
ohne dadurch Wallungen hervorzubringen , ist mit Recht vom 
Hm. V^''^^^^'^ ti'Iftig -dargestellt. Recensent }i'di hierfür sehr 
bemcrkensiverthe Erfahrungen aufzuweisen, und bedauert uiir, 
Ads in . neuerer Zeit auf dieses Mittel so wenig mehr geachtet 
wirtl! Vorzüglich hülfreich beurkundete sich iler Borax zu 
einigen Quentchen mit Chamilleuextract in einem aromatischen 
Wasser aufjgelpst, wenn Recens. die durch ausbleibende Wehen 
verzögernde Geburt zu beschleunigen hatte. — 

Stockschnupfen (p. 137.) — Scharlach fieher (p. i44»)- — 
Dieser Abschnitt enthält lesenswerthe Bemerkungen. -« Sckwc* 



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Sq\ Kopp Beobachtungen. 

JU (p. t84.)' Herr Kopp empfieUt mit ToUem R^lite dieses 
Mittel ali eines der liulfreichsten in Kinderkrankheiten. Gegen 
den Ketchhusten wirkt nach des Hm. Verfassers Beobachtung^ 
die Belladonna dann besser, wenn sie mit Schwefel verbunden 
i$t — Fereitetung des Herzens {i^. 189.) ein meirkwurdi^er 
Fall, — fVechselfieher (p. igS.). Der Herr Verfasser em- 
pfidilt unter den in neuerer Zeit gegen das Wechselfieber ge- 
rühmten Mitteln y die Hetha Lepidii rüder alis; es soll das Fie- 
ber sehr schnell verscheuchen, so dafs keine Ruckfalle entstun- 
den. — Magisterium BysmutfU (p. 198.^ — Vergiftungen mit 
Mohn (p. 201.) — Folgen der älierlicnen Lüstseuche für die 
Kinder (p. ao3/). Herr E^opp behauptet mit Recht, iiSs die 
Lustseuche von Vätern, die nicht ganz geheilt wurden, auf die 
Kinder übergehe und nicht blofs durch unmittelbare Ansteckung 
während der Geburt oder beim Saugen entstehe. Man beobach- 
tete daher an solchen Kindern anl Hodensacke, den äusseren 
Schamlefien und am Hinteren eine dunkle Röthe, die, von da 
aus immer fortschreitend, lichter oder gelblicher werdend, die 
Beine allmählich durchaus bedecke, und sich auch über den 
Oberkörper verbreite. Es sey eine eigenthiimliche glänzende 
ROthe, gleich dem Kupfer, und verlaufe sich ins Purpurfarbne. 
Die entzündeten Stellen fingen nun an zu nässen, und mifsfarbig 
zu werden. Die Oberhaut sondre sich ab, und beginne eine 
mehrmalige HäntuAg. So entstunden nun nach und nach fres- 
sende Geschwüre, Pusteln, Beulen, und Wairlen u. s. f. Der 
innere Gebrauch des versufsten Quecksilbers, so wie äusserlicK 
eine sehr verdünnte Auflösung des Sublimats verscheuchen dieses 
oft sehr gefährliche und langwierige Uebel oft sehr schnell uiui 
TollkommeH. — 

Osjgenirte SaUsÖJure (p. ^ij.)* Mit Vergnügen bemerkt 
bier Ree. dafs Hr. Kxfpp dieses ausgezeichnet gute fendermittel,. 
dessen Wirkung jener des Kalomels in mancher Beziehung gleich 
kommt, ohne die Naohtheile desselben zu verursachen, hier zur 
Sprache bringt Vollkommen übereinstimmend sind die Versuche 
des Hrn. Verfassers mit ienen des Ref. Bei dem heftigsten Zahn« 
fieber der Kinder müdeR es oft auf eine überraschende Weise 
die Hitze, so wie den heftigen Andrang der Säftemasse nach 
dem Gehirne, aus welchem so gerne die bösartigsten Nervenzu- 
> falle, namentlich Convulsionen, wtirzcln. Und weiche vortreff* 
Uche Wirkung dieses grosse Mittel im Scharlachfieber besitzt, 
davon lieferte uns unlängst Hr. Pfeufer die erfreulichsten Belege. — 
Ketchhusten (p. aai.). Der Hr. Verfasser häh die schon 
lange bekannte Belladonna für das beste und sicherste Mittel da- 
gegen, wünscht indefs, dafs man die Asa foetida in Pillenforni 
bäafi5«r dagegen gebrauchen möchte. Er verordnet sie am lieb- 



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Kopp Beobachtuogen« BgS 

{fteo abö: R. Asa» fogtiJL ^Iß. Mucü. O. artA. jt« s. utf.füuL 
N, 3o. Cofitperg* pult^, rad, Ireos florent. D, ad. vitr, M^^ 
fiebt sie den Kindern einzeln in Obstmufs. »Sechs Stück, sagt 
der Hr. Verf., täglich sah ich schon bedeutende Wirkung gegco 
den Husten vierjähriger Kinder äussern. Besonders hfilfreicb 
fand ich das Mittel , wenn die Krankheit nicht ganz neu war, 
und bereits andre Arzneien mit geringem Erfolge angewandt 
worden.c Hr. Kopp empfiehlt die Asa ßoetida vorzüglich . des* 
-wegen, weil sie ausser ihrer krampfstillenden Kraft auf den 
Husten , zugleich die Verdauung ^hält und stätkt, die Efslust 
yei^össerty und allgemein die Lebeusthätigkeit vermehrt. — Eine 
vorzugliche Zusammensetzung ist nach des Hrn. Verfs. häufigen 
[Erfahrungen die Verbindung vbn Belladonna, Schwefel, und 
Brecbwurzel. Für Kinder. von 3 — 4 Jahren: A Rad. Bello' 
donnat. gr. IL Rad. Jpecaciumh, gr. Ij3 — IL ßor. Sulphur. loU 
gr. tXUL Sacchar. loci. gr. VIU; AT. f. puh. Divid. in VlIL 
part. aequdl. D. S. Morgens, Nachmittags und Abends ein Stück 
zu geben. Mit der Belladonna wird nun nach und nach in der 
Gabe gestiegen. —» 

Fehler der körperlichen Conttitution (p.a3i.). Hier sucht 
der Hr. Verf. auf eine sinnreiche Art eine Classification der ver- 
schiedenen Krankheitsanlagen {%o möchte es lieber Rec. nennen) 
in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen zu gründen.—- 

Liquor Calcariae oxy^^muriaticae (p. a4o.). Ist ein neues 
Mittel zum äusserlichen Gebrauche gegen chronische hartnäckige 
Hautausschläge. — Delirium tremens (p,a5Z.). Hr. Kxyfp beobach- 
tete bei einem Weintrinker -diese Uebelsejnsformr Das Opium 
nadi der Vorschrift von Sutton half nichts, und nur die anti«* 
phlogistische Methode fieilte das UebcL -^— Mit dieser Beobach« 
tang stinunen die Erfahrungen des Recens. vollkommen überein« 
Denn Rec. beobachtete vor einiger Zeit einige solche Fälle bei 
ächten, und fast abgelebten Bacchanten, die anfanglich von einer 
Cholera befallen wurden. Nachdem diese mittelst eines Kolumbo« 
Decocts, dem dreissig bis vierzig Tropfen Opium beigemischt 
war, vollkommen beseitigt war, entstand plötzlich Delirium ire^ 
mensj tind jemehr Reo. dem Rathe Dr. Th. Sulton*s (m. s. 
Zeitschrift für psychische ^erzte, herausgegeben von Dr. Nasse, 
lahrg. 1819 p. 57a.) folgte, desto 4ibler ging es mit den Kran« 
ken. Daher griff Rec. zum.Oebrauche der Locher'schen Kamphor« 
mixtury die ebenfalls als ein Antiphlogisticum betrachtet worden 
darf, worauf sieb wunderbar schnell das Uebel verlor, seither 
gebraucht Rec. nie nlelir Opium gegen jene Uebelsejnsform. — - 

Schuizpöcken (p.a43*) — Liquor Argenti muriaiico-ammo^ 
liiati (p. 363.). Zur Bereitung dieses Mittels giebt der Hr. Verf. 
eine ausführliche VorKhrift an^ und fand ^ gegen einen «ehr 



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Sgl Kopp Beobaclitungea« 

liartiia€ki^«n Veitstanz bei einem' eilljSYirigen Jungen von setir 
schwächlicher Constitution äusserst bdlfreich, so, dais dadurch 
der Kranke innerhalb fünf Wochen wieder vollkommen herge- 
stellt werden. *- Rec. schätzt diese Erfahrung in jeder Rück- ' 
sieht, gkubt aber in dem Weit einüacheren salpetersauren Silber 
ein Mittel gefunden zu haben, das sich namenUich wegen seiner 
einfacheren Bereitung und seiner tief eingreifenden Wirkung 
gegen die hartnäckigsten chronischen Ncrreukrankheiten vor den 
meisten ' auszeichnet. So heilte . erst in dem verflossenen Spät-» 
jähre Rec. zVvei furchtbare convulsivische Affectionen bei zwei 
Erwachsetien mit diesem einfiachen Mittd innerhalb einigen Ta-' 
gen. Die Vorschrift, nach welcher Rec dieses herrliche Mittel 
gebrauchte findet sich in der neuen Samml. auserles. AbhandL 
zum Gebrauche pract. Aerzte» i.' Bd. p. iyS«, namentlich aber 
im 2. Bd. p. 362. — .\ , 

JVnisersucht der Gehirnhöhlen (p. 269.). Dieser Abschnitt 
ist einer der interessantesten und gediegensten des Werks. I|r* 
Äopp unterscheidet hier auf- eine sehr practischc Weise das Ab- 
dominal- und Betäubungs -Stadium. — SpeichMrüsenentzundunjt 
(p. 324* )• Im Jahr 1819 und 1820 beobachtete der Hr. Verf. 
eine sehr ' bösartige Epidemie dieser Krankheit^in Hanau, nach- 
dem VifMm vorher, das Scharlachfieber die Bühne verlassen hatte. 
SowoM Erwachsene, als Kinder, und namentlich solche-, dip 
dem Seharfeithe entgangen waren, wurden davon ergriffen.^ 

Gcckt (p.329.).' Untar die vorzüglichsten äusserliohen Mittel 
gf gen die Qichl empfiehlt der Hr. Verf. lauwarme Bäder aus 
Herha' Digitalis purp. Rhododend, Crysanth. von jedem drei 
Unzen, Herba H/oscjrami und Ciaitae, von jedem zwei bis drei 
Unzen , und Hei'ha, Sahinae von vier bis sechs Unzen. — Rec 
beobachtete ebenfalls die glücklichsten Wirkungen von soldien 
Bädern, die mit Heublumen und Hausseife bereitet wurden. Für 
Mittellose ist letztere Composition einfacher und mind^ ^heuer. 

Farietäten (p. 336.).^ Hier kommen nun verschiediene dia« 
gnosti^he und therapeutische Bemerkungen v;ur. — 

Zum Schlüsse bemerkt Receiis., dal's nur solche schatzbar« 
Beiträge, und ganz vorzüglich, wenn sie aus einer so reinen 
Quelle uiid aus den Händen eines so vielseitig gebildeten und 
erfahrnen Amtes kommen, wahrer Gewinn für die Wissenschaft 
sind, und je mehr solche dem ärztlichen Publicum übergeben 
werden, desto mehr eine Erfahrungsr Wissenschaft, wie die Ai-z-v 
neikunde^ bereichern helfen. f 



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N^ 57» Heidelberger 1822* 

Jahrbücher der Literatur. 



Beiträge xur gerichtlichen Psychologie von A. Meckkl, Pto^ 
fesjor der Medicin. Erstes Heft* Halle 48%o hei Carl 
Friedrich Schimmelpfennig, gr, 8* 4^6 Seiten, 
Auch unter dem Titel: 

Einige Gegenstände der gerichtlichen Medicin, hearbeitet von 
j4lbmmcht Msckml. Zweites Bändchen. 

Das Werlchen zerfallt in 3 AbsehntUe. 

/• Betrachtung der Hauptgrundsätze hei gerichtlichen Ent" 
Scheidungen aber Zurechnungsfähigkeit. S. 7 — 5il* 

Uer Grundsatz der nenem Schriftsteller: »das wesentliche Mo- 
ment bei Entscheidung über Zurecbnungsfahigkeit bei criminal- 
richterlichen Untersuchungen sej vorhandene Freiheit oder Un- 
freiheit c — wird von dem Verfasser einmal als nicht neu, als 
blois der Phrase nach 9 sondern in Hins zusammenfallend mit 
dem Momente geistiger Gesundheit oder Krankheit , und dann 
auch als nicht zureichend, sondern zu Widersprüchen führend 
dargestellt. Der Gang des Verfassers bezeichnet einen scharfen 
Denker. Er zeigt, dafs Laster, Leidenschaften, Wahn Und 
Geisteskrankheiten sämmtlich nur Eine Classe bilden, deren We- 
sen uberliaupt Unfreiheit sej. Die arztliche Erklärung, es sej 
Unfreiheit vorhanden, könne daher nicht hinreichen, über Zu« 
rechnuugsfahigkeit zu entscheiden; denn unter den unfreien Zu- 
standen sejen theils strafbare — Laster, Leidenschaften, Sün- 
den, theils nicht strafbare — die psychischen Krankheiten. Es 
BDusse daher zum forensischen Gebrauch eine Abtheilung in zwei 
Arten y <lie entschuldigende und die strafbare Unfreiheit gemacht 
werden. Er geht dann die bis jetzt aufgestellten drei Haupt- 
merkmale und Unterscheidungszeichen der beiderlei Art^n von 
Unfreiheit durch und zeigt ihre Unzulänglichkeit. Denn t) die 
Behauptung: den strafbaren Handlungen liege ein besiegbarer, 
den nicht strafbaren ein unbezwinglicher Trieb zu Gnind; a) die 
Annahme: das Von^tellungsvermögen des Gemüthsknnken sej 
in schwach, als dafs es möglicherweise die Idee, der gesetzli- 
chen Strafe habe fassen können \ und 3) der Heinrothsche Gruod- 
»au: in den Seeleustörungen (Gemüthskrankheiten) sey das Ge- ' 



67 



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8i)8 Meckd Beiträge lur gerlcktl. Psychologie. 

wissen völlig todt, während es in den Zuständen der Leiden« 
Schäften, des Wahns und der Sunde blofs sehlummerei **-* un- 
terliegen sämmtüch bei näherer Untersuchung Einwürfen , die 
Tom Forschungsgeiste äts Verfassers zeugen. Er stellt nun, 
doch mit vieler Bescheidenheit mehr nur problematisch und als 
lur fernem Würdigung geeignet , den Satz auf; Da die regel- 
widrige Stärke eines fesselnden Triebes bei den strafbaren so- 
wohl als bei den ~ entschuldigenden unfreien Zuständen statt 
.finde; so könne der Unterschied von beiden unmöglich in dem 
Grade, sondern müsse in der Richtung des Triebes liegen, so 
dafs bei der strafbaren Ubfreiheit sich ein regelwidriger starker 
Trieb vorfinde nach solchen Zwecken, wie sie den meisten Men- 
schen wönschenswerlh scheinen (z.B. nach Geld); dagegen bei 
der entschuldigenden Unfreiheit ein starker Trieb nach solchen 
Zwecken herrsche, wie sie kaum ein Anderer suchen würde, 
also ein idiosynkratischer Trid>, z. B. der Trieb zur Anlegung 
cbes grossen Feuers ohne andere Nebenabsicht 

Besonders sinnreich ist die S. 4^ — 4^. angestellte Parallele 
zwischen Laster' und Krankheit auf die Lehre der Crisis ge* 
stützt. Doch fallt es auf, wie diese Lehre, die aus der neu- 
modischen Arzneiwissenschaft ziemlich dragomadenmässig vertrie- 
ben wird, in der neumodischen Psychologie und Moralphiloso- 
phie als eine willkommene Refugiee ohne Pa£»bfttrderung so 
gastfreundlich aufgenommen werden soll. 

Unstreitig gewährt dies kleine Buch, nur schon in seineia 
ersten kleinen Abschnitte, eine neue Einsicht in das Wesen der 
gerichtlichen Medicin, wenn nicht sar in das innere Wesen der 
CriminaljutispfVidenz selbst; aber, leider! eine Einsicht, welche 
den Werth beider Wissenschaften mehr zu bezweifeln als zu 
begründen geeignet ist; offenbar gegen die Absicht des Verfas- 
sers, der seinem Werkchen, das er zur bessern Befestigung der 
wankenden Wissenschaft geschrieben, vielleicht einen ganz andern, 
als den von ihm beabsichtigten Werth verliehen hat, nämlich 
denjenigen, dalii es ^ als ein gründlich -gelehrtes und scharf ge- 
dachtes Büchlein I die Entscheidung der wichtigen Frage vorbe* 
reiten mufs: Ob künftig vor den Gerichten noch eine ärztliche 
Psychologie, ab milde Leiterin des Criminalrichters, geduldet 
werden könne oder nicht? Und in dieser Hinsicht erscheint dem 
Kecensenten die Arbeit des Verfassers von hober Wichtigkeit« 
Es mögen daher hier einige Bemerkungen des Recensenten viel- 
leicht nicht ganz am unrechten Orte stehen* 

Was den vom VerCeuser aufgestellten idiosjnkratischen «nd 
als solchen entschuldigenden Trieb betrifft, so entsteht die na-* 
türliche Frage: Warum soll ein schädlich wirkender idiosyn- 
luratischer unfreier oder unfrei machender Ticieb von der Strafe 



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Meckd Beiträge zur geridkih Psychologie. 899 

Befreien y während ein eben $0 uulreier Trieb, blofs weil er 
ein gemeiner ist^ strafwürdig machen soll? Unstreitig hat der 
Verfasser die bisher in der gerichtlichen Psychologie obwaltende 
Schwierigkeit fder Entscheidung nicht geldst, aber auf ejne ge- 
schickte Alt ans dieser Wissenschaft hinweg und in die Crimt- 
nal Jurisprudenz hinüber geschoben. Diese letztere mag es ver- 
antworten, wenn sie auf das Geheifs der ersten die eine Un- 
freiheit ' schont und- die andere eben so grosse Unfreiheit straff, 
und zw;ar, wie der Criminalßille manche vorkommen können, 
mit Feuer und Schwert straft. Ob sich diese eine solche Auf- 
wäUung von einer blofs Sitz ohne Stimme habenden berathenden 
Wissenschaft blind gefallen lassen und ob sie den gcrichtsarztlt- 
chen Ausspruch respectiren und exequiren werde : in dem einen 
g^ebenen Falle liege ein idiosjnkratischer unfreier und aU sol- 
cher von der Strafe frcf zu sprechender; in einem andern Falle 
ein gemeiner unfreier und eben darum zu betrafeuder Trieb zu 
Grcmd, — das steht zu erwarten. Ein innerer Grund, den 
unfreien gemeinen Trieb zu verdammen, und den unfreien idio- 
sjnkratischen zu verschonen^ ist wenigstens nicht vorhanden. £Ia 
äusserer Grund könnte von der Kraft des Bcispielnehmens an 
der Strafe, die dem öfter vorkommenden gemeinen Trieb an- 
gedroht ist, hergenommen werdien. Aber wenn, wie der Ver- 
£isser annimmt, von 4^ vorgekommenen Crimiualfällen 4o in 
ofienbar entschuldigender Unfreiheit gegründet waren, so ver-* 
halt sich also, wenigstens in den gerichtsärztlichen Acten, der 
unfrei machende idiosjnkratische Trieb zum gemeinen unfrei 
machenden Trieb wie 4o zu 2; und es wird dann in Zukunft 
der idiosjnkratische Trieb in den Criminalprocessen so vorherr- 
schend werden, dafs kaum ein Fall mehr vom gemeinen Triebe 
wird aufkommen können; wie ohngefähr seit der Epoche der 
Nervenfieber kaum ein Eotzündungsficber mehr zum Vorschein 
kommen durfte« So pflegt es mit den theoretisch - ärztliclien 
Aosichten zu gehen! Schon thut es Noth, dafs man, sonderbai: 
genug ! nicht mehr auf ein Polizei - und Strafgesetz , sondern 
auf ein ärztliches Spepificum gegen den idiosynkratischen Brand- 
sliftungstrieb sinne, der epidemisch zu werden droht und als 
ein Sjrmptom der £ntwickl(Uiigskrankheiten in der Pathologie 
und Therapie aufgeführt werden dürfte. 

Die Freiheitsansicht des Verfass. ist, gegen die herrschend« 
Philosophie, im Grunde deterministisch. Er sagt S. 39.: YUeber^ 
all zeigt sich ein Schein von Freiheit, überall verschwindet er 
bei näherer fietrachtiiug , die höchste Freiheit der Vernunft bt 
on Gebundenseyn durch das Moralgesetz. Die mittlere Freiheit 
(der grossen Menge) ein Gebundensejn durch das Staatenge- 
«etz; die niedrigste Freiheit (des Irren) ein QeliHindensejm durch 

57* 

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1)00 Meckel Beitrage zur gerichtl. Psychologie. 

das plijsiscKe Cleseti, Die letztere gilt im juristrsdieD Sioite för 
Unfreiheit.c — Auch S. 17. ist es keine wahre Freiheit, die er 
definirt, wenn er »die Fähigkeit des IV^enschen durch Androhung 
der Sittlichkeit mit der Schande und der Gesetzgebung mit an- 
dern Strafen, zu einer Vorstellung zu gelaugen, die kräftig ge- 
nug sejy die mit dem Wohl des Ganzen unvereinbaren Triebe 
niedergedrückt zu erhaltende — moralische Freiheit nennt. Eine 
uns Furcht vor äusserer Schande oder Bestrafung unterlassene 
schlechte Handlung ist ein Act — nicht der Weisheit der Ver- 
nunft/ sondern dtsT l^lugheit des Verstandes, der durch sinnliche 
Motive in Bewegung gesetzt wird und sich also passiv, nicht 
frei verhält. 

Ueberhaupt berechtigt die vorliegende Schrift, die theils 
mit Wissen und Willen des Verfassers, theils mehr noch ihm 
unbewufst, den Widerspruch der Freiheitslehre in der gericht- 
lichen Psychologie zuerst klar aufgedeckt hat, den Recensenten 
zu der Bemerkung : dafs der heutzutag überall überhand genom- 
mene Einflufs der speculativen Philosophie auf die übrigen prac- 
tischen Wissenschaften sich vielleicht in keinem Puncte so weit 
verbreitet, aber auch so unfruchtbar, vielleicht selbst nachtheilig 
ausgewiesen habe, als in dem Dogma der absoluten Freiheit 
dem Steckenpferde der heutigen Philosophie. Ehemals stritten, 
sich die gröfsten Denker dafür und dawider und erkannten zu- 
letzt beiderseits die unüberwindliishen Schwierigkeiten in dieser 
Lehre. Heutzutag ist endlich dogmatisches Licht geboren und 
aHer Skepticismus zu Grab getragen worden , so dafs jedes 
Compendütm in jeder grossen oder kleinen Wissenschaft von 
absoluter Freiheit, als dem obersten Dogma, ausgehen mufs« 
Der innere Widerspruch, wohin endlich diese Nichtachtung des 
dem menschlichen Geiste eingebornen philosophischen Skepti- 
cismus und diese geduldige Hingebung in die Fesseln des Dog- 
matismus führen mufs, zeigt sich am klarsten, aber auch am 
ominösesten am Beispiele der gerichtlichen Philosophie. Von 
absoluter Freiheit, vom Indifferentismus, als dem obersten Grund- 
sätze wird ausgegangen, und — Unfreiheit des verstocktesten 
Bösewichts wie des tollsten Narren is^ das, den obersten Grund- 
satz der Lüge strafende, Resultat und Ende. Nach der einmal 
gegebenen theoretischen Richtung kann , trotz dem sublimen An- 
lang zu philosophiren, der gerichtliche Arzt in keinem Falle von 
wirklichen Verbrechen mehr Zurech nungsfahigkeit statuiren, und 
▼om Richter um Rath gefragt, mufs er stets die nämliche Rolle 
des Verneiners spielen; und der Criminalrichter, wenn er seine 
Hände nicht ruhig in Schoos legen oder alle Verbrecher ins 
Irrenhaus decretiren soll, dürfte endlich der alles verneinenden 
Logik des gerichclicben Arztes müde, im Ueberdrofs alle Ver- 



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Meckel Beitrag« zur gerichtl. Psychologie. 901 

brecher tuid alle Narren ohne Unterschied mit gleicher Schärfe^ 
uud sej es die Schärfe des Schwertes, abstrafen. Dahin also 
hat es, nicht etwa der Skepticisinus in der Philosophie /son* 
dem der Dogmatismus gebracht , dafs jcndlich die menschen- 
freundliche gerichtliche Psychologie, als sleU (gegen ihren ober- 
sten Grundsatz) die Unfreiheit des Veibrechers laugnend und 
xum directen Gegensatz des rohesten Determinismus führend, und 
daher der Criminal Justiz den Tod drohend, von der zuvorkom- 
menden Criminalgesetzgebnng ihres Amtes entsetzt und sie selbst 
xum Tod verurtheilt Werde\i durfte; und dafs dagegen auf der 
andern Seite die Criminal Jurisprudenz, jetzt allein rotirend, Ge- 
fahr laufen dürfte, in ihre alte Barbarei zurückzufallen und den 
Schwur auf die Carolina als die allein heilige Justiz -Norm zu 
erneuern« 

Und so ist es also, nach des Recensenten Dafürhalten, die 
philosophische Lehre der moralischen Freiheit, — dieses tbeurc 
und heilige Räthsel, welches im Skcpticismus als ein übersinn- 
liches, unbegreifliches Dogma, gleich einem Stern aus einer 
hdhern Welt herabstrahlt und den kühn - bescheidenen Zweifler 
himmlisch beschämt; welches aber im Dogmaticismus zum skep" 
tischen Anstois herabgezogen wird und durch seine unauflösliche 
innere Widersprüche den stolzen Gewifs - Wissenden (wenn er 
anders mehr nur als Phrasen denkt) höllisch niederschlägt; — 
die Lehre Vier moralischen Freiheit, und zwar das Dogma der 
absoluten Freiheit des Sinnehmenscheu ist es also, welche, pro- 
£inirt und in die gerichtliche Medicin mit positiver Gesetzeskraft 
überttagen, endlich die 'Verweisung dieser schönen und milden 
Wissenschaft aus den Gerichtssalen herbeiführen und ihr das 
Exil, unter polizeilicher Aufsicht, im Reiche der gelehrten Träume ^ 
anweisen wird. Recensent stimmt daher ganz in den vom Verf. 
S. 16. angeführten Satz Hoffbauers: (»Die metaphysische Frage 
▼on der Freiheit kommt in criminal -ftechtlicher Hinsicht gar nicht 
in Betracht , sondern der Mensch ist dem Criminal - Richter 
frei, — wenn er diesen Ausdruck gebraucht, — welcher der 
Abschreckung durch Strafgesetze fähig ist; unfrei dagegen der, 
auf weichen eine solche Abschreckung nicht wirken kann, ent- 
weder weil er nicht vermögend ist, die Strafe als eine Folge 
seiner Handlung zu erkennen, wie der Blödsinnige, oder weil 
ihn ein unbezwinglicher T^ieb hinreifst, wie bei der Wuth.c — 
Zwar erhebt der Verfasser Zweifel gegen die allgemeine Gül- 
tigkeit dieses Hoffbauer^schen Satzes; diese sind jedoch nicht 
Yon der Art, daüs sie die Richtigkeit desselben in 999 von tooo 
Fallen umstossen könnten. Krankheiten sind der Vorwurf des 
Arztes, nicht Hypothesen; psychische Krankheiten drr Voiwurf 
des gerichtlichen Arztes, nicht philosophische RäthseL 



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go2 Meckel Beiträg^e zuk* gerichtL Psychologie. 

//. AerztUch gerichtliches Gutachten über eine 46jährige 
Brandstifterin (S. 53 - 433.). ' 

Dieser Criminaifall stellt eine 'wunderbare Ansehung von 
Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Wirklichkeiten und Erdich-, 
tungen von Seiten der luquisitin auf; aber die Wiridichkeiten 
und Erdichtungen wieder io in ein Dunkel eingehüllt, dafs es 
endlich xweitclhaft bleiben mufs, oI> Geistes -Verwirrung oder 
die gröfste Bosheit, doch sehr wahrscheinlich die letztere, den 
Grund davon enthalte. Ist der Fall a|i sich sehr schwer, un^ 
ein bestimmtes ärztliches Urtheil zu (allen, so wird er noch ver- 
wickelter durch den Vorsichtigen, über jeden Schritt sich recht- 
fertigenden Gang der ärztlichen Untersuchung und die selbst 
gemachten Schwierigkeiten hinsichtlich der Ausnahmen, die bei 
jeder Anwendung eines ärztlichen Grundsatzes aufgestellt werden.. 
Hier zeigt es sich klar, wie Gelehrsamkeit, Gewandtheit und Scharf- 
sinn des gerichtlichen Arztes in den meisten Criminalfallen, doch 
J'e verwickelter desto eher, dem positiven Criminalgesetz ein 
uicht — sey es auch nicht das Lich^ der Wahrheit — vorhal- 
fen und dem Falle diejenige Wendung geben kann, die ein ge- 
fühlvolles Herz vorher schon besclilossen hatte. Nachdem in dem 
vorliegenden Falle erst mit grosser ' Schärfe die Erdichtungen 
der Inquisitin ins Klare gesetzt worden , so nrafs endlich die 
auf witlkiihrliche Deutungen gestützte Annahme cin^ krankhaften 
idiosjnkratischen Brandsdftungstriebes den glucklichen Ausgang 
aus dem Labyrinthe darbieten. 

Gerade also, wie es Krankheiten giebt, gegen die man heut- 
zutag fast untrügliche Mittel erfunden hat, und die früher gewifs 
tödtlich abgelaufen sejn würden, z. B. der Croup, die, hitzige 
Himwassersucht ; so würden auch höchst wahrscheinlich manche 
Verbrechen, wie z. B. das vorliegende (wenn .nicht in Aer Ju- 
gend selbst ein natürlicher Begnadigongsgrund gefunden würde), 
in früherer Zeit, als die ärztliche Lehre vom krankhaften Brand- 
stiftuiigstriebe noch nicht erfunden war, criminell geendet haben. 
^ Den Menschenfreund mufs es allerdings freuen , wenn er die 
äussere Criminaljustiz sich dem Erfindutigsgeiste der gerichtlichen 
Arznei Wissenschaft fügen sieht Inzwischen darf denn doch nicht 
alle M^ral umgestossen werden, und die setzt zwischen Trid, 
%ay er auch krankhaft, und ThiU eine grosse Kluft; zwischen 
beiden liegt entweder Wahnsinn, der natürlich frei spricht, oder 
verstockte Bosheit und Schadenfreude im Hintergrunde. Wahn- 
sinn mufs aber erwiesen oder wahrscheinlich gemacht Verden. 
Hier möchte die Unfähigkeit der Abschreckung durch Stra%e- 
setze ein Haupt - Criterium seyn. Diese Unfähigkeit, bei etwa 
sonst fehlenden übrigen Zeichen des Wahnsinnes, möchte sich 
aber nur schon in der Alt der Ausführung des Verbrechens au 



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Meckel Beiträge zur gerichtL Psychologie. ()o3 

Tag legen; in solern es nämlich ntcht heimHch gesucht und 
uicht schlau berechnet , sondern offen und lUigestum mit Hint- 
ansetzung aller Gefahr , welche der unhezwingUcke Trieb Ats 
Wahnsinnigen nicht in Anschlag bringt, verübt worden ist« We- 
nigstens von der Art nur ist Pkid^s Manie ohne Verstandesver- 
'vrirrung. Freilich ist der Wahnsinn oft aucli höchst hinterlistig; 
aber um in einem gegebenen Falle den hinterlistigen Wahnsinn 
2U erhärteni dazu reicht doch das hinterlistige Verbrechen selbst 
nicht aus, sondern er mufs als Ursache der That anderwärts er- 
"W lesen oder doch wirklich wahrscheinlich gemacht werden. 

Sej es aber auch , dafs die« Henke^sche Lehre vom Brand- 
stifiungstriebe, als einer Form der Entwicklungskrankheiten, wie 
sie allerdings scharfsinnig erdacht ist, eben so auch in der Wahr- 
heit gründet sej, — was noch fernerer Beweise bedarf, — 
so ist zwar diese neue Erfindung der Legalmedicin unstreitig 
Ton grosser Wichtigkeit und ihrem Erfinder gebührt unvergäng- 
Iteher Ruhm; auch ist dann ein solcher erwiesener vorhandener 
Trieb ein Milderungsgrnnd vor dem peinlichsten Richter ; immer 
aber bleibt, so wie auch bei den Gelüsten der Schwängern, 
eine grosse Kluft zwischen dem blossen bösen Trieb und der 
wirklichen heillosen That; oder aber alle Moral ist eine Fabel; 
denn die hat eS gerade mit Bekämpfung heftiger und sündiger 
Triebe zu thun. n 

///. yersiich einer systematischen Ueber sieht der 
gerichtlichen Psychologie^ 

Der Verfasser setzt dem strengen Urtheil Reils über die 
gerichtliche Medicin, »dofs sie vielmehr eine aus ganz verschie- , 
deoartigen Stücken zusammengetragene Masse als eine wohlge- 
ordnete systematische Wissenschaft sey« — ein feines, tief ein- 
gehendes Käsonnement entgegen, wobei er der Heiilroth'schen 
Idee huldigt; dafs bei allen kranken Rörperzuständen der Geist ^ 
das ursprunglich Leidende sey. Die Beziehung der Psychologie 
zur Rechtspflege ist schön und gründlich auseinandergesetzt; 
wobei er zuletzt, indem er wieder auf die Unfreiheit des Ver- 
brechens stöfst, die überall vorauszusetzen sey und also nichts 
entscheide, auf Gemüthskrankheit zurückkommt und die Beur- 
Cheilung der Ursachen des gemüthskranken Zustandes als das 
wichtigste Moment des ärztlichen Geschäftes aufstellt und auch 
in diese Untersuchung eingeht. 

Der Titel des Werkchens verspricht eine Fortsetzung. 
Diese ist um so eher sehnlich zu irünschen, als aus der Feder 
des Ver&ssers nur Wichtiges für die Wissenschaft fliessen kann. 
Sej es auch, dafs Recensent, vielleicht mit Unrecht und aus 
Mifsverstandnisse, dem hier schon mitgeiheilteii Wichtigen eine 
andere Wendung und einen andern Werth, als den vom Vor- 



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9o4 K.M.E.Fabricius. üeb. Unfug a. t Üniremtäten. 

fasser beabsichtigten, beigelegt habe; so bleibt nichts dcalo W€* 
niger das vom V^asser Gesagte immerhin höchst wichtig, ja 
entscheidend für die Wissenschaft, ßir oder gegen die er, so 
scharf denkend, geschrieben hat 

Dr, Friedrich Groos 
in Pforzheim. 



Üeber den herrschenden TJnfug auf t tut sehen Uni- 
njersitätcn, Gymnasien und Lycäen, oder: G«- 
schichte der academischen f^erschwörung ge- 

. ,^n Königthum, Christenthum und Eigenthunu 
(Motto: Fitam impendere Vero) "von Karl Moriz Edü^ 
ARD Fabricivs, cAem, Stifiscapitularen zu Set, Guido und 
Johann in Speier, nunmehr GrofsherzogL Badischem BibUo'- 
thekar in Bruchsal^ Mainz 48%a auf Kosten des Ferfs., 
hei Joh. ^Firth. 48^ S. in 8. 

Wie der Verf. sein Leben für die Wahrheit verwendet habe, 
zeigen die nachfolgenden Auszuge. Er hat indefs, als »Bekehrcrc 
im Gorrectionshause zu Bruchsal, sein Leben geendet. Um so 
mehr erfüllt Rec. den Grundsatz uusers Instituts, über Schrif- 
ten der Inländer mehr zu referieren , als zu urtheilen. Hier 
sind Proben des Inhalts zum Urtheil genüge Aber Proben, was 
sich dieses Schriftchen wider die teutschen Universitäten erlaubt 
hat , giebt doch mit Recht das Journal der dem Verf. nächsten 
Universität zunächst. Denn Stillschweigen wird oft für ücber- 
wiescnsejn und Yerstununen ausgedeutet. Und nicht unabsicht- 
lich ist diese T^Geschichte (!) der Academischen Verschwörung- 
gegen Königthum , Chrii^^nthum und Eigenthum allen Fürsten 
des heiligen Bundes namentlich, nebst ihren treuen Staatsdienern, 
Ministern und Gesandten gewidmet. Verläumde keck! es bleibt 
immer etwas hangen! ist ein nur allzu wahrer Grundsatz auch 
der Erdichter solcher Ferschwörungsgeschichten. — Rec giebt 
die Proben wörtlich und Wie sie im Buche auffallen: 

S. 46. »Luther, der ehrliche, gute Luther, (!) eiferte nicht 
/ mit Unrecht wider die hohen Schulen (welcher Zeit und Art?) 
dafs sie niemand erfunden habe,, als der Teufel selbst, und zwar 
in keiner Absicht, als die christliche Wahrheit zu unterdrückeu.c 
S. 20. »Im Fache der Pädagogik lieferte der Humanismus und 
der Philanthropismus den erbittertsten Kstm]pL€ — Wo war dort 
je Erbitterung? — S. 23. »In unsera verhängniüsvolien Zeitea 
entstand vor unsern Augen ebe unheilbare, meist aus Gottes^ 



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ILM.E.Fabriciu5. UeberOnfoga. t. Universitäten. goS* 

ISjugnem, Färstenfeinden , Pfaffen ^ (?) und Adelshassem beste-' 
hende Gelehrten ^ Republik.^ (Pfaffenhasser können die wahr- 
sten Verehrer der geistigen Geistlichkeit sejn). S. 34« >/« yV- • 
dem Menschen j auch in. dem Besten, steckt ein Robespierre, ein 
Sulla, eia Marius. S, 44« rühmt Joh, G, Heinzmanns Appell. 
an Meine Nation über Aufklarung und Aufklärer etc. Bern 4yg5 
546 S. ( auch auf Kosten des Verfs., das heifst oft : auf Kosten 
geschäftiger Nichuufklärer) als Beweis, dafs die hommes de 
L>ettres sammt und sonders auf eine wiiste Insel zu verbannen 
wären. 9 Werden denn unsere Regierungen, ruft S. 95. nic-^ 
mals erwachen? € Sie sollen sich von dem Dasejn und der 
M^itth einer literarischen RevoliitionscUque überzeugen. S. 47» 
Fichte mufste nicht blofs auf geheimen Befehl der Clique; sou-. 
dem sMst unter Begünstigung und den Auspicien eines bekann- 
ten C?J Kahinets in seinen Beiträgen zur Beurtheilung der ür- 
theile über die franzos. Revolution die Lehre vt)n den Verträgen 
und dem Eigenthumsrecht zweifelhaft und lächerlich machen.c 
TDie Beiträge wurden noch, da Fichte ganz unabhängig in der. 
dchweiz lebte, verfafst). S. 49« ^Schh wahr scheiidich war es 
kein blosses Gerücht, womit man sich datoals herumtrug : Fichie 
%ey wirklich höhern Orts beauftragt j fetirt und salarirt wor- 
den, die säubern Finanzoperationen, die man mit dem reichen 
Adel ^nd Klerus vornehmen "Rollte, zum voraus zu rechtfertigen 
und allgcdiein zu empfehlen. Wie hätte ein elender Sophist, 
wie Fichte, es sonst wagen dürfen, . . wenn er keine höhere 
Stütze und Impulse gehabt hätte?« (Infamie!) S. 5i^ i^Aile monar^ 
ckische Regierungsformen, eingeschränkte und absolute wurden als 
unkluge, widerrechtliche ... in die Acht erklärt.« S. 74. »Rous- 
seau selbst, wenn er noch lebte, würde unsern rebellischen So- 
phisten eine derbe Lection gegeben haben. Der gute Jean- 
Jacques explicirte im Contract social L^ L Ch. 6. seinen Satz: 
Tout Gouvernement legitime est republicain, selbst, um allen 
Mifsverständnissen vorzukommen: pour etre legitime, ü ne Jaut 
pas , que Ic Gouvernement se confotide avec le SouvcrcUn, 
mms qu'il en soit ministre, • »Davon aber wollen unsre teut- 
schen Revolutionäre und Pamphletenschreiber nichts wissen. 
Ihr Monarchenhafs ist weit giftiger und tödtlicher • . als bei den 
Franzosen.« (Und doch ist unverletzliche Erhabenheit des sou- 
Terainen Staatsoberhaupts über verantwortliche Minister-Grund- 
artikel aller teutschen Constitutionen!) S. 77. »Heiliger Teufel! 
bitte für deine Kollegen in Menschengestalt, die Dich an Sata- 
nitäe und Hollenkraft weit, weit übertreffen.« S. 87. »Die Ma- 
gistraturen und literarischen Lumpenhunde waren schon ernannt, 
die nach Paris reisen und im Namen des ostfränkischen, west- 
phälischen, und sächsischen Volkes das Directorium zu Gevatter 



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'9o(V K.M.E.Faliriciu9. lieber Unfug a.t. Universitäten. 

fOr die neuen Lumpen - Republiken in Teutsdiland bitten soll- 
ten, als — der Erzherzog Karl (}) der Reichsexecutions - und 
Secularisations - Armee (?) einen Strich durch die Rechnung 
machte und durch Sprengung (??) des' Congresses zu Rastadt 
zugleich den Aftercongreß zu Gotha sprengte, wo sich, sicherm 
Vernehmen nach, die Häupter der tcutschcn literär. Revolutions- 
clique nächtlich auf die dasige herzogliehe Sternwarte versammel- 
ten, um • . ein Ober » Revolutionstrihiinal ßir das unglückliche 
TeuUcfdand zu formieret. .« (Eine so bestimmte, crasse De- 
nunciatlon miifstc entw. erwiesen Werden können oder als Inju- 
rie bestraft werden. Dem letztern ist der Verfasser entgangen). 
S. 89. >Es ist wahr, auch Menschen von Stande . . können 
sich auf einem hohen Posten vergessen ; aber sie kommen ^doch, 
sobald Reiz und Veranlassung aufhören, von ihren Verirrungen 
bald zurück und machen durch eine angeöorne LojrautS oder 
durch einen, mittels guter Erziehung eingeprägten Eddmuth das 
Vergangene hinten her wieder gut.« S. 98. Die französischen 
Philosophen traten aus dem geheimen Verschwörungsbund.. im^/v, 
teutschen Phäosophen hingegen . • sind so wenig geneigt, von 
ihren Anmassungen abzustehen, dafs sie durch stille Revolution 
das zu betreiben suchen, was sie mit offener Gewall nicht er- 
zwingen können.« S. 94. ^Sohald also Vermögen des Staats- 
»bürgers und der Kirche (es sind nur noch die Pfarrguter übrig, 
»Ort welche jetzt die Tagesordnung kommt) ein Gegenstand Ac% 
»Staatsbediirfnisses wird; so hört jeder, auch der legalste Besitz 
• •auf.« S. 96^ »Es erschien vor mehreren Jahren gerade in 
dem Zeitpiinct, wo die verbündeten Heere das revolutionäre 
und revolutionirende Frankreich bekriegten, ein Joufualßir Rf* 
gcnten und Völker (??) welches gailz d^irauf angelegt war, den 
Muth der Ofliciere niederzuschlagen und sie gegen ihten Sou- 
verain, wie gegen den Kampf der gerechten Völkersache, kalt 
und treulos zu machen. Der Redacteur und Verf^ der meisten 
Aufsätze (??) lebt noch in Ehre und grossem' Ansehen und 
zwar in einem bedeutenden Kfjnigreiche, dessen spätere Provin- 
zen er fruherhin dem Erbfeinde des teutschen Namens, den 
Franzosen, verrathen hatte.« u. dgl. m. 

Endlich enthüllt es sich von S. i52. an, warum all diese 
Galle, »per ungeheueistc Wahn, wovon unsre 'geschwornen 
Christus ' und FOrstenfeinde befangen sind, ist: dafs der gesun- 
kenen Menschheit letztes Heil in einer öffentlichen liberalen Er^ 
Ziehung zu suchen sej, welche, nach Grundsätzen der reinen 
und angewandten Vernunft entworfen, unter dem kräftigen Bei- 
stand des Staats von eigenen Schulmännern , unabhängig Tjon 
der Macht uud dem Einßu/s der Priestercaste müsse ^gelehrt und 
aas|^eübt werden.« Hier entsinkt mir die Feder, schreibt der 



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K.M.E.Fabricitts« UeberUdlbg a. tUniTersitateii* 907 

Terfasser. Daher frcüich hat Er schon in seinem »Schaden Jo- 
sephs« alles unverbesserlich gefunden , wenn nicht die Regenten 
den Bisehöffen ihr i^angebornes Recht, Curatoren der Universi- 
täten, Gymnasien und Schulen« zu sejn, zurückgeben oder wenn 
die Bisehöffe zugeben würden, dafs dieses Recht ihnen vorent- 
halten bliebe. Allerdings kann unter den Bisehöffen ein Franz 
Ludwig von Erthal, ein .* . • . seyn, Männer, denen ein sol- 
ches Recht, weil sie es durch Pflichterfüllung verdienen würden, 
aufgetragen werden konnte. Aber dafs man deswegen ein ange- 
borenes habe, weil man Bischoff, Priester, Sjstemstheolog ist, 
dies wird man in teutscheu Ländern so lange nicht glauben, als 
die Wjihrheit nicht vergessen wird: Inspicteren kann die Leh- 
rer nur der, welcher selbst ein vorzüglicher Lehrer zu scjn 
vermöchte! Solche Legitimationen zu jenem Rechte hofft der 
Verf. selbst nicht. Sie könnten entstehen, wenn bei der romi- 
schen Institution immer nur eine erwiesene gelehrte Selbstbil- 
dong und Bildung für Volksbelehrung der höchste Entschei- 
dungsgrund der bischöfflichen Befähigung wäre. Aber ^Ener 

träumt S. j88. der Vf. einen Merciers - Traum^ dafs noch vor 
244o d^^ Universitäten, wie die Klöster (\) aufgehoben und alle 
Schriften der Sophisten wie Lucaszettel verbrannt werden soll- 
ten.« Wenn sie sich so entbehrlich, wie die meisten Klöster, 
«ud so schädlich, wie die Lueaszettel, beweisen, wird gleiches 
Schicksal nicht ausbleiben« Indefi^ — gab Rec. diese Auszüge aus 
des Y£i. correctionshausartigem Verschwörungstraum, damit man 
nicht blofs den Titel, sondern wenigstens den Hauptinhalt allge- 
meiner kenne. Schmähschriften kann man nicht zu niedrig herabhän- 
gen, nicht allzu bekannt machen. Sie kennbar machen heifst 
sie widerlegen. Auf Abh6 Barruel, des Verfs. Geistesverwand- 
ten in der Zeit^eic^iicA/forschung, beriefen sich Hunderte, die 
nur den Titel seiner vier Bände gehört hatten. Wer las, was 
er im Buche selbst Mes /abricirt hatte, konnte, auch wenn er's 
wollte, nicht mehr glauben. Unser Verfasser scheint vieles der 
Histoire des Sociites secretes en AUemagne et dcuis d'autres 
coutrees. Paris 4S4g nachgearbeitet zu haben. Dergleichen »Ge- 
schichten« müssen gewöhnlich, ihres höhern Zieles wegen, im 
französischen Hont goüt tradiert werden. 

Ä E. G. Paulus. 



Lehrbuch der Landwirt hschaft von Johjnn Borger (der Heü-- 
künde Doctor, ordentL öffentL Lehrer der Landwirthschaft 
und Thierarzneikunst am Lyceum zu Klagenfurt u. x. w,J 



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Do8 J. Burger Lehrbuch der Landwii^hschaft. 



Es 



Ä Bde, gr. S. Wien 48ig und 48%4. 34% tt^ 4oo Set' 

ten, g ß, %o kr. 



Ls ist kaum einem Zweifel unterworfen , dafs unter den Vcr- 
scliiedenen Classcn literarischer Erscheinungen gute Lehrbücher^ 
direct eine der niitzliehsten , um nicht zu sagen, die nutzlicliste 
sejren, weil sie ein ganzes wissenschaftliches System darstellend, 
geeignet sind in viele Hunde zu kommen, und weil $ie -auf mehr-« 
falligere Weise als die übrigen Schriften zum Unterricht*; brauch- 
bar sind. Allein wenn es überhaupt ein^ der schwierigsten Auf- 
gaben ist, bei , complicirten Wissenschaften gute Lehrbücher ziv 
bearbeiten, so trifft dieser FalL insbesondre bei den Erfahrungs- 
wissenschaften und namentlich der Landwirthschaft ein ; da solche 
sich in theoretischer Rücksicht auf so vielfaltige andre Wissen- 
schaften allenthalben stützen, und sie nebst dem noch eine gleich 
wichtig« practische Seite haben. 

Hundert Jahre sind noch nicht verlaufen, seit dem man an- 
gefangen landwirthschaftliche Vorträge auf Universitäten zu hal- 
ten. Beckmann Jiat sich schon vor einem halben Jahrhundert 
das Verdienst erworben, sie von den Caraeralwissenschaften als 
eigene Disciplin ausgeschieden und so endlich den ersten Grund 
zu ihrer wissenschaftlichen Fortbildung gelegt zu haben. Allein 
zu seitdem Compendium war das Princip der Landwirdischaft: 
Erwerb, nicht streng genug aufgefafst noch gehörig durchgeführt ; 
es gfich mehr einem Aggregate einzelner Satze aus versdiiedenen, 
namentlich den Naturwissenschaften. Thär war es, welclicr vor 
etwa einem Decenniunp, auf seine gleich vollkommene theoreti- 
sche und practische Kenntnisse in der Landwirthschaft gestützt, 
und die Beobachtungen anderer, die er zum Theil veranlafst 
hatte; zu Hülfe nehmend, sich der erste jm Stande sähe, uns ein 
ausführliches System zu bieten. Aber noch mangelte uns ein 
gutes Lehrbuch der Landwirthschaft, obgleich die CompeMdiett 
tat die Vorträge über dieselbe sonst eben nicht selten sind. 

Der erste Blick auf 'unner vorliegendes Werk ergiebt so- 
gleich, dafs solches alle frühere Lehrbücher weit hinter sich ' 
lasse. Allein* wenn man als Bedingnisse eines guten Lehrbuches 
der Landwirthschaft festsetzt: 

Dafs darin die gainze Lehre sich in vollkommener systema- 
tischer Einheit darstelle, dafe theoretisch mit der strengsten Con« 
Sequenz die einzelnen Theile und Sätze aus wenigen Grund- 
principien entwickelt, und darauf sämmtlich zurückfährbar jBejo, 
d^s die vollständige Uebereinstimmung der Theorie mit der Er* 
falirung überall dargelegt worden , dafs das Ganze überdies so 
geordnet und vorgetragen werde, damit es für sich schon klar 
und -leicht verständlich y dariun nicht allzu abgekürzt^ und ange- 



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^.' / 



J. Barger Lehrbuch der Landwirthschafti ijog 

nehm zu Ijgicn seyc, — dann yerdient den Namen eines guten 
Lehrbuches, das vorliegende in sehr hohem Grade. Vorzüo^üch 
«berrascht da, wo die Beantwortung mancher Fragen schwieri- 
ger geschienen hatte, häufig die' hohe Einfachheit und Natüt- 
licbkeit des Weges, auf welchem Solche gegeben wird. 

Der Verfasser selbst, durch sein rühmliches Wirken und 
4 seine Schriften längst bekannt, der Theorie, und, was bei Leh- 
rern der Landwirthschaft weit seltener, der Praxis in gleichem 
>laafse mächtig j hat als Lehrer am Ljceum zu Kbgenfurt seit 
4o Jahren die Arbeit begonnen, die er hier dem Publicum vor^ 
legt, und ist nun zum k. k. Gubernialrathe in Triest befördert, 

Seine Quellen sind durchgehends landwrrthschaftliche Ori- 
ginaJwerke. Mit strenger Kritik ist das Brauchbare daraus ent- 
nommen. Allein er hat keinesweges blofs' fremde Arbeit zusam- 
mengestellt, sondern ausser denf Theoretischen aus eigner Fülle 
solchen Reichthum der Erfahrungen hinzugefügt, daTs das Werk 
schon darum ein sehr werthvolles bleibt für diölandwirthschaft- 
liche Literatur, Aus den Tora Verf. benutzten Schriften nennen 
wir: i>ai'j'^ Agriculturchemie, und Schiibler's Analysen; Hübe's 
Landwirth ; Young's Werke j Thär's rationelle und dessen 
Englische Landwirthschaft, dessen Beschreibung seiner Wirlh- 
schaft in Möglin, seine landwirth schaftlichen Zeitschriften u. a.; 
Sinklair's Grundgesetze des Ackerbaues; Meyer' s Anleitung zu 
Fachtanschlagen { Gericke Führung der Wirlhschaftsgeschäfle ; 
Schwerz Beschreibung der Landwirthschaft im Belgien, in Elsafs, 
in der Pfalz, in Hofwyl; Podewüs Wirthschaftserfahrungen auf 
Gusow undPlalkow; 3/eÄ/er^j Böhmische Landwirthschaft ; Zör- 
zer über Wirthschaft im Gebirge; Tschiffeli über Stallfütterun<y 
-v. Fellenberg' s Hofwyler Blätter; i;. Essen Wirthschaft auf Thor- 
seng und i>eyöe; if. fVittmanp, über Lombardische Bewässe- 
rung; V, Heintl österreichische Landwirthschaft; die tiefflichcn 
Verhandlungen der Wiener Ackerbau - Gesellschaft , die der 
Mecklenburgschen , die der Böhmischen; die Schwedischen Ab- 
handlungen; die Annalen und Schriften von Ri; die Memoiren^ 
der Pariser Academie; mehrere Schriften von Marshai und 
JVilkmson, von Dtckson, von Lastejrrie; Andrejs Öcouomische 
■Neuigkeiten ; Schuee's landwirthschaftliche Zeitung ; mehrere spe- 
ciellerc Schriften von Bürger j Jasnügcr, Poklj Heinrich, Petri, 
Andre, Bernhard, Bajrlejr u. a. Namentlich sifid wir dem Vf. 
verbunden, dafs er uns seine Quellen überall genannt hat; denn 
nur durdi diese Weise allein kann die Wissenschaft gefördert 
werden ; zvlv gegentheiligen aber konnten nur diejenigen genö- 
thrgt s^jn, die entweder gerne alles von dem minder geübten 
Litemtor für ihr Eigenthum augesehea wissen wollten, oder 



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9io J. Burger Lehr)[)uch der Landwirthschaft. 

doch furchten mufsun, es m5ge tonst zu wenig auf ihrer Reck- 
nuDg stehen bleiben. 

Den Plan des Ganzen giebt der Verf. selbst (S. ii.) auf < 
folgende Weise an: /. Agronomie. //. Agrikultur 4) chemt-> 
sehe o.' Düngung y b, Verbesserung der Mischung; 5t, mecha- 
nische a. Bearbeitung a. Wendurig, ß, Lockerung, y. Reinigung; 
b, BeurbaruDg: Wegräumung von 0e« Pflanzen, j3. Steinen, y. Sand, 
i. Wasser. ///. Pflanzenkultur: /. Allgemeine, a, Saat, b, Pflan- 
zung, c. Pflege, d, Erndte. 9. SpecicUe, a. GetreidepflanzeDy 
b. Futterpflanzen, c. Handelspflanzen. //^.Viehzucht: /. AUge« 
meine, 'a. Paarung, b* Zucht, c. Benutzung, ä. Besondre, a Horn- 
vieh, b. Schaafe, c, Ziegen, d. Pferd^, e, Schweine, y. Haus- 
halt. — Garten- und Hopfen-, dann Obst- und Weinbau, sa 
wie die Bienenzucht u. s. w. sind ausgelassen, da sie nicht in 
das geschlossene Ganze der Landwirthschaft im Grossen gehören, 
und das Compendium zu weitläufig machen würden. Vielleicht 
jedoch hält solche zum Theil der Verf. in der Folge einer ge- 
sonderten Bearbeitung nach demselben Plane nicht unwerth, und 
verdient sich nladurch den erneuerten Dank des Publicums. 

Die Ausjührung ist von der Weise, dafs die allgemeinen 
Wahrheilen in besondern Sätzen geschieden sind; darunter aber 
durch kleinem Druck ausgezeichnet die Erläuterungen, die spe- 
cicUern Modificationen, die Abweichungen, verschiedene Ansich- 
ten, critische Berichtigungen, Berechnungen, Belege und Beispiele, 
und die Quellen angeführt werden ; alles deutlich und gedrängt* 
Maafse und Gewichte ^auf Wiener reducirt. 

Wir wenden uns nun zum Detail, hebea die Hauptgesichts- 
puncte heraus, beleuchten einige näher, und wenn wir gegen 
andre unsre abweichende oder entgegengesetzte Ansichten und 
Meinungen anzuführen uns erlauben, so wünschen wir, dafs 
solches* nur für einen^ Beweis geachtet werden möge der TheiJ- 
nahme, die wir an diesem vortrefflichen Werke genommen, welche 
eben auch Schuld war, dafs hier ^ nicht früher auf dessen Er- 
scheinen aufmerksam geVnacht worden, da wir uns mit einer^ 
flüchtigen Anzeige nicht begnügen durften. Nur an dem liöher 
gelungenen Werk läfst sich mit grösserer Bestimmtheit angeben, 
was demselben zur Vollkommenheit noch fehlt. Doch kann hier 
freilich nur von derjenigen Vollkommenheit die Rede sejn, ' 
welche dem Stande der Wissenschaft überhaupt gemäfs ist. 

/. In der Agronomie (^S. 12 — 84.) wirft der Verf. erst 
einige Blicke auf die Entstehung der Erdoberfläche, in ihrem ge- 
genwärtigen Zustande, und geht dann zur Untersuchung der 
physischen und chemischen Eigenschaften der Bestandtheile des 
Bodens über : nämlich der Kieselerde und des Quarzsandes, der 
Thonerdc upd des Thones, der reinen, kohlenfauem und schwe- 



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J. Burger Lehrbuch der Land wir thschaft. 911 

f^lsauren Kalkerde^, des Sandes von koKlens. Kalke, der reinen 
und kohlensauren 'falkerde, des JEisenoxydes, und der verän- 
derlichen Bodensbestandtheile nämlich des Humus und der Salze. 
Bei jedem dieser Stoffe wird erwähnt: Chemischer Bestand 
phjsisches und chemisches Verhalten gegen Wärme, Wassc/ 
Säuren uhd Alkalien, Cohäsion, Farbe, Volumeusveränderungeu 
durch Trocknifs und Feuchtigkeit, Verbreitung und Vorkommen. 
Es sind hierbei die Schäbier' sehen Untersuchungen zum .Grunde 
gelegt, die Crome^schen sind mit Critik benutzt und mehrere 
dnrch eigne Experimente ergänzt. Was Schübler hiervon ein- 
fach durch Zahlen ausgedrückt, ist hier zum Theil auf eine dem 
Landmanne geläufigere Weise wiedergegeben, und nur bei den 
Tvichtigeren Beziehungen sind die Zahlen zu Vergleichung des 
vrechsebeitigen Verhältnisses beigefügt. Bei deAi Humus bemerkt 
der Verf. dafs der Procefs der allgemachen Zersetzung der or- 
ganischen Materie, wodurch sich dieser bildet, Fäulnifs genannt 
werde. In diesem allgemeinern, weitern Sinn pflegt man den 
letztern Ausdruck allerdings oft zu gebrauchen, sonst aber spricht 
man nur dann von Fäulnifs, wenn bei der Zersetztung organi- 
scher Stoffe noch gewisse Erscheinungen wahrgenommen wer- 
den, welchÄ hier im ganzen Verlaufe derselben nicht nacho-e- 
wiesen sind. — 

Hierauf folgt eine Betrachtimg der phjsischen Beschaffenheit 
des Bodens als Ganien, und eine dai^auf gegründete Eintheilung: 
nämlich iu /. Sand: und zwar: Flugsand, Grand- oder Schutt- 
Boden, loser und lehmiger Sandboden, Wovon der letztere beim 
Pflügen Schollen bildet, dys beim Eggen leicht wieder zerfallen 
der erstrc aber lose bleibt. Der Werth dieser Bodenarten wird 
gegenseitig verglichen. Nach seiner Verwendbarkeit ist der Sand 
Rockenland oder Haferboden. ». Thon: und zwar a. Letten 
die geringste Kohäsion zeigend; b, Lehm, dessen Schollen nur 
mit Gewalt zerbrochen ^werden können und nur durch wieder- 
boltes Pflügen und Eggen im gehörigen Zeitpuncte sich vollkom- 
men zertheilen lassen , und endlich c. Klaj , ein Thonboden, so ' 
sehr zusammenklebend, dafs er durch die Ackerwkrkzeuge nur 
fnchr zerstückt, nicht gepulvert werden kann. Hierauf wird 
der andern Eintheilung des Bodens, nach seiner Verwendbar- 
keit, nämlich in Gersten- und Weitzenboden erwähnt. J. Koh- 
lensaurer Ralk: Der Boden hcifst kalkhaltig, wenn er 0,02 ^ — 
0,10 kohlens. Kalkes, Mergelboden, wenn er 0,10 — 0,75 dergl. 
und 'Kalkböden, wenn er 0,76 und mehr desselben enthält. 
4. Bittererde, 5. Eisenoxjd, 6, Humus, welcher entweder star- 
ken Weitzenboden (wenn er bei gewöhnlicher Düngung reichere 
Aemdten als der Thonboden gießt), oder .reichen Weitzenbo- 
den (wenn er sogar ohne Düngung die Kultur lohnt ), oder 



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gia J. Burger Lehrbuch der Landwirthschafc. 

torfigen Boden (wenn das Uebennaas des Humus zu schaden 
anfangt), oder Torfboden (wenn er ganz aus vegetabilischen 
Theilen besteht) bildet. Die verschiedenen Eigenschaften dieser 
Bodenarten, ihre Einflüsse auf die Vegetation werden sebr grund- 
lich auseinandergesetzt. 

Der Verf. verwahrt sich gegen die Eintheilnng des Bodens 
auf reine chemische Zerlegung gegründet^ und belegt bei ver- 
schiedenen Bodenarten mehrfaltig, dafs man in der Wirklichkeit 
ganz andre Einflüsse des Bodens auf die Vegetationf wahrgenom- 
men, als die chemische Analyse hätte vermuthen lassen. »Es ist 
»eine vergebliche unnutze und in ein Labyrinth führende Muhe, 
sagt der Verf» (S. 49«) weiter, >die Classification der Boden- 
harten auf die mechanische oder chemische Scheidung der Be- 
»standtheile desselben zu gründen; denn aiuf die erstere Art ist 
»man nicht im Staude die Menge der Thonerde in dem fein- 
»pulyerigen Antheile^des Bodens auszumitteln , und die zweite 
»Art liefert darum mangelhafte Angaben, weil es unmöglich ist, 
»den Thon vom feinern Sande durch Schwemmen oder Kochen 
»ganz zu befrei en.c Dagegen bemerkt der Ref», dafs die Tren- 
nung des Sandes und der Kieselerde von der Alaunerde des 
Tbones allerdings durch Zusammenschmelzen des 'Ganzen mit 
Aetzkali möglich, aber freilich mühsam &eje. Nachdem nämlich 
durch Schlämmen der gröbere Sand, durch S.^uern der auflös- 
liche Theil der Alaunerde entfernt ist, wird die übrige Alaun- 
erde durch Aetzkali auflöslich gemacht, von Kieselerde und Sand 
getrennt, und letztere dann nochmals geschlämmt, um auch den 
feinen Sand von der Erde zu scheiden. So lernt man zugleich 
genau die verschiedenen Zustande und Verbindungen kennen, 
in welchen sich die Bodenbestandtheile vorfinden. Ob* aber 
hiedurch für die Praxis unmittelbar viel gewonnen' werde, be- 
zweifelt Ref. selbst; wohl aber hofi^ er hiedurch Yervollkoram- 
nung der Theorie. Es scheint ihm, gleich dem» Verf., im Allge- 
meinen zu genügen, wenn man blofs die Quantität der chemisch- 
wirkenden Bodenbestandtheile (Humus, Salze, Gjps, Kalk^ 
und die Avidiligern Eigenschaften des Bodens« sehie Cohäsion 
und Adhäsion, sein Verhältnifs zu Wasser und Wärme, und 
seine Volumensveränderungen erforscht, indem ja doch dies es 
ist, worauf zuletzt ^es ankoount bei der Kenntuili des Bo- 
dens. — 



(Z)if Fortsetzung folgt.) 



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Jährbücher der Literatur. 



/. Bürger Lehrbuch der Landwirthschaft, 
(Fortsetzung,) 
Nachdem der Verf. weiter die 12 ersten Bodenarten der T/iär- 
sehen Tabelle (Rat. Landwirthschaft IL S. 109 — iio.) ange- 
lulirt, sucht er zu beweisen daTs bei den 6 ersten Arten der 
j^öfstc Theil des 0,17 — 0,74 betragenden, von Crome sogenannten 
Thongehaltcs nur Sand seye, weil sonst die meisten dieser Bo- 
denarten fast ganz unbearbeitbarer Klay sejn müfsten. Indes- 
sen finden wir solche Annahme nicht nölhig, indem ja doch 
noch alles von dem Gehalt des Thones an Akun - und Kie- 
selerde abhängig seyn kann, wie wir denn selbst einen mürbea 
Lettenboden untersucht, in Welchem 25 Kieselerde auf 8 Alaun- 
erde enthalten war, aber nur sehr wenig Quarzsand. — . 
Bei der Bittererde werden die bekannten Tennant^schen Beo- 
bachtungen über die schädliche Wirkung des bittererde -haltigen 
Kalksteines beim Düngen angeführt; allein dabei nicht erwähnt, 
dafs jfencr Kalk in^ ätzenden Zustande ausgestreut wurde, 'und 
dsfs, solches berücksichtigt, jene Erfahrungen mit den übrigen 
keineswegs in Widerspruch stehen dürften, wie Davy-'s Theorie 
und dessen Versuche, vom Verf. selbst angeführt, nachweisen. 
Sind ja doch auch Crome's Versuche mit künstlich bereiteter 
kohlens. Bittererde nachtheilig ausgefallen, so dafs sich also mit 
dem Verf, noch keineswegs ober die Unschädlichkeit der Bilter- 
erde absprechen läf^t. — Beim Sand- und Marschboden wer- 
den wieder mehrere eigne Analysen des Verfs. erwähnt. — 

Unter den äussern und räumlichen Verhältnissen, welche 
auf den Werth des Bodens einfliessen, werden aufgezählt : Klima, 
Unterlage y Lage, Umgcbunge?f von Bergen, tVäldcrn, SümjflBn, 
^eercn, Mächtigkeit der Ackerschichte und endlich die Beding- 
nisse, welche den sul)jectiven Werth, des Bodens bestimmen f 
alles mit der grofsten Gründlichkeit und Klarheit ausgeführt. 
Doch wären wir sehr geneigt, mit Andern zu untersoheidea 
zwischen Unterlage uiid Untergrund; und Unterlage denjenigea 
Theil der obersten Erdschichte zu nennen, welcher mit dem in 
Cttltur stehenden Acker ein gcognostisches Ganzes ausmacht, aber 
vom Pfluge nicht erreicht wird. Untergrund aber wäre dann 
diejenige tiefer liegende Erdschichte, welche sich von crsticr 

68 

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9i4 i; Burger Lehrbuch der Landwirthschaft. 

durch ihre ZusammenscUung untcrsclieidet , und oft von dieser 
gerade entgegengesetzte Eigenschaften haben kann. Zuweilen 
fehlt die Unterlage, und dann Hegt der Untergrund unmittelbar 
unter der Ackcrschichte ; xuweilen ist sie aber so mächtige da£r 
jener nicht mehr in Betracht kommen kann. 

Wir halten diesen Theil von der Agronomie, und den fol- 
genden von der Agricultur, namendich, von der Düngung, für 
die gelungensten, wenn man das Lehrbuch mit andern vergleiclit; 
sonst aber olmc äussere , Rücksicht scheinen uns alle sich einer 
gleichmässigen Vollkommenheit zu erfreuen. ' 

//. Agricidtiir (5. 85 — 273.)- ji* Giemische, und zw'ar 
«.' Düngung. >Unter Dünger versteht man im Allgemeinen jeden 
9Körper, der zur Ernährung der Pflanzen unmittelbar beiträgt. — 
»Die Pflanzen werden nur dadurch ernährt, dafs sie die näh- 
»rende Substanz in flüssiger oder dampfförmiger Form aus der 
»Erde^ oder der Atmosphäre mittelst der Wurzeln oder Blät- 
9ter ansaugen. Der , nährende Körper muls daher in Wasser 
suuflüslicli sejn, und wenn es eine für sich in Wasser unauf- 
»lösliche Substanz ist, so mufs diese erst durch die Einwirkung 
»einer andern Substanz zersetzt und in einer neuen Mischungs- 
»form in Wasser auflöslich geworden seyn, ehe sie als Nahrung 
»oder als Dünger zu betrachten ist. ^ Die todte organische Ma- 
»terie* enthält alle die Beslandtheile aus denen die lebende der- 
»selben Art zusammengesetzt ist. Sie ist daher die vorzüglichste 
»Nahrung der Thiere und Pflanzen,— Die organischen Substan- 
»zen tothalten nicht alle dieselben Urstofic und ihr Mischungs- 
»Yerhältnifs ist sehr verschieden. — Jene organische Substanzen 
»zersetzen sich am schnellsten, die aus der gröfsten Menge von 
»Ur^toflen zusammengesetzt sind, und geben eine vollkommen 
»befriedigende und reichliche Nahrung, weil alle Bestandtheile 
»der Materie vorhanden sind, aus denen der lebende Körper 
»sich ergänzt und neu gestaltet. -* Organische Substanzen die 
»nur aus 3 — 4 Urstoflen zusammengesetzt sind , zersetzen sich 
»nur schwer , besonders wenn ihr Zusammenhang sehr fest 
»is^ — > Da wir aber auch Schwefel, Phosphor, Kalk, Laugen-^ 
»sake und manche andre Salze bei der Analyse der or^nischen 
»Substanzen antreten, so müssen wir mit allem ^.echtc in Voraus 
»schliessen, dafs auch diese Körper, da sie wesentliche Bestand- 
»theile det organischen Substanzen sind, als unmittelbar nährend 
. »angesehen werden müssen. — Durch die Erfahrung wird diese 
»Vermuthung bestätigt, denn alle diese Körper befördern das 
»Wachsthum der Pflanzen. — Ihre Wirkung als Dünger muTs 
^aber viel geringer seyn, wie jene der organischen SubsUnzen, 
»da sie nur einen oder zwei Stofle in sich enthalten^ die in die 
»Pflanzen eingehen.« In diesen wenigen Wdrten ist des Yerfs 



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J. Bürger Lehrbuch der Lanclwirthschäft. 915 

gmvze einfache Theorie der Ddngung begriiudct. Auf die Natur 
der Suche selbst sich stutzend, steht diese in der Mitt^ zwischen 
den a Extremen früherer Hypothesen. — Im folgenden werden 
nun y. die verschiedenen Diingerroaterialien selbst aufgeführt, 
nämlich organisclie wobei tliierische und vegetabilische, — und 
unorganische, wozu auch diejeuigen gerechnet werden, die wenn 
auch nicht unmittelbare Pflanzennahrung abgebend, doch unter 
Einwirkung äusserer Potenzen Bodcnsbestandtheile so zersetzen, 
d^fs ein Theii dieser in die Pflanzen überzugehen fähig wird 
(Nahrung vermittelnde}. — >Die Auswürfe der pflanzen&essen*- 
^den Thiere sind unter sich nach der Natur der Thiere, und 
^dann bei denselben Thieren nach der Natur der genommenen 
»Nahrung verschiedene und äussern daher als Dqnger eine ver- 
schiedene Wirkung: Für den Landwirth widitig sind die Aus* 
würfe des Hornviehes, der Schaafc, des Pferdegeschlechtes, der 
Schweine, des Menschen, des Geflügels« Angeführt ist dabei 
die äusserliche Beschaffenheit, die Ergebnisse vorgenommener 
Analysen fi;. Einhof, Berztlius , Fourcroy und f^auquelin etc.), 
Verschiedenheit bei verschiedener Nahrung, Verhalten bei der 
Vermengung mit Streu, Gährungsfähigkeit, Intensität und Dauer 
der Wirkung. Von den vegetabilischen Düngersubstanzen sind 
erwähnt: Stroh, Laub, Schilt, Heidekraut, Heideboden, Farrcn- 
Iraut, Torf, Gärberlohe, Modererde, Teiclischlamm, Tang, Oel- 
kuchen, Malzstiiub, Rufs, grünende Pflanzen, und dabei ausein* 
andergesetzt: ihr Vorkommen, ihr chemischer Bestand (mit Be-^ 
notzung vorhandener Analysen), Zersetzung und Wirksamkeit*'— 
Unter den mineralischen Düugermaterialien werden aufgezählt: 
Schwefel und schwefelhalli«»e Mineralien (Gyps, vitriolhaltige 
Steinkohlen und Torf), Kalk ( Kalkhydrat und kohlensaurer), 
Laiigensalze (Holzasche, Torf- und Stcinkohleiiasche), Salpeter- 
säure Salze, salzsaure Salze. Bei diesen unorganischen Substan- 
zen werden ihre Elemente, ihr Verhalten zu Wasser ui a. Kör- 
pern, Art, Intensität und Dauer ihrer Wirkung erläutert. Wenn 
aber der Verf. will, dafs der Schwefel, Gyps und Kalk nur in 
sofern, oder doch hauptsächlich nur in sofern auf die Vegetation 
fördernd einwirken , als sie ganz oder ' in ihre Elemente zer- 
legt in die Pflanzen überzugehen ' in Stand gesetzt werden , der 
ILalk aber noch in sofern, als er die chemische und physische 
Beschaffenheit des Bodens vortheilhaft umändert, so köun^ wir 
dessen Ansicht nicht theilen. Denn bei dieser Annahme kann 
onraöglich die sehr bedeutende und schnelle Widcuug diesei; 
Substanzen erklärt werden. Aus des Vfs. eignen Versuchen mit 
Schwefel und Gy^ geht hervor dafs die Wirkung ausserordent^ 
lieh seye, aber das Quantum des, in den Pflanzen vorfindiicli^ 
. Scbweiels ist unbedeutend. Eben so beim Kalke. Vielmelir redi- 

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9i6 J. Burger Lehrbuch der Landwirthschaft. 

neu yv'tt am meisten auf die dungervermittelnde Eigenschaft die- 
ser Substanzen; denn um selbst auflö&licli zu werden, mnssen 
sie Wasser , Alkalien , Humus u. s. w. zersetzen , nnd die pcu- 
gebtldeten Seiofie können tbeils selbst pflanzennäbrcnd sejn, theils 
abermal nur Düngung vermittelnd, ohne etwas Yon Schwefel 
oder Kalk in sich zu enthalteii. Denn wie sonst die Erfahrung 
erklären, auf welche sich fias Spruchwort stützt, dafs bei man- 
gelnder Mistdüngung das Mergeln und Kalken zwar reiche Vä-, 
ter aber arme Söhne mache? Geht doch mancher Procefs m 
der Natur vor; denn wir in unseren Laboratorien nicht nach- 
zumachen wissen » und zwar sogar in der sogenannten leblosen , 
Natur. Hat doch Schubler ge^igt« da(s Gjpserdc allen Ein- 
wirkungen der Atmosphäre ausgesetzt ihres Schwefelsäuregchal- 
tes durch Kohlensäure verlustig werden könne. Wie viel an- 
deres geschieht erst, wo die vegetabilische Lebenskraft sich 
thätig zeigt. Doch dunkt uns, se^e, die Erklärung der dünger- 
ire rmittelnden Wirkung obiger Stoffe mitunter nicht allzu* schwie- 
rig. — Leicht hätten sich noth mehrere Düngerstoffe nennen 
lassen, wenn es von Nutzen wäre, von demjenigen hier zu spre- 
chen, was im Grossen der Wirthschaft nicht anwendbar ist. — 
ji. Wie die düngenden Substanzen, ehe sie in den Boden kom- 
men zubereitet werden müssen. Bei den schon auiiÖslichen ist 
«ine weitere Zubereitung nicht nÖthig, aber di^ nicht oder nur 
langsam auflÖslichen müssen durch Vermischung und Gahruiig in 
den möglichst auflöslichen Zustand versetzt werden, doch dieser 
Procefs darf nicht so weit gehen, dafs unnöthiger Weise viel 
Materie vor der Vei«wendung in Gasform verflüchtigt ^ird. 
Schnell gährungsfahige Stoffe aber müssen unter solchen Um- 
ständen aufbewahrt werden, daCi sie sich nicht verflüchtigen« 
Auch müssen die Düngerarten fein vertheilt werden, um sie 
gleichförmig ausbreiten zu können. Die thierischen Stoffe sind 
schneller zersetzbar als di^ vegetabilischen besonders trocknen^ 
die mineralischen sind es am langsamsten. Das Auflöslichniachen 
geschieht, durch Wasser, diurch alkalische Körper, durch die 
Gährung, die oft durch Zufügunff anderer schnell gährenden 
Stoffe beschleunigt werden kann. Hierauf beruht die Bereitung 
des Stallmistes durch Unterstreu vegetabilischer Körper, wobei 
man noch den andern Zweck erreicht, das Tieh trocken und 
reinlich zu stellen. Die Menge der Unterstreu hängt ab von der 
Thierart unä ihrer Behandlung, von dem Vorrathe an Streu- 
material, endlich voto Dungerb edürfnifs. Die Zersetzung findet 
bei einigen Thierarten schon hinlänglich ^m Stalle statt, nicht 
bei andern. Bei Anlage der Düngerstätte wird empfohlen eia 
verdeckter unterirdischer Raum im Hofe. Ausfahren des Mistes 
wenn es möglich, sobald als die Gäbrung weit genug gekammen. 



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J. Burger Lehrbuch der Landwirthsifcaft. 917 

Per Ver£ spricht endiich gegen die Kompostbereitung, wo er 
im Allgemeinen Recht hat, nur mochten wir sie in einzelnen 
Fällen nicht verwerfen. — J. Vortheilhafteste Art der Dünger- 
Verwendung. Die thierischen Exkrement« können gepulvert über 
die Saaten gestreut , oder in Wasser gelöst, ausgegossen, oder 
durch Pferchen auf den Aeker gebracht werden.^ — In Ansehung 
des Stallmistes wird die Frage aufgeworfen, ob es zweckmässi- 
ger seye, solchen über die 3aaten zu streuen, oder ihn vor der 
Saat sogleich unterzupflügen, oder ihn vorher eine Zeit lang 
oben ausgebreitet liegen zu lassen ? Für erstres wird bei sehr leicht 
auflöslichen^ stark zersetztem Dünger entschieden; Strohiger Dün- 
ger verliert zu viel durch das oberflächliche Liegenlassen, und 
jeder überhaupt um so mehr, je trockner, heisser, windiger das 
Klima ist. Jedenfalls leuchtet aus allen Versuchen hervor, dafs 
durch das oberflächliche Liegenlassen in der ersteh Zeit bedeu* 
tenderes Wachstlnun erzielt wird; ob aber dadurch die Folgezeit 
nicht zu viel verliert, bei der starkem Verflüchf igung , ist eine 
andere Frage, die noch nicht hinlänglich beantwortet. Jeden- 
falls mufs aber bei dem Ausbreiten die ^'rkste Gährung schon 
vorübergegangen seyn. — ^ Von den mineralischen Düngemitteln 
sollen die blofs positiv nährenden (Schwefel, Gyps etc.) über- 
gestrQut, die zugleich Dünger vermittelnden aber mit der Acker- 
oberfläche gemengt werden. Wir verweisen in Ansehung die- 
ser Unterscheidung auf das, was wir über diese Düngmittel 
oben gesagt. — • 4» Von dem verhältnifsmässigen Werthe und der 
nöthigen Menge der verschiedenen Düngersubstanzen. Der Wertk 
ist am gröfsten,^ wo die Stoffe am wirKsamsten, nach Intensität 
und Dauer. Man braucht um so mehr Düngerstoffe, je weniger 
und je langsamer wirkende Theile sie enthalten, (daher am we- 
nigsten thierische, oft aber am meisten mineralische), je weniger ' 
Pflanzen nährende Substanzen der Boden mehr enthält, auf je 
längere Zeit sich die Dauer der Wirkung erstrecken soll, und 
je mehr Früchte in derselben Zeit erzeugt werden sollen, endlich je 
mehr die cultivirten Pflauzenarten nac!i ihrer Natur den Boden 
in Anspruch nehmen, flm Detail kann hier freilich nur die reine 
Erfahrung entscheiden). Im Allgemeinen: so viele organische 
Stoffe der Acker abgiebt, so viel müssen ihm, soH er sich in 
Stand erhalten, wieder g^eben werden, jedoch bleibt davon 
abzuziehen, was die Pflanzen jedesmal aus der Atmosphäre sich 
assimiliren. Nach diesem werden die einzelnen Düngerstofie 
durchgaugen, und das geeignete Quantum bei jedem angegeben. 
In Ansehung der, S. 173. befindlichen Berechnung ist zu ver- 
weisen auf das, was der Verfasser unten (II. S. SjS.) darüber 
erinnert. — 

b. Veränderung der physischen Beschaffenheit des Bodens, 



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t)i8 J- Burger Lehrbuch der Landwirthschaft. 

durch chemische Mittel (S. i83.). Entweder Ist die Beschaflfen- 
)ieit des Bodens fehlerhaft, weil sie zu lose wegen Mangel an 
T^hon (Sandboden) oder Erde überhaupt (Torf)/ oder sie ist 
es weg^n tu grosser Festigkeit. Dieser Fehler des Bodens wird 
getilgt durch Vermengung mit Erden Ton entgegengesetzter Ei- 
genschaft: Daher Thon, Kalk (Mergel), Sand die vorzuglich- 
sten Verbesserungsmittel. Die Anwendung dieser, einzelnen Stofiei 
ymd das udthige Quantum wird nun gezeigt. 

ß. Mechanische Agricultur (S. tgS.),' und zwar o. Be- 
•ckerung et, im Allgemeinen. — Wendung des Bodens im Allge- 
mdneu : Sie geschieht durch die Schaufel oder durch den Pflug, 
der entweder ein eigendicber Pflug sejm kann, oder ein Haken« 
Erfordernisse eines ^uten Pfluges, Theile des Pfluges und wozu 
sie dienen. Der yerf. erklärt sich für die Pfluge mit Yorder- 
gestell im Gegensatz der Schwingpfluge, nachdem er die Vor- 
und Nachtheile von beiden,* jedoch nicht vollständig, angegeben. 
Es ist z. B. nichts über die Nachtheile des Yordcrgestelles er- 
wähnt, wenn der Pflu«; queer über die letzte rauhe Furche ge- 
führt wird, wo derselbe bald seitwärts aus 'dem' Lande weicht, 
bald nach oben heraus geworfen wird, nichts davdn, dafs er Steinen 
und andern Hindernissen im Acker schwieriger ausweicht, dsSs das 
Zurechtsetzen viel langsamer erst wieder möglich ist, als beim 
Schwingpflug u. s. w. Indessen scheint uns das Resultat aller Zu- 
sammenstellungen zu sejn, dafs der Schwingpflug in der Hand 
eioes geschickten Pflügers alles aufs Vollkommenste lebte; dafs 
aber da, wo man willige und geschickte Leute nicht hat, es 
weit klüger seye, bei dem alten, laudesüblidien zu bleiben , ohne 
jedoeh diejenigen Verbesserungen desselben zu versäumen, deren 
jeder bedürftig, uiid die sich leicht anbringen lassen, ohne dafs 
sie den Pflug dem Pflüger entfremden. In Ansehung des Streich- 
brettes erhalten der BayleyscUe und der Belgische den Vorzug, 
jedoch wird mit Recht an letzterem die Kürze des Streicli- 
brettes, oder vielmehr der Mangel des hinterd übergebote- 
nen Ohres , an ersterem das schmale Schaar getadelt. Vie 
Theorie des Pfluges hätte wohl hier etwas vollständiger gege- 
ben werden können. Verglcichung der Zugkraft, welche ver^ 
'schiedene Pflüge beim Ackern, im Verliältnifs des flachem und 
tiefern Ganges, iheils nach des Verfs, eigenen schätzbaren Ver- 
suchen. D^T Haken soll ersetzt werden durch den Wendepflug 
.und den Leitenpflug. Bei dem Haken bemerkt der Verf., dafs 
die Ursache, warum derselbe beim Ziehen verhältuifsmässig mehr 
Kraft erfordere als der Pflug, zum Theile darin liege, dafs er 
mehr Erde abschneide, als er umwende. Alleiu dies beruht 
auf falscher Ansicht; denn wenn er gleich auf der Landseite 
jedesmal einen Erdstreifen abschneidet, den er nicht um^Vendet, 



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/. Burger Lehrbuch der LandwirtlischafL 919 

so Lomrot ihm auf der Furch ense^ jetzt dagegen zu Gute, dafs 
er solches ebenfalls bei der letzten Furche schon gpcthan hat, 
und was er jetzt auf der Landseite thut, das kömmt ihm >vic- ' 
der beim Zurückkommen in der folgenden Furche zu Gute. 
Auch können wir ihm nicht Beifall geben, wen^n er meint, daft 
-der Wendepflug nur eine unbedeutende Verbesserung der Aadl 
(Haken) scje; denn wie man sich leicht überzeugen kann und 
auch Schwerz bemerkt hat, so wendet er den Krdstreifen doch 
eben so vollkommen , als der hier gewöhnliche Pflug mit gutge- 
bildetem Streichbrette, aber fireilich nur dadurch dafs die Fur- 
chenseite höher gehalten wird als die Landseite ^ wodurch die 
Sohle des Ackers unebenr wird. Allein dieser Fehler möchte 
kaum so grofs seyn, ds der, dafs die Aadl queer geführt wer- 
den nnifsy ohne ihrfn Erdstreifen zu wenden. — Lockerung des 
Bodens im Allgemeinen: durch die Haue, die Egge und durch 
die Schaufelpflüge, zwischen letzterer und dem Pfluge in An- 
sehung der Arbeit die Mitte haltend, meist w^eit den Vorzug 
\or der Egge verdienend, und für höchst nützliche Erfindungen 
zu achten. — Ebenung und Reinigung ^cs Bodens im Allgemei- 
nen . durch den Eechen, den Hammer, die Walze, wohin 
auch noch die Maulwurfsegge, der Wiesenhobel, die Schleife etc. 
hätten gerechnet werden können. — 

ß. Beackerung im Besondern. •^— Wendung des Bodens. 
Die Tiefe der Wendung wechselt , ^ je nach den zu bauenden 
Pflanzen und . der Beschafienheit des Bodens von 3 — 6 — 9 
ZolL Ob noch tiefer, als 9 Zoll zu pflügen, hängt von 
noch mehreren Localitäten ab. Das Tiefpflügen ^es Herrn von 
Fellenberg dürfte sicli, wie wir glauben, hier als Beleg fiuf der 
einen oder der andern ,Seite wenig eignen, da bekannt ist, wie 
besondre und vielerlei Umstände zusammenwirkten, um densel- 
ben zu diesem Tiefpflügen zu bestinunen. Doch wie er jetzt 
versichert, hat ihm das .Unterlassen dieses Tiefpflügens bei der 
bedeutenden Nässe seines Bodens hohen NacUheil zugezogen, 
und er wird es in Zukunft fortsetzen , nachdem er daran eine 
zeitlaug gehindert worden. Der Acker soll durch das Pflügen 
eine besondre Form erhalten, und entweder ehea^ oder, wo es 
sehr nafs , in Beete gepflügt werden. Grosse Nachtheile dieser ^ 
Beete. Wie oft, und in welchem Zeitpunctc der Boden gewen- 
det werden solle, und ob jedesmal gleich tief, hängt von der 
Besdiafienhcit desselben, von seinem Düngungsstande, von den 
zu bauenden Früchten u. s. w. ab. — Oberflächliche Lockerung 
insbesondre. — , Oberflächliche Reinigung und Ebenung ins- 
besondere. 

b, Beurbarung des Bodens. Zweck. Vor- und Nachiheilc: 
Rodung von Bäumen. Vertilgung kleiner Straucher. Bindung 



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gao Jv Burger Lehrbuch der Landinrthsqhaft 

des Sandes. Entf^nung von Steinen und Felsen. Eotsnmpfunf^ 
-verschied«!!, je nachdem das Wasser nur in der Erde, oder bis 
zu ihrer Oberfläche steht, dann je nabh der Ursache dts 5««»- 
pf^. .i. Umgestaltung des Bodens in Ackerland, namentlich beim 
verraseten und torfigen Boden durch Brennen 11. s. w» — Ein- 
friedigung des Bodens, mit lebenden, todten und gemischten Ein- 
f r i ed igungsmittcln. 

///. Pflanzencultur (oder besser Pflanzenzucht). 

A, Allgemeine (S. 274 — 34^)- 

/. Von der Saat. — Auswahl des Saamens. Keimfähigkeit 
der Saamcnkörner. ' Gewinnung derselben. Brandfjj^er Saameu. 
Der Brand scheint zumal von ungünstigen äussern Verhältnisseu 
in Boden, Witterung und Cultur bei gegebener DispositioQ des 
Keimes herzurühren. — Wie tief das Saanfenkorn unter die Erde 
gebracht werden müsse, dies ist von der Beschaffenheit des Saa- 
ipens selbst, von Boden und Klima abhängig. Anfuhrung inte- 
ressanter eigner Versuche und der von Peiri und Ugozy; die 
beweisen , dafs die Tiefe bei Getraide nie über a ( 3^ Zoll 
betragen 4urfe. — Wie grqfs die Au:^hl der Saamenkdmer für 
einen gegebenen Raum sejn müsse. Diese ist verscliieden je 
nach der Grösse, welche die ausgewachsene Pflanze erlangen 
wird. Daher sind um so mehr Saamen nölhig je mehr Hindei^ 
niss<? sich der Ausbildung der Pflanzen entgegensetzen, u. u., 
vorausgesetzt dafs alle Kdmer gleich gut sejcn. Sehr richtig 
ist auf diese Weise vom Verf. eine complicirtere Lelire auf ein 
einfaches Princip zurückgeführt; indessen wundert uns, dafs er 
sich hier blof* mit Berechnung abgiebt, ohne zu comparativen 
Versuchen über das schicklichste Saatquantum seine Zuflucht zu 
nehmen, was doch stets das zuverlässigste für die Praxb bleibt. — 
Wie werden die Saamcnkorncr am zw eck massigsten unter die 
Erde gebracht? Bedingnisse des bestmöglichen Unterbnngens. 
BreitwürBge Saat mit Nachfolgen der Egge, des Pflugs oder der 
Pferdehacke j Masthinensaat. Die F(f//en^er^'sche und die Ugazjrsc^e 
Maschine sind die vollkommensten. Die letztre soll manche be- 
deutende UnvoUkommenheiten haben , weshalb der Verf. erstra* 
noch den Vorzug giebt. Da gegcntbeils viele Schriftsteller, die 
die Wirkung beider erprobt, oder viele die, wie auch wir, 
die Wirkung beider zu vergleichen Gelegenheit hatten, zwar 
zugestehen, dafs erstre etwas voUkommner arbeite, aber glauben, 
dafs letztre dem ungeachtet wegen ihrer Einfachheit und Dauer« . 
h^ftigkeit zur Anwendung im Grossen ' am giseignetesten scje, 
so hätten wir jene Unvollkomnienheiten genauer tu vernehmen 
gewünscht.— Wanu gösäei werden müsse? hän|;t von der N»- 
tur der Pflanze ah Vorzüge der Wintersaar. — Von den Vor- 
iheilen des Uebersctzens der Pflanzen und dem Verfahren dabei. 



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J. Burger Lehrbuch der Land wir thschafi Q%i 

Ä.' Von der Pflege. — Beliadcen inr Lockerung des Bo- 
dens , mit der Handhacke, mit der Pferdehacke, wenn nämlich 
X>rillsaat einf^eführt ist. — "falzen.— Behäufeln : mit der Hand- 
hacke, oder gleich vollkommen und viel schneller mit dem Häu- 
felpflug. — Vertilgung des Unkrautes durch Ausziehen, Ans- 
liacken, üeberschälten mit Erde. Wir wundern uns, hier bei 
der Pflege der Pflanzen nichts^ von der Bewässerung im Allge« 
meinen zu finden, da solche doch nicht allein bei Wiesen, son- 
dern wie in der Lombardej, am Kap u. s.w. auch auf Aeckern 
statt findet, und bei Zunahme der Kultur allgemeinei werden mufs« 
J. Von der Aerndte. — Einärndtcn der FeJdgcwächse findet 
xa verschiedenen Zeitfristen Statt, je nachdem man bei der 
Aerndte verschiedene Theile beabsichtigt, und zwar mit der 
Sichel, dem' Siget und der S«nse; welche letztere wieder mit 
verschiedenen Vorrichtungen versehen sejn kann, deren jede 
ihren besondern Nutzen hat. (Aerpdtemaschinc). — Trocknen 
der Getreidehalme in Schwaden oder Garben, die auf dem 
Felde liegen, oder auf mannigfaltige Gerüste aufgehängt werden. — 
Aufbewahren der Getreidegarben und trockenen Futterpflanzen, 
in Scheuern und in Fiemen; Vor- und Nachtheile beider.— 
Vom Dreschen, Reinigen und Aufbewahren der Getreidekörner. 
Das erstere geschieht durch Dreschflegel von Menschen, oder 
durch das Austreten durch Thierc, oder durch Maschinen, wozu 
die Dreschwalze, der Dreschstampf und die Dreschraühle (aucU , 
des Holsteiner Dreschwagens hätte erwähnt werden können). Vor- 
theile der verschiedenen Methoden^ Keinigen durch das Wer- 
fen mit der Schaufel, di<9 Fegemühle tmd das Sieb. Aufbewah- 
ren in Schuttboden, Getreidekästen und unt^irdischen Gruben. 
Vortkcile jeder Methode. 

B, Specielle Pflanzenzucht (Band II. S. i — *77«)« üeber- 
all reiche eigne Erfahrungen des Vetfs. Die Pflanzen werden 
mehr practisch ak scharf abgetheilt in Getreide-, Futter- und 
Handelspflanzen. Bei jeder Art, oder wenigstens bei jedem 
Geschlechte ist angeführt: chemischer Bestand, Vorkommen, em- 
pfehlende und nachtheilige Eigenschaften, Varietäten im Allge- 
meinen, Beschaffenheit des geeigneten Bodens und Klimas, nö- 
ihiger Dungungsstand, Vorbereitung des Ackers durch Pflü- 
gen u. S.-W., Saatzeit, Saatquantum, Wartung der Saat, Aerndte, 
Ertrag an Körnern und an Kraut, oder Wurzeln nach Maas und 
Gewicht; Vcrhaltnifs beider. «— 

a. Die 'Getreidepflaozen — * sind grasartige, schötentragcnde 
und krautartige. Letztere beide Namen indefs Verstössen 
gegett aUe" botanische Terminologie, tind dienen darum nnr^ 
die landwirthschaftliche zu verwirren. Die Unterscheidung 
wäre hier woM, wie uns dünkt, am besten nach den Fa- 



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^%2 X Borger Lehrbuch der Landwirthschaft. 

milicQ gesdielien, wenigstens aberliätted die schotentragenden 
»hülsentragendec und die kraatartigen (der Buchweiuen) 
mit irgend leinem schicklicheren andern Namen benannt wer- 
den mässen. 
4. Weitzen ist: gewdhnlidher, Spelz^ und (minder cultivirt) 
pohischcr, vielähriger, dickähriger, und Einkorn; sie wer- 
den meist als Winter- und Sommerfrucht behandelt Hier 
vermissen wir zwei Arten , nämlich : 2>. dwoccon Schranck 
und Schiibler ( Tr, amjrteum Seringe wozu Z>. farrwn 
Bayle *- Bareüe) in Schwaben, und der Schweiz sehr 
stark gebaut unter dehi Namen: Emmer, welchen der Vf. 
für synonym mit Einkorn hält, und Tr. durum Desf, das 
derselbe wie uns. scheint, mit dem dickäbrigen Weltzeu 
(2'r. turgidum) verwechselt hat, und der gewöhnlich unter 
dem Namen des ^^unese^ und JVfarockaner Weitzens flK 
hordeiforme Host,) vorkommt Der letztere ist, wie wir 
gefunden ubd durch grössere und vervielfältigte Versu- 
che mehr darzulegen bemüht sind, nicht von der Art, dafs 
er aufs Feld gebracht, die guten Eigenschaften vcrlohre, 
die er im Garten gezeigt hatte; nur mufs er im Frtihling 
ausgesäet werden. Ueberhaupt scheint der Verf., da er 
die Monograßa dei Cereali von Bajrle Bareile zum Stu- 
dium der Ar^en und Varietäten empfiehlt, (i. J. iSai.) die 
trefflichen Arbeiten von Lagasca, Hostj Desfontaines , ins- 
besondere ^ von Schübler ( charactcristice et descriptiq Ce^ 
realiu/n in horto academico Tubingensi et IVurtembergia 
cuUorum. Tübing. 48 ^8 J und von Seringe ( Monogrcqthie 
des cereales de la Suisse, Berne ^84g)j dann von ff^agini 
nicht genug gewürdigt oder gekannt zu haben. — Dagegea 
gehört das vom Verf. aufgeführte Tr. compositum als con- 
stantere Abart zu Tr. turgidum. Dieser constanteren ästi- ' 
gen Abarteagiebt es mehrere, -nebst einigea minder constan- 
ten, die wir unter unsern Augen aus Tr. turgidum haben 
entstehen und verschwinden sehen; und es mag daher Hr. 
0). ff^itten vollkommen Recht haben, wenn er glaubt, wer 
Tr. compositum in sthlechtem Doden auf eine einfache Aehre 
reducirt »für gemeinen Weitzen halten wollte, würde we- 
:»nig Pflanzenkenntnifs verrathen, — denn der Saatweitzen 
»treibe auch im fettesten Boden keine Seitenahren.c Mit 
Unrecht aber sieht der Verf. den markigen Halm ab Kenn- 
zeichen von Tr. turgidum und compositum an, lo wie dea 
haarigen Ueberzug der Spelzen bei ersterem; denn dies 
sind sehr unconstante Merkmale, die bei allen Arten bald 
vorkommen , bald fehlen , wie sich leicht nachweisen läfst. 
£^dlich finden wir es äusserst Khwer, bei der Vicbahl 



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J. Burger Lehrbuch dm* Landwirthschaft. 923 

TQn Varietäten unter den Cerealien^ und ;da das Verhalten 
derselben zum Klima, ihre Vegetationsperiode, ihre Grösse 
und Ertrag keineswegs an gewisse Merkmaie in Farben, 
Ueberzug und Begraunung geknüpft ist, sondern theils von 
Kultur und Gewöhnung abhängt, im Allgemeinen über Ein- 
träglichkeit oder Untauglichkeit derselben abzusprechen. Da- 
her eben die Widersprpdie über den Nutzen mancher Ge- 
traidesorte^ , z. B. von 2r. compositum j durum u. s. w., 
welche doch an und für sich nutzlos sind, da mei<'t beide 
streitende Partheien Recht haben, indem bei gleichen äus- 
sern Merkmalen Varietäten vorkommen, die sich in öcono- 
mischer Rücksicht' sehr verschieden verhallen. Uebrigeus 
herrscht so viele Verwirrung' über manche Cerealien , dafs 
die Angaben über mehrere Arten in landwirthschaftlichen 
Schriften vorkommend, darum gar nicht gehörig genutzt 
werden können, und e& allerdings sehr Nodi wäre, A^is 
sich die Landwirthe mehr über die Bezeichnung der Arten 
und Abarten vereinigten. ' 

«, Rocken. (Winter- und Sommer- Rocken). 

3, Gerste. Grosse zweizeilige; zweizeilige nackte; Pfauen-G.; 
vierzeilige gemeine oder kleine; vierzeilige nackte; sechs« 
zeilige. Die Gersten werden im j^Ilgemeinen als Sommtr» 
fruchte angegeben, mit Ausnahme der scchszeiligeo. Hier 
(bei Heidelberg) kommen mehrere als Sommer flüchte, aber 
alle mit Ausnahme der Pfauengerste als Winterfrüchte vor, 
und die gemeine Gerste, von welcher in diesem Buche u.a. 
gesagt wird, dafs sie gegen die Kälte im nördlichen Deutsch- 
land höchst empfindlich seye, ist hier eine gewöhnUche 
Winterfrucht I dagegen ^\e zweizeilige meist' nur Som- 
merfrucht 

4» Hafer. Rispen-Hafer (A, sat,)i Fahnen-Hafer ^A, Orient,); 
nackter Hafer. 

5» Mays: wozu als Varietäten der gemeine grosse, und der 
kleine frühreife. Ausserordentlich ist dessen Ertrag im 
Öesterreichischen, wo 3o— 4oMetzen9 und bei zweckmäs- 
siger Kultur 60, — 70 Metzen ein Durchschnittsertrag von 
i Joch sind (im Elsafs so wie hier nur etwa 2j Metz). 

6. Hirse. Gemeine; Pfennich (P, itai.J; und Bluthirse. 
■ 7. Moorhirse. ("Ä sorghum und Ä saccharatus) für uns 
nicht geeignet. — Nach diesem wird behandelt : 
Hülsengetreide im Allgemeinen ; dann 

8i Erbsen. Gemeine und Krön -Erbsen. \ 

$* Bohnen. ' Grosse oder Schweine -, kleine oder Pferde «B. 

vo. Wicken. 

ir> Linsen. , 



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924 J* Baiser Lchrbach der LandwirthschaflL 

^«. Fisolen. ( Zwerg -Fisolcu). 

yj. Kichern. / 

44* Platterbsen. Letzte beide wenig mcbr gebaut. 
Krautartige Gctreidepflanzen. 

/5. Buchweitzen (PoL fagopjrum und tataricum), Dcf Buch- 
weitzen mit flugelkantigeu Früchten^ (P, emarrginatumj ist 
als Varietät von ersterer Art erwähnt. 

b. Kultur der Futterpflanzen. ' «. Beständige Futterfelder. 
Nämlich Weiden und Wiesen, welche beide künstliche uod 
natürliche sejn können. Egart- Weiden und Wiesen j ge- 
eignete Weide- und Wiesenpflänzen, Bewässerung. Duu- 
gcn, Ueberfuhren mit Erden; Heuärndte; Ertrag; Werth 
des Heues im Verhältnifs zu denProducten der Cerealienfel- 
der. — ß. Zeitweilige Futterfelder. — Grasartige Futter- 
pflanzen: Rocken, Hafer, Mais, Pfenuich, Mohär, Franzö- 
sisches und Englisches Raigras; Honiggras; weisser Wind- 
halm oder Fioringras u. a. Was Mohär oder Panicum ger^ 
mamcum sejn solle, konnte Ref. nicht ansmitteln (vielleicht 
P, viride?). — Schoten- (Hülsen) tragende FutterpflanzeQ>: 
4. Wicke, 2. Klee, 3. Luzerne, 4- Esparsette. Es wun- 
dert uns, hier so wie bei den Wurzelgewächsen li. ac 
die vorhandenen chemischen Analjsen nicht mehr benutzt 
zu sehen, da sie doch hier von eben dem Interesse sevn 
wurden, wie oben bei den Cerealien ; obschon wir anderer- 
seits der Meinung sind, dafs sie in die Landwirthschafts- 
Ichre gar nicht, sondern nebst anderem, z. B. den Pflanzen- 
krankheiten etc. in die angewandte Botanik gehören, und^ 
nur dort mit der Landwirthschaftslehre verschmolzen wer- 
den sollen, wo besondere Vorträge - über jene fehlen. — 
Krautartige (?) Futterpflanzen: Spörgel und Buchweitzen* 
Hieher hätten noch manche andere Pflanzen gebracht wer« 
den können, die hin und wieder im Grossen gebaut wer^ 
den; z. B. bei den Hiilseupflanzen der weisse Klee und 
die schwedische Lucerne; hier die Cidiorie, Pimpinellcn^ 
Wegerig , Skorzonere u. s. w. — Knollen tragende Futter- 
gewächse: Kartofi*eln, knollige Sonnenrose. — GemiiTsarten : 
Kopfkraut (andere Varietäten des Kohls, die auf den Fel- 
dern gebaut werden, fehlen). — Wurzelgewächse: Möli- 
Tcn^; Pastinaken; Runkelrüben; Steckrüben- (I^utabaga); 
Saatrüben. — Futterfrüchte: Kürbis. 

c. Kultur der Handelspflanzen. — Oespinnstpflanzen : Lein 
und Hanf. — Oelpflanzen: Sommer- und Winter -Rui>saat 
(ßrass, campestris ^nd B, napus); Kohlsaat (ßr. oUr.ldci^ 
mala); Mohn; Leindotter; — Gewürzpflanzen: Safran; 



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J. Burger Lehrbach der Landwirthschaft 935 

Kainmel; Fenchel; Anis; Koriander; Taback. — Farbpflan- 
zen; Waid; Wau; Krapp; — Weberdistcl. 
£5 hätte bei der spccielleu Pflanzenzucht manches mehr zu- 
sammengedrängt werden können, wenn i. B. zuerst das Gemein- 
schaftliche in der Zucht sämmtlicher Halmgetreidearien , Hülsen- 
getrcideartcn u. "s. .w. vorgetragen worden wären, dann bei den 
Arten selbst die Abweichungen und Eigenthümlichkeiten. Gleichr 
wohl aber ist es angenehm ^ zu sehen, wie mehr und mehr in 
der Landwirthschaftslehre die allgemeinen Theilc im Verhältnifs 
zu den specielleu sich er^^ eitern, und so die Wissenschaft sich 
besser gestaltet. 

IF'. Fiekzucht, (180 — 3a a) Einleitung. 

A, Allgemeine V., zerfällt wieder in : 

a. Paarung. — Rassen und Spielarten, Mischung der Rassen. 
Bildung und Erhaltung neuer Rassen. Das Paaren naher 
Verwandten keineswegs schädlich. Alter zur Fortpflan- 
zung. 

b. Pflege. — Erster Zeitraum vor der Geburt: Bessere Nah- 
rung der trächtigen Mütter u. s. w. — Zweiter Zeitraum: 
Säugen; Entwöhnen davon. — Dritter Zeitraum der freien 
körperlichen Entwickelune. Besseres Futter ; mehr Wärme. — 
Vierter Zeitraum. Unteriialt auf Weiden oder in ' Stäl- 
len (sehr kurz; denn manches in dem speciellen Theil Vor- 
getragene gehörte hieher). 

c. Von der Mästung. — Dieser Abschnitt wäre schicklicher zu 
überschreiben gewesen; Von der Nutzung; wo denn auch 
die Nutzung durch Nachzucht, durch Anspannen, die Milch- 
und Dunguutzung hier im Allgemeinen abzuhandeln gewe- 
sen wäre. — Zweck der Mästung: Fettmachen und Erhö- 
hung des Werthcs. Daher Aurcitzen und Nöthigen zum 
Fressen guten, nährenden Futters, bei gehöriger Ruhe, und 
in nicht übergrossen Quantitäten: Beschaffenheit d^s Fettes 
je nach der Nahrung. Auflöslich ermachen der Nah- 
rung durch Schneiden, Pulvern, Kochen, Gährenlassen. 
Kastriren des Mastviehes. Auswahl (der zu mästenden Thiere : 
sie sejeu gesund und ausgewachsen. Halb oder ganz Mästen. 
Stärkstes Zunehmen im Anfang der Mästung, daher hier das 
meiste FuUer zu' geben , luid das Halbmästen oft gewinn- 
reichcr. Ausmittelung des Gewichtes, und ob die Thiere 
in der Mästung noch zunehmen, durch Wä^en, Messen u. s.w. 

B. Spe^elle Viehzucht (S. 207 — 32a). 

Bei den .einzelnen Vieharten wird angeführt: Vaterland und 
Naturzustand; Ig^assen: wovon siö abhängen, und worinnen sie be- 
stehen, dann Vorzüge der Rassen; paarungsfahiges Alter; Alters- 
kennzeichen; Zeit des Trächtigsejns; Behandlung in obengenann- 
ten 4 Altersperioden, je nach dem Gebrauch wozu sie bestimmt 



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9^6 J* Barger Lefarbach der LandvirthschafL 

sind; Sommer- und Winter -Futterang, und worin sie beste- 
he, wie viel. — Verwendung und Benutzung der wctblichen 
Thiere: vorzüglich auf Milch, wie oft zu melken seve, Milch- 
ertrag, Bntterbereitung, wie viel Butter gewisse MaaTse von 
Milch liefern; Käsebereitung; Äxten der Käse, Menge der zu 
bereitenden Käse; theils werden die weiblichen Thiere auch 
zum Zuge verwendet. Die männlichen dagegen sind theib zur 
Fortpflanzung bestimmt, theils ebenfalls zum Zuge, wozu maa 
sie aber lieber verschneidet; zuletzt werden sie zum Theil ge- 
mastet. ' Anspannungsarten. Futterung bei dem Mästen; Mästung 
mit verschiedenen Futterarten: nämlich mit Grüufutter, Wurzda 
und Knollen, Oelkuchen, Getraide, Trabern u. s. w. 

In den bezeichneten Bücksichten durchgeht nun der Verf. 
/. Das Rindvieh -r- Kuh, Stier, Ochs, 
ij. Das Schaafvich — Nachzucht ; Wolle ^ Älilch , Pferch , 

Mästung. . 
5. Die Ziegen. 

^. Das Pferd , wo übrigens über den Esel , und die Bastarde 
aus Pferd und Esel nichts erwähnt ist, obgleich der Verf. 
oben auf deren Mist gerechnet. 
5» Schweine. 

Nichts über die nothwendige Anlegung und Einrichtung 
der Ställe, weder hier noch weiterhin. 

Die specielle Vichzuclit ist weit vollständiger ausgeführt, 
als die allgemeine, welche ziemlich kurz. 

F. Hauskalt (S. 323 — 4oo) nämlich: 
A. Aeusserer. 
a. V. d. Arbeit der Menschen« Sie sind Dienstboten , Tage- 
löhner, Stückarbeiter und Frohner. Vortheile und Nach- 
tlieile bei diesen verschiedenen Leuten, in verschiedenen 
Arbeiten. Wie viel sind zur Wirthschaft nothig und zu 
einzahlen dauernden Verrichtungen. Bezahlung. — Arbeit 
der Tliiere, nämlich zumal der Pferde und Ochsen. Wel- 
che von beiden vorlheilhafter seytn^ hängt von den Ankaufs- 
und Unterhaltungskosten ab, die in verschiedenen Gegen- 
den vtMschieden sind, so wie von dem Verhältnisse in wel- 
chem ihr Werth mit dem Alter abnimmt, und davon ob 
viele Arbeiten vorkommen, die schnell verrichtet werden 
müssen. Grösse des Gespannes von der Beschafieuheit und 
Starke der Thiere abhängig. Wie viel wird an verschie- 
denen Arbeiten von verschiedenem Gespann in gewissen 
Zeilfristen verrichtet : als Pflügen, Eggen, Pferdehacken etc. 
Zahl der nötbigen Thiere im Verbältnifs zum Ganzen der 
Wirthschaft. 

Aber wir verstehen den Verf; nicht, wenn er (S. 343.) 
sagt : >der Geld werth eines Arbeitst^es unserer /lugthiere 



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J* Burger Lehrbuch der Landwirthschaft« g^j 

>werdc erKtoben, wenn 'man von dem G^dwerthe des Futters 
»und der Streue, welche die Thierc erhielten, zuerst den Werth 
»des dafür erhaltenen Dungers abschlage und dann den Rest 
»durch die Summe der Arbeittstage theiie.c Warum sollen hier 
der Betrag der Kapitalszinsen vom Ankaufspreise, und die SuU- 
Geschirr - und Wartungs - Kosten nicht mit in Rechnung ge- 
bracht werden, unter Berücksichtigung der Werthabnahme der 
Thierc mit dem Alter? 
^. V. d. Dünger. In der Lehre vom Haushalt bleibt notb 
weiter zu untersuchen: — - Wie viel Dünger man bedürfe, 
für ein gegebenes Maas von Feldern. Der Boden mufs so 
viel wieder erhalten, als ihm entzogen worden. Daher zu 
berücksichtigen : die Verschiedenheit des Bodens und der an- 
gebauten Pflanzen nach Quantität und Qualität und Behand- 
lungswdse, die des KHma's; dann wie viel Düngermaterie sie 
bei der Aerndte im Boden selbst hinterlassen. So machen 
woblbe wässerte Wiesen keinen, Hütscn pflanzen nur geringern 
Düngerersatz nothwendig. Anders verhalten sich die grün 
oder reif geschnittenen Cerealien, die Kartoffeln, die Oelge- 
w^ächse u. s. w. Was geht durch Gährnng und Verßüchti- 
gung von organischer Materie verloren, was durch Verdauung 
bei der Fütterung ? — In welchem Verhältnifs der Dünger den 
Feldern durch die Aerndten. entzogen wird — • dies ist ge- 
funden, wenn man weifs, wie viel trockene Pflanzen -Substanz 
bei der Aerndte vom Acker gewonnen wird, und wie viel 
die geärndete Pflanze von ihren Thcilen aus der Lutt gezogen« 
Der Acker cntliält mehr Düngermaterie im ersten als im zwei- 
ten, hier mehr als im dritten Jahre u. s. f. — Welclie Thiere 
den zur Wirthschaft erforderlichen Dunger am wohlfeilsten 
liefern. Dies geschieht von jenen Thieren, die den Werth 
des verzehrten Futters am meisten durch die geleistete Arbeit 
und andern Nutzen ersetzen, welcher letztere wieder unter 
verschiedenen Localitäten von verschiedener Art seyn kann. — 
Wie grofs die Anzahl von Vieh in der Wirthschaft zum Be- 
,hufc der Üüngererzeugung sejn müsse , dies hangt von der 
Art und Grösse desselben und der Fütterungsweise, endlich 
von der Menge der Einstreu ab. — "Wie sich das Gewicht 
des verzehrten Futters saramt der verwendeten Streu zu dem 
Gewicht des feuchten, hinlänglich niürben Düngers verhalte, 
find^ «nan> »wenn man das Gewicht der trockenen Substanz 
»des verzehrten Futters und der in einer angemessenen Menge 
»verwendeten' Streu mit 2,17 roultiplicirt.« Dies Verhältnifs 
ist aus den genauem Versuchen von Gericke abstrahirt. Der 
Vf. findet die Annahme von Ma/er und 2%är, dafs Körnerfüt- 
terung absolut und relatii fast eben so viel Dünger gebe, als 
HeofuCtenuig unzulässig. In ersterer Rücksicht dürfte er aller- 



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9ft8 J. Bürger Lehrbach der Landwirthsc^aft. 

diogs Recht Babeiti; ob aber die Eiltemente bei der Körner- 
futteroBg bei gleicher Temperatar und Zersetzuog geoau so viel 
FeachcigLeit zuröckhalteo, wie die bei der Heufütterung ist wobl 
doe andere Frage. -^ In welchem Verbältmls die Erzengung 
yerkänflicher Pflanzenproducte zur Falter- und Streu -Enea- 
gung stehen müsse: dies hangt vom Ertrage eines Th eile« der 
Felder an Futter und Streu ab, und von dem Dunger -Be- 
dSrfnib desjenigen Feldes^ was zur Hervorbringung derHan- 
Melspflanzen bestimmt ist (Beispiele mit Berechnung). — "Wie 
die verschiedenen auf den Aeckern kultivirtcn Pflanzen aufein- 
ander folgen sollen y dals der nothige Bedarf an Futter und 
Streu aufgebracht, und mit der gröstmoglichen Erzeugung von 
Körnern und Handebpflan:(en gepaart werde, ohne dafs die 
Aecker dadurch zu sehr erschöpft werden, oder verwildern 
oder eine ansserordentKche Bearbeitung erfordern- (d. i. über 
die Fruchtfolge). Die Pflanzen sind aus^uwähleu nach Ver- 
»chiedeuheit günstiger Klima-, Boden u. a. Local- Verhältnisse. 
Felderwirthschaft. Egarten- oder Koppelwirthschaft. Frucht« 
W'ecbselwi'rthschaft. Wo jede dieser Wirthsi;haften vortheUhaflu 
Die Pflanzen müssen nach -der Düngung zuerst in die Aecker 
kommen, die am meisten Dünger bediirfen u. zwar mit Rücksicht 
darauf, welche Pflanzen den frischen Dünger am besten er- 
tragen : zuerst die Pflanzen mit dickem Stengel , und die 
Wurzelgewächse; dann die Halmfrüchte, xuletzt Buchweitzen 
und Hülsenfrüchte. Dagegen bei jälurlicher Düngung kann 
dieselbe Frucht aucli alljährlich kultivirt werden. Aber das 
Anbauen mehrerer Früchte hat manche Yortheile ; denn die Ar- 
beit verthcilt sich mehr, weniger^ Gefahr desMifswachses, bessere 
Nutzung des Düngers, so wie er allmählig auflöslich wird. 
Beim Fruchtwechsd vorzügliche Rücksicht, dafs die Beschaf- 
fenheit des Bodens durch die Ktütur der Vorfrucht herbei- 
geführt, der der Nachfrucht angemessen seje.' Die Brache 
dagegen nur unter gewissen seltenern Localitaten noth wendig. 
Dreifelderwirthschaft. Koppel wir thschschaft und verschiedene 
Nuancen derselben. Beispiele der Fruchtwechselwirthschaft 
mit und ohne Futterpflanzen, ^f verschiedenem Boden u. s.w.; 
Man könnte bei diesen Untersuchungen über den Dünger viel- 
leicht dem Verf. vorwerfen , dafs er sich durchgängig zu be- 
stimmt ausdrückte, während es zuweilen schwer hält serneu 
Untersuchungen zu folgen, da in den Beredmungeu mehrfäl- 
lige Druckfehler überselien worden. 



(Drr Biscbkflfik^*) 



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N^ 59; Heidelberger 1822* 

Jahrbücher der Literatur. 



t 

/• BütLGEti Lehrbuch der Landwtrihsehijfi. 

(ßisehiufs.) 

B. Innerer Haushalt (S. Sgt — 4oo) 

gu Vcrthcüung der Gcicliäftc. Geschäfte des Herrn, des Ver- 
walters etc. 

^« Pflichten der Herrn und Diener. Lohn. Behandlung. 

c, Wirthitchaftsrechnunfl;^: soll hauptsächlich zeigen , wie sich 
das Wirthschafts - Kapital verzinset. Es besteht aus dem 
Grundkapital, dem Inventarium, und dem Betriebskapital. 
Die Zinsen Tom Inventarium werden doppelt so hoch an- 
gerechnet, als die rom Grundkapital; der Rest des reinen 
jahrlichen Gewinns nach Abzug dieser beiden Zinsen bildet 
die des Betriebskapitals. 

Dagegen ist Nebenzweck bei der Wirthschaftsrechnung : die 
Kenntnifs des Nutzens und Schadens der aus dem Betriebe der 
verschiedenen Zweige der WirthscHaft hervorging, (uns dön- 
Len beide Zwecke gleich wichtig, denn nur durch letztere ist 
der hier sogenannte Hauptzweck für die Dauer gesichert). Die- 
ser wird nur erreicht durch Verzeichnung aller Geld- Einnah- 
men und Ausgaben, aller Arbeit, aller Naturalausgaben ; und 
zwar insbesondere l^i jedem Acker ,. jedem Boden- und Stall- 
producte. bn Folgenden werden die Grundsätze der Berechnung 
in wenigen Worten zusammengedrängt. Die Summe aer Grund- 
rente und der von der fahrenden Habe (mit Ausnahme des Vie- 
hes) so wie der Steuern werden auf die einzelnen Theile von 
Grund und Boden nach deren subjectivem und objectivem Werthe 
ausgeschlagen. Femer mufs die verwendete Arbeit durch Men- 
schen undThiere jedem Acker, oder jeder Frucht zugerechnet 
werden , der ausgeführte Dünger aber nach ' dem Verhaltnifs, 
in welchem er von den verschiedenen Früchten consumirt wor- 
den. Deu Thieren werden die Zinsen ihres Ankaufs -Kapitals 
und die Kosten des Futters und der Wartung zur Last, dage- 
gen wird ihnen zu Gute geschrieben , was sie an Arbeit gelei- 
stet, was an thierischen Producten, durdi die Menge und Beschaf- 
fcoheit der Nachzucht ertragen: — ^ Doch die doppelt« Bucbhal- 

« 



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\fdo Pbiloctetes» Tragödie des Sopbocies. ' 

tung lolint sich nur in grdssem WirtlischaClen wo maa einen 
eig#nen Rediupc kalt. ^*— -r- 

Auch diesen leisten Abschnitt des Compendiams vom Haus- 
lialte finden wir vorzugsweise klar und grundlich. 

Wir können versiebern, dafs das vorliegende Lehrbach 
nicht nur zum eigenen tlnterrichte und als Compendium bei dem 
Vortrage sehr brauchbar seje, sondern auch jedem Staatsbeam- 
ten und Landwirtbe wegen seiner extensiven und intensiven 
Vollständigkeit als Handbuch zum Nachschlagen sehr nutzliclr 
seyn müsse. Denn werden gleich hier und da manche Einzeln« 
hciten darein vermifst, so liegt solches hauptsächlich nur in def 
Bestimmung dieses Buches als Compendium,^ und es findet sich 
nichts Bedeutendes darunter.—-— Ansichten, die hier aufge^ 
stellt, sonst aber streitig sind, haben wir eben deshalb nicht 
näher berührt. 

Einige Druckfehler, deren wir uns, eben jetzt erinnern, 
sind: L S. So^ wo in der Tabelle zuletzt >5,a3oc statt »o,23oc 
steht, !• S. iA6 Z. 5 v. unten, wo »ii6€ statt >ii8c steht, 
I. S. i3a Z. 6, wo statt »a,ai36« zu setzen: >o»,2i36.c und 
I; S. 180 Z. 34, wo statt >4oo Stücke stehen sollte »i 00 Stück.« 
Mehrere finden sich noch II. S. 3f4j 376, 377 u. s. w. Einige 
Provinzialismen sind dem Verf. entschlüpft, wie z. B^ zeit- 
weilig, Spennkälber,' schütter y Seiger, unter einem, u.s,w. 

Auch auf das Aeussere ist alle Sorgfalt verwendet. Druck 
und Papier sind sehr gut; der Prei£i ist nicht zu hoch. 

Heinrich Broniu 



PhHoetetßi. Tragödie des Sophodes, fUpmar in der Hof-* 
buehhandlung der Gebrüder Hoffmann, 48n9» 48 ggr. 

JNach Solger einen Philoctetes übersetzen heifst nun zwar nicht 
eine Ilias nach dem Homer schreiben; aber wer es unternimmt, 
sollte es mit mehr Geist und mit mehr Kenntnifs der Aufgabe 
unternehmen als hier geschehen ist; und nicht dort Rückschritte 
machen, wo Solger, dem wir in grosser Masse die ersten rieh-* 
tigen Trimeter verdanken, auf so gutem Wege war. Der un- 
genannte Uebersetzer giebt uns schlechte Senare in allen For- 
men: 

So daß wir weder Opfer noch des ff^eihrauchs KKerk^^ 

Hinaufwärts oder niederwärts — 

Dem Kommenden zu geben — 

fairst du der Menschen aUerfrÖmmestkr genannt — * 

IFpA/.' edd beide, Tödtender, Getödteterl «— 



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Philoctetes. Tragödie des Sophadies« ^i, 

Sogkich hegrüfste michs, ah ich ausstieg, schwur 

zu sehn, 
, Der nicht war, ihn wiederaufgeleh j jichäl — 
(Hier ist vielleicht ein Druckfehler) 

Und jetzt, NichtswärJiger ß deftkst Du, gebunden mich — • 

Den / Göttern / Opfer / zünden / sprengen / wie Gc 

träiA U.S.W, U.S.W» 
Das sind Fehler, die jsich nicht etwa durch eine Ausrede, der 
Uebersetzer habe eine andere Theorie befolgt, entschuldigen 
lassen. Aber auch, wo richtige Verse sich einzeln einfinden, 
und das geschieht nicht selten, fehlt doch die gehörige Mannig- 
faltigkeit im Wechsel der Abschnitte und EinschniUe, die sanfte 
Grazie, mit einem Wort der eigentliche Stjl der sophocleYschen 
Verse, zu dessen Entwickelung Sofgcr ^so tüchtig die Bahn ge- 
brochen. — Das Verhältnifs der Chorvprse des Uebersetzers zu 
den Chorversen des Sophocles ist gerade dasselbige, wie das 
seiner^ sechsfüssigen modernen Jamben (wie wir sie in Erman* 
gelung eines IVamens benennen wollen) zu den sophocklschen 
antik gebildeten Senaren, 

Der Wortausdruck halt Schritt mit dem rhythmischen. Aus 
dem Anfange lälst sich der Geist des Ganzen beurtheileu. Ei* 
lautet so : 

j4m Üjer sind wir meerumwogter Insel hier 

Lemnos, von Menschen unbetreten, unbewohnt; 

IVo , Du des gröfsten Vaters Sohn int Argoskeer 

Achilleus Kind, Neoptolemos, den Melier 
.• Des Pöas Spröfsling, weiland ausgesetzet ich u.s^w, ,' . 

Nach diesen Proben bleibt nichts zu sagen, als dafs keine 
Vorrede und keine Anmerkung uns über die Plane und Absieb- 
ten des Uebersetzers Licht Terschafft. 



Lukas Kranachs Leben und fVerh. Von JosKni Hmlikm. 
Bamberg bei' C. Fr. Kunz. 48$4. XVI und 539 S; in 8*, 
Mit e. Vorr. von Bibliothekar Jäck. 4 ß' Sokr. 

Uer unermüdete Bibliothekar Herr Jäck hatte > ausser seinem 
/Pantheon der Literaten Bambergs (i8ii) auch eine Beschreib 
hung der Künstler seines Vaterlandes im Sinn* Hr. Kaufmann 
Joseph. Heller, dessen Sinn für Kunst auch in dem alterthümli- 
cben biedern Nürnberg genährt ward, selbst Besitzer einer be- 
deutenden Bücher- und Kunstsammlung, die er zu einer Stif- 
tung für das dafür empfangliche Bamberg nebst einem Stipendium, 
jnm Künstler reifen tu la»eD| erheben will^ unternahm für eine 

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g^H L. Cranaclis Leb^n und 'Wevlit; von Jos. Heller. 

solctie Beschreibung^ unter andern Ücn wichtigen Artikel Lukas 
Kranach, wozu auch Martin Joseph ^von Reider mitwirkte. Alle 
Kuusfkenner und besGfiiders auch die Sammler von altkunstlert- 
sehen Kupfersticheu werden ei ihm und dem Herausgeber sehr 
Dank wissen,, dafs sie schon jetzt dieses recht anziehende und 
belehrende Werk öffentlich machten. Nur dadurch, nicht aber 
durch ein Zurückhalten' bis zu einer nie ganz erreichbaren Vol- 
lendung, wii'd für solche Arbeiten Vervollkommnung, wie sie auch 
durch andere Sachfrcnade theilweise befördert werden kann, 
möglich gemacht. Wie überhaupt die Geffentlichkeit, fast wt* 
die Gottesfurcht (die Scheu Tor der öffentlichen Meinung wirkt 
oft, wie die Furcht vor dem GdttHcheu!) in allen Dingen nütz- 
lich isty so nützt sie auch, indem sie das' Sprichwort: Zum 
Krliindene'n läifst sich leicht noch zusetzen! wahr machen hilft. 
Je früher man das schou Gefundene allgemein erfahrt, desto 
früher werden vervollkommnende Zugaben möglich. Wir freuen 
uns, einig«? solche anhängen zu können. Das Ganze umfafst des 
edlen Kunstlers Lebeh und fVerke. Die Werke werden dnrck 
Aufzahlung a, der G^nälde h, der Kupferstiche u. Holzschnitte, 
die von und nach ihm gemacht wurden , bekannter gemacht. 

Meister Lukas, geb. zit Cronach im Bambergischen, \rahr- 
schetulich *472, hiels daher von Cronach, wi'e. so viele von 
auf diese Weise entstanden sind. Sein Familienname war «Siia-. 
der. Im Sommer iSog, also schon SjjShrig, reisete L. auf 
des Churf. Friedricli des Weisen Befehl nach den Niederlan- 
den. Dort malte er den nachmaligen K. Carl V. als achtjährig. 
Die frühere Bildnng des L. zum Künstler ist noch nicht erforscht« 
Als solcber machte er schon i493 mit Churfürst Friedrich die 
Walltthrt nach Palästina. Welche Gelegenheit fffr L, Welt und 
Kunst religiös zu beschauen. i5o3 ward Er, neben Dürer^ 
Ver herrlicher der ncueingewetliten Collegiatkirche zu Wittenberg. 
Sein Hochaltarblatt dort, die Dreieiufgkeit , zerstörte mit viclea 
andern Kunstwerken 1760 der siebenjährige Krieg. 46 Jahre 
lang 'war ^. BtSrger, seit i537 bis i544 gewählter Büi^ennet* 
ster dies^ Sthdt. Bei Friedrich dos Weisen Leiche (i524) 
liefs der durch* diesen 'musterhaften Regenten wohlhabend ge- 
wordene »Meister Lukas der Malere an jeden Armen einen Gro- 
schen Allmosen geben. 

Wie hoch Luther, der für alles Treffliche Genialisch-Offene^ 
auch Ihn schätzte^ und liebte, zeigen dessen Briefe. Dcni fur-^ 
sichtigen Meister, Lukas Cranadi, Maler zu Wittenberg »seinem 
lieben Gevatter und Freundec schrieb Luther schon von Frank- 
furt a. M. tfus, Dom. Gant. iSat auf dem Rückweg von dem 
glorreichen Bekenn tnifstag zu Worms, zuerst den geheimen Trost: 
Ich lasse mich eiüthun und verbergen , weUs sejbst nicht ^^ mo. 



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' (Mit firgäazung!»:). n ^ 933 

Uad wiewoM icK lieber hätte voa TjnHiaen . . . Atn.^fqA ^t^ 
hlLeUj mufs ich doch guter Leute lUth wicht veracluc», ,^U ;ftf 
seiner Zeit» Die Juden müssen einmal fingen: Jp,. Jp, Jq,1 
Der Ostertag wird ii/?/ o/^A kotniike^, ao v^olJen wir .dann ,^?r 
gen: Hallelujah! £s mufs eine kleine Zeit gescl^wjjegcn un4 
gelitten sejn.... Und vorher: >p wir LJi|idep Deutschen! "fi^ 
kindisch liandeln wir, und lassen upi^.so^ janmerlich die Homay 
nisten äffen und naoren. S. Walchs Wcrk^ Luther/j. Thl. XV. 
& 23 ig. Auch den Troslbcsiich yon Lutl»er bei L., beschreibt 
XXJI, 1274. da diesem 4er Sohn Job^imes in Italien, gestorbep 
'war. Hr. H. berühr» dieses Unglück Urtd, daft L, sich idißt§fjiuj(4 
der Reise beimais. Gerade darauf ging Luti^ers . Tro^ 3chc)n, 
dafs Hr« H. auch dieses alles und ooqh mehrere- Züge von de;^ 
edlen Yerhältnifs , zwischen Cninaoh und Luther vollständig, um- 
führt S» 39 — 47* Auch von MeiabChtfion und ähnlichen,.. . Wiip 
Teutschc haben der grossen Mäaner picht so im Ucbfrflu(s, i^ff 
wir diejenigen ignorieren dürfen, welche s^M einpm'a^4e^^J{^-| 
ehenthum ^ehören«^ Wohl dem, «v^<;hf ff^i, Iler^ un4 Vf?rsl^d 
mehr sind, als Kirchensat^ung und Partheienmiil^erei. UebenQ 
beweist der Verf. seine, literarische ICenntuisse auch dadurch, 
dafs er von denep nur. gelegenl«eitlich augeführten dennofh pinig9 
Terwandte Notixen in den Anm* eiostceul« - . w 

Vornehmlich erscheint Lucas als Mensch grofs' durch da,s^ 
was Hr. H. S« 16 -*- 28, von ihm aus den Z^ten nach der 
Schlacht von Mühlberg (a4 Apr. tSJiy) aufbewahrt, hat. ;rCra-: 
nach fühlte zu tief seine Bürgerpflicht, und H^t^ einen zu (estc^ 
Gharacter, als dafs er von Besorgnissea gedrängt, seinen \yoliu- 
ort hätte yerlassen. m£g^n« Kaiser Cari.V, liefs ihn während def 
BeJagerung zu sich in das Feldlager zu Pistriz rufen, und im-i 
terhielt sich mit ibiBVon Kunstgegehständeo. Ak 4cr aiffiZucas 
Maler aus der Stadt iii's Kaiserzelt gefordert war, sagte Ihoi 
Kf Karl, wie daf» ihp» der gefangene Chuirfürst von Sachsen auf 
ikn» Reichstage zu Speier eine schone Tafel, $0 er, Lficcu^ ger 
malet, geschenkt habe, die er oft ^mit Lust und Wohlgcfalle« 
angesehen, und von seinen Gemälden viel gehalten hätte* Es 
ist aber zu Meeheln, <agte diyr Ks^iser^in meinem Gemach ein/e 
Tafel, auf welcher Du mich, als ich nocb, jung .war, abgemalet 
hast; und ich begehre deswegen ;zu. wtsseil, wie alt ich damals ' 
gewesen bin. Darauf der alte Lucas antwortet: Eure Majestät 
war daqials acht Jahr alt-, als. Kaiser MwKifniUan Euch bei def 
TMihtea Hand führetete, und £w. Majestät; in Niederbud hui* 
digetf liefs. Indem ich aber anfing , £ w« Majestät abzureissen, 
bat Ew. Maj. sich stätig gewendet, worauf euer Präceptor, wel- 
chem eure Natur wohl bekannt ^^ verm^det, dals Ew. Maj. eii^ 
sonderlich Gefallen zu schonet^ Pfeilen trüge, und -darauf befahl, 



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934 L* Cranachs Leben mid Werke von Jos. Heller. 

daTs mftn einen kunstreich gemalt0n Pßü an clie Wand g^en 
Bber stecken sollte, davon Ew. Maj. die Augen niemals gewen« 
dety tind ich desto besser- das Conterfeit zu Ende gebracht. — 
Dt^e Erzählung hat dem Kaiser sehr wohl gefallen, und kat Er 
dem. allen Lucas Maler fireundliph zugesprochen. — Als «b«r 
der gute alte Mann an seines Herrn und des lieben Vaterlandes 
Ungfhich dachte, ist er mk weinenden Augen auf seine Knie 
geftdlen, und hat für seinen gefangenen Herrn gebeten. Darauf 
der Kaiser sanftmüthig geantwortet: Du sblli erfahren, dafs 
tc^ deinem gefangenen Herrn Gnade erzeigen wiil, hat ihn dar- 
iretf mHdiglich begabt, und wieder in die Stadt ziehen lassende 

Craiwch wurde von deifi Kaiser ibit einem silbernen Teller ^ 
voll ungarischer Ducaten in die Stadt zurückgesendet. Er 
nahm abe^, um nicht doch durch gänzliche Verschmähung des 
Geschenkes sich die kaiserliche Ungnade zuzuziehen, nur so viel 
tbn defoi Golde, als er mit zw et Fingerspitzen fassen konnte, 
lehiHe aße Antrage des Kaiser», ihm in die Niederlande zu fol- 
gen , 'standhaft ab, und erhäl sich bloß die Etlaubnifs , seinem 
Vhttffurstcn in das Gefangnifs folgen zu ddrfen. 

Der edle Cranach verliefs, aus reiner Anhänglichkeit an 
seinen Landesvater, sein zweites Vaterland Sachsen, rifs sich 
Toa allen Freundschalh - und Verwandschafits - Verbindungen 
16), schrieb seine letzte Willensmeinung nieder, reiste nbcr 
Augsburg nach Insbruck in das Gefangnifs seines unglücklichem 
Herrn, rerweilte bei ihm während der noch übrigen drei 
Jahre seiner Verhaftung und tru^ durch seine Maler- Arbeitea 
sehr viel zu dessen Zerstreuung in der Einsamkeit bei. Hort* 
feder sagt : »wenn seine fürstliche Gnaden Morgens aufgestanden^ 
biiben sie bei einer Stunde in deren Gemach allein gebetet, und 
in der heiligen Etbel, oder doch in Dr. Luthers Schriften, sonst 
vielfältig in vornehmen deutschen und französischen Historied^ 
Büchern gelesen, und nächst demselben noch dcunit ihre ZeU 
Vertrieben, dafs sie. den berühmten Maler, den alten Lucas Crar 
hoch, allerhand Contnfatturen und Bädwerk malen lassen. 

Am a7ten August i55a wurde endlich der Churfürst inm 
seiner Gefangenschaft befreit. Am 24len Sept. vvaren Sie zu 
Jena eingetroffen, wo ihnen die Bürgerschaft im feierlichsten 
Anzüge auf eine halbe Stunde entgegen kam. Der ChurfürsC 
hatte in seinem Wagen seinen iltesten Sohn Herzog Johan« 
Frtederich den Mittleren , und Lucas Cranach zur Seite. 

Wie freut man sieh der Zeit, wo soldker Kunstdtt» aril 
solchem Biedermuth im Leben und mit solcher frommen Klug- 
heit vereint, zu sehen war, wo aber auch vom dahikfühlendM 
Fürsten, auch noch nach beendigtem Unglück, der treue Bür- 
ger, der freiwil%e Unglücksgel^rte, dem achtsamen Volke 



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(Mit ErganzoDgenV 935 

iouber noch als «Irprobter IVottnd gezeigt wurSe. 81 jährig ver- 
schied Lucas iu dca Armen seiner Tochter, der Gattin des vet- 
dienstvollen , aus Eifer für die zurückgesetzte Djnastie in dem 
Grumbachischen Versuch tSSy unglücklichen Canzlers, Christian 
Brück« Seine Ueberreste ruhen zu Weimar. Musäus ' uad 
Mode haben es verdient^ durch den £hreuplalz zur rechten und 
linken Seite seiner Grabstätte geehrt zu werden und ihn zu 
ekcen. 

. Die Bildergallerien zu Wien, Prag, München und vorzüg- 
lich zu Dresden (denn ebenfalls bei Herzog Ceorg war L. be* 
liebt, sprach t#ber doch auch dort für seinen Luther) haben 
nach S. Sil nur Ihm ihre erste Entstehung zu danken. Auch 
Ton ff^achsmalerei soll er •(& 52.), wie Calau der ff^iedtrer^ 
ßnder des puniscften f Dachses versichert, Kenntnisse gehabt hk- 
hetu S. 53^ folgt von Dr. Scheurl ein Lobebrief voll bestiaul- 
ter Angaben y schou. vom 1. Oct. 1609 ^^ auch, warum er 
Cderrimus genannt wurde, klar wird. Mehrere Schilderungen 
ober ihn von Ge. Müller, Sandrart, Hagedorn, bes. von Meier 
(Ueber die Altargemälde von L. Cranach in der StadtkircH^ zu 
Weimar, fol. 18 1^) folgen. Wegen des später anzuführenden 
Bildes von Luther im Todlenkleid tind der h. Familie unter Aofi 
Kngelgenten führen wir aus Meier (S. 8i.) einige allgemeinete 
Künstler-Bemerkungen an : Lucas hat auch den Character rein uild 
kräftig auszudrücken verstanden , wo dieser auf dem Wege der 
Nachahmung zu gewinnen war. Wir kennen wenige Kunstpro- 
ducte, denen in dieser Hinsicht über des Künstlers eigenes Bild- 
niis und Dr« Luther's der Vorzug einzuräumen wäre. Aus bet- 
deu spricht die lebendige Wahrheit. LtUher aber ist besonders 
eüisieiiend^ wegen des herrlichen Grossen in seinen Zagen. Fel- 
senfest steht' er da, der hohe Mann, mit ruhig cdelm Ernst und 
kbyrer Besonnenheit. Der umfassende mächtige Verstand, der 
unerschütterlich ausdauernde Muth sind in dieser Gestalt, ^e« 
5em Gesicht, wohl mochte man sagen, ausgeprägt« 

-^FaUs die Modette Pf^o fügest att hatten, dann erhielten ver^ 
hältnifsmässig €tuch seine Figuren im Ganzen oder auch in eis^ 
seinen Theilen gute Formen; so ist z. B. der Mann, welchen 
Teufel und Tod in die Hölle stossen., rechts wacker gezeichnet 
und wohl proportionirt. Noch zierlicher stellt sich das linke 
Knie an der Figur das auferstandenen Heiliindes dar, ja man 
darf behaupten dafs dieser, l^eil in Bildern vom besten Stjil 
fuglich einen Platz behaupten könnte. 

»Oben wurde schon das Colorit unsers Künstlers rühmlich 
erwähnt^ audi ist solches in Betracht der grossen Wahrheit, 
welche in den Localtiefen des Fleischet herrscht, allerdingt 
vortrefflich, mannigfaltig abwechselnd, je nachdem der Gegen- 



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^j36 L. Cranachs Leb«n ui^d Wm*ke von Jos. Heuer. 

stand es erforclot, bald kriftig trod gesättigt, bald Ton der bUh- 
heoden Zartheit; die Sc)iatteii fallen jed<^ch zuweilen ins Graue. 
Von künsUicIier Austheilnng der Farben masset^ , zum Zwecke 
einer harmonisch angenehmen Wirkung des Ganzen, mag Cra- 
«ach wahrscheinlich nie etwas geahnet h^ben. Seine Gewänder 
haben weiche Falten mit sanften Beugungen und Brächen, daher 
nähern sie sich in Hinsicht ihres Characters n^ehr den Gewann 
dern von Holbein als denen von Albrecht Dürer. Die Behand- 
lung ist in allen Cranachischen Gemälden glatt, und der Far- 
benauftrag nie rdberflüssig stark. Bei aller Glätte erscheint je*- 
döch nirgends etwas gelecktes, und bei dem soryi;fältig8ten ¥\nk 
der Ausführung keine Mühseligkeit; auch haben< die zuweilen 
Scheinbar strengen Umrisse niclot Unangenehmes, weil sie auf 
Bedeutung abzwecken und keineswegs steif %\nA^ Die Bchand- 
"hmg in Lucas Cranachs Werken, so wie auch in den Werken 
der vorzüglichsten mit ihm gleich gearteten Küjistler unter wel- 
schen wir zunächst die Häupter der- deutschen und niederländi- 
schen Sduilen machten verstanden wissen, ist gerade das Ge«- 
gentheil von der heutzutage üblichen Weise in der* Malerei« 
Bei jenen ehrenwerthcn Meistern sieht mau >veder yerblase:eles 
noch Undeutliches* Demi warum sotien bestimmte menschliche 
oder andere Gestalten wie in Luft und Nebel (mjstisch) zer- 
^fliessend dargestellt werden? Keine pikant grellen Lichter und 
entgegengesetzt scharf dunkle Drucker. Denn diese sind charac- 
teristischen Darstellungen von Haut und Fleisch durchaus zuwi- 
der, und einzig da anwendbar, wo es um Nachahmung glan- 
zerid«r Stoffe zu thun ist. Kein übertriebenes Roth auf Lippea 
und Wangen^ weil das Kunstwerk nicht bunt geschminkt, son- 
dern in wahrscheinlicher Gestalt erscheinen soll. JVfit ehiem 
Worte, dk Kunst jener Zeit war 'von der heut xu Tage ühli" ' 
cheny wesentlich verschieden. Der Natur hold, suchte man da- 
mals die Wahrheit ernstlich und gelangte zu derselben, kraft 
redlicher Bemühung auf geradem Wege, ohne Umschweife und 
Künsteier; dadurch erhielten die Werke Lebensähnlichkeit, un'd 
beim höchsten Innern Werthe das anziehend bescheidene Aeus- 
sere. Vorzüge, welche mit Recht bewundert, und wie es scheint, 
«licht mdir in demselben' vollen Maafse hervorgebracht werden 
kSntacn, Von der Zeit an, da man unternahm, hlo^ den Schein 
der Dinge, nicht ab«r ihre wahre Gestalt, und so viel moglicb 
ihr Wesen selbst darzustellen, da erkrankte die Kunst tief, da 
bi^nn der Uebergang von ächter Art und Stjl zur Willkuhr, 
Irrwege aus denen es schwer halten wird, je wieder zur un- 
^eschmuckren Einfalt und Natur zurückzukehren. D^on wie 
mag e§ weriLStdHg z« inachen seyii, dafs die eratihlafitc Menge 



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(Mit Ergänzungen). 937 

allcfi '^as bloff Schein und Sptd ist/ versdimiilien lerne , und 
dem Ernste boterer Wahrlicit ihre Neigung zuwende? •€ 

Sehr zu rühmen ist, dafs Hr. H. überall Belege, Beweise 
aogiebt. So folgen S. it6 — 170 Notizcu aller Schriften, wo 
der \erf. über Cranac^ und seine Arbeiten^ Nachricht fand. So 
bezeugt S. laa. der von Friedrich dem Weisen i5o8 ertheilte 
Wappeubrief am besten den Manu und sein Ehren wappen. »Als 
haben wir angesehen vnnsers Dieners vnnd lieben getreten La** 
C€U von Cranach Erbarkejt, Kunst Tnud Rcdligkejt, auch die 
angenehme vnnd gefällige Dienste, -so er vnns olfrnuils.wiliigklick 
gethan, darzu dafs er Römische Konigklicher Majestät dem hei- 
ligen Reich VAU vuns vnnd vnscrn Erben Fürstenthuroen vnnd 
Landen in künfi^gen Zeiten getreve vnnd biitzliche Dienste wol 
tun mag vnnd soll, vnnd darumb in CrafFt der obberürten vnn- 
ser Begnadigung vnnd Freiheiten mit wohlbedachtem Muthe vnnd 
gntem Rathe demselben Lucas 'von Cranach diese nachbenannte 
Clcjnot vnnd JVaptn mit Namen ein gelen Schjlt, darinnen ein 
schwarz Schlangenn habend, in der mj'th zwen schwarz Fleder- 
maus -*Fliigcl, auf dem Haubt ein rote Cron vnnd in -dem Mund 
ein gülden Ringleyn, darinnen ein RiJ>jnsteiolein vnnd auf dem 
Schilde ein Helm mit einer schwarzen vnnd gelen Helmdeckcn 
vnnd auf dem Helm ein gelben Pausch von Dornen gewunden, 
darauf aber ein Scldangeu ist, zu gleicher roas im Schilde, vie 
dann das im Mjrtten des Brifs aygenllicher gemahlt vnnd mit 
Farben ausgestrichen ist, gnedigklich verlyhcn vnnd gegeben. 

Bei dem Wappenzeichen (S. 98.), womit Cr. früher seine 
Bilder sich zueignete, möchte Bec. immer vermuth<;n, dafs es 
nrspriinglich nicht eine geßä^elte Schlange, sondern über der 
Schlange ein CtowcA - Kopf mit Schnabel und Flugein war, eine 
Anspielung^ auf den Geburtsort. Später blieben nur die Flügel 
zom Ehrenwappen. 

Bei dem im U. Theil gegebenen Verzeichnisse von Cranachs 
Werken fordert Hr. H. vornehmlich reisende Kunstfreunde auf, 
die angebliche Originalieu zu unterscheiden, ihn selbst über ir- 
riges zu berichtigen. Solcher offener Sinn fördert die Sache. 
Nach den Orten alphabetisch gereiht folgen S. 176— -237. die 
Gemälde. S. a38 — 2^<^ Frage nach solchen, deren Aufbewah- 
rung unbekannt geworden. Alsdann Anhang von Gemälden L* 
Cranach, des Jüngeren, Noch viel vollzähliger sind die Kupfer^ 
stkhe und Holzschnitte , wiewohl Hr. H.. S. 89 -— 96. sehr 
wahrscheinlich macht, dafs zu letztem Cr* nur die Zeichnungen 
fertigte. Man hat «8 Kupferstiche seines eigenen Bildes; dann 
bis S. 4o7« Na^chricht von 3io andern die von dem fleissigen 
Manne abstammen, nebst XVI zweifelhaften Holzschnitten LXaII, 
Blätter nach Cr. Gemälden und Zeichnungen, 90. Soviel wirk- 



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938 L. Cranachs Leben ünä Werke von Jos. HeUer. 

len diese arbeitsamen Alten , die sich Dicht ztt fiuhzetUg £Sr 
Genie'« hielten und auf Lorbeerknospen ausraheten. 

S. 4^7 — 529. giebt der «Wenfalls mit treaer Wahrheits» 
lidbe kunstfleissige Verf. was er selbst schon voti Ergänzungen 
und Beiichtii<^ungen auftreiben konnte; auch S. 470« das Facsir« 
mile von Lucas und. seiner Magdalena Handschrift. 

Hec ist sehr erfreut , aiidi merkwürdige Beiträge bekann- 
ter machen zu können. 

S. 261. Nro. 3. beschreibt 'Hr« H. eine Ruhe in^ Agjqfiefi: 
»Die- h. Jungfrau sitzend am Fnsse eines Baumes, saugt das 
Jesuskind, links ' Joseph , der mit der Rechten den Esdl hält. 
Sie sind umgeben von vielen Engeln. Oben rechts auf einem 
Aste des Baumes sitzt eine Engelgruppe, musioire'od. Unten 
giobt ein Tafelchen rechts das Zeidien der Schlaitgef L. G. und 
das J. i5o9« Oben^ links fliegt ein Engel (Eng^cheu) mtl et- 
iler Posaune, an welcher ein Tuch mit den zwei siichsischen 
Wappenschildem.€ 

Das liebliche, lebensfrohe, mensckUeh^ und engeUsch-i^ahre 
(nicht durch Andachtelei steife urtd verkümmerte/ Original zu 
diesem seltenen Holzschnitt hat Rec. vor sich. Ein Oelgemalde 
auf Holz, von frischem Colorit, dessen Figuren alle nicht nur 
einzeln, sondern auch in der gar naiven Zusammeristdlung er- 
beitem und erfreuen. Der Maria Gesicht und Haltung niag 
wohl denen, die nur an eine Mutter gewohnt sind, welche. in 
ihrer verschSmt gedachten Jungfräulichkeit selbst nicht wilfstei 
was sie mit sich machen und wie sie sich devot genug ge- 
bärden solle, allzu natürlich vorkommen. Allzu mbdem ist sie 
freilich, nicht orientalisch, wahrscheinlich ein Portrat, das der 
Maler ehren wollte. Aber wir hoben sie nicht archäologisch, 
Sondern malerisch zu betrachten. 

Das Kind liegt an der ofieucn Brust. Doch hat das halb- 
dbgewendete Kdpfchen einen hdhern Character, als alle die zwei 
und zwanzig umher glücklich beschäftigten Engelchen. Die hei- 
lige Mutter, in roth gekleidet, aber bis zum Schoos herauf von 
eben in raanchfachem Faltenwurf herabfallenden Mantel bedeckt, 
sitzt an einer runden, steinernen Wassercisterne, wo eines der 
Ehgclkinderehen halb gefährlich sich hineinbeugt, ein anderes 
schöpft, ein drittes, stehend, begierig aus einer Schale trinkt, 
auf welche schon ein nächstes auch wartet» Wieder eines steht 
frei da, doch wie wenn sein nächster kleiner Freund von untea 
berauf es halten wollte. Aus kleinen Zwischenräumen blicken 
noch ein Paar interessante Köpfchen; eines, von weiblicher Bil- 
dung, wahrscheiiHich wieder ein Porträt AÜe diese kleine Welt 
tu auf und ^n der Cisternen "- Hauer gruppiert. Das letzte 10 
d0€ Kimdung, fuhrt den Blick wieder auf das Kind der Kinder, 



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(MitErgänOTDgen). '939 

and auf Maria saruck. Mit yerwundernden Augen Ghd Hind* 
eben scbwebt es, wie angecogeii von dem Messiaskinde. 

Der^chooe Maria-' Kopf , mit über die Schulter fliessenden 
blonden Haupthaaren, ist mit freundlicher» aber ntchc zärtlicher 
Miene, etwas gegen Joseph, gewendet, der, ein noch kräftiger 
Grei^y mit der seiner Zeiten eigenen Ehrfurchts- Miene, den 
runden Stulphut vorhaltend, die hohe Achtung, welche man 
sonst oft durch heilige Steifheit in der Maria, dem Betrachter 
aufuothigen will, viel wahrer und wiikender dadurch hervor-» 
bringt, dafs er in seiner ernsten, verständigen Miene und gan- 
zen Haltung selbst sie zu haben anzeigt. Nur ein teutscher Kiinst- 
ler kann seinem Joseph ein so teulsch ehrerbietiges und doch 
sclbststandiges Gesicht gegeben haben. Die Kleidung ist roth, 
Biit einer Wallfahrt - Tasche« Sollte Cr« der mit Friedrich dem 
Weisen die Fahrt ins heilige Land gemacht hatte, hier sich 
selbst, und in der Maria vielleicht seine Gattin, idealisirt haben? 

Im Yorgrund steht ein Engelskind, mit einer kleinen Erd- 
beer "> Schale, für welche ein halbsitzendes noch pflückt« Ein 
anderes, liegendes, streckt so eben das dicke PKIIgerchen nach 
einer Blumenbluthe. Hinter Joseph, von ihm am losen Stricke 
gehalten, präsentiert sich, so recht en face , der beliebte Grau- 
schrromel, den Kopf zwischen zwei Vorderfussen , welche einen 
tüchtigen Träger versprechen, zur Distelweide so sehnsuchtsvoll 
kerabsenkeud, wie wenn es sonst kein Sehnen auf Erden geben 
kannte. So pflegilft diese alten Bilder immer etwas von Jokus 
zu haben. Das unentbehrliche Tragethier ersetiUe Lier den 
sonst gewohnten lustigen Kath. — > 

Der beschattende grosse Eichbaum, welcher den Hinter- 
Iprtuid hinter den Figiyen stattlich hoch hinauf ausfüllt, läfsi 
bte und da noch einen erwünschten Blick auf etwas Himmel, 
anf der rechten Seite, auch auf blaue, ferne Berghohen und 
die Gebinde eines ländlichen Hofs mit Burgthtirmen. Oben fliegt 
«in grosseres Engelkind mit einer Posaune blasend herbei. An 
denr Instrument hängt ein weisses Fahnentuch mif zwei Wap« 

- Noc^ naher der Maria schwebt ein Engelchen eilend^ um 
dem Jesuskinde ein fliegendes Distelvogelchen darzubringen» So 
TCTStSndig wufste der Maler von j^der Richtung her den Blick, 
ditfch seiner Figuren Leben und Thun, immer wieder auf den 
Hauptpunkt Innzulenken. Oben ist noch ein fiaumast benutzt, 
TOd welchem herab. eine mit den Engelcben auf den Cistemen- 
raud an Niedlichkeit wetteifernde Gruppe von sechs kleinen 
ätherischen Musicanten ein Quartett von zwei PCeiffen begleitet 
hdren läfst. Drei der holden Sangercben siml . ganz vertieft in 
ihr NotenbüchelcheD; hinter ihnen ein kleiner Chorpräfect als 



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94o ^ Cranachs Ldbe& und Werke von Jos. Heller. 

Bassht ' Unter dieser Gmppe aber sitzt . sogxr aut einer klei- 
nen Axt ein solcher Schäcker, der ^nz emstbaft sieb kleibo 
Gerten (für dis Jesuskind) abhant, auf eiueai Wejdenl^aum, de»- 
aen Grün neben demi des Eicbbaams eine gatt Varietät giebt. 

Ein anderes Engelcben, gegen den Born binabscb webend^ 
nnd noch (eines halb fliegend , kalb am Baume da hinab klet- 
ternd, fuhrt die Blicke auch von dieser Richtung her wieder zu 
der Hanptgegend'des Ganzen, dessen Lieblichkeit und naturlicla 
frohe Verherrlichung des Christus an der Mutterbrust uns iu 
diesen Beschreibnngsversuch unvermerkt hinein zog. Möchten 
wir doch das Kupfer davon , welches, vermöge des beigesetzten 
Sternchens, Hr. H. selbst auch vor Augen hatte, vergleichen 
können. Das Gemälde, welches, je langer betrachtet, desto 
lieber wird, weil alles darin lebt und in Mütterlichkeit uu^ 
Kindlichkeit ohne HeiUgkeits- "Ziererei froh ist — besitzt eine 
frohe Kindermutter, die Gattin des hiesigen Oberbürgermeisters 
und Buchhändlers Herrn fP7nter% Unten rechts, zwischen, 
einigen Blumen, ist auf einem Stein das Eigenzei^en, womit der 
Kunstler seiner Arbeit Vollendung freudig bezeugt. i5og and 
die geflügelte Schlange, aber ohne die Buchstaben L. C. 

Manch« Kunstbcschaner wollten, diesem Wahrzeichen* ent- 
gegen, die Niedlichkeit der Figuren* und die lebendige Cooipa" 
sition eher der alten italienischen Schule viirdicioren. Meint nmai 
denn, dafs ein in der Zeichnung und Farbengebung fertiger 
Kunstler, besonders wenn er vielerlei gesehen hat und nicht 
Künstler allein, sondern lebeusthätig und practischer Talente 
Toll ist, nicht in- einer -eigenen Stimmung cruch für etwas, das 
ihm sonst nicht das gewöhnliche ist, humoristisch begeistert sejn 
könne? So ein mechanisches Triebrad ist des Menschen Geist 
nicht, wie ihn manch« schnell fertige AburtheUer in Fächer und 
Classen eintragen. Wer hätte unserm ehrenfesten Nürnberger 
Meister Albrecht jene unerschöpfliche Laune zugetraut, die nmxL 
ihm nun, nadi dem Anblick seiner Arabesken, nicht langer «!>• 
sprechen kann und die man ihm freilich, wenn man von seipeni 
alten Bürger und Zimmermeister, Joseph, berkommt, iiiebt zu- 
traut. Cranachs Vater, bemerkt man, habe zu Bologoe gelebt 
Sollte das Bild von ihm sejn? Es habe etwas französisch Freie*» 
res. iy\e% ist wahr. Aber voai Vater mag etwas dieser Art 
auf den Sohn gekommen sejn, dessen Portrat mit der dreien 
Mütze ^ im Kupfer vor dieser Schrift, auch keinen gramlichea 
Stnbensitzer zeigt. Und halte der Vater so gemalt, so würde 
ihn der Snbn nie in Vergessenheit gebracht haben. Wie Herr 
H. beweist, war Cr. anch ein. guter Miniaturmaleiv Ein solcher 
kann unstreitig solche kleine Figuren bilden« Auch hier war 



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(Mit Ergan^Dgen ). 94 * 

Nachahmung überall hinmcYiend. Die Composition aber giebt 
ohnehin der Ver«tand und Humor , »icFrt die Schule. 

Etwas allzu spieleudes scheint es dem Rec. dafs der »Maler 
seinen Engelchen ^ nicht blofs weisse, braune, sondern auch 
rdthüche und sogar bläuliche Flügelchen gab. Aber gerade die* 
ses Zuviel von Weihnachtspielerei scheint auch jener teutschen 
Zeit gemäfs. 

Nicht uninteressant wird es ferner sejn, hier ans^umerkeoi 
dafs für den von Hrn. H. S. 392. Nro. 292. angezeigten Cra- 
nachtschen Kupferstich von dem ^eicbLcitigeu geschützten Chro- 
nologen Laurenlius Därhofer ebenfalls das treffliche Oelgemälde, 
auf feinster Leinwand, noch vorhanden ist. Rec. betrachtete es 
öfters, ehe es in die Prwatseunmlung Sr. Kön. Hoheit, unsers , 
Grosherzogs aufgenommen worden ist. 

Zugleich wurde für eben diese Aufbewahrung auch das 
gleich trefliiche Seitenstück, Dnrhofers zweite Frau, angekauft; 
wovon Hr. H. noch nichts weifs. Beide Gemälde haben gleiche 
Grösse von etwa 3 Schuh Höhe und 7}/^ Schuh Breite. Z)iZr- 
hofer (geb. zu Nürnberg i53a) las i555 zu Wittenberg, wo 
er auch studiert hdtte, über Homer und Ovid. i56a wurde er 
Diaconus, 1667 Pfarrer bei Set. Egidieu in dem mit Luthers 
und Meianchthons Wittenberg damals so nahe verbundenen^ 
noch freithatigen Nurfiberg. Auf dem Gemälde bat D« einea 
Psalter tn Händen, mit einer hebräischen Stelle 

Die Frau ist in schwarzer, wie es scheint, erzgebirgischer 
Tracht gemalt. An den schönen Händen zeigt sie viele Ringe. 
Auf zweien derselben sind die Buchstaben L. D. und E. 1>. 
Die Vortrefflichkeit beider Gemälde hat alle Kenner angezogen. 
Man wollte sie für seltene Werke des berühmten Malers, Pir^ 
bus , halten. (Wie oft gilt uns Tentschen: Sic vos non vobis 
mMificatis, apes,) Diese beiden Oelgemälde befanden sich frü- 
her im Besitz des Buchhändlers, Hrn. ff^inter, dahier. 

Noch ein Viertef sehr merkwürdiges ft'euen wir uns zur 
Ergänzung der Hellerischen Schrift angeben zu können. Es ist' 
aus psjchologischen Ursachen für den Recens. das anziehendste. 
Aber,* auch neben diesen, is( die Künstlcrarbeit vorzüglich. Hr. 
H. giebt S. 189. die Nachricht: 

»In der kön. Kuustkanimer zu Dresden. BUdnifs Dr. Lw 
Äthers im Sterbckieide, Cranach ' copierte es nach Lucas 
»Fortenagel, welcher Bfaler zu Balle war. Dieser fertigte 
»Luthers Bild gleich nach seinem Tode zu Eisleben» Et 
»befindet sich auf der Leipziger UiiiversitätsbibliotheLc 
Allerdings giebt Dr. Justus Jonas nebst M. Mich; Coelins 
in ihrem Bericht nfon Lutlieri Absterben (zu EisTeben d. i/len 
Febr. i546) die Notiz: 



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94^ L* Craiiachs Leben und Werke von Jos. Heller. 

»Zu EUlcbeo, eht die Kirchenceremonien alle gebraucht 
9wurden, liabeu zM^een Maler also das todte Angesitht al>- 
f conlerfeit ^ einer ni>on Eidehen, dieweil er (Luther) noch 
3im Stühleinauf'dem Bette gelegen, der ändere, Meister 
1^ Lucas Fortentiagel von HaUe, d^i er schon eine Nacht 
3im Sarge gelegen.« 
Von dem am 18. Febr. gemaltea Bilden also wafirschein« 

)lch des Meister Forteonagel [denn auf imserm Gemälde stellt 

4)beii: ^8 FEB. 

Oben auf dem Bilde stellt die ganze Inscbrift so: 

D. M. L. NAT» 1483 lo NO: OBIIT i546 
18 FEB. 

Luther nämlich war in der Nacht zwischen dem 17. o. tS. 
Februar gestorben] 

machte denn Luthers so inniger alter Freund und Geratter 
Gopten, nach seiner A,v% und Kunst und so wie ihm unstreitig 
Luthers Züge unvergefsltch waren. 

Ein solches Gemable in Oel auf Uolz gemall, ohne Zwei^ 
fd ein Original, hat Rcc, vor sich; als Malerei vortrefflich an 
sich, tuisdruckvoU für jeden, char acter ist isch in hohefn Grade 
für den, der sich so oft Luthers Geist und Person durch alle 
ihm bekannte Data zu froher Begeisterung, mit ernster, denken- 
der, nicht frömmelnder Andacht, vergegenwärtigt. 

Hier liegt; und spricht noch, obgleich mit geschlossenen 
Augen ^ der Mann der Kraft, dessen letzter Gedanke an Gott 
ein Gedanke an den ^Gott der lVahrlieit%. war. Dank sprach er 
poch mehrmals laut an die Gottheit aus, weil sie ihn für. die 
JVahrJuit freigemacht habe. Redemisti me. Domine Dens 
yeritatis, rief er Tnach Ps. 3i, 6.). So gewifs hatte seine 
GJaubenskraft nur IVakrheit gesucht. Mit seinen letzten Todes* 
Worten war dieses sein Bewufstsejn vereinigt. Deswegen liegt 
(wer es doch mit mir so anblicken kdnnte!) dieses Kraftgesicht 
hier vor nur auch so innig ruhig und zu seliger Ruhe gebracht. 
Nur um das rechte Auge zittert der Todeskrampf. Alles andere 
spricht aus : Seelig, die in dem Herrn, in dem Gott der fVakr^ 
heit , sterben« Auch seine Werke, seine unglaublich viele Ar- 
beiten, sind auf dieses Gesiebt geschrieben. Es ist, wie £r sich 
selbst in der letzten Zeit nannte, das^ eines tabgearbeiletenc Man- 
nes. Welche G^istesstarke aber, spricht doch noch das Ganze 
lind besonders seine Stirne aus. In einigen der tiefsten Fur- 
chen scheint jenes : Pestis eram vivus etc, als die selbstgea»achte 
Denkinschrift verborgen zu sejn. Genug; sein Kunst- und ge- 
fühlvoller Freund liat ihn nach dem uiunittclbaren Bildnifs vom 
i8. Febr. (dem nächsten Tage nach dem Todestag , wo er 



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L. Cran, Leb. u. Werke v. XHeDer. (Mit Ergänz.). 9^3 

nocliy s. W»!ch. Luthers Werl^c Thl. XXI. S. a8a., im Stc^e- 
lianse gelegen hatte) aber zugleich aus seiner eigeoeu Seele her^ 
aus gemalt. Schwerlich kann es ein nihreiideres, gewifs nicl^t 
ein künstleriscK vorzüglicheres Gemälde der Hülle dieses Un-« 
sterblichen' geben. /Fünf bis sechs Stunden nach dem Verschei- 
den hatte man ihn (s.Walch S. 290.) ^in e/nen weifs neuen schwäbi" 
sehen KiUeU umgekleidet und so hat der Maler auch diesen Anzug 
beibehalten. Am 18. Febr. lag er schon im Sarge ^ auf dem 
weissen Kopfkissen, wie hier im Gemälde. Die Gesichtfarbe ist 
etwas bräonltcbty die Züge gerade so wenig todtenartig, wie 
es nach Dr. Jonas Worten (ebeödas. S. 289.) zu erwarten ist: 
»Niemand konnte merken (das zeugen vir vor Gott auf unser 
^Gewissen) einige Uniuhe, Quälung des Leibes, oder Schmerzen 
»des Todes J sondern dafs er entschlief friedlich und sanft in 
»dem Herrn, wie Simon singet.c 

Bekannter wird dieses malerisch und historisch rorzugliche 
Gemälde dadurch werden, dafs sein Besitzer, Hr. Buchhändler 
Pf^üiter dahier einen (verkleinerten) Kupferstich davon, nach 
hier vcrferligter Zeichnung eines vielversprechenden jungen 
Künsders, "Arn. Ernst Fries, für den Reformatipnsalmanach von 
i8ai machen zu lassen erlaubt hat. Rec. findet auch in Junkers 
Vita Lutheri e numis (Frcf. et Lips* ^^9$) P* '7^« ^* nach 
diesem Bilde eine Münze ausgeprägt worden ist. 

Wir möchten kaum zweifeln, d^s das schöne Bild von 
Ftanz von Sickingen, wovon Hr. Winter ebenfalls, nach einer 
▼cm Original genommenen Zeichnung des Hrn. Fries, in dem 
Heformationssdlmanach 1819 einen Kupferstich nehmen liefs, auch 
ein Oflgemalde von Meister Lucas sey. Auch dieses ist nun in 
der Prii^atsamndung Sr. K. H. des Grosherzogs aufbewahrt. 

Das Bdd "von Luther ist auf Holz. 1 Schuh 2 Zoll breit, 
1 Schuh 8 Zoll hoch. Das Bild des edlen, mächtigen Rittefs, 
t'ranciscus von Sickingen ist auch auf Holz, a Schuh 1 Zoll 
Höhe, i Schuh 7 ZoU Breite. Ein verkleinertes altes Gemälde 
Ton demselben, diesem ganz ähnlich, besitzt noch Hr. Winter. 

Yon Braunschweig konnte Hr. H. S. 187. nur Ein ganz un- 
beschriebenes Gemälde andeuten. Ein verehrter Freund sagt dem 
Reo. dab er ein vortreffliches Gemälde Luthers, wahrsch. von 
Crsnach, dort auf der Kunstkammer gesehen habe. 

Ä E. G. Paulus. 



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944 Döring Legenden« 

BthUsche GemSUe, Legenden, Balladen, und vermüchie Ge^ 
dichte. Von HetnMicm JDömihc. Danzig, Verlag der J. 
C. Albertischen Buch-- und Kunsthandlung. 48»%. 

JLlas Leben des Stifters der Chrisdichen Religion in Verse ge- 
bracht, wie es vom Verf. geschebf^n, wird, nach der Ansicht des 
Ref., und wahrscheinlich nach dem Sinne der meisten, schwer- 
lich mehr Befriedigung gewähren, als die einfache, prosaische 
Darstellung dieses Lebens durch die Evangelisten selbst. Auch 
durfte des Dichters in der Vorrede angegebener Zweck, durch 
diese Arbeit wohl kaum erreicht werden, der nämlich: »Die 
»Wiedererweckung und Belebung der immer noch xu sehr 
»rernachlässigten Bibellectürcc Wer für letztere nicht schon 
Sinn hat, wird ihn schwerlich erlangen durch das Lesen der 
Uebertragung des biblischen Textes in Yene^ zumal, wenu 
dies, wie hier, in Sonnettenforra geschah^ die sich, nach Ref. 
Ansicht, für Gegenstände, denen ein ernster, heiliger Sinn zum 
Grunde liegt, überall nicht eignet. Doch mufs man, soüte ein- 
mal so etwas geschehen , rühmend anerkennen : da£i der Verf. 
sich das Verdienst erworben, den Sinn, und selbst die Worte 
der Evangelisten treu, und unverstellt' durch — hier offenbar 
unziemliche — eigne Bilder und Blumen, wieder gegeben zu 
haben. 

Wer bei Legenden sich mit einer leicht und in wohl- 
klingenden Versen vorgetragenen Erzählung aus der urchristli- 
chen und Heiligenwelt begnügt; wer nicht Anspruch macht auf 
tiefen Sinn, auf Darstellung hoher, ans Ltebfi und Gottvertrauen 
aufsprossenden Tugenden ; wer diese nicht in zarten lieblichen 
Farbenschmdz (vrie bei Herder) dargestellt zu sehen erwartet — 
dem wird der vom Dichter gewundene Legendenkranz 'eine 
nicht ganz unbefriedigende Gabe sejn. 

Auch die Balladen, Erzählungen und vermischten Gedichte, 
wenn sie gleich nicht von der höchsten Weihe der Musen zeu- 
gen; wenn ihnen auch hier und da der Reiz der Neuheit feh- 
len sollte, werden doch, durch ihre Innigkeit, durch das ange- 
nehme leichte Gewand, welches sie tragen, und durch die 
freundlichen, oft recht klaren und lebhaften Bilder, welche sie 
umspielen, den Leser ansprechen. 

Wegen des Geprägs der Reinheit und Sittlichkeit, welches 
■ dieser SaU^mlung zu ihrer und des Verfassers Ehre aufgedrückt 
ist, sej sie besonders der Frauenweit und der Jugend em- 
pfohlen, ■ 

Verbesserung. 
Von Nro* 56* ist die letzte Seiteaithl 896 nicht 891* 



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Heidelberger ■»v^*"*- 

Jahrbücher der Literatur. 



Dogmatik. 

(jFiwift«H|r ^ i^ ^ro^ 54. äbstbrochimn tttHmhn.) 

iVstireiiiil ütiicre AnKJig* der Einleitaiii; zur SchUiehmuhm^ 
jchen Glaubenshhre $o -Weh (iri Nro, 54*) Abg«dnickt "war, ist 
^ns der ate Thfil dieses iviclitij^en Werkes zugekommeti^ und 
^^ Ganze liegt voUeiidct Tor uns. Wir werden dabet auch 
baldmöglichst au£ diese AüMtg« der Elnleitaiig die des Sjsteiw 
flelbst folgen iassett. 

Von §. i6. an kommen wh* tat Oestaltniig der christlicheo 
Religioii Der Verf. zeigt die swei EodpiiDcte^ die am weite- 
sten ton einander abstehen, nnd welche also die zwei verschier 
detfsten /Arten der Frömmigkeit anf stellet!. Diejenige« ^ welche ^ 
zwischen denselben liegen*, nihern sich unter einander, und 
Wd mehr der einen ^ bald mehr der andern Von jeaen beiden. 
Die ehie Artist d^r natürlidie Zustand 5 hier wird der Mensch 
iifeehr vttii def Natur bew«g;t, und verhält sich also mehr leidenlf 
lieh» Die andre ist ^er sitüiohe; hier verhält sich das Selbst* 
b e n ufsts eyn rnehr selbstthätig , und trin gemäfs der Gresammb** 
anfl^ai^ der «^schlichen Thfitigkeit den Noiureinwirkutigea ent-» 
ge]^«n«- Je nachdem nun einer dieser Zustände in den frommen, 
^y^gtmgen d«m andern unttffgeordnet: ist, herrscht das Natur* 
liehe odet ^«s Sittliche in der Frömgugkeit. Denn das Gefühl 
deir itbhirigigk^t ist in älkn gleichartig, die Verschiedenheit kommt 
nur durch das SinnKch'e. ' Mit jedem sinniiohen Selbstbewuftt« 
seyir kinn sich jen^ GefoU einigen, aber es lassen sich doch 
Yersdliedl^Keiten in dit^^^'V^wandtscbaft denken. Die am 
wei^l^Btefi 'irä9'«inlttder gehen sind: manche Arten des sinnlidien 
Sdbstbc i yrf<s <e y n^ gestalten sich leicht und sicher, manche da* 
|;^i;ett''ick#er''tind |far nicht zur frommeu Erregung. Tiefer 
uelfH.^ in'dem* im^rtfeh Verhältnisse de» Selbstbewufstseynii 
je nididem man sich bttld irfehr als leidend,' bald mehr als thif* 
tigvreifsb D>ieser GlBgensatz wird alsdäob am stärksten um fromme 
G^eiiiscltafteii zU-bildebi webn auf äer einen Seite die leidem* 
üdiea ZdstiBde bestimnft^ 9fattigkeiienf zum Bcwofstseja brio^ 
gen, t^^-i^«^ dagegcfl**Auf\^r indem Seite die thätigipi ZP" 
ttinde 'sicb^^tfor ^ Erfob^' der'^orAieien Vethütmtie mat Itmß 



60 



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940 Dogmaiik« 

Abhängigkeitsgefühle eloigeo, und also dieses Verhiüoils in ^ 
der frommen Erregung als durch die göttliebe^ Ordnung der 
einwirkenden Dinge hervorgebracht erscheint. Im erstem Falle 
bestimmen diese Erregungen das Bewufstsejn für die sittlichen 
Zwecke, und e^Kobeo fühlt sich das Gemuth, wenn es .wetC^ 
dafs es Üeu göttlichen Willen erfüllt, niedergeschlagen aber und 
gedemüthi<;t, wenn es sich eine Hemmung dieser Zwecke Schuld 
geben mufs. Im zweiten FaDe ffihk sicli der Mensch entweder 
zusammenstimmend mit der reinen Ordnung der Dinge oder 
nicht, und es ist alles im Gebiete des Aesthctischen , wo man 
denn iron Schönheit oder Häfsliohkeit der Seele redet; die er- 
hebenden und niederschlagenden Gefühle der Frömmigkeit ge- 
lten dann aus dieser Qudlo hervor. 

Diese originelle Erforschung und Analjse des frommen Ge- 
fSbls, welche zugleich auf djie Gnindversohiedenheiten de/ from- 
men Gemeinschaften hinweist, ist dem Leser der Schleiermacber- 
sehen Schriften nicht sanz fremd. Hier wird sie nun bestimmt 
auf den Unterschied des Qirtstenthums von anderu Religionen 
angewendet. Eine rasche Folgerung führt das Urt|ieil herbei» 
dafs die christliche Religion lieh zum keUmischen Polytheismus 
nicht blofs als Monotheismus verbaltC| sondern wie die Jldee von 
dem Reiche Gottes zur Idee von der Schönheit der Seele. Die 
Vergleichung der christlichen mit den beiden andern monothet- 
stuchen Religionen sagt: der Islamismus steigert das selbsttlätige 
Bewufstsejn zum frommen Gefühl» indem es sich der nothwen** 
digen gdttlicheft Schickung ergiebig während das Judeuthona 
dieses Bewtilstsejn mehr auf Strafe und Belohnung bezieLl» and 
hiermit naher als das Muselthom dem Chrislentbum aeh«.. ^er 
wahre Unterschied diicser Religionen jener 3 Ringe, nach einer 
beliebten äüsserlichen Ansicht, , Hesse siqk vielleicht dnrcb die ,4rei 
Worte andeaten: .der 'M<>slem hat, der Jfude will, der Christ 
thut, nämlich etwas worin er sein Gut findet; und 4«* könnte 
zu weiterer Lebens - Characteristik führen ). Unser Verf. hat 
hiermit jeder Gestalt der Frömmigkeit ihren Ort angewiesen^ 
und ihr Eigenthümliches nur angezf)M:hnct^ die genai&e B^sqhrel- 
bmng namentlich des Chri|t6n^haui$ ytiirü nocji erwirtet« > (U^> 
brigens enthalten, seine Reden, übär lUligwn , manche g das maa 
mit diesem verbinden mag). ., Da^ . R ig f njtl > gmliche einer jedem 
sucht er (§• «7-) au&ufinden: tthf:iU imis dem eigenen ge* 
•cbichtlichcii Anfangspuncty theils «is 4er eigentliümKphen Abän- 
derung alles dessen, was in jed^F ,a^us||fbildet^ CesCakung .d^r* 
sdb^n Art und Ausführung vorl^pfi;^^ ^ lJtt4^ so geht, er a^uck 
hier in seiner dialectischen Jvl^iÄ^iXOff, den/ |lefle:^OQiir Begrif- 
fen des Aeusseren iw4 loner^^^eftfi^belehrend^f^. Der ge- 
schichtliche Anfangspunct giebt der ncligion ihre äussere £in- 



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Dogmatik. g/'^y ; 

heit ; denn zufällig konnten ^ie Religionen wie die judisclie, 
cliristTiche, muKamedanische nicht aus demselben ChariKSter, oline 
geschicfitliclien Impuls entstehen ; und ohne solche Süssere 
Einheit bleibt die innere sehr unbestimmt, wie es sich in den 
ni<rderen Stufen zeigt. Das zweite, das Eigene in ihren j\bän^ 
derungei;! ist der innere Grund, welcher eine ReKgion gestaltet, 
und ohne welchen sie eine nur durch Raum und Zeit 'gescht»* 
di*ne fromme Gemeinschaft Ware. Auch ist es eine ganz irrige 
Meinung, ab ob alle iu der Art etwas Gemeinsames hatten, z.0«^ 
die monotheistische den Glauben an Einen Gott, dab bei jeder 
nun noch etwas Besonderes hinzukomme. Denn die frommen 
Erregungen müssen das Eigentliümliche ihrer Art in allem äus-^ 
Sern was iu der Religion vorkommt, wie t» B.. der Moslem ron 
seinem Albh sich in allen Puncten anders abhangig fühlt als der 
Jude und d^ Qirist too dem einigeb wahren Gott, womach 
sich auch sogar jeder dogmatische Begriff in jeder Religion, un«* 
sers Bedunkens mehr 0<ler weniger rerschieden gestaltet» Und 
so sagt der Vf*rf. sehr wichtig r »so mufs wohl das Bewufstsejn 
>von 6oh übtrhaupt ein änderte seyn, wenn die Sendung des 
>Sohpes tind die Au^essung des heiligen Geistes als etwas 
»Wesentliches und Allsgezeichnetes gefühlt, und ein anderes, 
»wenn beides geHlugnet| oder als etwas Untergeordnetes über* 
»sehen wird.« In jeder, ron der andern verschiedenen Gemein- 
schaft ist also alles ein anders; so wie j^der Mensch jn allem 
von dem afiderd ein anderer ist, bei noch so grosser Aehnlich«* 
Veit; »Der Reiigioftsbeschretber« wird hiernadi wiederum ganz 
folgerichtig mit dem Naturforscher und Geschiclitschreiber'ver* 
glichen ; auch er hat nur gewisse Merkmale herauszuheben. Am 
besten versucht er es mit derjenigen Beziehung « die in einer 
GbubensWei&e so überwiegt, dafs sie allem andern ihre Farbe 
und ihren Ton mittheilt. (Was werden die Rationalisten hierzu 
sagen? Das SchmShwort Mjsticismusf wäre wenigstens hier gar 
zu einleuchtend übel angebracht Gleichwohl ist in dieser Theo- 
rie ausgesprochen : es ist ein Wahn, dafs man meint, Gott im 
Geiste und in der Wahrheit anzubeten^ wie der Christ, ohne 
dafs man an Christus den Sohn Gottes glaubt; Vielmehr steht 
es fest| dafs wer den Sohn nicht hat auch den Vater nicht hat^ 
und dafs der ganze Rationalismus eine Täuschung, zum miede* 
sten eine Rnruichtigkeit tey). 

'Nunmehr (€. §8.) wird das Christirnthum in seiner eigen- 
thümlidien Gestaltung bezeichnet als diejenige teleologische (in 
sittlichen Zwecken Mitige) Frtomigkeit , in welcher alles Ein- 
zelne auf das Bewilfitsejn der Erlösung durch die Person Jesu 
TOn Nazareth bezogen wird« Diese Person giebt den geschicht- 
Kcben Anfangspunct, di^s Beziehen auf mn giebt das Innere 



60* 



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948 Dogmatik: 

und aUeoi seine Farbe und seinen Ton^ in dieser Religion und^ 
dadurch, dafs die Erlösung iu die Person geseUt wird^ rerei-, 
Digt sich dieses Innere als gefuhket Bedürfnilt der Erlösung mit 
jenem Aeussem, dafs sie in Christus geschehen ist, in allen 
Puncten xnr vöiytommeosten Einheit, oehr wpU bemerkt der 
Verf, dafs sich im Christenthnm alles nd weniger von der Per- . 
son des Stifters trennen läfst, als^ in andern Religionen, und 
dafs Christus ron Mohamed und Moses dadurch unterschieden 
ist, da£s er nicht blofs als Lehrer auftrat, sondern noch in einer 
eigenthiimlichen Thätigkeit, und dafs in diesem Ganzen die.Toi«- 
lendete Erlösung gesetzt wird« ^Es thut in unsern Zeiten Noth 
dafs dieser Grundcharacter des Cbristenthums so augepscheinlich 
er a\4ch ist, doch ausdrücklich selbst den Theologen gesagl 
werden, da viele das Christenthnm so gar wenig kenjoen, dais 
sie wähnen, ein Christ sejn heisse glauben wie Christus glaubt, 
welches doch etwas anders ist als an Christus glauben, und 
-«romit sie den Erlöser blofs in die Reihe der jüdischen Lehrer 
setzen (j^. Lessing: die R^g. Christi). Solche Theologen bedenk^ 
nicht eininal dafs sie dadurch selbst nichts anders als höchstens Rab- 
binen sind, denn der Jünger ist nicht über den. Meist er. Sie jnüfsten 
denn Christum auch in der Ltbrenicht mehr für ihren Herrn erken-» 
nen, und also so wahrhaft sejn, und sich so wenig christliche Lehrer 
nennen, als sie etwa Dlemas heissen wollen. Was ist nun, bei 
den vielfachen Streitigkeiten, über nrchristlich und K/toliristlipIif 
diese eigenthümliche Thätigkeit Christi? Sie ist durch die all- 
gemeine Stimme der christlichen Kirche als Erlösung ^ im weite* 
sten Umfang, bezeichnet. Es soll also eine Hemmung des Le- 
bens aufgehoben und ein besserer Zustand herbeigeführt werden. 
»Nur Eine Hemmung aber giebt es, welche im hohem BewuHst- 
»sejn unmittelbar als solche erkannt wird, nämlich wenn ge* 
»hemmt ist die Einigung des sinnlichen Bewuistscjns selbst mit 
»dem frommen Abhängigkeitsgefühle.c Es vrird hierbei voraus- 
gesetzt, defs Bas sinnliche Bewufstsejn seiner selbst für sich 
und das Bewufstsejn Gottes, wie es in dem frommen Seibstbe- 
wufstsejn vorkommt, in einem Gegensätze mit einander stehen, 
welcher eben durch die Erlösung aufgehoben werden soll. Mag 
sich immer diese Idee auch in andern Religionen finden, in der 
christlichen wird sie auf den Stifter bezogen, und- Christus ist 
durch seine Thätigkeit persönlich der Erlöser. Und mag auch 
in den andern monotheistischen Religionen ihren Stiftern ab den 
gottgefälligsten eine erlösende Thätigkeit zugeschrieben werden, 
so bleibt doch das Eigenthümliche des Cbristenthums, dafs es 
seinen Stifter ak den anerkennt, der selbst keiner Erlösung b^ 
darf, und dafs dagegen oi/e Menschen ausser ihm ihrer bedür- 
fen, weil in ihnen, und so auch in jedem andern Religionsstjl^ . 



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Dogmatik. 949 

ter^dbstj«ie Hemmung sti^t ludet. Indem aJsö noch alle ia dem 
Gegensatze begriffen ünd^ gehört es sur Erlösung der Mensch* 
heiij dA.alle Reügiooen bestimmt sbd zum Chnstenthum ein- 
zugehen, weil nu^. in ihm die Erlösung- vollendet ist, so wie in 
seinem Stifter die Erömroigkeit« Die Erlösung ist in allen «1^ 
dem Religionen, abgesondert von dem Christenthum, selbst eine 
gehemmte; diese Rdigton aber ist der Wendepunct für das gan^ 
xnenschHehe Geschledily und für den Einzelnen der es annimmt^ 
der WendepunctiSeines'Lebens. Die chrisdtche sagt dieses schon 
in den ursprfingliohen Formeln z. B* Austreten' aus dem« Reiche 
der Finstcrnifs und Eintreten in das Reich des. Lichts ctc« (dor 
hin gehört auch die Idee von den a Zeitalton: die sich durch 
Chriirtus scheiden und voni der durch ihn y ollendeten Offeob«r 
Tung Rom. 161 a5.' Ehr. i, i, ff. u. a. in.).' Sowohl das erhe- 
bende als das demothigende Gefühl in der FrömmiglLcit dita 
Christen bezidit sich immer auf das BedürfniCs der Erlösung, 
unä zugleich auf die erlösende Thätigkeit Christi; und hiernach 
spricht" sich auch selbst unser Gottesbewufstiiejn beatimiif 
christlich so aus, dafs wir in ihm den Vater von uns und ubseim 
Herrn, Christus erkeiroeti. ^«^ Dieses EigenthiimKche des Chei«' 
sienthums ist aber sty weit-* nur gbscbiehtlich aufgcfafst, mie. es 
in der Dogmatik fnr. Christen stehen muis, und' der innere Cbir 
racler gehört auch dazu ^'indessen findet die Noth wendigkeit und 
Wahi^heit des Christenthums selbst nur in dem Innern des Chri- 
sten ihren Beweis. 

Jede* fromme Gemeinschaft mufs, in Bezug auf den Inhalt, 
Positives enthalten und hinsichtlich der Entstehung geoffenbart 
seyn, so auch die christliche (^. ig;). - Indessen sollen diese 
Ausdrücke, dciren Unbestimmtheit erkannt ist, nur vorläufig hier 
stehen. ^Nicht als ob das Positive etwas sey, das zu dem Na^ 
t#rHchen hinzukomme) das ist -so Hvenig im Gebiete der Religion 
als des Brechts der Fall. Denn in jeder Gemeinschaft jener 
Art iu jede Erregung auE eine eigne Weise bestimmt, d. b. sie 
hat ihr Positives, und so- auch die Lehren, welche sich darauf 
beziehen. Die natürliche Religion ist keine Gemeinschaft son- 
dern* das, wodurch* aUe in .der Natur des Menschen begründet 
sindk In der Lehre ist das Natürliche 'und Positive gar nicht 
getrennt. Nur versteckt skh die Lehre bald mehr im Gebot 
und Sjrmbol , bald tritt sie mehr ausgearbeitet . und als Gebot 
ihrer Bekanntmachung auf, welches im Chpstenthum der Fall 
ist. Der Begriff des Offenbarten steht dem des UeberlieferVen, 
des Brsonnenen und Zusammengedachten entgegen ; er bezeich- 
net ein- Neues, das aus einem geschichWiohen Zväamm^kihang 
«cht zu erklären ist, und von einem einzelnen Punct ausgebt; 
im Christenthum beschritnkt es sich- ei^entlidi auf die Person' 



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i)5o Dogmatik. 

Chrisli. Und iD Christus ist es Offsnbaraog im h5disten Sinn^ 
da sie nicht als eiii eintelnes Eraeognifs in seiner Seele, auch 

' nicht durch vorherffeheadc Offonbamngon und toiksdiümlidie 
Weise bestimmt und beschränkt werden darf, sondern aus dem 
xeinken Anfangspunct ihren Kreis unbegränzt über alle Zeiten 
^nd Völker erweitert. Weil die ganxe Welt die unmittelbare 
Äeuss«trnng un^ Einwirkung Gottes ist, so kann auch Einxelnes 
nicht aus -diesem Zusammenhange^ gerissen werden , so wenig 
wie einieluc Gedanken Christi aus dem Ganzen seiner Seele; 
^imd so i$t eine unmittelbare Kundmachung Gottes nirgends. er- 

' lennbar, und nur bexiehungsweise übermenschlich. Aber alle 
Offenbarungen ausser dem Christenthnm sind die unvoUkomme« 
nen , Chrbtus dagegen ist ihr GinüeL Der Gegensatz zwischen 
den andern und der christlichen bleibt immer nur ein rdativer» 
in Christus allein nimmt die göttliche Kundmachung die Seele 
ganz ein; aber schon iu den nächsten trübt sie sich» aufweiche 
«le übergeht »Der specifische Unterschied zwischen dem C&ri«> 
«ttendium und andern Glaubensweisen betrifft nicht den fie« 
•griff (?) der Offenbarung, sonder^ den eigenthfindiohen Un^ 
«te^sclued Christi von andern Religionsstiftem«€ Es auTs (§• ao.) 
«ine in den Menschen liegende fintwicklungskraft ^gedacht wer« 
^en| »welche nacli uns verboi^eiieii aber götttlich ^geordneten 
tKjresetzen in einzelnen Menschen an einzelnen Puncten hervor* ' 
.stritt, um durch sie die übrigen ifveiter «u fördern^ Allerdings 
folgerichtig, wenn das Gute in der fortschreitenden Kraft des 
jnenschlichen Geschlechts gesetzt wird; und allerdings ist dann 
»jede ausgezeichnete Begabung eines Einzelnenc ein solcher An« 
iangspnnct. Allerdings ist dann auch die Erscheinung solcher 
Heroen, »die auf unmittelbare Wrfsc aus dem allgemeinen Le- 
beusqueli begeistert sind,« etwas Gesetzmassiges der menschli-* 
chen Natur. Dus Aufti-eten Christi ist nun nidit nur am wc* 
iiigsten unter allen diesen durch irgend «in gegd>enes bedingt, 
sondern es ist das MensohWerden des Sohnes Gottes scIm. 
Dieses ist ab etwas Natürliches zu denken, weil die mens^hliohc 
Natur doch fähig seyn mofs, du Göttliche, wie es in Christus 
gedacht wird, in sich aufzunehmen, und weil, dais es wirklich 
geschab, in der durch den göttlichen Eathschlufs bestimmten 
Einrichtung der menschlichen iVatur liegen und so verbreitet sc^a 
muffte, dafs gerade wie die Zeit erfüllt wav» in Christus die 
höchste Eutwicklung der geistigen Kraft in die Menschheit ein- 
trat. Alles Entstehen ist bisher unbegriffen geblieben« So ist 
auch die höhere Stufe d^ Sulbstbewufstsejns in ihrem erstea 

.Enuteben unbegreiflich. In sofern ist alles Christliche, als retn 
innere Er&hrung uberTernünftig, und die ganze christliche Leltfe, 
da sie üicht auf wisseuschafüjche Weise angeeignet wird; son* 



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ilern nur durcli Liebe, ist io dem Clirlsten iiiclit ilurcb die 
Vernunft vorliauden. (Wiederum ei« Acrgernil's für die Raiio- 
jialisten ! hier aber entscliädigea $ie sich durch ihr bekanntes 
Anathema; denn die Liebe ist ja etwas Mystisches!) Auf der 
andern Seite ist }b({och auch alles in der christlichen Lehre 
durchaus vernuiiflmässig, in wiefern es deti Gesetzen der Rede 
unterworfen ist, welche den christlichen Gerouthszustand aus« 
spricht. Und ^hiermit wäre dann der Unterschied ron positiven 
ui^d naturlichen ,y von vernünftigen und übervernünftigi^ Lehren 
aufgelöst y und der Kationalismus und Supranatuialismus in dem 
Chri$tenthunie vereinigt, nämlich als zwei verschiedene Aosich- 
scn derselben Sadie. Diese Sache aber ist das \nelthist6rische 
HiBtreten der höchsten Entwicklungsstufe in der Menschheit, wo 
der Sohn Gottes Mensch geworden. Die Idee von dem w(\fi 
liistorischcD Wesen des Christeiithums, welche sich bisher schon 
jM manchen Formeln bewegt hat, ist hiermit von Hrn. Schleienn. 
in einer tieferen dogmatischen Begründung und christlichem Be- 
deutung ausgesprochen. 

Es folgt, dafs keine äusseren Beweise zur Theilnahme an 
der christlichen Gemeinschaft fuhren können, und dafs auch 
Weissagungen, Wunder und Eingebung nur für diejenigen 
überzeugende Kraft haben, welche das innere Erfordcrnifs be- 
sitzen. Dieses ist der Glaube, d. i. die Gewifsheit, welche die 
frommen christlichen Erregungen begleitet , also dieser Gestäl- 
long des hohem Selbstbewufstsejns eignet. Man mufs sich hierzu 
der Erlösungbedürftigkeit und der erlösenden Kraft bewufst 
"werden. Solches Selbsterkenntnifs war bei denen, die um Chri- , 
«tus waren, eben sowohl als bei denen^ die jetzt glauben sollen, 
die Bedingung, und der Unterschied ist nur, dafs es dort die 
Person Christi selbst war, hier aber der von ihm' ausgegangene 
Geist und die ganze Gemeinschaft def Christen, »das heilst aber 
»nichts anders als dafs die Gesammtheit der Wirkungen seiner 
»Person« es ist, was diesen Glauben hervorruft. Die Eingebung 
ist ein nur untergeordneter ßegrifif. Denn sie bezieht sieh nur 
auf die Abfassung der Schrift, Christus aber selbst hatte nicht 
einen iO vorübergehenden Zustand, sondern stand höher, und 
»was den Aposteln der Geist giebt, wird alles auf den Unter- 
richt Christi selbst zurückgeführt « ( ? ). Das bei der Eingebung 
kann etwa nur verneinend von den Gedanken oder Empfindungen 
genrtbeilt werden, aber sie als Einwii^Lungen des höheren We- 
sens positiv behaupten, kann weder der, welcher sie hat (?), 
noch irgend ein anderer. Weissagung gründet sich auf ^Einge- 
bung; auch können wir nicht »unsern Testern Glauben an das 
Christeuthum auf uoserrt unstreitig minder kräftigen an das Ju- 
denthum gründen wollen j« überdas fliessen zu sehr die aliiesta- 



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953 Poguiatik» 

mentUcken Propbedeen auf Christus n^^ uobestimmten Ahndungen 
zusammeu. Wunder können an und für sich gar leinen Be- 
weis liefern; ihre Annahme setzt schon den Glauben an die 
Offenbarung yoraus. Da sich aber die Sehfisucht nach Erlösung^ 
.)uer und da ausgesprochen, und das auch unter Heiden, da die 
Erscheinung des Ei'lösers der Aufangspunct von der höchsten 
Entwicklung der menschlichen Natur gewesen^ womit Geistes«» 
zustände, £e nicht aus dem frühern Sejn erklärbar ^ind, und 
also eigenthüoiliche Kräfte auf die Natur zu wirken verbunden 
sind ; so zeigt sich die Beweiskraft der Weissagungen Mtid Wun- 
der »für das . Christ euUiiun nur als untergeordpet , nämlich wenn 
der Glaube an die Offenbarung in demselben zu Grunde li^gt. 
Unsere Eiqsicht in das YerhältQifs der letblibhen Natiir zur Ur- 
sächlichkeit des Willeqs ist noch keineswegs abgeschlossen; 
was wir' ffir übernatürlich d. i, für Wunder halten, ist also sehr 
relatiT. £Js kann hiernach kein Gegensatz zwischen Naturatismus 
und Supernaturalismus in Bezug auf den Standpuuct der christ- 
lichen Wunder entstehen, und eben so wenig auf ihre Erklärung^ 
aus dem genicinen Naturlauf ein Werlh gelegt werden. Die 
Maxime, sich das wissenschaftliche Gebiet reiu zu erhalten, und 
die Maxime »den Laien nicht unndthiger Weise in demjenigen 
zu verwirren, woran der Glaube eine nicht zu verwerfende 
Haltung findet,« sind beide untadelhaft, und nicht im Streit mit 
einander, weil das beziehungsweise und das schlechthiq lieber- 
natürliche nicht so leicht vou einander geschieden wird. 

(§• 32r) Judenthum und Ueidenthum enthielten geschicbt- 
liche Vorbereitungen aufs Qiristenthum ; in gewissem Sinne kapn 
filso allerdings nur Eine Kirche von Anbeginn bis zu 'Ende des 
Menschengeschlechts angenommen werden. Aber in das Be- 
wufstsejn trat sie erst durch das Christeothum. , Daher ist die- 
ses von dem Judenthiun eben sowohl getrennt als von dem Hei- 
denthum. Das A. T. hat daher auch nur in soweit christlichen 
Gebrauch, als es Hülle der Weissagung ist, und als es unsere 
fronunen Erregungen anspricht. Dagegen dürfen wii" aber aucb 
Anklänge aus dem Heidenthume nicht verschmähen, 

. Nun kommt der Hr. Verf. ( v. §. i3. an) auf die Bildung 
einer christlichen Glaubenslehre, wozu schon ^. 2 — 4* der 
Grundgedanke angezeichnet ist. Das Dogmatische soll nämlich 
scharf yon dem Philosophisch'ea geschieden werden. Unsere auf 
Gott gerichteten Gcmüthszustände sollen in der Sprache ihren 
''^^^t^^^n Ausdruck erbalten- Sie haben nur die ersten Keüne 
hierzi^ in den heiligen Schriften. Die Wissenschaft fangt an iind 
e'ndxst mit dem höchsten Wesen, und die neuere hat ^ich aus 
der christlichen Theologie entwickelt, aber auch von derselbe 
frei gemacht* Deshalb mufs sich nun auch die christliche Thco- 



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logiö ir6n ihr frei machen, "-vreiU» tiidii 'eSiie nai^t!i^l%e Vetwir- 
ran^ entstehen soll. So ist denh die Dogtnatik atif lArem eignem 
Grund und Bbdt^' fest zu halten und auszubilden. '^ ( Dier Un-^ 
terschied YOn ärticulus^ purus und mixtusj der bfHig aufh5r^ 
deutet auf eiiic solche Idee hfo,' die mehreren fi'uhern Dog* 
matikem vorschwebte ). Die GUubenilehre setzt' den ' Christlichen 
Glauben Toraus, und hat ihn nicht erst zu beweisen oder zu 
begründen, sie hat also zum Gegenstande die ursprunglichen 
frommen Gemätkszustände des Christen , und sucht dieselbe^ 
in der Betrachtung zu zerlegen und in Begriffen und Sätzen 
zusammenhängend' aufzustellen. Das Bestreben Zusammenhang in 
das Gedachte zu bringen hat sie allerdings mit der Weltweisheity 
>velche das Ziel der i^issenschafif iist, gemein, tind sie geht da- 
her nur von den Wissenden in der Gesellschaft aus. Nur be« 
steht' die Glaubenslehre nicht länger, als dicf frompien Erregun- 
gen lebendig sind, und ihr den StOff zufuhiren. Dieses Stoffes 
mufs sie sich vollständig versichern; Hierin hat sie ihren kirch- 
lichen Werth, nämlich in d)er Vollkommenheit, womit sie die 
Gebiete dieser Erregungen ausspricht^ in der vielseitigen Hin- 
deutung auf den Zusammenhang hat sie ihren wissenschaftlichen. 
Es ist aber jedd fromme Gem^thsbewegung in ihrer Einzelheit 
etwas Unendliches für die Beschreibung, nicht minder die Voll- 
ständigkeit derselben. Ihre Lehrsätze sind daher nur Elemente 
zu solchen Beschi'eibungen, und geben nur ein VerhälCnifs an. 
Darum kommen die Sätze der Glaubenslehre der Fomi j^hiloso- 
pfaischer Sätze nahe, und so suchen sie die Aufgabe zu I6sen, 
nämlich die frommen Gemüthszustande des christlichen Lebens 
in Beziehung auf den Erloser so zu beschreiben ^ wie es im 
Gefühl vorkooimt und die Vollständigkeit aufzeigt. Man kann 
und soll gewifs werden, »alle gemeine Oerter (locos communes?) 
für das christliche Leben verzeichnet zu .haben.c Um nun das 
eigentlich Christliche in der Glaubenslehre aufzustellen, ist das 
doppelte Verfahren zu vereinigen, das eine: man bezieht von 
innen das Eigenthümliche und Ausschliesst nde des Christentbuins 
auf die einzelnen frommen Erregungen, und drückt sie •«' der 
Lehre aus ; das andre : man führt von aussen das, w^ sich darin 
gestaltet hat, auf jenes zurück. So müfste sif^ das acht Christ- 
lichc durch das Letztere gewährleisten, wenn nicht die Ge- 
schichte offenbare und auch allerdings erklärbare Abweichungen 
von dem Christenthum aufstellte. Es müssen also diese als das 
Häretische ausg^chieden werden, um drs Kirchliche rein zurück 
so bebalten. Was ist nun das Häretische.' Der Dogmenge- 
schichte muOs etile I4ee zum Grunde liegen, welche alles unter sich 
befafst, w^s als häretisch gelten mufs, ohne dafs die historischen 
Forschungen dieses erst ausweisen. Diese Idee sammt dem Tkei- 



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güi . Oogmatik. 

laogsprincip ist auc^i in den Eigoidiuoiljcheii des Qirisl^tbiuiis 
gegeben^ Deoa dieses besteht darin, dafs aüe fromme £rre- 
^uageQ das Gefühl der Erlösung in sich tragen .und sich auf 
Jesus von Naxareth als den Erlöser beziehen^ Hier^ms ergeben 
3ich folgende Abweichungen , t) in Bezug auf das Bedurfnifs 
der Erlösung für die Menschen win^ die Fähigkeit erlöst zu wer- 
den entweder aj der menschlichen Natur ganz abgespr.Qicheny oder 
JfJ allein zugesprochen; und in Bezug auf den Erlö^r, wird 
dieser entweder aJ als wesentlich den Mensclien gan^ ungleidi, 
oder b) als ganz gleichartig angesehen. In dem ersteren ist nach 
^. die menschliche Natur ganz unter der Gewalt des Bösen^, so 
<bifs nur in einer Umschaffting derselben die Rettung liegt, und 
liach b) ist sie selbst im Stande sich zu helfen, so dafs nur etn^a 
mancher Mensch vorzugsweise^ überhaupt aber die Gesamrothcit 
.dazu hilft. In dem zweiten ist , nach a) keine Aufliebung des 
'Widerstreits lu uus' durch etwas Gemeinsames mit dem Erlöser 
also durch wesentliche Theilnahme an ihm möglich, und nach 
h) ist er selbst der Erlösung, wäre es auch in noch $o gerin* 
gern Grade bedürftig. Geschichtlich lassei\ sich i^\e%t 4 Häre- 
sieen wenigstens nahe kommend in dem Maoichäismus und Pe- 
Jagiaiiismus, in dem Doketismus und Nazoräismus aufliuden ; auch 
iM'giebt sich die Verwandtschaft der doket. und manich. Ab<^ 
weichungen unter einander und mit dem Supernaturaüsmus, so 
wie der uazor. und pelagian* unter einander und mit dem Ka- 
tionalismus. (Diese tiefblicker^de Betrachtung der Häresieen 
führt zu einer geistvollem Geschichte derselben, als das bisherige 
Aufgreifen dessen, was so zufällig der Zeit nach erschien und 
bekämpft wurde; wie auch zu Vcrgleichungen der abweichenden 
penkarten mit nichtchristlidien Religionen, denen sie sich nähei'tcn; 
wenn sie consequent wären. Sa z. B. nähern sich die ^beiden 
ersteren vermittelst des buchstäbelnden Supernaturalismus dem 
Judenthum, und die beiden letzteren vermittelst des freigeisteri- 
sehen .Naturalismtis dem Museltlium und hiermit dem Heiden- 
tbum). Die Begriffe der Heterodoxie will der Verf. nicht da- 
mtl vermischt haben. 

Weltei kommt er nun auf den Gegensatz zwischen Katho- 
lictsmus und Protestantismus. Ein höherer Gegensatz findet zwi- 
schen der morgenläodkchen und abendländischen Kirche statt^ 
und die protestantische und katholische theilen den Character 
der grdteeren Entwicklung der Glaubenslehren. Aber ihr Uit« 
terschied sollte durch alle LehrsCocke so durchgeführt werden^ 
dafs das Eigeothumliche , der frommen Gemuthtzustinde in diesisa 
beiden Kirchen darin erscheine. Denn die protestantische haX 
nicht bloli jenes Negative | Reinigung und Rückkehr von einge- 
«chlicheiien ])IiIskrättcheO| sondern auch Positives, eigeothumliche 



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DogmatiL \ i)55 

CesUltung des Cbristenihams^ in ibrem Wesen (sie ist zngleicli 
Im Tollesten Sinne des Wortes e^fon^elisqhj. Bis jetzt zeigt sich 
der Unterschied beider darin , dafs die katholisclie das Yerhält- 
juCs de$ Einzelnen zu Christus von seinem Verhältnisse zur Kir- 
M^j die protestantische aber unmittelbar von Christus abhängig 
2iiacht. Indesseti sind die gegenseitigen .Beschuldigungen, dals 
der Protestantismus die alte Kirche vernichte und doch nicht im 
Stande sej eine neue zu bauen, und dals der Katholicismus Chri- 
stum gewissermassen der Kirche unterordne (zunächst an die 
Kirche ghube), nur gegenseitige Warnungen, und keine wird 
4» zu solchem Extrem treiben, preil ja iu beiden der Geist des 
Christenthums ^waltet. Hiernach hat denn aucß die protestant« 
daubenslehre sich zu hüten, dafs sie in ihrem Gegensatz nicht 
in Ubchristliches verfalle, aber auch nicht etv?as von dem ent- 
gegengesetzten Character unvermerkt iii^ sich aufnehme. Da nun 
«jiser Lehrbegriff einer so ganz genauen Bestimmtheit entbehret 
so ist es um so noth wendiger » dafs jede Darstellung der Glau- 
I>enslehre das Gemeinsame der evangelischen Kirchen enthalte, 
JOaun bestünde sie aus lauter eigenthuoilich^n Ansichten, so wöre 
«las ein Sjstem von Privatmeinungen, nicht aber eine Dogmatik, 
>sie müfste denn die Absicht haben, eine neue Gemeinschaft 
^Kirche) stiften zu wollen.« Das Eigenthümliche einer jeden 
lunfs sich also auf dos Gemeinsame beziehen; wird blofs dieses 
letztere aufgestellt, so ist die Dogmatik paläologisch , ohne das-, 
^be aber, d. i blofs die eignen Ansichten enthaltend, ist sie^ 
ncoteris^h. Sie muDs also ohne Störung der protestantischen Ge<- 
meiuscliaft ihre Lehre entwickeln, und sich auf die Bekenntnifs- 
3chriftcn, und zwar auf die allen protestantiscLen gemeinschaft- 
lichen, und wo sie nicht ausreicheii, auf die heil. Schrift, wie auch 
«uf den Zusammenhan|; mit andern Theilen der Lehre stutzen. 
»Denn sieht ouiu die protestant. Kirche als Eine an : so ist keine 
»einzige Bekcontnifsschrift weder von der ganzen Kirche ancr- 
»kanut, noch von der Kirche ausgegangen, und bei dieser all- 
»gemeinen UnvolUtändigkeit des Ansehens wird der Unterschied 
»zwischen dem grösseren Ansehn einiger und dem geringeren 
»andi-er ganz bedeutungslos.« Obgleich der Verf. sehr richtig 
bemerkt, dafs auch selbst das, worin sie übereinstimmen, noch 
nicht grade für gleich wesentlich und feststehend zu halten sej, 
so glaubt er doch , dafs auf diesem combinatorischen Wege das 
Wesentliche gefunden werde. Dafs für diejenigen Lehrsätze, 
worio sie im Widerspruch stehen, das Recht abweichender Mei- 
BUDgen selbst symbolisch geworden, ist eine überraschende Fol- 
gerung. Die heil. Schrift kann uur nach den Regeln der Aus- 
legungskunst j^ebrauCht werden, und man soll eiozeltte Stellen 
Dur unmittelbar auf die Dogmen begehen, indem man dieselbe 



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956 Vk>gni9Xk. 

fromme E^ej^UDg darin findet, man ftoll dabei in das Ganie luid 
Grosse eirt^e^en, indem man den Gedankengang der KeiL Scbrift* 
steiler erfok*scl)t. £s muls aber in manciien Sätzen bocK die 
NaclitFeisung hinzukommen, dafs sie mit anderen LehrpunoCei», 
welche symbolisch und biblisch fester stehen, zusammenhängen. 
Dieses eben ist der höhere Puna^ wodurch sich auch das Ei*- 
genthämliehe einer I>arstellQn|f mit dem Gemeinsamen unserer 
Kirchenlehre sehr gut einigt, und wornach das einzelne System 
»ein Ton dem andern sehr abweichendes Gepräge haben kann, 
»ohne seinen kirchlichen Charactcr zu verlieren»« ( Rec. erin- 
nert liierbei an den wahren S2nn älterer dogmatischer Fotinela 
von analegia ßdeij vom Gebrauch der h. S* x^ra "kij^iv und 
x^ra havoiOLV n, dgl.; aber er besorgt, daffs auch diese neueste 
Theorie ' dieselbe Gefahr Wülkuhrlicher Bestimmungen finden 
möge, wobei nur allzu gerne die Entscheidung atis den gedruck- 
ten Lehrnörmen gleich als ex cathedra Petri verbommen wird, 
und dafs ako die Schwierigkeit noch eiber gatiz andern Losung 
als der blossen kunstvoll - gelehrten Combination bedarf. Die 
Philosophie pflegt in dieser Be^rängnifs ihire Auetori tat geltend 
SU machen. Der Verf. verwirft auch diese, uird dafs allerdings* 
nach evangelisch - protestantischem Grundsatz, denn kein Philo- 
tophem, sondern die heil. Schrift ist xins die höchste Noirm in 
Glaubenssachen. Sehr richtig ist' von ihm bemerkt, dafs sich 
von dieser Seite die Dogmätik »erst mit der Theorie der Scljrift- 
auslegung' zugleich vollenden kann.c Und so folgt schön hieraus 
das Unvollendetsejn jedes dogmatischen Sjstemi, so eingreifend 
es auch für' die Bildung der Glaubenslehre wiAt). — Es folgt 
weiter, dafs das Orthodoxe ein Antiquirtes, und' das Heterodoxe 
ein Orthodoxes werden kann,' je nachdem der Widerspruch mit 
dem Symbolischen sich nor als scheinbar zeigt. An KeUereien 
wäre übrigens nur zu denken, wenn etwa »Genossen unvollkom- 
mener, z. B. indischer, Glaubensweisen in grossen Massen zum 
Christenthum übergingen.« 

Endlicli wird noch von der wissenschaftlichen Aufstdlung 
der Glaubenslehre gehandelt. Sie hat keinen höchsten Grund- 
satz aus welchem systematisch alles Einzelne abgeleitet werden 
könnte, denn sie geht von der inneren Tliatsache aus, und stelle 
die Sätze nur als verschiedene Modificatipnen derselben auf. 
Sie hat also dieses nur systematisch zu ordnen, damit das Man- 
nigfaltige in einer bestimmten Vielheit als ein vollständiges Ganze 
geschaut werde. Ihre Sprache ist dialektisch, d, h. sie theilt 
die Erkenutnifs auf kuns^erechte Art nüt, nicht ist sie homile^ 
tisch und katechetisch; sie kann sich zwar nicht ^et philoso- 
phischen Ausdrücke entschlagen, weil sie mit psychologischen, 
etliischen und metaphysischen Sätzen zusammenhängt, allein in 



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Dogmatik« ^5/ 

das Gebiet der Philosophie selbst darf sie D!c|it kommen* Eji 
giebt keine besondre Philosophie einer Kirche, die Dogmatik 
aber h^t die besondern Lehren einer Kirche siufzuzeigen. Ob. 
gleich das Christenthum einen grossen Einihifs auf die Specula- 
tion gehabt, und die neuere Philosophie im Allgemeinen als die* 
christliche bezeichnet werden kann, sie auch mit der christlichen 
Glaubenslehre vermischt worden : so ist doch das nicht das Rechte^ 
und wir dürfen nicht zu den Nachwirkungen der scholastiseheo 
Zeit zurjjckkehren. Sonst würde wer zu einer andern philoso- 
phischen Schule gehört, die Dogmat. nicht recht Yerstchen, jedes 
neue philos. Sjstem würde eine neue Dogmatik mit sich briji« 

fen, und mit jedem antiquirten würde die bisherige aufhören« 
^aher hat sich der wohlmeinende Eifer solcher Theologen, die^ 
von einem neuen Systeme der Philosophie ergriffen, durch das- 
selbe allen Spaltungen und Milsverständnissen in der Dogmatik 
ein Ende zu machen hofften, jedesmal mit einer ungegründetea 
Hoffnung getäuscht. So wenig ' Verbesserungen der Dogmatik 
indessen durch den Einflufs* philosophischer Sjsteme zu hoffen 
sind, so wenig Gefahren sind auch von daher zu besorgen« 
»Denn ein Theologe kann nur ein solches annehmen, welches 
»die Idee Gott uud Welt irgendwie auseinander hält, und 
»welches einen Gegensatz zwischen gut und bÖse bestehen läfst, 
»Mit jedem solchen aber verträgt sich das Christenthum • etc.« 
Eine practische oder populäre Dogmatik ist tlieib eine Bearbei- 
tung derselben für das Homiletische, »theib eine Mittheilung 
zwischen einem Lehrgebäude und einem Katechismus.« — Die 
christliche Sittenlehre besteht aus Lehrsätzen, welche eben so 
Aussagen über die frommen Erregungen enthalten wie die Glau* 
bensichren ; sie sind daher diesen analog* von den Sätzen der * 
philosoph. Sittenlehre geschieden.' Sie können zwar der dog« 
matischen Theologie allerdings einverleibt sejn, die Trennung 
war aber doch zweckmässig, »w^eil die Glaubenslehre einseitig 
vorherrschte.« Das Gemeinsame der Dogmatik und Ethik ist; 
»dafs in beiden das höhere Selbstbewufstseyn in der eigcnthüm- 
»)tchea Form des Christenthums nach seinen verschiedenen Aeus« 
»serungen soll beschrieben werden.« Die ehr. Glaubenslehre 
bugi hat die Zustände des Abhängigkeitsgefühls, und die christL 
Sittenlehre die werdenden Thätigkeiten dieses Gefühls zu be- 
schreiben; im Leben gehört beides zusammen. Es ist wohl am 
xuträglichsten ^ wenn beide so behandelt werden, dafs die eine 
puf die andre^ in den einzdnen Puncten hinweist; 'denn so. wer- ' 
den sie jeben sowohl in ihrem Zusammenhange erkannt, als voa 
den analogen philos. Wissenschaften geschieden , und di^ prak- 
tische Seite der Glaubenslehre wird als gleich ursprünglich mit 
der theologischen gesetzt; aber tiodem ein für dlemal voraus- 



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958 Dogmatik* 

»gesetzt v^irJi tlats Jas t)iirgestcBte iti Tli5(igk(!lt aiisg;6he, ga^ 
»mufs Raum gelassen Sern all einzelnen Puheten in jenes Gebiet 
«hinüber zu schauen, uild zu zeigen, ifvcn und wie die Oerter 
ider Sittenlehre in denen der Gldubenslehfe Ivurzeln.« — - Diff 
Abtheilung in dtt Dögnlatlk witd g^Aoac^t, ind^m det VeffaSScjC 
auf die christliche Frömmigkeit eingeht, in -Welcher nämlich der' 
Gegensatz zwischen der eignen Unfähigkeit und der durch did 
Erlösung mitgethcilleu Fähigkeit das fromme Bewiifstscjm zu 
verwirklichen gefühlt wird. In manchen Aeusserungcd ist nuil 
dieser Gegensatz stäHter Id lAanchen schwächet. Es läfst sich in 
einem ersten Theile dieses Gefühl betrachten, so dafs man ganz 
von dem Gegensätze absieht» Und in einem zweiten Theile be<* 
trachtet man es unter dj^mselben« Nicht ifls ob diu spedifisdi^ 
Unterschied statt fände, sondern es ist nur ein fli essender, da in 
jedem christlichen Gefühle dcf Gegensatz vorkommt: es soll nat 
Zuerst jenes Element auf dieses, und daüti diesem auf jenes be-* 
zogen werden, und so wird Zwar der Gegensatz in jedem Theilö 
betrachtet, aber doii in seinen schwächsten hi^r in seinen stärk«^ 
sten Aeüssefunffen. Dort befindet sieh zwar auch das eigen-^ 
thümHch Christliche, denn von einei' sogenannten allgemeineil 
öder natiirliehen Theologie kann da gsir nicht die Rede sejn^ 
aber es ist dort am wenigsten sichtbar: hier ist mehr dtis, was 
sieh in jenem bestidimte^ in d^m Einen Und Seligen des from-* 
men Selb^tberwufstse^-ns entwickelt hiit. Der erste Theil ist mehr 
cöntem^plativ, der zweite mehr historisch. Wir übergehen was 
in der Dogmätik selbst, zu ' beurtheilen ist, die Vorzeich-^ 
nungen des Vetfs« über die Pefson Clh-isti, die urspr. Voll-» 
kommenheit des Menschen o. s. w.; welche Lehr'eit mehr oder 
minder dogmatischen Werth haben, Wo die Gränzen des My-" 
thisehen, und Dottrinellen sejen u. s. iv. Die Einleitung schliest 
damit, dafs ^ie drei Formen aufstellt für die Dogmen < >Die 
Beschreibungen menschlicher ZtiStande, die Be^ffe von götdi« 
chen Eigenschaften, die Au^gen von Beschaffenheit der Welt,*c 
also von dem Maischen , von Gott, von der Welt ausgehen ; sie 
sollen in jedem Theile der Dognuttik mit einander verbunden 
Verden. 

Reo. glaubt hriermit das Gante dlesef Einlettuiig so gciafst 
zu haben, dafs diTS Eigenthümlich'e taird Zusamirfenhiiigende der« 
selben, diifs hiermit die Idee, nach. Welcher dieser berühmte 
Theologe die Ghiubenslehre aufstelU, unseni Lesern vorli^ 
Es steht ihm. Wenn et anders richtig gesehen utid den Vrrf* 
wenigstens in der Hauptsache vei^tanden hat, nun aus allem 
als Ergcbdifs vor: diese Einleitung beschreibt die cfarisdii^e 
Frömmigkeit, und betrachtet sie neben andern Religionen auf 
eine ähnliche Art, wie man« Gestduingen , wdche die Nator 



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Dogmatik. gS^ 

bervoi^cbniclit, tieben einander vergleicht und ordnet Sie setzt 
also das Dasejn eines christlichen Glaubens voraus , und beur-« 
thcilt denselben nicht, wie es in einer sogenannten Religions^ 
pbilosophie zu geschehen pflegt, und auch wohl in den Einlei<» 
tungen zur Dogmatik» aus irgend einem speculativen Pnncip, 
das sich über alte yt)rhandencn Religionsarteii und so auch über 
die cbristHche setzt , sondern aus dem vorhandenen from- 
men Selbstbewufstsejn. Hiermit läfst er dem Christen thume seine 
Gerechtigkeit wideifahren, da es fordern kann, aus sich selbst 
erkannt und beurtheilt zu werden; er lafst aber auch den an-» 
dem Glaubensweisen ihrer Gerechtigkeit widerfahren, da er sie 
eben so neben das (^hristenthum hinstellt, und sein Urtheil der 
Würdigung ist gerecht, da er lediglich das, was alle anerken- 
nen und in sich hegen, das fromme Selbstbewufstsejn , zum 
Maasstabe macht. So mufs es allerdings auch schon in dieser äus- 
seren Würdigung der Beschreibung über allen andern Glau- 
bensweisen obenan stehen. Seine absolute Wurde ist aber hier-^ 
mit ifleh nicht dargelegt« Denn diese ist nur durch das Be- 
wufslwcrdcn dps Göttlichen, welches nur der Christ selbst in 
dem neuen Leben, das mit der Wiedergeburt begonnen hat, 
gewinnt, wahrhaft zu erkennen. Der Lehrer kann darauf nur 
hinweisen, und so wie Kirchenvater Bücher schrieben, welche 
TfOTferrrtwc» ToctSocycoyoc etc. hiessen, so mag eine solche Ein- 
leitung auch nur erst den Exoteriker anreden, dafs er ein Eso- 
leriker durch das Studium der Glaubenslehre verde. Diese 
InnerKchkeit des Christenthums wird auch nicht nur in dieser 
Einleitung angedeutet, sondern quch überall in der Glaubens- 
lehre selbst Von dem Hrn. Verf. zum Grunde gelegt, und im 
zweiten Theile am gehörigen Ort behauptet. Wie sie aber un- 
serer Ansicht fach, in der Einleitung selbst schon vorkommen 
und urtheilen müsse, darüber erlauben wir uns nun unsere Be- 
merkungen mit. den über manches Andere zu äussern, da wir 
nun die Vergleichung mit unserer evangelischen Lehre (s. oben 
H. Jahrb* S. 856.) versuchen müssen. 

Vergleichen vvir vorerst die neueren Lehrbücher der Arf, 
so lassen sie uns in dem Grundbegriff der Religion entweder 
bei hergebrachten Formeln oder ziehen uns sogleich damit in 
dieses dder jenes grade in derti Jetzigen Decennium auch wohl 
nur 'triennium geltende philosophische System, oder lassen alles 
ein.m jeden anheim gestellt, da ja jeder vissen mufs, wie er 
es damit hält. Dafs keiner dieser Wege der evangelisch -kirch- 
liche sej, liegt vor Augen; bt es ja nicht einmal das Wort. 
Weit mehr kirchlich ist es also aus dem Christenthum unmittcjK- 
bar, ans dem Erommea Selbstbeif^ofstsejn ^ Und wäre es aodi 



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9^. 



Dogma tik. 



Torerst nuc aus dem Gefable desselben auszugeben! wie unser 
Verf. Üiut DcoQ die christlicbe Lelire ist aus djcm Glauben au 
das Evangelium erwachsen, wie aus dem kindlichen Gemüthe 
der Verstand zur männlichen Reife heranwächst (Mattli. f6, 3. 
Augsb. C. Art« 5.). Somit ist die Dogmatik des Verfs. schon 
durch die Meihode der Einleitung ab evaugejiscb-, kirchlich ver- 
kündet. Zuerst der Begriff der dogmatischen Theologie ; sie 
ist »die Wissenschaft von dem Zusammenhange der m dncr 
christlichen Kirchengesellschaft zu einer bestimmten Zeit gelten- 
den Lehrc.c Hierdurch wird der Blick sogleich auf das Zu- 
fällige und Veränderliche der menschlichen Wissenschaft ijerich- 
tet, obgleich das Ewigwahre in der Theologie nicht ausgeschlos- 
sen. Ehemals glaubte man in den Dogmen das letztere aufge- 
Btellt' zu haben^ und zwar oft bis zur Anathematisirung dessen, 
der sie nicht annahm. Das war genau betrachtet eine Gleich- 
setzung mit der Bibel und also den evangelischen Grundsätzen 
widersprechend. Also zeigt auch von dieser Seite die Einlei- 
tung den evang. kirchlichen Geist Sie entwickelt hie^^i die 
Begriffe von Beschränktheit und Oeffentlichkeit der Lehre, um 
XU erklären, dafs der Lehrer mit völliger, Ueberzeugung seiner 
Kirchenparlhei angehören , aber dabei doch in die Veränderun- 
gen zugleich wissenschaftlich eingehen solL Wir sehen, nicht 
ein, wie djis anders möglich ist, als wenn der Lehrer der dogm. 
Tbeol. das Ewigwahre, das über allen menschlichen Formeln 
liegt, einsieht, also von dem Geisto des Evangeliums durchdrun- 

5en bt (oder nach der Kirchenspracfae ein regenitns), und das 
urch wissenschaftliche Bildung in den Lehrbestimmungen zu 
finden weifs, so dafs er sie der jedesmaligen Cultur und Sprache 
gemiUs gegen Mifsverstäiidnisse verwahrt und gleichsam üb«r- 
setzt. Anders konnte man nichts bei der Verpflichtung auf 
symbolische Bücher je verlangen. Darauf hin scheint uns auch 
der Verf. hier zu weisen; und sehr richtig sagt er, dafs ein 
Gebäude von lauter ganz eigeuthümlichen Ansichten nicht anders 
etwas sej, als wenn es eine neue kirchliche Gesellschaft stiften 
wollte. Hieraus folgern wir, dafs in dem Grade, als eine Theo- 
logie sieb von der kirchlichen Lehre trennt, sie dieses still- 
schweigend bezweckt, dafs also nur die eine aufrichtig -kirch- 
liche ist, welche ihre Abweichungen als einen dermaligen Fort- 
schritt der Kirche begründet, und sich also in d^ höheren Lebic* 
stufe doch zugleich »u der kirchlicben Gemeiaschaft mit Wah^ 
heit bekennt« 



^S>ii Fortseitüng fotgi.) 



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N^ 6L Heidelberger 1822. 

Jahrbücher der Literatur. 

D o g m a t i k. 

CFortsetzuHg,) 

TV illkulirricIikeU uod Sopliistik dai'f also* niclit an dte SteQo 
der i^issenscliaftlicfien Strenge treten, und auf der andern Seite 
darf der Dogmatiker nicht über der Wis^enacbaft die fronunea 
Gemfithszustände vernachlSssigen. Auch giebt es gar keine h5<* 
bere Theologie, welche über die Dogmatik und die Lehre voil 
der chrisiiichen Gottseligkeit htnansläge. Dafs dieses ganz in: 
dem Sinne der Reformatoren bt, dafür brauchen wir nur Me^ 
lanchthons Yorr. zu seinen loc. comm. anzuführen (Nam haec 
doctrina eccleside non ex demonstrationibus sumiturj sed esd 
dUtis^ quüe deus ctrtis et äkutribus testimohüs tradidit generi^ 
kumann, per quae immensd bonitate se et suam volimtätem 
-patefecit. — — Haec praefati necesse est, ut inüio cogitemuJ 
rts certaSß firmas et immhtas in ecclesia doceri etc. Hos , si 
nfoluntßtes erunt piae, m hoc studio et hac dijudieatione Deus 
reget spiritu s. etc.). Wir finden also auch dieses weit mehr' 
Itrchlich, als bei den Neuei'n jdne Trennung von Theologie 
und Religion, und wieder von Theologie und Dogteatik, wor<»^ 
nach diese statt Lehre des Glaubeos zu sejn, zu einer kritisir 
renden Zbsammensteltong kirchlicher Meinungen (^OY;uxrftn/)' 
wird. Ist sie doch selbst von Bretschneider (Handb. d. Do£pa9* 
L i8i4 §• 5.) dazu herabgewürdigt, und Rec. mufs sein Ür- 
tbetl mit Schleierm. Worten aussprechen; »dafs man da am Ende 
»zweifelhaft wird, ob Dogmatik auch zur Theologie geh6re.c' 
So mochte freilich immer ciu Geistesmann wie Herder gegen die 
Dogmen sprechen. Schleiermacher zeigt auch klar die Coordi- 
nation der Dogmatik mit den andern theolog. Wissenschaften/ 
und wie ai^ diesem Grunde immer die Exegese und die Kir- 
chengeschioB leiden mulsten, wenn man jene vernachlässigte. ^^ 
Auch das ist als altkirchlich zu billigen, dafs unser YeriV selbst 
das Wort Religion als aus dem Heidenthume abstammend und 
eben deshalb nicht leicht zu erklären ansieht. Schon Augusti- 
nus sagt (de civ. D, 5, 45* 7> Jü. 4o, 4.) die griechisclrctt' 
Worte sejen bezeichnender, da kein lateinische die Gott allein 

61 

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a/ät Dogmatik. 

gdbülireode Ehre atisdrficke. Um so mehr verdieot der ScUei^ 
^gpflMcfiflrecb« AuidrucL Glaubeiuürten, Aufndime.' 

Der jetzige Zustand der Theologie ist darum der Dogma-* 
tik äusserst angünstig, iiveil, wie es unser Verf. ansdruckty »wir 
in der gegenwärtigen Lage des Christenthoms nicht als allgemein 
eingestanden voraussetzen dürfen, was in den frommen Erregun- 
gen der Christenheit das Wesentliche sej oder nichti Darum 
glaubt er nun »über das Christenthum binausgehn zu müssen, 
und den Standpunct über demselben zu nehmen , um es mit 
andern Glaubensarten zu vergleichen.« Auch ist es unlähgbar, 
daCi »alle sogenannte Constructionen des Christenthums a priori 
immer auf dem geschichtlichen Gebiete scheitern mnfsten.« Aber 
es bleibt hier noch manches schwierig. Nämlich: i) was 
WoUeu.wir doch hiermit denjenigen entgegen setzen, die ^twa 
4ttS den Kantischen und einigen folgenden Schulen, vornelimlich aus 
jener coustruirenden , das Geschichtliche nur wenig oder nichts 
achten? Und wie soll doch etwas der Art, so wie es unser 
Verf. verlangt, dem Geschichtlichen so voraus gehen, dafs sich 
dieses einfüge, und angenommen weide, ohne in die Region 
des Speculativen zu geratlien? Noch mehr: 2) der von SchL 
schon früher in seiner Encjklopadie aufgestellte Satz, dafs der 
Theolöge seinen Standpunct , zugleich als Philosoph über dem 
Christenthum nehmen müsse (welchen Satz doch nur Weuige 
damab »bcn^itleiden« mochten , so wie es keinem hervorragen- 
den Gedanken auch an Solchen fehlt!) scheint uns mit dem 
ersten Grundsatze dieser Einleitung in Widerspruch zu stehen,^ 
welcher alle Lehren nur aus dem christlichen Bewulstsejn ent- 
nehmen will. Denn obgleich der im Christentlium Stehende, 
welchen, wie auch hier ausdrücklich anerkannt wird, nur das 
Christliche erfreuen und anziehen, und das Uochristliche ab- 
Stouen und als widerwärtig afficiren wird, um nicht durdi das 
Gefühl zu entscheiden, auf einige Zeit herausiutreten versucht^ 
damit er sich nur scharf einpräge , wie das eine ^ und das an- 
dere, das Christliche und das Ünchristliche , aussieht und be- 
schaffen ist: %Q wird sein Urtheil immer bei denen, die eigent- 
lich draussen stehen, als bestochen gelten müssen, weil man sich 
eines Grundgefühls und grade eines solchen nie ganz entschla- 
gen kann; und bei denen, die in dem' Christenthum stehen, 
wird das Urtheil unvollständig, und wir wollenAicht grade 
tagen unnütz, doch fremdartig sejn. Denn die Christen wissen 
es wohl, wie auch der Vf. hin und wieder, und besonders im 
Stea Theile seines Systems lehrend erklärt,- dafs im Christenthum 
VHS ein Bewufstsejn aufgeht, das uns über andre Rdigionen hin- 
auf hebt, und mit Sicherheit uns berechtigt, alle sammt uud 
sonders unter dem Christenthum zu erblicken, ja sie eben darum 



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Dogmatik« 963 

hetuat ui «rkeuieoy ab jeder ihrei AngekSrignt Im Sunde H^Irc^ 
und sonut aufs YoUkommenste zu würdigen. Ohne allen Zwei« 
fei sagt das auch der Apostel Paulus mit den Worten t Cor, 
a, i5. da die xvevfieiTmoi diejenigen sind, welchen der Geist 
Gottes die wahre Gotteserkeontiiirs eröffnet hat« Das haben ■ 
auch unsere älteren Theologen bedacht« da sie weder in phj« 
siscb- noch mathematisch -philosophischen Demonstrationen, noch 
in blofs historischen Argumenten den Beweis für die Wahrheit 
und den höchsten Vorzug des Christenthums suchten ^ sondent 
eigentlich nur in dem Zeugnisse des hei]i,i>;en Geistes* Sie seta* 
teu also Yoraus, dafs einer schon ein Christ sej, der das aner* 
kennen solle , folglich dafs die Wiedergeburt das neue Lebe« 
schon in ihm hervorgebracht , und. er es also verstehe. Wo da» 
nicht Torausgesetzt wurde , wollten sie dafs man erst versuche^ 
ob der Mensch bekehrt werden könne. Weil nun das durdt 
die Predigt des Wortes geschehen solle, so blieben alle jene 
Beweisführungen weg, und so überliessen die Theologen danudb 

ginz folgerichtig alles Uebrige den Wegen der graiia praevemefu. ^ 
axu mochte denn wieder manches, hauptsachlich für das Chrt« 
sienthum an sich, von Seiten der Lehre gethan werden, unter 
andern die Apologie nach altcliristlicbem Stjl. Hier stellt man 
sich zu jenen die ausserhalb stehen , und zeigt das Unvollkom-» 
mene und Falsche ii» jeder Religion gegen die christliche, wel- 
che dag^n durchaus Sind irein nur das darbietet, was man 
'sacht um selig zu Werden. Dieses Verfahren unk die, welche 
draussen stehen, so weit wie möglich von der Vortrefflichkeit 
des Christenthums zu überzeugen, mufs aber sogleich offen be* 
kennen, dafs man nicht in dem ausserlichen Sinne unparteiisch 
sejn könne, ja es nicht einmal sejn wolle« Denn dieser «Wille 
gehört ja eben zu den Vorzügen des Christenthums. Wer ein* 
mal in demselben steht, ist von dem Grundton desselben durch«- 
drungen, und luit das bleibende Wesen desselben (das ewige 
Leben) so in sich aufgenommen, dafs es auch in aller seiner 
Denkthätigkeit vorkommt, und er sich dessen in keinem Urtheil 
ganz entäusseru kann (nach dem was unser Verf. selbst im aten 
Tbl. &o ganz aus der Tiefe des christlichen Lebens so trefflich 
za sagen weüs); er ist aber hierdurch von der göttlichen Liebe 
aufgefordert, dieses Leben auch andern zu empfehlen, und es 
vor ihnen mit aller Begeisterung auszusprechen. Das ist de( 
Trieb zur Verkündigung des Evangeliums. Indessen hat auch 
•ine solche vergleichende Darstellung der Ghiubensarten von aus- 
sen für die wissenschaftliche Behandlung der christlichen ihren 
unliiugbaren Werth , lals propädeutisch zur innern Erkenntnils 
und Würdigung; und diese Letztere kann darum in einer Ein« 
laiQi^ noch nidit vorkommen, weil sie dieKenntniis der GliU" 

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^64 Dogmatik. 

beaslelire ia 'Atem innersten Zasammeoliange roramssetzt. Weim 
demnach ein solches £rheben über das Christenthnm von diesem 
selbst nicht zugegeben werden kann, so stellt sich nns weiter, 
Ton aussen 3) die Macht der Religionsphilosophie entgegen. Sie 
wird behaupten schon vorher über dem Christenihume zu ste- 
llen, und uns entweder ansinnen, in sie einzutreten, um Philo« 
tophen zu werden, welches mehr sej als Christen und christ- 
liche Theologen, oder sie yird auf uns herabsehen, ab soldic^ 
die noch im Glauben befangen sejen, hiermit in Vororthetl, 
Wahn, Geistesfesseln, nicht wesentlich verschieden von Juden, 
Heiden und Türken. Bleibt uns nun keine andere Wahl übrig, 
•o lafst sich vielleicht noch irgend ein philosophisches System 
finden, das dem Christenthume zusagt. Aber alsdann haben wir 
doch onn einmal den so bestimmten Christenglauben unter das 
Tribunal dieser Schule gestellt, und er steht und fällt wie sie 
selbst; sie wird aber fsUen, und dann erscheint solches Abhän- 
gigmachen der heiligen Lehre ganz in ihrer Verwerflichkeit. 
Steht nun einmal, wie das in der neueren Zeit so ziemlich der 
* ¥fJl ist, unsere Glaubenslehre unter der Entscheidung der Phi-^ 
losophie, oder welches hier einerlei sagen will, bestimmt der 
Rationalismus, ob und in wieweit etwas christliche Lehre seja 
tolle, so sehen wir nicht ein, wie irgend eine besondere Glau- 
bensart, die nicht die allgemeine (rattonalislische) sej, ab Chri* 
atenthum unter Vemünftigeu gelten und zu einer Lehre- werden 
könne. Dazu käme etwa noch, dafs der Rationalist das bdiannte 
Princip der Perfectibilitiit annähme, und also übrigens mit allem 
Dank gegen Christus und seine Lehre, und den ganzen Plan 
der göttlichen Vorsehung in Erziehung des Menschengeschlechts, 
der Meinung wäre, die Vernunft sej ganz natürlich jetzt über 
das Christenthum hinaus gekommen, ja er würde folgerichtig leh-> 
ren, es sej* ein Fortschritt der Vernünftigkeit, dafs man nicht 
»ehr an Christus glaube, und so sej es noch ein weiterer Fort-- 
fchrttt, wenn man ihn nicht mehr in der Religionsrede nenne, 
ao wie. man die Heiligenbilder abgeschafi^ habe, um deoü Aber- 
glauben die Rückkehr abzuscl^neiden , u. dgl. m. O^er dit ra- 
tionalistische Partei würde die christliche Glaubenslehre sogar' 
in der Kirchenregierung meistern, und diejenigen als Sectir«»^ 
behandeln, welche Cliristum, die Lehre von der Sündhaftigkeit 
und Versöhnung u. s. w. nach altev^ Art veriiündigen , wodurch 
denn diese sich in die Lage gesetzt sahen , vor solchen filacht- 
habern, auch wenn sie nur für eine Zeitlang, oder wegen po- 
litischer Rücksichten, solches ?erbieten wollten, wie dort Petrus 
AG. 4f besonders v. ig* zu stehen. Und die nun so dea 
evangelisch -biblischen Lehrern Mjsticismu» vorwürfen, unterla- 
gen dann mit gleichem Rechte luid billiger Retorsion der fie«. 



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Dbgmatilu i)65 

icKnldigniig des PWisaismds. Ja noch mehr, da der wahre 
Jünger Jesu aufs vollkommeDste duldsam ist, wäre es ,auch nur 
vermöge der Gewifsheit^ dafs die Sache von Gott ist und auch 
ohne sein Thun siegen wurde , so ist dagegen der Rationalist^ 
welcher den Supematuralismus des Christenthums verwirft, intole« 
yant, und wird leicht versucht die evangellschybiblischea Lelirer als 
Secten- oder Unndiebefördcrer zu verfolgen. So kann es bald 
dahin kommen, dafs bei der herrschenden Macht, welche jetxt 
die Rationalisten zu besitzen scheinen, sogar die Christen im en* 
gern Sinne, wer weifs welcher Umtriebe beschuldigt werden,, 
uad sich -wenigstens als ecclesia pressa fühlen , woraus wieder 
unerfreuliche Gegei^ Wirkungen mblgen m5gen. Oder es kann 
geschehen, dafs die Bibel bei Seite gesetzt wird, und dafsSttm- 
jnen, die man gerne hört, einen Piaton, Kan^ oder seiner Nach- 
folger einen, oder einen Homer, Shakespeare, Göthe u. s. w. 
ab eine höhere Geistesquelle empfehlen. Alles dieses kann in^ 
nerhalb unserer Kirche vorgehen, ohne dafs man bedachte, wohin 
schon in älterer Zeit ähnliche Ansichten des Christenthums führ- 
ten, z. B. zu Muhamed, zu Aristoteles u. s. w. So stellt es 
aber jetzt in der Theologie, und daryim ist die genaue Beant- 
wortung der Frage: ff^iis ist Chistenthum? von der ^öfttcn 
auch äusseren Wichtigkeit, und in einer Einleitung zur uo^^ 
tik nicht zu un^gehen. Indem unser Verf. dieses wohl erkannt 
hat, und keineswegs (wie schon seine Reden über Religion be- 
wegen) auf der Seite der Rationalisten stdit, sondern den ge- 
rügten Abirrungen von Christus mit seinem ganzen Geiste ent- 
gegen tritt, so hat er den oben bemerkten Weg eingeschlagen, 
den eigenthumlichen Character des Christenthums aufzufassen. 
Reo. glaubte also um so mehr ,' je wichtiger dieser Punkt grad^ 
in jetziger Zeit geworden, seine Bedenklichkeiten über diesen 
Weg mitlheileu zu müssen. Die Worte unsers Verfass. wom!t 
sich der §. 6. schiiest: »Sollen wir also andere Glaubensweisen 
in ihrer Wahrheit betrachten, so müssen wir auch um defewilen 
iioser thätiges Yerhältuifs im Christenthum für diese Zeit ruhen 
lassen ;c roüfste also Rec. nach seiner Ueberzeugung dahin um- 
Sndcrn, dafs wir grade dafür und für diese Zeit unser thitiges 
Verbahiiifs im Cliristenthum aufs stärkste wirken lassen. Denn 
der Christ läfst Christum selbst unheilen durch den Geist, den 
er ihm gegeben hat* W^ aber die öffentliche Lehre betriff, 
so wird sich kein andrer Weg der Entscheidung über dieselbe 
finden, als sie in der Augsburger Confessiotf öiTetitUch bekannt 
worden, nämlich die Lehre der Kirche, soweit sie »aus Grund 
beiliger Schrift c erwiesen wird. 

Wir halten also die äusseres vergleichende Zasammenstelluog 
der Glaubensarteo um das Eigenüiümliche des Christenthums 



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066 Dogmatik«^ 

Mstiimtttclo tmt tSit nSthig und nfitzlich^ Anr nicU für bm- 
j|änfflicb| um die christliche Giaubensiehr,e zu begrÜDden. E$ 
riebt etwas Gemeinsames io allen , wie §> 7. ttefflich eutwickelt 
ut| und es ist Bedurfnifs für den Tiieologen dieses zu kennen. 
Wir können wohl zugeben, was S. 22. steht: »da das Eigen-» 
tbumliche des Christenthnms in seinem Verhältnifs zum Gemein* 
tarnen der Frömmigkeit überhaupt gewifs noch nicht zur allge- 
meinen Befriedigung gefunden sej, und die entgegenge^etztesteii 
Ansichten vom Christenthum noch immer neben einander her^ 
gehen, ohne dafs sich einer von beiden Theilen auf etwas Aiis<» 
gemachtes und Anerkanntes berufen könnte: so mufs auch jene 
Wissenschaft einer Religionsphilosophie noch nicht gefunden 
•ejn.c Nur ist zu bedenken, dafs jene allgemeine Befriedigung 
nie kann gefunden werden, weil nie die sichtbare Kirche aus 
)auler wahren (^bristen besteht. Indessen leuchtet ja das Chri- 
stenthum durch sein eigttes götthcbes Licht Tbei Gerhard die 
4XXA/^>f('<C des göttlichen Worts); wie auch die Glaubenslehre 

/ unsers Verfs. das an den gehörigen Orten sehr gut lehrt. Kein 
Jude, kein Moslem^ ja kein Piaton nnd kein Sokrates, wenn er 
jetzt da wäre, kann in das Wesen aller Frömmigkeit so ein* 
dringen als der Christ, weil es nur ihm in dem neuen ^n Chri« 
itus ausgegangenen Leben enthüllt worden. Und wenn jetzt der 
•ogenannte Rationalismus sich dieser tiefen Einsicht rühmt, so 
mufs er Gott und dem Christenthum die Ehre geben, oder er 
unterhält eine Täuschung, die das als wahren Erwerb vorgiebt, 
Ufas insgeheim entwendet worden ; denn ohne die vernünftige 
lautere Milch des Evangeliums wäre die Menschheit nicht über 
die Kindheit der andern Religionen hinaus gewachsen. Unser 
Verfass. hat auch hier unserer kirchlichen Lehre einen wahren 
Dienst geleistet, dafs er durch die Aufstellung des Gemeinsamen 
in den ' Religionen, den Unterschied des Christen th ums hcrvorzu- 
beben sucht. Er führt Stellen aus Meiatichtk, loc. praec. an, 
:worin dieser grosse Mann einen Weg betritt, den die Neueren 
besser hätten verfolgcfn sollen^ indem er Gedanken von Piaton 
ttnd And. bei ihrem gleichlautenden Worte, doch dem Sinne nach 
gar sehr verschieden von den ächtchristlichen zeigt ; und er rügt 
«s mit Recht an neueren Dogmatikern, dafs sie Ausspräche von 

. Beiden hinstellen, als sejn sie identisch mit Lehren des Chri<* 
Btenthums. Besser, man forscht über die QneHe, woraus die 
Verwandtschaft der Glanbensweisen fliefst. Wenn es aber heilst 
4S. a3* dafs sie in allen darüber angestellten Untersuchungen noch 
▼iel zu sehr als in vieler Hinsicht nur zufallig entstandene Samm* 
lungen von Gebränehen und Meinungen betrachtet werdende so 
ist die Sjrmholik van Creuur doch etwas ganz anders, und ein 
für die Charaeterkunde der Religioneo übetrhanpt nnd die abto- 



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DogmÄtik. jfjfij 

Jute Erltabenkeil det CSirUtenthuai» inil>etoii4flM ^Inr widUiiril 
Werk. ^ , ^ 

Von gros$em Belang für die iranxe Theorie ist die tiefger 
Tiendc dialektische Argumentation §. 8« über das Wesen der 
frommigkeil, und dafs es eine Neigung und Bestimmtheit det 
Cvefuhb sej (d.i. des unmittelbaren Selb^tbewulstsejrns in einem 
!iSeittheile). Wenn siber der Verf. davon aasgeht, dafs et ausser 
Wissen f Thun i^nd Fühlen kein Viertes gebe, womit et J&$ 
Frömmigkeit zu thun habe, fo setzt Ree. entgegen, dafs die 
Treunung in jenes Dreifache des Gemüths eine Einheit TOFan» 
setze (wielches manche unter Veniunft, manche unter Geist oder 
Gemüth verstehen), und dafs sich die Frömmigkeit gar wohl 
denken lasse, als grade nur in dieser Einheit thätig, ja sie in 
den 3 Vermögen eben recht herstellend, und so das voUkom* 
meoste Erkennen und freieste Wollen mit dem reinsten Gefühle 
in dem höchsten Selbstbewufstsejn einigend. Auch findet num 
sich da keineswegs, wie der Verf. folgert, 'gendthigt eine Vor» 
Schrift zu suchen, wie mdn jenes Dreifache zu nrisch^ hiibe^ 
damit Frömmigkeit herauskomme; es ist vielmehr da am weilö* 
stcu von allem Gemischten entfernt , wo nichts gemacht werdeft 
kann, sondern wo alles aus dem tiefsten Grunde erwächst, wo 
das Leben zur geistigen Freiheit entbunden ist, und wo mao 
in der hohen Einfalt steht. Das Leben aus Gott und in Gott, 
welches mit der Wiedergeburt beginnt, *ist darum die reinste 
Frömmigkeit; und da diese unser Vfrf. selbst so entschieden in 
dem Christenthum erkennt, so erscheint er nicht ganz consequent^ 
wenn er ihr das Gefühl zu seinem Sitz anweiset Donn wat 
das Erste in der Entwicklung ist, was also in dem frommen 
Kinde und kindlichen Erwachsenen ^ Frömmigkeit vorkommt, 
wird unser Vf. gcwifs nicht mit dem tiefern Grunde verwech- 
sein , der als das Erste im Wesen der Frömmigkeit nicht ehar 
als mit der f ollständigen und reingestalteten Entwicklung dasteht* 
Das ist aber das auch in dieser Glaid)en$lehre sehr wohl er* 
klärte ewige Leben. Was von Gottes Geist kommt und det 
Menschen Geist mit Gott eint, mufs ja nothwendig über aliea 
einzelnen Momenten des Selbstbewufstseyns liegen, aber in jeden 
berabscheinen. Also glauben wir, ^iaSs die Frömmigkeit zwar 
zuerst der Zeit nach im Gefühl vorkomme, aber zugleich voa 
Anfang den Verstand und Willen leite, so daCs mehr scheinbar 
als ursprünglich das Gottesbewnfstwerden aus dem Gefühle 
(ler vorgeht. Aber in unserer Reflexion und Selbstbeobachtung 
entsteht solcher Schein anch nothwendig, wegen der GetheUtF* - 
heit in der sündliaftcn Natur, wie sich auf der dunkeln Wolke 
der Sonnenstrahl in jpne Farben bricht, die sich von einem Bo- 
gen in den andern wiederholen und umlLehren. Ware et nicht 



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^68 Dogmatik. 

wegen des Erbteil , wenn die Frdimnigkeft der Zeit Daeli er- 
fdieint, so konnte sie überhaupt nicht in einem der drei Ge- 
-Miithsyeroidgen vortagsweise gesetzt werden. Denn was unser 
Verf. so schlagend gegen die Verweisung der Religion in ei^ ^ 
blosses Wissen oder ein blosses Tbun, oder auch blofs in bei^ 
des einwendet y das trifft auch selbst sein Erheben des Gefühls 
cn ihrem Sitze. Schon das gemeine Urtheil sagt das, daft das 
Herz ohne Kopf eben so wenig werth sej als der Kopf oluie 
das Herz« Sehr richtig wird erinnert, dafs doch gewifs nicht ^ 
der, welcher die Glaubenslehre anli besten weifs, dari^m fSr 
den Frömmsten gelten werde, und dafs man auch die Ueberzeu« 
jgungstrcne bei diesem Wissen nicht als das fromme Wesen an- 
sehen kdnne« Allein damit ist doch Jenes Wissen alles Wissens, 
welches aus Gott, dem Urgrund aller Wahrheit kommt, nidit 
gemeint, woran das Herz eben so viel Antheil hat, als der Kopf; 
ein Wissen, da^ nicht etwa als ein abstracter Begriff dasteht^ 
sondern das wirklich etwas weifs, das Göttliches weifs. Solches 
aber geht unmittelbar aus der Einheit und Freiheit des Geistes 
hervor. So ist es mit dem Thun, welches das wahrhaft gött- 
liche Thun des Menschen ist; es quillt nur aus dem Glauben. 
Und eben so ist es mit dem frommen Gefühle ; es lebt nur in 
- dem Glauben. Dies« Glaube hat aber schon in seinem Ent- 
stehen die untrennbare Einheit von Fühlen, Wissen und Than* 
Wir verweisen hierbei auf das, was oben S. SSj. über jene 
Trennung gesagt worden. Bie von dem Verf. S. 32. angeführte 
Stelle aus Clem. Strom, (die a Druckfehler sind leicht bemerkt) 
sagt eben das, dafs aus der icktQ das Wissen kommt. Der äl- 
teste christliche Begriff von der yvmiQ legt sich übrigens in 
den Paulitiischen Briefen ziemlich bestimmt dar, als ein Erkennen 
alles Christlichen in Christus, also nicht einen aus Reflexion auf 
die "r/r/^ aufgestellten Lehrbegriff, sondern ein tieferes Einschanen 
in das Wesen Christi, zu welchem der Geraüthszustapd der un- 
erschütterlichen Annahme Christi als des Sohnes Gottes, d. u 
die vhiQ die Bedingung ist (i Cor. i, i8 s ff. Col. a, a — 4« 
1 Tim. 3, «6. 6, ao. u./ %. m.); Wie zuerst der Gnosticismus 
und sodann eine gewisse Art von Mjsticismus eine Abirrung 
war, welche nur aus Verlust der christlichen Frömmigkeit ent- 
stehen konnte, Hesse sich wohl aufzeigen, wir erinnern aber 
deshalb um so mehr, dafs es von grosser Wichtigkeit ist, den 
Begriff dieser Frömmigkeit in seiner ganzen Bestimmtheit reia 
zu stellen. Das kindliche Gefühl erwächst in dem Chrbtns- 
gbuben {xhto) zu dem lebendigsten Thun (Rom. la, i. u. a.) 
und höchsten Wissen göttlicher Dinge, nur mufs alles dieses in ' 
semer Einfalt bestehen. Erst wenn das Wissen sich als Specu- 
lation abtrennt^ oder das Uandidn blofs als sittliche Thätigkri^ . 



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Dogmatik. ^ 969 

oline den relfgiosen Graod ivirkt, lann unsers BeJunkens das 
davon gdteoy W9s S. 33. stdit: »dafs eine vollständige EnC- 
wtcklang, wie keiner menschlichen Richtung, so auch der Fröm- 
migkeit ohne beides sich gar nicht denken/ läfst, aber doch bei- 
des nicht erfolge nach Maafsgabe, wie die Frömmigkeit selbst 
sich steigert, sondern das Wissen darum nach Maafsgabe, wie 
jeder zur Betrachtung geneigt ist, und das mittheilende Han- 
deln nach Maafsgabe, wie jeder das Öffentliche und gemeinsame 
Leben umfafstc Denn hier ist ja nicht mehr von dem Jrom* 
men Wissen und Thui^ die Rede, sondern von einem Lebens- 
berufe für die Wissenschaft oder die Wirksamkeit nach aussen^ 
Welches beides bei Christen und Nichtchristen , , bei Frommen 
und T^ichtfrommen gftdacht werden kann. Das ist allerdings von 
besondern Richtungen abhängig, nicht aber das Thun und Wis- 
sen des Glaubens (s. Luthers Vorr. zum Br. an die Rom.), 
welches Eins und untrennbar ist, und in jedem Lebensberufe 
des Christen wirksam. -— Vielleicht aber ist auch der Verf. 
hiermit einverstanden, da er überall den tieferen Grund des 
firommeh Gefühls in die Vernunft setzt, und in seinen dogmati- 
schen und ethischen Lehren selbst (](as Wissen und Handeln der 
christlichen Frömmigkeit ungemein scharfsinnig erklärt. Wie 
dem auch sej, so findet doch Rec. jene Abtrennung des Ge- 
fühls zum »eigenthtimlichen und ursprünglichen Gebiet der FrÖm- 
nigkeitc auf das Christenthum nicht anwendbar, und weder mit 
dem Ap. Paulus, noch auch selbst des Johannes, weder mit 
der Lehre der Väter noch der Reformatoren übereinstimmend. 

Das Wesen der Frömmigkeit ist, dafs wir uns von Gott 
abhängig fühlen, wie (§. 9.) auf jene scharfsinnige Weise 
argumentirt wird (s. oben S. SSy.). Denn wir befinden uns 
immer in einem Sosejo, wobei wir uns bewufst sind, dafs eine 
Ursache auf uns mitwirke, die unser Selbstbewufstsejn be- 
ttimme, so dafs unser Zusammensein mit Anderem darin gefühlt 
"Wird. Bleibt dieses sich gleich und ohne Reiz der Gegenwir- 
kting, so ist ^ das reine Gefühl der Abhängigkeit, das fromme, 
welchem in der Abstufung das Gefühl des Kindes gegen die 
Eltern, des Bürgers gegen das Vaterland am nächsten kommt. 
Es geht aber aufs Einfache und Unendliche. hin, also auf Gott,, 
weil das Bewufstsejn der Freiheit noch eine Möglichkeit der 
Gegenwirkung gegen jedes Einzelne und Getheilte setzt, also 
eine' Unendlichkeit der Mitbestimmung, -welcher gegenüber nur 
~ das Unendliche das Mitbestimmende sejii kann , von welchem 
man sich ohne alle Gegenwirkungen abhängig fühlt. Der Ge- 
danke nun an Gott entwickelt sich aus diesem Gefühle durch 
Betrachtung, so dafs wir, wie der Verf. fortfahrt, gar nicht 
genöthigt wären die Entstehung dieses Gedankens anderswo zu 



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97^ pogmalik^ 

^qcKei). Da ätm Rec« hirrduroh da* höhere Unprang des Gotte»- 
^edaiikens ||;efährdet scheint , so mufs er vor allem das entgegen 
^etxeo f dafs sich hiermit gar keia wesentlicher Unterschied zwi- 
schen' dem frommen Gefühle und jedem andern ergiel>t. Denn 
auf der einen Seite wird die furchtsame Frömmigkeit des Götzen- 
dieners gegen seinen Fetisch nicht wesentlich verschieden sejn, 
von der gegen den Zauberer, gegen den Priester, gegen einen 
JMenschengott wie ein Dalailama, und gegen jeden Gewaltigen. 
.Wir wurden also fragen, was ist denn nun in diesem Gcfuble 
.das Fi*omnie, welches doch, nach unserm Verf. «U gleichartig 
erfunden werden roiifste mit der christlichen Anbetung Gottes 
jn der Liebe? Eben die Liebe mag es wohl scjn, wovon 
jtiefer unten gesagt wird, dafs sie doch auch bei keinem, wo 
,die Furcht herrscht, ganz fehle: aber in dem gemischten We- 
sen des Menschen wollen wir doch das Reine der Frömmigkeit 
jrein auffassen. Auf der andern Seite lälst es sich auch gar 
wohl aenkcn, und liegt sogar in der Idee vom Teufel, dafs 
mit dem fiewufstsejTi ' des höchsten Wesens, von welchem alles 
.ablrängt^ .«ine freie Gegenwirkung unmittelbar entsteht, wor- 
nach denn allerdings den Teufeln das fromme Gefühl ganz fehlt, 
aber sie denpoch, wie Jac. a, 19. es heifst, wohl wissen, dafs 
ein Gott sej und zittern. So wenig wie hier das Bewufstseju 
Gottes aus der Reflexion auf ein frommes Gefühl kommen kann, 
.80 wenig, kann dort aus dem thierischen Gefühle jenes Bewufst- 
seyn entspringen. Und weil Böses in dem Menschen wohnt, so 
wird auch in allen sinnlichen Gefühlen mehr oder weniger Teuf- 
lisches vorkommen, d. h. ein Hang zu einer Selbstheit, die sich 
mtcht dem höchsten Willen unterwerfen mag, zum Losreissen 
von Gott, zum Vergöttern weltlicher Dinge, a^f die man selbst 
einen Kinflufs. ausüben kann, mit einem Worte ein Hang zum 
Heidcnthume, wie ihn der Ap. Paulus Rom. i. el-klärt, und 
^öxoti auch kein Christ gan frei zu sejn sich rühnyen wird. Weno 
vrlr also gleich unserm Verf. darin beistimmen, dafs (S. 37.) 
auch im Poljtheismus der besonnene Denker, sobald er die 
frommen Zustande genauer betrachtet, hinter der Vielheit den- 
noch die Einheit anei kennt: so finden wir doch dt^rin noch 
keine Frömmigkeit, und nichts Gleichartiges mit der wahren 
Gottesverehrung. Wie nun, wenn jene iiinlieit das All der 
Dinge auf altindische Weise, oder das Fatum wie bei Griechen 
und Andern wäre? Da ist nichts, zu dem man beten kann» 
und ein Gott zu dem man nicht beten kann, ist nichts für die 
Frömmigkeit* Rec. glaubt also vielmehr,' dafs jeder gegen Heid- 
nisches in sich selbst zu kämpfen habe, und dafs also das 
Fromme, welahcs wir alletdiiigs nicht den Heiden, weder ei- 
nem ^krates noch manchem Otahiten etc. absprechen wollen. 



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^icKt in Aem Shmtfchen, welches im AbhSogfgXdtsgefiiliU 
mit vorkomml, sondern vielmelir in elwns ganz auderem^ ciaf 
l^ani verschiedenartig davon ist , liegen miisACy und von dem 
Siiuilichen nur verhüllt und entstellt \vird. Das kann nun 
nichts anders sejn als das Geistige, das von oben herabkommt; 
^as ist das Bewufst weiden der höchsten VerDunft in uns«?rer 
Vernunft^ und so verstehen es diejenigen, welche von einer 
etngebornen Idee Gottes reden. Den göttlichen Ursprung der» 
•elben, mithin des Glaubens dürfen wir also nicht aufgeben.—* 
Da nun unser Verf* doch überhaupt den Ursprung aus Gott 
anerkennt, und so vorzüglich wie kaum irgend ein Glauben»» 
leltrer der neueren Zeit an den gehörigen Orten hervorhebt, so 
üodet es Rec. nicht ganz folgerichtig, dafs eben das nicht auch 
bier in der Einleitung hervorgehoben wird. Wenn er S. 36. 
^agt, »dafs «s nicht hierlier gehöre zu entscheiden, was früher 
scjf der Gedanke von Gott oder das in den frommen Erregun* 
gen enthaltene Gefüld von Gott,c so ist vielmehr Reo» grade der 
.umgekehrten Meinung, dafs es schon in die Einleitung an sicli^- 
gehöre, auf deu Gottesglauben als auf das Geistigste hinzuwei- 
sen, und dafs die Vergleichung der Glanbensarten nicht anders- 
gelingen könne. Was nun allerdings auch hierbei schon in 
4las Gefühl gelegt ist, mufs doch deutlich und scharf von dem 
Ungleichartigen ausgeschieden werden^ das aber ist das Sinn- 
liche in dem Abhängigkeitsgefühle , und das Fromme ist ,das 
jüebersinnliche. Darin hat der Yerf; auf die Zustimmung aller 
frommen Herzen^ und Christi selbst (nachMatth. ii, a5.) zu rech- 
nen, dafs die wahre Gottesverehrung zuerst in dem kindlich 
frommen Gefühle erscheint, und es bedarf keines weitern Bc* 
weises, dafs das unsere kirchliche Lehre nie anders wollte. Er 
xeigt es §• lo und ii. als die höchste Stufe des menschb'chen 
Gefühls: aber das eben deutet auf jeires Höhere hin, welches 
dem menschliclien Selbstbcwufstsejn sich mitthcilt, das niedere 
Gefühl in sich aufnimmt^ oder vielmehr sich unterVvirft und 
von dem Irdischen mehr und mehr entkleidet, also wesentlich 
Ton jeder sinnlichen Lust und Lnlust verschieden ist, ob es 

gleich in dem mensclilichen Gefühle vorkommt. Dieses himm- 
sehe, d. i« von allem Sinnlichen rein verschiedene Wes^u jn 
dem menschlichen Gefühle, und nichts anders, ist das Gleich- 
artige in allen * Glaubens weisen. Um dieses anschaulicher zu 
denken, dürfen wir nur mit unserm Verf. in seiner Glaubens- 
lehie dieses Gefühl in Christus schauen. Recht sehr mqchte 
Itierbei Rec. wegen jenes leidigen Abstrahirens und ZerspUtterns 
in den Begriffefi, wie es so in neuerer Zeit gang und gebe ge* 
ivorden, das Eingehen in die Einheit des Gemutbs empfehlea, 
*wie.es Hr. Schleierm. hier bei dem Gefühle zeigt ^ aber nicht 



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97^2 Dogmatik; 

dabei steKen zu bleiben« sondern dieselbe Einheit ausdehnen anf 
Fühlen y Wissen und Wollen im Glauben. 

Wenn nach §. 12. das eigenthumlich Christliqlie nicht ir- 
gendwoher iils noth wendig oder einugwahr abgeleitet und d>ea 
so wenig die Noth wendigkeit einer frommen Gemeinschaft über* 
haupt erwiesen werden soll,« so müssen wir auch hierbei erin- 
nern, dafs das nur für die exoterische Yergleichung des Cliri- 
stenthnms gelte, dafs aber der Geist des Christenthums das Ei- 
/genthnmliche desselben als nothwendig und einzigwahrj und die 

' christliche Kirche als die von Gott eingesetzte aufs bestimmteste 
anerkennt; wie denn auch die Glaubenslehre unsers Verfs. die- 
ses wirklich zeigt. Die originelle und gründliche Zerlegung der 
Elemente (§. i3 ff.), woraus dis frommen Gemeinschaften er- 
wachsen, würde nichts zu wünschen übrig lassen, wenn nicht 
die exotfnrische Ansicht, des Christentimms in dieser Einleitung 
vorherrschte (keineswegs, wie es uns bis jetzt scheint, in der Glau- 
benslehre selbst). Denn so wird S. ^b. gesagt, dafs wir einen als 
Christen anerkennen, und wäre er auch etwa, der unerregbarste« 
Allein man hat ja auch immer den Namenchristen von dem wah- 
ren unterschieden, und als der letztere kann nur der gelten, 
welcher alle andere Glaubensgenossen an frommer Erregbarkeit 
übertrifft, also z. B. in den Leiden an Vertrauen, in der Freude 
an Dänkgefühl gegen Gott, welcher mit einem Worte ohneUn- 
terlafs betet, so ^ wie nur der zu den edeln Menschen geh5rt| 
der ein leises erregbares Gewissen hat Ja, wir behaupten laut 
und fest, »dals das Cbrbtenthum allein eine stärkere Frdmmig- 
keit enthalte,« oder vielmehr die stärkste. Die draussen stehen 
mögen es immerhin nicht zugeben , wer darin steht mufs es 
doch wohl am besten wissen. Wir sagen.* das Christenthum, 
nie aber wird sich ein Christ gegen andre Glaubensgenossen 
überiieben, denn er ist Aicht Richter über, das Innere, sondern 
yielm^r mit dem Ap. Paulus Phil. 3, la ff. fühlen, wie weit 
er ^och gegen das Ziel seine